Flida- mit dem Teufelchen wieder gut sein

Flida hat ihr Teufelchen lang genug in die Kiste gesperrt, findet sie. Zuerst hat es getobt und gekreischt, dann hat es nur gewimmert, und Flida tat es dann schon ziemlich leid, aber sie ist hart geblieben. Sie hat es nicht rausgelassen.

Dann hat sie aber gemerkt, das irgendwas fehlt. Irgendwie war alles so eitel Sonnenschein. Keine Stimme auf ihrer Schulter , die sie darauf aufmerksam gemacht hat, dass sie eigentlich dies oder das hätte tun wollen, joggen gehn zum Beispiel, oder dass es Blödsinn ist, sich schon wieder eine Jacke kaufen zu wollen, oder ein paar Schuhe, es gab nichts, was Flida irgendwie einen inneren Kampf ausfechten liess,….
Alles war so harmonisch oder friedlich, fast langweilig.
Gut, dann würde sie das Teufelchen eben wieder raus lassen.
Unter einer Bedingung: es sollte sie nicht mehr beleidigen. Es darf sie bremsen, oder sie zu etwas anhalten, aber es darf Flida nicht mehr an sich zweifeln lassen.

Das sagt sie dem Teufelchen jetzt:
„Teufelchen!“, sagt sie, “ du fehlst mir. Aber was mir nicht fehlt, das ist, wenn du sagst, ich sei eine dicke Flida oder eine faule Flida. Ich lass dich wieder raus, du  darfst auf meiner Schulter sitzen, wenn du solche Dinge nicht mehr sagst. Schaffst du das?“
„Ja,“ flüstert das Teufelchen, “ ich werde es versuchen „, ganz kleinlaut hört es sich an.
„Gut, “ sagt Flida, holt das Teufelchen aus der Kiste, und setzt es auf ihre Schulter.
Gemeinsam schauen sie in Flidas grossen Spiegel.
„Was siehst du?“ fragt Flida.
„Eine dicke, faule Flida!“ sagt das Teufelchen, und als es Flidas zornigen Blick sieht, rutscht es ein Stück hinter Flidas Schulter.
„Es stimmt doch, da steht ein faule dicke Flida,“ ruft es, “ guck nicht so grantig , Flida, schau dich doch an! Du hast verstrubbelte Haare, die du nicht kämmst, weil du faul bist und es dir egal ist,wie du aussiehst,  aber ich mag das doch so, Flida! Wenn deine bunten Haare kreuz und quer vom Kopf abstehen!
Und deine hässlichen Joggingschuhe, Flida, wer trägt denn lilagrüne Joggingschuhe? Mit diesen gelben Bändern? Kein Wunder, das du nicht gerne joggen gehst, aber wir können was anderes machen, Flida, etwas, was dir Spass macht!
Und du musst doch nicht dünn werden, Flida! Du bist einfach eine dicke Flida! Eine dicke weiche Flida und mit deiner grünen Jacke siehst du so hübsch aus, die passt zu deinen Augen und man sieht doch, das du ein grosses Herz hast! Und das braucht eben auch viel Platz, damit es weich gepolstert ist…. Damit dem Herzen niemand weh tun kann so leicht….“

Das Teufelchen verschluckt sich fast vor lauter Eifer, Flida nur freundliche Dinge zu sagen, aber so ganz schafft es das scheinbar nicht, denn Flida schaut immer noch böse im Spiegel auf das Teufelchen.
Dann schaut sie sich selber an, wie sie da steht, in ihrer grünen weiten Jacke, der bequemen Hose mit dem wilden Muster. Die fand sie mal schick, jetzt ist sie einfach nur bequem, aber das ist gerade piepegal, denn sie lauscht noch auf das, was das Teufelchen gesagt hat: Die Sache mit dem grossen Herzen.
Und Flida spürt, wie sich eine Wärme in ihrem Innendrin ausbreitet, eine ganz grosse weite Wärme, das könnte Flidas Herz sein, was da so warm wird in ihrer Brust.
Weil das Teufelchen es nämlich gut meint mit Flida.
Und Flida denkt, wenn sie das Teufelchen annimmt und lieb haben kann, dieses Kritikteufelchen,dann könnten sie wahrscheinlich auch viel Spass haben miteinander.
Sie sieht, wie das Teufelchen langsam hinter ihren Strubbelhaaren hervorkommt und vorsichtig über Flidas Schulter linst.
Ein zaghaftes Grinsen erscheint auf seinem Gesicht.
Und Flida lächelt im Spiegel dem Teufelchen zu.

 

Suska-gelbe Rosen und Menschen, die sie nicht vergisst

Der Frühdienst heute hat Suska ziemlich angestrengt, und  die Frage, warum sie Krankenschwester geworden ist, lässt sie weiter nachdenken.
Die Frage ist einfach zu beantworten , es geschah wirklich aus Menschenliebe und Enthusiasmus. Oder Idealismus. Was auch immer.
Und sie hat es nie bereut. Sie ist in ihrem Leben so vielen Menschen begegnet, und hat gelernt, das es in tiefster Verzweiflung immer wieder Licht gibt.
Da waren in dem Seniorenwohnstift, in dem sie ihr FSJ gemacht hat, zwei Ehepaare, die befreundet waren. Kurz hintereinander starben der eine Mann und die andere Frau. Dann haben sich die beiden Überbleibenden gefunden. Der 78 jährige Witwer holte die 86 jährige Witwe zum Essen ab, ins Konzert, ging mit ihr spazieren, und das hat Suska, damals 16 jährig, tief berührt. Diese späte Liebe.
Als sie dann in der Ausbildung war, hatte sie eine Patientin mit schlimmem Brusttumor, Suska hatte sowas nie vorher gesehen, und dachte, was das für Schmerzen sein müssen. Damals war man sparsam mit Schmerztherapie, das hat sich zum Glück geändert. Sie hatte sich damals viel um diese Frau gekümmert, eine Bäuerin aus dem Dithmarscher Land, nicht alt an Jahren, aber gearbeitet hatte sie, das sah man ihren Händen an. Ihr Mann kam sie oft besuchen, und wenn Suska Zeit hatte, haben sie sich unterhalten.
Auf ihrem Nachttisch standen gelbe Rosen. Gelbe satte gefüllte Rosen.
„Die haben wir im Garten“, sagte die Frau, und Suska und sie betrachteten die Rosen, die  im Lichtstrahl, der durch das Fenster fiel, besonders prächtig leuchteten.
„Meine Frau liebt diese Rosen, deshalb bringe ich ihr täglich neue“, hat der Mann erwidert.
„Die sind sehr sehr schön,“ sagte Suska, und sie erinnert sich , dass sie dann auch alle drei geschwiegen haben und die Rosen betrachteten, gemeinsam.
Dann hat Suska frei gehabt, und als sie nach 3 Tagen wieder kam, war die Frau nicht mehr in ihrem Zimmer. „Wo ist sie?“ hat Suska erschrocken gefragt. „Sie ist vorgestern gestorben“, hat die Stationsschwester gesagt, „war besser für sie. Sie hat sehr leiden müssen.“
Suska schwieg, sie war traurig.
„Ach ja, „, sagte die Stationsschwester, „gestern ist der Mann noch mal da gewesen. Der hat was für dich mitgebracht. Im Stationszimmer stehts.“
Im Stationszimmer stand, in einem Marmeladenglas, ein prächtiger Strauss dick gefüllter, schwerer praller gelber Rosen.
Für Suska, danke für die Zuwendung.

Suska: Pflegen und rebellieren, geht das?

„Warum bist du Krankenschwester geworden?“ fragt eine junge Kollegin Suska während der kurzen Pause. Heute ist ein ganz besonders heftiger Frühdienst, Suska betreut 18 Patienten mit einer noch nicht mal 18 jährigen, die ein freiwilliges soziales Jahr macht. Sie muss diesem jungen Mädchen Aufgaben übertragen, von denen sie nicht weiss, ob sie das überhaupt kann.Und weil Suska gewissenhaft ist, und Verantwortung übernimmt, kontrolliert sie immer wieder, ob alles geklappt hat, klar, denn eigentlich sollte eine FSJlerin ZUSÄTZLICH eingeteilt sein, und nicht die Arbeit tun, die eine ausgebildetete Kraft sonst tut. Das sind so Gedanken, die Suska denkt, während sie an ihrer Möhre knabbert. Eigentlich hat sie viel mehr Lust auf ein Salamibrötchen….
Die Frage ihrer Kollegin schreckt sie aus ihren Gedanken hoch.
„Ja, warum,…. mein Satz in der Bewerbung damals war: Ich möchte Krankenschwester werden, weil ich gerne anderen Menschen helfen möchte. Das hab ich dann im Bewerbungsgespräch dann denen auch hingepiepst und gehofft, sie nehmen mich.“
„Haben sie ja auch, Gott sei dank!“, lächelt die junge Kollegin. “ Und es ist toll, dass du noch dabei bist. Aus meinem Kurs, den ich vor 4 Jahren abgeschlossen habe, ist die Hälfte nicht mehr dabei! Viele von denen studieren, Medizin, die haben nur abgewartet, bis sie einen Studienplatz gekriegt haben, und einige machen was total anderes, weil es denen zu viel Belastung ist.“
„Versteh ich“,antwortet Suska, „aus meinem Kurs arbeiten auch nur noch ein paar  aktiv in der Pflege, einer hat nen Betriebsratsposten gekriegt, eine andere ist Pferdewirtin geworden, die nächste vertickt Putzlappen, und manch eine hat vermögend geheiratet. Ich nicht,“ Suska grinst, “ da wäre ich ja zu abhänging vom guten Willen des mir Angetrauten, weisst du, ich arbeite gerne! Und wenn ich dann lese, dass eine grosse Tageszeitung schreibt: Pflegerinnen sind zu nett für die Rebellion,dann kommt mir die Galle hoch!“
Es läutet. Herr S., Zimmer 18 , schon wieder.“Wasser!“ quäkt es durch die Sprechanlage. „Iiich brauch driiiingend Wasser!“
„Ich könnte jetzt rebellisch sitzen bleiben und ihn verdursten lassen, aber dem zeig ich jetzt , wie nett ich bin,“ sagt die Kollegin, „ich komm gleich, kleinen Moment! “
Suska bleibt noch sitzen und denkt, warum dieser Satz in der Zeitung sie so aufregt. Nett sein ist ein dämliches Wort, als erstes. Zweitens, Pflegerinnen : auch keine schöne Berufsbezeichung. Jeder Fabrikarbeiter nennt sich Fachkraft. Warum schreiben die nicht Pflegefachkraft? Oder Altenpflegefachkraft?
Rebellion, klar, sie erlebt das selber, das andere Kollegen sagen: Ach, Betriebsrat, ach Gewerkschaft, die bringen doch nur Unruhe rein, die wollen doch nur mein Geld …Und sie hat selber nicht unbedingt positive Erfahrungen gemacht mit dem Betriebsrat, als es um ihre Fortbildung ging. Unterstützung hat sie nicht bekommen, das fand sie schade.

Aber wie soll die Pflege denn rebellieren? Der Schichtdienst macht zu müde,um auf Rebellionsveranstaltungen zu gehen,  und streiken ist auf vielen Stationen nicht möglich. Ein Kind kann zwar nach Zeitplan geboren werden, trotzdem muss der Kreisssaal besetzt sein, es kommen auch spontan Geburten.
Es gibt Patienten, die Schmerzen haben, die ihre Therpapien brauchen, oder soll sie die Chemo, die für den Menschen lebensrettend scheint, verschieben? „Sorry, wir verschieben ihre Therapie, auf ein paar Wochen weniger Leben kommt es bei Ihnen ja nicht an, wir müssen jetzt rebellieren!“ ?
Geht doch nicht.
Und ein Mensch der stirbt, der braucht dann in dem Moment Beistand , da kann die Rebellierende Krankenschwester nicht sagen:
„Leider keine Zeit, sterben Sie bitte später!“
Was für eine Vorstellung.
Suska hat keine Lösung. Seit 30 Jahren gibt es den Pflegenotstand, seit 30 Jahren geht sie immer wieder auf die Strasse, schwenkt rote Fahnen, trägt T-Shirts mit der Aufschrift: Pflege helfen jetzt! und  sieht darin aus wie ne Nicht-vegane-Moppstonne, aber sie läuft mit, sie ruft laut Parolen , sie trägt Aufkleber: „Wir streiken in Solidarität arbeitend mit“, aber es hat noch nichts genutzt. Es wird gespart, und geredet, und dann schreiben die Zeitungen was von netten Pflegerinnen…..oh- wie wäre es, wenn die alle mal nicht nett wären? Wenn Reporters Mutter nicht geduscht wird und die Hose nicht gewechselt wird, schreibt er dann immer noch „freundlich“:
„Die Pflegerinnen machen endlich Rebellion, Mutter blieb 3 Tage in der Sch… liegen? “
Sicher nicht. Dann schreibt er:
„Menschenverachtendes Verhalten der rebllierenden Pflegekräfte.“
Garantiert.
Die nächsten Glocken. Zimmer 20 . Chemo ist durch, Patientin übergibt sich. Zimmer 21, Patient hat starke Schmerzen.Zimmer eins: „Mein Nachbar hat sich in mein Bett gelegt, bitte , er will da nicht raus!“
Suska grinst. Sie liebt ihre Arbeit. Aber nicht nur, weil sie nett ist.

Loida- Mutter wird vornehm

Loida ist noch ein paar Tage bei der Mutter geblieben.
Ein paar Tage, das ging, aber dann hat Loida gemerkt, das es sie sehr anstrengt, wieder in der Rolle der Tochter zu sein.
Die Mutter hat eine fordernde Art gegenüber Loida, und obwohl sie viel lachen konnten, und Loida durch die Geschichte der Mutter endlich verstehen konnte, warum alles so ist und war, reicht es Loida und sie muss sich eine Lösung überlegen, wie die Mutter weiter versorgt ist.
„Das Dirndl ist schön geworden, ich freue mich da sehr drüber“, sagt Loida am Morgen, „es gibt am Wochenende eine gute Gelegenheit, dass ich es anziehe!“
„Ja?“, fragt die Mutter, “ wieder ein runder Geburtstag?“
„Die Sabine wird 50″, sagt Loida,“es gibt ein Gartenfest.“
„Dann werde ich hier wieder alleine sein,“ sagt die Mutter. Loida meint, einen leisen Vorwurf in der Stimme zu hören. „Wie soll ich das denn machen mit meiner Hand?Alles?“
„Wir organisieren jemand, der kommt und dir hilft!“
„Nein, “ sagt die Mutter entschieden,“ mir kommt niemand Fremdes ins Haus!“
„Ich kann nicht bleiben, „antwortet Loida, “ ich hab gestern Kontakt mit einem Pflegedienst aufgenommen, die würden einmal am Tag kommen und sehen,was sie für dich machen können. Essen und Einkaufen und Saubermachen, und wenn dann mal wieder sowas ist, dass du stürzt, dann hätten wir gleich jemanden , der sich kümmert!“
Die Mutter schaut böse, hinter ihrem Rücken hat Loida das gemacht, das ärgert sie sehr, das spürt Loida. Wieder diese Heimlichkeiten, das denkt die Mutter.
Loida aber weiss, dass es richtig war, sich erst mal zu erkundigen, wie das überhaupt gehen würde, bevor sie mit der Mutter alles diskutiert, Loida möchte schliesslich wieder nach Hause.
Sie sind dann beide in das Büro vom Pflegedienst gefahren, haben mit der Leitung gesprochen, Loidas Mutter hat gesagt, das sie das eigentlich gar nicht will, aber na gut, ihrer Tochter zuliebe macht sie das, und die Pflegedienstleiterin hat wissend  gelächelt.
Jetzt ist Loida seit zwei Wochen zu Hause, sie telefonieren oft und die Mutter hat gefragt, wie das Gartenfest gewesen ist.
Früher hat sie sich nie dafür interessiert, was Loida so macht. Loida freut sich darüber. Und heute hat die Mutter erzählt, das sie den Pflegedienst gar nicht mehr braucht, aber eben weil die so nett sind und Loida zu liebe…..
„Weisst du, “ sagt die Mutter, “ die kommen immer nur und reden mit mir ne halbe Stunde.  Ich hab ne Geselllschafterin jetzt, wie früher die Von und Zu`s auf dem Dorf. Mit dem Unterschied, das jetzt ich die Gesellschafterin habe, und meine Grossmutter die Gesellschafterin war!“ Sie lacht, sehr fröhlich klingt sie.
„Ich komm mir jetzt mal so richtig vornehm vor! “

 

Hilde- Schritt für Schritt

Hilde geht es richtig gut, sie hat sich in ihrem kleinen Häuschen am Meer auf dem Campingplatz eingerichtet, ihre Tage haben einen festen Rhythmus.

Sie steht auf, wenn es hell wird, und macht ihren Rundgang über den Campingplatz, der jetzt verlassen ist.

Sie sammelt ein paar Pinienzapfen auf, und schaut nach dem Rechten in den Mobilheimen, ob die Fenster und die Türen geschlossen sind, zum Beispiel .
Dann kehrt sie zurück in ihre eigene kleine Bleibe und macht sich einen Milchkaffee. Den trinkt sie auf der kleinen Terasse und beobachtet dabei die kleinen Spatzen, die zu ihr hüpfen und hoffen, dass Hilde ihnen vielleicht ein bisschen Brotkrumen zuwirft.
Sie lauscht auf die Stille.
Sie erinnert sich an den Lärm in der Stadt, an die unermüdlichen Rasenmäher der Nachbarn- wann immer die Sonne schien, knatterten und lärmten diese Gartengeräte.
Das hat sie jetzt nicht. Sie kann die Stille hören, das macht sie glücklich.

Dann zieht sich Hilde an , je nach Wetter, selbst wenn es regnet macht sie das: Sie geht ans Meer.
Davon hat sie früher immer geträumt, am Meer entlang gehen. Ohne Hetze. Ohne auf jemandem zu hören, einfach ihrem eigenen Tempo folgen.
Schritt für Schritt.
Am Anfang hat sie verschiedene Wege ausprobiert, erst ging sie durch das Dorf, dann durch Strasse mit den jetzt geschlossenen Geschäften.
Es ist so still, weil keine Urlauber da sind.
Dann geht sie über den Holzweg , der durch die Dünen führt, ans Meer.
Am Anfang waren noch die Wellenreiter da, die Unverdrossenen, die in ihren Campingwagen auf den Parkplätzen stehen und den ganzen Tag im Wasser auf ihren Brettern sind. Abends hat sie sie manchmal lachen hören und ihre Musik hat sie in ihren Schlaf begleitet.
Aber mittlerweile sind auch die Surfer ausgeblieben. Es ist so wohltuend still, wenn Hilde geht. Und Hilde hat ihren festen Weg. Durch den Pinienwald, über den Holzweg durch die Dünen, an den verschlossenen Meerblickvillen vorbei , am Strand entlang. Erst links hinunter, durch den Sand, und später dann  zurück über die Anhöhe, durch den Ginster und die Brombeeren, das Meer von oben betrachtend zu ihrer linken Hand,  bis sie wieder im Dorf ist.
Nur sie,  Hilde, das Meer,die Wellen und der Wind.

Sie ist jetzt ganz für sich. Schritt für Schritt.
Sie hat ihren eigenen Rhythmus gefunden

Suska- und das mit dem vegan-sein

Das mit dem Vegan-essen lässt Suska nicht mehr los. Obwohl sie dieser Ärztin beileibe nicht recht geben möchte, aber Gedanken macht sie sich schon. Über Tierhaltung und Konsum- ein bisschen was ändern kann sie ja. Eier beim Bauernhof kaufen, und Fleisch nur noch von einem Metzger, bei dem sie weiss, wo es herkommt. Und weil das teurer wird, gibt es halt weniger. Und eben mehr Gemüse. Vielleicht auch regionales, aus einer Biokiste, die sie sich liefern lassen kann.

Dann kommt Bero, der  Sohn , eines Tages aus der Schule  und erklärt, das er jetzt kein Fleisch mehr essen wird und auch keine anderen tierischen Produkte.
Vegan sei er jetzt.
Suska wird es ganz flau, was soll sie denn jetzt wirklich kochen?Ohne Sahne, ohne Käse, ohne Milch!
Ich koch schon selber, Mama, sagt er. Da ist Suska gespannt, ob das so klappt?
Es klappt, Bero kocht Gemüse, Linsen kommen jetzt ins Haus, und Getreide, von dem Suska noch nie gehört hat. Quinoa allerdings das schmeckt ihr nicht. Dann diese Körner ,die so aufweichen in Flüssigkeit, da schüttelt es Suska auch, dieser geschmacklose Matsch im Mund ist nichts für sie. Aber wenn es Bero schmeckt! Eines Tages sagt sie: Heute koch ich. Vegan! Lass dich überraschen!
Sie will vegane Pfannkuchen machen. Statt der Milch, hat sie sich überlegt, nimmt sie Mandelmilch. Und statt Butter in die Pfanne nimmt sie Margarine. Sie kauft Dinkelmehl, das soll auch sehr gesund sein und den weissen Zucker tauscht sie gegen Agavendicksaft. Das wird ihren gesundheitsbewussten Bero freuen!
Allerdings hat sie gelesen, das das mit den Mandeln auch nicht mehr so einwandfrei ist, Bienenvölker werden zum Befruchten der Mandelblüten hohem Stress ausgesetzt und müssen reisen, um alle Mandelbäume zu bestäuben, das ist auch Tierquälerei, findet Suska.
Aber nun gut, das macht sie jetzt trotzdem mit dieser Ersatzmilch.
Sie macht einen schönen geschmeidigen Teig mit der Mandelmilch und dem Dinkelmehl, zerlässt die Margarine in der Pfanne, der erste Pfannkuchen wird wie immer nichts, zu blass, zu dick, aber der zweite und  der dritte, die werden perfekt. Sie schichtet sie vorsichtig auf, Bero will zudem heute auch noch seine Freundin mitbringen, die sie noch nicht kennt, da muss es pefekt sein. Sie hat zur Feier des Tages eine wunderbare Marmelade gekauft, mit dem schönen Slogan: Glück aus Himbeeren, das passt zu dem heutigen Tag, denkt sie.
Alle Pfannkuchen sind  zum Wärmen im Ofen, der Tisch ist hübsch gedeckt, die Glückmarmelade auf dem Tisch.
Beros Freundin ist nett und offen, und Suska präsentiert stolz: Meine Veganen Pfannkuchen! Mandelmilch, Margarine, Agavendicksaft, Dinkelmehl! Na, was sagst du, Bero?
Und anstelle der Eier? fragt Bero.
Eier!
Suska wird es ganz heiss, meine Güte, das hat sie total übersehen! Eier sind vom Tier, selbt wenn es glückliche Hühner waren!
Fast kommen ihr die Tränen, aber Bero lacht laut, typisch Mama, essen wir halt heute vegane Pfannkuchen mit glücklichen Eiern und gücklicher Marmelade von glücklichen Himbeeren!
Und so gut haben die lange nicht mehr geschmeckt!

Suska- züngelnder Flammenzorn

Suska sitzt im Sprechzimmer der Betriebsärztin, alle paar Jahre muss der Arbeitnehmer eine Betriebsärztliche Untersuchung vornehmen lassen.
Also hat sich Suska heute dort Blut abnehmen lassen, Gewichtskontrolle, und jetzt Fragen von der Ärztin.

„Wie geht es Ihnen? Sind Sie immer noch auf der Intensivstation?“
„Nein, ich mach eine Fachweiterbildung.“
„Als was? In Ihrem Alter? Lohnt sich das denn? Sie gehen in 18 Jahre in Rente,
wahrscheinlich schon in 11, wenn ich Sie so angucke. Sie haben Übergewicht!“
„Ja, ich weiss, “ sagt Suska kleinlaut. „Das ist der Schichtdienst. Mich machen diese Nachtdienste immer so fertig.“
„Ja, das kenn ich , “ sagt die Betriebsärztin, „ich hab auch mal zwei Monate Schichtdienst gemacht, das war so anstrengend, aber Sie sollten das ja gewöhnt sein.
Ich geb Ihnen einen Tipp: Ernähren Sie sich vegan! Dann verlieren Sie Gewicht, Sie fühlen sich besser, der Schichtdienst ist besser zu schaffen, alles wird besser, glauben Sie mir! Hier haben Sie mal ein paar Broschüren, aus so Schlachthöfen, wie die Tiere leiden müssen, damit der Mensch sie essen kann,das wollen Sie nicht wirklich sehen! Sie können danach kein Fleisch mehr essen, wenn Sie das gesehen haben!
Also, ich hab mich , als ich mit Vegan anfing, dann so gut gefühlt und ich hab auch kein schlechtes Gewissen mehr wegen unschuldiger Tiere, die wegen mir sterben würden, tun sie ja nicht mehr wegen mir! Und meine Mutter, wissen Sie, die ist jetzt 89 und vor 4 Jahren wurde Demenz festgestellt, sie hat nicht mehr gesprochen und dann hab ich sie auch nur noch vegan essen lassen und Sie glauben es nicht! Sie redet wieder!“

Erst ist Suska sprachlos.
Dann spürt sie, wie ihre Kopfhaut kribbelt, das hat sie manchmal wenn sie zornig wird. Dann wachsen aus ihrem Kopf kleine züngelnde Zornflammen, die immer grösser werden. Sie spürt , wie die Flammen jetzt auch wachsen und zischeln. Sie steht vom Stuhl auf. Sie ist eine wogende Energiemasse, ihr Körper bebt und wogt wie die grossen Wellen im Meer, wenn sie anrollen, und  auf ihrem Kopf züngeln die Flammen.
Die Betriebsärztin wird ganz klein in ihrem Bürostuhl.
Suska wird immer grösser und gewaltiger. Als sie anfängt zu sprechen, prasseln die Worte wie Hagelkörner auf die kleine Betriebsärztin.
„So, meinen Sie… Ich bin übergewichtig und zu alt um mich fortzubilden. Vielleicht hätten Sie das auch tun sollen, sich fortbilden, als hier ihre täglichen 4 Stunden abzusitzen und die hart arbeitenden Krankenpflegekräfte zu beleidigen! Niemand ist jemals zu alt, um zu lernen! Wenn man etwas ändern will an seiner Situation, ist etwas zu lernen sehr hilfreich!
Sie sollten vielleicht mal motivieren üben , wenn jemand kommt und Ihnen seine Sorgen erzählt!
Und mein Übergewicht, das hat sicher Gründe, aber das hindert mich nicht, etwas dagegen zu tun! Sie haben nicht gefragt, was ich dagegen tue, Sie haben mich davon zu überzeugen versucht, das zu tun, was Sie toll finden, ich aber nicht! Ich liebe Wurst und Käse.
Und dass Ihre Mutter wieder reden gelernt hat, war wahrscheinlich aus reiner Not, ich bin mir sicher , sie hat gesagt: Ich möchte so gerne ein Wurstbrot!Gib mir Fleisch! Und Käsekuchen! Und ich hoffe, sie hat es bekommen, damit sie noch ein wenig Freude hat in ihrem Leben! “

Und Suska dreht sich um und schreitet zur Tür, die sich von allein öffnet, sie muss die Klinke gar nicht berühren, soviel ZornesEnergie hat sie, dass die Türen von allein aufspringen!
Die Flammen züngeln und zischeln auf ihrem Kopf, ihr Körper wogt und rollt, und sie hat ihren Kopf hoch erhoben und die Augen klar, und sie  weiss, das alles richtig ist, wie sie es tut.

(Diese Geschicht ist frei erfunden! Wie alle anderen meistens auch 😉 )

Flida- Achtsamkeit und Pippi Langstrumpfs Zöpfe

Flida übt Achtsamkeit. Und Selbstwertschätzung. Es gibt ein Onlineprogramm: Selbstwahrnehmung. Jeden Tag eine Übung zur Achtsamkeit. Sie hat sich das als APP auf ihr Handy geholt, gelobt sei die Technik, und will jetzt jeden Tag eine Übung machen. Begonnen hat sie mit:Eine Rosine riechen, sehen, schmecken. Leider ist die ihr runter gefallen und kullerte unter das verstaubten Sofa.
Egal.
Manchmal blinkt das Handy und schreibt ihr Botschaften: Gehe ruhig! Atme tief! Mache kleine Schritte! Das gefällt Flida irgendwie.
Am zweiten Tag war die Aufgabe: Langsam gehen. Das war schön, sie ist im Regen durch den Wald gelaufen, nein, eher gegangen,  und hat versucht zu spüren, und zu hören und zu riechen. Schön war es, weil sie keine Kalorien abbauen und keine Kilometer schaffen musste, sie ging einfach nur.
Am dritten Tag sollte sie achtsam Zähne putzen, das hat sie sein lassen, sie ist vielmehr zum Friseur gegangen, sich achtsam verschönern lassen wollte sie. Wimpern färben, Augenbrauen in Form bringen. Beim Wimpern färben müssen die Augen geschlossen bleiben, das ist ne gute Übung, denkt Flida, 15 Minuten mit geschlossenen Augen in einer unbequemen Stellung mit überstrecktem Kopf-was werde ich fühlen?

Sie hört auf die Geräusche im Salon, auf die Stimmen der Friseurinnen, auf die Gespräche der Kundinnen. „Bitte, sind Sie sicher, das er mir die Haare waschen kann?“
„Aber natürlich, das ist unser Lehrling, der kann das !“ hört Flida die Friseurin sagen. Sie hat vorher eine Stimme gehört, eine tiefe, die nicht akzentfrei deutsch sprach, das wird der Lehrling sein. „Dann sagen Sie ihm bitte, er soll nicht so fest aufdrücken, ich habe eine sehr empfindliche Kopfhaut, und wie lange dauert die Kur, die er mir da rein tun soll?“
„1o Minuten“, antwortet die Friseurin. „Hach, das ist aber,… das ist lang, haben Sie nicht, sowas was drin bleiben kann….“
Herrje, denkt Flida, eben hat sie sich noch gefreut, das sie so schnell dran kommt, jetzt mosert sie , das ihr  das zu lang dauert.Schnepfe…
Achtsamkeit! Sie muss da ja nicht hinhören.
Sie lauscht auf die Geräusche ferner vom Salon, die Strasse, jemand lacht, ein Fön wird angeworfen… die Türglocke geht … Schwupps, ist sie wieder da. Augen bleiben zu, sonst brennt es .

„Guten Tag, können Sie Zöpfe flechten?“
„Ah, also, ich nicht, aber ich frag mal.Fatma! Kannst du Zöpfe flechten?“
Huch, denkt Flida, eine Friseurin die nicht Zöpfe flechten kann?Aber Fatma kann.
„Ist für meine Kleine hier, Schnellentschluss, sie will 2 Zöpfe. Sie will die Mama überraschen.“
Flida hört, wie das Kind auf den Stuhl gesetzt wird und  der Papa fragt: „Was willst du denn für Zöpfe? Wie Anna?“ (Ah, denkt Flida, das ist ne Comicfigur! ) „Oder wie die andere, die Elisa? Oder wie Pippi Langstrumpf?“
Flida ist gespannt!
„Wie…, wie Pippi!“ hört sie.

Und Flida hofft sehr, dass  ihre Wimpern fertig gefärbt sind,wenn die Zöpfe geflochten sind,  damit sie diese Pippi-Langstrumpf-Zöpfe sehen kann!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Flida- Das Teufelchen ignorieren

Flida hat Zeit gehabt in den 3 Tagen, in denen sie zu Hause gebleiben ist. Zeit zum denken und zum überdenken. Sie hat ein Buch gefunden, dass sie früher mal gelesen hat, da ging es um „den inneren Kritiker“ und den „inneren Antreiber“. Flida kennt die beiden, sie sitzen als Teufelchen auf ihrer Schulter. Das erkennt sie jetzt. Sie hat in dem Buch geblättert und findet auf einer Seite, die sie sich vor viele Jahren schon angestrichen hat, den einen Satz, den sie fast schon  vergessen hat:
Sperren Sie Ihren Kritiker und Inneren Antreiber in eine Kiste und machen Sie diese fest zu.
Das macht Flida jetzt, sie holt eine Schachtel aus dem Keller, polstert sie mit weichen Tüchern aus, und holt das schreiende tobende Teufelchen von ihrer Schulter. Es kratzt und beisst und heult und kreischt, aber Flida ist unerbittlich. „Da kommst du jetzt rein, vielleicht hol ich dich mal wieder raus, wenn du dich gut benimmst, aber sicher bin ich mir da jetzt nicht. “ Und sie stopft das Teufelchen in die Kiste und macht den Deckel fest zu. Die Kiste wackelt, weil das Teufelchen sehr tobt, und Flida hört es kratzen und schaben, aber das will sie ignorieren, beschliesst sie.
Am nächsten Morgen , im Büro, wird sie fröhlich empfangen. „Endlich bist du wieder da!“
Das hört Flida natürlich gerne, aber als sie gefragt wird, ob sie den Stapel Briefe von der Kollegin abarbeiten kann, sagt Flida :
Nein.
Der Chef kommt und fragt, ob Flida am Wochenende arbeiten kann.
Flida sagt: Nein.
Alle schauen erstaunt.
Und gegen Feierabend, als die jungen Kolleginnen aufbrechen wollen, sagt Flida:
“ Räumt bitte euer Zeug noch weg, ich muss heute pünktlich gehen!“
Da gucken die Kolleginnen und sagen: “ Aber wir haben ein Date!“
Flida sagt: „Ich auch!“
„Aber du hast doch den LAT-Gefährten!(LivingApartTogetherGefährte)“
„Ja, “ sagt Flida, “ mit dem hab ich ein Date. Ich bringe dem seine ungebügelte Wäsche zurück und dann , wer weiss, was ich dann mache, aber Zeit , euer Zeug aufzuräumen, hab ich nicht!“
Und Flida ist stolz, dass sie das sagen konnte, denn jetzt denkt sie endlich mal an sich. Und das Teufelchen hat sie ja heute zu Hause gelassen.

Augsburg -Moritzkirche

Es gibt Beiträge in diesem Forum, die mich dazubringen, etwas zu tun.

Diesmal war es der Beitrag von Oecherin18Worte, über die Moritzkirche Augsburg.
An dieser Kirche gehe ich oft vorbei. Als ich neu in Augsburg lebte, war ich mal drinnen, da war sie Baustelle. Überall hingen Schutztücher von der Decke, Gerüste waren aufgebaut, diese Kirche wirkte nicht heimelig. Es war eine Baustelle.
Wer wird in einer Baustelle Andacht finden? Ich nicht. Und so verschwand diese Kirche in meiner Wahrnehmung. Um zur Ruhe zu kommen, ging ich in den Augsburger Dom. Ich sah zwar manchmal den Aufruf, in den Moritzpunkt zu gehen und dachte, das ist bestimmt schön dort, aber ich ging nie. Warum nicht? Zuviel Hektik im Leben, zuviel Emsigkeit.

Aber dann las ich den Beitrag von 18 Worte und dachte, andere Menschen reisen nach Augsburg, und sehen sich das an,  und ich gehe fast wöchentlich dort vorbei.
Heute geh ich hin, hab ich beschlossen.
Und ja, sie hat recht mit ihren Worten, die Oecherin.(Schaut in ihren Blog, welche wunderbaren Worte sie findet dafür.)

Ich bin selten ergriffen von Architektur. Dort bin ich es.


Ich bin keine Kunstbeschreiberin, keine Architekturkennerin.
Aber wenn ich an einem Ort stehe, an dem ich Ruhe finde, der mein Herz ergreift, der mir eine Gänsehaut macht ob der Schlichtheit und der Transparenz und der Klarheit, die ich dort spüre, dann ist es ein besonderer Ort.

Schauen.
Stille werden.
Stille spüren.
Stille hören.
Ruhig werden.
Still sein.

Danke.