Vom Wandern….

Hilde , manch einer kennt sie, ist letztens wieder aufgetaucht. Und ich hab überlegt, wie es ihr wohl geht.

Ich glaube, sie hat sich gut eingerichtet in ihrem neuen Leben. Sie hat einen Tanzpartner gefunden (ehrlich, er ist wirklich nur ein Tanzpartner!) Jeden ersten Samstag im Monat treffen sie sich in der Tanzschule und der Tanzpartner schwingt Hilde durch die Luft und hinterher fühlt sich Hilde immer sehr wohl und glücklich.
Sie braucht das Tanzen auch, denn vorher geht sie immer zu Herbert in sein Pflegeheim und benötigt hinterher einen Ausgleich.

Dass der Herbert nämlich mit der Zeit immer knurriger und unfreundlicher zu Hilde geworden ist, das erzählt sie niemandem. Sie weiss insgeheim, was die Leute sagen würden: Es sei ja auch kein Wunder, wenn der Herbert so unzufrieden ist, schliesslich hat sie , Hilde, es sich schön gemacht ohne ihn, und eigentlich gehöre man ja zusammen , durch gute  und schlechte Zeiten,  und sie schiebt ihn einfach ab ins Heim, da brauche sie sich nicht wundern, wenn er so knurrig ist!

Deshalb schweigt Hilde und erträgt stumm Herberts böse Worte.

Aber nach ihren Besuchen macht sie dann immer was Schönes.
Entweder geht sie tanzen oder sie streift durch die Stadt, oder sie geht am Fluss entlang. Und letzten Sonntag, da hat sie den knurrigen Herbert bereits am Morgen besucht, und natürlich hat er sie angepflaumt, was sie schon so früh bei ihm wolle!
Da hat sie ihm ihre Bergstiefel unter die Nase gehalten und gesagt: „Ich geh wandern! In die Berge!“  „Pah!“ hat der Herbert gemacht, „du mit deiner Höhenangst!“
Und hat sich in seinem Rollstuhl zum Pfleger gedreht und diesem zugeraunt: „Depperte Weibsen!“ aber der Pfleger hat nicht reagiert, sondern hat Herberts Urinbeutel geleert und Hilde zugelächelt und ihr einen schönen Tag in den Bergen gewünscht.

Da ist Hilde losmarschiert, hat sich in das Auto zu ihrer Freundin gesetzt und sie sind gemeinsam losgefahren. In die Berge. Sie haben eine wunderschöne Wanderung gemacht, und es war nicht schlimm,dass so viele Leute dieselbe Idee hatten, und mit Kind und Kegel auf die Alm gegangen sind.
Nächstes Mal nimmt sie ihre Tochter und die Enkel mit, denn bei der Alm ist ein Spielplatz, und die Kinder, die erst schnaufend und jammernd den Berg hinaufgegangen sind, haben sich sofort auf die Schaukeln gestürtzt, und  vergessen, wie müde und langweilig und anstrengend diese Bergwanderung war. Das würden ihre Enkel wahrscheinlich genauso machen, denkt Hilde, klagen und jammern und stöhnen, und wenn sie die Schaukeln und das Klettergerüst sehen, dann ist alle Mühsal vergessen.

Sie kann  dann mit der Tochter einen Apfelstrudel essen, während die Kinder spielen, die Tochte braucht auch manchmal eine Alltagspause.
Aber jetzt wandert Hilde allein, was für eine wunderbare Wanderung!

Hilde tankt ihre Augen auf mit Grün und atmet ihre Nase und ihre Brust mit heller sauberer Luft voll. Sie spürt ihren Herzschlag beim Hinaufgehen und ihre Knie beim Hinabgehen.
Sie betrachtet Wurzeln und sammelt die Bilder in sich.

Und einmal muss sie ganz laut juchzen, aber es ist egal, wer was von ihr denkt, sie hat dreimal das Echo ihres Juchzers gehört. Da lachen sie, Hilde  und ihre Freundin, und juchzen und jauchzen gleich noch mehr.
„Oide depperte Weibsen, die mir san!Oide Jodelweibsen! “
Und sie jauchzjodeln, bis sie nicht mehr können.

Dann atmen sie die Stille.

Vom Befreien

Hilde, der dritte Teil. 🙂

Gezeitenwechsel

Liebe S.!
(Und  liebe Leserinnen, die ihr so viel Anteil an Hildes Geschichte nehmt.)
Schön wäre es, wenn Hilde auf dem Campingplatz am Atlantik einen Job in der Rezeption gefunden hätte, der Campingplatzbesitzer hätte sich in Hilde verliebt und sie hätte auf ewig täglich Spaziergänge am Strand machen können. Aber Hilde wollte ja heim.
Vielleicht nicht unbedingt zu ihrem Herbert, aber sie hat ja 2 Enkelkinder, die sie liebt und eine Tochter, die meistens ja auch nett ist und die sie ebenfalls liebt. Seine Kinder liebt man einfach, egal wie ekelhaft die ihre Mutter auch manchmal behandeln.
Hilde fuhr also wieder nach A. zurück, ihre Siebensachen passten in eine kleine Sporttasche, in den Ohren hatte sie immer noch das Rauschen des Meeres und um den Hals trug sie eine Muschel, die sie am letzten Tag gefunden hatte. Die Muschel hat ein Loch an ihrer engsten Stelle, und Hilde hat sie…

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Vom Meer und den Wellen

Hilde-Teil2

Gezeitenwechsel

Liebe S.,

Erinnerst du dich an Hilde? Aus meinem Beitrag Vom Weggehen ?
Ich hab heute überlegt,was wohl aus ihr geworden ist? Vielleicht ist sie tatsächlich in Paris angekommen und hat sich am Gare de L`Ést  im Intercontihotel ein Zimmer genommen. Um eine kleine heimelige Pension zu suchen, reichen ihre Französischkenntnisse nicht aus.Sie hat sich 3 Tage durch die Stadt treiben lassen, mit dem Taxi konnte sie sich immer wieder ins Intercontihotel bringen lassen, das ist nicht schwer auszusprechen und jeder Pariser Taxifahrer kennt es. Aber nach 3 Tagen hat ihr der  Trubel der Grossstadt gereicht. Sie ist zum Bahnhof an den Reisebüroschalter gegangen.Irgendwie hatte sie Sehnsucht nach dem Meer.
Am Schalter sass ein junge Frau. Hilde fragte zaghaft: „Sprechen Sie ein bisschen Deutsch?“
Die junge Frau begann zu strahlen und sagte: „Ja, gerne, ich hab in der Schule Deutsch gelernt, wie kann ich Ihnen helfen? “
„Ich möchte ans…

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Vom Weggehen

Hier ist meine „Hilde-Geschichte, die ich letztes Jahr auf „Gezeitenwechselblog“ schrieb. Sie passt auch in diesen Wechselzeiten-Blog rein. Vielleicht kommt Hilde noch mal wieder. 🙂

Gezeitenwechsel

Liebe S.,

heute morgen las ich eine schöne Geschichte von Arabella, übers Weggehen. In den Kommentaren tauchte die Frage auf, warum in den Geschichten meist die Männer weggehen. Frauen scheinen zu bleiben, ausser bei Thelma und Louise, aber die mussten notgedrungen weg, wegen Gewalt.

Irgendwie beschäftigte mich das heute, die Sache mit dem Weggehen.

Ich war heute im Tierpark, mit einer Freundin. Menschen und Tiere beobachten. Wenn ich Zeit habe und Muße, liebe ich es, Menschen zu beobachten. Mütter mit ihren Kindern, Paare, frisch verliebt, der halbwüchsige Sohn führt den kleinen Hund an der Leine, sichtlich genervt von der Mutter und ihrem neuen Freund. Ein einsamer Mann geht vor uns. Am Hyänengehege fängt er an zu heulen. Die Tiere antworten ihm.

Im Terrarium dann eine Familie, bestehend aus einem älteren Mann im Rollstuhl, seiner Ehefrau und deren Tochter. Diese schob einen Zwillingskinderwagen. In dem Kinderwagen lagen zwei Buben, vielleicht…

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Nachtrag zu „Mein Gewissen schmerzt noch immer….“

Also, ich schaffe es nicht. Ich schaffe es nicht, diesem Blog das von mir erwählte Konzept: Frauengeschichten – ich lasse meine vier Damen zu Wort kommen und sonst nichts, einzuhalten- ich hab selber manchmal viel zu erzählen.
Und das kann ich dann nicht in diese Geschichten verpacken, das passt dann nicht.
Also gibt es jetzt auch die Rubrik: Katrin schreibt und das passt dann auch wieder ins Konzept.

Ich habe eben einen Beitrag rebloggt, und da möchte ich gerne was dazufügen:

Ich habe überlegt, warum es so oft die Männer sind, die Anerkennung bekommen, weil sie jemanden retten oder weil sie Gutes tun.

Juck Plotz antwortete darauf:

Danke für´s Lesen.
Dass wir mehr über Männer als Frauen wissen, ist, denke ich, auch der Tatsache geschuldet, dass Frauen in dieser Zeit eben noch nicht den Status hatten, wie die Männer. Dass Frauen während des Krieges und auch danach sehr viel geleistet haben, steht ausser Frage. Du hast absolut Recht, es ist beschämend, dass wir so wenig darüber wissen. Ich kann mir nur ansatzweise vorstellen, wie schwer es für solche engagierten Menschen war, gegen die Masse zu agieren. Und noch mehr beschämend finde ich, wie wenig wir uns heute trauen, alleine nur den Mund aufzumachen
Grüße
Jörg

Mir fiel dazu ein Erlebnis ein, das ich während der Zeit meines Pflegedienstes in M. hatte. Ich betreute eine mittlerweile sehr alte Dame mit Demenz. Im Pflegedienst gehe ich zu den Leuten in ihre Wohnung, und einmal ging sie mit mir auch aus ihrem Schlafzimmer in ihre Wohn- und Esszimmer.
Es lagen auf den Bänken und Stühlen viele Zeitungsartikel und Auszeichnungen, für ihre geleisteten Dienste in der NS-Zeit. Ich wusste nicht viel damit anzufangen, denn es wurde aus den Artikeln nicht klar, WAS sie getan hatte.
Ich fragte sie: „Was haben Sie gemacht, dass Sie so geehrt werden?“
Sie sah mich mit grossen Augen an.
„Ich war im Widerstand!“ sagte sie, mit einer ganz besonderen Stimme.
Nach und nach kam raus, dass sie mit ihrem Mann Bilder aus dem Land geschafft hatte von verbotenen und verfolgten Künstlern, und als ihr Mann dann fliehen musste oder eingezogen wurde, ich weiss nichts genaues mehr, jedenfalls, war sie dann alleine und sie hat weiter Bilder und Zeichnungen ausser Landes geschafft.
Ich glaub, nach Skandinavien.
Ich war beeindruckt, vor allem weil sie so bescheiden war, während sie das erzählte.

Und dann weiss ich noch eine andere Geschichte,die ganz stark von der Schuld geprägt ist, NICHTS getan haben können.
Ebenfalls eine alte demente Patientin, diesmal in A. , die ich auf ihre gezeichneten Bilder in der Wohnung ansprach.
Sie sagte:
„Das war die Strasse mit der Synagoge. “
Und ihre Stimme wandelte sich, sie sprach wie eine 14 jährige und erzählte von ihrer Freundin, die Jüdin war und immer in diese Synagoge ging, und eines Abends war Lärm auf der Strasse und als sie, die „Patientin“ rausging, sah sie, wie ihre Freundin und deren Familie auf eine Transportwagen gestossen wurden, während der Vater der „Patientin“, der Gauleiter war, ihnen befahl , darauf zu steigen. „Und ich konnte nichts tun!“ hat sie geweint.
Sie hat sehr geweint, und ich hab mich gefragt, ob es nötig war, ihr diese Fragen zustellen und   alte tiefe Wunden aufzureissen.
Und deshalb erzähle ich diese Geschichten, es gab Menschen, die konnten was dagegen tun, und andere waren hilflos.
Danke, juckPlotz, für deinen Beitrag über Irena Sendler.

Mein Gewissen schmerzt mich noch immer, dass ich nicht mehr tun konnte

JuckPlotz

Diesen Satz sagte vor zehn Jahren eine Frau, die ihr Leben einsetzte, um andere Leben zu retten. Von einer Frau, die rund 2500 Kinder aus dem Warschauer Ghetto vor dem sicheren Tod rettete.
Diese Frau wurde 2007 für den Friedensnobelpreis nominiert, den dann am Ende Al Gore für einen Film erhalten hat, der die Welt bezüglich der Klimaerwärmung aufrütteln sollte.

Al Gore war Vizepräsident der Vereinigten Staaten von Amerika, deren heutige Regierung aus dem Klimaschutzabkommen aussteigt und die mit „America First“ zeigt, dass wirtschaftliche Interessen (heute) wichtiger sind als alles andere.

Irena Sendler, von der ich hier ein wenig berichten möchte, hat also nicht den Friedensnobelpreis bekommen. Bescheiden, wie sie war, hätte sie bestimmt gemeint, dass sie ihn nicht verdient hätte.
Kurz vor ihrem Tod wurde sie vom Parlament in Warschau zur nationalen Heldin ernannt. Der damalige Präsident Lech Kacynski bezeichnete sie als “ Symbol für alle Polen, die während…

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Loida näht

Vorsichtig schneidet Loida den Stoff zu . Vorderes Oberteil, hinteres Oberteil, die Ärmel, und 6 mal die Bahnen für den Rock im Stoffbruch. Und , nicht zu vergessen, die Bauchpasse. Rückwärtige und vordere Passe. Ordentlich, mit Nahtzugaben.
Als sie gestern mit ihrer Mutter telefonierte und ihr erzählte, dass sie ein Kleid nähen will, hat ihre Mutter“Ach du liebe Güte!“ ins Telefon gerufen. Traut ihr denn keiner was zu? „Langes Fädchen, faules Mädchen“, hat die Mutter noch gesagt, „pass auf den Faden auf, je länger der ist, umso eher verheddert der sich!“
„Mutter, ich bin erwachsen, ich kann nähen!“ hat Loida gesagt, „ich schick dir ein Foto wenn es fertig ist“, und hat aufgelegt.
Sollen sie doch blöd reden, sie erzählt keinem mehr was!

Jetzt hat sie alles zugeschnitten. Sie legt die Stoffteile aufeinander und beginnt, den Faden an der Nähmaschine einzufädeln. Den Unterfaden hat sie schon auf die Spule gespult, sie hofft, dass er reicht , denn meistens ist der Unterfaden leer, kurz bevor die Naht zu Ende genäht ist. Dann macht es schnirrzisch und rappel, und früher hat Loida sich darüber furchtbar geärgert, weil sie dann neu aufspulen und immer alles wieder neu einfädeln musste. Diesmal wird sie ruhig bleiben.
Sie näht. Die Maschine surrt. Schulternähte , Seitennähte, Halsauschnitt, alles ganz in Ruhe, niemand stört. Ab und zu liest sie die Anleitung, um sicher zu sein , dass sie alles richtig macht, sie steht auf, bügelt die Nahtzugaben, sie ist vertieft, ganz versunken.

Dann ist sie fertig, sie muss nur noch den Saum nähen, aber anziehen kann sie das Kleid jetzt.

Sie schlüpft hinein.
Der Stoff fällt weich und schwingend an ihr hinunter. Ein wildes Muster, ja, aber es passt. Das Oberteil betont den Oberkörper, traut sie sich, das so anzuziehen? Ja, sie wird sich trauen. Sie hat nichts zu verbergen.

Sie ist Loida, mit dem selbstgenähten Kleid. Und sie traut sich was!

 

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Happy birthday, Liebste Englische Freundin, für die dieses Kleid ist! 🙂

Suska fährt zum See

Natürlich hat Suska es nicht geschafft, am nächsten Tag zum See zu fahren.
Heute ist Mittwoch und sie muss es heute tun, denn ab Morgen wird das Wetter schlechter. Sie könnte Radfahren. 18 km einfach. Sie weiss aber, dass es anstrengend ist, und ihr morgen die Knochen alle wehtun werden. Sie muss ja auch nicht immer überlegen, ob das im Kalorienverbrauchsbereich liegt, was sie tut, sie darf auch einfach mal faul sein.

Sie fährt mit dem Roller. Da ist sie auch an der frischen Luft.
Sie packt eine kleine Tasche mit ihrem Badezeug und setzt ihren Helm auf.

Zum Glück springt der Roller gleich an und sie muss nicht vor den Augen der Nachbarn auf diesem Pedalanlasser rumspringen, der dann auch nicht funktioniert. Das ist ihr immer sehr  peinlich, aber heute klappt alles einwandfrei.
Sie rattert los. Die Luft ist warm und die Sonne scheint, es ist früh am Morgen, da ist der Tag noch so frisch und neu.
Die Strasse führt durch den Wald und sie riecht den würzigen Duft der Nadelbäume.

Sie rollert durch Bauerndörfer und betrachtet während ihrer langsamen Fahrt die Gärten. Eine alte Frau besieht sich gebückt ihre Gemüsepflanzen-als sie Suskas Roller hört, richtet sie sich auf. Suska winkt. Die Frau winkt zurück und lächelt. Suska lächelt auch.

Sie freut sich. Einfach ein schöner Tag, denkt sie.

Im nächsten Ort steht ein verlassenenes kleines altes Häuschen. Suska denkt immer, wie es wohl wäre, dieses Häuschen zu besitzen und zu bewohnen . Im Garten an der Strasse verwildern die Stauden, die jemand vor Jahren dort angepflanzt hat, Phlox, Bauernrosen, Sonnenblumen wachsen da. Als Suska früher mit ihrem Mann hier vorbeikam, hat sie oft gesagt: „Dieses Häuschen würde ich gerne bewohnen.“ Er hat dann immer geantwortet: “ Weisst du, was du da alles renovieren musst? Am besten wäre es, den alten Kasten abzureissen! Und was neues hinzubauen!“

Aber für Suska erzählen alte Häuser Geschichten. Sie stellt sich vor, welche Leute dort gelebt haben könnten, wer den Garten angelegt hat und wer in diesem Haus gelacht oder geweint hat. Sie stellt sich vor, wie es wäre, wenn Mauern erzählen könnten.

Sie fährt an einer Gedenktafel vorbei: Hier fand die letzte Schlacht im 30jährigen Krieg statt, und sie denkt: Nicht nur Freude, auch Leid.

Ein Motorradfahrer kommt ihr entgegen und hebt die Hand zum Gruss. Hach, Suska freut sich wieder und grüsst zurück.“Der denkt, du bist ein grosses Motorrad, du kleiner schwarzer Roller,und ich ne heisse Mieze! “ grinst sie in sich hinein.

Noch diese Anhöhe hinauf und dann wird sie ihn sehen, den Weiher. Sie lacht, er heisst zwar See, aber er ist ein Weiher. Sie kann ihn durchschwimmen, das wird sie heute auch tun.Wie klar und kühl das Wasser sein wird!

Sie freut sich heute einfach, und sonst nichts.

 

Roya schreibt

Als Roya am Mittwochabend heimkommt, ist es still in der Wohnung. Ihre Zwillinge sind unterwegs. „Ach ja“, denkt sie sich, „Lilly ist beim Sport und Lucy in ihrer Friedensgruppe“.

So hat sie Zeit , zu schreiben.

Roya hat sich vorhin ein Tagebuch gekauft. Sie hat beschlossen, dass sie einmal in der Woche für sich schreiben will. Sie will diesen Online-Austausch mit Unbekannten nicht mehr, sie hat sich von diesen Portalen abgemeldet und ihre Profile gelöscht.

Sie will jetzt Zeit für sich und die Gedanken, die sie hat, mit sich selbst teilen. Und mit niemandem sonst.
Sie macht sich eine Tasse Tee, und betrachtet das Buch, das sie jetzt vollschreiben wird. Es hat einen glänzenden roten Einband, es wirkt kostbar, und sie wird ihre kostbaren Gedanken hineinschreiben.

Als sie das Buch aufschlägt, wirkt es sehr jungfräulich, so rein und unbeschrieben. Klar, das ist es auch, ein unbeschriebenes Blatt, das ändert sie jetzt.

Wie soll sie beginnnen? Liebes Tagebuch? Oder einfach nur:Hallo? Oder gar nichts.
Ja , gar nichts. Sie beginnt:

Heute habe ich mir dieses Buch gekauft, es soll meine Gedanken sammeln, meine Ideen und meine Träume.

Liebes Tagebuch, die Frage ist, was Träume sind.
Ein Mann an meiner Seite, ein Eigenheim, oder die Welt retten, oder die Wale oder Frieden in NahOst.

Zufriedenheit oder auch einfach Zeit haben für mich selber oder nur ein bisschen mehr Geld in der Tasche. Eine Gesichtsmaske zur rechten Zeit, oder ein Yogawochenende.

Vielleicht möchte ich auch einfach nicht alt werden, ich möchte manchmal, das die Zeit stehen bleibt. Ich möchte meiner Töchter wieder knuddeln dürfen, so wie damals, als sie noch klein und schmiegsam waren. Und damals hab ich davon geträumt, das sie bitte endlich grösser werden, damit mir Zeit für mich bleibt. Und jetzt hab ich sie, diese Zeit, und fühle mich auch nicht gut damit. Ich habe Angst davor, dass sie aus dem Haus gehen und ich alt und schrumplig hier hocken bleibe.

Wenn ich sie anschaue, mit ihren schlanken glatten Körpern, ihrer Zuversicht, und ihrer Unbekümmertheit, dann bin ich neidisch auf sie. Darauf, dass sie das haben, diese Unbekümmertheit.Dann schäme ich mich. Dafür, das ich so denke, dafür, das ich dem hinterher trauere, was ich auch hatte, aber was mir damals nicht bewusst war.

Herrje, Lilly hat sich ein Rückentattoo machen lassen zu ihrem 18., das meine ich mit Unbekümmerheit.Sie wälzt sich auf Openairkonzerten im Schlamm, und es macht ihr nichts aus, das sie dreckig wird und sie nicht genug schläft.

Lucy will die Welt retten und bewirbt sich für ein Friedenscamp in Israel. Sie ist fest davon überzeugt, das sie etwas tun kann, damit der Frieden Einzug hält.
Liebes Tagebuch(ich werde dich jetzt doch so ansprechen), ich werde mir ein bisschen davon abgucken, ich war doch auch so! Ich hab auch geträumt und gewünscht und gemacht, wo ist das abgeblieben? Ich mach mich auf die Suche nach meiner Zuversicht.

Gute Nacht. Roya

Suska

Suska schwitzt auf dem Laufband. 30 Grad Hitze draussen soll es werden, es ist Samstag, sie hat Spätdienst, sie hat keine Lust, alle anderen fahren an den See, sie muss nachher in die Klinik, arbeiten gehen.
Das Fitnesstudio ist leer, nur eine ältere Frau sitzt auf dem Bauchtrainergerät und tut NICHTS! Suska schaut grimmig, das wäre ihr nächstes Gerät, auf das sie müsste.
“ Jetzt beweg dich, Omma!“ denkt sie.
Manchmal erträgt Suska keine Menschen, da will sie nur ihre Ruhe. Sie will diese quengelnden Kinder im Supermarkt an der Kasse nicht sehen und hören, und sie wird sauer, wenn vor ihr jemand seelenruhig , obwohl die Kassiererin fertig ist, erst einmal seine gekauften Waren in die mitgebrachten Taschen verstaut, bevor er nach seinem Geldbeutel sucht. Und dann, völlig entspannt- sagt: Ich glaub, ich hab es passend. Und  kramt und sucht und zählt, und letztendlich: „Na, leider, da fehlen noch 2 cent, da zahl ich dann doch mit Karte….“- da könnte Suska platzen.
Ich hab weniger Zeit als du , möchte sie am liebsten rufen, mein Tag ist vollgestopft! Ich hasse Supermärkte und möchte nach Hause!
Die Frau auf dem Bauchtrainergerät hat 3 Übungen gemacht und steht langsam auf. Wunderbar, denkt Suska, mach ich jetzt diese Übungen noch und dann nichts wie nach Hause. Kochen muss ich, saubermachen auch noch ein bisschen, damit Montag, wenn ich frei hab alles schön ist, Bettenbeziehen…. ihr Kopf schwirrt.

Warum tut sie das? Warum macht sie sich immer so einen Stress, besonders im Kopf? Warum setzt sie sich selbst immer so unter Druck? Sie stellt die Gewichte an dem Gerät ein und holt tief Luft.
Jetzt ist sie hier. Jetzt atmet sie. Jetzt im Moment versucht sie sich zu spüren. Sich selber, Suska, wie sie da sitzt und wie sie ihren Bauch anspannt. Wie sie das Gerät hebt. Sie spürt ihre Muskeln.
Innerlich wird sie ruhiger. Ja, sie wird putzen, wenn sie heimkommt. Eben damit sie am Montag eine saubere Wohnung hat, die sie an ihrem freien Tag erfreut. Kochen wird sie nicht.Bero, der Sohn, ist in der Lage, sich Spiegeleier zu machen. Oder sonst was.
Ihre Arbeit heute wird sie froh angehen, denn wenn sie da ist, macht das Arbeiten Spass.
Und am Montag, wenn sich der Grossteil der Bevölkerung seufzend und stöhnend in die Arbeitswoche begibt, dann hat sie frei. 3 ganze lange Tage. Da wird sie dann am See liegen , und es wird leer sein dort und still, und sie hat ihre Ruhe.

Ja, denkt Suska, das bessere Denken, das schöne!  Und kraftvoll stemmt sie die Gewichte in die Höhe.