Suska-Meditatives Tanzen

Das mit dem gemeinsamen Tanzen lässt Suska nicht los. Früher, als Sohn Bero noch klein war, hat sie in einer Müttergruppe in der Pfarrei Kreistänze gemacht, Meditative Tänze mit anderen Frauen. Das hat Suska so schön gefunden, dieses gemeinsam die selben Schritte tun, langsam, bedächtig. Irgendwann hat das aufgehört, vielleicht war es nicht mehr zeitgemäss, gemeinsam um eine schön gestaltete Mitte zu tanzen.

Jetzt hat sie im Pfarrbrief einen kleinen Aufruf gefunden: Meditativ Tanzen- wir machen weiter.Jeden vierten Dienstag im Monat hier im Pfarrheim. Saal Raphael. Beginn 19.00.

Heute ist der vierte Dienstag im November und Suska beschliesst hinzugehen.
Im Pfarrheim ist es dunkel, aus einem Raum dringt Licht. Die Tür ist offen, Frauenlachen dringt heraus. Zaghaft betritt Suska den Raum. Sieben Köpfe drehen sich nach ihr um. Hallo, willkommen, tanzt du mit uns mit? Suska nickt.
Eine Frau kommt auf sie zu. „Hier kannst du deine Schuhe aussziehen, schau, hier in der Kiste sind dicke Socken, die kannst du anziehen. “ Dicke selbstgestrickte Socken, wahrscheinlich vom letzten Kirchenbasar übrig gebleiben, denkt Suska.
„Ich bin Gerda, wir tanzen in dieser Gruppe seit 25 Jahren, es ist jeder neue willkommen. Es ist nicht schwer, hast du das schon mal gemacht?“
„Ja, “ sagt Suska, “ ich hab sogar selber Tänze geleitet.“
„Dann wirst du schnell zurecht kommen, aber ich zeig dir alles. Wie heisst du?“
Suska nennt ihren Namen und Gerda sagt zu den anderen Frauen: “ Das ist Suska, herzlich willkommen. Wir tanzen heute Herbsttänze, wir wollen Blätter sein, die im Wind tanzen, wir wollen an die Erde denken, die jetzt zur Ruhe kommt, wir wollen mit unserem Tanzen das Licht spüren, das bei diesem Wetter leider nicht immer zu sehen ist.“ Sie lächelt.

Die Frauen stellen sich auf, im Kreis. Um eine schöne Mitte, das sieht Suska erfreut. Eine Mitte mit einer brennenden Kerze auf einem herbstfarbenen Seidentuch, mit Blättern und Kastanien.
Die Musik beginnt. Sie tanzen. Vier Schritte nach rechts, vier in die Mitte, die Arme heben, vier Schritte rückwärts, die Arme senken, sich verneigen, weiter vier Schritte nach rechts,… Suska betrachtet die Frauen, die meisten waren wohl so alt wie Suska jetzt, als sie mit dieser Tanzgruppe begonnen haben, vor 25 Jahren,…
Der erste Tanz ist vorbei.
„Ilse, wenn du eine Pause brauchst, dann hörst du fei auf, gell, ich hab heute keine Lust dich zu reanimieren!“ hört Suska die Leiterin sagen. Alle lachen, und Ilse am lautesten. „Ich schnaufe vielleicht wie ne Lokomotive, aber Dampf macht voran!Ich bin die älteste hier, und Gerda hat immer Angst, das sie mir zuviel zumutet!“ sagt sie, an Suska gewandt. „Aber keine Sorge, ich bin fit!“
Das nächste Lied, wie schön, das kennt Suska, und die Schritte sind einfach.
Sie wiegt sich mit im Kreis und singt im Leisen den Text mit. „Mother earth , come carry me, your child i will always be…“
Sie hört die anderen Frauen singen. Sie blickt auf, sie singen tatsächlich. „The river ist flowing, flowing and growing…“
Und da singt Suska auch mit. „Sister moon, watch over me, your child i will always be…..“

Als sie nach 2 Stunden heimfährt, singt sie dieses Lied immer noch, und als die anderen Frauen Suska zum Abschied gefragt haben, ob sie wieder kommen wird, hat sie aus tiefstem Herzen ja sagen können.

Und eine schön gestaltete  Mitte, das macht sie zu Hause für sich jetzt auch.

 

 

 

 

Flida- mit dem Teufelchen wieder gut sein

Flida hat ihr Teufelchen lang genug in die Kiste gesperrt, findet sie. Zuerst hat es getobt und gekreischt, dann hat es nur gewimmert, und Flida tat es dann schon ziemlich leid, aber sie ist hart geblieben. Sie hat es nicht rausgelassen.

Dann hat sie aber gemerkt, das irgendwas fehlt. Irgendwie war alles so eitel Sonnenschein. Keine Stimme auf ihrer Schulter , die sie darauf aufmerksam gemacht hat, dass sie eigentlich dies oder das hätte tun wollen, joggen gehn zum Beispiel, oder dass es Blödsinn ist, sich schon wieder eine Jacke kaufen zu wollen, oder ein paar Schuhe, es gab nichts, was Flida irgendwie einen inneren Kampf ausfechten liess,….
Alles war so harmonisch oder friedlich, fast langweilig.
Gut, dann würde sie das Teufelchen eben wieder raus lassen.
Unter einer Bedingung: es sollte sie nicht mehr beleidigen. Es darf sie bremsen, oder sie zu etwas anhalten, aber es darf Flida nicht mehr an sich zweifeln lassen.

Das sagt sie dem Teufelchen jetzt:
„Teufelchen!“, sagt sie, “ du fehlst mir. Aber was mir nicht fehlt, das ist, wenn du sagst, ich sei eine dicke Flida oder eine faule Flida. Ich lass dich wieder raus, du  darfst auf meiner Schulter sitzen, wenn du solche Dinge nicht mehr sagst. Schaffst du das?“
„Ja,“ flüstert das Teufelchen, “ ich werde es versuchen „, ganz kleinlaut hört es sich an.
„Gut, “ sagt Flida, holt das Teufelchen aus der Kiste, und setzt es auf ihre Schulter.
Gemeinsam schauen sie in Flidas grossen Spiegel.
„Was siehst du?“ fragt Flida.
„Eine dicke, faule Flida!“ sagt das Teufelchen, und als es Flidas zornigen Blick sieht, rutscht es ein Stück hinter Flidas Schulter.
„Es stimmt doch, da steht ein faule dicke Flida,“ ruft es, “ guck nicht so grantig , Flida, schau dich doch an! Du hast verstrubbelte Haare, die du nicht kämmst, weil du faul bist und es dir egal ist,wie du aussiehst,  aber ich mag das doch so, Flida! Wenn deine bunten Haare kreuz und quer vom Kopf abstehen!
Und deine hässlichen Joggingschuhe, Flida, wer trägt denn lilagrüne Joggingschuhe? Mit diesen gelben Bändern? Kein Wunder, das du nicht gerne joggen gehst, aber wir können was anderes machen, Flida, etwas, was dir Spass macht!
Und du musst doch nicht dünn werden, Flida! Du bist einfach eine dicke Flida! Eine dicke weiche Flida und mit deiner grünen Jacke siehst du so hübsch aus, die passt zu deinen Augen und man sieht doch, das du ein grosses Herz hast! Und das braucht eben auch viel Platz, damit es weich gepolstert ist…. Damit dem Herzen niemand weh tun kann so leicht….“

Das Teufelchen verschluckt sich fast vor lauter Eifer, Flida nur freundliche Dinge zu sagen, aber so ganz schafft es das scheinbar nicht, denn Flida schaut immer noch böse im Spiegel auf das Teufelchen.
Dann schaut sie sich selber an, wie sie da steht, in ihrer grünen weiten Jacke, der bequemen Hose mit dem wilden Muster. Die fand sie mal schick, jetzt ist sie einfach nur bequem, aber das ist gerade piepegal, denn sie lauscht noch auf das, was das Teufelchen gesagt hat: Die Sache mit dem grossen Herzen.
Und Flida spürt, wie sich eine Wärme in ihrem Innendrin ausbreitet, eine ganz grosse weite Wärme, das könnte Flidas Herz sein, was da so warm wird in ihrer Brust.
Weil das Teufelchen es nämlich gut meint mit Flida.
Und Flida denkt, wenn sie das Teufelchen annimmt und lieb haben kann, dieses Kritikteufelchen,dann könnten sie wahrscheinlich auch viel Spass haben miteinander.
Sie sieht, wie das Teufelchen langsam hinter ihren Strubbelhaaren hervorkommt und vorsichtig über Flidas Schulter linst.
Ein zaghaftes Grinsen erscheint auf seinem Gesicht.
Und Flida lächelt im Spiegel dem Teufelchen zu.

 

Hilde- was, wenn sie dageblieben wäre

Ich habe überlegt, wie es Hilde gehen würde, die ja, nachdem sie im Zoo so unmöglich von ihrer Familie behandelt wurde und daraufhin nach Frankreich ausgebüxt ist, wie es gewesen wäre, wenn Hilde nicht zurückgekommen wäre.
Hilde ist also auf dem Campingplatz in Frankreich, lauscht den Wellen, geht am Strand spazieren und kommt innerlich zur Ruhe.
Morgens geht sie in den kleinen Laden, tauscht ein Lächeln mit dem Ladenbesitzer oder seiner Frau, kauft sich ein Croissant und sitzt dann auf ihrem Campingstuhl vor dem kleinen Mobilehome, trinkt einen Kaffee und schaut den anderen Leuten beim Campingleben zu. Sie betrachtet ihre gesammelten Muscheln , die sie auf einem Handtuch ausgebreitet hat, sie wird später noch mehr Muscheln sammeln.
Aber vorher, beschliesst sie gerade, ruft sie zu Hause bei Herbert an.
Das gebietet ihr ihre Loyalität, er ist ihr Mann und soll wissen, wie es ihr geht. Ihre Tochter weiss , wo sie ist, das hat sie ihr gesagt, und Hilde weiss auch, das Herbert gut versorgt ist vom Pflegedienst, aber selber mit Herbert hat sie noch nicht gesprochen.
Hilde geht in die Telefonzelle an der Campinplatzrezeption und wählt ihre heimische Telefonnummer..
Es tutet, dann ein Klick und eine ausländisch klingende Stimme fragt: „Wärrr bittä?“
Wahrscheinlich die Pflegerin, denkt Hilde, und sagt:“Hallo, meinen Mann hätte ich gerne, Herbert!“
„Ah, gutt, Härrbaärrt, Momänt , bittä!“
„JA?“, tönt es grimmig aus dem Hörer.
„Herbert? Ich bins, Hilde, ich wollte dir nur sagen, mir geht es gut!“
„Wo bist du?“ brüllt es aus dem Hörer, „Was machst du? Hast du einen anderen ? Ich bin mir sicher, du hast einen anderen Mann! Sonst wärest du nicht weggegangen, du Schlampe! Du hast schon immer nach den anderen Männern geguckt! Gib es zu, du gehst fremd!“
“ Herbert,! “ sagt Hilde. „Hör auf sowas zu denken! Ich bin hier, um mal zu Ruhe zu kommen!“
„Aber du hast andere Männer!“
„Nein, Herbert, der einzige Kontakt mit einem Mann ist der , wenn mir der Bäcker morgens das Croissant gibt!“
„WUSSTE ICH ES DOCH!“ brüllt Herbert, “ du hast einen andern Mann!“
„Ach Herbert, “ seufzt Hilde,“ lassen wir das. Du weisst, das du dir was zurecht spinnst, und deine Eifersucht halte ich sowieso nicht mehr aus. Mach es gut!“
Und während sie auflegt, hört sie, wie am anderen Ende der Leitung der Herbert weiter wütet ud brüllt und seine Stimme immer ferner und leiser wird.

Sie muss nicht mehr nach Hause, denkt sie,  sie kann hier bleiben. Sie kann ihre Freundin bitten, ihre Papiere zu schicken. Sie kann nach Arbeit fragen, und sie kann fragen, ob sie da weiter wohnen bleiben kann in dem Campinghäuschen. Sie kann auch Croissants verkaufen. Sie kann Führungen in Kirchen machen, für die deutschen Urlauber, sie hat doch mal Kunstgeschichte studiert, 3 Semester, damals.
Sie kann auch fragen, ob sie auf dem Campingplatz arbeiten kann, putzen oder an der Rezeption.
Sie kann französisch lernen.
Sie muss französisch lernen, und das schafft sie auch.
Sie kann Animateurin werden dort, mit Kindern kann sie gut, sie kann die Kinder beaufsichtigen.
Hilde verlässt die Telefonzelle und marschiert zur Rezeption.
Die Madame, die den Campingplatz leitet, blickt von ihrer Zeitung auf. „Bonjour! Vous desirez?“
„ähm,…. “ macht Hilde und atmet tief durch, jetzt muss sie  es sagen, „ähm, alors, also, je cherche un job, je veux reste ici, la, dans le camping, et je veux travaille beaucoup, jàime travaille, ach, gott ist das schwer…..“
„Nä nä“, lacht da die Madame, „du musst dich nich so anstrengen , nä, du kannt ok Dütsch mit mir schnacken. Ik bin von Hamburch!“
Da muss Hilde lachen.

Was anderes zu beginnen ist gar nicht so schwer!