Flida- von der hohen Kunst der Emanzipation

Flida geht heute mit  ihrer Freundin ins Museum.
Lange hat sie sich keine Bilder mehr angeguckt, dabei liebt sie das so. Bilder anschauen, und sich einfach daran erfreuen. Viel Kunstwissen hat Flida nicht, aber sie fühlt manchmal etwas bei den Bildern. Am liebsten mag sie Kandinsky und Gabriele Münter, deren bunten farbigen Landschaften.
Früher stand sie im Lenbachhaus oft davor und WUSSTE, das es so aussah dort, wo die Malerin  damals gelebt hat. Diese  blauen Dächer, und dieser rosafarbene Himmel, so sah das aus,dort, im Murnauer Moos, genauso, hat sie immer gedacht.
Und jetzt gibt es eine GabrieleMünterAusstellung im Lenbachhaus in München und Flida geht hin, mit ihrer Freundin.

Es sind Ferien und es ist voll an der Kasse, und der Kassierer will zum hundersten Mal erklären, wie sie in den Kunstbau kommen, da sagt Flidas Freundin: Wir wissen , wie es da hingeht.
Fein, sagt der Kassierer, dann spar ich mir das, es zu erklären und lächelt.
Flidas Freundin grinst zurück und nimmt die Karten. Viel Spass, wünscht der Mann, und die Frauen stapfen los. Wahrscheinlich hat der mal Kunst studiert, sagt Flidas Freundin, findet keinen Job und sitzt jetzt hier an der Kasse, und erklärt tausendmal am Tag den Weg. Da musste ich jetzt nett sein. Weisst du, wo wir hinmüssen, Flida?
Nein, lacht Flida, wir gehen einfach den vielen Leuten hinterher!

Sie müssen zurück in die UBahn, die Rolltreppe hinunter und dann können sie in den Kunstbau gehen. Es ist sehr voll.
Flida nimmt sich einen Audioguide, der erklärt ihr etwas über die Bilder an den Wänden. Sie gibt nur die Nummer des Bildes ein,dann hört sie zu, was der Guide zu erklären hat. Flida findet das gut, sie muss nicht eine komplette Führung machen, sondern kann sich aussuchen, was sie hören will.
Und sie würde die Bilder so gerne fotografieren, aber das Teufelchen auf der Schulter rät ihr ab. Lass es lieber sein, flüstert es. Trotzdem nimmt sie ihr Handy raus, sie will den Ton ausschalten. Sofort spürt sie,das jemand hinter ihr steht, sie dreht sich um. Ein Museumsaufpasser schaut sie herausfordernd an. Sie steckt ihr Handy wieder in die Tasche und schaut auf die Bilder. Siehst du! flüstert das Teufelchen.

Was sollte dieser Blick, denkt sie.

Ein Mann steht vor einem Bild und macht ein Foto. Nicht nur eines. Mehrere, stellt sie fest. Also darf man fotografieren? fragt sie sich.
Das ist ja auch ein Mann! hört sie das Teufelchen.
Doch jetzt will sie die Bilder ansehen und dem Guide zuhören.
Ein Bild berührt sie so, das ihr die Tränen in die Augen kommen. Es ist  bloss ein Bild von einem Baum vor einem Fenster, sagt das Teufelchen.Was heulst du schon wieder!
Der Blick der Malerin geht aus dem Fenster, durch die Äste des Baumes auf die Berge. blaue schneebedeckte Berge und Flida spürt in sich eine Sehnsucht. Sie kann nicht beschreiben nach was, aber es ist Sehnsucht.
Sie geht weiter. Schöne Bilder, nach Themen sortiert, Portraits, Landschaften, Stillleben.
Flida entdeckt ihre Freundin mit anderen Frauen vor einem kleinen Bild an der Wand.
Es zeigt drei Frauen auf einer Brücke im Dämmerlicht, die in den Himmel schauen. Mittsommer heisst es, die Malerin hat ein Zeitlang in Schweden gelebt, hat der Guide erklärt.
Da würde ich jetzt auch gerne stehen, seufzt die Freundin,mit dir an der Seite und wir schauen in den Himmel und feiern den Sommer. Wir könnten ein Foto machen davon und es uns immer anschauen.
Nein, das darf man nicht, glaub ich, sagt Flida.

Sie sieht sich um, und bemerkt eine Frau, die ganz versunken ein anderes Bild anschaut, Die nimmt ihr Handy und macht ein Foto .
Da sieht Flida einen weiteren Bilderaufpasser auf die Frau losstürzen und hört ihn laut sagen: NAAA? Was machen WIR denn da ?
Alle Leute drehen sich um. Flida ist entrüstet, er hat die Frau bloss gestellt, fühlt sie, und sie spürt, wie die Scham der Frau auf Flida übergreift.
Mach  was, Flida! hört sie das Teufelchen rufen, zeig Mut, sonst geht dir das die ganze Zeit nach, du kennst dich doch! Wenn du nichts unternimmst, ärgerst du dich noch tagelang, weil du nichts gesagt hast, der Kerl ist unverschämt!
Flida macht einen Schritt zum Bilderaufpasser hin.
Entschuldigen Sie, sagt sie, gehören Ihnen  die Bilder? Und selbst wenn es so wäre, könnten Sie durchaus diesen Satz anders formulieren. Sie könnten zum Beispiel sagen: Entschuldigen Sie, aber es ist nicht gestattet, hier zu fotografieren. Versuchen Sie das mal.

Was? macht der Bilderaufpasser und schnappt nach Luft.

Flida kramt ihr Handy aus der Tasche und hält es auf das nächstbeste Bild an der Wand.

Ich mach jetzt ein Foto und Sie versuchen mal diesen Satz: Es ist leider nicht gestattet, zu fotografieren. Sagen Sie das mal.
Der Mann schaut Flida an und knirscht: Ja, ich habe Sie verstanden. Bitte nehmen Sie ihr Handy weg , es ist nicht gestattet, hier Fotos zu machen.
Geht doch, sagt Flida, grinst in die Runde der Leute, die ihr zugeschaut haben und entdeckt ihre Freundin.
Gehen wir,sagt sie zu ihr, ich hab genug Bilder gesehen.

Was war das denn? fragt die Freundin, als sie Richtung Ausgang gehen.
Flida spürt, wie ihr das Teufelchen auf der Schulter rumturnt und ihr ins Ohr beisst vor Übermut.
Das, sagt Flida stolz, war ein Anflug von Emanzipation!
Und als sie am Ausgang sind, schaut  ein von Gabriele Münter gemaltes Frauengesicht unter einem grossen Hut anerkennend auf Flida hinunter. 2043897670-plakat-zur-ausstellung-gabriele-muenter-4e1ZUvpS5I03KjRzNG

Eman·zi·pa·ti·o̱n
Substantiv [die]
  1. 1.
    der Vorgang, dass sich jmd. aus seiner bisherigen Abhängigkeit von jmdm. befreit.

 

10 Gedanken zu “Flida- von der hohen Kunst der Emanzipation

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