Flida- so ist das mit dem Fortschritt

Auf Flidas Dorf gab es mal einen Metzger, der hat aber vor 4 Jahren das Weite gesucht, vielleicht hat er Schweinehälften unterschlagen hat, oder Geld…. Jedenfalls standen die Kunden eines Tages vor verschlossener Tür.
Es gab dann nur noch einen kleinen Laden, der aber auch wirklich alles hat, von Toastbrot über Biojoghurt bis zu Wolle und Feinrippunterhosen. Flida kauft da manchmal ein, die tippen dort an der Kasse jedes Produkt mit der Hand ein und haben für jeden Kunden ein freundliches Wort. Und  es gibt wirklich alles dort, sogar Kartoffeln und Gemüse aus der Gegend, das ist sehr köstlich. Es wäre schade, wenn es den Laden nicht mehr gäbe, denkt Flida oft.Obwohl sie da selten hingeht, sie kauft im nächstgrösseren Ort im Supermarkt ein, klar, sie hat ein Auto.
Aber viele alte Leute, die auf dem Dorf wohnen, sind auf den Laden angewiesen.
Und jetzt hat ein neuer Metzger im Ort aufgemacht. Flida ist gespannt, was er so zu bieten hat.
Als sie das erste mal dort hinging, natürlich, hatte er Mittags geschlossen….
Aber heute probiert sie es aus, sie möchte auch Fleisch vorbestellen für Weihnachten.
Sie stellt sich in der Schlange an, 3 ältere Frauen stehen vor Flida.Die vor ihr ist ziemlich schwerhörig, nein , sie brauche kein Sauerkraut und ob sie von den Regensburgern was haben könnte…Das seien normale, sagt die Verkäuferin, nein, nicht alle, antwortet die Kundin. Ui, denkt Flida, gleich bin ich dran, hoffentlich.
Dann soll die Kundin vor Flida bezahlen. Sie erhält einen Zettel in die Hand , und als sie den Geldbeutel rauszieht, sagt die Verkäuferin: „Sie müssen da an den Automaten gehen und den Kassenzettel einscannen. Dann geben Sie ihr Geld da in den Schlitz.“
„Und meine Wurscht?“
„Die bekommen Sie dann.“
Langsam geht die Kundin zum Automaten und steht ratlos davor. „Was heisst scannen“, fragt sie.
„Ja, dann tuns halt den Zetterl davor halten! „sagt die Verkäuferin, „ich helf Ihnen.“
Die Kundin wirkt verwirrt, und Flida fragt sich, ob die wiederkommt?Und ob ich das auch kapiere, überhaupt, wenn ich meinen Schinken gekauft habe? Und hygienischer ist das sicherlich, weil die Verkäuferinnnen kein Geld mehr in die Hand nehmen, aber ist das kundenfreundlich? Und was, wenn der Automat versagt? Wenn Strom ausfällt? Flida hat gerade ein Buch gelesen, wo der Strom ausfällt in ganz Europa und nichts mehr geht,keine Tankstellen, keine Klospülung und auch keine Geldautomaten. Die Leute können nichts mehr kaufen. Weil sie kein Geld mehr abheben können. Gruselige Vorstellung.
Als Flida dann ihre Bestellung aufgegeben hat, sagt die Verkäuferin: „Das ist schon praktisch, Sie können Ihre ganzes Kleingeld da reinwerfen, der zählt das dann.“
„Und es ist nicht mehr so ein Gefummel mit den Cent Münzen, “ denkt Flida, die sie ohne Brille eigentlich nicht mehr unterscheiden kann. Und die sie auf Grund ihrer altersbedingten vermeintlichen feinmotorischen Störung auch nicht mehr aus der Geldbörse rauspicken kann, die sind zu winzig einfach, diese Centstücke.
Na gut, dann kippt sie eben ihr Kleingeld in die runde Schale am Automaten, der rappelt und klimpert und sagt: “ 2 cent zu wenig. “
„Dann müssen` S halt doch an Schein neidoa“, sagt die Verkäuferin,“ aber Sie kriegen das Geld in grossen Stücken wieder zurück.“ Und sie ginst. „So mach ich das auch immer, wenn der Geldbeutel zu schwer ist.“
Ein Lob auf die Technik! denkt Flida beim Heimgehen und dann fällt ihr ein, dass sie ganz vergessen hat, den Weihnachtsbraten vorzubestellen.

Zusammentanzen-Wirklich frei sind wir erst, wenn die Hautfarbe zu benennen keine Rolle mehr spielt

Ich sitze im Zug. Ich fahre in die Universitätsstadt, in der der GrösstLiebsteSohn seit 4 Wochen auf seinen Master studiert. Einen Internationalen Studiengang absolviert er, und heute abend gibt es ein „International Dinner“. Wir werden kochen, wenn ich da bin, der Sohn und ich, Sachen aus der Heimat. Weil wir gemischt beheimatet sind, gibt es Matjesheringssalat, Rote Grütze und bayrischen Obatzdn.
Im Zug lese ich einen Beitrag von Ulli’s Cafe Weltenall, ich denke so vor mich in und schreibe einen Kommentar.

Danke für diesen Text. Und diese Worte von guy de maupassant haben eine Gänsehaut gemacht. Im Zug sitzend, mir gegenüber ein dunkelhautiger Mann, der englisch französisch deutsch telefoniert und mich anlacht….Liebe grüße Katrin

Dann denke ich: Wirklich frei sind wir erst, wenn die Hautfarbe zu benennen keine Rolle mehr spielt…….

Ich bin angekommen, der GrösstLiebsteSohn und ich kaufen ein und kochen für unser Dinner. Am Abend treffen wir uns am Busbahnhof mit seinen Studienkollegen. Ich bin beeindruckt, sie kommen alle von so weit her! W. aus Pakistan, H. aus Aserbeidschan, A. aus Puerto Rico, NEIN! sie ist aus Costa Rica! ( i am so so sorry, A., that i confused it, always, but i did give my best, cause J. said: All people mix Costa Rica with Puerto Rico!)
L. aus Venezuela, K. aus Malaysia, F.aus Mexico, B. aus Nigeria,…. S. kommt aus USA, ihr Freund ist Australier. Sie sind so bunt alle, wie sie da sitzen im Bus, sie erzählen von den köstlichen Dingen, die sie gekocht haben, sie reden, lachen, alle auf Englisch, und mein Sohn mittendrin.
Gemeinsam gehen wir den langen Weg zum Hörsaal, wo das Dinner stattfinden soll. Die Seminarleiterin ist da, ein paar Professoren, die Köstlichkeiten werden auf Tische gestellt, es wird erklärt, wer wann wie lange was vorbereitet und gekocht hat. Wir essen, wir trinken, sie erzählen,… wie es ihnen geht in Deutschland.

„Sie sind so nett hier, not as they told us about the Germans, sie haben mein Fahrrad repariert, mein Freund hat einen Job bekommen hier, sie haben uns ne Wohnung angeboten,…sie fragen immer, wo wir herkommen und wie es dort ist….“
Sie brauchen Bürgen, die das Studium finanzieren, bei B. aus Nigeria sind es die Brüder, die arbeiten, damit er hier studieren kann, H. aus Aserbeidschan hat einen Chef in der alten Firma, wo sie herkommt, aus Baku, der für sie bürgt, weil er will, das sie hier das studiert, damit sie daheim dann später was bewirken kann. Sie wissen, das sie lernen müssen und sie wissen wie schwierig es ist, mit ihrem Englisch, für die Prüfungen zu lernen.
Sie lernen miteinander, die 4 deutschen Studenten dieses Studienganges helfen mit. Sie schreiben Referate gemeinsam und als es um die Aufenthaltsgenehmigung von A. ging, hat sich der Sohn in den schicken Anzug geworfen, ganz seriös hat er A. unterstützt , ihre German Skills zu erklären, was auch immer das sein mag.
Ich esse etwas, das komisch schmeckt. Es ist ein komisches Tier, das B. aus Nigeria gekocht hat, ich mag das gar nicht. Was, denke ich, wenn ich dort wäre und nur solche Sachen essen müsste? Wie geht es B.hier mit dem Essen? „Er isst das Mensaessen hier nicht, „, sagt der Sohn, “ er ist anderes gewöhnt.“
Ja, das verstehe ich.
Die Seminarleiterin erzählt mir, wie wunderbar das ist, das die sich alle so schnell miteinander gefunden haben.
Später tanzen sie. Die Südamerikaner tanzen Salsa,und Merengue.  H. aus Aserbeidschan zögert. Dann spielen sie „Makkarena“ und „Gangnam Style“, das kennen sie alle, und sie stehen im Kreis und bewegen sich im Gleichtakt. Sie lachen, sie tanzen, sie wirken glücklich.
Und mir geht durch den Kopf, dass ich glücklich bin, weil sie so unvoreingenommen miteinander umgehen, und wie schön es ist, diese bunten lebendigen jungen Menschen zu sehen und dass ich keine Sorge haben muss, denn trotz des ganzen Rechtsruckes und Rechtsgeredes in unserer Gesellschaft gibt es immer wieder Momente , in denen ich erlebe, dass Vielfalt und Akzeptanz und Menschenwärme gelebt wird.
„Come on , Mama, lets dance!“ und ich tanze mit ihnen mit.

Flida- Das Teufelchen ignorieren

Flida hat Zeit gehabt in den 3 Tagen, in denen sie zu Hause gebleiben ist. Zeit zum denken und zum überdenken. Sie hat ein Buch gefunden, dass sie früher mal gelesen hat, da ging es um „den inneren Kritiker“ und den „inneren Antreiber“. Flida kennt die beiden, sie sitzen als Teufelchen auf ihrer Schulter. Das erkennt sie jetzt. Sie hat in dem Buch geblättert und findet auf einer Seite, die sie sich vor viele Jahren schon angestrichen hat, den einen Satz, den sie fast schon  vergessen hat:
Sperren Sie Ihren Kritiker und Inneren Antreiber in eine Kiste und machen Sie diese fest zu.
Das macht Flida jetzt, sie holt eine Schachtel aus dem Keller, polstert sie mit weichen Tüchern aus, und holt das schreiende tobende Teufelchen von ihrer Schulter. Es kratzt und beisst und heult und kreischt, aber Flida ist unerbittlich. „Da kommst du jetzt rein, vielleicht hol ich dich mal wieder raus, wenn du dich gut benimmst, aber sicher bin ich mir da jetzt nicht. “ Und sie stopft das Teufelchen in die Kiste und macht den Deckel fest zu. Die Kiste wackelt, weil das Teufelchen sehr tobt, und Flida hört es kratzen und schaben, aber das will sie ignorieren, beschliesst sie.
Am nächsten Morgen , im Büro, wird sie fröhlich empfangen. „Endlich bist du wieder da!“
Das hört Flida natürlich gerne, aber als sie gefragt wird, ob sie den Stapel Briefe von der Kollegin abarbeiten kann, sagt Flida :
Nein.
Der Chef kommt und fragt, ob Flida am Wochenende arbeiten kann.
Flida sagt: Nein.
Alle schauen erstaunt.
Und gegen Feierabend, als die jungen Kolleginnen aufbrechen wollen, sagt Flida:
“ Räumt bitte euer Zeug noch weg, ich muss heute pünktlich gehen!“
Da gucken die Kolleginnen und sagen: “ Aber wir haben ein Date!“
Flida sagt: „Ich auch!“
„Aber du hast doch den LAT-Gefährten!(LivingApartTogetherGefährte)“
„Ja, “ sagt Flida, “ mit dem hab ich ein Date. Ich bringe dem seine ungebügelte Wäsche zurück und dann , wer weiss, was ich dann mache, aber Zeit , euer Zeug aufzuräumen, hab ich nicht!“
Und Flida ist stolz, dass sie das sagen konnte, denn jetzt denkt sie endlich mal an sich. Und das Teufelchen hat sie ja heute zu Hause gelassen.

Flida fühlt sich erschöpft

Heute morgen ist Flida aufgewacht mit dem Gedanken: Das schaff ich heute nicht. Ich kann nicht arbeiten gehen. Mir tut alles weh…

Sie ist wirklich erschöpft. Seit Tagen schon. Sie hat wieder mal das Gefühl, sie kämpft an allen Fronten.Der Haushalt und dann noch die Bügelwäsche vom LAT-Gefährten, die er ihr immer brav mitbringt, du bügelst doch gerne, Flida, sagt er. Das stimmt , sie bügelt gerne, aber das heisst nicht, das sie alles für IHN bügeln muss, er kann seine Bürohemden auch in die Reinigung bringen, er verdient doch genug!

Dann in der Arbeit, die jungen Kolleginnen mit ihren Sorgen, Flida hört zu und trocknet Tränen, bringt Kuchen mit und räumt nach Büroschluss den Müll weg, den die jungen Frauen da lassen, weil sie ganz schnell zu ihrem Date müssen.
Die Sorgen ihrer Kinder, aber das, denkt Flida ganz schnell, das will ich auch so, ich will dass sie mir alles erzählen, was sie bedrückt!
Und die Telefonate  mit ihrem Exmann, der dann immer so traurig klingt, aber was geht Flida das an?
Dazu immer ihre Gedanken um Essen und dünner werden und zum Sport MÜSSEN, Joggen gehen MÜSSEN,weniger essen MÜSSEN,  Bewegung  machen müssen, Schritte und Kalorien zählen müssen, immer müssen….Damit sie nicht so dick aussieht.Und so alt wird.
Gestern schon hat sie sich schlapp gefühlt und müde, sie war ganz oft  kurz davor in Tränen auszubrechen. Sie hat fast geweint, als sie Nachrichten hörte. Sie spürte, wie die Tränen in ihre Augen schossen, als sie mit einer Freundin telefoniert hat, die von ihren Kindern sprach. Sie ging durch die Stadt und fühlte sich unglaublich kraftlos. Sie traf eine andere Freundin, die zu ihr sagte: So kenn ich dich gar nicht, du siehst so müde aus! Und auch da hätte sie am liebsten angefangen zu weinen.
Also hat sie heute morgen in der Arbeit angerufen und gesagt, sie bleibt 2 Tage zu Hause. Sie hat Frühstück gemacht für ihre Tochter, ihr ein Liebevolles „Auf Wiedersehen“ zugerufen, als diese zur Schule ging , und hat sich wieder aufs Sofa gelegt. Sie hat 2 Seiten in ihrem Buch gelesen und ist eingeschlafen.
Als sie wieder aufwachte, fühlte sie sich frisch und „erquickt“, dachte sie. „Ich bin erquickt. Vom Schlafe erquickt.“
„Du liest zuviele komische Bücher, wenn dir solche Worte einfallen“, hörte sie das Teufelchen auf ihrer Schultern wispern. „Und wenn du jetzt erquickt bist, kannst du ja arbeiten gehn! Die anderen schuften für dich, und du machst dir einen schönen Tag! Faule Flida!“
Flida zuckt mit den Schultern und hofft, das das Teufelchen vielleicht runterfällt. Aber es sitzt fest und sie spürt, dass es noch mehr Worte sagen will, die Flida nicht hören möchte.

„Halt einfach die Klappe, du dummes Teufelchen! Dieser ganze Mist, den du mir da erzählen willst immer! Von wegen Anstand und man macht nicht  blau und man ist immer fleissig und lässt sich nichts anmerken, man macht und funktioniert….ich hab genug davon!  Ich brauch eine Pause heute. Und morgen auch.
Ein Spaziergang tut jetzt gut. Ein langsamer. Schritt für Schritt.“

Draussen regnet es.
Die Blätter färben sich bunt.

 

Flida-es schimmelt

Sie riecht es wieder, es riecht nach vergammelter Zitrusfrucht. Flida ärgert sich und schmeisst als erstes ihre Orangen weg.

Man kauft auch keine Orangen im September, hört sie das Teufelchen flüstern.

Ja, mag sein, antwortet Flida, aber es riecht immer noch so! Und kalt ist es auch hier und die Heizung geht immer noch nicht!
Es ist ja auch September erst! Und ausserdem : mir ist nicht kalt! ruft das Teufelchen, aber Flida will es ignorieren, und macht sich auf die Suche nach dem Schimmelgeruch.

Naklar, in der Ecke, neben dem Schrank, sieht sie ihn wieder wachsen, diese grauen Stellen, die sie hasst, dabei hat sie bereits alle Möbel von der Wand weggeschoben.
Damit Platz ist für die Luftzirkulation. Letztes Jahr hat sie der Vermieterin geschrieben ,dass in 2 verschiedenen Zimmern der Schimmel war, den sie aber mit Chlor weggeputzt hat und dass sie zwar die Heizungen voll aufdreht, dass die Räume aber nicht richtig warm werden .
Und jetzt ist Ende September und die Heizkörper werden gar nicht überhaupt nicht warm.
Sie ruft die Vermieterin an und sagt, dass die Heizung nicht warm wird. Es kommen tolle Tipps, Flida denkt, ob sie denn für  bekloppt gehalten wird?
Sie müsse halt die Heizkörper aufdrehen, immer, und ausserdem solle sie sie entlüften. Dann müsse die Heizung warm werden.
Okay, entlüften kann sie,das macht sie jedes Jahr, aber es ist  keine Luft in den Heizkörpern. Es wird trotzdem nicht warm.
Sie ruft die Vermieterin wieder an. Oh, sagt diese, Flida solle doch bitte auch aufpassen wegen dem Schimmel, es habe noch nie geschimmelt in der Wohnung, sie solle gescheit lüften und IMMER heizen, dann gäbe es auch keinen Schimmel, die anderen Eigentümer in dem Haus hätten auch keinen Schimmel, und wenn sie, Flida, wieder wegen der Fenster anfinge, die seien einwandfrei! Zwar schon 30 Jahre alt, aber aus Holz und das seien Superfenster! Und dass die  innendrin beschlagen würden, das sei die hohe Qualität der Fenster! Das sei normal!
Auch bereits im September, fragt Flida, wenn es noch gar nicht eiskalt ist draussen?

Das kommt, weil Sie Wäsche drinnen trocknen! schimpft die Vermieterin.
Ich trockne keine Wäsche drinnen, verteidigt sich Flida, und dann  fängt auch noch das Teufelchen an zu schimpfen:Warum rechtfertigst du dich? Das geht die doch gar nichts an!
Flida ist sauer, und man hört es ihrer Stimme an und sie sagt zu der Vermieterin: Wenn es morgen immer noch so eiskalt ist, ruf ich die Heizungsfirma an! Die sollen gucken, woran das liegt!
Das zahlen Sie dann aber selber! kreischt die Vermieterin, und Flida merkt, das sie fast weinen muss.
Wieso hat sie immer so ein Pech, in der letzten Wohnung war es das genaugleiche, Schimmel an der Wand bis hoch hinauf und im Winter beschlugen die Scheiben und es zog und wenn es sehr kalt war, gefror das Beschlagene innendrin an der Scheibe.
Auch das waren „pfenninggute“ Holzfenster und es habe an Flidas Heiz-und Lüftungstechnik gelegen,  das es so war.
Es war im Kinderzimmer und damit es warm wurde, hat Flida die Scheiben mit Wolldecken zu gehängt. Da kam der Vermieter und hat Flida gebeten, das doch bitte wegzutun ,wie sähe das aus von aussen,wenn die Scheiben mit Wolldecken verhängt seien. Wie im Slum!
Flida ist dann zum Glück ausgezogen und diese Wohnung , in der sie jetzt lebt, liebt sie, und deshalb möchte sie auch bleiben.

Aber manchmal, denkt sie, wäre es schön, wenn sie Wohnungseigentum hätte, und ein bisschen Geld übrig, dann könnte sie richtig isolieren von draussen, gute Fenster einbauen und wenn dann Geld übrig bliebe, würde sie das breigebraune Bad renovieren. Und einen Holzofen einbauen!Wenn sie Eigentümerin wäre. Das wäre toll.
Träum weiter! feixt das Teufelchen.
Ja, denkt Flida, aber immerhin kann ich Heizung entlüften, und morgen kommt der Heizungsmann und dann ist es warm!
Es kam der Heizungsmann am nächsten Tag und stellte fest, das der Heizungszufluss in Flidas Wohnung abgedreht war. Sabotage? Oder Nachlässigkeit des Heizungablesers im Sommer? Oder vielleicht Flidas Teufelchen, dem es IMMER zu warm ist?

Egal, jetzt ist es kuscheligwarm in Flidas Refugium. Und Vermieter haben keinen Zutritt!

Hilde- vom bleiben können

Natürlich ist es nicht immer leicht, alle Zelte hinter sich abzubrechen, so wie Hilde das macht, als sie am Meer bleibt. Und nicht mehr in ihre Ehe zurück geht und in  ihr altes Leben. Sicher sitzt Hilde auch manchmal da und denkt, ob es nicht anders besser gewesen wäre, wenn sie zurück gegangen wäre , wenn sie vielleicht nicht unbedingt weiter gemacht hätte, sondern etwas anderes aufgebaut hätte für sich. Aber sie fühlt , dass das nur eine halbe Form von Neubeginnen geworden wäre. Sie möchte ganz neu anfangen. Ein ganz neues Leben, denn das alte Leben ist zu bitter geworden.
Es wird nicht ohne Zweifel  bleiben, nicht ohne Traurigkeit, ob sie sich nicht vielleicht doch ein bisschen mehr Mühe hätte geben müssen, ein bisschen mehr Verständnis für Herbert aufbringen hätte können, den sie doch mal geliebt hat. Sie hat ihn irgendwie immer noch lieb, aber sie will jetzt endlich ganz bei sich sein.

Deshalb bleibt sie jetzt hier. Und als die Madame vom Campingplatz deutsch mit ihr spricht,  da durchströmt Hilde eine Welle von Erleichterung.
„Ich bin Herta!“, sagt die Madame vom Campingplatz,“ Herta aus Hamburg!“
„Ich bin Hilde, und ich würde gerne hier bleiben und wollte fragen, ob ich hier nicht was arbeiten kann und ein kleines Häuschen über den Winter mieten kann, so ein Winter am Meer, das wäre schön!“

„Nu, „macht Herta, “ wir brauchen in der Tat im Winter jemanden, der auf den Campingplatz aufpasst.Aber n büschen einsam is das schon hier!“
Ach, denkt Hilde, Einsamkeit macht mir nichts aus. Ich werde einfach viel denken, und wenig denken und nichts denken und den Wellen zugucken und wenn es windig und kalt wird, dann wickel ich mich in eine warme Decke. Ich muss mit niemandem reden und kann einfach in mich reinhören, und dann werde ich…..
“ Du kannst dann in das Häuschen hier am Eingang einziehen,“ unterbricht Herta ihre Gedanken, “ das ist praktischer, dann kannst du täglich den Pool kontrollieren und kriegst einfach mit, was hier passiert. Aber es passiert normalerweise nichts, und Hassan, das ist mein Mann, der kommt auch täglich vorbei, und wir wohnen ja nicht weit weg.“
„Kein Problem“, sagt Hilde, “ wenn es okay ist, ich mach das , das wäre perfekt.“

Und so kommt es, das Hilde den Winter in einem kleinen warmen Mobilhome auf einem Campingplatz an der französischen Atlantikküste verbringen darf. Sie hat sich ein kleines Auto gekauft, damit sie mobil genug ist, um hin und wieder unter Menschen zu kommen, aber eigentlich will sie sich entschleunigen. Das ist ein tolles Wort. Sich entschleunigen. Deshalb hat sie sich auch ein langsames kleines Auto gekauft. Sie macht sich noch keine Gedanken darüber, ob es sehr einsam werden könnte oder  was passieren kann, wenn die Gedanken sie einholen, sie lässt alles einfach auf sich zukommen.
Sie freut sich auf den Wechsel der Zeiten am Meer.

 

Loida räumt auf

Es nervt sie seit Monaten- dieses Chaos im Keller. Ständig trägt man was runter, was man nicht mehr brauchen kann, stopft es in irgendeine Ecke vom längst überfüllten Keller, aber es findet sich erstaunlicherweise  immer noch ein Plätzchen, wo man eine Kiste oder eine Tüte oder eine winzigkleine Schachtel reinstopfen kann.

Jetzt hat Loida beschlossen, klar Schiff zu machen. Entrümpeln, wegwerfen,… die Kinder sind erwachsen, die haben bestimmt auch ganz viel Zeug hier noch rumliegen, was sie entweder selber aufbewahren sollten oder Loida schmeisst es weg.

„Man könnte einen Flohmarkt machen!“, hat der Gatte gesagt. „Blödsinn, “ sagt Loida,
,, das willst du seit Jahren, und haben wir es einmal geschafft?“

„Früher war ich ständig auf dem Flohmarkt, “ sagt der Gatte, “ und ich hab da echt gut verdient mit dem ganzen Krempel aus dem Geschäft von Manni,  du weisst schon, ich hab dem seine alten Bücher aus dem Laden verkauft, das ging echt gut!“
„Ich weiss, “ seufzt Loida, “ aber da warst du 20 und seitdem hast du nicht einmal mehr einen Flohmarkt besucht!
Wir entrümpeln jetzt und der Kram verschwindet!“

Am Samstag stehen sie also im Keller, der Gatte und Loida.
Ein bisschen graust es ihr. Was wird sie alles finden?
Zuerst rücken sie den alten Kartons zu Leibe. Verpackungen von Fernsehapparaten, Tastaturen, Radios, einem Barttrimmer,…. „man braucht die Schachtel, wenn man das Teil eventuell umtauschen muss“ war der Gedanke…. ab ins Altpapier jetzt damit.
Vergilbte Legokartons,  weg damit. Gibt es die Legosteine dazu überhaupt noch?
Der Gatte findet einen Umzugkarton voller alter Anzüge. „Da pass ich bald wieder rein, die sind massgeschneidert!“
„Willst du schon wieder ne Diät machen, die nicht klappt?  Und dieser räudige Wollmantel?“, fragt Loida entsetzt, “ der müffelt!“
„Ja, aber der war schweineteuer, den kann ich anziehen, wenn ich auf eine Beerdigung muss!“
„Davon gibt es mit zunehmendem Alter sicher immer mehr, “ sagt Loida, „hoffen wir, das es nicht unserer eigene sein wird! Da stopf ich dich dann aber nicht rein, Gatte, wenn du in den Sarg musst, in diesen vermuffelten Mantel!“
Der Gatte schaut grimmig, und verstaut die Kiste wieder in der hinteren Ecke.
Loida öffnet einen Karton: Erinnerungen von Loida,1985 steht da drauf.
Handgeschriebene Briefe von ihrer Freundin A. aus K., sie haben sich bestimmt 2 mal in der Woche  Post zugeschickt, damals. Sie wohnten 200 km auseinander, und kannten sich eigentlich kaum, aber geschrieben haben sie sich über Jahre.Bis Loida geheiratet hat, da hat das dann aufgehört.
Loida entdeckt ein altes Sammeltagebuch, Klassenfahrt nach Berlin. Liedertexte, sie hat Gedichte da reingeschrieben, vom Elend der Welt.
Und daneben klebt Klopapier vom Flughafen Tegel. Steht drauf: Flughafen Tegel. Das ist ja schon fast antikes Klopapier, grinst Loida, vielleicht mache ich mal ne Ausstellung mit Kuriositäten aus meiner Jugend. Die Kiste nimmt nicht viel Platz weg, die kann sie aufheben.
Ein Foto fällt raus.
Ein junger Mann lehnt lässig am Stuhl, mit leichtem Flaumschnauzer und erwachsen hochgezognener Augenbraue lächelt er in die Kamera des Fotografen. Brauner Ringelpullover mit Hemdkragen. Die erste Liebe, ach, wie es dem wohl geht, fragt sich Loida. Ein Zettel fällt raus. „Ich liebe dich, mein Schnäuzelchen, ich vermisse dich, bis nachher!“
Wie sie das gehasst hat, diese Anrede! Aber sie hat nichts gesagt, sie war damals 18, sie dachte, das gehört so. Sei kriegt heute noch eine Gänsehaut vor Scham oder was das für ein komisches Gefühl ist, Schnäuzelchen, mein Schnäuzelchen!
Eigentlich ist sie wütend.
„SCHAAAHAAATZ!!“ tönt aus dem anderem Kramkeller, „kannst du mir mal helfen? Soll ich diese Bildbände auf den Flohmarkt tun?“

„NEIN!“ brüllt Loida. „Vergiss Flohmarkt, alles ins Sozialkaufhaus, und im übrigen: Ich heisse LOIDA! Hörst du? Loida! es hat sich ausgeschatzt und ausgeschnäuzelt, ich bin Loida!“

Und energisch stopft sie die uralten Liebesbezeugungen in die Altpapiertüte.

 

Das Beitragsbild entstammt dem Garten einer Bekannten, die diese Figuren selber herstellt. Sie gefallen mir so gut! Danke, E.!

Im Sommer

Im Sommer sind andere Dinge wichtig. Für den Blog schreiben,das geht bei Regen gut. Im Sommer geht das nicht.
Im Sommer fahre ich an den See und schwimme im moorig-goldenen Wasser. Tauche ein, denke nicht nach.
Im Sommer muss nicht gekocht werden, es ist niemand  da- alle sind auf Reisen.
Im Sommer fahre ich mit dem Roller durch die Stadt und besuche Menschen in ihren Häusern und Gärten.
Ich treffe Menschen in Cafes, die Himmelgrün oder Sonnenblau oder Regenhell heissen und trinke Rosenlimonade.
In der Nähe der Fluss mit seinen Auen.
Stille.

Im Garten , daheim, die Hummeln und die Bienen, in den Blüten, kein Rasenmäher brummt, es ist zwölf Uhr. Stille.

Das Boot wartet auf dem Autodach, vielleicht gelingt es heute, an den Grossen See zu fahren, mit der SchönstenTochter, der liebsten Paddelbegleitung.
Traditionen fortführen- vielleicht ist es das, ich, die Tochter,  mit dem Vater, morgens , im alten Paddelboot sind wir über den See gefahren,  Schweigen, gemeinsames Schweigen und so viel Nähe, damals, im Sommer.
Sommersehnsucht. Und jetzt die Mutter mit der SchönstenTochter…..

(Und gleich heule ich über meinen eigenen Text! )

Drilliring– aufgewacht aus der Sommersentimentalität….eine SMS: Bin fertig! Holst du mich ab?
Yepp! Rin inne Schlappen und los geht es! An den Grossen See mit Boot auf dem Dach vom kleinen Auto.

Was freu ich mich!