Augsburg -Moritzkirche

Es gibt Beiträge in diesem Forum, die mich dazubringen, etwas zu tun.

Diesmal war es der Beitrag von Oecherin18Worte, über die Moritzkirche Augsburg.
An dieser Kirche gehe ich oft vorbei. Als ich neu in Augsburg lebte, war ich mal drinnen, da war sie Baustelle. Überall hingen Schutztücher von der Decke, Gerüste waren aufgebaut, diese Kirche wirkte nicht heimelig. Es war eine Baustelle.
Wer wird in einer Baustelle Andacht finden? Ich nicht. Und so verschwand diese Kirche in meiner Wahrnehmung. Um zur Ruhe zu kommen, ging ich in den Augsburger Dom. Ich sah zwar manchmal den Aufruf, in den Moritzpunkt zu gehen und dachte, das ist bestimmt schön dort, aber ich ging nie. Warum nicht? Zuviel Hektik im Leben, zuviel Emsigkeit.

Aber dann las ich den Beitrag von 18 Worte und dachte, andere Menschen reisen nach Augsburg, und sehen sich das an,  und ich gehe fast wöchentlich dort vorbei.
Heute geh ich hin, hab ich beschlossen.
Und ja, sie hat recht mit ihren Worten, die Oecherin.(Schaut in ihren Blog, welche wunderbaren Worte sie findet dafür.)

Ich bin selten ergriffen von Architektur. Dort bin ich es.


Ich bin keine Kunstbeschreiberin, keine Architekturkennerin.
Aber wenn ich an einem Ort stehe, an dem ich Ruhe finde, der mein Herz ergreift, der mir eine Gänsehaut macht ob der Schlichtheit und der Transparenz und der Klarheit, die ich dort spüre, dann ist es ein besonderer Ort.

Schauen.
Stille werden.
Stille spüren.
Stille hören.
Ruhig werden.
Still sein.

Danke.

Suska-fahren lernen

Suskas Sohn Bero wird bald 18 Jahre alt sein. Und natürlich macht er Führerschein. Die Theorie hat er bereits, jetzt fehlen ihm noch Fahrstunden. Wenn sie gemeinsam Auto fahren, fragt er viel, und erklärt und kommentiert  Suskas Art zu fahren. Er fragt sie, warum sie die anderen Autofahrer beschimpfen muss andauernd.
Roadrage nennt er das.
Und er erklärt, wie hochtechnisch das Fahrschulauto ist. Es hat eine elektronische Handbremse und Regenscheibenwischer-Sensoren. Man stellt den Sitz elektronisch ein und kann die Rückspiegel einstellen anhand des Gewichtes des Fahrers, wenn man es einprogrammiert hat. (Was aber ist nach einer rasanten Gewichtszunahme, Weihnachten zum Beispiel?)
Auch eine Einparksignalhilfe hat es und Suska fragt sich , warum man auf so einem HighTech Auto fahren lernen muss.
Welcher Fahranfänger hat ein Auto, das diesen Komfort hat?
Und ist es sinnvoll, am Berg mit elektronischer Handbremse anfahren zu lernen, wenn man dann mit der ollen Rostlaube der Mutter fahren muss, wo die Handbremse gaaaanz sensibel losgelassen werden muss,  und bei der die Scheibenwischer quietschen und man gucken muss, wenn man einparkt, und nicht hört, wie hektisch das Warnsignal piept, und in einem Jammerlaut verstummt, wenn man gegen den Hintermann knallt. Bei Suska rummst es dann lediglich, wenn sie zuweit rückwärts gefahren ist und sie denkt dann: „Wenns rummst, nochn Meter!“

Ehrlich, ist diese Technik sinnvoll beim Autofahren lernen?
Aber wenn er dann fahren kann mit Suskas Auto, wird er das schon hinkriegen, es bleibt ihm nichts anderes übrig!

Dann wird er auch schimpfen, über das Auto, die anderen Autofahrer und die quietschenden Scheibenwischer.
Dann wird er garantiert auch roadragen!

 
(Für die die mich persönlich kennen: ich schreibe hier nicht über meinen Sohn! 🙂 )

Flida fühlt sich erschöpft

Heute morgen ist Flida aufgewacht mit dem Gedanken: Das schaff ich heute nicht. Ich kann nicht arbeiten gehen. Mir tut alles weh…

Sie ist wirklich erschöpft. Seit Tagen schon. Sie hat wieder mal das Gefühl, sie kämpft an allen Fronten.Der Haushalt und dann noch die Bügelwäsche vom LAT-Gefährten, die er ihr immer brav mitbringt, du bügelst doch gerne, Flida, sagt er. Das stimmt , sie bügelt gerne, aber das heisst nicht, das sie alles für IHN bügeln muss, er kann seine Bürohemden auch in die Reinigung bringen, er verdient doch genug!

Dann in der Arbeit, die jungen Kolleginnen mit ihren Sorgen, Flida hört zu und trocknet Tränen, bringt Kuchen mit und räumt nach Büroschluss den Müll weg, den die jungen Frauen da lassen, weil sie ganz schnell zu ihrem Date müssen.
Die Sorgen ihrer Kinder, aber das, denkt Flida ganz schnell, das will ich auch so, ich will dass sie mir alles erzählen, was sie bedrückt!
Und die Telefonate  mit ihrem Exmann, der dann immer so traurig klingt, aber was geht Flida das an?
Dazu immer ihre Gedanken um Essen und dünner werden und zum Sport MÜSSEN, Joggen gehen MÜSSEN,weniger essen MÜSSEN,  Bewegung  machen müssen, Schritte und Kalorien zählen müssen, immer müssen….Damit sie nicht so dick aussieht.Und so alt wird.
Gestern schon hat sie sich schlapp gefühlt und müde, sie war ganz oft  kurz davor in Tränen auszubrechen. Sie hat fast geweint, als sie Nachrichten hörte. Sie spürte, wie die Tränen in ihre Augen schossen, als sie mit einer Freundin telefoniert hat, die von ihren Kindern sprach. Sie ging durch die Stadt und fühlte sich unglaublich kraftlos. Sie traf eine andere Freundin, die zu ihr sagte: So kenn ich dich gar nicht, du siehst so müde aus! Und auch da hätte sie am liebsten angefangen zu weinen.
Also hat sie heute morgen in der Arbeit angerufen und gesagt, sie bleibt 2 Tage zu Hause. Sie hat Frühstück gemacht für ihre Tochter, ihr ein Liebevolles „Auf Wiedersehen“ zugerufen, als diese zur Schule ging , und hat sich wieder aufs Sofa gelegt. Sie hat 2 Seiten in ihrem Buch gelesen und ist eingeschlafen.
Als sie wieder aufwachte, fühlte sie sich frisch und „erquickt“, dachte sie. „Ich bin erquickt. Vom Schlafe erquickt.“
„Du liest zuviele komische Bücher, wenn dir solche Worte einfallen“, hörte sie das Teufelchen auf ihrer Schultern wispern. „Und wenn du jetzt erquickt bist, kannst du ja arbeiten gehn! Die anderen schuften für dich, und du machst dir einen schönen Tag! Faule Flida!“
Flida zuckt mit den Schultern und hofft, das das Teufelchen vielleicht runterfällt. Aber es sitzt fest und sie spürt, dass es noch mehr Worte sagen will, die Flida nicht hören möchte.

„Halt einfach die Klappe, du dummes Teufelchen! Dieser ganze Mist, den du mir da erzählen willst immer! Von wegen Anstand und man macht nicht  blau und man ist immer fleissig und lässt sich nichts anmerken, man macht und funktioniert….ich hab genug davon!  Ich brauch eine Pause heute. Und morgen auch.
Ein Spaziergang tut jetzt gut. Ein langsamer. Schritt für Schritt.“

Draussen regnet es.
Die Blätter färben sich bunt.

 

Loida- gestrickt und losgenäht

Am nächsten Morgen sitzt Loida bei der Mutter am Tisch und sagt: „Ich möchte, dass wir zusammen ein Dirndl nähen. Ich hätte gerne eins, und ich hätte gerne eines von Dir genäht.“
Die Mutter macht grosse Augen:“Was? Weisst du, wie lang ich schon nicht mehr genäht habe? “
„Das verlernt man nicht, “ sagt Loida energisch.“Wir fahren in die Stadt zum Nähladen, dann kaufen wir Stoff und dann nähen wir zusammen. Deine Nähmaschine steht immer noch in meinem alten Kinderzimmer, also ! Auf gehts!“
„Aber meine Hand…“ wirft die Mutter ein.
„Egal, das ist die Linke, und nähen tun wir mit rechts!“ widerspricht Loida fröhlich und schiebt die Mutter zur Haustür.
Als sie 3 Stunden später zurückkommen, sind sie vollgepackt mit Schnittmustern und Stoffen und Nähseide und Knöpfen, mit neuen Stecknadeln und einer scharfen Schere.
Sie räumen den grossen Tisch frei, und beginnen alles auszubreiten und die Mutter erklärt Loida, wie sie den Stoff falten muss, und wie eine Schürze gefältet und genäht wird.
Loida erinnert sich, dass das erste,was sie in der Schule nähen musste, eine Schürze war. Hauswirtschaft, hiess das Fach. Die Jungens hatten Werken.
Und ihr fällt ein, dass die Mutter diese Schürze abends nahm und Loidas Nähte sauber aufgetrennt und wieder gerade zusammen genäht hat, weil Loida einfach keine Lust zum Nähen hatte. Und dann hat Loida auf die Schürze eine 2 minus bekommen und die Mutter hat auf die Lehrerin geschimpft, dass die wohl gar keine Ahnung vom Nähen hatte.
Als Loida das der Mutter erzählt, fängt diese sehr an zu lachen.
„Die hatte wirklich keine Ahnung, diese Frau Pangel! Ich weiss das noch!“
Und ganz vergnügt schneiden sie zu, und stecken zusammen, und Loida erzählt der Mutter von dem Wunderknäuel, das sie bekommen hat, weil sie auch stricken lernen musste in“Hauswirtschaft“, und die Mutter erzählt , wie sie Wolle abends aufgerollt hat und zwischendrin Bonbons reinsteckte, damit das Stricken, wenn Loida fleissig stricken würde, sozusagen versüsst wurde.
Und Loida erzählt, wie sie die Bonbons aus dem Knäuel rausgefriemelt hat, weil sie einfach nicht stricken wollte.Aber die Bonbons wollte sie schon.
Und wie die Mutter dann sagte, Loida solle das Knäuel mit den Stricknadeln nachts unter ihr Kopfkissen legen, vielleicht würden Heinzelmännchen kommen und etwas weiterstricken.
Und am nächsten Morgen war der Schal, den sie für die Schule stricken musste, tatsächlich etwas länger geworden, mit ganz geraden Kanten.
Trotzdem gab es auch dafür keine Eins.
Aber Loida glaubte lange an Heinzelmännchen.

„Tja,“macht die Mutter nur,“ so ist das mit Müttern und Heinzelmännchen“. Loida versteht das kaum, weil die Mutter den Mund voller Stecknadeln hat.
„Du hast erzählt , das sich die Tante mal an Stecknadeln verschluckt hat!“
„Ui!“ da fliegen die Nadeln auf den Tisch.“Ja!Und!“ trumpft die Mutter auf, „sie hat sich auch mal mit der Nähmaschine durch die Finger genäht, ha! Das gab ein Geschrei! Also, pass auf, das du den Fuss vom Pedal nimmst, wenn du den Stoff runter legst, unter die Nadel!“

Und los rattert die Nähmaschine über den glatten Seidenstoff, der die Schürze werden wird, und wenn man draussen stehen würde, würde man sie lachen hören und reden, ganz fröhlich, Loida und ihre Mutter.

Loida- Wenn die Mutter ins Erzählen kommt,

Wenn die Mutter ins Erzählen kommt, kann nichts sie aufhalten,scheint es Loida.
Es ist , als wären Schleusen geöffnet. Sie erzählt von der Zeit nach dem Krieg, als der Bruder als vermisst galt. Sie erzählt von den Soldaten, die die kleine Stadt besetzt haben, und sie erzählt von den Toten, die im Fluss trieben. Sie erzählt , das sie sich gewundert hat, als ihre Brüder sie zornig weggeholt haben, von den Soldaten, die sie aufgefordert hatten zu tanzen. „Sie sagten, ich soll da nie wieder hingehen, ich weiss bis heute nicht warum – die waren doch nett zu mir und gaben mir Zucker und Eier!“
Loida denkt, das die Brüder vielleicht gewusst hatten, was passieren hätte können und überlegt, ob  es vielleicht nicht doch passiert ist. Menschen vergessen sowas, weiss Loida. Sie verdrängen. Sie erinnnern sich oft nicht mehr an das allerschlimmste, das sei eine Gnade, weiss Loida.
Sie erfährt von der Mutter, wie der Bruder aus Gefangenschaft zurück kam, fast taub, still und schweigend, aber wie sie sich gefreut haben, dass er wieder da war und wie die Mutter geweint hat und der Vater. Ein Sohn ist zurück, wenigstens der eine, ein anderer ist im Krieg geblieben.
Dann wurden die Zeiten ein bisschen besser, und Ende der fünfziger Jahre ist Loidas Mutter in den Westen gegangen, obwohl sie wusste, das sie die Familie so schnell nicht wieder sehen würde.
Aber die Eltern hatten gesagt: Geh. Damit du es besser hast.
Dann lernte Loidas Mutter Loidas Vater kennen, 15 Jahre älter als sie, Gastwirt.
Sie wurde schwanger und musste bleiben, sie hat ihn heiraten müssen, denn eine ledige Frau, ohne Arbeit! Das ging nicht an, gar nicht! Dabei hätte sie so gerne genäht, sie hatte Ideen für Kleider im Kopf und hat sie gezeichnet und wollte , das sie sie nähen kann. Sie hat Stoffe gemalt und Muster und wollte eine Schneiderlehre beginnen, aber dann , ja, dann hat sie heiraten müssen. Und war fortan Wirtsfrau, mit einem kleinen Kind.
Und dann kam noch eins, und das war Loida, und „das hätts nicht gebraucht“ sagte die Mutter.
Das gibt Loida einen Stich. Sie war nicht gewünscht.
Sie hat das doch immer gespürt!
„Ja, was glaubst du denn, “ sagt die Mutter, “ wie das war! Jeden Tag in der Wirtschaft, Sonntags, wenn die feinen Herrschaften nach dem Kirchgang da rum hockten, jeden Sonntag, jeden Feiertag, es gab kein Weihnachten und kein Ostern und keine Ferien, ich hab mir die Hacken abgerannt, und als ich dachte, das es besser wird, weil der Bub schon gross war, und da bist du gekommen. Das hat wirklich gereicht, jetzt heul nicht , Loida! Jetzt ist es ja rum ums Eck, jetzt haben wir es gut, gell, Loida, jetzt bist du da! Ich bin froh, das du da bist!“
Aber es sticht in Loida, und sie denkt, eigentlich sollte ich dich jetzt hier allein lassen, mit deinem eingebundenen Handgelenk, sieh doch zu, wie du klar kommst.
Andererseits, ändert das was? Die Mutter hatte ein hartes Leben und das sie Loida nicht liebhaben konnte, oder ihr das nicht zeigen konnte-wer weiss, was das alles noch für Gründe hat, die die Mutter nicht erzählen kann.
Loida möchte verstehen, damit sie Ruhe hat vor dieser Traurigkeit aus ihrer Kindheit. Es geht ums Vergeben, ums Verstehen, das spürt sie jetzt, damit Frieden sein kann. In ihr, Loida.
Sie hat ihr Leben gut hingekriegt bis jetzt, sie hat ihren Kindern immer Liebe gegeben, jedenfalls hat sich keins beschwert.
Sie kann auch der Mutter sowas wie Liebe geben, denn Loida ist erwachsen, und Loida versucht zu verstehen.
Morgen wird sie die Mutter nach schönen Dingen fragen, denn die gab es auch, das weiss Loida.
Dann werden sie die guten alten Geschichten ausgraben.
Und eigentlich, denkt Loida, könnten wir morgen auch was richtig Schönes machen!
Und sie weiss auch schon, was.

Loida -die Mutter erzählt

Als Loida und die Mutter das Abendessen mit Wurst und Gürkchen und Butterbroten  in friedlicher Eintracht verspeist haben, wagt Loida eine Bitte zu äussern.
„Mutter,“ sagt sie, „ich werde ein paar Tage hierbleiben. Ich möchte die Zeit nutzen, das du mir erzählst wo ich herkomme und wie du aufgewachsen bist. “
„Hab ich das noch nie erzählt?“ fragt die Mutter. „Nein, “ sagt Loida, “ du hast immer nur Kleinigkeiten erzählt, ich möchte jetzt wissen, was früher war, da mit ich verstehe, warum manches so war, wie es war.“
„Ach, Loida,“ seufzt die Mutter, „das ist doch schon so lange her!“
„Eben“, sagt Loida, “ und deshalb möchte ich deine Geschichte hören! Damit wir sie nicht vergessen!“
„Nu, “ sagt die Mutter, “ dann hol mir mal`n Bier, wenn das unbedingt sein muss, dann versuch ich mal. Aber alles vertell ik di nu nich!“

Loida ist ein bisschen überrascht, das die Mutter so leicht dazu zu bringen ist,  zu sprechen. Sie holt ein Bier, schenkt ein, es gluckert und gurgelt im Glas, auch ein Geräusch, das sie an die Kindheit erinnert, wenn der Vater sich abends zur Ruhe setzte, dann ploppte der Kronkorken und es zischte im Glas, und irgendwie fühlte sich Loida geborgen.

Loidas Mutter erzählt: Meine Mutter E. wurde in Kogel geboren, auf der anderen Seite vom Plauer See, in Mecklenburg. Mein Vater R. wurde in Plau geboren.
Der hatte schon mal ne Familie gehabt.
Seine erste Frau hiess B….. Sie ist an der Grippe gestorben , die nach dem ersten Weltkrieg so ganz scharf gewütet hat in Deutschland und überall.
Und ein Jahr später ist der Sohn gestorben.Die Grabstätte war noch immer in Pxxx.
Opa ist da immer hingegangen.Der hiess ja auch S…..mit Nachnamen, und da lag so ein kleiner Stein,und da stand H…S….drauf.
Ja, H..,…wenn der damals nicht gesstorben wäre an er Grippe, der kleine, dann hätten wir 2 H… gehabt , mein ältester Bruder, den meine Mutter in die Ehe gebracht hat,heisst ja auch H…. Komisch….
Opa war Maurer, ja…aber ein guter (Stolz in der Stimme) Das kann ja nur sein, wenn man S….mit Nachnamen heisst, das man ein Guter ist.
Nee, ist schon so. Die haben ihn auch alle immer zum Arbeiten geholt, weil er so fleissig war.Ja, und dann 45, wurde er auch von den Russen geholt . Die haben ihn vernommen, denn er soll er was eingemauert haben.Dokumente.
Und einmal war er in Rostock zum Arbeiten, da musste er  mit so einem alten Mann Steine verlegen oder was, und die Nazis haben den Alten geprügelt, weil er so langsam war , und da hat mein Vater sich hingestellt, und gesagt, die sollen das lassen, und da haben die gebrüllt, er soll die Fresse halten, sonst kriegt er auch welche aufs Maul. Sonst schiessen die ihn tot.Als der wieder nach Hause kam, war er fertig. Weil er nichts machen konnte für den alten Mann.
Opa musste nicht in den Krieg, weil er zu alt war.Er hat ja den ersten Weltkrieg mitgemacht, aber dafür war er im Volkssturm(1945,) er war Volkssturm Erster, und da hat er und Arndt Püchsener, der hatte schon einen Arm verloren, im Krieg, mit dem ist er an der Eldebrücke gewesen.Die sollte gesprengt werden.Die Soldaten hatten da Sprengstoff gelegt, kurz vor Schluss, vor dem 3.Mai. Das hat Opa durch geschnitten, damit die Brücke nicht gesprengt wird. Leider steht da nicht sein Name , an der Brücke,aber da steht: Plauer Bürger haben das gemacht. Ja. Irgendwie war Opa doch ein Held. War er, ja…. Ja,und in der Gewerkschaft war er.Er hatte eine Urkunde, 25 Jahre Gewerkschaft, im Zimmer hing die, nachher war sie weg. Und da stand drauf:
Einer für alle, Alle für einen.
So ist der Spruch gewesen.Während der Nazi-Zeit konnte er in der Gewerkschaft bleiben, das hat keinen gekümmert.Das musste er nicht verstecken,
Obwohl Plau voll war von Nationalsozialisten. Aber die haben sich zurück gehalten .Die waren auch irgendwie stur, so eingebildet, wenn da so Weihnachtsfeiern waren, dann wurden die beschenkt, vom Frauenverein, wie hiess das- deutscher Frauenbund,…das hat mich geärgert. Dass die auch noch Geschenke kriegen.Ich war als Jungmädchen aktiv, natürlich war ich dabei, das ging gar nicht anders.Aber ich war ja auch erst 10 Jahre alt.Wir haben Sport gemacht, das hat sehr viel Spass gemacht.Wir haben gestrickt, Pulswärmer für die Soldaten,und Schals,in Pakete gepackt, an Weihnachten, abgeschickt an die Front, also sowas haben wir auch alles gemacht. Also,das glaub ich jedenfalls, das das für meine Eltern kein Problem war,das wir da so aktiv dabei waren.Wir waren ja alle aktiv,Meine Brüder, ich…, meine Schwestern. Wir  waren ja zu neunt. Die Jungens haben Musik gemacht. Die haben die Nachbarn verrückt gemacht , mit ihrem Trompetenspiel,…Wir waren ja alle klein, guck mal , ich war 14 fünfundvierzig, als die Russen kamen.Wir hatten alle  solche Angst, das die uns was tun. Man hörte ja so Geschichten. Da hat mein Vater sich was überlegt.
Eingemauert hat er uns.Wenn du so willst. Am Ende vom Hof, vom Garten war ja so eine kleine Mauer und dahinter floss die Elde.Er hat hinter dem Garten zwischen dem Schwienstall an der Stadtmauer einen Verschlag gemacht, alles zugestellt mit Holz,und da war Stroh drin, in dem Raum.Und dann hat er ein Loch geschlagen in die Mauer,das wir da durch konnten, und da wurde so ein Schrank vorgeschoben.Und die kleinsten Jungs waren mit einer alten Frau im Haus im Wohnzimmer, und die Russen haben immer gefragt: Wo Frau, Wo Frau? Die konnten sich das nicht erklären, dass wir nicht mehr da waren, und wo wir waren.Wir waren , glaub ich, über 20 Frauen drin.Die suchten alle Schutz bei meinem Vater.Wenn die Russen dahinter gekommen wären, ich glaub , die hätten meinen Vater auch erschossen.Wir haben das gemerkt, das die Russen da waren, wir waren so still, du hättest da wirklich die berühmte Nadel im Stroh fallen hören.So leise ist das gewesen. Und meine kleinen Brüder , die waren draussen.Mit dieser alten Frau.Der haben die Russen wohl nix getan. Die war wohl selbst für die Russen zu alt. Die sei schon faul und gammelig, haben die Russen gesagt.Furchtbar.Und nach ner Weile haben wir dann gemerkt, wie die Russen auf dem Hof waren und mit der Taschenlampe durch das Holz, weisst du, wenn da so Ritzen sind, wie die da durch geleuchtet haben.Und da kam dann der Schein da rein, aber die konnten das (uns)nicht sehen.Die sind denn wieder abgehauen.Aber weisst du, ich hab in meinem ganzen Leben noch nicht so gezittert und auch nie wieder solche Angst gehabt.Und denn war das ja Sommer, und es war so warm und die Schafe die blökten, und die Kühe haben Lärm gemacht und mussten gemolken werden, und die Schweine, und dieses Geblöke und so, das hör ich immer noch, das war schlimm.Ja, das war keine schöne Zeit, aber irgendwie haben wir die dann doch noch als schön empfunden.Aber wir haben ja trotz allem ne schöne Jugend gehabt, wir hatten ja einen grossen Hof, und das gute war ja, das wir ein eigenes Haus hatten.Wir haben da Höhlen gebaut, und wenn Gewitter war, dann hatten wir so eine Leiter hingelegt, Säcke rauf und da sind wir dann unter gekrochen.Wir waren immer zu dritt, oder nee, zu viert…nein, also ich war vielleicht immer manchmal bisschen böse mit den Gören, aber wenn man da erzieht , dann muss man manchmal bisschen streng sein.Aber das, denk ich, haben sie mir auch nicht so übel genommen.Die sind ja immer noch zu mir gekommen.“

„So, Loida, nu is Schluss!“ die Mutter wirkt erschöpft, es wühlt auch sie ziemlich auf, nicht nur Loida, die das alles gar nicht wusste. „Vielleicht reden wir morgen weiter! Hilfst du mir zum Bett?“
Und Loida hilft dieser zerbrechlichen Frau, die ihre Mutter ist, die Treppen hinauf und hilft ihr ins Bett und denkt, das sie, wenn sie das alles früher gewust hätte, was die Mutter durchgemacht hat, dass sie , Loida,  vielleicht alles anders verstanden hätte. Früher.
Aber es ist wie es ist.
So ist das.

Loida- Abendessen

Loida bleibt bei der Mutter, die sie mit ihrer geprellten Hand nicht allein lassen kann. Sie spürt, dass die Mutter erleichtert ist, das Loida bleibt.
Sie fragt nicht , wie lange Loida bleiben kann.
Loida weiss es auch  nicht, zu Hause wird sie nicht gebraucht, aber hier, da ist es nötig, dass sie sich kümmert.
Loida trägt ihre kleine Tasche in ihr altes Kinderzimmer.
Sie ist sehr lange nicht mehr hier in dem Zimmer gewesen. Wenn sie die Mutter besucht haben, oder auch den Vater, als er noch lebte, haben sie nie übernachtet.
Der Ehemann wollte abends immer gerne wieder zu Hause sein und Loida war es recht, auch wegen der Kinder. Die waren hier immer so unruhig, vielleicht haben sie auch die Spannungen gespürt.
Loida öffnet die Tür ihres alten Kinderzimmers.
Es riecht nach Kindheit.
Die Wand ist immer noch in einem dunkelroten Farbton gestrichen, das Bett steht rechts neben der Tür und auch die Polster, die aus dem Schlafbett ein „Sofa“ machen sollten, sind ordentlich aufgestellt. . Auf den Regalen an der Wand stehen die Bücher, die Loida früher gelesen hat, Hanni und Nanni, Tina und Tini,…Eine Freundschaft bewährt sich,… sie nimmt das Buch in die Hand, das war ihr Lieblingsbuch, sie dachte, das gäbe es schon längst nicht mehr.
Auf dem Stuhl vor dem Schreibtisch sitzt ein alter Bär, ach, Teddy, dich gibts auch noch, und Loida nimmt den Bären auf den Arm und dreht ihn auf den Bauch. Der Bär macht ein Geräusch wie ein Schaf. Mööööhhh…

Sie wird jetzt Abendessen machen, wie in der Kindheit. Da gab es Wurstbrote und Käsebrote mit Gürkchengarnitur, kein Gemüsegratin oder Quiche oder Tarte, wass sie immer für den Ehemann abends kocht, mit einem  gesunden Salat dazu.
Nein, in der Kindheit gab es Brote.
Brote mit Wurst und Käse.Wurst- Schinken, Jagdwurst, Zwiebelmett,….
Manchmal gekochte Eier dazu. Und dazu Fleischsalat. Tomaten gab es selten. Aber Gürkchen aus dem Glas.
Loida wird schauen, was die Mutter an Vorräten hat, und dann wird sie ein Kindheitsabendessen zubereiten, für die Mutter und sich.
Mit Servietten neben den Holzbrettern, wo sie das Besteck mit den Holzgriffen drauflegt, so wie Loida es von der  Mutter gelernt hat.

Flida-es schimmelt

Sie riecht es wieder, es riecht nach vergammelter Zitrusfrucht. Flida ärgert sich und schmeisst als erstes ihre Orangen weg.

Man kauft auch keine Orangen im September, hört sie das Teufelchen flüstern.

Ja, mag sein, antwortet Flida, aber es riecht immer noch so! Und kalt ist es auch hier und die Heizung geht immer noch nicht!
Es ist ja auch September erst! Und ausserdem : mir ist nicht kalt! ruft das Teufelchen, aber Flida will es ignorieren, und macht sich auf die Suche nach dem Schimmelgeruch.

Naklar, in der Ecke, neben dem Schrank, sieht sie ihn wieder wachsen, diese grauen Stellen, die sie hasst, dabei hat sie bereits alle Möbel von der Wand weggeschoben.
Damit Platz ist für die Luftzirkulation. Letztes Jahr hat sie der Vermieterin geschrieben ,dass in 2 verschiedenen Zimmern der Schimmel war, den sie aber mit Chlor weggeputzt hat und dass sie zwar die Heizungen voll aufdreht, dass die Räume aber nicht richtig warm werden .
Und jetzt ist Ende September und die Heizkörper werden gar nicht überhaupt nicht warm.
Sie ruft die Vermieterin an und sagt, dass die Heizung nicht warm wird. Es kommen tolle Tipps, Flida denkt, ob sie denn für  bekloppt gehalten wird?
Sie müsse halt die Heizkörper aufdrehen, immer, und ausserdem solle sie sie entlüften. Dann müsse die Heizung warm werden.
Okay, entlüften kann sie,das macht sie jedes Jahr, aber es ist  keine Luft in den Heizkörpern. Es wird trotzdem nicht warm.
Sie ruft die Vermieterin wieder an. Oh, sagt diese, Flida solle doch bitte auch aufpassen wegen dem Schimmel, es habe noch nie geschimmelt in der Wohnung, sie solle gescheit lüften und IMMER heizen, dann gäbe es auch keinen Schimmel, die anderen Eigentümer in dem Haus hätten auch keinen Schimmel, und wenn sie, Flida, wieder wegen der Fenster anfinge, die seien einwandfrei! Zwar schon 30 Jahre alt, aber aus Holz und das seien Superfenster! Und dass die  innendrin beschlagen würden, das sei die hohe Qualität der Fenster! Das sei normal!
Auch bereits im September, fragt Flida, wenn es noch gar nicht eiskalt ist draussen?

Das kommt, weil Sie Wäsche drinnen trocknen! schimpft die Vermieterin.
Ich trockne keine Wäsche drinnen, verteidigt sich Flida, und dann  fängt auch noch das Teufelchen an zu schimpfen:Warum rechtfertigst du dich? Das geht die doch gar nichts an!
Flida ist sauer, und man hört es ihrer Stimme an und sie sagt zu der Vermieterin: Wenn es morgen immer noch so eiskalt ist, ruf ich die Heizungsfirma an! Die sollen gucken, woran das liegt!
Das zahlen Sie dann aber selber! kreischt die Vermieterin, und Flida merkt, das sie fast weinen muss.
Wieso hat sie immer so ein Pech, in der letzten Wohnung war es das genaugleiche, Schimmel an der Wand bis hoch hinauf und im Winter beschlugen die Scheiben und es zog und wenn es sehr kalt war, gefror das Beschlagene innendrin an der Scheibe.
Auch das waren „pfenninggute“ Holzfenster und es habe an Flidas Heiz-und Lüftungstechnik gelegen,  das es so war.
Es war im Kinderzimmer und damit es warm wurde, hat Flida die Scheiben mit Wolldecken zu gehängt. Da kam der Vermieter und hat Flida gebeten, das doch bitte wegzutun ,wie sähe das aus von aussen,wenn die Scheiben mit Wolldecken verhängt seien. Wie im Slum!
Flida ist dann zum Glück ausgezogen und diese Wohnung , in der sie jetzt lebt, liebt sie, und deshalb möchte sie auch bleiben.

Aber manchmal, denkt sie, wäre es schön, wenn sie Wohnungseigentum hätte, und ein bisschen Geld übrig, dann könnte sie richtig isolieren von draussen, gute Fenster einbauen und wenn dann Geld übrig bliebe, würde sie das breigebraune Bad renovieren. Und einen Holzofen einbauen!Wenn sie Eigentümerin wäre. Das wäre toll.
Träum weiter! feixt das Teufelchen.
Ja, denkt Flida, aber immerhin kann ich Heizung entlüften, und morgen kommt der Heizungsmann und dann ist es warm!
Es kam der Heizungsmann am nächsten Tag und stellte fest, das der Heizungszufluss in Flidas Wohnung abgedreht war. Sabotage? Oder Nachlässigkeit des Heizungablesers im Sommer? Oder vielleicht Flidas Teufelchen, dem es IMMER zu warm ist?

Egal, jetzt ist es kuscheligwarm in Flidas Refugium. Und Vermieter haben keinen Zutritt!

Loida- Die Mutter

Es ist Sonntag. Loida sitzt gemütlich bei einer Tasse Tee und überlegt, wie sie den Sonntag für sich schön gestalten kann.
Der Ehemann ist unterwegs mit seinem Rennrad, er hat den Sport für sich entdeckt seit ein paar Wochen.
Loida vermutet eine kleinen Lebenskrise hinter dieser Obsession, jeden Tag joggen zu gehen, und am Wochenende mit dem Rennrad in hautenger Montur über die Strassen zu rasen. Hübsch sieht er nicht aus damit, findet sie, aber das kann ja noch werden, denkt sie grinsend.
Auf der anderen Seite findet Loida es gut, dass er beschäftigt ist, dann hat sie ihre Ruhe.

Das Telefon läutet. Es ist ihre Mutter.
Loida hat das letzte Mal länger mit ihr telefoniert, als sie ihr erzählt hat , das sie ein Kleid näht. Da hat die Mutter so reagiert, wie sie das tut, seit Loida denken kann. So, als würde Loida nicht in der Lage sein, irgendetwas richtig zu machen.

Die Mutter klingt verzweifelt, sie sagt, sie sei gestürzt, und der Notarzt sei da gewesen und ob sie, Loida, nicht kommen kann. Loida ist erschrocken, natürlich kann sie kommen. In zwei Stunden wäre sie da, sagt Loida, „Soll ich was mitbringen?“ fragt sie noch, und dann fährt sie los, sie ist sehr in Sorge um die Mutter.
Schliesslich ist die Mutter fast 85 Jahre alt. Sie wirkt zwar immer, wenn sie mit Loida telefoniert, munter und geordnet, aber 85 Jahre, das ist alt, findet Loida, da braucht sie vielleicht jetzt Unterstützung von Loida, auch wenn Loida immer dachte, das sie das umgehen kann.
Sie haben nie das Verhältnis gehabt, das sich Loida gewünscht hat. In der Kindheit ist die Mutter streng gewesen zu Loida.Es gab Regeln und Ordnung. Umarmungen gab es ganz selten, und wenn, dann waren die Arme der Mutter hart und steif. Wenn Loida die Mutter umarmen wollte, dann spürte sie eine Sperre, so, als sei der Mutter die Umarmung unangenehm. Loida hat nie einen Kosenamen von der Mutter gehört, und wenn es liebevolle Momente gab, hat Loida diese gehütet in ihrem Herzen wie einen kostbaren Schatz.
Loida hat als Kind die Freundinnen beneidet, deren Mütter liebevoll und fröhlich waren.

Einmal hatte sie das Glück, als sie nach einem Streit mit der Mutter zu einer Freundin geflüchtet war, weinend, sodass die Mutter der Freundin Loida in den Arm nahm, ihr einen Tee hinstellte und sie erzählen liess. Von der Lieblosigkeit in Loidas Elternhaus, von Loidas Verzweiflung, und von Loidas Traurigkeit.
„Vielleicht,“, sagte die Mutter der Freundin, als Loida geendet hatte,“ vielleicht könnnen deine Eltern nicht anders sein, weil sie es selbst nicht gut hatten, kannst du dir das vielleicht vorstellen? Kann dich das vielleicht ein bisschen trösten?“
Diesen Satz hat Loida sehr bewahrt, und viel darüber nachgedacht. Später, als sie erwachsen war und mit ihrer Mutter über diese für Loida schlimmen Situationen in ihrer Kindheit sprechen wollte, hat die Mutter gelacht und gesagt: „Na, so schlimm wird das schon nicht gewesen sein, aus dir ist schliesslich was geworden!“
Aber das ist jetzt egal, denkt Loida, während sie von der Autobahn runter fährt, die Mutter hat sie jetzt um Hilfe gebeten. Das hat sie noch nie getan und deshalb fährt Loida jetzt zu ihr ohne Groll.
Es sind noch 10 Minuten. Loida fährt durch den Ort ihrer Kindheit, rechts neben ihr die alte Schule, ach ja, die Schulzeit, das ist auch so ein Thema und da ist der Friedhof, auf dem der Vater seit 20 Jahren ist, Loida seufzt laut.
Schluss mit den Sentimentalitäten, sie fährt in die Strasse ein, in der ihr Elternhaus steht, parkt und springt aus dem Auto. Sie klingelt und schliesst die Tür auf. „Mutter, ich bins!“ ruft sie. Aus dem Wohnzimmer hört sie Stimmen, die Mutter liegt auf dem Sofa, die rechte Hand ist eingebunden und neben ihr steht eine andere ältere Frau. „Loida!“ ruft die Mutter, “ das ist meine liebe Loida, meine Tochter!“sagt sie zu der Frau gewandt, „meine liebe liebe Loida!“

Und Loida wird es ganz warm ums Herz.

Suska- Jammer net! Wehr di endlich!

Suska hat schon lange überlegt, ob sie in die Gewerkschaft eintreten soll, aber der Beitrag war ihr immer zu teuer.
Das, was sie da monatlich zahlen würde, bekäme sie bei den Tariferhöhungen nie wieder zurück.
Sie kommt zwar aus einer Gewerkschaftsfamilie, und es war ein Grundsatz ihres Vaters und auch ihres Grossvaters, als Arbeiter der Gewerkschaft angehören zu müssen „Weil man nur so  was erreichen kann!“ aber seitdem die ÖTV, die für Suska und den Pflegeberuf zuständig war, sich in Verdi umgewandelt hatte, hat Suska das Interesse verloren.
Verdi schien ihr ein Riesenmoloch zu sein, zuviele Berufe darin vertreten und irgendwie , naja, hatte sie keine Lust, dieser Gewerkschaft anzugehören. Und ausserdem, sie war fast regelmässig auf Demos gewesen, gegen den Pflegenotstand, den es seit 30 Jahren in Deutschland gibt, für bessere Tarifverträge in der Pflege, für eine Besserstellung der Pflegeberufe in der Gesellschaft, und hat es was genützt?
Die Zuschläge für Feiertage und Nachtdienst wurden gekürzt, für bessere Bezahlung war kein Geld da.
Und wenn sie die Zuschläge für Schicht – und Wochenendarbeit in der Pflege mit denen der freien Wirtschaft vergleicht, fühlt sich ziemlich veräppelt.
Irgendwann wurde sie es müde, dafür auf die Strasse zu gehen, streiken durften Krankenschwestern eh nicht, wer soll denn die Patienten versorgen, und wenn sie sich auf Station so umsah, war das alles auch sinnlos.

Bereits als sie in den 80 Jahren ihre Ausbildung gemacht hat, hatte ein Grossteil der Pflegeschüler Abitur und dann war ja klar, was die nach der Ausbildung gemacht haben. Die gingen studieren. Und so ist es heute noch. Die guten Pflegekräfte machen ihre Ausbildung, und merken dann, wie undankbar die  Bezahlung ist, wie sozial unverträglich der Schichtdienst, und dann machen sie halt was anderes.

Das findet Suska schade. Der Beruf macht ihr Spass. Sie liebt den Umgang mit Menschen,sie findet die Medizin spannend und sie findet, das sie, menschlich gesehen, viel zurückbekommt an Anerkennung und Wertschätzung.
Aber davon wird man halt nicht reich.
Jetzt sind Wahlen, und eine Umwandlung ihrer kommunalen Klinik , in der sie arbeitet,  in eine Uni-Klinik steht an und somit andere Tarifverträge, weil Land und Kommune verschiedene Tarifabschlüsse haben und wenn das stimmt, was sich erzählt wird, ist die  UniBezahlung wesentlich schlechter als das, was die Angestellten jetzt haben.

Es gäbe unter anderem weniger Urlaubstage und weniger Grundgehalt, und das ärgert Suska.
Kann man denn mit den Angestellten alles machen? Ist der hart arbeitende Mensch nichts mehr wert?
In  Berlin haben sie es geschafft, an der Charite, erzählt eine Kollegin,weil die alle gewerkschaftlich organisiert waren, konnten die streiken.
„Und wie sieht es bei uns aus? Können wir das auch?“fragt sich Suska. Vielleicht sollte sie in die Gewerkschaft eintreten, einfach nur um zu zeigen, dass sie unterstützt? Weil sie eine bessere Zukunft will für die Pflege.
Und weil sie die Jammerei satt hat, dieses : Ach, das bringt doch eh nichts, die wirtschaften doch alle in die eigenen Tasche, es gibt doch eh keine Leute, jammer jammer…..und ja ach so, „was machen die für blöde Aktionen, das interessiert doch niemanden, wenn sich  Krankenschwestern in einen See stellen mit Plakaten:Uns steht das Wasser bis zum Hals,“ auch wenn es da gerade knöcheltief ist….
Aber Suska findet das toll. Die tun was! Die machen Aktionen mit Phantasie!
Die jammern nicht nur!

Suska lacht innerlich: Jammer net, Verdi !!!
Ihr neuer Schlachtruf! Sie geht morgen zum Personalrat und unterschreibt ihre Gewerkschaftsmitgliedschaft. Ist immerhin steuerlich absetzbar.

Und wenn viele dabei sind, wird sich was ändern. Sagte schon der  Grossvater.

 

Das Beitragsbild hab ich hier geliehen…