Disturbing the peace

Ein Thema ,das mich nicht loslässt, und über das ich auf Gezeitenwechsel gebloggt habe. Ich habe beim Anschauen des Filmes so vor mich hingedacht, das das Erkennen des Anderen, das sich mit ihm befassen, ein Teil von Frieden schaffen ist. Denn wenn ich ihn er-kenne, ihn verstehe, den Fremden, die Fremde, dann kann ich meine Angst vor ihm kleiner machen oder ganz auflösen. Und dann sind wir ein bisschen näher dran am Weltfrieden.
Ein kleines winziges Stückchen näher, das reicht vielleicht manchmal.

Eine gute Woche. Kat.

Liebe S., ich habe heute einen Film gesehen. Wenn du dich erinnern kannst,war meine SchönsteTochter 2015 in Ramallah, während ihres Studiums, und hatte dort Kontakt mit den Leuten von den combattants for peace, ich hatte darüber geblogt, hier und hier. Über die Combattants for peace wurde jetzt ein Dokumentarfilm gedreht, er heisst : Disturbing the […]

über disturbing the peace — Gezeitenwechsel

Suska- AllTag im Hirn

Christianes SchreibeinladungsWortetüden haben mich die ganze Woche beschäftigt, ich konnte zuerst damit überhaupt nichts anfangen, aber gereizt haben mich diese 3 Worte ziemlich:

supernovaüberrest-ultraviolett-frb121102
Die Illustrationen zu diesem Thema von Ludwig Zeidler fand ich sehr schön, und so hab ich mich heute daran gesetzt und habe in 10 Sätzen diese 3 Worte verbraten, und bitte sehr: das ist daraus geworden.

Suska hat Schule diese Woche, Fachweiterbildung zur OnkologieSuperSchwester, und die letzten Tage lernte sie alles über Hirntumoren, bei Kindern und Erwachsenen und mittlerweile glaubt sie fast, sie hat selbst schon einen Tumor.
Jetzt liegt sie beim Einschlafen im Bett ,die Gedanken schwirren in ihrem Kopf umher und das Wort Astrozytom fliegt vor ihrem inneren Auge auf und blinkt und wirbelt und sie denkt: Astrozytom, Weltall, ein böser böser Hirntumor und sie überlegt, was sie da heute drüber gelernt hat.
Manchmal kann man sie operieren, die Hirntumoren,  und dann muss man bestrahlen und  Chemotherapie kann man auch geben, wie hiess die doch gleich, die haben so klangvolle Namen, Oxaliplatin, Cisplatin, diesmal was aus Platin ,Liebling, ein alter Werbespruch aus den Achtziger Jahren, 5FU heisst eine Therapie, warum nicht auch frb121102, oder 3456Flusidoxin, herrjemine, sie will da jetzt gar nicht drüber nachdenken.

Suska merkt, wie ihre Gedanken sich verselbstständigen, wie immer kurz vor dem Einschlafen.

Wenn man das Astrozytom bestrahlt, kann man das vielleicht mit ultravioletten Strahlen machen.

Sie stellt sich vor, wie die  Patienten lila aufleuchten während der Therapie ,  und der Tumor fliegt durch das Hirnall und zerstiebt und ist eine leuchtende funkelnde lilafarbene Supernova.
Und der Supernovaüberrest, der löst sich dann in den nächsten Tagen ebenfalls auf und wenn sie das tatsächlich erfindet, diese Therapie, dann kriegt sie bestimmt einen Nobelpreis.

Suska wälzt sich auf die andere Seite, warum lernt sie das bloss alles und hoffentlich kann sie sich das überhaupt alles merken, im Oktober sind Prüfungen.

Vielleicht hätte sie was anderes lernen sollen- Floristin vielleicht, bunte Blumen binden oder so….

Weiche Decke, bunte Blumen und lilafarbene Strahlen, Suska schläft ein.

 

Hilde – Traumschaum und Mut

In dem kleinen Cafe im Ort kennen sie Hilde jetzt schon und stellen ihr ungefragt ihren Cafe au lait hin, den sie immer trinkt, während sie das Internet nutzt. Vor dem Traum mit Lorenz kam sie einmal in der Woche hierher. Sie hat mit der Tochter geskypt, hat ihre Emails gelesen, und manchmal auch in den Sozialen Foren gestöbert. Nur geschaut, aber das ist ihr bald langweilig geworden. Dann hat sie ihren Milchkaffee getrunken, ein bisschen mit den Cafebesitzern geplaudert, und  ist wieder auf ihren Campingplatz zurück gefahren.
Sie hat ihre Einsamkeit genossen, hat ihre Spaziergänge gemacht, hat nachgedacht und Muscheln und Schwemmholz aufgesammelt.

Aber seit sie von Lorenz geträumt hat, ist nichts wie vorher. Der Gedanke an früher und was hätte sein können, bestimmt ihren Tag. Sie wird unruhig, überlegt, ob sie ihm schreiben soll, und dann setzt sie sich in ihr kleines Auto und fährt in den Ort.
Das macht sie seitdem jeden Tag.
Seit 3 Wochen.
Sie öffnet ihre Emails und beginnt , an Lorenz zu schreiben. Und dann löscht sie sie wieder. Sie findet sich albern, sie ist fast sechzig, wie kann sie denn noch solche Sehnsüchte haben. Und vor allem, was soll Lorenz denn denken, wenn er ihre Email liest!
Aber vielleicht ist es nicht verkehrt , wenn sie ihm sagt, dass sie an ihn denkt? Und wenn sie dann vielleicht eine Antwort bekommt, dass er gar nichts von ihr will und sie ihn in Ruhe lassen soll, dann weiss sie wenigstens Bescheid.
Sie erinnert sich, als sie 14 war, ist sie sehr verliebt gewesen in einen Jungen aus ihrer Klasse. Er war in einer coolen Clique, und Hilde hatte so Herzklopfen ,wenn sie ihn sah, und sie hätte so gerne gewusst, ob er vielleicht auch Herzklopffen hatte, wenn er sie ansah.
Und eines Tages hat sie sich ein Herz gefasst, und ist mit 20 Pfennig in die Telefonzelle gegangen und hat seine Nummer gewählt , die sie auswendig wusste.
Ein paar mal hatte sie nach dem Wählen den Hörer auf die Gabel fallen lassen und ihr Herz schlug bis zum Hals.
Aber dann hat sie es läuten lassen, und er ist tatsächlich an den Apparat gekommen , und sie hat ihm gesagt, das sie in ihn verliebt ist. Da hat er zuerst nichts gesagt, und dann als Hilde fast aufgelegt hätte vor Scham, hat er gesagt: Ich aber nicht in dich .
Und Hilde war fast erleichtert gewesen, weil sie jetzt Bescheid wusste und nicht mehr Hoffen musste, und hat gesagt: Okay. Und nach dem sie aufgelegt hatte, ist sie fast fröhlich nach Hause geradelt.
Sie hatte es ihm gesagt, das war wichtig gewesen, sie hat auch Jahre später noch diese vierzehnjährige Hilde bewundert, die sich etwas sagen getraut hat, um Gewissheit zu bekommen.

Und wenn sie Lorenz jetzt schreibt,dass sie an ihn denkt, überlegt sie, dann vergibt sie sich nichts. Vielleicht freut er sich auch, wenn er ihre Mail liest,vielleicht ist es auch schön für ihn, wenn er weiss, dass sie an ihn denkt.
Vielleicht.
Und dann, nach 3 Wochen,  hat Hilde eine kurze Mail an ihn geschrieben, dass sie von ihm geträumt hat, und viel an ihn denkt, und sich freuen täte, wenn sie von ihm hören würde, und hat die Email abgeschickt.
Erleichtert hat sie sich danach auf ihrem Stuhl im Cafe zurücklehnt, und als sie einen zweiten Cafe au lait bestellt hat, hat sich die Cafebesitzerin zu ihr  an den Tisch gesetzt, und sie haben ein bisschen geplaudert.
Hilde hat gemerkt, dass ihr Kopf wieder frei war für das was jetzt im Moment passiert.

Und das ist das, was zählt, im Jetzt ganz da Sein, denkt Hilde, als sie an dem Abend des Tages der abgeschickten Email ihren Spaziergang am Meer macht.
Und zuschaut, wie die Wellen aufschäumen und am Strand weit weit auslaufen.
Und dabei Muscheln im Sand zurücklassen.

Hilde- Träume

Hilde träumt in letzter Zeit viel.

Seit die Tochter wieder weg ist, träumt Hilde,wilde, traurige , manchmal beängstigende Träume.

Und wenn Hilde morgens aufwacht, spürt sie ihren Träumen hinterher und manchmal begleiten sie diese Gefühle, die sie im Traum hatte, den ganzen Tag.

Heute hat sie von Lorenz geträumt.
Sie hat von Lorenz geträumt, der nicht aussah wie Lorenz , aber sie wusste, dass es Lorenz war, und seitdem denkt sie die ganze Zeit an ihn.
Lorenz, den sie vor 35 Jahren kennengelernt hatte. In einer Turnhalle in Kopenhagen, wo sie, Hilde, mit Dauerzugticket und Rucksack hingereist war. Sie schlief in einem  Stockbett und als sie morgens aufwachte, sagte unter ihr jemand mit männlicher Stimme: Good morning.Das war Lorenz.
Und sehr schnell haben sie festgestellt, dass sie nicht englisch miteinander sprechen müssen, und sie sind gemeinsam durch Kopenhagen gelaufen.
Sie waren in Kristiania, sie waren im Lido, sie sind zusammen auf die Frelsers Kirke geklettert, sie  haben im Kino Caligula angeschaut, aber nicht bis zu Ende, der Film war ihnen zu blutrünstig,  und dann sind sie essen gegangen in einem russischen Lokal und haben Tee aus einem Samowar getrunken.
Lorenz hatte eine Freundin und Hilde hatte da schon den Herbert, aber sie haben sich Briefe geschrieben- lange Briefe und manchmal haben sie einander auch besucht.

Obwohl es Herbert gab, hatte Hilde keine Bedenken, sie mochte Lorenz, sie hatte ihn sehr, sehr gern.
Allerdings, wenn sie ihn besucht hatte, fühlte sie sich fremd und kam ihm nie so nahe wie in den Briefen, die sie sich schrieben.
Lorenz führte ein ganz anderes Leben als Hilde, er ging Bergsteigen, er reiste mit seinen Freunden durch die Welt.
Einmal, erinnert sich Hilde, ist Lorenz nach Santorin gefahren mit seinen Freunden, und hat Hilde eine Postkarte geschickt, von den Häusern mit den blauen Dächern.
Lange Zeit war diese Insel ein Sehnsuchtsort für Hilde.
Dann haben sie den Kontakt verloren.
Aber vor fünf Jahren haben sie sich wieder gefunden, über diese Internetseite Fatzebuk.

Und sie ist zu ihm in die GrosseStadt gefahren, weil sie sich sehen wollten.
Er hatte nicht viel Zeit,aber Hilde hat sich auf ihn gefreut.
Herbert hat sie das nicht gesagt, der hätte einen Aufstand gemacht.
Und als sie Lorenz dann sah, war es wie früher. Sie freute sich sehr , ihn zu sehen, aber sie fühlte sich klein in seiner Gegenwart. Dieser bunte Rock, den sie trug,  mit den aufgenähten Spiegeln und ihre derben Stiefel passten nicht zu dem Lokal, in das sie schliesslich gingen, und Lorenz mit seinem Anzug und seinen traurigen Augen, das war alles irgendwie nicht richtig. Nicht echt.
Und als er ihr dann sagte, das er damals so sehr in sie verliebt gewesen ist, da ist Hilde auch traurig geworden.
Warum hast du nichts gesagt? hat sie ihn gefragt, und Lorenz hat gesagt: Ich habe mich nicht getraut. Du schienst glücklich zu sein mit deinem Herbert.
Ich hatte Herzreissen wegen dir, hat Hilde gantwortet, aber dein Leben hat nicht zu meinem gepasst. Aber ich hätte es gerne gehabt,ein Leben mit dir,  hat sie noch hinzugefügt, und dann musste Lorenz weiter, und seitdem hat sie nichts mehr von ihm gehört.

Das ist fünf Jahre her- warum hat sie dann heute so intensiv von ihm geträumt?
So intensiv, dass sie denkt, dass sie ihm schreiben muss, auch wenn er nicht antworten wird?
Sie geht nachdenklich ihren Weg zum Strand hinunter. Wird sie ihm schreiben? Was hat sie zu verlieren? Sie kann ihm schreiben, dass sie an ihn denkt, dass sie sich manchmal die Zeit von damals zurück wünscht, und das sie dann vielleicht manches anders gemacht hätte.
Was, wenn es anders gekommen wäre? Wäre sie glücklich geworden? Hätte sie ihre Scheu gegenüber Lorenz verloren?
Hätte wollte wäre könnte, denkt Hilde, während sie gegen einen Stein tritt. Sand stiebt auf.
Es ist wie es ist! ermahnt sie sich.
Aber diese Sehnsucht lässt sich einfach nicht wegtreten…….

 

 

 

 

 

 

Flida-Das Weiche an ihr

Ich folge der Schreibeinladung von Christianes Wortetüden! Bitte sehr:

                                     Bürde – speckig-schieben

Wieder Werbung im Fernsehen, es geht um Abnehmpulver, und wieder einmal ist Flida versucht, sich den Namen des Pulvers aufzuschreiben, damit sie sich morgen in der Apotheke  eine Packung kaufen kann.

Es verspricht in kurzer Zeit eine Reduktion des Körpergewichts, eingenommen vor den Mahlzeiten verringert es den Kalorien- und Fettgehalt der dann zu verzehrenden Lebensmittel.
„Ja!“ wispert ihr das Teufelchen ins Ohr,“mach das, kauf es endlich und dann iss es und mach Sport und schiebe das nicht wieder auf, bis du im Sommer verreisen willst und erfinde keine Ausreden!
Ich kann deine speckigen, wabbeligen Arme nämlich schon lange nicht mehr sehen!“

Flida seufzt.

Flida seufzt, denn seit sie denken kann , schleppt sie diese Bürde mit sich herum: dass sie einfach nicht schlank , zart und liebreizend ist, sondern moppelig, rund und fest, und jetzt , mit fortschreitendem Alter eben auch weicher oder wie das Teufelchen raunt, speckig und wabbelig.
Sie schaut sich im Spiegel an und blickt sich tief selber in die Augen: Flida, willst du dieses Pulver wirklich essen?
Nein, antwortet sie sich, ich werde üben, mich so zu nehmen, wie ich bin und ich werde lernen, das Schöne an mir zu sehen und mich selber anzunehmen.

Sie hört das Teufelchen brummen, dass sie sich selbst schön was vormacht, das könne sie ja perfekt,  aber sie denkt, ich bin ich, so ist es gut.

Und sie erinnert sich daran, wie sie vor kurzem die Tochter einer schlanken, sportlichen Freundin getröstet hat, indem sie sie in den Arm nahm und gedrückt und festgehalten hat und  sie hört noch, wie das Mädchen geseufzt hat, sich die Tränen an Flidas Bluse abgewischt hat und gesagt hat: Ach Flida, wie weich du doch bist!

Es ist so schön, wenn du mich in den Arm nimmst!

Loida- die Mülltaucher

Bald werden die Blumen welk sein und Loida wird  sie entsorgen müssen, schade.
Sie mag zwar keine Nelken und Chrysanthemen, aber als am Neujahrstag alle Kinder zu Besuch kamen,hatte der MusikantenSohn eine Kiste dabei, voller Obst, Joghurt und Keksen, und obendrauf lagen 3 prächtige Blumensträusse.  Loida hat verwundert in diese Kiste geschaut und gedacht: Warum bringt der mir diese Fertigjoghurts mit? Und dieses ganze Obst und Gemüse und vor allem:Warum BLUMEN?
„Hab ich für dich containert!“ hat der Sohn gelacht.
„Für mich ge…was?“
„Containert. Ich hab Blumen für dich containert. Und das Obst und das Gemüse, das tun wir in eine Saftpresse, ihr hab doch so ein Hightechding, da können wir wunderbar Gemüsesaft draus machen!“
„Containern nennt man das, wenn Leute nach Ladenschluss aus den Müllcontainern der Supermärkte das weggeworfene Gemüse und so rausholen!“hat die KlugeTochter erklärt und  ihren Bruder angegrinst.
„Ja, und mein kleiner Bruder hat das auch nötig , sowas zu tun! Als bekäme er nicht genug Unterstützung vom Vater für seinen hochgeistigen Lebenswandel! „brummt der grosse Bruder, der in seinem massgeschneiderten Anzug vornehm auf dem Stuhl sitzt und in sein Smartbook schaut.
„Nicht nur der kleine Bruder, auch die kleine Schwester macht das!“ sagt die KlugeTochter von Loida und fährt fort: „Wir leben in einer solchen Überflussgesellschaft, du kannst dir nicht vorstellen,was alles weggeworfen wird, nur weil das Verfallsdatum bald kommt!“
„Ich hab beim letzten containern sogar Kaminbriketts gefunden, und ich wundere mich immer noch, ob Briketts ein Verfallsdatum haben. Die könnten die Menschen, die im Winter draussen leben, vielleicht ein bisschen wärmen,“ sagt der MusikantenSohn.
„Ist es denn nicht gefährlich“, fragt Loida, „kann man Euch denn dabei erwischen? Werdet ihr dann angezeigt, wenn man Euch erwischt?“
„Wir machen nichts kaputt,“ erwidert der MusikantenSohn, “ es gibt Geschäfte, die haben offene Container, da müssen wir nur über den Zaun klettern, und angeblich haben die Gerichte anderes zu tun, denn Mülltauchen ist kein Diebstahl, und drum….“
„Tss, “ macht der MassAnzugSohn, “ ich kann das gleich mal suchmaschinen, dann sag ich dir, welches Strafmass dir blüht!“
„Ach, Spiesser,“ sagt die Tochter,“ du freust dich doch auch, wenn ich dir ne Tafel Schokolade schenke, oder würdest du nein sagen, nur weil sie aus dem Container kommt? Ich hab letzen Monat hundert Tafeln Schokolade rausgeholt, krass, die hab ich dann in der Uni verteilt!“
„Ich esse keine Schokolade, Schwesterchen!“ hört Loida, als sie nachdenklich in die Küche geht.
Sie holt die Sachen aus der Kiste. Die Bananen sind ein wenig braun, aber man sie essen. Zwei Mangos, ein bisschen angeschlagen, aber für einen Saft bestimmt gut zu gebrauchen. Kartoffeln. Sellerie. Und dann dieser Joghurt. Sie würde den niemals kaufen, der enthält bestimmt viel Zucker , aber probieren kann sie den ja nachher mal. Und Blumen! Wann hat sie zuletzt Blumen bekommen?
Nelken, Chrysanthemen, Rosen und Schleierkraut.
Muss man das wegschmeissen? Kannman das nicht anders verwenden?
Sicher, es gibt  die Tafeln, das weiss sie, sie hat vor Weihnachten eingekauft für die Tafel in ihrem Ort. Da standen im Supermarkt zwei Damen mit einer Liste, womit sie, wenn sie es einkauft und spendet, den Bedürftigen helfen könnte. Aber Loida hat in einer Reportage auch gesehen, das manchmal ein Geschäft gemacht wird mit den Gütern, die die Supermärkte spenden, wenn sie das nicht mehr verkaufen können. Das stimmt sie nachdenklich. Und um bei der Tafel „einkaufen “ zu können, braucht man einen Bezugsschein und als Student hat man den nicht, und ausserdem wollen die ja wohl Lebensmittel retten,was eine ganz andere Gedankenidee ist….
„Die Ding san doch no pfenningguat!“ hört sie ihren Grossvater sagen.
Ich bin Teil dieser Überflussgesellschaft, denkt sie.

Sie beginnt die Blumen zuzuschneiden, und in Vasen zu arrangieren, da kommt ihr Mann in die Küche.
„Nelken!“ ruft er, „Die Blume der Arbeiterbewegung! Hoch die Internationale Solidarität!“skandiert er mit gereckter Faust.
Loida hört die Kinder lachen im Wohnzimmer, „Papa!“ rufen sie,“ was ist mit dir los?“
„Ich möchte der Mama einen Antrag machen, “ sagt der Ehemann, zupft eine Nelke aus dem Strauss, steckt sie sich an den Hemdenkragen, beugt das Knie und fragt: „Würden gnädige Frau mich bitte begleiten? Ich möchte Sie zum ContainerDinner einladen! Als Nachspeise gibt es wunderbar fluffigen, nicht mehr ganz frischen, aber noch pfenningguaten Fertigjoghurt!“ und galant küsst er Loida die Hand.

 

Flida- ein besonderes Buch

Flida hat noch vierzig Seiten zu lesen in dem Buch. Vierzig Seiten übrig in einem Buch, das sie von Anfang an gefesselt und weit fort getragen hat mit seiner Sprache und seinen Wortwellen und seinen Bildern.
Als sie es gekauft hat, hat sie gezögert. Sie hatte einen Gutschein bekommen zu Weihnachten und Gutscheine sind für Flida einmalig-wenn sie sich davon etwas kauft, soll es besonders sein. Und sie wollte nicht irgendein Buch kaufen.
Sie liest zwar viel, aber oft liest sie die Bücher nicht zu Ende, weil sie gelangweilt ist. Dann schimpft das Teufelchen und sagt, sie gibt immer zuviel Geld aus für Zeug, was sie dann langweilt, und deshalb ist sie in die Stadtbücherei gegangen, hat sich Bücher ausgeliehen, aber da ist es dasselbe, sie findet Bücher , die sie lesen will, aber bis zum Schluss gefesselt ist sie dann nicht.

Nun hatte sie also diesen Gutschein und  ist im Buchladen gestanden und hat die Bücher angeschaut. Sie kauft Bücher nach Umschlagbild, genau wie Wein, wenn der ein schönes Etikett hat, kauft sie ihn. Und es gab viele Bücher mit hübschen Umschlägen , aber als sie den Klappentext gelesen hatte, wusste sie, sie würde diese Bücher nicht zu Ende lesen.

Dann ist ihr Blick auf ein Buch mit einem nicht sehr hübschen Umschlag gefallen und lesen kann sie erst mal nur den Namen des Autors. Daniel Kehlmann liest sie,der hat doch die Vermessung der Welt geschrieben, denkt sie, aber gelesen hat sie das Buch nicht.
Das war doch die Geschichte über die Forscher und Mathemathiker, glaubt sie, über diese Weltentdecker, das war für sie ein Männerbuch. Hat sie nicht gelesen.
Und dieses Buch hier?
Das mit der Fratze auf dem Umschlagbild, das sie an ein Bild von Hieronymus Bosch erinnert, wie heisst es?
Sie ist neugierig, und erst beim längerem Betrachten fällt ihr auf, das der Titel des Buches Tyll ist. So komisch geschrieben, dass sie es nicht gleich erkennt.
Es geht um Tyll Ulenspiegel, Till Eulenspiegel, den kennt sie, der stand in ihrer Heimatstadt auf dem Platz vor der Kirche und wenn man ihn am Finger oder am Fuss berührt hat, brachte das Glück. Sie kennt viele Geschichten vom Till Eulenspiegel, der war ein Held ihrer Kindheit, frech und rätselhaft, und er hat zwei Gräber, ein Kindergrab und ein Erwachsenengrab, weil er als Kind auch gestorben ist. Man hat ihn Kopfüber beerdigt, damit er nicht wieder rausklettern kann, meint sie sich zu erinnnern an die alten Geschichten.
Dann wird sie dieses Buch kaufen, vielleicht ist es ein Besonderes , hofft sie.
Es hat dann 4 Tage bei ihr auf dem Wohnzimmertisch gelegen, sie hat keine Zeit gehabt, mit dem Lesen zu beginnen. Aber am Wochenende hat sie sich hingesetzt und angefangen zu lesen.
Und sie ist gefangen von den Geschichten und der Sprache. Sie fühlt mit dem Kind Tyll , ist erschrocken über die Brutalität, mit der er aufwächst, sie wünscht ihm jemanden, der ihn lieb hat und sie  versucht hinter die Geschichten zu blicken, die der Autor vor ihrem Auge malt. Sie riecht die Armut und spürt fast den Hunger in der Zeit des Dreissigjährigen Krieges, in der die Geschichte stattfindet,  sie sieht Tyll auf dem Seil tanzen und sie hört die Trommel schlagen.
Sie hat im Internet nachgeschaut, wie die Zeit damals gewesen ist, ob es den Winterkönig gab, von dem im Buch die Rede ist, und als der Winterkönig im Buch stirbt, muss sie fast weinen, so berührt ist sie von der Sprache und der Melodie der Worte, die der Autor findet.
Sie kann gar nicht davon lassen, weiter zu lesen. Sie nimmt die Geschichte mit ins Bett und nachts träumt sie davon, wie es mit Tyll wohl weiter geht und wie man überlebt hat in diesem Deutschland, wo fast jeder Landstrich eine andere Sprache sprach und es nur eine Mahlzeit am Tag gab, die aus Mehl mit Wasser bestand und wie es ist, durch den Schnee zu stapfen ohne Schuhe. Und dass ein Vagabund , Seiltänzer und Liedersänger Geschichten gebracht hatte, die von der Mühsal ablenken konnten. Und welche Furcht es gab in den Menschen, vor der Dunkelheit, den Wölfen, den marodierenden Banden. Sie denkt über die Worte nach, die sie liest und in ihrem Kopf entstehen Bilder.

Und jetzt hat sie noch vierzig Seiten. Vierzig Seiten und die wird sie nun lesen, ganz in Ruhe. Draussen klopft der Regen ans Fenster und sie ist alleine zu Hause, und wenn sie fertig gelesen ist, dann wird sie dankbar sein, dass sie dieses Buch von diesem Gutschein gekauft hat.
Ein ganz besonderes Buch.

Tyll- Daniel Kehlmann,Rowohlt Verlag, ISBN 9783498035678