Loida – „Noch einmal sprechen….“

Es ist für Loida, als sei alles noch ganz nah.Dabei ist es einen ganzen Monat her, das die Mutter gestorben ist. Da ist immer noch dieses Gefühl, wie es war, dabei zu sein, sie, Loida, als letzter Mensch, der Mutters  Hand hielt.
Ein bisschen, denkt Loida, ist es wie eine Geburt, wer weiss, wo die Mutter hingegangen ist, als sie losgelassen hat.
Die letzten Wochen sind an Loida vorbeigerauscht. Die Beerdigung, der Bürokratenkram, das Haus auflösen,… Der Bruder hat geholfen, zum Glück, der ist Anwalt, der kennt sich aus mit sowas.
Einen Abend haben sie im Wohnzimmer gesessen, vor sich eine Schachtel mit Dias.
„Wer braucht denn sowas noch!“ hat der Bruder den Kopf geschüttelt, und wollte alle „komplett in die Tonne kloppen“.
Aber Loida hat sie rausgeholt und jedes einzeln angeschaut. Dias von Ausflügen an den See…. Loida, in einem gehäkelten Badeanzug , wie sie frierend im Wasser steht, die Mutter mit grosser Sonnenbrille und Sonnenhut daneben, lachend.
Loida und der Bruder auf einem Schlitten, der Bruder hält seine kleine Schwester fest, Loida trägt eine Bommelmütze. „Schau“, ruft sie, „diese MÜTZE! Die hab ich so geliebt.“
„Du und deine Bommelmütze!“ lacht der Bruder, “ du hast sie auch im Sommer getragen!“
Und so schauen sie die Bilder an und ein paar davon wird Loida mitnehmen.
„Bestimmt kann man die digitaliseren“, sagt der Bruder.

Und jetzt ist die Mutter schon über einen Monat tot.
Sie fehlt Loida. Auch wenn sie über die Jahre wenig Kontakt hatten, irgendwas fehlt in Loidas Leben. Manchmal muss Loida weinen, wenn sie an die Mutter denkt, und manchmal wünscht sie sich so sehr, das sie sie noch spüren kann, irgendwie. Sie horcht manchmal ganz nah in die Stille,vielleicht hört sie ein leises Summen, in dem die Stimme der Mutter ist.
Es gelingt ihr nicht. Über ihre Trauer mag sie nicht sprechen, eine Freundin hat letztens gesagt: „Jetzt muss mal genug sein mit der Trauerei, schliesslich war deine Mutter schon alt!“
Deshalb behält sie das für sich, dass es noch schmerzt und dass da was fehlt.

Heute fährt sie auf den Friedhof. Auch wenn sie dafür fast zwei Stunden im Auto sitzen wird, sie kann danach auf den Christkindlesmarkt gehen und eine Bratwurst essen, so wie früher, als sie klein war.

Den Friedhofsbesuch hat sie schnell hinter sich gebracht, da hat sie die Mutter auch nicht gefunden.
Und jetzt steht sie am Glühweinstand auf dem Christkindlsmarkt, pustet in ihren Punsch und schaut den Leuten zu, wie sie Bratwurst essen, sich fast am Crepe verschlucken, oder in ihren Glühwein blasen, so wie die Frau da drüben. Irgendwie kommt sie Loida bekannt vor.
Woher nur? Sie kennt in dieser Stadt doch niemanden mehr.

Die Frau dreht sich um. Natürlich, das ist die Krankenschwester, wie hiess sie doch gleich, irgendwas mit S…
Loida fasst sich ein Herz. „Entschuldigung…. Ich weiss nicht , ob Sie sich an mich erinnern, Sie waren mit mir dabei, als meine Mutter gestorben ist.Ich bin Loida L., meine Mutter war Frau B.“
„Natürlich, ich erinnere mich jetzt, entschuldigen Sie, aber ich begegne immer so vielen Menschen…Wie geht es Ihnen? Ist es schwer gewesen in der letzten Zeit für Sie?“
Da merkt Loida, wie sie fast Tränen in die Augen bekommt, so eine Frage mit so einer Wärme hat ihr noch niemand gestellt. Sie schluckt die Tränen runter.
„Ja. Es ist immer noch schwer. Sie fehlt mir. Ich suche sie und kann sie nicht finden, meine Mutter, es gibt Leute, die sagen, sie spüren ihre Verstorbenen noch, hören sie oder sehen sie, aber ich spüre nichts, ich bin nur so unendlich traurig…“, bricht es aus Loida heraus. Warum macht sie das? Sowas tut man nicht. Man erzählt keinem Wildfremden solche Sachen von sich!
Die andere Frau schaut Suska an. „Sprichst du mit andern über deine Mutter? Wie das alles so war?“
„Ach!“ ruft Loida,“ das kann doch keiner mehr hören , dass ich traurig bin!“
„Och,“macht die andere,“ Du sollst ja nicht drüber reden, dass du traurig bist, du sollst erzählen, wie deine Mutter war! Komm, wir gehen da rüber, und trinken einen Chailatte, kennst du das? Sehr lecker! Und du erzählst mir von deiner Mutter! Ich mag  Geschichten! Und dann erzähl ich dir von meiner Mutter! “
Jetzt fällt Loida auch der Name wieder ein, Suska heisst sie, und gerne geht sie mit Suska ins Cafe und probiert Chailatte , was auch immer das ist,…warum nicht…
Und dann haben sie da 2 Stunden gesessen, Loida und Suska, und über ihre Mütter geredet, von den Dingen, an die sie sich gerne erinnern und wie das war, als sie klein waren, und wie das dann war, als sie grösser waren und auch, das die Mütter fehlen, und obwohl schliesslich Loida und Suska „erwachsne, gstandene Weibsn“ sind, wie Suska sagt, wäre es trotzdem schön, wenn da eine Mutter noch wäre, die tröstet, oder wenigstens eine Freundin, bei der man weinen kann, und mit der man lachen kann, und über die Mutter reden kann, die schrecklich genervt hat, damals, aber jetzt schon ziemlich  fehlt.

„Noch einmal sprechen von der Wärme des Lebens“,
Woher kommt denn dieser Satz jetzt zu Loida geflogen? Egal, ein schöner Satz ist das, und als Loida dann heimfährt , mit Suskas Telefonnummer in der Tasche und Zimtgeschmack im Mund von diesem Chailatte, den sie getrunken haben, hat Loida das Gefühl, das sie auf ihren Schultern eine weiche leichte Wärme spürt.
So, als hätte da jemand seine Hand drauf gelegt.

 

Danke an 70 Follower

möchte ich sagen. Ich freue mich , das mein kleiner feiner Blog gelesen wird, das merke ich an den Kommentaren immer wieder. Ich mag meinen Blog, ich mag meine Frauen, denen Geschichten passieren, die eigentlich so alltäglich sind, aber beim Schreiben merke ich immer, wie wichtig mir der Blick auf die kleinen unspektakulären Dinge ist.
Danke fürs Lesen, fürs Kommentieren, fürs Teilen,…
Katrin

Suska-Meditatives Tanzen

Das mit dem gemeinsamen Tanzen lässt Suska nicht los. Früher, als Sohn Bero noch klein war, hat sie in einer Müttergruppe in der Pfarrei Kreistänze gemacht, Meditative Tänze mit anderen Frauen. Das hat Suska so schön gefunden, dieses gemeinsam die selben Schritte tun, langsam, bedächtig. Irgendwann hat das aufgehört, vielleicht war es nicht mehr zeitgemäss, gemeinsam um eine schön gestaltete Mitte zu tanzen.

Jetzt hat sie im Pfarrbrief einen kleinen Aufruf gefunden: Meditativ Tanzen- wir machen weiter.Jeden vierten Dienstag im Monat hier im Pfarrheim. Saal Raphael. Beginn 19.00.

Heute ist der vierte Dienstag im November und Suska beschliesst hinzugehen.
Im Pfarrheim ist es dunkel, aus einem Raum dringt Licht. Die Tür ist offen, Frauenlachen dringt heraus. Zaghaft betritt Suska den Raum. Sieben Köpfe drehen sich nach ihr um. Hallo, willkommen, tanzt du mit uns mit? Suska nickt.
Eine Frau kommt auf sie zu. „Hier kannst du deine Schuhe aussziehen, schau, hier in der Kiste sind dicke Socken, die kannst du anziehen. “ Dicke selbstgestrickte Socken, wahrscheinlich vom letzten Kirchenbasar übrig gebleiben, denkt Suska.
„Ich bin Gerda, wir tanzen in dieser Gruppe seit 25 Jahren, es ist jeder neue willkommen. Es ist nicht schwer, hast du das schon mal gemacht?“
„Ja, “ sagt Suska, “ ich hab sogar selber Tänze geleitet.“
„Dann wirst du schnell zurecht kommen, aber ich zeig dir alles. Wie heisst du?“
Suska nennt ihren Namen und Gerda sagt zu den anderen Frauen: “ Das ist Suska, herzlich willkommen. Wir tanzen heute Herbsttänze, wir wollen Blätter sein, die im Wind tanzen, wir wollen an die Erde denken, die jetzt zur Ruhe kommt, wir wollen mit unserem Tanzen das Licht spüren, das bei diesem Wetter leider nicht immer zu sehen ist.“ Sie lächelt.

Die Frauen stellen sich auf, im Kreis. Um eine schöne Mitte, das sieht Suska erfreut. Eine Mitte mit einer brennenden Kerze auf einem herbstfarbenen Seidentuch, mit Blättern und Kastanien.
Die Musik beginnt. Sie tanzen. Vier Schritte nach rechts, vier in die Mitte, die Arme heben, vier Schritte rückwärts, die Arme senken, sich verneigen, weiter vier Schritte nach rechts,… Suska betrachtet die Frauen, die meisten waren wohl so alt wie Suska jetzt, als sie mit dieser Tanzgruppe begonnen haben, vor 25 Jahren,…
Der erste Tanz ist vorbei.
„Ilse, wenn du eine Pause brauchst, dann hörst du fei auf, gell, ich hab heute keine Lust dich zu reanimieren!“ hört Suska die Leiterin sagen. Alle lachen, und Ilse am lautesten. „Ich schnaufe vielleicht wie ne Lokomotive, aber Dampf macht voran!Ich bin die älteste hier, und Gerda hat immer Angst, das sie mir zuviel zumutet!“ sagt sie, an Suska gewandt. „Aber keine Sorge, ich bin fit!“
Das nächste Lied, wie schön, das kennt Suska, und die Schritte sind einfach.
Sie wiegt sich mit im Kreis und singt im Leisen den Text mit. „Mother earth , come carry me, your child i will always be…“
Sie hört die anderen Frauen singen. Sie blickt auf, sie singen tatsächlich. „The river ist flowing, flowing and growing…“
Und da singt Suska auch mit. „Sister moon, watch over me, your child i will always be…..“

Als sie nach 2 Stunden heimfährt, singt sie dieses Lied immer noch, und als die anderen Frauen Suska zum Abschied gefragt haben, ob sie wieder kommen wird, hat sie aus tiefstem Herzen ja sagen können.

Und eine schön gestaltete  Mitte, das macht sie zu Hause für sich jetzt auch.

 

 

 

 

Suska – Zumba und die Eleganz der Bewegung

Letzte Woche, als Suska Spätdienst hatte, war sie Vormittags in ihrem Damenfitnessstudio und kam zufällig genau rechtzeitig zur Zumbastunde bei Monika.Monika ist 50 , seit ewigen Zeiten Fitnesstrainerin, und weil Vormittag war, waren die Teilnehmerfrauen auch in einem bestimmten Alter.
Entweder Hausfrauen, die , bereits älter, genug Energie haben (dazu zählt für Suska Elan UND genug Geld!) für den jugendlichen Körper zu kämpfen, oder auch Schichtarbeiterinnen wie Suska und Rentnerinnen, die sich nicht mehr viel darum kümmern wollen, wie sie aussehen, die das einfach tun, weil es Spass macht.
Und diese Zumbastunde, die für Suska die erste war, hat ihr richtig gut getan.
Monika hat alle mit einbezogen, hat gelacht, und die Bewegungen waren einfach und das man sogar zu Tina Turners „Rollin on the river“ Zumba tanzen kann, fand Suska toll.

Heute nachmittag hat Suska wieder Zeit und es gibt Zumba:Tanz mit Janina.
Figurbedacht wie Suska ist, denn sie will die Hoffnung auf einen straffen Körper ja nicht aufgeben, hat sie erst Crosstraining gemacht, dann ein paar Geräte und nun fängt die Zumbastunde an.
Es ist 18.00.
Der Grossteil der Frauen, die mitmachen, kommt gerade von der Arbeit. Der Grossteil dieser Frauen ist ziemlich jung. Sie tragen bunte Sporthosen, enganliegende T-Shirts, und ihre Haare haben sie zu wippenden Pferdeschwänzen zusammen gebunden. Suska hat auch einen Pferdeschwanz, einen ziemlich energielosen allerdings.
Sie trägt keine engen Sporthosen mit grellgrün und leuchtendgelben Hemdchen, sie hat eine ausgeleierte graue Jogginghose an. Und , nun ja, ein pinkleuchtendes Tshirt,immerhin. Aber das schlappert.
Die Trainerin ist Mitte 20, maximal. Janina.
Die Musik geht los. Es wummert. Es lässt Suska rhythmisch mitzucken. Spanisch oder italienisch, mi amore! singt es aus den Boxen.
Suska sieht, wie die Frauen mit den Hüften schwingen, die Knie zappeln lassen, die Schultern zum Beben bringen. Als Suska das auch versucht, beben ihr nicht nur die Schultern. Sie fürchtet, sie fällt gleich vorne über.
Die Frauen springen, nach rechts- zwei drei- Knie angewinkelt, Hüftschwung, schalalala, hooop hooop! kreischt die Trainerin.
Yeahyeah! brüllen die Frauen zurück, und machen einen sehr eleganten Schwung nach links. Suska allerdings nach rechts, und dann spürt sie einen schwitzigen Arm an ihrer Schulter. Sorry, murmelt sie, und hüpft auch nach links, aber da waren die anderen alle schon wieder nach rechts gehüftschwungt, und diesmal wird Suska an der linken Seite angerempelt.
Sie geht einen Schritt nach hinten. Jetzt sieht sie die Trainerin gar nicht mehr, sie steht in der letzten Reihe und vor ihr bewegen sich alle synchron. Sieht schön aus, denkt Suska, und wischt sich mit dem Handtuch über das Gesicht. Woopwooop! kreischen alle und wirbeln um sich selbst herum. Baila morena!!! Woopwoop!

Suska muss lachen, irgendwie eine Schnapsidee, heute hier die Zeit zu verbringen. Sie tanzt  lieber zu Hause, sie hat doch  ein paar Lieblingsstücke, zu denen sie springen und den Kopf schütteln, und laut mitsingen kann, wenn die Nachbarn nicht da sind. Da guckt keiner, wie sie aussieht dabei, vor allem nicht sie selber, denn zu Hause hat sie nicht so einen grossen Spiegel, der ihr gnadenlos jede plumpe Bewegung vorführt, die sie macht.Zu Hause kann sie frei tanzen, barfuss, die Haare schütteln, und wahrscheinlich hat sie dann so viel Energie getankt, dass der Pferdeschwanz auch bei ihr lustig wippt.
Ach was, Pferdeschwanz- sie wird die grauen langen Haare frei schwingen lassen! Die werden um sie herum fliegen,wenn sie tanzt! Aber sowas von schwungvoll!
Woopwoop!

Niemand verlässt ohne Not sein weites Feld….

Von mir geschrieben und hier rebloggt…passt zum letzten Beitrag, deshalb…

Gezeitenwechsel

Liebe S.,
ich musste überlegen, wo du aufgewachsen bist? Dass du in den siebzigern schon so multikulturelle Erfahrungen gemacht hast.
Ich bin, wie gesagt, in einer Stadt aufgewachsen, wo die Menschen genug mit ihrer eigenen Fluchtgeschichte oder Emigration zu tun hatten, die meisten waren aus dem Osten, wenn ich mich richtig erinnere, und es gab einfach keine Italiener, Griechen oder anderes. Das einzige, was ich über Italiener wusste, waren die Geschichten über diese „Italienerkinder!“ von meiner Tante, die Grundschullehrerin in Wolfsburg war.
Fremde waren mir fremd. Fremde mit einer anderen Hautfarbe besonders. Als ich dann diese Stadt verlassen habe, gab es „Sie“ trotzdem nicht, in anderen Städten, oder sie sind mir nicht aufgefallen? Ich hatte keinen Kontakt.
Anfang der Achtziger hat dann in meiner Heimatstadt der „Chinese“ aufgemacht, und die chinesische Familie wurde beäugt, sie sahen „komisch“ aus. Sie lächelten so übertrieben. Das Essen war gut. Bisschen fremd, aber okay….

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Zusammentanzen-Wirklich frei sind wir erst, wenn die Hautfarbe zu benennen keine Rolle mehr spielt

Ich sitze im Zug. Ich fahre in die Universitätsstadt, in der der GrösstLiebsteSohn seit 4 Wochen auf seinen Master studiert. Einen Internationalen Studiengang absolviert er, und heute abend gibt es ein „International Dinner“. Wir werden kochen, wenn ich da bin, der Sohn und ich, Sachen aus der Heimat. Weil wir gemischt beheimatet sind, gibt es Matjesheringssalat, Rote Grütze und bayrischen Obatzdn.
Im Zug lese ich einen Beitrag von Ulli’s Cafe Weltenall, ich denke so vor mich in und schreibe einen Kommentar.

Danke für diesen Text. Und diese Worte von guy de maupassant haben eine Gänsehaut gemacht. Im Zug sitzend, mir gegenüber ein dunkelhautiger Mann, der englisch französisch deutsch telefoniert und mich anlacht….Liebe grüße Katrin

Dann denke ich: Wirklich frei sind wir erst, wenn die Hautfarbe zu benennen keine Rolle mehr spielt…….

Ich bin angekommen, der GrösstLiebsteSohn und ich kaufen ein und kochen für unser Dinner. Am Abend treffen wir uns am Busbahnhof mit seinen Studienkollegen. Ich bin beeindruckt, sie kommen alle von so weit her! W. aus Pakistan, H. aus Aserbeidschan, A. aus Puerto Rico, NEIN! sie ist aus Costa Rica! ( i am so so sorry, A., that i confused it, always, but i did give my best, cause J. said: All people mix Costa Rica with Puerto Rico!)
L. aus Venezuela, K. aus Malaysia, F.aus Mexico, B. aus Nigeria,…. S. kommt aus USA, ihr Freund ist Australier. Sie sind so bunt alle, wie sie da sitzen im Bus, sie erzählen von den köstlichen Dingen, die sie gekocht haben, sie reden, lachen, alle auf Englisch, und mein Sohn mittendrin.
Gemeinsam gehen wir den langen Weg zum Hörsaal, wo das Dinner stattfinden soll. Die Seminarleiterin ist da, ein paar Professoren, die Köstlichkeiten werden auf Tische gestellt, es wird erklärt, wer wann wie lange was vorbereitet und gekocht hat. Wir essen, wir trinken, sie erzählen,… wie es ihnen geht in Deutschland.

„Sie sind so nett hier, not as they told us about the Germans, sie haben mein Fahrrad repariert, mein Freund hat einen Job bekommen hier, sie haben uns ne Wohnung angeboten,…sie fragen immer, wo wir herkommen und wie es dort ist….“
Sie brauchen Bürgen, die das Studium finanzieren, bei B. aus Nigeria sind es die Brüder, die arbeiten, damit er hier studieren kann, H. aus Aserbeidschan hat einen Chef in der alten Firma, wo sie herkommt, aus Baku, der für sie bürgt, weil er will, das sie hier das studiert, damit sie daheim dann später was bewirken kann. Sie wissen, das sie lernen müssen und sie wissen wie schwierig es ist, mit ihrem Englisch, für die Prüfungen zu lernen.
Sie lernen miteinander, die 4 deutschen Studenten dieses Studienganges helfen mit. Sie schreiben Referate gemeinsam und als es um die Aufenthaltsgenehmigung von A. ging, hat sich der Sohn in den schicken Anzug geworfen, ganz seriös hat er A. unterstützt , ihre German Skills zu erklären, was auch immer das sein mag.
Ich esse etwas, das komisch schmeckt. Es ist ein komisches Tier, das B. aus Nigeria gekocht hat, ich mag das gar nicht. Was, denke ich, wenn ich dort wäre und nur solche Sachen essen müsste? Wie geht es B.hier mit dem Essen? „Er isst das Mensaessen hier nicht, „, sagt der Sohn, “ er ist anderes gewöhnt.“
Ja, das verstehe ich.
Die Seminarleiterin erzählt mir, wie wunderbar das ist, das die sich alle so schnell miteinander gefunden haben.
Später tanzen sie. Die Südamerikaner tanzen Salsa,und Merengue.  H. aus Aserbeidschan zögert. Dann spielen sie „Makkarena“ und „Gangnam Style“, das kennen sie alle, und sie stehen im Kreis und bewegen sich im Gleichtakt. Sie lachen, sie tanzen, sie wirken glücklich.
Und mir geht durch den Kopf, dass ich glücklich bin, weil sie so unvoreingenommen miteinander umgehen, und wie schön es ist, diese bunten lebendigen jungen Menschen zu sehen und dass ich keine Sorge haben muss, denn trotz des ganzen Rechtsruckes und Rechtsgeredes in unserer Gesellschaft gibt es immer wieder Momente , in denen ich erlebe, dass Vielfalt und Akzeptanz und Menschenwärme gelebt wird.
„Come on , Mama, lets dance!“ und ich tanze mit ihnen mit.

Flida- Heimwerkern

Heute abend hat der LAT-Gefährte (Living apart together-Gefährte) Flida zum Essen eingeladen. Flida freut sich, sie hat viel zu erzählen. Allerdings- ihr Erlebnis an Allerseelen wird sie schön für sich behalten, sowas mag er nicht, wenn sie so einen Hokus Pokus macht.
Aber sie hat anderes zu erzählen, sie war nämlich fleissig diese Woche, sie hat ihr Wohnzimmer umgeräumt und umgebaut.
Und so sitzen sie also gemütlich beim Griechen, “ ein absoluter Geheimtipp!“ hat der LAT-Gefährte verkündet, aber wenn Flida sich so umschaut, ein Geheimtipp ist das nicht,findet sie, es ist rappelvoll.
Vor ihnen türmen sich köstliche Kleinigkeiten, Pita mit Knoblauch, gegrillter Schafskäse, Oliven, Auberginen mit Käse gefüllt,… Flida weiss gar nicht wo sie  zuerst hinlangen soll.
„Nun erzähl mal, Flidalein, wie ist es dir gegangen in dieser Woche?“ fragt der LAT, und beisst in sein Fladenbrot.
„Ich hab mir eine Bohrmaschine gekauft, „sagt Flida , “ in einem Baufachmarkt!“
„Was willst du denn für Löcher bohren?“ fragt der LAT überrascht.
„Ach, nicht bohren!“ sagt Flida, „schrauben. Ich hab mir so eine Schraubendingsmaschine gekauft.“
„Du meinst einen Akkuschrauber, “ berichtigt der LAT.
„Genau, “ sagt Flida, und nimmt einen Schluck vom köstlichen griechischen Weisswein.
„Ich bin zu dem Oberbaumarktfuzzi gegangen, in so einer blauen Latzhose hat der  gesteckt und hab gesagt, ich will eine Schraubmaschine. Der wollte mir eine für 24,99 andrehen, hab ich gesagt, nix da, ich will eine richtige. Ach, Schätzchen, hat der gesagt, für Ihre Zwecke reicht doch die hier.Sie wissen nicht,was ich schrauben will, hab ich gesagt und ihm was erzählt von Leerlaufdrehzahl und regelbarem Drehmoment und Akkuleistung und das ich kein Zahnkranzbohrfutter will sondern ein Schnellspannbohrfutter und da hat der dann aber ganz anders mit mir gesprochen. “
Die Oliven schmecken köstlich und Flida feixt. „Ich hab jetzt ne Superschraubmaschine, ich hab sogar Rabatt gekriegt, scheinbar war er ziemlich beeindruckt!“
„Und was willst du schrauben?“ fragt der LAT.
„Regale,“ sagt Flida. „ich hab Regale gebaut. Bzw. zusammengebaut.Und mein Wohnzimmer umgeräumt. Und dann, stell dir vor! War der Hammer kaputt. Stiel und Kopf lagen einzeln im Werkzeugkasten. Hab ich den Hammer genommen, den Stiel draufgesteckt und hab von der Seite mit nem Gummihammer auf das Stielende draufgekloppt. Dann ist der Stiel in das Kopfloch gerutscht. Ich hab dann noch einen Nagel reingehauen, damit sich das Holz spreizt, und der Kopf da nicht mehr rauskommt. Weisst du, wie ich meine?“
Der LAT hat aufgehört zu essen. „Woher weisst du das alles?“
„Geheimnis!“ sagt Flida, „die Regale stehen, und Bilder hängen, ich hab mir dafür sogar die tollen Nägel gekauft, mit den goldenen Köpfen, die verbiegen sich nicht, wenn ich sie wieder aus der Wand hole, du weisst wie gerne ich umdekoriere! Das sind Nägel, die kannst du nach nem Erdbeben-Abriss noch bei Ebay versteigern, sozusagen RecommerceNägel!“
Flida freut sich, weil der LAT so überrascht guckt.
Dass das Teufelchen auf ihrer Schulter nicht still sein kann und sagt: „Die Bilder hängen nur gerade , weil du sie DIREKT an die Mauerkante genagelt hast! Das erzählst du ihm nicht, was, Flida?“ Aber dieses Gewisper ist Flida gerade richtig schön egal, sie sagt, als auch noch der LAT anfängt zu fragen, ob sie denn richtig gehämmert, habe, so mit Schwung von unten nach oben leicht schräg im Winkel von ca 35 Grad, sie würde sich beim Hämmern doch immer dauernd auf die Finger klopfen, was nicht stimmt!  Da sagt Flida ganz laut: „FÜR MICH PASST DAS! “ und beisst mit Genuss in ihre Moussaka.

Wenn ich ein Buch lese….

und in diesem Buch kommt jemand vor, den ich kennengelernt habe, flüchtig nur, aber ich hab ihn kennengelernt, dann ist das merkwürdig. Ich hab mit ihm gesprochen, und ich hab Geschichten über ihn gehört, weil meine SchönsteTochter in ihrer Zeit , während sie in Jerusalem war, bei ihm gelebt hat. Da ist es jetzt ein bisschen eigenartig gewesen, über ihn zu lesen, es war berührend.

Ich kann keine Buchbesprechungen machen,dazu kenn ich mich zu wenig aus, aber über dieses Buch möchte ich berichten.

Sweet Occupation von Lizzie Doron, dtvpremium, ISBN :9783423261500

Lizzie Doron hat ein Jahr lang Gespräche mit Männern geführt, die den Combattants for peace angehören. Ich hab über diese Gruppe, die aus israelischen und palästinensischen Menschen besteht, mal berichtet, im Gezeitenwechselblog,, nachdem ich letztes Jahr meine Tochter in Ramallah besucht habe.

Ich habe auch einen Abend mit diesen „Friedenskämpfern“ damals verbringen dürfen, ich eher schweigend,  weil beeindruckt von ihrer Lebensfreude und ihrem Miteinander.

Gut, in diesem Buch also spricht die Autorin mit diesen Männern, die die Combattants gegründet haben. Ihre eigenen Erfahrungen vom Krieg und den Kämpfen lässt sie mit einfliessen. Sie spricht von ihren Vorbehalten und ihren Ressentiments gegenüber den Menschen , die sie treffen wird, und während dieses Jahres der Gespräche klärt sich auch ihre eigene Geschichte.
Ich merke , ich bin nicht gut im Berichten, eine bessere Besprechung gibt es hier.

Mir liegt die Geschichte des Lebens in Palästina-Israel am Herzen.
Ich hab durch die Reise dorthin wieder einma l(ich bin ein West-Kind, dessen Grosse Restfamilie in der DDR gelebt hat) gespürt, wie furchtbar es ist, in seiner Freiheit eingeschränkt zu sein. Kontrolliert zu werden, wenn man irgendwohin möchte, möglicherweise nicht dorthin gelassen zu werden, wo man hin will, Ausgangsperren, Zeitbeschränkungen, willkürliche Strassenkontrollen, Soldaten am Strassenrand mit Waffen . Sie machen Angst und zornig.
Und doch haben es die Menschen dort nicht verlernt zu lachen und zu leben. Sie behüten ihre Tradition und öffnen sich für Neues.Und deshalb, als mir die SchönsteTochter dieses Buch zum Lesen gab, dachte ich, ich stelle es Euch vor.

Nun, da uns die Worte fehlen, ist die Zeit für eine Umarmung gekommen.

Sweet Occupation, S.141

Flida- im November

Flida mag den November gar nicht.Wenn es abends so früh dunkel wird, wenn die Bäume blätterlos ihre Äste in den Himmel recken, wenn sie aufsteht und im nebeldunkel zur Arbeit fährt, all das mag sie nicht.
Vor allem sind im November diese Totentage.
Allerheiligen, Allerseelen, der Totensonntag , der Volkstrauertag.
Manchmal , früher, hat sie diese Allerheiligen zelebriert. Sie hat geräuchert  in der Wohnung, sie hat Kerzen aufgestellt, für die Verstorbenen, sie sass allein vor ihrem Kerzenfeuer und schaute in den Garten. Einmal hatte sie das Gefühl , die kommen alle aus dem Gebüsch raus, alle an die sie so gedacht hatte. Da hat sie ihre Jalousien zugemacht, vor lauter Schreck. „Du guckst ja auch zu viele Gruselfilme!“ hatte das Teufelchen geflüstert.
Dieses Jahr hat sie sich was Besonderes vorgenommen: sie geht zu einem Verstorbenenfest mit einer Heilerin, in ihrem Esoterikladen, wo Flida manchmal  ihr Räucherwerk kauft. Da freut sie sich drauf, diese Heilerin sieht auf dem Foto sehr symphathisch aus, ein bisschen indianisch, Flida ist gespannt, was sie erwartet.
Als sie ankommt, sitzen bereits einige Frauen im Halbkreis um die Heilerin herum und plaudern mit gedämpften Stimmen.
Eine Frau fällt ihr besonders auf, sie ist gross und stattlich, ihre langen fast grauen Haare fallen locker auf ihren Rücken, und wenn sie lacht, sieht man ihre weissen Zähne. Und sie lacht gerade sehr laut und fröhlich, ihr Busen wogt dabei. Flida muss unwillkürlich mitlächeln.
Die Heilerin ist in warme Decken gehüllt, um den Kopf trägt sie eine Kapuze, ihre langen schwarzen Haare fallen von ihren Schultern. Wie alt sie wohl ist, denkt Flida.
Alterslos scheint sie ihr.
Die Heilerin schlägt dreimal auf ihre Klangschale. Es wird still.
Dann beginnt sie zu erzählen. Von ihrem Erlebnis, als sie tot war. Von den Seelen, denen sie seitdem begegnet, vom Tod, der nicht böse ist, der ihr keine Angst macht.
Flida gefällt das.
Eine Frau vor ihr nickt immer zustimmend und brummt, und sagt laut:Ja! wenn die Heilerin etwas gesagt hat, was ihr besonders gut gefällt. Und sie zappelt rum und sitzt immer so, das Flida keinen Blick auf die Heilerin werfen kann.Flida sieht immer den breiten Rücken der unruhigen Frau, egal wie sie sich setzt.Das irritiert Flida.

Die Heilerin sagt, dass sie in den Kliniken sehr vielen ruhelosen Seelen begegnet sei, die den Ausgang in die zeitlose Raumlosigkeit noch nicht gefunden haben. Ob jemand wüsste, woran das liegen könnte? Ob das am Morphium liege, das man den Sterbenden geben würde in der heutigen Zeit, weil sie sich dann nicht auf den Tod vorbereiten könnten, sondern gedämpft ihr Leben aushauchen,und dann nicht wissen, was mit ihnen passiert ist?

Da steht die grosse grauhharige Frau auf, und sagt laut und vernehmlich:
„Es liegt sicher nicht am Morphium, denn das sterbenden Schmerzpatienten Morpium gegeben wird, ist eine Gnade. Und wenn es ruhelose Seelen in grossen Ansammlungen in Krankenhäusern gibt, dann liegt das an der heutigen Gesellschaft, die es nicht mehr kann, den Weg zu weisen und Rituale zu machen, die das Weggehen erleichtern können. So. “

Die grosse Frau setzt sich wieder. Flida ist beeindruckt.

Da fragt die unruhige Frau , die vor Flida sitzt:“ Gibt es hier auch welche? Ruhelose Seelen? Bei mir zu Hause ist einer, der kommt immer wieder, ich glaub auch, ich weiss wer das ist. Wie kann ich denn dem den Weg weisen? Ich mochte den nie, das war ein ekliger Kerl und jetzt kommt der mich immer besuchen. “
Ui, denkt Fida, was ist das denn….
Die Heilerin sagt etwas, aber Flida hört nicht zu, sie schaut die grosse schöne Frau an, die leise in sich hineinlächelt.
Sie wirft Flida einen Blick zu, als spüre sie,das Flida schaut und zwinkert Flida zu.
Eine andere Frau erzählt, das sie ihren verstorbenen Vermieter auf dem Klo getroffen habe. Sie habe ihn gefragt, ob er nicht wüsste, das das Klo eine Privatsphäre sei, was ihm einfallen würde, ihr beim Pinkeln zu zugucken. Alle lachen.
„Gut gemacht“, sagt die Heilerin. „Jetzt wenden wir uns aber dem zu, weshalb wir hier sind.“
Und sie zündet Kerzen an und schlägt die Klangschale und spricht ein Gebet in einer Sprache, die Flida angenehm berührt und Flida versinkt in Gedanken, während sie ihre Kerze anschaut. Sie denkt an ihren Vater, wie er in seinem Paddelboot durch die raumlose Zeitlosigkeit gleitet, vor ihm sitzt die Mutter, an die Flida sich kaum erinnert und lächelt zu Flida hinüber. Flida sieht ihre Tante, die so einsam starb, lächelnd an einem Baum stehen und hört die Stimme der Heilerin:
Es ist nur noch Vergebung da und Verstehen. Es gibt keine Schuld . Es ist Frieden.

Flida fühlt sich wohl, warm und geborgen. Wie schön sind diese Bilder, denkt sie.
Die Klangschale holt Flida wieder in die Gegenwart zurück, der Abend ist vorbei. Beim Hinausgehen stösst sie gegen einen Yogafrosch, der auf einer Lotusblumenschale sitzt und verzückt lächelt.
Die grosse schöne Frau grinst Flida zu: „Noch ganz benommen von dem Hokuspokus hier? „fragt sie.“ Ich hoffe bloss, das mir heute im Nachtdienst die ganzen verlorenen Seelen nicht begegnen, denen ich den Weg weisen muss in der Klinik, ich hab genug mit den Lebenden zu tun!“
Flida lacht: „Und ich hoffe, das da keiner bei mir auf dem Klo sitzt, dem ich sagen muss, dass er da bitte nichts zu suchen hat!“

Sie lachen beide, heben die Hand zum Gruss und gehen. Eine nach rechts, die andere nach links.

 

Suska-Im Schwimmbad

Schwimmen tut ihr gut, hat Suska festgestellt.
Die ruhige Bewegung, die gedämpften Geräusche beim Eintauchen ins Wasser, das verschwommene Sehen , wenn der Kopf aus dem Wasser kommt.
Nur kurz, dann taucht sie ihn wieder unter. Sie kann denken beim Schwimmen und muss nicht zählen, wieviele Durchgänge mit welcher Anzahl sie bereits an diesem oder jenem Gerät im Fitnessstudio gemacht hat…
Beim Schwimmen tut sie einfach und lässt denken.
Es kostet am Anfang ein bisschen Überwindung , ins kalte Wasser einzutauchen, aber Suska ist ja diszipliniert, meistens, grinst sie in sich hinein, zumindest jetzt.
Und schon schwimmt ihr schwerer Körper im Wasser des Schwimmbades und fühlt sich ganz leicht an. Die Bahnen sind frei, heute ist nicht viel los. Am Rand eine Schwimmschule, die Kleinen machen ganz ernsthaft ihre Schwimmübungen, ohne Angst, die Mütter sitzen im Cafe und zerwarten die Zeit mit Kaffetrinken.
Das hat Suska früher auch gemacht, mit ihrer Freundin. Bero ist geschwommen, mit dem Sohn der Freundin und die beiden Frauen haben diese freie Stunde genossen. Das war schön, denkt Suska.
Ein älterer Schwimmer kreuzt ihre Bahn. Warum schwimmt der quer, ärgert sich  Suska, wenn ich jetzt schneller schwimme , ramme ich ihn.
Wenn sie untertaucht mit ihrer neuen Schwimmbrille mit den blauen Gläsern, dann sieht sie seinen Bauch über der Badehose und dass er seine Beine bewegt wie ein Hund. Aber sie sieht nur seinen Bauch und nicht seinen Kopf. Das macht ihn abstrakt, genauso wie die Frau, die vor ihr schwimmt, mit ihrem schwarzen Badeanzug , der so Rüschen am Po hat. Auch diese Frau ist etwas dick und strampelt genauso wie der Mann mit seinen Beinen. Wer weiss wie ich von unten aussehe, denkt Suska, immerhin schwimmen wir, und dümpeln mit unseren schweren Körpern nicht nur vor den Düsen, um unsere Muskeln durcharbeiten zu lassen. Ich schaffe heute 35 Minuten , nimmt sie sich vor.

Das blaue Glas der Schwimmbrille verfremdet die Umgebung noch mehr. Die Lichter gehen an, draussen ist es dunkler geworden, das Wasser wirft blaue Blasen.
Nicht an die Hautpartikel denken, die da rumschwimmen, huuuu!
Nein, nein, alles ist schön, alles ist glitzernd, es kommt auf die Sichtweise an.

Suska hatte mal einen Patienten, der sich nie wusch,  ein sehr alter Mann, mit langen wilden weissen Haaren, den sie dann überreden konnte, dass sie ihm wenigstens die Haare bürstet. Er sass am Küchentisch in seiner alten Hütte, und sagte: Wannst moanst, Madl, und als sie die Haare bürstete, stoben goldene Funkeln durch den Sonnenstrahl ,der durchs seit Jahren ungeputzte Fenster fiel.
Goldstaub, Madl, da schaugst! hat der alte Mann gesagt.
Suska muss lächlen. Er musste  dann später ins Heim und sie konnte ihn überreden, das er vorher duscht.
Da hat er gesagt: Dann geh ich wenigstens sauber zum Herrgott nüber.
Er war einen Tag im Heim und dann ist er gestorben. An oiden baam verpflanzt ma net, hat er zu Suska gesagt. I sterb glei, wann i do bin.
Warum erinnnert Suska sich an ihn?
Weil sie so oft Tod erlebt?So oft Sterben? Wie hält sie das aus, hat mal jemand gefragt. Weiss nicht, hat Suska geantworte, das ist eben so.
Der letzte Tod einer Patientin, das war schön. Diese Tochter. Die so ruhig da sass und gefasst war, und am Ende danke gesagt hat. Für alles. Das hört Suska nicht oft. Die Angehörigen sind entsetzt und geben der Pflege die Schuld, das die Eltern oder wer auch immer so leiden mussten. Passiert jedenfalls öfter.
Schluss, Suska schwimmt jetzt, eintauchen , auftauchen, atmen, eintauchen…..
So wie die Tochter, wie hiess sie, Loida L. ,so wäre Suska gerne. So zart und gelockt und feingliedrig, so eine hätte sie vielleicht auch nur gerne als Freundin. Aber das geht nicht. Das macht man nicht.
Warum nicht? Warum eigentlich nicht?
Eintauchen, auftauchen, atmen…..vielleicht sieht sie sie ja noch mal, diese Loida, dann kann sie ja was sagen.
Die 35 Minuten sind rum, ein bisschen noch an die Düsen, wenn sie da jetzt schnell hinschwimmt, kriegt sie einen Platz. Noch sind die Plätze an den Düsen frei.