Hilde – Traumschaum und Mut

In dem kleinen Cafe im Ort kennen sie Hilde jetzt schon und stellen ihr ungefragt ihren Cafe au lait hin, den sie immer trinkt, während sie das Internet nutzt. Vor dem Traum mit Lorenz kam sie einmal in der Woche hierher. Sie hat mit der Tochter geskypt, hat ihre Emails gelesen, und manchmal auch in den Sozialen Foren gestöbert. Nur geschaut, aber das ist ihr bald langweilig geworden. Dann hat sie ihren Milchkaffee getrunken, ein bisschen mit den Cafebesitzern geplaudert, und  ist wieder auf ihren Campingplatz zurück gefahren.
Sie hat ihre Einsamkeit genossen, hat ihre Spaziergänge gemacht, hat nachgedacht und Muscheln und Schwemmholz aufgesammelt.

Aber seit sie von Lorenz geträumt hat, ist nichts wie vorher. Der Gedanke an früher und was hätte sein können, bestimmt ihren Tag. Sie wird unruhig, überlegt, ob sie ihm schreiben soll, und dann setzt sie sich in ihr kleines Auto und fährt in den Ort.
Das macht sie seitdem jeden Tag.
Seit 3 Wochen.
Sie öffnet ihre Emails und beginnt , an Lorenz zu schreiben. Und dann löscht sie sie wieder. Sie findet sich albern, sie ist fast sechzig, wie kann sie denn noch solche Sehnsüchte haben. Und vor allem, was soll Lorenz denn denken, wenn er ihre Email liest!
Aber vielleicht ist es nicht verkehrt , wenn sie ihm sagt, dass sie an ihn denkt? Und wenn sie dann vielleicht eine Antwort bekommt, dass er gar nichts von ihr will und sie ihn in Ruhe lassen soll, dann weiss sie wenigstens Bescheid.
Sie erinnert sich, als sie 14 war, ist sie sehr verliebt gewesen in einen Jungen aus ihrer Klasse. Er war in einer coolen Clique, und Hilde hatte so Herzklopfen ,wenn sie ihn sah, und sie hätte so gerne gewusst, ob er vielleicht auch Herzklopffen hatte, wenn er sie ansah.
Und eines Tages hat sie sich ein Herz gefasst, und ist mit 20 Pfennig in die Telefonzelle gegangen und hat seine Nummer gewählt , die sie auswendig wusste.
Ein paar mal hatte sie nach dem Wählen den Hörer auf die Gabel fallen lassen und ihr Herz schlug bis zum Hals.
Aber dann hat sie es läuten lassen, und er ist tatsächlich an den Apparat gekommen , und sie hat ihm gesagt, das sie in ihn verliebt ist. Da hat er zuerst nichts gesagt, und dann als Hilde fast aufgelegt hätte vor Scham, hat er gesagt: Ich aber nicht in dich .
Und Hilde war fast erleichtert gewesen, weil sie jetzt Bescheid wusste und nicht mehr Hoffen musste, und hat gesagt: Okay. Und nach dem sie aufgelegt hatte, ist sie fast fröhlich nach Hause geradelt.
Sie hatte es ihm gesagt, das war wichtig gewesen, sie hat auch Jahre später noch diese vierzehnjährige Hilde bewundert, die sich etwas sagen getraut hat, um Gewissheit zu bekommen.

Und wenn sie Lorenz jetzt schreibt,dass sie an ihn denkt, überlegt sie, dann vergibt sie sich nichts. Vielleicht freut er sich auch, wenn er ihre Mail liest,vielleicht ist es auch schön für ihn, wenn er weiss, dass sie an ihn denkt.
Vielleicht.
Und dann, nach 3 Wochen,  hat Hilde eine kurze Mail an ihn geschrieben, dass sie von ihm geträumt hat, und viel an ihn denkt, und sich freuen täte, wenn sie von ihm hören würde, und hat die Email abgeschickt.
Erleichtert hat sie sich danach auf ihrem Stuhl im Cafe zurücklehnt, und als sie einen zweiten Cafe au lait bestellt hat, hat sich die Cafebesitzerin zu ihr  an den Tisch gesetzt, und sie haben ein bisschen geplaudert.
Hilde hat gemerkt, dass ihr Kopf wieder frei war für das was jetzt im Moment passiert.

Und das ist das, was zählt, im Jetzt ganz da Sein, denkt Hilde, als sie an dem Abend des Tages der abgeschickten Email ihren Spaziergang am Meer macht.
Und zuschaut, wie die Wellen aufschäumen und am Strand weit weit auslaufen.
Und dabei Muscheln im Sand zurücklassen.

Hilde- Träume

Hilde träumt in letzter Zeit viel.

Seit die Tochter wieder weg ist, träumt Hilde,wilde, traurige , manchmal beängstigende Träume.

Und wenn Hilde morgens aufwacht, spürt sie ihren Träumen hinterher und manchmal begleiten sie diese Gefühle, die sie im Traum hatte, den ganzen Tag.

Heute hat sie von Lorenz geträumt.
Sie hat von Lorenz geträumt, der nicht aussah wie Lorenz , aber sie wusste, dass es Lorenz war, und seitdem denkt sie die ganze Zeit an ihn.
Lorenz, den sie vor 35 Jahren kennengelernt hatte. In einer Turnhalle in Kopenhagen, wo sie, Hilde, mit Dauerzugticket und Rucksack hingereist war. Sie schlief in einem  Stockbett und als sie morgens aufwachte, sagte unter ihr jemand mit männlicher Stimme: Good morning.Das war Lorenz.
Und sehr schnell haben sie festgestellt, dass sie nicht englisch miteinander sprechen müssen, und sie sind gemeinsam durch Kopenhagen gelaufen.
Sie waren in Kristiania, sie waren im Lido, sie sind zusammen auf die Frelsers Kirke geklettert, sie  haben im Kino Caligula angeschaut, aber nicht bis zu Ende, der Film war ihnen zu blutrünstig,  und dann sind sie essen gegangen in einem russischen Lokal und haben Tee aus einem Samowar getrunken.
Lorenz hatte eine Freundin und Hilde hatte da schon den Herbert, aber sie haben sich Briefe geschrieben- lange Briefe und manchmal haben sie einander auch besucht.

Obwohl es Herbert gab, hatte Hilde keine Bedenken, sie mochte Lorenz, sie hatte ihn sehr, sehr gern.
Allerdings, wenn sie ihn besucht hatte, fühlte sie sich fremd und kam ihm nie so nahe wie in den Briefen, die sie sich schrieben.
Lorenz führte ein ganz anderes Leben als Hilde, er ging Bergsteigen, er reiste mit seinen Freunden durch die Welt.
Einmal, erinnert sich Hilde, ist Lorenz nach Santorin gefahren mit seinen Freunden, und hat Hilde eine Postkarte geschickt, von den Häusern mit den blauen Dächern.
Lange Zeit war diese Insel ein Sehnsuchtsort für Hilde.
Dann haben sie den Kontakt verloren.
Aber vor fünf Jahren haben sie sich wieder gefunden, über diese Internetseite Fatzebuk.

Und sie ist zu ihm in die GrosseStadt gefahren, weil sie sich sehen wollten.
Er hatte nicht viel Zeit,aber Hilde hat sich auf ihn gefreut.
Herbert hat sie das nicht gesagt, der hätte einen Aufstand gemacht.
Und als sie Lorenz dann sah, war es wie früher. Sie freute sich sehr , ihn zu sehen, aber sie fühlte sich klein in seiner Gegenwart. Dieser bunte Rock, den sie trug,  mit den aufgenähten Spiegeln und ihre derben Stiefel passten nicht zu dem Lokal, in das sie schliesslich gingen, und Lorenz mit seinem Anzug und seinen traurigen Augen, das war alles irgendwie nicht richtig. Nicht echt.
Und als er ihr dann sagte, das er damals so sehr in sie verliebt gewesen ist, da ist Hilde auch traurig geworden.
Warum hast du nichts gesagt? hat sie ihn gefragt, und Lorenz hat gesagt: Ich habe mich nicht getraut. Du schienst glücklich zu sein mit deinem Herbert.
Ich hatte Herzreissen wegen dir, hat Hilde gantwortet, aber dein Leben hat nicht zu meinem gepasst. Aber ich hätte es gerne gehabt,ein Leben mit dir,  hat sie noch hinzugefügt, und dann musste Lorenz weiter, und seitdem hat sie nichts mehr von ihm gehört.

Das ist fünf Jahre her- warum hat sie dann heute so intensiv von ihm geträumt?
So intensiv, dass sie denkt, dass sie ihm schreiben muss, auch wenn er nicht antworten wird?
Sie geht nachdenklich ihren Weg zum Strand hinunter. Wird sie ihm schreiben? Was hat sie zu verlieren? Sie kann ihm schreiben, dass sie an ihn denkt, dass sie sich manchmal die Zeit von damals zurück wünscht, und das sie dann vielleicht manches anders gemacht hätte.
Was, wenn es anders gekommen wäre? Wäre sie glücklich geworden? Hätte sie ihre Scheu gegenüber Lorenz verloren?
Hätte wollte wäre könnte, denkt Hilde, während sie gegen einen Stein tritt. Sand stiebt auf.
Es ist wie es ist! ermahnt sie sich.
Aber diese Sehnsucht lässt sich einfach nicht wegtreten…….

 

 

 

 

 

 

Flida-Das Weiche an ihr

Ich folge der Schreibeinladung von Christianes Wortetüden! Bitte sehr:

                                     Bürde – speckig-schieben

Wieder Werbung im Fernsehen, es geht um Abnehmpulver, und wieder einmal ist Flida versucht, sich den Namen des Pulvers aufzuschreiben, damit sie sich morgen in der Apotheke  eine Packung kaufen kann.

Es verspricht in kurzer Zeit eine Reduktion des Körpergewichts, eingenommen vor den Mahlzeiten verringert es den Kalorien- und Fettgehalt der dann zu verzehrenden Lebensmittel.
„Ja!“ wispert ihr das Teufelchen ins Ohr,“mach das, kauf es endlich und dann iss es und mach Sport und schiebe das nicht wieder auf, bis du im Sommer verreisen willst und erfinde keine Ausreden!
Ich kann deine speckigen, wabbeligen Arme nämlich schon lange nicht mehr sehen!“

Flida seufzt.

Flida seufzt, denn seit sie denken kann , schleppt sie diese Bürde mit sich herum: dass sie einfach nicht schlank , zart und liebreizend ist, sondern moppelig, rund und fest, und jetzt , mit fortschreitendem Alter eben auch weicher oder wie das Teufelchen raunt, speckig und wabbelig.
Sie schaut sich im Spiegel an und blickt sich tief selber in die Augen: Flida, willst du dieses Pulver wirklich essen?
Nein, antwortet sie sich, ich werde üben, mich so zu nehmen, wie ich bin und ich werde lernen, das Schöne an mir zu sehen und mich selber anzunehmen.

Sie hört das Teufelchen brummen, dass sie sich selbst schön was vormacht, das könne sie ja perfekt,  aber sie denkt, ich bin ich, so ist es gut.

Und sie erinnert sich daran, wie sie vor kurzem die Tochter einer schlanken, sportlichen Freundin getröstet hat, indem sie sie in den Arm nahm und gedrückt und festgehalten hat und  sie hört noch, wie das Mädchen geseufzt hat, sich die Tränen an Flidas Bluse abgewischt hat und gesagt hat: Ach Flida, wie weich du doch bist!

Es ist so schön, wenn du mich in den Arm nimmst!

Loida- die Mülltaucher

Bald werden die Blumen welk sein und Loida wird  sie entsorgen müssen, schade.
Sie mag zwar keine Nelken und Chrysanthemen, aber als am Neujahrstag alle Kinder zu Besuch kamen,hatte der MusikantenSohn eine Kiste dabei, voller Obst, Joghurt und Keksen, und obendrauf lagen 3 prächtige Blumensträusse.  Loida hat verwundert in diese Kiste geschaut und gedacht: Warum bringt der mir diese Fertigjoghurts mit? Und dieses ganze Obst und Gemüse und vor allem:Warum BLUMEN?
„Hab ich für dich containert!“ hat der Sohn gelacht.
„Für mich ge…was?“
„Containert. Ich hab Blumen für dich containert. Und das Obst und das Gemüse, das tun wir in eine Saftpresse, ihr hab doch so ein Hightechding, da können wir wunderbar Gemüsesaft draus machen!“
„Containern nennt man das, wenn Leute nach Ladenschluss aus den Müllcontainern der Supermärkte das weggeworfene Gemüse und so rausholen!“hat die KlugeTochter erklärt und  ihren Bruder angegrinst.
„Ja, und mein kleiner Bruder hat das auch nötig , sowas zu tun! Als bekäme er nicht genug Unterstützung vom Vater für seinen hochgeistigen Lebenswandel! „brummt der grosse Bruder, der in seinem massgeschneiderten Anzug vornehm auf dem Stuhl sitzt und in sein Smartbook schaut.
„Nicht nur der kleine Bruder, auch die kleine Schwester macht das!“ sagt die KlugeTochter von Loida und fährt fort: „Wir leben in einer solchen Überflussgesellschaft, du kannst dir nicht vorstellen,was alles weggeworfen wird, nur weil das Verfallsdatum bald kommt!“
„Ich hab beim letzten containern sogar Kaminbriketts gefunden, und ich wundere mich immer noch, ob Briketts ein Verfallsdatum haben. Die könnten die Menschen, die im Winter draussen leben, vielleicht ein bisschen wärmen,“ sagt der MusikantenSohn.
„Ist es denn nicht gefährlich“, fragt Loida, „kann man Euch denn dabei erwischen? Werdet ihr dann angezeigt, wenn man Euch erwischt?“
„Wir machen nichts kaputt,“ erwidert der MusikantenSohn, “ es gibt Geschäfte, die haben offene Container, da müssen wir nur über den Zaun klettern, und angeblich haben die Gerichte anderes zu tun, denn Mülltauchen ist kein Diebstahl, und drum….“
„Tss, “ macht der MassAnzugSohn, “ ich kann das gleich mal suchmaschinen, dann sag ich dir, welches Strafmass dir blüht!“
„Ach, Spiesser,“ sagt die Tochter,“ du freust dich doch auch, wenn ich dir ne Tafel Schokolade schenke, oder würdest du nein sagen, nur weil sie aus dem Container kommt? Ich hab letzen Monat hundert Tafeln Schokolade rausgeholt, krass, die hab ich dann in der Uni verteilt!“
„Ich esse keine Schokolade, Schwesterchen!“ hört Loida, als sie nachdenklich in die Küche geht.
Sie holt die Sachen aus der Kiste. Die Bananen sind ein wenig braun, aber man sie essen. Zwei Mangos, ein bisschen angeschlagen, aber für einen Saft bestimmt gut zu gebrauchen. Kartoffeln. Sellerie. Und dann dieser Joghurt. Sie würde den niemals kaufen, der enthält bestimmt viel Zucker , aber probieren kann sie den ja nachher mal. Und Blumen! Wann hat sie zuletzt Blumen bekommen?
Nelken, Chrysanthemen, Rosen und Schleierkraut.
Muss man das wegschmeissen? Kannman das nicht anders verwenden?
Sicher, es gibt  die Tafeln, das weiss sie, sie hat vor Weihnachten eingekauft für die Tafel in ihrem Ort. Da standen im Supermarkt zwei Damen mit einer Liste, womit sie, wenn sie es einkauft und spendet, den Bedürftigen helfen könnte. Aber Loida hat in einer Reportage auch gesehen, das manchmal ein Geschäft gemacht wird mit den Gütern, die die Supermärkte spenden, wenn sie das nicht mehr verkaufen können. Das stimmt sie nachdenklich. Und um bei der Tafel „einkaufen “ zu können, braucht man einen Bezugsschein und als Student hat man den nicht, und ausserdem wollen die ja wohl Lebensmittel retten,was eine ganz andere Gedankenidee ist….
„Die Ding san doch no pfenningguat!“ hört sie ihren Grossvater sagen.
Ich bin Teil dieser Überflussgesellschaft, denkt sie.

Sie beginnt die Blumen zuzuschneiden, und in Vasen zu arrangieren, da kommt ihr Mann in die Küche.
„Nelken!“ ruft er, „Die Blume der Arbeiterbewegung! Hoch die Internationale Solidarität!“skandiert er mit gereckter Faust.
Loida hört die Kinder lachen im Wohnzimmer, „Papa!“ rufen sie,“ was ist mit dir los?“
„Ich möchte der Mama einen Antrag machen, “ sagt der Ehemann, zupft eine Nelke aus dem Strauss, steckt sie sich an den Hemdenkragen, beugt das Knie und fragt: „Würden gnädige Frau mich bitte begleiten? Ich möchte Sie zum ContainerDinner einladen! Als Nachspeise gibt es wunderbar fluffigen, nicht mehr ganz frischen, aber noch pfenningguaten Fertigjoghurt!“ und galant küsst er Loida die Hand.

 

Flida- ein besonderes Buch

Flida hat noch vierzig Seiten zu lesen in dem Buch. Vierzig Seiten übrig in einem Buch, das sie von Anfang an gefesselt und weit fort getragen hat mit seiner Sprache und seinen Wortwellen und seinen Bildern.
Als sie es gekauft hat, hat sie gezögert. Sie hatte einen Gutschein bekommen zu Weihnachten und Gutscheine sind für Flida einmalig-wenn sie sich davon etwas kauft, soll es besonders sein. Und sie wollte nicht irgendein Buch kaufen.
Sie liest zwar viel, aber oft liest sie die Bücher nicht zu Ende, weil sie gelangweilt ist. Dann schimpft das Teufelchen und sagt, sie gibt immer zuviel Geld aus für Zeug, was sie dann langweilt, und deshalb ist sie in die Stadtbücherei gegangen, hat sich Bücher ausgeliehen, aber da ist es dasselbe, sie findet Bücher , die sie lesen will, aber bis zum Schluss gefesselt ist sie dann nicht.

Nun hatte sie also diesen Gutschein und  ist im Buchladen gestanden und hat die Bücher angeschaut. Sie kauft Bücher nach Umschlagbild, genau wie Wein, wenn der ein schönes Etikett hat, kauft sie ihn. Und es gab viele Bücher mit hübschen Umschlägen , aber als sie den Klappentext gelesen hatte, wusste sie, sie würde diese Bücher nicht zu Ende lesen.

Dann ist ihr Blick auf ein Buch mit einem nicht sehr hübschen Umschlag gefallen und lesen kann sie erst mal nur den Namen des Autors. Daniel Kehlmann liest sie,der hat doch die Vermessung der Welt geschrieben, denkt sie, aber gelesen hat sie das Buch nicht.
Das war doch die Geschichte über die Forscher und Mathemathiker, glaubt sie, über diese Weltentdecker, das war für sie ein Männerbuch. Hat sie nicht gelesen.
Und dieses Buch hier?
Das mit der Fratze auf dem Umschlagbild, das sie an ein Bild von Hieronymus Bosch erinnert, wie heisst es?
Sie ist neugierig, und erst beim längerem Betrachten fällt ihr auf, das der Titel des Buches Tyll ist. So komisch geschrieben, dass sie es nicht gleich erkennt.
Es geht um Tyll Ulenspiegel, Till Eulenspiegel, den kennt sie, der stand in ihrer Heimatstadt auf dem Platz vor der Kirche und wenn man ihn am Finger oder am Fuss berührt hat, brachte das Glück. Sie kennt viele Geschichten vom Till Eulenspiegel, der war ein Held ihrer Kindheit, frech und rätselhaft, und er hat zwei Gräber, ein Kindergrab und ein Erwachsenengrab, weil er als Kind auch gestorben ist. Man hat ihn Kopfüber beerdigt, damit er nicht wieder rausklettern kann, meint sie sich zu erinnnern an die alten Geschichten.
Dann wird sie dieses Buch kaufen, vielleicht ist es ein Besonderes , hofft sie.
Es hat dann 4 Tage bei ihr auf dem Wohnzimmertisch gelegen, sie hat keine Zeit gehabt, mit dem Lesen zu beginnen. Aber am Wochenende hat sie sich hingesetzt und angefangen zu lesen.
Und sie ist gefangen von den Geschichten und der Sprache. Sie fühlt mit dem Kind Tyll , ist erschrocken über die Brutalität, mit der er aufwächst, sie wünscht ihm jemanden, der ihn lieb hat und sie  versucht hinter die Geschichten zu blicken, die der Autor vor ihrem Auge malt. Sie riecht die Armut und spürt fast den Hunger in der Zeit des Dreissigjährigen Krieges, in der die Geschichte stattfindet,  sie sieht Tyll auf dem Seil tanzen und sie hört die Trommel schlagen.
Sie hat im Internet nachgeschaut, wie die Zeit damals gewesen ist, ob es den Winterkönig gab, von dem im Buch die Rede ist, und als der Winterkönig im Buch stirbt, muss sie fast weinen, so berührt ist sie von der Sprache und der Melodie der Worte, die der Autor findet.
Sie kann gar nicht davon lassen, weiter zu lesen. Sie nimmt die Geschichte mit ins Bett und nachts träumt sie davon, wie es mit Tyll wohl weiter geht und wie man überlebt hat in diesem Deutschland, wo fast jeder Landstrich eine andere Sprache sprach und es nur eine Mahlzeit am Tag gab, die aus Mehl mit Wasser bestand und wie es ist, durch den Schnee zu stapfen ohne Schuhe. Und dass ein Vagabund , Seiltänzer und Liedersänger Geschichten gebracht hatte, die von der Mühsal ablenken konnten. Und welche Furcht es gab in den Menschen, vor der Dunkelheit, den Wölfen, den marodierenden Banden. Sie denkt über die Worte nach, die sie liest und in ihrem Kopf entstehen Bilder.

Und jetzt hat sie noch vierzig Seiten. Vierzig Seiten und die wird sie nun lesen, ganz in Ruhe. Draussen klopft der Regen ans Fenster und sie ist alleine zu Hause, und wenn sie fertig gelesen ist, dann wird sie dankbar sein, dass sie dieses Buch von diesem Gutschein gekauft hat.
Ein ganz besonderes Buch.

Tyll- Daniel Kehlmann,Rowohlt Verlag, ISBN 9783498035678

Suska: Vom Versprechen vergeblicher Vorsätze

Gemütlich ist es bei Suska auf dem Sofa, sie liebt diese grauen Tage. Weihnachten ist vorüber, Heligabend war sie für sich, und am 1. Feiertag war Bero da mit seiner Freundin.
Suska hat einen veganen Nussbraten gemacht, der allen geschmeckt hat und am 2. Weihnachtstag hat sie ihre Schwester besucht. Viel Familie, viel Trubel, jetzt ist Ruhe eingekehrt. Morgen ist Sylvester, sie hat Frühdienst, aber das stört sie nicht, sie feiert nicht gerne Sylvester. Sie wird früh schlafen gehen.
Nun sitzt sie auf ihrem Sofa,  hat die Lichterkette an Ficus Zimmerpflanze angemacht,der ihr in den letzten Jahren als Weihnachtsbaumersatz dient,  auf dem Tisch brennt das Teelicht , das sie von Beros Freundin bekommen hat und vor ihr steht eine Tasse dampfender Frauentee, ein Geschenk ihrer Schwester. Und ein Schokoladenweihnachtsmann, denn bei einem Mann aus Schokolade hat Suska keine Bedenken.
Auf dem Tisch liegt die Ausbeute aus dem heutigen Briefkasten. Rechnungen von Versicherungen für das nächste Jahr, zu zahlen im Januar. Eine Einladung von der Gemeinde zum Neujahrsempfang beim Bürgermeister. Für Bero. Weil er jetzt 18 ist. Was für eine Ehre, denkt Suska, ob sie wohl mitkommen dürfte? Auch wenn sie nicht persönlich eingeladen ist?
Einige Kataloge und Prospekte.
Ein Modekatalog, bunte schöne Bilder mit Kleidung, von der Suska manchmal träumt, wenn sie Geld hätte, und sich alles als Ensemble kaufen könnte, ob sie dann auch so schön bunt und wild aussehen würde wie diese Frauen in dem Katalog. Ob ihr Ringelstrumpfhosen, wallende gestreifte Oberteile und geblümte Röcke oder Pluderhosen stehen würden-wie sie darin wohl aussähe? Ach, denkt Suska, da hab ich doch seit Jahren nichts bestellt.
Der Prospekt eines Kaffeeversandhandels. Tschulibo Katalog, Januar 2018. Suska liebt es, darin zu blättern und sie muss es sich verkneifen, keine Wünsche wach werden zu lassen und überflüssiges Zeug zu bestellen.
Was möchte sie denn gerne haben, wenn sie wollte, dürfte und das bräuchte? Ein Trampolin mit Haltegriff, aha, und dazu diese schwarze ausgestellte Jazzpantshose. Ausgestellte Hosen lassen grösser wirken, weiss Suska, sie strecken und machen schlanker, optisch zumindest.
„Frische Farben, neue Kraft“ ist der Titel der nächsten Seite. Was ist an hellblau mit schwarz denn frisch, fragt sich Suska, als sie die Farbauswahl betrachtet.
„Entspannt ins Neue Jahr“, nächste Seite. Mit Yogarad. Braucht man das? fragt sich Suska, ein Yogarad zur Unterstützung der Yogaübungen, bis 85 Kilo Körpergewicht geeignet, ist das ein Witz? Suska wiegt 90 Kilo, sie ist also zu schwer für das Ding, aber wenn jemand 85 Kilo maximal wiegt, ist der doch in der Regel schlank und kann Yoga ohne so ein schaumstoffgepolstertes Rad machen?
Schwimmanzug,bis Grösse 48, sehr gut, ein  Antirutsch-Fitness-Handtuch,“Klebt das dann am Körper beim Abtrocknen?“ fragt sich Suska.
Einen Pilatesring gibt es auch und der Wunsch :“Gesundes Neues Jahr mit Faszienmassageball“.
Auch so ein neumodernes Zeug, dieses Faszien-Entkleben mit Kunstoffkugeln, die aussehen wie eine Avocado und in die Suska mal aus Versehen reingeschnitten hat, als sie einen gesunden Salat machen wollte, nur weil sie die Brille nicht aufhatte. Faszien-Berollen tut weh.
Und warum verkaufen Lebensmittelketten und Eventkataloge zum Jahreswechsel immer Sportgeräte und Kleidung  und Material dazu? Heute beim SupermarktDiscounter Adlid gab es auch Sportkleidung und einen Hometrainer und das grossgeschriebene Versprechen: „Fit ins neue Jahr! Ab 3. Januar in allen Filialen und online“.
Aber wer dann erst anfängt, seine an Sylvester gefassten Vorsätze umzusetzen, der ist noch lange nicht fit! denkt Suska.
Sie nimmt einen Schluck Tee, der schmeckt nach Rosen, fein,  und sie denkt:
„Vorsätze, hm, nee, diesmal nicht!“

Und dann beisst sie sehr herzhaft dem WeihnachtsschokoladenMann den Kopf ab.

 

 

 

 

Flida – Heiligabend

Es ist Heiligabend.
Flida ist alleine, es hat dieses Jahr nicht geklappt mit dem Familienheiligabend.
Ihre Söhne feiern mit ihren Freundinnen oder Freunden, und Flidas  Tochter ist zum Vater gefahren. Der feiert mit seiner Mutter, und die Tochter hat gesagt:Wer weiss ob die Oma nächstes  Weihnachten überhaupt noch erlebt, das verstehst du doch, Mama, oder? Und der LAT-Gefährte wird den Nachmittag mit seinen Kindern verbringen, die er dann später zu seiner Exfrau bringt, und er weiss echt nicht, ob er dann nach dem ganzen Zinnober überhaupt noch zu Flida will, hat er gesagt. Und Flida hat Verständnis, natürlich.
Ein bisschen traurig ist sie schon, sie fühlt sich ein wenig verlassen. Wie wichtig ist ihr denn der Heilige Abend, ist er nicht ein Abend wie jeder andere auch? Am 25. kommen doch alle, sie hat doch ein wunderbares Essen vorbereitet.
Sie spürt wie sich das Teufelchen auf ihrer Schulter räkelt.
Was, wenn das Teufelchen wieder sagt: Selber Schuld, Flida, hättest du dich durchgesetzt, dann wärest du nicht allein! Wenn du denen allen klipp und klar gesagt hättest, dass du Heilig Abend mit ihnen feiern willst, dann wärst du jetzt nicht traurig!
Das Teufelchen gähnt und reibt sich die Augen.
Du hast gar keinen Tannenbaum, Flida, sagt es.
Brauch ich auch nicht, sagt Flida.
Willst du denn jetzt ohne Tannenbaum allein hier hocken am Heiligen Abend? fragt das Teufelchen.
Flida denkt nach.
Nein,sagt sie, dann werde ich traurig .
Genau.  Also, was machen wir jetzt, Flida?
Wir fahren in die Stadt! sagt Flida.
Aber die Geschäfte sind zu! ruft das Teufelchen, shoppen ist jetzt nicht mehr!
Ich muss ja auch nicht shoppen,sagt Flida und wickelt ihren Schal fest um sich.
Es ist kalt draussen. Der Wind pfeift.
Sie geht ein paar Meter. Der Bus kommt, sie steigt ein. Der Busfahrer lächelt ihr freundlich zu.
Einige Leute sitzen im Bus, fast alle haben Geschenke dabei.
Flida nicht. Flida hat ein frierendes Teufelchen auf der Schulter.
Am Marktplatz steigt sie aus. Es hat begonnen, leise zu schneien.
Die Geschäfte sind beleuchtet, Flida geht durch die Fussgängerzone. Dort, wo bis vor wenigen Stunden Menschen gewuselt haben, ist alles leer. Ein gelbes Paketauto parkt an der Statue vom Stadtvater. Der Paketbote lehnt an seinem Auto und raucht. Geschafft, sagt er zu Filda, das war ein stressiges Weihnachtsgeschäft. Und das, wo ich gar nicht Weihnachten feier! Er lacht.
Flida lacht zurück und geht weiter. Aus einer Fussgängerpassage erklingt Musik. Sie bleibt stehen und lauscht. Sie schliesst ihre Augen. Die Musik ist schön, denkt sie und muss ein bisschen weinen.

Langsam geht sie in die Passage. Auf dem Boden sitzen zwei, mit ihren Gitarren, und spielen. Flida möchte dazu tanzen, sich leicht drehen  im Kreis, tanzen in den frischen Schnee. Sie spürt den Wind und riecht den Winter und die Weihnacht und hört , wie sie singen: Knockin`on heavens door.

Da hört sogar das Teufelchen mit dem Frieren auf und ist ganz still.

 

Für meine Schwester

Flida- weihnachtliche Röstaromen

Flida hat es fast drei Wochen erfolgreich abgewehrt, sich dieses Jahr wieder dem Stress des Plätzchenbackens hinzugeben. Auch wenn das Teufelchen auf der Schulter leise gesagt hat: Das gehört sich aber so, an Weihnachten, da backt man!
Und wenn Freunde gefragt haben: Bäckst du dieses Jahr? hat Flida stolz gesagt: Nein, mach ich nicht!
Und auch wenn die Freundinnen erzählt haben von den 10 Sorten, die sie backen werden, nur zehn dieses Jahr, letztes Jahr seien es ja fünfzehn gewesen, und das wird ihnen dieses Jahr wirklich zuviel, und Flida hat dann geantwortet: Ich backe gar nicht dieses Jahr!
Natürlich wurde sie gefragt: Warum nicht, das gehört sich doch so.
Aber Flida hat gesagt: Keine Lust, wir werden eh zu dick alle immer. Dann wurde sie komisch angeguckt, aber das ist ihr egal.
Früher hat sie gebacken, natürlich, als die Kinder klein waren, da fing sie schon im November an zu planen, wieviele Sorten sie wann backen würde, schliesslich gab es Weihnachtsfeiern und  Adventsfeiern in Kindergarten und Schule, da wollten die Kinder selbstgebackene Plätzchen mitnehmen. Dann stand sie an den Nachmittagen in der Küche und füllte Keksdosen mit Plätzchen, ärgerte sich über Teig, der zerbrach oder verbrannte, probierte neue Rezepte aus, mit Vollkorn und ohne Zucker, die dann niemand aß,  füllte Butterplätzchen mit Lemoncurd, das waren ihre liebsten, sie rollte Vanillekipferln, die im Ofen riesengross wurden und auseinanderflossen und freute sich schliesslich über die Plätzchen ihrer Freundinnen, die, in Cellophantüten hübsch verpackt, mit kleinen Tannenzweiglein versehen , den Weg in Flidas Haushalt fanden. Diese Plätzchen waren klein, fein und verschieden und sahen sehr hübsch aus. Warum kriegst du das nicht auch so hin, fragte das Teufelchen oft. Liegt bestimmt am Backofen und meiner Feinmotorik, dachte Flida.
Und nun ist schon der 15 Dezember und Flida hat im Keller zwei Keksdosen gefunden und in einer Kochzeitschrift Rezepte für „Schnelle Plätzchen für zwischendurch“.
Da denkt sich Flida: Gut, dann mach ich mal zwei schnelle Sorten.
Und schmilzt ganz fix Schokolade und Kokosfett und krümelt Keksbruch rein, und weil das flüssig aussieht, noch eine Handvoll Müslireste, und rührt das um und streicht es auf eine Klarsichtfolie ,wie im Rezept beschrieben und stellt alles auf den Balkon.
Die nächste Sorte , die sie backen muss, braucht etwas länger, zwei Stunden zum Auskühlen,aber sie muss vorher Rollen formen, die sie gekühlt ausschneidet, das wird sie wohl schaffen! Ausstechen hasst sie.
Also ebenfalls den Teig gerührt, Cranberrys reingeworfen, Walnüsse, Anis, Zimt,Ingwer, Karadamon,  alles gutes Weihnachtsgewürz, dann gerollt und auf den Balkon mit den Rollen.
Derweil ist die Schokoladenplatte fest geworden und sie kann sie in Stücke schneiden. Und jetzt wird ihr auch klar, warum die Masse so flüssig sein sollte, jetzt mit dem Restmüsli da drin bröselt alles. Aber, nun,… das ist halt so. Gibts halt wieder Flatschenbruch und keine feinen Stücklein.
Sie taucht noch schnell eine Tüte getrocknete Aprikosen in die übriggebliebene Schokolade, das macht sich immer hübsch auf dem bunten Teller und jetzt kann sie den Teig wieder reinholen und die Rollen schneiden. Zack, die Stücke fliegen auf das Backblech, der Ofen ist heiss, Bleche rein und dann klingelt es an der Tür.
Der Postbote.
Packet fir Flida, sagt der Postbote. Biist du?
Ja, bin ich, sagt Flida, und er stellt 3 Pakete vor ihre Füsse. Niiimst du fir Nachbar auch? Klar, seufzt Flida, und umständlich zieht er einen elektronischen Kasten aus seiner Jacke und sagt: Uuunterschraibsscht du da!
Flida kritzelt ihren Namen auf das Display und da riecht sie es auch schon: Es brennt im Ofen. Mist, denkt sie, und will reinsausen,da ruft der Paketbote: Vergisst du nicht Packet!
Später, ruft Flida und flitzt in die Küche.
Aber zu spät, eine Rauchwolke quillt aus dem Ofen. Das Teufelchen auf ihrer Schulter muss husten. Typisch! krächzt es. Das war sooo klar!
Flida schnappt sich den Backhandschuh und zieht die Bleche aus dem Ofen. Die untersten Plätzchen sind verkohlt, vom oberen Blech kann sie noch die Hälfte retten. Sie probiert eines, noch ist es heiss, aber es schmeckt ganz gut.
Dann muss ich nicht räuchern um die bösen Geister zu vertreiben, die ergreifen bei dem Gekokel schon vorher die Flucht!denkt sie, und lacht laut auf.

Geheimnisvolle Röstaromen machen den weihnachtlichen Zauber aus!
Und so schafft das nur Flida.

 

 

Das Beitragsbild sind die verkohlten Plätzchen , die mit meiner neuen FotoApp verglitzert wurden, denn wegen dieser App-und das ist jetzt autobiografisch, grins- wegen dieser App sind die Plätzchen verkohlt. Weil ich auf dem Sofa sass und Fotos von meiner Freundin S. von unserem Gezeitenwechselblog in Zombies und Schneeköniginnen verwandelt hab.
Und so verglitzert sehen auch verkohlte Plätzchen hübsch aus.
Schöne Adventszeit an alle Leserinnen und Leser!

Loida- Der Sohn

Der BlondeSohn ist wieder da. Der, der die Welt bereist und nie irgendwo zu Hause zu sein scheint. Der, von dem Loida manchmal nur erfährt, wo er sich aufhält, wenn sie die Facewebseite aufmacht und sieht, was er gepostet hat. Oder an welchen Veranstaltungen er teilnehmen wird. Dann freut sie sich zwar, aber manchmal denkt sie, wenn er ihr kurze Nachrichten bloss schreiben würde, das wäre schön.
Aber letzte Woche  hat er sie angerufen und gesagt, das er jetzt ein bisschen in der Heimat bliebe, er habe eine WG gefunden, lauter Musiker, und er würde sie, Loida, gerne in vier Wochen auf ein Konzert mitnehmen. Allerdings wäre das Konzert in B., dieser Metropole 78 km von Loidas beschaulichem Städtchen A entfernt, und er würde dann von C, wo er wohnt, zu ihr nach A kommen und dann könnten sie gemeinsam von A nach B fahren…
Klar, sagt Loida, wir könnten unterwegs was essen gehen, wenn du magst….Ich freu mich.

Als sie ihn am Bahnhof am Konzerttag abholt, regnet es. Es ist grau und dunkel, und viel Verkehr und Loida erkennt die Strassenschilder nicht, sie sieht verflixt schlecht heute.
Es gibt auch kein Restaurant auf dem Weg , und an der Autobahn essen wollen sie nicht. So fahren sie hin und kehren ein Stück wieder um und fahren zurück, weil Loida die Ausfahrten verpasst und die Schilder nicht liest und weil sie so viel reden miteinander im Auto wie ewig nicht mehr. Über das Leben an sich, über Menschen, über Träume und die Liebe.
Sie brauchen doppelt so lang wie die Fahrt normalerweise dauert, aber das macht nichts, sagt der BlondeSohn, wir haben so viel Zeit, und zur Not ess ich dann mein Knäckebrot.
Und als sie in dem Industriegebiet ankommen, in dem das Konzert stattfinden soll, haben sie tatsächlich noch alle Zeit der Welt.

„Wir suchen jetzt ein Restaurant!“ sagt Loida, und stapft los, durch den Regen und die Dunkelheit der beginnenden Nacht.
Ein unbeleuchtetes Schild einer Brauerei, darunter : „Sportlerheim, Gaststätte, warme Küche….“
„Da gibt es bestimmt Pommes für dich!“ sagt Loida.

Das Sportlerheim hat geschlossen. Montag Ruhetag, klar,  wie denn auch nicht! denkt Loida.Obwohl die beleuchteten Weihnachtsbäume im Wind schwanken und sie dachte, es wäre geöffnet.
Sie gehen weiter. Baustellen, Kräne, der Wind pfeift, eine unwirtliche Gegend. In der Ferne am Ende der Strasse ein Schild: „Zum Maibaum-Pub. Wirtschaft“.
„Dahin gehen wir!“ sagt der Sohn.
Durchs  Fenster der Wirtschaft sehen sie in eine Küche, zwei Frauen in weissen Kitteln schwenken Töpfe, aber wo ist der Eingang? Es ist dunkel, der Wind bläst ordentlich, sie gehen ums Haus herum. Ein beleuchteter Biergarten, grelle Lichter, ein Schild über einer Tür: „Do gehts nei!“
Sie treten ein. Innen ist es hell, voller Menschen mit lachenden Stimmen, Geschirr klappert, die Wände sind mit Plastiktannenzweigen geschmückt, rote Kugeln, silberne Sterne, goldene Rehe stehen auf den Tischen…Loida ist keine Freundin vom Kitsch, aber jetzt gilt es, dem Sohn etwas zu essen zu besorgen.
Die Kellnerin begrüsst sie freundlich und der Sohn  fragt, ob sie was mitnehmen können?
Klar,aber wollen sie nicht hier essen? Es gehe ratzi-fatzi , sagt die Kellnerin, und lacht.
Aber gut,sie sagt Bescheid, dass es schnell gehen soll in der Küche.
Sie setzen sich hin, an einen Tisch, an dem ein Mädchen sitzt und eine Suppe löffelt und ein Mann,der lange dünne Haare hat, vor seinem Weissbier sitzt und lebhafte Selbstgespräche führt. Der ist Loida suspekt, der ist sicher nicht viel älter als sie, aber er sieht komisch aus.
„Stammtisch des Gartenvereins Zum  lustigen Kohlrabi“, liest der Sohn auf dem Aufsteller am Tisch, hoffentlich kommen die jetzt nicht und wollen Bier trinken.
Es gibt kroatische Spezialitäten und sie beobachten, wie durch die Durchreiche Platten voller Fleisch und Pommes geschoben werden und wie das Mädchen, welches die Suppe isst, aufspringt und die Platten zu den Tischen trägt.
Loida nimmt ihre Brille ab. Jetzt weiss sie, warum sie so schlecht gesehen hat auf der Autofahrt. Ihre Brille ist total verschmiert. Sie nimmt den Zipfel ihres Pullovers und reibt und haucht auf die Gläser und wischt, aber es verschmiert nur noch mehr.
Da fliegt ein eingepacktes Brillenputztuch vor ihre Nase.
„Damit gehts besser,“ brummt der Mann mit den dünnen Haaren. Loida muss lächeln und der Mann kommt ihr gar nicht mehr so suspekt vor. Und sie sieht tatsächlich besser jetzt durch ihre Brille. Und findet sogar die Plastiktannenzweige gar nicht mehr so hässlich.
Als dann das Essen kommt, und sie mit dem Aluteller in einer Tüte losgehen wollen und dann bemerken, dass sie gar kein Besteck haben und die Kellnerin ihnen  eine Gabel schenkt und sie durch den Wind laufen und feststellen, dass es ein Blödsinn war, nicht in der Wirtschaft zu essen, sondern sich einen Platz suchen zu müssen, wo der Wind nicht so weht und als sie den Platz dann finden, nämlich eine Bank vor dem Sportlerheim, neben den wackelnden Weihnachtsbäumen, und der Sohn sich freut über die Menge an Spätzle und Salat, da fühlt sich Loida froh.
Und sie denkt etwas und weiss wieder nicht , wo er herkommt, dieser Gedanke, denn sie denkt, während sie ihren grossen lachenden warmherzigen Sohn anschaut:
„Es ist nicht wichtig, wieviel Stunden oder Minuten an Zeit ich mit jemandem verbringe. Wichtig ist, wie ich diese Zeit wahrnehme. Wichtig ist, welche Qualität sie hat, diese Zeit.“

Die Gabel haben sie übrigens auf dem Tisch des Sportlerheims abgelegt. „So als Gabelrecyclingkreislauf“ , hat der Sohn gesagt.
Und Loida hat sehr froh gelacht.

Flida- so ist das mit dem Fortschritt

Auf Flidas Dorf gab es mal einen Metzger, der hat aber vor 4 Jahren das Weite gesucht, vielleicht hat er Schweinehälften unterschlagen hat, oder Geld…. Jedenfalls standen die Kunden eines Tages vor verschlossener Tür.
Es gab dann nur noch einen kleinen Laden, der aber auch wirklich alles hat, von Toastbrot über Biojoghurt bis zu Wolle und Feinrippunterhosen. Flida kauft da manchmal ein, die tippen dort an der Kasse jedes Produkt mit der Hand ein und haben für jeden Kunden ein freundliches Wort. Und  es gibt wirklich alles dort, sogar Kartoffeln und Gemüse aus der Gegend, das ist sehr köstlich. Es wäre schade, wenn es den Laden nicht mehr gäbe, denkt Flida oft.Obwohl sie da selten hingeht, sie kauft im nächstgrösseren Ort im Supermarkt ein, klar, sie hat ein Auto.
Aber viele alte Leute, die auf dem Dorf wohnen, sind auf den Laden angewiesen.
Und jetzt hat ein neuer Metzger im Ort aufgemacht. Flida ist gespannt, was er so zu bieten hat.
Als sie das erste mal dort hinging, natürlich, hatte er Mittags geschlossen….
Aber heute probiert sie es aus, sie möchte auch Fleisch vorbestellen für Weihnachten.
Sie stellt sich in der Schlange an, 3 ältere Frauen stehen vor Flida.Die vor ihr ist ziemlich schwerhörig, nein , sie brauche kein Sauerkraut und ob sie von den Regensburgern was haben könnte…Das seien normale, sagt die Verkäuferin, nein, nicht alle, antwortet die Kundin. Ui, denkt Flida, gleich bin ich dran, hoffentlich.
Dann soll die Kundin vor Flida bezahlen. Sie erhält einen Zettel in die Hand , und als sie den Geldbeutel rauszieht, sagt die Verkäuferin: „Sie müssen da an den Automaten gehen und den Kassenzettel einscannen. Dann geben Sie ihr Geld da in den Schlitz.“
„Und meine Wurscht?“
„Die bekommen Sie dann.“
Langsam geht die Kundin zum Automaten und steht ratlos davor. „Was heisst scannen“, fragt sie.
„Ja, dann tuns halt den Zetterl davor halten! „sagt die Verkäuferin, „ich helf Ihnen.“
Die Kundin wirkt verwirrt, und Flida fragt sich, ob die wiederkommt?Und ob ich das auch kapiere, überhaupt, wenn ich meinen Schinken gekauft habe? Und hygienischer ist das sicherlich, weil die Verkäuferinnnen kein Geld mehr in die Hand nehmen, aber ist das kundenfreundlich? Und was, wenn der Automat versagt? Wenn Strom ausfällt? Flida hat gerade ein Buch gelesen, wo der Strom ausfällt in ganz Europa und nichts mehr geht,keine Tankstellen, keine Klospülung und auch keine Geldautomaten. Die Leute können nichts mehr kaufen. Weil sie kein Geld mehr abheben können. Gruselige Vorstellung.
Als Flida dann ihre Bestellung aufgegeben hat, sagt die Verkäuferin: „Das ist schon praktisch, Sie können Ihre ganzes Kleingeld da reinwerfen, der zählt das dann.“
„Und es ist nicht mehr so ein Gefummel mit den Cent Münzen, “ denkt Flida, die sie ohne Brille eigentlich nicht mehr unterscheiden kann. Und die sie auf Grund ihrer altersbedingten vermeintlichen feinmotorischen Störung auch nicht mehr aus der Geldbörse rauspicken kann, die sind zu winzig einfach, diese Centstücke.
Na gut, dann kippt sie eben ihr Kleingeld in die runde Schale am Automaten, der rappelt und klimpert und sagt: “ 2 cent zu wenig. “
„Dann müssen` S halt doch an Schein neidoa“, sagt die Verkäuferin,“ aber Sie kriegen das Geld in grossen Stücken wieder zurück.“ Und sie ginst. „So mach ich das auch immer, wenn der Geldbeutel zu schwer ist.“
Ein Lob auf die Technik! denkt Flida beim Heimgehen und dann fällt ihr ein, dass sie ganz vergessen hat, den Weihnachtsbraten vorzubestellen.