Nachtrag zu „Mein Gewissen schmerzt noch immer….“

Also, ich schaffe es nicht. Ich schaffe es nicht, diesem Blog das von mir erwählte Konzept: Frauengeschichten – ich lasse meine vier Damen zu Wort kommen und sonst nichts, einzuhalten- ich hab selber manchmal viel zu erzählen.
Und das kann ich dann nicht in diese Geschichten verpacken, das passt dann nicht.
Also gibt es jetzt auch die Rubrik: Katrin schreibt und das passt dann auch wieder ins Konzept.

Ich habe eben einen Beitrag rebloggt, und da möchte ich gerne was dazufügen:

Ich habe überlegt, warum es so oft die Männer sind, die Anerkennung bekommen, weil sie jemanden retten oder weil sie Gutes tun.

Juck Plotz antwortete darauf:

Danke für´s Lesen.
Dass wir mehr über Männer als Frauen wissen, ist, denke ich, auch der Tatsache geschuldet, dass Frauen in dieser Zeit eben noch nicht den Status hatten, wie die Männer. Dass Frauen während des Krieges und auch danach sehr viel geleistet haben, steht ausser Frage. Du hast absolut Recht, es ist beschämend, dass wir so wenig darüber wissen. Ich kann mir nur ansatzweise vorstellen, wie schwer es für solche engagierten Menschen war, gegen die Masse zu agieren. Und noch mehr beschämend finde ich, wie wenig wir uns heute trauen, alleine nur den Mund aufzumachen
Grüße
Jörg

Mir fiel dazu ein Erlebnis ein, das ich während der Zeit meines Pflegedienstes in M. hatte. Ich betreute eine mittlerweile sehr alte Dame mit Demenz. Im Pflegedienst gehe ich zu den Leuten in ihre Wohnung, und einmal ging sie mit mir auch aus ihrem Schlafzimmer in ihre Wohn- und Esszimmer.
Es lagen auf den Bänken und Stühlen viele Zeitungsartikel und Auszeichnungen, für ihre geleisteten Dienste in der NS-Zeit. Ich wusste nicht viel damit anzufangen, denn es wurde aus den Artikeln nicht klar, WAS sie getan hatte.
Ich fragte sie: „Was haben Sie gemacht, dass Sie so geehrt werden?“
Sie sah mich mit grossen Augen an.
„Ich war im Widerstand!“ sagte sie, mit einer ganz besonderen Stimme.
Nach und nach kam raus, dass sie mit ihrem Mann Bilder aus dem Land geschafft hatte von verbotenen und verfolgten Künstlern, und als ihr Mann dann fliehen musste oder eingezogen wurde, ich weiss nichts genaues mehr, jedenfalls, war sie dann alleine und sie hat weiter Bilder und Zeichnungen ausser Landes geschafft.
Ich glaub, nach Skandinavien.
Ich war beeindruckt, vor allem weil sie so bescheiden war, während sie das erzählte.

Und dann weiss ich noch eine andere Geschichte,die ganz stark von der Schuld geprägt ist, NICHTS getan haben können.
Ebenfalls eine alte demente Patientin, diesmal in A. , die ich auf ihre gezeichneten Bilder in der Wohnung ansprach.
Sie sagte:
„Das war die Strasse mit der Synagoge. “
Und ihre Stimme wandelte sich, sie sprach wie eine 14 jährige und erzählte von ihrer Freundin, die Jüdin war und immer in diese Synagoge ging, und eines Abends war Lärm auf der Strasse und als sie, die „Patientin“ rausging, sah sie, wie ihre Freundin und deren Familie auf eine Transportwagen gestossen wurden, während der Vater der „Patientin“, der Gauleiter war, ihnen befahl , darauf zu steigen. „Und ich konnte nichts tun!“ hat sie geweint.
Sie hat sehr geweint, und ich hab mich gefragt, ob es nötig war, ihr diese Fragen zustellen und   alte tiefe Wunden aufzureissen.
Und deshalb erzähle ich diese Geschichten, es gab Menschen, die konnten was dagegen tun, und andere waren hilflos.
Danke, juckPlotz, für deinen Beitrag über Irena Sendler.

Mein Gewissen schmerzt mich noch immer, dass ich nicht mehr tun konnte

JuckPlotz

Diesen Satz sagte vor zehn Jahren eine Frau, die ihr Leben einsetzte, um andere Leben zu retten. Von einer Frau, die rund 2500 Kinder aus dem Warschauer Ghetto vor dem sicheren Tod rettete.
Diese Frau wurde 2007 für den Friedensnobelpreis nominiert, den dann am Ende Al Gore für einen Film erhalten hat, der die Welt bezüglich der Klimaerwärmung aufrütteln sollte.

Al Gore war Vizepräsident der Vereinigten Staaten von Amerika, deren heutige Regierung aus dem Klimaschutzabkommen aussteigt und die mit „America First“ zeigt, dass wirtschaftliche Interessen (heute) wichtiger sind als alles andere.

Irena Sendler, von der ich hier ein wenig berichten möchte, hat also nicht den Friedensnobelpreis bekommen. Bescheiden, wie sie war, hätte sie bestimmt gemeint, dass sie ihn nicht verdient hätte.
Kurz vor ihrem Tod wurde sie vom Parlament in Warschau zur nationalen Heldin ernannt. Der damalige Präsident Lech Kacynski bezeichnete sie als “ Symbol für alle Polen, die während…

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Loida näht

Vorsichtig schneidet Loida den Stoff zu . Vorderes Oberteil, hinteres Oberteil, die Ärmel, und 6 mal die Bahnen für den Rock im Stoffbruch. Und , nicht zu vergessen, die Bauchpasse. Rückwärtige und vordere Passe. Ordentlich, mit Nahtzugaben.
Als sie gestern mit ihrer Mutter telefonierte und ihr erzählte, dass sie ein Kleid nähen will, hat ihre Mutter“Ach du liebe Güte!“ ins Telefon gerufen. Traut ihr denn keiner was zu? „Langes Fädchen, faules Mädchen“, hat die Mutter noch gesagt, „pass auf den Faden auf, je länger der ist, umso eher verheddert der sich!“
„Mutter, ich bin erwachsen, ich kann nähen!“ hat Loida gesagt, „ich schick dir ein Foto wenn es fertig ist“, und hat aufgelegt.
Sollen sie doch blöd reden, sie erzählt keinem mehr was!

Jetzt hat sie alles zugeschnitten. Sie legt die Stoffteile aufeinander und beginnt, den Faden an der Nähmaschine einzufädeln. Den Unterfaden hat sie schon auf die Spule gespult, sie hofft, dass er reicht , denn meistens ist der Unterfaden leer, kurz bevor die Naht zu Ende genäht ist. Dann macht es schnirrzisch und rappel, und früher hat Loida sich darüber furchtbar geärgert, weil sie dann neu aufspulen und immer alles wieder neu einfädeln musste. Diesmal wird sie ruhig bleiben.
Sie näht. Die Maschine surrt. Schulternähte , Seitennähte, Halsauschnitt, alles ganz in Ruhe, niemand stört. Ab und zu liest sie die Anleitung, um sicher zu sein , dass sie alles richtig macht, sie steht auf, bügelt die Nahtzugaben, sie ist vertieft, ganz versunken.

Dann ist sie fertig, sie muss nur noch den Saum nähen, aber anziehen kann sie das Kleid jetzt.

Sie schlüpft hinein.
Der Stoff fällt weich und schwingend an ihr hinunter. Ein wildes Muster, ja, aber es passt. Das Oberteil betont den Oberkörper, traut sie sich, das so anzuziehen? Ja, sie wird sich trauen. Sie hat nichts zu verbergen.

Sie ist Loida, mit dem selbstgenähten Kleid. Und sie traut sich was!

 

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Happy birthday, Liebste Englische Freundin, für die dieses Kleid ist! 🙂

Suska fährt zum See

Natürlich hat Suska es nicht geschafft, am nächsten Tag zum See zu fahren.
Heute ist Mittwoch und sie muss es heute tun, denn ab Morgen wird das Wetter schlechter. Sie könnte Radfahren. 18 km einfach. Sie weiss aber, dass es anstrengend ist, und ihr morgen die Knochen alle wehtun werden. Sie muss ja auch nicht immer überlegen, ob das im Kalorienverbrauchsbereich liegt, was sie tut, sie darf auch einfach mal faul sein.

Sie fährt mit dem Roller. Da ist sie auch an der frischen Luft.
Sie packt eine kleine Tasche mit ihrem Badezeug und setzt ihren Helm auf.

Zum Glück springt der Roller gleich an und sie muss nicht vor den Augen der Nachbarn auf diesem Pedalanlasser rumspringen, der dann auch nicht funktioniert. Das ist ihr immer sehr  peinlich, aber heute klappt alles einwandfrei.
Sie rattert los. Die Luft ist warm und die Sonne scheint, es ist früh am Morgen, da ist der Tag noch so frisch und neu.
Die Strasse führt durch den Wald und sie riecht den würzigen Duft der Nadelbäume.

Sie rollert durch Bauerndörfer und betrachtet während ihrer langsamen Fahrt die Gärten. Eine alte Frau besieht sich gebückt ihre Gemüsepflanzen-als sie Suskas Roller hört, richtet sie sich auf. Suska winkt. Die Frau winkt zurück und lächelt. Suska lächelt auch.

Sie freut sich. Einfach ein schöner Tag, denkt sie.

Im nächsten Ort steht ein verlassenenes kleines altes Häuschen. Suska denkt immer, wie es wohl wäre, dieses Häuschen zu besitzen und zu bewohnen . Im Garten an der Strasse verwildern die Stauden, die jemand vor Jahren dort angepflanzt hat, Phlox, Bauernrosen, Sonnenblumen wachsen da. Als Suska früher mit ihrem Mann hier vorbeikam, hat sie oft gesagt: „Dieses Häuschen würde ich gerne bewohnen.“ Er hat dann immer geantwortet: “ Weisst du, was du da alles renovieren musst? Am besten wäre es, den alten Kasten abzureissen! Und was neues hinzubauen!“

Aber für Suska erzählen alte Häuser Geschichten. Sie stellt sich vor, welche Leute dort gelebt haben könnten, wer den Garten angelegt hat und wer in diesem Haus gelacht oder geweint hat. Sie stellt sich vor, wie es wäre, wenn Mauern erzählen könnten.

Sie fährt an einer Gedenktafel vorbei: Hier fand die letzte Schlacht im 30jährigen Krieg statt, und sie denkt: Nicht nur Freude, auch Leid.

Ein Motorradfahrer kommt ihr entgegen und hebt die Hand zum Gruss. Hach, Suska freut sich wieder und grüsst zurück.“Der denkt, du bist ein grosses Motorrad, du kleiner schwarzer Roller,und ich ne heisse Mieze! “ grinst sie in sich hinein.

Noch diese Anhöhe hinauf und dann wird sie ihn sehen, den Weiher. Sie lacht, er heisst zwar See, aber er ist ein Weiher. Sie kann ihn durchschwimmen, das wird sie heute auch tun.Wie klar und kühl das Wasser sein wird!

Sie freut sich heute einfach, und sonst nichts.

 

Roya schreibt

Als Roya am Mittwochabend heimkommt, ist es still in der Wohnung. Ihre Zwillinge sind unterwegs. „Ach ja“, denkt sie sich, „Lilly ist beim Sport und Lucy in ihrer Friedensgruppe“.

So hat sie Zeit , zu schreiben.

Roya hat sich vorhin ein Tagebuch gekauft. Sie hat beschlossen, dass sie einmal in der Woche für sich schreiben will. Sie will diesen Online-Austausch mit Unbekannten nicht mehr, sie hat sich von diesen Portalen abgemeldet und ihre Profile gelöscht.

Sie will jetzt Zeit für sich und die Gedanken, die sie hat, mit sich selbst teilen. Und mit niemandem sonst.
Sie macht sich eine Tasse Tee, und betrachtet das Buch, das sie jetzt vollschreiben wird. Es hat einen glänzenden roten Einband, es wirkt kostbar, und sie wird ihre kostbaren Gedanken hineinschreiben.

Als sie das Buch aufschlägt, wirkt es sehr jungfräulich, so rein und unbeschrieben. Klar, das ist es auch, ein unbeschriebenes Blatt, das ändert sie jetzt.

Wie soll sie beginnnen? Liebes Tagebuch? Oder einfach nur:Hallo? Oder gar nichts.
Ja , gar nichts. Sie beginnt:

Heute habe ich mir dieses Buch gekauft, es soll meine Gedanken sammeln, meine Ideen und meine Träume.

Liebes Tagebuch, die Frage ist, was Träume sind.
Ein Mann an meiner Seite, ein Eigenheim, oder die Welt retten, oder die Wale oder Frieden in NahOst.

Zufriedenheit oder auch einfach Zeit haben für mich selber oder nur ein bisschen mehr Geld in der Tasche. Eine Gesichtsmaske zur rechten Zeit, oder ein Yogawochenende.

Vielleicht möchte ich auch einfach nicht alt werden, ich möchte manchmal, das die Zeit stehen bleibt. Ich möchte meiner Töchter wieder knuddeln dürfen, so wie damals, als sie noch klein und schmiegsam waren. Und damals hab ich davon geträumt, das sie bitte endlich grösser werden, damit mir Zeit für mich bleibt. Und jetzt hab ich sie, diese Zeit, und fühle mich auch nicht gut damit. Ich habe Angst davor, dass sie aus dem Haus gehen und ich alt und schrumplig hier hocken bleibe.

Wenn ich sie anschaue, mit ihren schlanken glatten Körpern, ihrer Zuversicht, und ihrer Unbekümmertheit, dann bin ich neidisch auf sie. Darauf, dass sie das haben, diese Unbekümmertheit.Dann schäme ich mich. Dafür, das ich so denke, dafür, das ich dem hinterher trauere, was ich auch hatte, aber was mir damals nicht bewusst war.

Herrje, Lilly hat sich ein Rückentattoo machen lassen zu ihrem 18., das meine ich mit Unbekümmerheit.Sie wälzt sich auf Openairkonzerten im Schlamm, und es macht ihr nichts aus, das sie dreckig wird und sie nicht genug schläft.

Lucy will die Welt retten und bewirbt sich für ein Friedenscamp in Israel. Sie ist fest davon überzeugt, das sie etwas tun kann, damit der Frieden Einzug hält.
Liebes Tagebuch(ich werde dich jetzt doch so ansprechen), ich werde mir ein bisschen davon abgucken, ich war doch auch so! Ich hab auch geträumt und gewünscht und gemacht, wo ist das abgeblieben? Ich mach mich auf die Suche nach meiner Zuversicht.

Gute Nacht. Roya

Suska

Suska schwitzt auf dem Laufband. 30 Grad Hitze draussen soll es werden, es ist Samstag, sie hat Spätdienst, sie hat keine Lust, alle anderen fahren an den See, sie muss nachher in die Klinik, arbeiten gehen.
Das Fitnesstudio ist leer, nur eine ältere Frau sitzt auf dem Bauchtrainergerät und tut NICHTS! Suska schaut grimmig, das wäre ihr nächstes Gerät, auf das sie müsste.
“ Jetzt beweg dich, Omma!“ denkt sie.
Manchmal erträgt Suska keine Menschen, da will sie nur ihre Ruhe. Sie will diese quengelnden Kinder im Supermarkt an der Kasse nicht sehen und hören, und sie wird sauer, wenn vor ihr jemand seelenruhig , obwohl die Kassiererin fertig ist, erst einmal seine gekauften Waren in die mitgebrachten Taschen verstaut, bevor er nach seinem Geldbeutel sucht. Und dann, völlig entspannt- sagt: Ich glaub, ich hab es passend. Und  kramt und sucht und zählt, und letztendlich: „Na, leider, da fehlen noch 2 cent, da zahl ich dann doch mit Karte….“- da könnte Suska platzen.
Ich hab weniger Zeit als du , möchte sie am liebsten rufen, mein Tag ist vollgestopft! Ich hasse Supermärkte und möchte nach Hause!
Die Frau auf dem Bauchtrainergerät hat 3 Übungen gemacht und steht langsam auf. Wunderbar, denkt Suska, mach ich jetzt diese Übungen noch und dann nichts wie nach Hause. Kochen muss ich, saubermachen auch noch ein bisschen, damit Montag, wenn ich frei hab alles schön ist, Bettenbeziehen…. ihr Kopf schwirrt.

Warum tut sie das? Warum macht sie sich immer so einen Stress, besonders im Kopf? Warum setzt sie sich selbst immer so unter Druck? Sie stellt die Gewichte an dem Gerät ein und holt tief Luft.
Jetzt ist sie hier. Jetzt atmet sie. Jetzt im Moment versucht sie sich zu spüren. Sich selber, Suska, wie sie da sitzt und wie sie ihren Bauch anspannt. Wie sie das Gerät hebt. Sie spürt ihre Muskeln.
Innerlich wird sie ruhiger. Ja, sie wird putzen, wenn sie heimkommt. Eben damit sie am Montag eine saubere Wohnung hat, die sie an ihrem freien Tag erfreut. Kochen wird sie nicht.Bero, der Sohn, ist in der Lage, sich Spiegeleier zu machen. Oder sonst was.
Ihre Arbeit heute wird sie froh angehen, denn wenn sie da ist, macht das Arbeiten Spass.
Und am Montag, wenn sich der Grossteil der Bevölkerung seufzend und stöhnend in die Arbeitswoche begibt, dann hat sie frei. 3 ganze lange Tage. Da wird sie dann am See liegen , und es wird leer sein dort und still, und sie hat ihre Ruhe.

Ja, denkt Suska, das bessere Denken, das schöne!  Und kraftvoll stemmt sie die Gewichte in die Höhe.

Flida- einhornbunt und federleicht

Flida hat es getan: Sie hat sich die Haare abschneiden und drei Farben reinfärben lassen ins grau: Rosa, lila, grün. Sie fühlt sich gut, und als sie den Frisiersalon verlässt , schaut sie den Leuten ins Gesicht und erhofft eine Reaktion.

Aber niemand schaut sie an , jeder ist so in sein eigenes Tun vertieft, dass kein Mensch die bunte Flida eines Blickes würdigt.
Egal, denkt sie sich, es ist ja für MICH!

Vieleicht noch ein cooles Outfit zur neuen Frisur?
DocMartens Schuhe mit Blümchen drauf und ein Wallekleid? Schliesslich ist mit 54 Jahren und 80 Kilo bei einer Grösse von 165 die Zeit der knapp sitzenden Hotpants abgelaufen, da kann sie noch so viel auf dem Laufband schwitzen in der Sommerhitze. In den 2 Jahren,  die sie regelmäßig ins Fitnesstudio geht,,hat sie noch nicht ein Grämmchen weniger auf die Waage gebracht.
Sie hat immer noch die Zeilen vor sich, die die RehaÄrztin vor zwei Jahren in den Entlassungsbrief schrieb: Die adipöse Patientin hat sie sie genannt, und Flida spürt immer noch den Stich , den diese Worte in ihr verursacht haben.
Seitdem quält sie sich aufs Laufband und unter die Kraftgeräte, aber wie gesagt, gebracht hat es nichts, zumindest auf der Waage nicht. Aber im ganzen fühlt sie sich wohler, sie findet sich straffer und dünner , obwohl auch der Taillenumfang gleich geblieben ist und der LAT-Gefährte sagt: „Alles subjektiv, das mit der Optik.“Wo er natürlich recht hat.

Aber der Traum von den die weiblichen Formen betonenden Glitzeroutfits ist noch nicht ausgeträumt.

Sie steht vor einem Kleidungsgeschäft. Okay, heute lässt sie es krachen, sie gönnt sich was. Auf einem Kleiderständer hängen blumiggemusterte Teile, die gefallen ihr. Sie sucht nach der passenden Grösse: 44, besser 46.
Ausverkauft, schade.  Das kleine Teufelchen flüstert in ihr Ohr: Tja, so ist das, das kennst du ja! Alles ist immer zu klein für dich!
Ach, halt die Klappe, schilt sie das flüsternde Teufelchen, ich zeig dir jetzt mal , das mir mittlerweile auch Grösse 42 passt! Und sie nimmt die letzte Bluse in 42 vom Ständer, geht in die Umkleide und: Es passt!
Sie jubelt innerlich und streckt dem Teufelchen die Zunge raus.

Die kauf ich, ist auch noch runtergesetzt und einen Carmenausschnitt hatte ich auch noch nie, das wird soooo sexy. Mein Dekolletee ist ja auf Grund meiner Fülle auch noch straff, ha!
Sie marschiert zur Kasse. Die sehr dünne Verkäuferin streicht über den Stoff und sagt:“Das ist der Renner gerade bei uns , eine sehr schöne Bluse, zu einem Rock oder einer Jeanshose perfekt!“
Flida lacht und sagt:“ Und es passt mir sogar in Grösse 42!“
Da sieht sie das Teufelchen auf der Schulter der Verkäuferin feixen und hört die Verkäuferin sagen:“ Naja, die fallen auch sehr gross aus!“
Nun fällt ihr fast das Lachen aus dem Gesicht , aber sie sagt: „Passen Sie auf, das das dusselige Teufelchen da nicht von ihrer knochigen Schulter rutscht, der kann ruhig da bleiben  und nein, ich brauche keine Tüte, und ich wünsche Ihnen einen wunderbaren Tag!“
Und während die Verkäuferin auf ihre Schulter guckt, und vom Teufelchen in die Nase gebissen wird und laut kreischt, verlässt Flida federleicht und einhornbunt den Laden.

 

Loida schneidet zu

Seit Tagen liegt der Stoff für das Kleid auf dem Stuhl neben Loidas Bett. Sie hat es aus der Sichtweite ihres Mannes gebracht:als sie ihm stolz den Stoff zeigte, hat er mit den Augen gerollt, und geseufzt und gesagt : „Meine Güte, das wird doch wieder nichts, so ein wildes Muster, wer läuft denn mit sowas rum?“
Loida hat geantwortet: „Ich! Du wirst schon sehen, das wird ein superschönes Kleid!“ und den Stoff genommen und in ihr kleines Zimmer getragen. Dieses Zimmer war das Zimmer ihres Ältesten gewesen, aber seitdem der mit seiner Freundin zusammengezogen ist, hat sie es zu ihrem ganz eigenen Reich gemacht.
Jetzt baut sie die Nähmaschine auf ihrem Schreibtisch auf, und breitet den Stoff auf dem Boden aus. Er glänzt und wirft weiche Falten in der hereinscheinenden Abendsonne. Behutsam legt sie die aus Papier zugeschnittenen Schnittmuster auf dem Stoff aus , vielleicht kann sie den Stoff sparsam einteilen. Dann bleibt womöglich noch etwas übrig, für ein Haarband oder eine kleine Tasche, das wäre schön.
Sie malt die Umrisse mit Kreide auf den Stoff.
Sie will sich Zeit lassen und Mühe geben, damit dieses Kleid wirklich perfekt wird und sie sich sehen lassen kann, mit ihrem Mann gemeinsam , wenn sie ausgehen und alle dieses wilde Muster an ihr bewundern. Mit dem dazupassenden Haarband und dann wird sie sich Ohrringe kaufen, und eine Halskette und sie wird wunderschön mit allem aussehen. Das weiss sie gerade im Moment ganz genau.
Sie wird jetzt alles so liegen lassen am Boden, morgen wird sie zuschneiden, denn sie lässt sich Zeit mit diesem Kleid, hat sie beschlossen. Sie wirft noch einen lächelnden Blick auf den Stoff und geht aus dem Zimmer.
Es ist Zeit zu warten.

Flida- Zeitlos schön sein

Irgendwas macht einen Höllenlärm und Flida schreckt hoch. Ach, es ist nur der Wecker, was für ein dämliches Geräusch hat sie da bloss eingestellt. Ihr Gesicht ist trocken und irgendetwas bröselt auf das Kopfkissen. Herrje, sie hat heute Nacht vergessen, sich die Gesichtsmaske ihrer Schlaflosigkeit wieder abzuwaschen.
Kein Wunder, dass sie von grünen Schleimmonstern geträumt hat. Sie schlurft ins Bad, und rubbelt sich die Haut mit eiskaltem Wasser von den “ harmonisierenden Kräuterunterstützten Anti-Aging-Stoffen “ frei.
Und-hat es was genützt? Nein, sie ist genauso schlupflidrig und nachtfaltig wie jeden Morgen. Am Haaransatz machen sich die überfärbten grauen Haare bemerkbar. Flida schlurft in die Küche und überlegt, ob sie heute einen Friseurtermin ausmachen soll. Ihr „Living-apart-together-Gefährte“, also,der derzeitige Lebensgefährte, der aber in seinem eigenen Haushalt wohnt, legt Wert darauf, das man Flida ihr zunehmendes Alter nicht ansieht.Und während der Kaffee röchelt und schnaufend durch die Kaffeemaschine blubbert, verspürt Flida eine kleine Wutattacke in sich aufsteigen. Er will nicht, dass man IHR ihr Alter ansieht! Und seines? Darf man sehen oder was? Dass der Bauch grösser wird, und die Brustmuskeln schlaffer, und der Haarkranz immer lichter, das ist okay, oder wie?
Und sie muss alle vier Wochen zum Friseur, die Haare nachfärben, die dadurch immer struppiger werden  und , weil sie immer weisser wird unten drunter, die Haarfarbe auch nicht mehr so gut deckt und deshalb leuchtet sie zunehmend orange auf ihrem Kopf.
Sie wollte niemals so aussehen. So bemüht grau abdeckend, so bemüht „natürlich“ aussehend.
Nur was ist die Alternative? Weiss werden lassen. Hm… Warum nicht? Weiss und dann Regenbogenfarbene Strähnen rein. Grün und blau und rosa… Vermutlich wird sie die Friseurin  überzeugen müssen, die ist für Experimente nicht wirklich offen. Vielleicht hat sie aber Glück, wenn sie da spontan hingeht, dass die andere Friseurin da ist, die mit dem wilden Irokesenschnitt. Die macht das bestimmt…..
Und ihre Tochter? Was wird die sagen, wenn die Mutter so bunt daher kommt? Und der Mann des Herzens? Ach, denkt Flida, der kann mich als allererstes mal, wenn es ihm nicht passt, pfft….wichtig ist, das ich mich wieder angucken mag.
Dieser Gedanke beschwingt sie. Pfeif auf die Angstmachenden Zukunftsgedanken, denkt sie, und wenn es nur noch 10 Jahre sind, die ich hab, diese 10 Jahre mache ich mir bunt! Und wenn ich es ganz wild tue, schnall ich mir noch ein Einhornhorn auf die Stirn und dann sehen wir mal, wer zuerst auf dem Regenbogen tanzt!

Und Flida springt ins Bad und schaut in den Spiegel, reckt die Faust und sagt: Yes! I can!

 

Roya- von der Suche nach Liebe

Roya sitzt wieder vor ihrem Laptop und hat die Online Partner Börse aufgerufen, in der sie seit etwa 5 Monaten auf Anraten einer Freundin ein Profil erstellt hat.

„Das ist ne tolle Börse, echt!“ hat die Freundin gesagt, „da hab ich meinen Partner kennengelernt und die Freundin meiner Schwester im Norden hat ihren da getroffen und die sind mittlerweile verheiratet!Und jetzt kriegen sie ein Baby!“
Naja, denkt Roya, ein Baby will ich nicht, aber jemand, der mal nett zu mir ist und der mir sagt, dass ich schön bin, oder wenigstens hübsch, und der mal mit mir zum Essen geht, oder so…. Sie träumt in ihren Bildschirm hinein.

Ihre 18 jährigen Zwillinge hat sie alleine gross gezogen, es war schwierig, und ohne die Hilfe ihrer Mutter oder ihrer Freundinnen hätte sie für ihren Lebensunterhalt kaum sorgen können. Der Vater der Kinder hat immer Zicken gemacht mit Unterhaltszahlungen, er war arbeitslos oder depressiv und den Unterhalt einfordern übers Jugendamt, das wollte sie irgendwie nicht.
Und so hat sie sich dann eben abgekämpft, für ihre Kinder. Jetzt ist es leichter. Die anstrengenden Jahre scheinen vorbei zu sein, sie hat jetzt , neben Arbeit, Haushalt, Kindern, dem kranken alten Vater, wieder ein bisschen mehr Zeit für sich. Zeit , die sie manchmal vor dem Laptop verbringt, sich die Bilder der Männer in dem Online-Portal anschaut.
Manche sind ganz attraktiv, findet sie.Denen schreibt sie auch. Manchmal kommen eindeutige Angebote zurück, darauf hat sie aber wirlich keine Lust, und manchmal entwickelt sich auch ein angenehmer Austausch. Mehrmals hat sie sich auch getroffen mit ihnen, unverbindlich, das war ihr wichtig, keine schnelle Nummer in der Dunkelheit! Gebracht hat es ihr nichts, nur ein schales Gefühl bleib zurück. So verletzte Typen, so hilflose, traurige Gestalten oft.

Aber hat sie wirklich Lust, wieder einen von diesen Heinis zu treffen, die entweder nur „das eine“ wollen oder sie zutexten, wie schlimm sich ihre Exfrau verhalten hat, und wie sehr sich danach sehnen, eine wirkliche Partnerin zu haben, die zu ihnen steht, ihnen den Rücken stärkt…“und ihre Socken zusammenlegt und ihre Hemden bügelt, pah!“

Roya schaltet den Laptop aus, sollen doch diese verwundeten Männerherzen sich wen anders suchen-sie steht dafür nicht zur Verfügung.