Vom Wandern….

Hilde , manch einer kennt sie, ist letztens wieder aufgetaucht. Und ich hab überlegt, wie es ihr wohl geht.

Ich glaube, sie hat sich gut eingerichtet in ihrem neuen Leben. Sie hat einen Tanzpartner gefunden (ehrlich, er ist wirklich nur ein Tanzpartner!) Jeden ersten Samstag im Monat treffen sie sich in der Tanzschule und der Tanzpartner schwingt Hilde durch die Luft und hinterher fühlt sich Hilde immer sehr wohl und glücklich.
Sie braucht das Tanzen auch, denn vorher geht sie immer zu Herbert in sein Pflegeheim und benötigt hinterher einen Ausgleich.

Dass der Herbert nämlich mit der Zeit immer knurriger und unfreundlicher zu Hilde geworden ist, das erzählt sie niemandem. Sie weiss insgeheim, was die Leute sagen würden: Es sei ja auch kein Wunder, wenn der Herbert so unzufrieden ist, schliesslich hat sie , Hilde, es sich schön gemacht ohne ihn, und eigentlich gehöre man ja zusammen , durch gute  und schlechte Zeiten,  und sie schiebt ihn einfach ab ins Heim, da brauche sie sich nicht wundern, wenn er so knurrig ist!

Deshalb schweigt Hilde und erträgt stumm Herberts böse Worte.

Aber nach ihren Besuchen macht sie dann immer was Schönes.
Entweder geht sie tanzen oder sie streift durch die Stadt, oder sie geht am Fluss entlang. Und letzten Sonntag, da hat sie den knurrigen Herbert bereits am Morgen besucht, und natürlich hat er sie angepflaumt, was sie schon so früh bei ihm wolle!
Da hat sie ihm ihre Bergstiefel unter die Nase gehalten und gesagt: „Ich geh wandern! In die Berge!“  „Pah!“ hat der Herbert gemacht, „du mit deiner Höhenangst!“
Und hat sich in seinem Rollstuhl zum Pfleger gedreht und diesem zugeraunt: „Depperte Weibsen!“ aber der Pfleger hat nicht reagiert, sondern hat Herberts Urinbeutel geleert und Hilde zugelächelt und ihr einen schönen Tag in den Bergen gewünscht.

Da ist Hilde losmarschiert, hat sich in das Auto zu ihrer Freundin gesetzt und sie sind gemeinsam losgefahren. In die Berge. Sie haben eine wunderschöne Wanderung gemacht, und es war nicht schlimm,dass so viele Leute dieselbe Idee hatten, und mit Kind und Kegel auf die Alm gegangen sind.
Nächstes Mal nimmt sie ihre Tochter und die Enkel mit, denn bei der Alm ist ein Spielplatz, und die Kinder, die erst schnaufend und jammernd den Berg hinaufgegangen sind, haben sich sofort auf die Schaukeln gestürtzt, und  vergessen, wie müde und langweilig und anstrengend diese Bergwanderung war. Das würden ihre Enkel wahrscheinlich genauso machen, denkt Hilde, klagen und jammern und stöhnen, und wenn sie die Schaukeln und das Klettergerüst sehen, dann ist alle Mühsal vergessen.

Sie kann  dann mit der Tochter einen Apfelstrudel essen, während die Kinder spielen, die Tochte braucht auch manchmal eine Alltagspause.
Aber jetzt wandert Hilde allein, was für eine wunderbare Wanderung!

Hilde tankt ihre Augen auf mit Grün und atmet ihre Nase und ihre Brust mit heller sauberer Luft voll. Sie spürt ihren Herzschlag beim Hinaufgehen und ihre Knie beim Hinabgehen.
Sie betrachtet Wurzeln und sammelt die Bilder in sich.

Und einmal muss sie ganz laut juchzen, aber es ist egal, wer was von ihr denkt, sie hat dreimal das Echo ihres Juchzers gehört. Da lachen sie, Hilde  und ihre Freundin, und juchzen und jauchzen gleich noch mehr.
„Oide depperte Weibsen, die mir san!Oide Jodelweibsen! “
Und sie jauchzjodeln, bis sie nicht mehr können.

Dann atmen sie die Stille.

Ein Gedanke zu “Vom Wandern….

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