Suska: Vom Versprechen vergeblicher Vorsätze

Gemütlich ist es bei Suska auf dem Sofa, sie liebt diese grauen Tage. Weihnachten ist vorüber, Heligabend war sie für sich, und am 1. Feiertag war Bero da mit seiner Freundin.
Suska hat einen veganen Nussbraten gemacht, der allen geschmeckt hat und am 2. Weihnachtstag hat sie ihre Schwester besucht. Viel Familie, viel Trubel, jetzt ist Ruhe eingekehrt. Morgen ist Sylvester, sie hat Frühdienst, aber das stört sie nicht, sie feiert nicht gerne Sylvester. Sie wird früh schlafen gehen.
Nun sitzt sie auf ihrem Sofa,  hat die Lichterkette an Ficus Zimmerpflanze angemacht,der ihr in den letzten Jahren als Weihnachtsbaumersatz dient,  auf dem Tisch brennt das Teelicht , das sie von Beros Freundin bekommen hat und vor ihr steht eine Tasse dampfender Frauentee, ein Geschenk ihrer Schwester. Und ein Schokoladenweihnachtsmann, denn bei einem Mann aus Schokolade hat Suska keine Bedenken.
Auf dem Tisch liegt die Ausbeute aus dem heutigen Briefkasten. Rechnungen von Versicherungen für das nächste Jahr, zu zahlen im Januar. Eine Einladung von der Gemeinde zum Neujahrsempfang beim Bürgermeister. Für Bero. Weil er jetzt 18 ist. Was für eine Ehre, denkt Suska, ob sie wohl mitkommen dürfte? Auch wenn sie nicht persönlich eingeladen ist?
Einige Kataloge und Prospekte.
Ein Modekatalog, bunte schöne Bilder mit Kleidung, von der Suska manchmal träumt, wenn sie Geld hätte, und sich alles als Ensemble kaufen könnte, ob sie dann auch so schön bunt und wild aussehen würde wie diese Frauen in dem Katalog. Ob ihr Ringelstrumpfhosen, wallende gestreifte Oberteile und geblümte Röcke oder Pluderhosen stehen würden-wie sie darin wohl aussähe? Ach, denkt Suska, da hab ich doch seit Jahren nichts bestellt.
Der Prospekt eines Kaffeeversandhandels. Tschulibo Katalog, Januar 2018. Suska liebt es, darin zu blättern und sie muss es sich verkneifen, keine Wünsche wach werden zu lassen und überflüssiges Zeug zu bestellen.
Was möchte sie denn gerne haben, wenn sie wollte, dürfte und das bräuchte? Ein Trampolin mit Haltegriff, aha, und dazu diese schwarze ausgestellte Jazzpantshose. Ausgestellte Hosen lassen grösser wirken, weiss Suska, sie strecken und machen schlanker, optisch zumindest.
„Frische Farben, neue Kraft“ ist der Titel der nächsten Seite. Was ist an hellblau mit schwarz denn frisch, fragt sich Suska, als sie die Farbauswahl betrachtet.
„Entspannt ins Neue Jahr“, nächste Seite. Mit Yogarad. Braucht man das? fragt sich Suska, ein Yogarad zur Unterstützung der Yogaübungen, bis 85 Kilo Körpergewicht geeignet, ist das ein Witz? Suska wiegt 90 Kilo, sie ist also zu schwer für das Ding, aber wenn jemand 85 Kilo maximal wiegt, ist der doch in der Regel schlank und kann Yoga ohne so ein schaumstoffgepolstertes Rad machen?
Schwimmanzug,bis Grösse 48, sehr gut, ein  Antirutsch-Fitness-Handtuch,“Klebt das dann am Körper beim Abtrocknen?“ fragt sich Suska.
Einen Pilatesring gibt es auch und der Wunsch :“Gesundes Neues Jahr mit Faszienmassageball“.
Auch so ein neumodernes Zeug, dieses Faszien-Entkleben mit Kunstoffkugeln, die aussehen wie eine Avocado und in die Suska mal aus Versehen reingeschnitten hat, als sie einen gesunden Salat machen wollte, nur weil sie die Brille nicht aufhatte. Faszien-Berollen tut weh.
Und warum verkaufen Lebensmittelketten und Eventkataloge zum Jahreswechsel immer Sportgeräte und Kleidung  und Material dazu? Heute beim SupermarktDiscounter Adlid gab es auch Sportkleidung und einen Hometrainer und das grossgeschriebene Versprechen: „Fit ins neue Jahr! Ab 3. Januar in allen Filialen und online“.
Aber wer dann erst anfängt, seine an Sylvester gefassten Vorsätze umzusetzen, der ist noch lange nicht fit! denkt Suska.
Sie nimmt einen Schluck Tee, der schmeckt nach Rosen, fein,  und sie denkt:
„Vorsätze, hm, nee, diesmal nicht!“

Und dann beisst sie sehr herzhaft dem WeihnachtsschokoladenMann den Kopf ab.

 

 

 

 

Flida – Heiligabend

Es ist Heiligabend.
Flida ist alleine, es hat dieses Jahr nicht geklappt mit dem Familienheiligabend.
Ihre Söhne feiern mit ihren Freundinnen oder Freunden, und Flidas  Tochter ist zum Vater gefahren. Der feiert mit seiner Mutter, und die Tochter hat gesagt:Wer weiss ob die Oma nächstes  Weihnachten überhaupt noch erlebt, das verstehst du doch, Mama, oder? Und der LAT-Gefährte wird den Nachmittag mit seinen Kindern verbringen, die er dann später zu seiner Exfrau bringt, und er weiss echt nicht, ob er dann nach dem ganzen Zinnober überhaupt noch zu Flida will, hat er gesagt. Und Flida hat Verständnis, natürlich.
Ein bisschen traurig ist sie schon, sie fühlt sich ein wenig verlassen. Wie wichtig ist ihr denn der Heilige Abend, ist er nicht ein Abend wie jeder andere auch? Am 25. kommen doch alle, sie hat doch ein wunderbares Essen vorbereitet.
Sie spürt wie sich das Teufelchen auf ihrer Schulter räkelt.
Was, wenn das Teufelchen wieder sagt: Selber Schuld, Flida, hättest du dich durchgesetzt, dann wärest du nicht allein! Wenn du denen allen klipp und klar gesagt hättest, dass du Heilig Abend mit ihnen feiern willst, dann wärst du jetzt nicht traurig!
Das Teufelchen gähnt und reibt sich die Augen.
Du hast gar keinen Tannenbaum, Flida, sagt es.
Brauch ich auch nicht, sagt Flida.
Willst du denn jetzt ohne Tannenbaum allein hier hocken am Heiligen Abend? fragt das Teufelchen.
Flida denkt nach.
Nein,sagt sie, dann werde ich traurig .
Genau.  Also, was machen wir jetzt, Flida?
Wir fahren in die Stadt! sagt Flida.
Aber die Geschäfte sind zu! ruft das Teufelchen, shoppen ist jetzt nicht mehr!
Ich muss ja auch nicht shoppen,sagt Flida und wickelt ihren Schal fest um sich.
Es ist kalt draussen. Der Wind pfeift.
Sie geht ein paar Meter. Der Bus kommt, sie steigt ein. Der Busfahrer lächelt ihr freundlich zu.
Einige Leute sitzen im Bus, fast alle haben Geschenke dabei.
Flida nicht. Flida hat ein frierendes Teufelchen auf der Schulter.
Am Marktplatz steigt sie aus. Es hat begonnen, leise zu schneien.
Die Geschäfte sind beleuchtet, Flida geht durch die Fussgängerzone. Dort, wo bis vor wenigen Stunden Menschen gewuselt haben, ist alles leer. Ein gelbes Paketauto parkt an der Statue vom Stadtvater. Der Paketbote lehnt an seinem Auto und raucht. Geschafft, sagt er zu Filda, das war ein stressiges Weihnachtsgeschäft. Und das, wo ich gar nicht Weihnachten feier! Er lacht.
Flida lacht zurück und geht weiter. Aus einer Fussgängerpassage erklingt Musik. Sie bleibt stehen und lauscht. Sie schliesst ihre Augen. Die Musik ist schön, denkt sie und muss ein bisschen weinen.

Langsam geht sie in die Passage. Auf dem Boden sitzen zwei, mit ihren Gitarren, und spielen. Flida möchte dazu tanzen, sich leicht drehen  im Kreis, tanzen in den frischen Schnee. Sie spürt den Wind und riecht den Winter und die Weihnacht und hört , wie sie singen: Knockin`on heavens door.

Da hört sogar das Teufelchen mit dem Frieren auf und ist ganz still.

 

Für meine Schwester

Flida- weihnachtliche Röstaromen

Flida hat es fast drei Wochen erfolgreich abgewehrt, sich dieses Jahr wieder dem Stress des Plätzchenbackens hinzugeben. Auch wenn das Teufelchen auf der Schulter leise gesagt hat: Das gehört sich aber so, an Weihnachten, da backt man!
Und wenn Freunde gefragt haben: Bäckst du dieses Jahr? hat Flida stolz gesagt: Nein, mach ich nicht!
Und auch wenn die Freundinnen erzählt haben von den 10 Sorten, die sie backen werden, nur zehn dieses Jahr, letztes Jahr seien es ja fünfzehn gewesen, und das wird ihnen dieses Jahr wirklich zuviel, und Flida hat dann geantwortet: Ich backe gar nicht dieses Jahr!
Natürlich wurde sie gefragt: Warum nicht, das gehört sich doch so.
Aber Flida hat gesagt: Keine Lust, wir werden eh zu dick alle immer. Dann wurde sie komisch angeguckt, aber das ist ihr egal.
Früher hat sie gebacken, natürlich, als die Kinder klein waren, da fing sie schon im November an zu planen, wieviele Sorten sie wann backen würde, schliesslich gab es Weihnachtsfeiern und  Adventsfeiern in Kindergarten und Schule, da wollten die Kinder selbstgebackene Plätzchen mitnehmen. Dann stand sie an den Nachmittagen in der Küche und füllte Keksdosen mit Plätzchen, ärgerte sich über Teig, der zerbrach oder verbrannte, probierte neue Rezepte aus, mit Vollkorn und ohne Zucker, die dann niemand aß,  füllte Butterplätzchen mit Lemoncurd, das waren ihre liebsten, sie rollte Vanillekipferln, die im Ofen riesengross wurden und auseinanderflossen und freute sich schliesslich über die Plätzchen ihrer Freundinnen, die, in Cellophantüten hübsch verpackt, mit kleinen Tannenzweiglein versehen , den Weg in Flidas Haushalt fanden. Diese Plätzchen waren klein, fein und verschieden und sahen sehr hübsch aus. Warum kriegst du das nicht auch so hin, fragte das Teufelchen oft. Liegt bestimmt am Backofen und meiner Feinmotorik, dachte Flida.
Und nun ist schon der 15 Dezember und Flida hat im Keller zwei Keksdosen gefunden und in einer Kochzeitschrift Rezepte für „Schnelle Plätzchen für zwischendurch“.
Da denkt sich Flida: Gut, dann mach ich mal zwei schnelle Sorten.
Und schmilzt ganz fix Schokolade und Kokosfett und krümelt Keksbruch rein, und weil das flüssig aussieht, noch eine Handvoll Müslireste, und rührt das um und streicht es auf eine Klarsichtfolie ,wie im Rezept beschrieben und stellt alles auf den Balkon.
Die nächste Sorte , die sie backen muss, braucht etwas länger, zwei Stunden zum Auskühlen,aber sie muss vorher Rollen formen, die sie gekühlt ausschneidet, das wird sie wohl schaffen! Ausstechen hasst sie.
Also ebenfalls den Teig gerührt, Cranberrys reingeworfen, Walnüsse, Anis, Zimt,Ingwer, Karadamon,  alles gutes Weihnachtsgewürz, dann gerollt und auf den Balkon mit den Rollen.
Derweil ist die Schokoladenplatte fest geworden und sie kann sie in Stücke schneiden. Und jetzt wird ihr auch klar, warum die Masse so flüssig sein sollte, jetzt mit dem Restmüsli da drin bröselt alles. Aber, nun,… das ist halt so. Gibts halt wieder Flatschenbruch und keine feinen Stücklein.
Sie taucht noch schnell eine Tüte getrocknete Aprikosen in die übriggebliebene Schokolade, das macht sich immer hübsch auf dem bunten Teller und jetzt kann sie den Teig wieder reinholen und die Rollen schneiden. Zack, die Stücke fliegen auf das Backblech, der Ofen ist heiss, Bleche rein und dann klingelt es an der Tür.
Der Postbote.
Packet fir Flida, sagt der Postbote. Biist du?
Ja, bin ich, sagt Flida, und er stellt 3 Pakete vor ihre Füsse. Niiimst du fir Nachbar auch? Klar, seufzt Flida, und umständlich zieht er einen elektronischen Kasten aus seiner Jacke und sagt: Uuunterschraibsscht du da!
Flida kritzelt ihren Namen auf das Display und da riecht sie es auch schon: Es brennt im Ofen. Mist, denkt sie, und will reinsausen,da ruft der Paketbote: Vergisst du nicht Packet!
Später, ruft Flida und flitzt in die Küche.
Aber zu spät, eine Rauchwolke quillt aus dem Ofen. Das Teufelchen auf ihrer Schulter muss husten. Typisch! krächzt es. Das war sooo klar!
Flida schnappt sich den Backhandschuh und zieht die Bleche aus dem Ofen. Die untersten Plätzchen sind verkohlt, vom oberen Blech kann sie noch die Hälfte retten. Sie probiert eines, noch ist es heiss, aber es schmeckt ganz gut.
Dann muss ich nicht räuchern um die bösen Geister zu vertreiben, die ergreifen bei dem Gekokel schon vorher die Flucht!denkt sie, und lacht laut auf.

Geheimnisvolle Röstaromen machen den weihnachtlichen Zauber aus!
Und so schafft das nur Flida.

 

 

Das Beitragsbild sind die verkohlten Plätzchen , die mit meiner neuen FotoApp verglitzert wurden, denn wegen dieser App-und das ist jetzt autobiografisch, grins- wegen dieser App sind die Plätzchen verkohlt. Weil ich auf dem Sofa sass und Fotos von meiner Freundin S. von unserem Gezeitenwechselblog in Zombies und Schneeköniginnen verwandelt hab.
Und so verglitzert sehen auch verkohlte Plätzchen hübsch aus.
Schöne Adventszeit an alle Leserinnen und Leser!

Loida- Der Sohn

Der BlondeSohn ist wieder da. Der, der die Welt bereist und nie irgendwo zu Hause zu sein scheint. Der, von dem Loida manchmal nur erfährt, wo er sich aufhält, wenn sie die Facewebseite aufmacht und sieht, was er gepostet hat. Oder an welchen Veranstaltungen er teilnehmen wird. Dann freut sie sich zwar, aber manchmal denkt sie, wenn er ihr kurze Nachrichten bloss schreiben würde, das wäre schön.
Aber letzte Woche  hat er sie angerufen und gesagt, das er jetzt ein bisschen in der Heimat bliebe, er habe eine WG gefunden, lauter Musiker, und er würde sie, Loida, gerne in vier Wochen auf ein Konzert mitnehmen. Allerdings wäre das Konzert in B., dieser Metropole 78 km von Loidas beschaulichem Städtchen A entfernt, und er würde dann von C, wo er wohnt, zu ihr nach A kommen und dann könnten sie gemeinsam von A nach B fahren…
Klar, sagt Loida, wir könnten unterwegs was essen gehen, wenn du magst….Ich freu mich.

Als sie ihn am Bahnhof am Konzerttag abholt, regnet es. Es ist grau und dunkel, und viel Verkehr und Loida erkennt die Strassenschilder nicht, sie sieht verflixt schlecht heute.
Es gibt auch kein Restaurant auf dem Weg , und an der Autobahn essen wollen sie nicht. So fahren sie hin und kehren ein Stück wieder um und fahren zurück, weil Loida die Ausfahrten verpasst und die Schilder nicht liest und weil sie so viel reden miteinander im Auto wie ewig nicht mehr. Über das Leben an sich, über Menschen, über Träume und die Liebe.
Sie brauchen doppelt so lang wie die Fahrt normalerweise dauert, aber das macht nichts, sagt der BlondeSohn, wir haben so viel Zeit, und zur Not ess ich dann mein Knäckebrot.
Und als sie in dem Industriegebiet ankommen, in dem das Konzert stattfinden soll, haben sie tatsächlich noch alle Zeit der Welt.

„Wir suchen jetzt ein Restaurant!“ sagt Loida, und stapft los, durch den Regen und die Dunkelheit der beginnenden Nacht.
Ein unbeleuchtetes Schild einer Brauerei, darunter : „Sportlerheim, Gaststätte, warme Küche….“
„Da gibt es bestimmt Pommes für dich!“ sagt Loida.

Das Sportlerheim hat geschlossen. Montag Ruhetag, klar,  wie denn auch nicht! denkt Loida.Obwohl die beleuchteten Weihnachtsbäume im Wind schwanken und sie dachte, es wäre geöffnet.
Sie gehen weiter. Baustellen, Kräne, der Wind pfeift, eine unwirtliche Gegend. In der Ferne am Ende der Strasse ein Schild: „Zum Maibaum-Pub. Wirtschaft“.
„Dahin gehen wir!“ sagt der Sohn.
Durchs  Fenster der Wirtschaft sehen sie in eine Küche, zwei Frauen in weissen Kitteln schwenken Töpfe, aber wo ist der Eingang? Es ist dunkel, der Wind bläst ordentlich, sie gehen ums Haus herum. Ein beleuchteter Biergarten, grelle Lichter, ein Schild über einer Tür: „Do gehts nei!“
Sie treten ein. Innen ist es hell, voller Menschen mit lachenden Stimmen, Geschirr klappert, die Wände sind mit Plastiktannenzweigen geschmückt, rote Kugeln, silberne Sterne, goldene Rehe stehen auf den Tischen…Loida ist keine Freundin vom Kitsch, aber jetzt gilt es, dem Sohn etwas zu essen zu besorgen.
Die Kellnerin begrüsst sie freundlich und der Sohn  fragt, ob sie was mitnehmen können?
Klar,aber wollen sie nicht hier essen? Es gehe ratzi-fatzi , sagt die Kellnerin, und lacht.
Aber gut,sie sagt Bescheid, dass es schnell gehen soll in der Küche.
Sie setzen sich hin, an einen Tisch, an dem ein Mädchen sitzt und eine Suppe löffelt und ein Mann,der lange dünne Haare hat, vor seinem Weissbier sitzt und lebhafte Selbstgespräche führt. Der ist Loida suspekt, der ist sicher nicht viel älter als sie, aber er sieht komisch aus.
„Stammtisch des Gartenvereins Zum  lustigen Kohlrabi“, liest der Sohn auf dem Aufsteller am Tisch, hoffentlich kommen die jetzt nicht und wollen Bier trinken.
Es gibt kroatische Spezialitäten und sie beobachten, wie durch die Durchreiche Platten voller Fleisch und Pommes geschoben werden und wie das Mädchen, welches die Suppe isst, aufspringt und die Platten zu den Tischen trägt.
Loida nimmt ihre Brille ab. Jetzt weiss sie, warum sie so schlecht gesehen hat auf der Autofahrt. Ihre Brille ist total verschmiert. Sie nimmt den Zipfel ihres Pullovers und reibt und haucht auf die Gläser und wischt, aber es verschmiert nur noch mehr.
Da fliegt ein eingepacktes Brillenputztuch vor ihre Nase.
„Damit gehts besser,“ brummt der Mann mit den dünnen Haaren. Loida muss lächeln und der Mann kommt ihr gar nicht mehr so suspekt vor. Und sie sieht tatsächlich besser jetzt durch ihre Brille. Und findet sogar die Plastiktannenzweige gar nicht mehr so hässlich.
Als dann das Essen kommt, und sie mit dem Aluteller in einer Tüte losgehen wollen und dann bemerken, dass sie gar kein Besteck haben und die Kellnerin ihnen  eine Gabel schenkt und sie durch den Wind laufen und feststellen, dass es ein Blödsinn war, nicht in der Wirtschaft zu essen, sondern sich einen Platz suchen zu müssen, wo der Wind nicht so weht und als sie den Platz dann finden, nämlich eine Bank vor dem Sportlerheim, neben den wackelnden Weihnachtsbäumen, und der Sohn sich freut über die Menge an Spätzle und Salat, da fühlt sich Loida froh.
Und sie denkt etwas und weiss wieder nicht , wo er herkommt, dieser Gedanke, denn sie denkt, während sie ihren grossen lachenden warmherzigen Sohn anschaut:
„Es ist nicht wichtig, wieviel Stunden oder Minuten an Zeit ich mit jemandem verbringe. Wichtig ist, wie ich diese Zeit wahrnehme. Wichtig ist, welche Qualität sie hat, diese Zeit.“

Die Gabel haben sie übrigens auf dem Tisch des Sportlerheims abgelegt. „So als Gabelrecyclingkreislauf“ , hat der Sohn gesagt.
Und Loida hat sehr froh gelacht.

Flida- so ist das mit dem Fortschritt

Auf Flidas Dorf gab es mal einen Metzger, der hat aber vor 4 Jahren das Weite gesucht, vielleicht hat er Schweinehälften unterschlagen hat, oder Geld…. Jedenfalls standen die Kunden eines Tages vor verschlossener Tür.
Es gab dann nur noch einen kleinen Laden, der aber auch wirklich alles hat, von Toastbrot über Biojoghurt bis zu Wolle und Feinrippunterhosen. Flida kauft da manchmal ein, die tippen dort an der Kasse jedes Produkt mit der Hand ein und haben für jeden Kunden ein freundliches Wort. Und  es gibt wirklich alles dort, sogar Kartoffeln und Gemüse aus der Gegend, das ist sehr köstlich. Es wäre schade, wenn es den Laden nicht mehr gäbe, denkt Flida oft.Obwohl sie da selten hingeht, sie kauft im nächstgrösseren Ort im Supermarkt ein, klar, sie hat ein Auto.
Aber viele alte Leute, die auf dem Dorf wohnen, sind auf den Laden angewiesen.
Und jetzt hat ein neuer Metzger im Ort aufgemacht. Flida ist gespannt, was er so zu bieten hat.
Als sie das erste mal dort hinging, natürlich, hatte er Mittags geschlossen….
Aber heute probiert sie es aus, sie möchte auch Fleisch vorbestellen für Weihnachten.
Sie stellt sich in der Schlange an, 3 ältere Frauen stehen vor Flida.Die vor ihr ist ziemlich schwerhörig, nein , sie brauche kein Sauerkraut und ob sie von den Regensburgern was haben könnte…Das seien normale, sagt die Verkäuferin, nein, nicht alle, antwortet die Kundin. Ui, denkt Flida, gleich bin ich dran, hoffentlich.
Dann soll die Kundin vor Flida bezahlen. Sie erhält einen Zettel in die Hand , und als sie den Geldbeutel rauszieht, sagt die Verkäuferin: „Sie müssen da an den Automaten gehen und den Kassenzettel einscannen. Dann geben Sie ihr Geld da in den Schlitz.“
„Und meine Wurscht?“
„Die bekommen Sie dann.“
Langsam geht die Kundin zum Automaten und steht ratlos davor. „Was heisst scannen“, fragt sie.
„Ja, dann tuns halt den Zetterl davor halten! „sagt die Verkäuferin, „ich helf Ihnen.“
Die Kundin wirkt verwirrt, und Flida fragt sich, ob die wiederkommt?Und ob ich das auch kapiere, überhaupt, wenn ich meinen Schinken gekauft habe? Und hygienischer ist das sicherlich, weil die Verkäuferinnnen kein Geld mehr in die Hand nehmen, aber ist das kundenfreundlich? Und was, wenn der Automat versagt? Wenn Strom ausfällt? Flida hat gerade ein Buch gelesen, wo der Strom ausfällt in ganz Europa und nichts mehr geht,keine Tankstellen, keine Klospülung und auch keine Geldautomaten. Die Leute können nichts mehr kaufen. Weil sie kein Geld mehr abheben können. Gruselige Vorstellung.
Als Flida dann ihre Bestellung aufgegeben hat, sagt die Verkäuferin: „Das ist schon praktisch, Sie können Ihre ganzes Kleingeld da reinwerfen, der zählt das dann.“
„Und es ist nicht mehr so ein Gefummel mit den Cent Münzen, “ denkt Flida, die sie ohne Brille eigentlich nicht mehr unterscheiden kann. Und die sie auf Grund ihrer altersbedingten vermeintlichen feinmotorischen Störung auch nicht mehr aus der Geldbörse rauspicken kann, die sind zu winzig einfach, diese Centstücke.
Na gut, dann kippt sie eben ihr Kleingeld in die runde Schale am Automaten, der rappelt und klimpert und sagt: “ 2 cent zu wenig. “
„Dann müssen` S halt doch an Schein neidoa“, sagt die Verkäuferin,“ aber Sie kriegen das Geld in grossen Stücken wieder zurück.“ Und sie ginst. „So mach ich das auch immer, wenn der Geldbeutel zu schwer ist.“
Ein Lob auf die Technik! denkt Flida beim Heimgehen und dann fällt ihr ein, dass sie ganz vergessen hat, den Weihnachtsbraten vorzubestellen.