Suska – Pfingstrosen

Als Suska heimkommt an diesem anstrengenden Tag, hört sie Stimmengewirr aus der Küche und Lachen. Bero hat Besuch, sie feiern ihre fast bestandenen Abiturprüfungen, denkt sie.
Die Narzisse fest in der Hand geht sie in die Küche. Bero rollt Pizzateig aus, die Freundin rührt in der Tomatensosse und die Küche ist voller Schüsseln mit Oliven und Gemüse.
„Hallo, Mama,“ sagt Bero, „Wir machen Pizza, magst du dann auch ein Stück? Oh, eine Narzisse,… selbst gepflückt oder von einem Verehrer?“ fragt er und zwinkert mit dem rechten Auge. Das kann er gut, findet Suska, das macht ihn schelmisch.
„Natürlich ein Verehrer!“ zwinkert sie zurück, , „ich hab es nicht nötig, mir selber Blumen zu pflücken!“
Sie setzt sich noch kurz an den Tisch, erfährt von Beros Freunden, wie das Matheabitur gelaufen ist, dass wohl jemand die Originale geklaut hat, und sie die Ersatzprüfungen schreiben mussten, und dann zieht sich zurück. Sie ist wirklich sehr müde. Die Narzisse hat sie in ein Wasserglas gestellt und mit in ihr Zimmer genommen.
Dort liegt sie jetzt auf dem Bett und denkt an den Gärtner.
Ob sie das nächste mal auch ein bisschen was von sich erzählen soll? Ob sie ihn fragen soll, wie er das macht, das die Pfingstrosen so üppig blühen? Ob sie sich an seine blitzend-weissen grossen Zähne gewöhnen kann? Er ist ein bisschen kleiner als sie, was er wohl anhat, wenn er nicht arbeitet? Wie sieht er ohne grüne Latzhose aus? Ist ein Gärtner reich? Hat sie nicht einen reichen Mann verdient, der ihr diese Geldsorgen mal abnimmt? Und mit ihr in Urlaub fährt? Kann sie sich den Gärtner auf einem Kreuzfahrtschiff vorstellen, in der Luxussuite, mit ihr Champagner trinkend, und dann  zippelt er womöglich andauernd an dem üppigen Blumenstrauss herum, den der Kapitän des Luxusliners für Suska in die Suite gestellt hat?
Doch dann wird der Gärtner seekrank und während er sich über die Reling beugt, um sich zu erleichtern, verschwindet sein Zahnersatz in den Tiefen des Ozeans….

Am nächsten Morgen hat Suska Frühdienst und während sie ihren Kittel anzieht, denkt sie darüber nach, was sie nächste Woche, wenn sie den Gärtner wieder treffen wird, mit ihm beredet und  dann wird sie auch genau hinschauen, ob er wirklich viel kleiner ist als sie und ob das nicht doch funktionieren könnte mit einem Treffen ausserhalb der Arbeit.

Am Nachmittag steht Suska im Supermarkt, die Schlange an der Kasse ist lang. Vor ihr steht eine Frau mit grünen Gummistiefeln, auf denen lila Krokodile leuchten, und packt Unmengen Tomaten auf das Laufband. „Ich koche Tomatensosse ein, “ sagt sie zu Suska, und „Hei! Du! Wie gehts? Hast du dich gefreut gestern?“
Es ist Flida, die Frau, mit der sie vor einiger Zeit tanzen war, das war ein so schöner Abend gewesen, erinnert sich Suska.
„Hallo , Flida“, sagt sie, „wie schön dich zu sehen. Worüber soll ich mich gefreut haben?“
„Über die Narzisse am Scheibenwischer natürlich, “ lacht Flida, “ ich hab dein Auto gestern bei mir vor der Anlage parken sehen, und der Gärtner war dabei, alles, was nicht mehr in diese Jahreszeit passt, rauszurupfen und so hab ich die Blume gepflückt, und dir ans Auto geklemmt. Vielleicht hat sie bei dir ein bisschen mehr Überlebens-Chancen, hab ich mir so gedacht!“
Suska ist ziemlich verdattert, da macht sie sich solche Gedanken, ob der Gärtner ihr Avancen macht und ist hin und her gerissen, ob ihr das gefällt, und dann kommt der Blumengruss von einer verrückten Flida mit grünen Krokodilgummistiefeln.
Suska überlegt, ob sie lachen soll oder ob sie enttäuscht ist, aber dann lacht sie, und sagt: „Ich dachte, das sei der Gärtner gewesen! Der hat so nett mit mir geplaudert, ich dachte der will mich anmachen, weil er mich so toll findet und mich verehrt!“ und sie lacht und lacht.
Flida grinst: „Der würde eine Blume vielleicht an einen Porsche stecken,wenn er wüsste, das das Auto einem knackigen Typen gehört! Aber nett ist er,das stimmt. Und trotzdem- Suska! Wenn ein Mann dir eine Blume ans Auto stecken will, weil er dich verehrt, sollte er das Auto mit einem ganzen Bukett schmücken! Das bist du mindestens Wert! Nicht nur eine einsame abgezupfte Narzisse!“
Und Flida packt ihre Tomaten in einen Korb und sagt: „Ich muss los! Und wenn du wieder in der Gegend bist, wo die Blume an deinem Scheibenwischer gesteckt hat, dann klingel doch bei mir! Ich koch uns dann Nudeln mit Tomatensosse!“
Und sie dreht sich schwungvoll um und stapft in ihren grün-lila Gummstiefeln davon. Dabei  schwenkt sie den Tomatenkorb wie ein Trophäe.
„Bis bald!“ ruft sie noch und ist verschwunden.
Suska muss immer noch lachen.
Warum eigentlich nicht ein Bukett voller Blumen. Rosen mit Freesien, oder einen prächtigen Strauss Pfingstrosen, genau.
Da drüben in dem Blumenladen kann sie sich welche kaufen, das ist sie sich eigentlich wert, denkt sie. Und Nudeln mit Tomatensosse klingt gut. Nächsten Mittwoch. Vielleicht sind die Pfingstrosen dann schon aufgeblüht.

Loida- vom Leben in allen Farben

Es war Suska am Telefon.
Natürlich- welch ein Glück, sie hatte Zeit, sie würde gleich zum Friedhof kommen und dann haben Loida und sie sich am Grab von Loidas Mutter getroffen und  gemeinsam die Hornveilchen eingegraben.
Und dann sind sie in ein Cafe gegangen und haben geredet.

Suska ist sehr klug, hat Loida gedacht, so weise. Sie weiss soviel. Sie wirkt so sicher in allem was sie denkt!
Sie haben über sich gesprochen und über Loidas Familie und was Loida so macht und  über Suskas Arbeit als Krankenschwester und wie das ist, wenn jemand stirbt. Und wo der dann hingeht und was dann passiert. Und Loida hat gemerkt, das das für Suska ein ganz wichtiges Thema ist und das sie sich viele Gedanken macht über den Tod und auch schon so viel erlebt hat damit.
Und dass sie trotzdem nicht traurig ist, und sagt:“ Ich liebe jeden Tag. Manchmal hab ich Angst, das es schnell vorbei ist, mein Leben,  und ich habe dann damit nicht gerechnet, dass ich plötzlich tot bin und wahrscheinlich bin ich dann überrascht, aber im Ganzen macht mir Tod keine Angst. Ich glaube ganz fest daran, das wir nicht verschwinden. Wir werden weiter da sein! Ich zeig dir was! “

Und sie hat ihr grosses Tablet aus ihrer riesigen Handtasche geholt, „Ich mag lieber dieses Riesending, als so ein kleines Handy. Auf dem Tablet ist mehr Platz, und…“ sie hat sich zu Loida rübergebeugt: „ich brauch keine Brille!“ und dann hat sie dieses laute wilde Lachen gelacht, so dass sich im Cafe ein paar Leute umgedreht haben.

Suska wischt auf dem Display rum und murmelt und dann findet sie , was sie sucht:(ein Beitrag aus Ullis Cafe Weltenall).
Es ist ein Bild. Ein Boot auf grünem Wasser, vielleicht ein Schilfboot, darin sitzen vier schwarze Figuren, die Figuren an Heck und Bug haben eine stolze erwartungsfrohe Haltung, die beiden Figuren in der Mitte des Bootes wirken ruhig, abwartend, still.
„Ein Ahnenboot“, sagt Suska.
„So stelle ich mir das vor, wenn man stirbt. Wir werden dann geholt. Wir gleiten dann übers Wasser , übers grüne stille, tiefe Wasser. Es ist still und in uns ist nur Frieden.  Am anderen Ufer warten die auf uns, die schon gegangen sind. “

„Ein Ahnenboot. Ein Ahninnenboot vielleicht sogar,“antwortet Loida, „dieses Boot auf dem Bild schwebt, es ist ganz leicht. Ich hab auch mal gelesen, das der Tod seit noch nicht allzulanger Zeit männlich ist. Früher war es die Todin, die gekommen ist, und den Sterbenden in ihre warmen weichen Arme genommen hat. Die heilige Notburga zum Beispiel, das war so eine, die ist gekommen um zu holen, und man hatte wohl weniger Angst, wenn man von einer Frau aus dem Leben begleitet wurde als von einem klapprigen zauseligen männlichen Gevatter Tod!“
„Der womöglich noch eklig aus dem Mund roch, huhhh!“ schüttelt sich Suska.

Sie schaut noch einmal liebevoll auf das Bild von dem Ahninnenboot, klappt das Tablet zu und sagt:
„Jetzt trinken wir einen Aperol Sprizz! Und wenn du magst, du kannst bei mir schlafen!“
„Das könnte ich, ja,“ denkt Loida, „warum nicht“, und dann kommt der Aperol mit Sekt und leuchtet so warm orange im Glas, und die Apfelsine , die am Glas klemmt mitsamt der Physalis machen in Loida Lust auf Sommer.

Die beiden Frauen heben ihre Gläser und stossen an.
„Auf das Leben!“ lacht Suska.
Und wirft ihre weissen langen Haare über die Schulter.
„Auf das Leben!“

Flida- von der hohen Kunst der Emanzipation

Flida geht heute mit  ihrer Freundin ins Museum.
Lange hat sie sich keine Bilder mehr angeguckt, dabei liebt sie das so. Bilder anschauen, und sich einfach daran erfreuen. Viel Kunstwissen hat Flida nicht, aber sie fühlt manchmal etwas bei den Bildern. Am liebsten mag sie Kandinsky und Gabriele Münter, deren bunten farbigen Landschaften.
Früher stand sie im Lenbachhaus oft davor und WUSSTE, das es so aussah dort, wo die Malerin  damals gelebt hat. Diese  blauen Dächer, und dieser rosafarbene Himmel, so sah das aus,dort, im Murnauer Moos, genauso, hat sie immer gedacht.
Und jetzt gibt es eine GabrieleMünterAusstellung im Lenbachhaus in München und Flida geht hin, mit ihrer Freundin.

Es sind Ferien und es ist voll an der Kasse, und der Kassierer will zum hundersten Mal erklären, wie sie in den Kunstbau kommen, da sagt Flidas Freundin: Wir wissen , wie es da hingeht.
Fein, sagt der Kassierer, dann spar ich mir das, es zu erklären und lächelt.
Flidas Freundin grinst zurück und nimmt die Karten. Viel Spass, wünscht der Mann, und die Frauen stapfen los. Wahrscheinlich hat der mal Kunst studiert, sagt Flidas Freundin, findet keinen Job und sitzt jetzt hier an der Kasse, und erklärt tausendmal am Tag den Weg. Da musste ich jetzt nett sein. Weisst du, wo wir hinmüssen, Flida?
Nein, lacht Flida, wir gehen einfach den vielen Leuten hinterher!

Sie müssen zurück in die UBahn, die Rolltreppe hinunter und dann können sie in den Kunstbau gehen. Es ist sehr voll.
Flida nimmt sich einen Audioguide, der erklärt ihr etwas über die Bilder an den Wänden. Sie gibt nur die Nummer des Bildes ein,dann hört sie zu, was der Guide zu erklären hat. Flida findet das gut, sie muss nicht eine komplette Führung machen, sondern kann sich aussuchen, was sie hören will.
Und sie würde die Bilder so gerne fotografieren, aber das Teufelchen auf der Schulter rät ihr ab. Lass es lieber sein, flüstert es. Trotzdem nimmt sie ihr Handy raus, sie will den Ton ausschalten. Sofort spürt sie,das jemand hinter ihr steht, sie dreht sich um. Ein Museumsaufpasser schaut sie herausfordernd an. Sie steckt ihr Handy wieder in die Tasche und schaut auf die Bilder. Siehst du! flüstert das Teufelchen.

Was sollte dieser Blick, denkt sie.

Ein Mann steht vor einem Bild und macht ein Foto. Nicht nur eines. Mehrere, stellt sie fest. Also darf man fotografieren? fragt sie sich.
Das ist ja auch ein Mann! hört sie das Teufelchen.
Doch jetzt will sie die Bilder ansehen und dem Guide zuhören.
Ein Bild berührt sie so, das ihr die Tränen in die Augen kommen. Es ist  bloss ein Bild von einem Baum vor einem Fenster, sagt das Teufelchen.Was heulst du schon wieder!
Der Blick der Malerin geht aus dem Fenster, durch die Äste des Baumes auf die Berge. blaue schneebedeckte Berge und Flida spürt in sich eine Sehnsucht. Sie kann nicht beschreiben nach was, aber es ist Sehnsucht.
Sie geht weiter. Schöne Bilder, nach Themen sortiert, Portraits, Landschaften, Stillleben.
Flida entdeckt ihre Freundin mit anderen Frauen vor einem kleinen Bild an der Wand.
Es zeigt drei Frauen auf einer Brücke im Dämmerlicht, die in den Himmel schauen. Mittsommer heisst es, die Malerin hat ein Zeitlang in Schweden gelebt, hat der Guide erklärt.
Da würde ich jetzt auch gerne stehen, seufzt die Freundin,mit dir an der Seite und wir schauen in den Himmel und feiern den Sommer. Wir könnten ein Foto machen davon und es uns immer anschauen.
Nein, das darf man nicht, glaub ich, sagt Flida.

Sie sieht sich um, und bemerkt eine Frau, die ganz versunken ein anderes Bild anschaut, Die nimmt ihr Handy und macht ein Foto .
Da sieht Flida einen weiteren Bilderaufpasser auf die Frau losstürzen und hört ihn laut sagen: NAAA? Was machen WIR denn da ?
Alle Leute drehen sich um. Flida ist entrüstet, er hat die Frau bloss gestellt, fühlt sie, und sie spürt, wie die Scham der Frau auf Flida übergreift.
Mach  was, Flida! hört sie das Teufelchen rufen, zeig Mut, sonst geht dir das die ganze Zeit nach, du kennst dich doch! Wenn du nichts unternimmst, ärgerst du dich noch tagelang, weil du nichts gesagt hast, der Kerl ist unverschämt!
Flida macht einen Schritt zum Bilderaufpasser hin.
Entschuldigen Sie, sagt sie, gehören Ihnen  die Bilder? Und selbst wenn es so wäre, könnten Sie durchaus diesen Satz anders formulieren. Sie könnten zum Beispiel sagen: Entschuldigen Sie, aber es ist nicht gestattet, hier zu fotografieren. Versuchen Sie das mal.

Was? macht der Bilderaufpasser und schnappt nach Luft.

Flida kramt ihr Handy aus der Tasche und hält es auf das nächstbeste Bild an der Wand.

Ich mach jetzt ein Foto und Sie versuchen mal diesen Satz: Es ist leider nicht gestattet, zu fotografieren. Sagen Sie das mal.
Der Mann schaut Flida an und knirscht: Ja, ich habe Sie verstanden. Bitte nehmen Sie ihr Handy weg , es ist nicht gestattet, hier Fotos zu machen.
Geht doch, sagt Flida, grinst in die Runde der Leute, die ihr zugeschaut haben und entdeckt ihre Freundin.
Gehen wir,sagt sie zu ihr, ich hab genug Bilder gesehen.

Was war das denn? fragt die Freundin, als sie Richtung Ausgang gehen.
Flida spürt, wie ihr das Teufelchen auf der Schulter rumturnt und ihr ins Ohr beisst vor Übermut.
Das, sagt Flida stolz, war ein Anflug von Emanzipation!
Und als sie am Ausgang sind, schaut  ein von Gabriele Münter gemaltes Frauengesicht unter einem grossen Hut anerkennend auf Flida hinunter. 2043897670-plakat-zur-ausstellung-gabriele-muenter-4e1ZUvpS5I03KjRzNG

Eman·zi·pa·ti·o̱n
Substantiv [die]
  1. 1.
    der Vorgang, dass sich jmd. aus seiner bisherigen Abhängigkeit von jmdm. befreit.

 

Zusammentanzen-Wirklich frei sind wir erst, wenn die Hautfarbe zu benennen keine Rolle mehr spielt

Ich sitze im Zug. Ich fahre in die Universitätsstadt, in der der GrösstLiebsteSohn seit 4 Wochen auf seinen Master studiert. Einen Internationalen Studiengang absolviert er, und heute abend gibt es ein „International Dinner“. Wir werden kochen, wenn ich da bin, der Sohn und ich, Sachen aus der Heimat. Weil wir gemischt beheimatet sind, gibt es Matjesheringssalat, Rote Grütze und bayrischen Obatzdn.
Im Zug lese ich einen Beitrag von Ulli’s Cafe Weltenall, ich denke so vor mich in und schreibe einen Kommentar.

Danke für diesen Text. Und diese Worte von guy de maupassant haben eine Gänsehaut gemacht. Im Zug sitzend, mir gegenüber ein dunkelhautiger Mann, der englisch französisch deutsch telefoniert und mich anlacht….Liebe grüße Katrin

Dann denke ich: Wirklich frei sind wir erst, wenn die Hautfarbe zu benennen keine Rolle mehr spielt…….

Ich bin angekommen, der GrösstLiebsteSohn und ich kaufen ein und kochen für unser Dinner. Am Abend treffen wir uns am Busbahnhof mit seinen Studienkollegen. Ich bin beeindruckt, sie kommen alle von so weit her! W. aus Pakistan, H. aus Aserbeidschan, A. aus Puerto Rico, NEIN! sie ist aus Costa Rica! ( i am so so sorry, A., that i confused it, always, but i did give my best, cause J. said: All people mix Costa Rica with Puerto Rico!)
L. aus Venezuela, K. aus Malaysia, F.aus Mexico, B. aus Nigeria,…. S. kommt aus USA, ihr Freund ist Australier. Sie sind so bunt alle, wie sie da sitzen im Bus, sie erzählen von den köstlichen Dingen, die sie gekocht haben, sie reden, lachen, alle auf Englisch, und mein Sohn mittendrin.
Gemeinsam gehen wir den langen Weg zum Hörsaal, wo das Dinner stattfinden soll. Die Seminarleiterin ist da, ein paar Professoren, die Köstlichkeiten werden auf Tische gestellt, es wird erklärt, wer wann wie lange was vorbereitet und gekocht hat. Wir essen, wir trinken, sie erzählen,… wie es ihnen geht in Deutschland.

„Sie sind so nett hier, not as they told us about the Germans, sie haben mein Fahrrad repariert, mein Freund hat einen Job bekommen hier, sie haben uns ne Wohnung angeboten,…sie fragen immer, wo wir herkommen und wie es dort ist….“
Sie brauchen Bürgen, die das Studium finanzieren, bei B. aus Nigeria sind es die Brüder, die arbeiten, damit er hier studieren kann, H. aus Aserbeidschan hat einen Chef in der alten Firma, wo sie herkommt, aus Baku, der für sie bürgt, weil er will, das sie hier das studiert, damit sie daheim dann später was bewirken kann. Sie wissen, das sie lernen müssen und sie wissen wie schwierig es ist, mit ihrem Englisch, für die Prüfungen zu lernen.
Sie lernen miteinander, die 4 deutschen Studenten dieses Studienganges helfen mit. Sie schreiben Referate gemeinsam und als es um die Aufenthaltsgenehmigung von A. ging, hat sich der Sohn in den schicken Anzug geworfen, ganz seriös hat er A. unterstützt , ihre German Skills zu erklären, was auch immer das sein mag.
Ich esse etwas, das komisch schmeckt. Es ist ein komisches Tier, das B. aus Nigeria gekocht hat, ich mag das gar nicht. Was, denke ich, wenn ich dort wäre und nur solche Sachen essen müsste? Wie geht es B.hier mit dem Essen? „Er isst das Mensaessen hier nicht, „, sagt der Sohn, “ er ist anderes gewöhnt.“
Ja, das verstehe ich.
Die Seminarleiterin erzählt mir, wie wunderbar das ist, das die sich alle so schnell miteinander gefunden haben.
Später tanzen sie. Die Südamerikaner tanzen Salsa,und Merengue.  H. aus Aserbeidschan zögert. Dann spielen sie „Makkarena“ und „Gangnam Style“, das kennen sie alle, und sie stehen im Kreis und bewegen sich im Gleichtakt. Sie lachen, sie tanzen, sie wirken glücklich.
Und mir geht durch den Kopf, dass ich glücklich bin, weil sie so unvoreingenommen miteinander umgehen, und wie schön es ist, diese bunten lebendigen jungen Menschen zu sehen und dass ich keine Sorge haben muss, denn trotz des ganzen Rechtsruckes und Rechtsgeredes in unserer Gesellschaft gibt es immer wieder Momente , in denen ich erlebe, dass Vielfalt und Akzeptanz und Menschenwärme gelebt wird.
„Come on , Mama, lets dance!“ und ich tanze mit ihnen mit.

Wenn ich ein Buch lese….

und in diesem Buch kommt jemand vor, den ich kennengelernt habe, flüchtig nur, aber ich hab ihn kennengelernt, dann ist das merkwürdig. Ich hab mit ihm gesprochen, und ich hab Geschichten über ihn gehört, weil meine SchönsteTochter in ihrer Zeit , während sie in Jerusalem war, bei ihm gelebt hat. Da ist es jetzt ein bisschen eigenartig gewesen, über ihn zu lesen, es war berührend.

Ich kann keine Buchbesprechungen machen,dazu kenn ich mich zu wenig aus, aber über dieses Buch möchte ich berichten.

Sweet Occupation von Lizzie Doron, dtvpremium, ISBN :9783423261500

Lizzie Doron hat ein Jahr lang Gespräche mit Männern geführt, die den Combattants for peace angehören. Ich hab über diese Gruppe, die aus israelischen und palästinensischen Menschen besteht, mal berichtet, im Gezeitenwechselblog,, nachdem ich letztes Jahr meine Tochter in Ramallah besucht habe.

Ich habe auch einen Abend mit diesen „Friedenskämpfern“ damals verbringen dürfen, ich eher schweigend,  weil beeindruckt von ihrer Lebensfreude und ihrem Miteinander.

Gut, in diesem Buch also spricht die Autorin mit diesen Männern, die die Combattants gegründet haben. Ihre eigenen Erfahrungen vom Krieg und den Kämpfen lässt sie mit einfliessen. Sie spricht von ihren Vorbehalten und ihren Ressentiments gegenüber den Menschen , die sie treffen wird, und während dieses Jahres der Gespräche klärt sich auch ihre eigene Geschichte.
Ich merke , ich bin nicht gut im Berichten, eine bessere Besprechung gibt es hier.

Mir liegt die Geschichte des Lebens in Palästina-Israel am Herzen.
Ich hab durch die Reise dorthin wieder einma l(ich bin ein West-Kind, dessen Grosse Restfamilie in der DDR gelebt hat) gespürt, wie furchtbar es ist, in seiner Freiheit eingeschränkt zu sein. Kontrolliert zu werden, wenn man irgendwohin möchte, möglicherweise nicht dorthin gelassen zu werden, wo man hin will, Ausgangsperren, Zeitbeschränkungen, willkürliche Strassenkontrollen, Soldaten am Strassenrand mit Waffen . Sie machen Angst und zornig.
Und doch haben es die Menschen dort nicht verlernt zu lachen und zu leben. Sie behüten ihre Tradition und öffnen sich für Neues.Und deshalb, als mir die SchönsteTochter dieses Buch zum Lesen gab, dachte ich, ich stelle es Euch vor.

Nun, da uns die Worte fehlen, ist die Zeit für eine Umarmung gekommen.

Sweet Occupation, S.141

Suska-Im Schwimmbad

Schwimmen tut ihr gut, hat Suska festgestellt.
Die ruhige Bewegung, die gedämpften Geräusche beim Eintauchen ins Wasser, das verschwommene Sehen , wenn der Kopf aus dem Wasser kommt.
Nur kurz, dann taucht sie ihn wieder unter. Sie kann denken beim Schwimmen und muss nicht zählen, wieviele Durchgänge mit welcher Anzahl sie bereits an diesem oder jenem Gerät im Fitnessstudio gemacht hat…
Beim Schwimmen tut sie einfach und lässt denken.
Es kostet am Anfang ein bisschen Überwindung , ins kalte Wasser einzutauchen, aber Suska ist ja diszipliniert, meistens, grinst sie in sich hinein, zumindest jetzt.
Und schon schwimmt ihr schwerer Körper im Wasser des Schwimmbades und fühlt sich ganz leicht an. Die Bahnen sind frei, heute ist nicht viel los. Am Rand eine Schwimmschule, die Kleinen machen ganz ernsthaft ihre Schwimmübungen, ohne Angst, die Mütter sitzen im Cafe und zerwarten die Zeit mit Kaffetrinken.
Das hat Suska früher auch gemacht, mit ihrer Freundin. Bero ist geschwommen, mit dem Sohn der Freundin und die beiden Frauen haben diese freie Stunde genossen. Das war schön, denkt Suska.
Ein älterer Schwimmer kreuzt ihre Bahn. Warum schwimmt der quer, ärgert sich  Suska, wenn ich jetzt schneller schwimme , ramme ich ihn.
Wenn sie untertaucht mit ihrer neuen Schwimmbrille mit den blauen Gläsern, dann sieht sie seinen Bauch über der Badehose und dass er seine Beine bewegt wie ein Hund. Aber sie sieht nur seinen Bauch und nicht seinen Kopf. Das macht ihn abstrakt, genauso wie die Frau, die vor ihr schwimmt, mit ihrem schwarzen Badeanzug , der so Rüschen am Po hat. Auch diese Frau ist etwas dick und strampelt genauso wie der Mann mit seinen Beinen. Wer weiss wie ich von unten aussehe, denkt Suska, immerhin schwimmen wir, und dümpeln mit unseren schweren Körpern nicht nur vor den Düsen, um unsere Muskeln durcharbeiten zu lassen. Ich schaffe heute 35 Minuten , nimmt sie sich vor.

Das blaue Glas der Schwimmbrille verfremdet die Umgebung noch mehr. Die Lichter gehen an, draussen ist es dunkler geworden, das Wasser wirft blaue Blasen.
Nicht an die Hautpartikel denken, die da rumschwimmen, huuuu!
Nein, nein, alles ist schön, alles ist glitzernd, es kommt auf die Sichtweise an.

Suska hatte mal einen Patienten, der sich nie wusch,  ein sehr alter Mann, mit langen wilden weissen Haaren, den sie dann überreden konnte, dass sie ihm wenigstens die Haare bürstet. Er sass am Küchentisch in seiner alten Hütte, und sagte: Wannst moanst, Madl, und als sie die Haare bürstete, stoben goldene Funkeln durch den Sonnenstrahl ,der durchs seit Jahren ungeputzte Fenster fiel.
Goldstaub, Madl, da schaugst! hat der alte Mann gesagt.
Suska muss lächlen. Er musste  dann später ins Heim und sie konnte ihn überreden, das er vorher duscht.
Da hat er gesagt: Dann geh ich wenigstens sauber zum Herrgott nüber.
Er war einen Tag im Heim und dann ist er gestorben. An oiden baam verpflanzt ma net, hat er zu Suska gesagt. I sterb glei, wann i do bin.
Warum erinnnert Suska sich an ihn?
Weil sie so oft Tod erlebt?So oft Sterben? Wie hält sie das aus, hat mal jemand gefragt. Weiss nicht, hat Suska geantworte, das ist eben so.
Der letzte Tod einer Patientin, das war schön. Diese Tochter. Die so ruhig da sass und gefasst war, und am Ende danke gesagt hat. Für alles. Das hört Suska nicht oft. Die Angehörigen sind entsetzt und geben der Pflege die Schuld, das die Eltern oder wer auch immer so leiden mussten. Passiert jedenfalls öfter.
Schluss, Suska schwimmt jetzt, eintauchen , auftauchen, atmen, eintauchen…..
So wie die Tochter, wie hiess sie, Loida L. ,so wäre Suska gerne. So zart und gelockt und feingliedrig, so eine hätte sie vielleicht auch nur gerne als Freundin. Aber das geht nicht. Das macht man nicht.
Warum nicht? Warum eigentlich nicht?
Eintauchen, auftauchen, atmen…..vielleicht sieht sie sie ja noch mal, diese Loida, dann kann sie ja was sagen.
Die 35 Minuten sind rum, ein bisschen noch an die Düsen, wenn sie da jetzt schnell hinschwimmt, kriegt sie einen Platz. Noch sind die Plätze an den Düsen frei.