Flida- so ist das mit dem Fortschritt

Auf Flidas Dorf gab es mal einen Metzger, der hat aber vor 4 Jahren das Weite gesucht, vielleicht hat er Schweinehälften unterschlagen hat, oder Geld…. Jedenfalls standen die Kunden eines Tages vor verschlossener Tür.
Es gab dann nur noch einen kleinen Laden, der aber auch wirklich alles hat, von Toastbrot über Biojoghurt bis zu Wolle und Feinrippunterhosen. Flida kauft da manchmal ein, die tippen dort an der Kasse jedes Produkt mit der Hand ein und haben für jeden Kunden ein freundliches Wort. Und  es gibt wirklich alles dort, sogar Kartoffeln und Gemüse aus der Gegend, das ist sehr köstlich. Es wäre schade, wenn es den Laden nicht mehr gäbe, denkt Flida oft.Obwohl sie da selten hingeht, sie kauft im nächstgrösseren Ort im Supermarkt ein, klar, sie hat ein Auto.
Aber viele alte Leute, die auf dem Dorf wohnen, sind auf den Laden angewiesen.
Und jetzt hat ein neuer Metzger im Ort aufgemacht. Flida ist gespannt, was er so zu bieten hat.
Als sie das erste mal dort hinging, natürlich, hatte er Mittags geschlossen….
Aber heute probiert sie es aus, sie möchte auch Fleisch vorbestellen für Weihnachten.
Sie stellt sich in der Schlange an, 3 ältere Frauen stehen vor Flida.Die vor ihr ist ziemlich schwerhörig, nein , sie brauche kein Sauerkraut und ob sie von den Regensburgern was haben könnte…Das seien normale, sagt die Verkäuferin, nein, nicht alle, antwortet die Kundin. Ui, denkt Flida, gleich bin ich dran, hoffentlich.
Dann soll die Kundin vor Flida bezahlen. Sie erhält einen Zettel in die Hand , und als sie den Geldbeutel rauszieht, sagt die Verkäuferin: „Sie müssen da an den Automaten gehen und den Kassenzettel einscannen. Dann geben Sie ihr Geld da in den Schlitz.“
„Und meine Wurscht?“
„Die bekommen Sie dann.“
Langsam geht die Kundin zum Automaten und steht ratlos davor. „Was heisst scannen“, fragt sie.
„Ja, dann tuns halt den Zetterl davor halten! „sagt die Verkäuferin, „ich helf Ihnen.“
Die Kundin wirkt verwirrt, und Flida fragt sich, ob die wiederkommt?Und ob ich das auch kapiere, überhaupt, wenn ich meinen Schinken gekauft habe? Und hygienischer ist das sicherlich, weil die Verkäuferinnnen kein Geld mehr in die Hand nehmen, aber ist das kundenfreundlich? Und was, wenn der Automat versagt? Wenn Strom ausfällt? Flida hat gerade ein Buch gelesen, wo der Strom ausfällt in ganz Europa und nichts mehr geht,keine Tankstellen, keine Klospülung und auch keine Geldautomaten. Die Leute können nichts mehr kaufen. Weil sie kein Geld mehr abheben können. Gruselige Vorstellung.
Als Flida dann ihre Bestellung aufgegeben hat, sagt die Verkäuferin: „Das ist schon praktisch, Sie können Ihre ganzes Kleingeld da reinwerfen, der zählt das dann.“
„Und es ist nicht mehr so ein Gefummel mit den Cent Münzen, “ denkt Flida, die sie ohne Brille eigentlich nicht mehr unterscheiden kann. Und die sie auf Grund ihrer altersbedingten vermeintlichen feinmotorischen Störung auch nicht mehr aus der Geldbörse rauspicken kann, die sind zu winzig einfach, diese Centstücke.
Na gut, dann kippt sie eben ihr Kleingeld in die runde Schale am Automaten, der rappelt und klimpert und sagt: “ 2 cent zu wenig. “
„Dann müssen` S halt doch an Schein neidoa“, sagt die Verkäuferin,“ aber Sie kriegen das Geld in grossen Stücken wieder zurück.“ Und sie ginst. „So mach ich das auch immer, wenn der Geldbeutel zu schwer ist.“
Ein Lob auf die Technik! denkt Flida beim Heimgehen und dann fällt ihr ein, dass sie ganz vergessen hat, den Weihnachtsbraten vorzubestellen.

Flida- Heimwerkern

Heute abend hat der LAT-Gefährte (Living apart together-Gefährte) Flida zum Essen eingeladen. Flida freut sich, sie hat viel zu erzählen. Allerdings- ihr Erlebnis an Allerseelen wird sie schön für sich behalten, sowas mag er nicht, wenn sie so einen Hokus Pokus macht.
Aber sie hat anderes zu erzählen, sie war nämlich fleissig diese Woche, sie hat ihr Wohnzimmer umgeräumt und umgebaut.
Und so sitzen sie also gemütlich beim Griechen, “ ein absoluter Geheimtipp!“ hat der LAT-Gefährte verkündet, aber wenn Flida sich so umschaut, ein Geheimtipp ist das nicht,findet sie, es ist rappelvoll.
Vor ihnen türmen sich köstliche Kleinigkeiten, Pita mit Knoblauch, gegrillter Schafskäse, Oliven, Auberginen mit Käse gefüllt,… Flida weiss gar nicht wo sie  zuerst hinlangen soll.
„Nun erzähl mal, Flidalein, wie ist es dir gegangen in dieser Woche?“ fragt der LAT, und beisst in sein Fladenbrot.
„Ich hab mir eine Bohrmaschine gekauft, „sagt Flida , “ in einem Baufachmarkt!“
„Was willst du denn für Löcher bohren?“ fragt der LAT überrascht.
„Ach, nicht bohren!“ sagt Flida, „schrauben. Ich hab mir so eine Schraubendingsmaschine gekauft.“
„Du meinst einen Akkuschrauber, “ berichtigt der LAT.
„Genau, “ sagt Flida, und nimmt einen Schluck vom köstlichen griechischen Weisswein.
„Ich bin zu dem Oberbaumarktfuzzi gegangen, in so einer blauen Latzhose hat der  gesteckt und hab gesagt, ich will eine Schraubmaschine. Der wollte mir eine für 24,99 andrehen, hab ich gesagt, nix da, ich will eine richtige. Ach, Schätzchen, hat der gesagt, für Ihre Zwecke reicht doch die hier.Sie wissen nicht,was ich schrauben will, hab ich gesagt und ihm was erzählt von Leerlaufdrehzahl und regelbarem Drehmoment und Akkuleistung und das ich kein Zahnkranzbohrfutter will sondern ein Schnellspannbohrfutter und da hat der dann aber ganz anders mit mir gesprochen. “
Die Oliven schmecken köstlich und Flida feixt. „Ich hab jetzt ne Superschraubmaschine, ich hab sogar Rabatt gekriegt, scheinbar war er ziemlich beeindruckt!“
„Und was willst du schrauben?“ fragt der LAT.
„Regale,“ sagt Flida. „ich hab Regale gebaut. Bzw. zusammengebaut.Und mein Wohnzimmer umgeräumt. Und dann, stell dir vor! War der Hammer kaputt. Stiel und Kopf lagen einzeln im Werkzeugkasten. Hab ich den Hammer genommen, den Stiel draufgesteckt und hab von der Seite mit nem Gummihammer auf das Stielende draufgekloppt. Dann ist der Stiel in das Kopfloch gerutscht. Ich hab dann noch einen Nagel reingehauen, damit sich das Holz spreizt, und der Kopf da nicht mehr rauskommt. Weisst du, wie ich meine?“
Der LAT hat aufgehört zu essen. „Woher weisst du das alles?“
„Geheimnis!“ sagt Flida, „die Regale stehen, und Bilder hängen, ich hab mir dafür sogar die tollen Nägel gekauft, mit den goldenen Köpfen, die verbiegen sich nicht, wenn ich sie wieder aus der Wand hole, du weisst wie gerne ich umdekoriere! Das sind Nägel, die kannst du nach nem Erdbeben-Abriss noch bei Ebay versteigern, sozusagen RecommerceNägel!“
Flida freut sich, weil der LAT so überrascht guckt.
Dass das Teufelchen auf ihrer Schulter nicht still sein kann und sagt: „Die Bilder hängen nur gerade , weil du sie DIREKT an die Mauerkante genagelt hast! Das erzählst du ihm nicht, was, Flida?“ Aber dieses Gewisper ist Flida gerade richtig schön egal, sie sagt, als auch noch der LAT anfängt zu fragen, ob sie denn richtig gehämmert, habe, so mit Schwung von unten nach oben leicht schräg im Winkel von ca 35 Grad, sie würde sich beim Hämmern doch immer dauernd auf die Finger klopfen, was nicht stimmt!  Da sagt Flida ganz laut: „FÜR MICH PASST DAS! “ und beisst mit Genuss in ihre Moussaka.

Flida- im November

Flida mag den November gar nicht.Wenn es abends so früh dunkel wird, wenn die Bäume blätterlos ihre Äste in den Himmel recken, wenn sie aufsteht und im nebeldunkel zur Arbeit fährt, all das mag sie nicht.
Vor allem sind im November diese Totentage.
Allerheiligen, Allerseelen, der Totensonntag , der Volkstrauertag.
Manchmal , früher, hat sie diese Allerheiligen zelebriert. Sie hat geräuchert  in der Wohnung, sie hat Kerzen aufgestellt, für die Verstorbenen, sie sass allein vor ihrem Kerzenfeuer und schaute in den Garten. Einmal hatte sie das Gefühl , die kommen alle aus dem Gebüsch raus, alle an die sie so gedacht hatte. Da hat sie ihre Jalousien zugemacht, vor lauter Schreck. „Du guckst ja auch zu viele Gruselfilme!“ hatte das Teufelchen geflüstert.
Dieses Jahr hat sie sich was Besonderes vorgenommen: sie geht zu einem Verstorbenenfest mit einer Heilerin, in ihrem Esoterikladen, wo Flida manchmal  ihr Räucherwerk kauft. Da freut sie sich drauf, diese Heilerin sieht auf dem Foto sehr symphathisch aus, ein bisschen indianisch, Flida ist gespannt, was sie erwartet.
Als sie ankommt, sitzen bereits einige Frauen im Halbkreis um die Heilerin herum und plaudern mit gedämpften Stimmen.
Eine Frau fällt ihr besonders auf, sie ist gross und stattlich, ihre langen fast grauen Haare fallen locker auf ihren Rücken, und wenn sie lacht, sieht man ihre weissen Zähne. Und sie lacht gerade sehr laut und fröhlich, ihr Busen wogt dabei. Flida muss unwillkürlich mitlächeln.
Die Heilerin ist in warme Decken gehüllt, um den Kopf trägt sie eine Kapuze, ihre langen schwarzen Haare fallen von ihren Schultern. Wie alt sie wohl ist, denkt Flida.
Alterslos scheint sie ihr.
Die Heilerin schlägt dreimal auf ihre Klangschale. Es wird still.
Dann beginnt sie zu erzählen. Von ihrem Erlebnis, als sie tot war. Von den Seelen, denen sie seitdem begegnet, vom Tod, der nicht böse ist, der ihr keine Angst macht.
Flida gefällt das.
Eine Frau vor ihr nickt immer zustimmend und brummt, und sagt laut:Ja! wenn die Heilerin etwas gesagt hat, was ihr besonders gut gefällt. Und sie zappelt rum und sitzt immer so, das Flida keinen Blick auf die Heilerin werfen kann.Flida sieht immer den breiten Rücken der unruhigen Frau, egal wie sie sich setzt.Das irritiert Flida.

Die Heilerin sagt, dass sie in den Kliniken sehr vielen ruhelosen Seelen begegnet sei, die den Ausgang in die zeitlose Raumlosigkeit noch nicht gefunden haben. Ob jemand wüsste, woran das liegen könnte? Ob das am Morphium liege, das man den Sterbenden geben würde in der heutigen Zeit, weil sie sich dann nicht auf den Tod vorbereiten könnten, sondern gedämpft ihr Leben aushauchen,und dann nicht wissen, was mit ihnen passiert ist?

Da steht die grosse grauhharige Frau auf, und sagt laut und vernehmlich:
„Es liegt sicher nicht am Morphium, denn das sterbenden Schmerzpatienten Morpium gegeben wird, ist eine Gnade. Und wenn es ruhelose Seelen in grossen Ansammlungen in Krankenhäusern gibt, dann liegt das an der heutigen Gesellschaft, die es nicht mehr kann, den Weg zu weisen und Rituale zu machen, die das Weggehen erleichtern können. So. “

Die grosse Frau setzt sich wieder. Flida ist beeindruckt.

Da fragt die unruhige Frau , die vor Flida sitzt:“ Gibt es hier auch welche? Ruhelose Seelen? Bei mir zu Hause ist einer, der kommt immer wieder, ich glaub auch, ich weiss wer das ist. Wie kann ich denn dem den Weg weisen? Ich mochte den nie, das war ein ekliger Kerl und jetzt kommt der mich immer besuchen. “
Ui, denkt Fida, was ist das denn….
Die Heilerin sagt etwas, aber Flida hört nicht zu, sie schaut die grosse schöne Frau an, die leise in sich hineinlächelt.
Sie wirft Flida einen Blick zu, als spüre sie,das Flida schaut und zwinkert Flida zu.
Eine andere Frau erzählt, das sie ihren verstorbenen Vermieter auf dem Klo getroffen habe. Sie habe ihn gefragt, ob er nicht wüsste, das das Klo eine Privatsphäre sei, was ihm einfallen würde, ihr beim Pinkeln zu zugucken. Alle lachen.
„Gut gemacht“, sagt die Heilerin. „Jetzt wenden wir uns aber dem zu, weshalb wir hier sind.“
Und sie zündet Kerzen an und schlägt die Klangschale und spricht ein Gebet in einer Sprache, die Flida angenehm berührt und Flida versinkt in Gedanken, während sie ihre Kerze anschaut. Sie denkt an ihren Vater, wie er in seinem Paddelboot durch die raumlose Zeitlosigkeit gleitet, vor ihm sitzt die Mutter, an die Flida sich kaum erinnert und lächelt zu Flida hinüber. Flida sieht ihre Tante, die so einsam starb, lächelnd an einem Baum stehen und hört die Stimme der Heilerin:
Es ist nur noch Vergebung da und Verstehen. Es gibt keine Schuld . Es ist Frieden.

Flida fühlt sich wohl, warm und geborgen. Wie schön sind diese Bilder, denkt sie.
Die Klangschale holt Flida wieder in die Gegenwart zurück, der Abend ist vorbei. Beim Hinausgehen stösst sie gegen einen Yogafrosch, der auf einer Lotusblumenschale sitzt und verzückt lächelt.
Die grosse schöne Frau grinst Flida zu: „Noch ganz benommen von dem Hokuspokus hier? „fragt sie.“ Ich hoffe bloss, das mir heute im Nachtdienst die ganzen verlorenen Seelen nicht begegnen, denen ich den Weg weisen muss in der Klinik, ich hab genug mit den Lebenden zu tun!“
Flida lacht: „Und ich hoffe, das da keiner bei mir auf dem Klo sitzt, dem ich sagen muss, dass er da bitte nichts zu suchen hat!“

Sie lachen beide, heben die Hand zum Gruss und gehen. Eine nach rechts, die andere nach links.

 

Flida- mit dem Teufelchen wieder gut sein

Flida hat ihr Teufelchen lang genug in die Kiste gesperrt, findet sie. Zuerst hat es getobt und gekreischt, dann hat es nur gewimmert, und Flida tat es dann schon ziemlich leid, aber sie ist hart geblieben. Sie hat es nicht rausgelassen.

Dann hat sie aber gemerkt, das irgendwas fehlt. Irgendwie war alles so eitel Sonnenschein. Keine Stimme auf ihrer Schulter , die sie darauf aufmerksam gemacht hat, dass sie eigentlich dies oder das hätte tun wollen, joggen gehn zum Beispiel, oder dass es Blödsinn ist, sich schon wieder eine Jacke kaufen zu wollen, oder ein paar Schuhe, es gab nichts, was Flida irgendwie einen inneren Kampf ausfechten liess,….
Alles war so harmonisch oder friedlich, fast langweilig.
Gut, dann würde sie das Teufelchen eben wieder raus lassen.
Unter einer Bedingung: es sollte sie nicht mehr beleidigen. Es darf sie bremsen, oder sie zu etwas anhalten, aber es darf Flida nicht mehr an sich zweifeln lassen.

Das sagt sie dem Teufelchen jetzt:
„Teufelchen!“, sagt sie, “ du fehlst mir. Aber was mir nicht fehlt, das ist, wenn du sagst, ich sei eine dicke Flida oder eine faule Flida. Ich lass dich wieder raus, du  darfst auf meiner Schulter sitzen, wenn du solche Dinge nicht mehr sagst. Schaffst du das?“
„Ja,“ flüstert das Teufelchen, “ ich werde es versuchen „, ganz kleinlaut hört es sich an.
„Gut, “ sagt Flida, holt das Teufelchen aus der Kiste, und setzt es auf ihre Schulter.
Gemeinsam schauen sie in Flidas grossen Spiegel.
„Was siehst du?“ fragt Flida.
„Eine dicke, faule Flida!“ sagt das Teufelchen, und als es Flidas zornigen Blick sieht, rutscht es ein Stück hinter Flidas Schulter.
„Es stimmt doch, da steht ein faule dicke Flida,“ ruft es, “ guck nicht so grantig , Flida, schau dich doch an! Du hast verstrubbelte Haare, die du nicht kämmst, weil du faul bist und es dir egal ist,wie du aussiehst,  aber ich mag das doch so, Flida! Wenn deine bunten Haare kreuz und quer vom Kopf abstehen!
Und deine hässlichen Joggingschuhe, Flida, wer trägt denn lilagrüne Joggingschuhe? Mit diesen gelben Bändern? Kein Wunder, das du nicht gerne joggen gehst, aber wir können was anderes machen, Flida, etwas, was dir Spass macht!
Und du musst doch nicht dünn werden, Flida! Du bist einfach eine dicke Flida! Eine dicke weiche Flida und mit deiner grünen Jacke siehst du so hübsch aus, die passt zu deinen Augen und man sieht doch, das du ein grosses Herz hast! Und das braucht eben auch viel Platz, damit es weich gepolstert ist…. Damit dem Herzen niemand weh tun kann so leicht….“

Das Teufelchen verschluckt sich fast vor lauter Eifer, Flida nur freundliche Dinge zu sagen, aber so ganz schafft es das scheinbar nicht, denn Flida schaut immer noch böse im Spiegel auf das Teufelchen.
Dann schaut sie sich selber an, wie sie da steht, in ihrer grünen weiten Jacke, der bequemen Hose mit dem wilden Muster. Die fand sie mal schick, jetzt ist sie einfach nur bequem, aber das ist gerade piepegal, denn sie lauscht noch auf das, was das Teufelchen gesagt hat: Die Sache mit dem grossen Herzen.
Und Flida spürt, wie sich eine Wärme in ihrem Innendrin ausbreitet, eine ganz grosse weite Wärme, das könnte Flidas Herz sein, was da so warm wird in ihrer Brust.
Weil das Teufelchen es nämlich gut meint mit Flida.
Und Flida denkt, wenn sie das Teufelchen annimmt und lieb haben kann, dieses Kritikteufelchen,dann könnten sie wahrscheinlich auch viel Spass haben miteinander.
Sie sieht, wie das Teufelchen langsam hinter ihren Strubbelhaaren hervorkommt und vorsichtig über Flidas Schulter linst.
Ein zaghaftes Grinsen erscheint auf seinem Gesicht.
Und Flida lächelt im Spiegel dem Teufelchen zu.

 

Flida- Achtsamkeit und Pippi Langstrumpfs Zöpfe

Flida übt Achtsamkeit. Und Selbstwertschätzung. Es gibt ein Onlineprogramm: Selbstwahrnehmung. Jeden Tag eine Übung zur Achtsamkeit. Sie hat sich das als APP auf ihr Handy geholt, gelobt sei die Technik, und will jetzt jeden Tag eine Übung machen. Begonnen hat sie mit:Eine Rosine riechen, sehen, schmecken. Leider ist die ihr runter gefallen und kullerte unter das verstaubten Sofa.
Egal.
Manchmal blinkt das Handy und schreibt ihr Botschaften: Gehe ruhig! Atme tief! Mache kleine Schritte! Das gefällt Flida irgendwie.
Am zweiten Tag war die Aufgabe: Langsam gehen. Das war schön, sie ist im Regen durch den Wald gelaufen, nein, eher gegangen,  und hat versucht zu spüren, und zu hören und zu riechen. Schön war es, weil sie keine Kalorien abbauen und keine Kilometer schaffen musste, sie ging einfach nur.
Am dritten Tag sollte sie achtsam Zähne putzen, das hat sie sein lassen, sie ist vielmehr zum Friseur gegangen, sich achtsam verschönern lassen wollte sie. Wimpern färben, Augenbrauen in Form bringen. Beim Wimpern färben müssen die Augen geschlossen bleiben, das ist ne gute Übung, denkt Flida, 15 Minuten mit geschlossenen Augen in einer unbequemen Stellung mit überstrecktem Kopf-was werde ich fühlen?

Sie hört auf die Geräusche im Salon, auf die Stimmen der Friseurinnen, auf die Gespräche der Kundinnen. „Bitte, sind Sie sicher, das er mir die Haare waschen kann?“
„Aber natürlich, das ist unser Lehrling, der kann das !“ hört Flida die Friseurin sagen. Sie hat vorher eine Stimme gehört, eine tiefe, die nicht akzentfrei deutsch sprach, das wird der Lehrling sein. „Dann sagen Sie ihm bitte, er soll nicht so fest aufdrücken, ich habe eine sehr empfindliche Kopfhaut, und wie lange dauert die Kur, die er mir da rein tun soll?“
„1o Minuten“, antwortet die Friseurin. „Hach, das ist aber,… das ist lang, haben Sie nicht, sowas was drin bleiben kann….“
Herrje, denkt Flida, eben hat sie sich noch gefreut, das sie so schnell dran kommt, jetzt mosert sie , das ihr  das zu lang dauert.Schnepfe…
Achtsamkeit! Sie muss da ja nicht hinhören.
Sie lauscht auf die Geräusche ferner vom Salon, die Strasse, jemand lacht, ein Fön wird angeworfen… die Türglocke geht … Schwupps, ist sie wieder da. Augen bleiben zu, sonst brennt es .

„Guten Tag, können Sie Zöpfe flechten?“
„Ah, also, ich nicht, aber ich frag mal.Fatma! Kannst du Zöpfe flechten?“
Huch, denkt Flida, eine Friseurin die nicht Zöpfe flechten kann?Aber Fatma kann.
„Ist für meine Kleine hier, Schnellentschluss, sie will 2 Zöpfe. Sie will die Mama überraschen.“
Flida hört, wie das Kind auf den Stuhl gesetzt wird und  der Papa fragt: „Was willst du denn für Zöpfe? Wie Anna?“ (Ah, denkt Flida, das ist ne Comicfigur! ) „Oder wie die andere, die Elisa? Oder wie Pippi Langstrumpf?“
Flida ist gespannt!
„Wie…, wie Pippi!“ hört sie.

Und Flida hofft sehr, dass  ihre Wimpern fertig gefärbt sind,wenn die Zöpfe geflochten sind,  damit sie diese Pippi-Langstrumpf-Zöpfe sehen kann!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Flida- Das Teufelchen ignorieren

Flida hat Zeit gehabt in den 3 Tagen, in denen sie zu Hause gebleiben ist. Zeit zum denken und zum überdenken. Sie hat ein Buch gefunden, dass sie früher mal gelesen hat, da ging es um „den inneren Kritiker“ und den „inneren Antreiber“. Flida kennt die beiden, sie sitzen als Teufelchen auf ihrer Schulter. Das erkennt sie jetzt. Sie hat in dem Buch geblättert und findet auf einer Seite, die sie sich vor viele Jahren schon angestrichen hat, den einen Satz, den sie fast schon  vergessen hat:
Sperren Sie Ihren Kritiker und Inneren Antreiber in eine Kiste und machen Sie diese fest zu.
Das macht Flida jetzt, sie holt eine Schachtel aus dem Keller, polstert sie mit weichen Tüchern aus, und holt das schreiende tobende Teufelchen von ihrer Schulter. Es kratzt und beisst und heult und kreischt, aber Flida ist unerbittlich. „Da kommst du jetzt rein, vielleicht hol ich dich mal wieder raus, wenn du dich gut benimmst, aber sicher bin ich mir da jetzt nicht. “ Und sie stopft das Teufelchen in die Kiste und macht den Deckel fest zu. Die Kiste wackelt, weil das Teufelchen sehr tobt, und Flida hört es kratzen und schaben, aber das will sie ignorieren, beschliesst sie.
Am nächsten Morgen , im Büro, wird sie fröhlich empfangen. „Endlich bist du wieder da!“
Das hört Flida natürlich gerne, aber als sie gefragt wird, ob sie den Stapel Briefe von der Kollegin abarbeiten kann, sagt Flida :
Nein.
Der Chef kommt und fragt, ob Flida am Wochenende arbeiten kann.
Flida sagt: Nein.
Alle schauen erstaunt.
Und gegen Feierabend, als die jungen Kolleginnen aufbrechen wollen, sagt Flida:
“ Räumt bitte euer Zeug noch weg, ich muss heute pünktlich gehen!“
Da gucken die Kolleginnen und sagen: “ Aber wir haben ein Date!“
Flida sagt: „Ich auch!“
„Aber du hast doch den LAT-Gefährten!(LivingApartTogetherGefährte)“
„Ja, “ sagt Flida, “ mit dem hab ich ein Date. Ich bringe dem seine ungebügelte Wäsche zurück und dann , wer weiss, was ich dann mache, aber Zeit , euer Zeug aufzuräumen, hab ich nicht!“
Und Flida ist stolz, dass sie das sagen konnte, denn jetzt denkt sie endlich mal an sich. Und das Teufelchen hat sie ja heute zu Hause gelassen.

Flida fühlt sich erschöpft

Heute morgen ist Flida aufgewacht mit dem Gedanken: Das schaff ich heute nicht. Ich kann nicht arbeiten gehen. Mir tut alles weh…

Sie ist wirklich erschöpft. Seit Tagen schon. Sie hat wieder mal das Gefühl, sie kämpft an allen Fronten.Der Haushalt und dann noch die Bügelwäsche vom LAT-Gefährten, die er ihr immer brav mitbringt, du bügelst doch gerne, Flida, sagt er. Das stimmt , sie bügelt gerne, aber das heisst nicht, das sie alles für IHN bügeln muss, er kann seine Bürohemden auch in die Reinigung bringen, er verdient doch genug!

Dann in der Arbeit, die jungen Kolleginnen mit ihren Sorgen, Flida hört zu und trocknet Tränen, bringt Kuchen mit und räumt nach Büroschluss den Müll weg, den die jungen Frauen da lassen, weil sie ganz schnell zu ihrem Date müssen.
Die Sorgen ihrer Kinder, aber das, denkt Flida ganz schnell, das will ich auch so, ich will dass sie mir alles erzählen, was sie bedrückt!
Und die Telefonate  mit ihrem Exmann, der dann immer so traurig klingt, aber was geht Flida das an?
Dazu immer ihre Gedanken um Essen und dünner werden und zum Sport MÜSSEN, Joggen gehen MÜSSEN,weniger essen MÜSSEN,  Bewegung  machen müssen, Schritte und Kalorien zählen müssen, immer müssen….Damit sie nicht so dick aussieht.Und so alt wird.
Gestern schon hat sie sich schlapp gefühlt und müde, sie war ganz oft  kurz davor in Tränen auszubrechen. Sie hat fast geweint, als sie Nachrichten hörte. Sie spürte, wie die Tränen in ihre Augen schossen, als sie mit einer Freundin telefoniert hat, die von ihren Kindern sprach. Sie ging durch die Stadt und fühlte sich unglaublich kraftlos. Sie traf eine andere Freundin, die zu ihr sagte: So kenn ich dich gar nicht, du siehst so müde aus! Und auch da hätte sie am liebsten angefangen zu weinen.
Also hat sie heute morgen in der Arbeit angerufen und gesagt, sie bleibt 2 Tage zu Hause. Sie hat Frühstück gemacht für ihre Tochter, ihr ein Liebevolles „Auf Wiedersehen“ zugerufen, als diese zur Schule ging , und hat sich wieder aufs Sofa gelegt. Sie hat 2 Seiten in ihrem Buch gelesen und ist eingeschlafen.
Als sie wieder aufwachte, fühlte sie sich frisch und „erquickt“, dachte sie. „Ich bin erquickt. Vom Schlafe erquickt.“
„Du liest zuviele komische Bücher, wenn dir solche Worte einfallen“, hörte sie das Teufelchen auf ihrer Schultern wispern. „Und wenn du jetzt erquickt bist, kannst du ja arbeiten gehn! Die anderen schuften für dich, und du machst dir einen schönen Tag! Faule Flida!“
Flida zuckt mit den Schultern und hofft, das das Teufelchen vielleicht runterfällt. Aber es sitzt fest und sie spürt, dass es noch mehr Worte sagen will, die Flida nicht hören möchte.

„Halt einfach die Klappe, du dummes Teufelchen! Dieser ganze Mist, den du mir da erzählen willst immer! Von wegen Anstand und man macht nicht  blau und man ist immer fleissig und lässt sich nichts anmerken, man macht und funktioniert….ich hab genug davon!  Ich brauch eine Pause heute. Und morgen auch.
Ein Spaziergang tut jetzt gut. Ein langsamer. Schritt für Schritt.“

Draussen regnet es.
Die Blätter färben sich bunt.

 

Flida-es schimmelt

Sie riecht es wieder, es riecht nach vergammelter Zitrusfrucht. Flida ärgert sich und schmeisst als erstes ihre Orangen weg.

Man kauft auch keine Orangen im September, hört sie das Teufelchen flüstern.

Ja, mag sein, antwortet Flida, aber es riecht immer noch so! Und kalt ist es auch hier und die Heizung geht immer noch nicht!
Es ist ja auch September erst! Und ausserdem : mir ist nicht kalt! ruft das Teufelchen, aber Flida will es ignorieren, und macht sich auf die Suche nach dem Schimmelgeruch.

Naklar, in der Ecke, neben dem Schrank, sieht sie ihn wieder wachsen, diese grauen Stellen, die sie hasst, dabei hat sie bereits alle Möbel von der Wand weggeschoben.
Damit Platz ist für die Luftzirkulation. Letztes Jahr hat sie der Vermieterin geschrieben ,dass in 2 verschiedenen Zimmern der Schimmel war, den sie aber mit Chlor weggeputzt hat und dass sie zwar die Heizungen voll aufdreht, dass die Räume aber nicht richtig warm werden .
Und jetzt ist Ende September und die Heizkörper werden gar nicht überhaupt nicht warm.
Sie ruft die Vermieterin an und sagt, dass die Heizung nicht warm wird. Es kommen tolle Tipps, Flida denkt, ob sie denn für  bekloppt gehalten wird?
Sie müsse halt die Heizkörper aufdrehen, immer, und ausserdem solle sie sie entlüften. Dann müsse die Heizung warm werden.
Okay, entlüften kann sie,das macht sie jedes Jahr, aber es ist  keine Luft in den Heizkörpern. Es wird trotzdem nicht warm.
Sie ruft die Vermieterin wieder an. Oh, sagt diese, Flida solle doch bitte auch aufpassen wegen dem Schimmel, es habe noch nie geschimmelt in der Wohnung, sie solle gescheit lüften und IMMER heizen, dann gäbe es auch keinen Schimmel, die anderen Eigentümer in dem Haus hätten auch keinen Schimmel, und wenn sie, Flida, wieder wegen der Fenster anfinge, die seien einwandfrei! Zwar schon 30 Jahre alt, aber aus Holz und das seien Superfenster! Und dass die  innendrin beschlagen würden, das sei die hohe Qualität der Fenster! Das sei normal!
Auch bereits im September, fragt Flida, wenn es noch gar nicht eiskalt ist draussen?

Das kommt, weil Sie Wäsche drinnen trocknen! schimpft die Vermieterin.
Ich trockne keine Wäsche drinnen, verteidigt sich Flida, und dann  fängt auch noch das Teufelchen an zu schimpfen:Warum rechtfertigst du dich? Das geht die doch gar nichts an!
Flida ist sauer, und man hört es ihrer Stimme an und sie sagt zu der Vermieterin: Wenn es morgen immer noch so eiskalt ist, ruf ich die Heizungsfirma an! Die sollen gucken, woran das liegt!
Das zahlen Sie dann aber selber! kreischt die Vermieterin, und Flida merkt, das sie fast weinen muss.
Wieso hat sie immer so ein Pech, in der letzten Wohnung war es das genaugleiche, Schimmel an der Wand bis hoch hinauf und im Winter beschlugen die Scheiben und es zog und wenn es sehr kalt war, gefror das Beschlagene innendrin an der Scheibe.
Auch das waren „pfenninggute“ Holzfenster und es habe an Flidas Heiz-und Lüftungstechnik gelegen,  das es so war.
Es war im Kinderzimmer und damit es warm wurde, hat Flida die Scheiben mit Wolldecken zu gehängt. Da kam der Vermieter und hat Flida gebeten, das doch bitte wegzutun ,wie sähe das aus von aussen,wenn die Scheiben mit Wolldecken verhängt seien. Wie im Slum!
Flida ist dann zum Glück ausgezogen und diese Wohnung , in der sie jetzt lebt, liebt sie, und deshalb möchte sie auch bleiben.

Aber manchmal, denkt sie, wäre es schön, wenn sie Wohnungseigentum hätte, und ein bisschen Geld übrig, dann könnte sie richtig isolieren von draussen, gute Fenster einbauen und wenn dann Geld übrig bliebe, würde sie das breigebraune Bad renovieren. Und einen Holzofen einbauen!Wenn sie Eigentümerin wäre. Das wäre toll.
Träum weiter! feixt das Teufelchen.
Ja, denkt Flida, aber immerhin kann ich Heizung entlüften, und morgen kommt der Heizungsmann und dann ist es warm!
Es kam der Heizungsmann am nächsten Tag und stellte fest, das der Heizungszufluss in Flidas Wohnung abgedreht war. Sabotage? Oder Nachlässigkeit des Heizungablesers im Sommer? Oder vielleicht Flidas Teufelchen, dem es IMMER zu warm ist?

Egal, jetzt ist es kuscheligwarm in Flidas Refugium. Und Vermieter haben keinen Zutritt!

Flida- modisch unterwegs

Flida kann es echt nicht lassen – sie ist  wieder in die Stadt gefahren , in ein grosses Kaufhaus. Sie hat dort letzte Woche beim „Trockenshoppen“ mit dem LAT-Gefährten eine Jacke gesehen. Die hat ihr so gut gefallen! Sie ist von diesem Spanischen Modelabel, die immer so bunte Sachen herstellen, Flida liebt diese Mode! Ein Kleid besitzt sie von denen, das war im Schlussverkauf runtergesetzt, sonst könnte sie es sich niemals leisten.

Diese warme Winterjacke, die ihr so gut gefällt, kostet ebenfalls ein Heidengeld, aber sie kann ja wenigstens mal anprobieren. Am Ständer hängen viele Grössen, wenn Flida Glück hat, ist ihre grosse Grösse auch dabei. Sie weiss aber, das Spanierinnen zartgliedrig sind und diese Modefirma auch eher für elfenhafte Damen näht, aber sie kann es versuchen. Grösse 44, okay. Sie zieht die Jacke an. Ohweh, sie spannt in den Schultern. Okay, dann Grösse 46, das  muss passen! Das MUSS passen!
Die Schultern zwicken nicht,aber die Jacke lässt sich nicht schliessen. Zu gross der Busen. Mann, schimpft Flida innerlich, spinnen die denn? Grösse 46 und passt  mir nicht! „Oder du wirst immer fetter!“ hört sie das fiese Teufelchen auf ihrer Schulter feixen. „Hast ja auch wieder dein Sportprogramm schleifen lassen! Und abends gegessen, vor der Glotze , weil der LAT-Gefährte nicht da war, oder? Der bremst dich ja sonst immer, aber von alleine schaffst du es nicht, weniger zu essen!“
„Diese Jacke ist sowieso zu teuer!“ sagt Flida.
„Aber wenn du schlanker wärest, würdest du da toll drin aussehen!“ flüstert das Teufekchen, „die Farbe steht dir gut!“
„Da pfeif ich drauf!“ sagt Flida, “ ich guck jetzt second hand, da finde ich vielleicht was!“  Da bricht das Teufelchen in fieses Gelächter aus:“ Da hast du doch noch nie was gefunden! Die Sachen waren dir doch auch immer zu klein! Das einzige was dir da gepasst hat, waren OMAKLAMOTTEN!HAHAHA! OmaFlida die Dicke!“
Flida schüttelt sich , sodas das Teufelchen von ihrer Schulter fällt. Und marschiert aus dem grossen Kaufhaus raus.
Das Teufelchen hat Mühe  , mit zukommen, denn Flida ist schnell. Besonders wenn sie wütend ist, kann sie schnell laufen.
Sie denkt dran, wie sie ihrer Freundin letztens gesagt hat, das sie, Flida, bei ihrem BMI von 29 als Übergewichtig gilt. Und ihre Freundin, anstatt dass sie sagen würde: Echt? das sieht man aber nicht, sagt diese: Dann nimm halt endlich ab!

Flida rauscht in den Second-hand-Laden hinein.
“ Hallo! „sagt sie,“ ich suche eine neue Jacke!“
„Wir haben unsere neue Herbstkollektion gerade eingeräumt, “ sagt die Verkäuferin, „da ist bestimmt was dabei!“
Und Flida nimmt sich Zeit. Sie schaut, sie probiert an, manches passt, manches nicht, sie sucht und kombiniert und findet einen Schal und eine Jacke und Kleider von einem Modelabel für starke Frauen, in denen sie aber fast ertrinkt, so weit wallen die , aber am Retroständer findet sie eine Jacke, die endlich richtig passt und fast schöner ist als die teure aus dem grossen Kaufhaus.
„Hässliche Knöpfe!“ hört sie das Teufelchen flüstern. Hat es sie also wieder eingeholt,dieses Mistvieh. „Kann man ändern!“ flüstert Flida zurück und marschiert mit ihrem Stapel Kleidung an die Kasse.
„Ach, was Sie sich da für tolle Farben ausgesucht haben!“ ruft die Verkäuferin, “ wie schön das alles zusammen passt!“
Flida bezahlt, einen Bruchteil von dem was die teure Jacke gekostet hätte, und als sie rausgeht, nimmt sie eines der Bunten Tücher, die sie gekauft hat und stopft es dem Teufelchen in sein vorlautes Mundwerk.
„Wir gehen jetzt Knöpfe kaufen, und du hälst dabei schön die Klappe!“
„Grmpf….“ macht das Teufelchen, aber weil das Tuch so schön weich ist, kuschelt es sich hinein und fängt bald an zu schnarchen, während Flida mit den neuen bunten Knöpfen für die neue Jacke in ihrer Tasche klimpert.

Flida- einhornbunt und federleicht

Flida hat es getan: Sie hat sich die Haare abschneiden und drei Farben reinfärben lassen ins grau: Rosa, lila, grün. Sie fühlt sich gut, und als sie den Frisiersalon verlässt , schaut sie den Leuten ins Gesicht und erhofft eine Reaktion.

Aber niemand schaut sie an , jeder ist so in sein eigenes Tun vertieft, dass kein Mensch die bunte Flida eines Blickes würdigt.
Egal, denkt sie sich, es ist ja für MICH!

Vieleicht noch ein cooles Outfit zur neuen Frisur?
DocMartens Schuhe mit Blümchen drauf und ein Wallekleid? Schliesslich ist mit 54 Jahren und 80 Kilo bei einer Grösse von 165 die Zeit der knapp sitzenden Hotpants abgelaufen, da kann sie noch so viel auf dem Laufband schwitzen in der Sommerhitze. In den 2 Jahren,  die sie regelmäßig ins Fitnesstudio geht,,hat sie noch nicht ein Grämmchen weniger auf die Waage gebracht.
Sie hat immer noch die Zeilen vor sich, die die RehaÄrztin vor zwei Jahren in den Entlassungsbrief schrieb: Die adipöse Patientin hat sie sie genannt, und Flida spürt immer noch den Stich , den diese Worte in ihr verursacht haben.
Seitdem quält sie sich aufs Laufband und unter die Kraftgeräte, aber wie gesagt, gebracht hat es nichts, zumindest auf der Waage nicht. Aber im ganzen fühlt sie sich wohler, sie findet sich straffer und dünner , obwohl auch der Taillenumfang gleich geblieben ist und der LAT-Gefährte sagt: „Alles subjektiv, das mit der Optik.“Wo er natürlich recht hat.

Aber der Traum von den die weiblichen Formen betonenden Glitzeroutfits ist noch nicht ausgeträumt.

Sie steht vor einem Kleidungsgeschäft. Okay, heute lässt sie es krachen, sie gönnt sich was. Auf einem Kleiderständer hängen blumiggemusterte Teile, die gefallen ihr. Sie sucht nach der passenden Grösse: 44, besser 46.
Ausverkauft, schade.  Das kleine Teufelchen flüstert in ihr Ohr: Tja, so ist das, das kennst du ja! Alles ist immer zu klein für dich!
Ach, halt die Klappe, schilt sie das flüsternde Teufelchen, ich zeig dir jetzt mal , das mir mittlerweile auch Grösse 42 passt! Und sie nimmt die letzte Bluse in 42 vom Ständer, geht in die Umkleide und: Es passt!
Sie jubelt innerlich und streckt dem Teufelchen die Zunge raus.

Die kauf ich, ist auch noch runtergesetzt und einen Carmenausschnitt hatte ich auch noch nie, das wird soooo sexy. Mein Dekolletee ist ja auf Grund meiner Fülle auch noch straff, ha!
Sie marschiert zur Kasse. Die sehr dünne Verkäuferin streicht über den Stoff und sagt:“Das ist der Renner gerade bei uns , eine sehr schöne Bluse, zu einem Rock oder einer Jeanshose perfekt!“
Flida lacht und sagt:“ Und es passt mir sogar in Grösse 42!“
Da sieht sie das Teufelchen auf der Schulter der Verkäuferin feixen und hört die Verkäuferin sagen:“ Naja, die fallen auch sehr gross aus!“
Nun fällt ihr fast das Lachen aus dem Gesicht , aber sie sagt: „Passen Sie auf, das das dusselige Teufelchen da nicht von ihrer knochigen Schulter rutscht, der kann ruhig da bleiben  und nein, ich brauche keine Tüte, und ich wünsche Ihnen einen wunderbaren Tag!“
Und während die Verkäuferin auf ihre Schulter guckt, und vom Teufelchen in die Nase gebissen wird und laut kreischt, verlässt Flida federleicht und einhornbunt den Laden.