Im Sommer am See

Es gibt perfekte Stunden.

Gestern bin ich mit dem grossen Boot auf dem kleinen Auto und der SchönstenTochter neben mir an den See gefahren, sozusagen an Orte ihrer Kindheit.
„Weisst du noch, da an dem Kiosk haben wir immer Eis geholt.“
Den Ort finden, an dem wir das Boot ins Wasser lassen können, sie wusste, wo es geht.
Der See ist spiegelglatt, still, heiss die Luft.
Das gleichmässige rhythmische Eintauchen der Paddel in die Wasseroberfläche. Wir gleiten am Ufer entlang. Stimmen der Badenden dringen zu uns, wir verstehen fast jedes Wort, hören das Lachen der Grossmutter, die versucht , angefeuert von ihrem Enkel, auf dem Surfboard zum Stehen zu kommen. Wir lauschen den Gesprächen der anderen Badenden, und ich reime mir das, was ich nicht verstehe, dazu.

Weisst du noch…Erinnerungen an Familiensonnenuntergänge, aufgeschnittene Fussohlen und Brotzeiten in der Abendsonne. Die SchönsteTochter und ihre Brüder, eingewickelt in Badehandtücher , sich an den Eltern wärmend,…lang ist es her, irgendwie.
Sie spricht von den jungen Leuten , die ein Projekt starten wollen und sie soll ihnen dabei helfen.
„Ja, was bist du denn dann, wenn du von den jungen Leuten sprichst?“ lache ich. „Ich bin nicht mehr ganz jung, “ grinst sie, “ ich hab Erfahrung!“

Picknick am Ufer: “ Davon nehmen wir aber nichts mehr mit heim!“ freut sie sich.

Und wir haben auf den Sonnenuntergang gewartet und wir hatten alle Zeit der Welt.

Und beim Heimfahren haben wir die Autobahn gemieden und sind mit dem grossen Boot auf dem Dach vom kleinen Auto irgendwo durch irgendwelche Dörfer gefahren, irgendwie werden wir heimkommen, wussten wir.

Im Sommer

Im Sommer sind andere Dinge wichtig. Für den Blog schreiben,das geht bei Regen gut. Im Sommer geht das nicht.
Im Sommer fahre ich an den See und schwimme im moorig-goldenen Wasser. Tauche ein, denke nicht nach.
Im Sommer muss nicht gekocht werden, es ist niemand  da- alle sind auf Reisen.
Im Sommer fahre ich mit dem Roller durch die Stadt und besuche Menschen in ihren Häusern und Gärten.
Ich treffe Menschen in Cafes, die Himmelgrün oder Sonnenblau oder Regenhell heissen und trinke Rosenlimonade.
In der Nähe der Fluss mit seinen Auen.
Stille.

Im Garten , daheim, die Hummeln und die Bienen, in den Blüten, kein Rasenmäher brummt, es ist zwölf Uhr. Stille.

Das Boot wartet auf dem Autodach, vielleicht gelingt es heute, an den Grossen See zu fahren, mit der SchönstenTochter, der liebsten Paddelbegleitung.
Traditionen fortführen- vielleicht ist es das, ich, die Tochter,  mit dem Vater, morgens , im alten Paddelboot sind wir über den See gefahren,  Schweigen, gemeinsames Schweigen und so viel Nähe, damals, im Sommer.
Sommersehnsucht. Und jetzt die Mutter mit der SchönstenTochter…..

(Und gleich heule ich über meinen eigenen Text! )

Drilliring– aufgewacht aus der Sommersentimentalität….eine SMS: Bin fertig! Holst du mich ab?
Yepp! Rin inne Schlappen und los geht es! An den Grossen See mit Boot auf dem Dach vom kleinen Auto.

Was freu ich mich!

 

Suska- eine Minute

„Ich wünschte, ich hätte deine Ruhe“, hat gestern eine Kollegin zu Suska gesagt, “ ich wünschte, ich hätte deine Geduld.“
„Warum meinst du, hast du das nicht?“ , fragte Suska.
„Ich kann das nicht, mich ans Bett setzen, und da sitzen und warten, dass er sich beruhigt. Ich denke oft, oh man, lass mir doch meine Ruhe! Ich hab noch soviel zu tun!Und Angst hab ich auch, weil ich oft nicht weiss, was ich tun soll“
„Ich weiss wie das ist,“ hat Suska  geantwortet, „ich kenn das von früher, wenn ich so unsicher war. Und  das eben, da Zeit zu haben und Geduld , da war das nötig- der hatte Todesangst!“
Und die hatte er wirklich, der alte Mann, der plötzlich keine Luft mehr richtig einatmen konnte, weil sein Lunge spastisch war, und weil er sowieso weiss, das er bald sterben muss. Da hat Suska ihm eine Inhalationsmaske gemacht, und hat sich an sein Bett gesetzt und gefragt, ob sie ihre Hand auf seinen Brustkorb legen darf, damit er dahin atmet wo ihre Hand ist.

„Aber Sie müssen fester drauf drücken, ich spüre sie gar nicht!“ hat der alte Mann gerufen und Suskas Hand auf sein Herz gedrückt. “ Da- spüren Sie, wie es klopft, es rast, sie müssen es einfangen!“
„Ja, “ hat Suska gesagt ,“ich werde aufpassen, dass es nicht davon springt, “  und ist am Bettrand sitzen geblieben und und hat mit dem Mann ruhig geprochen, während ihre Kollegin den Stationsarzt holen sollte.
Der aber, wie es oft ist, in der Frühbesprechung war.

Es ist ihr nichts anderes übrig geblieben, als zu warten, zu beruhigen, hinatmen zu lassen und sie erinnerte sich an das, was sie im Palliativkurs gelernt hatte.

Ruhig bleiben, Türen öffnen, freimachen bei dieser Atemangst.

Dem Patienten ging es allmählich besser. „Bitte , gehen Sie nicht weg“ hat er gebeten und Suska hat gelächelt, dass sie dableibt, natürlich bleibt sie da und sie lässt die Hand auf seinem Herzen, wenn er das will.
Er wurde ruhig. Der Arzt kam und ordnete die Medikamente an, die Suska auch hätte geben wollen.
„Was ist mit mir?“ eine klagende Männerstimme aus dem Nachbarbett. „Ich hab auch Schmerzen, wann reiben Sie meinen Rücken ein?“
„Kindergarten!“ dachte Suska, sagte aber:“Mach ich gleich. Ich hole nur noch was, da bin ich auch für Sie da!“
Als sie wenige Minuten später wieder ins Zimmer musste, weil die Infusomaten piepsten ,stand Suska zwischen den Patientenbetten und hat überlegt, was die Ursache für das Gepiepe war.
Da hat sie gespürt, wie von rechts und von links jeweils eine greise Männerhand nach ihren Händen greifen, gleichzeitig, und  beide kranken Männer sagten: „Bitte, gehen Sie nicht weg!“
Suska hat gelacht und gesagt:“Bin ich Mutter Theresia?“  und da lachten die Männer auch und der mit der Atemnnot sagte:“ Sie waren heut mein Lichtblick!“ da hat sich Suska gefreut.
Sie hat später zu ihrer Kollegin gesagt, dass es nicht nötig ist, stundenlang Gespräche zu führen mit den Patienten oder ewig am Bett zu sitzen, es reicht manchmal eine Minute ganze Hinwendung, in Körpersprache und Blicken,ein ehrliches warmes Lächeln,  um dem kranken Menschen zu zeigen: Ich nehme dich ernst, ich bin da.

Da hat ihre junge Kollegin gelächelt  und gesagt:“Das werde ich auf alle Fälle versuchen zu tun! „

Vom Wandern….

Hilde , manch einer kennt sie, ist letztens wieder aufgetaucht. Und ich hab überlegt, wie es ihr wohl geht.

Ich glaube, sie hat sich gut eingerichtet in ihrem neuen Leben. Sie hat einen Tanzpartner gefunden (ehrlich, er ist wirklich nur ein Tanzpartner!) Jeden ersten Samstag im Monat treffen sie sich in der Tanzschule und der Tanzpartner schwingt Hilde durch die Luft und hinterher fühlt sich Hilde immer sehr wohl und glücklich.
Sie braucht das Tanzen auch, denn vorher geht sie immer zu Herbert in sein Pflegeheim und benötigt hinterher einen Ausgleich.

Dass der Herbert nämlich mit der Zeit immer knurriger und unfreundlicher zu Hilde geworden ist, das erzählt sie niemandem. Sie weiss insgeheim, was die Leute sagen würden: Es sei ja auch kein Wunder, wenn der Herbert so unzufrieden ist, schliesslich hat sie , Hilde, es sich schön gemacht ohne ihn, und eigentlich gehöre man ja zusammen , durch gute  und schlechte Zeiten,  und sie schiebt ihn einfach ab ins Heim, da brauche sie sich nicht wundern, wenn er so knurrig ist!

Deshalb schweigt Hilde und erträgt stumm Herberts böse Worte.

Aber nach ihren Besuchen macht sie dann immer was Schönes.
Entweder geht sie tanzen oder sie streift durch die Stadt, oder sie geht am Fluss entlang. Und letzten Sonntag, da hat sie den knurrigen Herbert bereits am Morgen besucht, und natürlich hat er sie angepflaumt, was sie schon so früh bei ihm wolle!
Da hat sie ihm ihre Bergstiefel unter die Nase gehalten und gesagt: „Ich geh wandern! In die Berge!“  „Pah!“ hat der Herbert gemacht, „du mit deiner Höhenangst!“
Und hat sich in seinem Rollstuhl zum Pfleger gedreht und diesem zugeraunt: „Depperte Weibsen!“ aber der Pfleger hat nicht reagiert, sondern hat Herberts Urinbeutel geleert und Hilde zugelächelt und ihr einen schönen Tag in den Bergen gewünscht.

Da ist Hilde losmarschiert, hat sich in das Auto zu ihrer Freundin gesetzt und sie sind gemeinsam losgefahren. In die Berge. Sie haben eine wunderschöne Wanderung gemacht, und es war nicht schlimm,dass so viele Leute dieselbe Idee hatten, und mit Kind und Kegel auf die Alm gegangen sind.
Nächstes Mal nimmt sie ihre Tochter und die Enkel mit, denn bei der Alm ist ein Spielplatz, und die Kinder, die erst schnaufend und jammernd den Berg hinaufgegangen sind, haben sich sofort auf die Schaukeln gestürtzt, und  vergessen, wie müde und langweilig und anstrengend diese Bergwanderung war. Das würden ihre Enkel wahrscheinlich genauso machen, denkt Hilde, klagen und jammern und stöhnen, und wenn sie die Schaukeln und das Klettergerüst sehen, dann ist alle Mühsal vergessen.

Sie kann  dann mit der Tochter einen Apfelstrudel essen, während die Kinder spielen, die Tochte braucht auch manchmal eine Alltagspause.
Aber jetzt wandert Hilde allein, was für eine wunderbare Wanderung!

Hilde tankt ihre Augen auf mit Grün und atmet ihre Nase und ihre Brust mit heller sauberer Luft voll. Sie spürt ihren Herzschlag beim Hinaufgehen und ihre Knie beim Hinabgehen.
Sie betrachtet Wurzeln und sammelt die Bilder in sich.

Und einmal muss sie ganz laut juchzen, aber es ist egal, wer was von ihr denkt, sie hat dreimal das Echo ihres Juchzers gehört. Da lachen sie, Hilde  und ihre Freundin, und juchzen und jauchzen gleich noch mehr.
„Oide depperte Weibsen, die mir san!Oide Jodelweibsen! “
Und sie jauchzjodeln, bis sie nicht mehr können.

Dann atmen sie die Stille.

Vom Befreien

Hilde, der dritte Teil. 🙂

Gezeitenwechsel

Liebe S.!
(Und  liebe Leserinnen, die ihr so viel Anteil an Hildes Geschichte nehmt.)
Schön wäre es, wenn Hilde auf dem Campingplatz am Atlantik einen Job in der Rezeption gefunden hätte, der Campingplatzbesitzer hätte sich in Hilde verliebt und sie hätte auf ewig täglich Spaziergänge am Strand machen können. Aber Hilde wollte ja heim.
Vielleicht nicht unbedingt zu ihrem Herbert, aber sie hat ja 2 Enkelkinder, die sie liebt und eine Tochter, die meistens ja auch nett ist und die sie ebenfalls liebt. Seine Kinder liebt man einfach, egal wie ekelhaft die ihre Mutter auch manchmal behandeln.
Hilde fuhr also wieder nach A. zurück, ihre Siebensachen passten in eine kleine Sporttasche, in den Ohren hatte sie immer noch das Rauschen des Meeres und um den Hals trug sie eine Muschel, die sie am letzten Tag gefunden hatte. Die Muschel hat ein Loch an ihrer engsten Stelle, und Hilde hat sie…

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Vom Meer und den Wellen

Hilde-Teil2

Gezeitenwechsel

Liebe S.,

Erinnerst du dich an Hilde? Aus meinem Beitrag Vom Weggehen ?
Ich hab heute überlegt,was wohl aus ihr geworden ist? Vielleicht ist sie tatsächlich in Paris angekommen und hat sich am Gare de L`Ést  im Intercontihotel ein Zimmer genommen. Um eine kleine heimelige Pension zu suchen, reichen ihre Französischkenntnisse nicht aus.Sie hat sich 3 Tage durch die Stadt treiben lassen, mit dem Taxi konnte sie sich immer wieder ins Intercontihotel bringen lassen, das ist nicht schwer auszusprechen und jeder Pariser Taxifahrer kennt es. Aber nach 3 Tagen hat ihr der  Trubel der Grossstadt gereicht. Sie ist zum Bahnhof an den Reisebüroschalter gegangen.Irgendwie hatte sie Sehnsucht nach dem Meer.
Am Schalter sass ein junge Frau. Hilde fragte zaghaft: „Sprechen Sie ein bisschen Deutsch?“
Die junge Frau begann zu strahlen und sagte: „Ja, gerne, ich hab in der Schule Deutsch gelernt, wie kann ich Ihnen helfen? “
„Ich möchte ans…

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Vom Weggehen

Hier ist meine „Hilde-Geschichte, die ich letztes Jahr auf „Gezeitenwechselblog“ schrieb. Sie passt auch in diesen Wechselzeiten-Blog rein. Vielleicht kommt Hilde noch mal wieder. 🙂

Gezeitenwechsel

Liebe S.,

heute morgen las ich eine schöne Geschichte von Arabella, übers Weggehen. In den Kommentaren tauchte die Frage auf, warum in den Geschichten meist die Männer weggehen. Frauen scheinen zu bleiben, ausser bei Thelma und Louise, aber die mussten notgedrungen weg, wegen Gewalt.

Irgendwie beschäftigte mich das heute, die Sache mit dem Weggehen.

Ich war heute im Tierpark, mit einer Freundin. Menschen und Tiere beobachten. Wenn ich Zeit habe und Muße, liebe ich es, Menschen zu beobachten. Mütter mit ihren Kindern, Paare, frisch verliebt, der halbwüchsige Sohn führt den kleinen Hund an der Leine, sichtlich genervt von der Mutter und ihrem neuen Freund. Ein einsamer Mann geht vor uns. Am Hyänengehege fängt er an zu heulen. Die Tiere antworten ihm.

Im Terrarium dann eine Familie, bestehend aus einem älteren Mann im Rollstuhl, seiner Ehefrau und deren Tochter. Diese schob einen Zwillingskinderwagen. In dem Kinderwagen lagen zwei Buben, vielleicht…

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Nachtrag zu „Mein Gewissen schmerzt noch immer….“

Also, ich schaffe es nicht. Ich schaffe es nicht, diesem Blog das von mir erwählte Konzept: Frauengeschichten – ich lasse meine vier Damen zu Wort kommen und sonst nichts, einzuhalten- ich hab selber manchmal viel zu erzählen.
Und das kann ich dann nicht in diese Geschichten verpacken, das passt dann nicht.
Also gibt es jetzt auch die Rubrik: Katrin schreibt und das passt dann auch wieder ins Konzept.

Ich habe eben einen Beitrag rebloggt, und da möchte ich gerne was dazufügen:

Ich habe überlegt, warum es so oft die Männer sind, die Anerkennung bekommen, weil sie jemanden retten oder weil sie Gutes tun.

Juck Plotz antwortete darauf:

Danke für´s Lesen.
Dass wir mehr über Männer als Frauen wissen, ist, denke ich, auch der Tatsache geschuldet, dass Frauen in dieser Zeit eben noch nicht den Status hatten, wie die Männer. Dass Frauen während des Krieges und auch danach sehr viel geleistet haben, steht ausser Frage. Du hast absolut Recht, es ist beschämend, dass wir so wenig darüber wissen. Ich kann mir nur ansatzweise vorstellen, wie schwer es für solche engagierten Menschen war, gegen die Masse zu agieren. Und noch mehr beschämend finde ich, wie wenig wir uns heute trauen, alleine nur den Mund aufzumachen
Grüße
Jörg

Mir fiel dazu ein Erlebnis ein, das ich während der Zeit meines Pflegedienstes in M. hatte. Ich betreute eine mittlerweile sehr alte Dame mit Demenz. Im Pflegedienst gehe ich zu den Leuten in ihre Wohnung, und einmal ging sie mit mir auch aus ihrem Schlafzimmer in ihre Wohn- und Esszimmer.
Es lagen auf den Bänken und Stühlen viele Zeitungsartikel und Auszeichnungen, für ihre geleisteten Dienste in der NS-Zeit. Ich wusste nicht viel damit anzufangen, denn es wurde aus den Artikeln nicht klar, WAS sie getan hatte.
Ich fragte sie: „Was haben Sie gemacht, dass Sie so geehrt werden?“
Sie sah mich mit grossen Augen an.
„Ich war im Widerstand!“ sagte sie, mit einer ganz besonderen Stimme.
Nach und nach kam raus, dass sie mit ihrem Mann Bilder aus dem Land geschafft hatte von verbotenen und verfolgten Künstlern, und als ihr Mann dann fliehen musste oder eingezogen wurde, ich weiss nichts genaues mehr, jedenfalls, war sie dann alleine und sie hat weiter Bilder und Zeichnungen ausser Landes geschafft.
Ich glaub, nach Skandinavien.
Ich war beeindruckt, vor allem weil sie so bescheiden war, während sie das erzählte.

Und dann weiss ich noch eine andere Geschichte,die ganz stark von der Schuld geprägt ist, NICHTS getan haben können.
Ebenfalls eine alte demente Patientin, diesmal in A. , die ich auf ihre gezeichneten Bilder in der Wohnung ansprach.
Sie sagte:
„Das war die Strasse mit der Synagoge. “
Und ihre Stimme wandelte sich, sie sprach wie eine 14 jährige und erzählte von ihrer Freundin, die Jüdin war und immer in diese Synagoge ging, und eines Abends war Lärm auf der Strasse und als sie, die „Patientin“ rausging, sah sie, wie ihre Freundin und deren Familie auf eine Transportwagen gestossen wurden, während der Vater der „Patientin“, der Gauleiter war, ihnen befahl , darauf zu steigen. „Und ich konnte nichts tun!“ hat sie geweint.
Sie hat sehr geweint, und ich hab mich gefragt, ob es nötig war, ihr diese Fragen zustellen und   alte tiefe Wunden aufzureissen.
Und deshalb erzähle ich diese Geschichten, es gab Menschen, die konnten was dagegen tun, und andere waren hilflos.
Danke, juckPlotz, für deinen Beitrag über Irena Sendler.

Mein Gewissen schmerzt mich noch immer, dass ich nicht mehr tun konnte

JuckPlotz

Diesen Satz sagte vor zehn Jahren eine Frau, die ihr Leben einsetzte, um andere Leben zu retten. Von einer Frau, die rund 2500 Kinder aus dem Warschauer Ghetto vor dem sicheren Tod rettete.
Diese Frau wurde 2007 für den Friedensnobelpreis nominiert, den dann am Ende Al Gore für einen Film erhalten hat, der die Welt bezüglich der Klimaerwärmung aufrütteln sollte.

Al Gore war Vizepräsident der Vereinigten Staaten von Amerika, deren heutige Regierung aus dem Klimaschutzabkommen aussteigt und die mit „America First“ zeigt, dass wirtschaftliche Interessen (heute) wichtiger sind als alles andere.

Irena Sendler, von der ich hier ein wenig berichten möchte, hat also nicht den Friedensnobelpreis bekommen. Bescheiden, wie sie war, hätte sie bestimmt gemeint, dass sie ihn nicht verdient hätte.
Kurz vor ihrem Tod wurde sie vom Parlament in Warschau zur nationalen Heldin ernannt. Der damalige Präsident Lech Kacynski bezeichnete sie als “ Symbol für alle Polen, die während…

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Loida näht

Vorsichtig schneidet Loida den Stoff zu . Vorderes Oberteil, hinteres Oberteil, die Ärmel, und 6 mal die Bahnen für den Rock im Stoffbruch. Und , nicht zu vergessen, die Bauchpasse. Rückwärtige und vordere Passe. Ordentlich, mit Nahtzugaben.
Als sie gestern mit ihrer Mutter telefonierte und ihr erzählte, dass sie ein Kleid nähen will, hat ihre Mutter“Ach du liebe Güte!“ ins Telefon gerufen. Traut ihr denn keiner was zu? „Langes Fädchen, faules Mädchen“, hat die Mutter noch gesagt, „pass auf den Faden auf, je länger der ist, umso eher verheddert der sich!“
„Mutter, ich bin erwachsen, ich kann nähen!“ hat Loida gesagt, „ich schick dir ein Foto wenn es fertig ist“, und hat aufgelegt.
Sollen sie doch blöd reden, sie erzählt keinem mehr was!

Jetzt hat sie alles zugeschnitten. Sie legt die Stoffteile aufeinander und beginnt, den Faden an der Nähmaschine einzufädeln. Den Unterfaden hat sie schon auf die Spule gespult, sie hofft, dass er reicht , denn meistens ist der Unterfaden leer, kurz bevor die Naht zu Ende genäht ist. Dann macht es schnirrzisch und rappel, und früher hat Loida sich darüber furchtbar geärgert, weil sie dann neu aufspulen und immer alles wieder neu einfädeln musste. Diesmal wird sie ruhig bleiben.
Sie näht. Die Maschine surrt. Schulternähte , Seitennähte, Halsauschnitt, alles ganz in Ruhe, niemand stört. Ab und zu liest sie die Anleitung, um sicher zu sein , dass sie alles richtig macht, sie steht auf, bügelt die Nahtzugaben, sie ist vertieft, ganz versunken.

Dann ist sie fertig, sie muss nur noch den Saum nähen, aber anziehen kann sie das Kleid jetzt.

Sie schlüpft hinein.
Der Stoff fällt weich und schwingend an ihr hinunter. Ein wildes Muster, ja, aber es passt. Das Oberteil betont den Oberkörper, traut sie sich, das so anzuziehen? Ja, sie wird sich trauen. Sie hat nichts zu verbergen.

Sie ist Loida, mit dem selbstgenähten Kleid. Und sie traut sich was!

 

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Happy birthday, Liebste Englische Freundin, für die dieses Kleid ist! 🙂