Nachtrag zu „Mein Gewissen schmerzt noch immer….“

Also, ich schaffe es nicht. Ich schaffe es nicht, diesem Blog das von mir erwählte Konzept: Frauengeschichten – ich lasse meine vier Damen zu Wort kommen und sonst nichts, einzuhalten- ich hab selber manchmal viel zu erzählen.
Und das kann ich dann nicht in diese Geschichten verpacken, das passt dann nicht.
Also gibt es jetzt auch die Rubrik: Katrin schreibt und das passt dann auch wieder ins Konzept.

Ich habe eben einen Beitrag rebloggt, und da möchte ich gerne was dazufügen:

Ich habe überlegt, warum es so oft die Männer sind, die Anerkennung bekommen, weil sie jemanden retten oder weil sie Gutes tun.

Juck Plotz antwortete darauf:

Danke für´s Lesen.
Dass wir mehr über Männer als Frauen wissen, ist, denke ich, auch der Tatsache geschuldet, dass Frauen in dieser Zeit eben noch nicht den Status hatten, wie die Männer. Dass Frauen während des Krieges und auch danach sehr viel geleistet haben, steht ausser Frage. Du hast absolut Recht, es ist beschämend, dass wir so wenig darüber wissen. Ich kann mir nur ansatzweise vorstellen, wie schwer es für solche engagierten Menschen war, gegen die Masse zu agieren. Und noch mehr beschämend finde ich, wie wenig wir uns heute trauen, alleine nur den Mund aufzumachen
Grüße
Jörg

Mir fiel dazu ein Erlebnis ein, das ich während der Zeit meines Pflegedienstes in M. hatte. Ich betreute eine mittlerweile sehr alte Dame mit Demenz. Im Pflegedienst gehe ich zu den Leuten in ihre Wohnung, und einmal ging sie mit mir auch aus ihrem Schlafzimmer in ihre Wohn- und Esszimmer.
Es lagen auf den Bänken und Stühlen viele Zeitungsartikel und Auszeichnungen, für ihre geleisteten Dienste in der NS-Zeit. Ich wusste nicht viel damit anzufangen, denn es wurde aus den Artikeln nicht klar, WAS sie getan hatte.
Ich fragte sie: „Was haben Sie gemacht, dass Sie so geehrt werden?“
Sie sah mich mit grossen Augen an.
„Ich war im Widerstand!“ sagte sie, mit einer ganz besonderen Stimme.
Nach und nach kam raus, dass sie mit ihrem Mann Bilder aus dem Land geschafft hatte von verbotenen und verfolgten Künstlern, und als ihr Mann dann fliehen musste oder eingezogen wurde, ich weiss nichts genaues mehr, jedenfalls, war sie dann alleine und sie hat weiter Bilder und Zeichnungen ausser Landes geschafft.
Ich glaub, nach Skandinavien.
Ich war beeindruckt, vor allem weil sie so bescheiden war, während sie das erzählte.

Und dann weiss ich noch eine andere Geschichte,die ganz stark von der Schuld geprägt ist, NICHTS getan haben können.
Ebenfalls eine alte demente Patientin, diesmal in A. , die ich auf ihre gezeichneten Bilder in der Wohnung ansprach.
Sie sagte:
„Das war die Strasse mit der Synagoge. “
Und ihre Stimme wandelte sich, sie sprach wie eine 14 jährige und erzählte von ihrer Freundin, die Jüdin war und immer in diese Synagoge ging, und eines Abends war Lärm auf der Strasse und als sie, die „Patientin“ rausging, sah sie, wie ihre Freundin und deren Familie auf eine Transportwagen gestossen wurden, während der Vater der „Patientin“, der Gauleiter war, ihnen befahl , darauf zu steigen. „Und ich konnte nichts tun!“ hat sie geweint.
Sie hat sehr geweint, und ich hab mich gefragt, ob es nötig war, ihr diese Fragen zustellen und   alte tiefe Wunden aufzureissen.
Und deshalb erzähle ich diese Geschichten, es gab Menschen, die konnten was dagegen tun, und andere waren hilflos.
Danke, juckPlotz, für deinen Beitrag über Irena Sendler.

9 Gedanken zu “Nachtrag zu „Mein Gewissen schmerzt noch immer….“

  1. katalisis schreibt:

    Ja, manchmal gibt es diese Geschichten, die ich gehört habe von den Leuten, die diese Zeit erlebt haben, und ich hab mir irgendwann vorgenommen, diese Geschichten nicht vergessen zu lassen. Ich versuche es. Danke,liebe zoe,für deinen Kommentar. Kat.

    Gefällt 1 Person

  2. Reiner schreibt:

    In meiner Familie waren alle vertreten. Die Brüche und Risse gingen quer durch die Sippen. Es gab Mitläufer, Überzeugungstäter, mutmaßliche Wehrmachtsverbrecher, Zwangssterilisation mit dauerhaften Folgeschäden, Desertation und Leben im Untergrund über lange Zeit mit geladenem Revolver jederzeit griffbereit.

    Es gab bittere Armut, Keller & Bunker statt Bildung, Schläge & Geschrei statt Förderung. Und es gab den allgegenwärtigen Tod. Es gab die zahllosen, die „gefallen“ waren sowie die zahllosen, die im glühenden Asphalt verbrannt oder in ihren Kellern erstickt waren.

    Helden gab es wenige.
    Es lebte sich nicht lange, als Held.

    Grüße !

    Gefällt 3 Personen

  3. juckplotz schreibt:

    Vielen Dank für das „Rebloggen“. Die Heldinnen und Helden vergengener und auch heutiger Tage sind wahrscheinlich immer im Hintergrund. Es wird immer ein paar „Aushängeschilder“ geben, auf die sich die Medien konzentrieren. Wichtig für mich ist, dass es Menschen nicht kalt lässt, wenn Dinge passieren, die andere Menschen ins Leiden, in den Tod, in die Vertreibung stürzen.
    „Ich konnte nichts tun“ ist zumindest das Bewusstsein, dass man etwas tun sollte – und schon das ist sehr viel. Bei vielen Situationen kann vielleicht der eine was tun, und der andere nicht.

    Aber heute können wir auf jeden Fall (noch) was tun

    Viele Grüsse
    Jörg

    Gefällt 1 Person

  4. Heidrun Regina schreibt:

    Du hast den alten Menschen zugehört, damit sie „ihre unverdauten Lebens-Brocken“ aus sich heraus bringen.
    Du wertschätzt ihr Leben ohne Verurteilung.
    Du gibst ihnen hier eine Stimme.
    Du hast mich berührt.

    So erlebe ich eine kleine Heldin des Alltags.
    Herzlichen Dank!

    Gefällt 1 Person

    • katalisis schreibt:

      Danke,Heidrun. Ich hab die Arbeit in der sozialstation geliebt. Ich mag es sehr, diese Geschichten zu hören. Und ich möchte nicht, dass sie vergessen werden. Es ist wichtig, das nicht zu vergessen. Alles liebe Katrin

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      • Heidrun Regina schreibt:

        Liebe Katrin, du hast mich mit diesem Beitrag dazu motiviert einen eigenen Beitrag zu verfassen, von einer Geschichte, die ich gehört habe. Diese tiefgreifende Auseinandersetzung darf ich erst noch verdauen, bevor ich sie veröffentliche. Herzlichsten Dank! Der Impuls kam zur rechten Zeit. Von Herzen Heidrun

        Gefällt 1 Person

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