Utopie- Das Grün dort unten

Ich bin mit dem Fahrrad durch den Wald gefahren, die Bäume standen hoch.

Ich fuhr an Feldern vorbei, ich lauschte den Geräuschen der Natur. Es summte und sang, und der Wind rauschte leise…. von ferne ein Brummen, ich fragte mich, was das ist?

Eine Strasse wird gebaut, die Landschaft wird aufgerissen, Bagger durchpflügen das, was letztes Jahr noch ein Feld war.

Was wäre wenn… dachte ich, was wäre wenn… wir keine Straßen bräuchten? Wenn wir hoch in den Bäumen unsere kleinen Häuser hätten, die Bäume wären miteinander verbunden mit Seilen, in denen kleine Körbchen hingen, mit denen wir von Baum zu Baum schwingen könnten?

Wenn wir was zu essen bräuchten, schwängen wir in den Supermarktbaum.

Wenn wir unsere Freunde besuchen wollten, schwängen wir in den Gesellschaftsbaum, wenn wir Fitness machen wollten, dann schwängen wir uns in den Sportbaum.
Und unter uns, tief unter den Wohnbäumen, da hätte die Erde Zeit zu heilen.

Gras würde zuerst wachsen, über die liegen gebliebenen Bagger, denn eine Straße bräuchten wir ja nicht mehr, also haben die Bagger aufgehört zu baggern.
Die aufgerissene Straße läge erst brach, und auch dann würde Gras wachsen, später wüchsen kleine Büsche und dann auch Bäume.

Die hohen Häuser in der Stadt wären nach wenigen Jahren ebenfalls überwachsen, die Fenster wären zersprungen und in die verlassenen Zimmer wüchsen Äste und Zweige und die Blätter der Bäume würden die verblassten Muster der Tapeten in den verlassenen Wohnungen streicheln.
Eidechsen würden an den Häuserwänden hinauflaufen und anderes Kriechgetier, und die Füchse und Hasen und Bären und Wölfe, die wir aus den Städten vertrieben haben, würden ihre Heimat in den verlassenen Kellern und Garagen finden, durch deren Ritzen langsam Moos wächst.
Im Familienfreibad, in dem sich das Regenwasser der letzten Jahre gesammelt hat, tummeln sich Frösche und Libellen, und vielleicht sitzt eine Kröte auf einem Seerosenblatt und sonnt sich den dicken glänzenden Rücken.
Die Bahngleise sind verlassen, denn kein Zug fährt mehr, und der Ginster hat sich seinen Weg durch die Bohlen und den Schotter bis hinein in die verlassene Bahnhofsbaustelle gebahnt. Ein Bauarbeiterhelm liegt hinter der Absperrung, auch der wird nicht mehr gebraucht.

Manchmal steigen Mutige von uns von den Bäumen hinunter und dann gehen sie durch die verlassene Stadt. Sie staunen über die Stille und das unglaubliche Grün der Blätter, über die Kraft des Löwenzahns, der sich unbändig vermehren konnte, weil ihm niemand zu Leibe gerückt ist.

Sie atmen tief die blütengeschwängerte Luft ein, denn auch der Flieder hat sich ausgebreitet und lässt im Frühjahr seine Blütenstände explodieren.
Die Mutigen streifen durch die verlassenen Strassen, staunen über alles, stellen sich Fragen über manches,was sie sehen in den Häusern, berühren vorsichtig harte kalte Gegenstände. Aber wenn sie dann wieder zurück auf die Bäume gehen, dann vergessen sie mit jedem Aufschwung, was sie gesehen haben und erinnern nur das , was wichtig war:

Das Grün dort unten.

Und wenn sie es dann den anderen von uns erzählen, dann sagen wir: Grün haben wir hier oben auch, genug grün, da müssen wir wirklich nicht auch noch  hinunter!

Und so bleiben wir oben in den Bäumen und die Erde unter uns kann sich viel Zeit nehmen, um zu heilen.

(Aufruf zum Kreativen Schreiben:Utopie-was wäre wenn….)

12 Gedanken zu “Utopie- Das Grün dort unten

  1. kaethemargarethe schreibt:

    Wo sollen die Menschen leben, die in Wüsten, Steppen, anderen baumarmen Regionen leben?

    Wie wäre das um Großstädte herum? Menschliche „Spinnennetzte“ aus Seilen aus Nylon und Stahl? Was ist mit Energie? Was mit Fäkalien?

    In meinem Hirn ist einer der Unterschiede zwischen Utopie und Fantasie, dass erste auch neue Lösungsideen beinhaltet.

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