Utopie: Gedanken zur Pflege in Utopia-Deutschland

Was wäre wenn….

Der Pflegenotstand ausgestanden wäre?
Wenn Pflegeroboter eifrig durch die Krankenhausgänge surrten, vor sich ein Tablett mit Getränken für die Kranken. Der Roboter, nennen wir ihn Otto, schnarrt mit Geblinke und Gerappel in die Patientenzimmer und fragt immer wieder: „Kaffee oder Tee gefällig, Kaffee oder Tee gefällig?“
Leider fragt er mit einem komischen Akzent, so dass die Alten und Kranken ihn nicht verstehen. Ausserdem sind sie sehr irritiert, dass da so ein blinkendes, surrendes Getüm mit ihnen spricht, sowas haben sie ja noch nie erlebt!
Vielleicht drehen sie den Kopf zur Seite, weil sie sich ein bisschen fürchten, oder sie klingeln nach der Schwester.

Wenn die dann kommt,diese Schwester, (und sie ist sehr geduldig, hübsch und freundlich, denn , wie gesagt, gibt es keinen Pflegenotstand im Deutschland der Utopie, sodass die Schwester abgekämpft, verschwitzt und abgehetzt reingerannt käme…),dann setzt sie sich aufs Bett der erschrockenen Patientin -nein, sie nimmt sich einen Stuhl wegen der Hygiene- sie setzt sich also auf den Stuhl und nimmt die Hand von Frau M., die diese ihr erschrocken hinhält und fragt liebevoll:

„Was kann ich denn für Sie tun?“
„Oh“, sagt Frau M.,“ was ist denn das für ein komisches Gerät?“

„Das ist Otto“, erwidert die freundliche, nicht gestresste, superbezahlte Krankenschwester, „Otto hilft mir bei der Arbeit!“

Und sie nimmt ein Glas Tee von Ottos Tablett und hält es Frau M. hin.

Frau M. ist sehr skeptisch, sie hat eine leichte Demenz und misstraut Neuerungen sehr.

„Was, wenn er das vergiftet hat?“ fragt sie. „Solchen Geräten ist nicht zu trauen!“

Aber die Krankenschwester schüttelt den Kopf: „Mir vertrauen Sie doch auch, oder?“

Und als Frau M. nickt, lächelt die nette Krankenschwester und sagt:

„Ich programmiere ihn immer am Anfang meiner Schicht, damit er unseren Arbeitsbedürfnissen angepasst ist, denn, wie Sie wissen, liebe Frau M., wir sind Allroundtalente, wir Krankenschwestern können alles!“

Und die nette, entspannte Krankenschwester lächelt , streicht ihre wunderhübsche Arbeitskleidung glatt und erhebt sich.

Sie hat keine Rückenschmerzen, denn im Deutschland der Utopie hat jede Krankenschwester Anspruch auf eine Rückenmassage nach Dienstschluss, die sie aber selten benötigt, denn im Deutschland der Utopie gíbt es eine Menge Hilfsmittel und Geräte und genügend Personal.
Keine Krankenschwester muss mehr alleine einen schweren, bewegungslosen kranken Menschen im Bett drehen und an die Bettkante setzen.
Sie hat genug Zeit, das Bett auf Arbeitshöhe zu fahren, sie hat Kollegen, die sofort zur Stelle sind, wenn sie mobilisieren will, sie hat Lifter und Hilfsmittel und eigentlich steht sie lediglich daneben, um dem Patienten ein Gefühl der Sicherheit zu geben, wenn er vom Liegen ins Sitzen manövriert wird.

Mehr muss sie nicht tun, und deshalb hat die Krankenschwester im Deutschland der Utopie keine Rückenschmerzen mehr.

Im Deutschland der Utopie kommt die Krankenschwester auch wirklich sehr gerne zur Arbeit.

Der Schichtdienst macht ihr nichts aus, denn sie wird sehr gut bezahlt für ihre Flexibilität, 24 Stunden am Tag arbeiten zu können. Nicht am Stück, das muss sie nicht, aber sie hat eben drei verschiedene Schichten zu arbeiten.

Und auch am Wochenende, wenn ihre Familie oder ihre Freunde frei haben, dann muss sie arbeiten, die Kranken sind leider nicht nur an Wochentagen krank.

Aber das stört sie nicht, denn, wie gesagt, sie verdient einiges an Extrageld, wenn sie Nachts arbeitet oder am Wochenende, oder auch am späten Abend, und deshalb macht sie das gerne.

Da kann sie einiges an Geld sparen, denn sie hat auch Anspruch auch viele Urlaubstage, und sie fährt einfach gerne in den Urlaub, um abzuschalten.
Abschalten, ausruhen, das muss sie, denn kranke Menschen haben sehr oft auch Kummer, und sie schütten der Krankenschwester gerne ihr Herz aus.
Die Krankenschwester im Deutschland der Utopie hat kein Problem damit, sich den Kummer anzuhören und den Kranken zu trösten.

Sie hat auch ein Ohr für die Angehörigen und ist sehr einfühlsam.

Aber wenn es ihr zu viel wird, mit dem ganzen Kummer, und das passiert einfach, denn sie ist auch nur ein Mensch, dann kann sie in den krankenhauseigenen Fitnessraum gehen und sich sportlich abreagieren, oder sie geht zur Beschäftigungstherapie und malt sich ihren Kummer von der Seele . Während der Arbeitszeit natürlich, das ermöglicht der Arbeitgeber gerne im Deutschland der Utopie, denn er schätzt seine Angestellten und will, dass sie gesund und fröhlich bleiben.

Manchmal reicht es aber auch, nur mit den Kollegen zu sprechen, die Erfahrung haben mit den Sorgen der Patienten, und sich Zeit nehmen können, um der Kollegin zu zuhören.

Dann sitzen sie gemütlich im Stationszimmer, das hell ist und gross und in dem Pflanzen dem Raum ein wunderbares Licht geben, sie haben sich einen Kaffee gekocht und reden.

Und niemand kommt und sagt: „Die Schwestern sitzen die ganze Zeit in der Küche und ratschen! Arbeiten die überhaupt?“

Nein, denn alle, die ganzen Menschen im Deutschland der Utopie, wissen den Beruf der Krankenschwester zu schätzen.

Jeder weiss, was das für eine Arbeit ist, wenn man den Kranken so nahe kommt in allen menschlichen Bedürfnissen, die die Krankenschwester noch nicht mal von ihren Liebsten auf Dauer wissen möchte.

Im Deutschland der Utopie bekommen die Pflegekräfte ein wundervolles Gehalt, sie haben genug Kollegen, mit denen sie arbeiten, einen geregelten Dienstplan, eine 30 Stundenwoche bei vollem Lohnausgleich (wegen dem Jetlag nach den Nachtdienst brauchen sie ja wirklich viel Erholung) und viele andere Annehmlichkeiten.

Und vor allem gesellschaftliche Anerkennung haben sie, und sie lieben ihren Beruf.

Und deshalb gibt es auch keine Nachwuchssorgen, denn junge Leute wollen unbedingt nach ihrer Schule den Pflegeberuf erlernen!

Denn er ist wirklich ein Beruf, der ausfüllt und glücklich macht. Wenn alles andere stimmt.
Und dann braucht es, glaub ich, auch keine Roboter, die Otto heissen.

Utopie- Das Grün dort unten

Ich bin mit dem Fahrrad durch den Wald gefahren, die Bäume standen hoch.

Ich fuhr an Feldern vorbei, ich lauschte den Geräuschen der Natur. Es summte und sang, und der Wind rauschte leise…. von ferne ein Brummen, ich fragte mich, was das ist?

Eine Strasse wird gebaut, die Landschaft wird aufgerissen, Bagger durchpflügen das, was letztes Jahr noch ein Feld war.

Was wäre wenn… dachte ich, was wäre wenn… wir keine Straßen bräuchten? Wenn wir hoch in den Bäumen unsere kleinen Häuser hätten, die Bäume wären miteinander verbunden mit Seilen, in denen kleine Körbchen hingen, mit denen wir von Baum zu Baum schwingen könnten?

Wenn wir was zu essen bräuchten, schwängen wir in den Supermarktbaum.

Wenn wir unsere Freunde besuchen wollten, schwängen wir in den Gesellschaftsbaum, wenn wir Fitness machen wollten, dann schwängen wir uns in den Sportbaum.
Und unter uns, tief unter den Wohnbäumen, da hätte die Erde Zeit zu heilen.

Gras würde zuerst wachsen, über die liegen gebliebenen Bagger, denn eine Straße bräuchten wir ja nicht mehr, also haben die Bagger aufgehört zu baggern.
Die aufgerissene Straße läge erst brach, und auch dann würde Gras wachsen, später wüchsen kleine Büsche und dann auch Bäume.

Die hohen Häuser in der Stadt wären nach wenigen Jahren ebenfalls überwachsen, die Fenster wären zersprungen und in die verlassenen Zimmer wüchsen Äste und Zweige und die Blätter der Bäume würden die verblassten Muster der Tapeten in den verlassenen Wohnungen streicheln.
Eidechsen würden an den Häuserwänden hinauflaufen und anderes Kriechgetier, und die Füchse und Hasen und Bären und Wölfe, die wir aus den Städten vertrieben haben, würden ihre Heimat in den verlassenen Kellern und Garagen finden, durch deren Ritzen langsam Moos wächst.
Im Familienfreibad, in dem sich das Regenwasser der letzten Jahre gesammelt hat, tummeln sich Frösche und Libellen, und vielleicht sitzt eine Kröte auf einem Seerosenblatt und sonnt sich den dicken glänzenden Rücken.
Die Bahngleise sind verlassen, denn kein Zug fährt mehr, und der Ginster hat sich seinen Weg durch die Bohlen und den Schotter bis hinein in die verlassene Bahnhofsbaustelle gebahnt. Ein Bauarbeiterhelm liegt hinter der Absperrung, auch der wird nicht mehr gebraucht.

Manchmal steigen Mutige von uns von den Bäumen hinunter und dann gehen sie durch die verlassene Stadt. Sie staunen über die Stille und das unglaubliche Grün der Blätter, über die Kraft des Löwenzahns, der sich unbändig vermehren konnte, weil ihm niemand zu Leibe gerückt ist.

Sie atmen tief die blütengeschwängerte Luft ein, denn auch der Flieder hat sich ausgebreitet und lässt im Frühjahr seine Blütenstände explodieren.
Die Mutigen streifen durch die verlassenen Strassen, staunen über alles, stellen sich Fragen über manches,was sie sehen in den Häusern, berühren vorsichtig harte kalte Gegenstände. Aber wenn sie dann wieder zurück auf die Bäume gehen, dann vergessen sie mit jedem Aufschwung, was sie gesehen haben und erinnern nur das , was wichtig war:

Das Grün dort unten.

Und wenn sie es dann den anderen von uns erzählen, dann sagen wir: Grün haben wir hier oben auch, genug grün, da müssen wir wirklich nicht auch noch  hinunter!

Und so bleiben wir oben in den Bäumen und die Erde unter uns kann sich viel Zeit nehmen, um zu heilen.

(Aufruf zum Kreativen Schreiben:Utopie-was wäre wenn….)

Utopie-Ein Aufruf zu kreativem Schreiben

Hat jemand Lust? Sich zum Thema Utopie ein paar Gedanken zu machen und dann auf seinem Blog zu veröffentlichen und vielleicht zu mir zu verlinken und es dann hier auch einzusenden?
Das diesjährige Friedensfest der Stadt Augsburg   steht unter dem Motto: Utopie. Und das Friedensbüro hat einen Aufruf gestartet, und sammelt Texte zum Thema Utopie.

Meine Utopie – So stelle ich mir die Zukunft vor!

Das Friedensfest 2018 steht unter dem Motto „Utopie – Was wäre, wenn…“? Dafür ist Ihre Phantasie gefragt: Ob kurze Erzählung, Gedicht oder Essay – Schicken Sie Ihren selbst verfassten Text (maximal 3.000 Zeichen inklusive Leerzeichen) bis zum 8.8. an friedensstadt@augsburg.de. Schon im Vorfeld des Friedensfests (22.7.-8.8) veröffentlicht das Friedensbüro ausgewählte Texte auf der Homepage www.friedensstadt-augsburg.de sowie auf facebook. Unter allen Einsendungen verlosen wir nach dem Friedensfest vier Büchergutscheine im Wert von 20 € beim Taschenbuchladen Krüger. Mitmachen kann jede*r!

Bitte senden Sie uns Ihren Text als Word-Dokument unter Angabe Ihres vollständigen Namens und Alters zur Veröffentlichung, sowie Ihrer Anschrift, Telefonnummer und Mail-Adresse für den internen Gebrauch.

Wir freuen uns auf Ihre Einsendungen!

 

Wir bedanken uns bei Taschenbuchladen Krüger für die Bereitstellung der Gutscheine!

Ich habe selber schon Ideen und werde sie hier kundtun, und ich würde mich sehr freuen, wenn  jemand Lust hat, dabei mitzumachen!
Liebe Grüsse
Kat.

Das Titelbild hab ich auf der Seite des Friedensbüros entlehnt, wenn es okay ist?

Suska – Pfingstrosen

Als Suska heimkommt an diesem anstrengenden Tag, hört sie Stimmengewirr aus der Küche und Lachen. Bero hat Besuch, sie feiern ihre fast bestandenen Abiturprüfungen, denkt sie.
Die Narzisse fest in der Hand geht sie in die Küche. Bero rollt Pizzateig aus, die Freundin rührt in der Tomatensosse und die Küche ist voller Schüsseln mit Oliven und Gemüse.
„Hallo, Mama,“ sagt Bero, „Wir machen Pizza, magst du dann auch ein Stück? Oh, eine Narzisse,… selbst gepflückt oder von einem Verehrer?“ fragt er und zwinkert mit dem rechten Auge. Das kann er gut, findet Suska, das macht ihn schelmisch.
„Natürlich ein Verehrer!“ zwinkert sie zurück, , „ich hab es nicht nötig, mir selber Blumen zu pflücken!“
Sie setzt sich noch kurz an den Tisch, erfährt von Beros Freunden, wie das Matheabitur gelaufen ist, dass wohl jemand die Originale geklaut hat, und sie die Ersatzprüfungen schreiben mussten, und dann zieht sich zurück. Sie ist wirklich sehr müde. Die Narzisse hat sie in ein Wasserglas gestellt und mit in ihr Zimmer genommen.
Dort liegt sie jetzt auf dem Bett und denkt an den Gärtner.
Ob sie das nächste mal auch ein bisschen was von sich erzählen soll? Ob sie ihn fragen soll, wie er das macht, das die Pfingstrosen so üppig blühen? Ob sie sich an seine blitzend-weissen grossen Zähne gewöhnen kann? Er ist ein bisschen kleiner als sie, was er wohl anhat, wenn er nicht arbeitet? Wie sieht er ohne grüne Latzhose aus? Ist ein Gärtner reich? Hat sie nicht einen reichen Mann verdient, der ihr diese Geldsorgen mal abnimmt? Und mit ihr in Urlaub fährt? Kann sie sich den Gärtner auf einem Kreuzfahrtschiff vorstellen, in der Luxussuite, mit ihr Champagner trinkend, und dann  zippelt er womöglich andauernd an dem üppigen Blumenstrauss herum, den der Kapitän des Luxusliners für Suska in die Suite gestellt hat?
Doch dann wird der Gärtner seekrank und während er sich über die Reling beugt, um sich zu erleichtern, verschwindet sein Zahnersatz in den Tiefen des Ozeans….

Am nächsten Morgen hat Suska Frühdienst und während sie ihren Kittel anzieht, denkt sie darüber nach, was sie nächste Woche, wenn sie den Gärtner wieder treffen wird, mit ihm beredet und  dann wird sie auch genau hinschauen, ob er wirklich viel kleiner ist als sie und ob das nicht doch funktionieren könnte mit einem Treffen ausserhalb der Arbeit.

Am Nachmittag steht Suska im Supermarkt, die Schlange an der Kasse ist lang. Vor ihr steht eine Frau mit grünen Gummistiefeln, auf denen lila Krokodile leuchten, und packt Unmengen Tomaten auf das Laufband. „Ich koche Tomatensosse ein, “ sagt sie zu Suska, und „Hei! Du! Wie gehts? Hast du dich gefreut gestern?“
Es ist Flida, die Frau, mit der sie vor einiger Zeit tanzen war, das war ein so schöner Abend gewesen, erinnert sich Suska.
„Hallo , Flida“, sagt sie, „wie schön dich zu sehen. Worüber soll ich mich gefreut haben?“
„Über die Narzisse am Scheibenwischer natürlich, “ lacht Flida, “ ich hab dein Auto gestern bei mir vor der Anlage parken sehen, und der Gärtner war dabei, alles, was nicht mehr in diese Jahreszeit passt, rauszurupfen und so hab ich die Blume gepflückt, und dir ans Auto geklemmt. Vielleicht hat sie bei dir ein bisschen mehr Überlebens-Chancen, hab ich mir so gedacht!“
Suska ist ziemlich verdattert, da macht sie sich solche Gedanken, ob der Gärtner ihr Avancen macht und ist hin und her gerissen, ob ihr das gefällt, und dann kommt der Blumengruss von einer verrückten Flida mit grünen Krokodilgummistiefeln.
Suska überlegt, ob sie lachen soll oder ob sie enttäuscht ist, aber dann lacht sie, und sagt: „Ich dachte, das sei der Gärtner gewesen! Der hat so nett mit mir geplaudert, ich dachte der will mich anmachen, weil er mich so toll findet und mich verehrt!“ und sie lacht und lacht.
Flida grinst: „Der würde eine Blume vielleicht an einen Porsche stecken,wenn er wüsste, das das Auto einem knackigen Typen gehört! Aber nett ist er,das stimmt. Und trotzdem- Suska! Wenn ein Mann dir eine Blume ans Auto stecken will, weil er dich verehrt, sollte er das Auto mit einem ganzen Bukett schmücken! Das bist du mindestens Wert! Nicht nur eine einsame abgezupfte Narzisse!“
Und Flida packt ihre Tomaten in einen Korb und sagt: „Ich muss los! Und wenn du wieder in der Gegend bist, wo die Blume an deinem Scheibenwischer gesteckt hat, dann klingel doch bei mir! Ich koch uns dann Nudeln mit Tomatensosse!“
Und sie dreht sich schwungvoll um und stapft in ihren grün-lila Gummstiefeln davon. Dabei  schwenkt sie den Tomatenkorb wie ein Trophäe.
„Bis bald!“ ruft sie noch und ist verschwunden.
Suska muss immer noch lachen.
Warum eigentlich nicht ein Bukett voller Blumen. Rosen mit Freesien, oder einen prächtigen Strauss Pfingstrosen, genau.
Da drüben in dem Blumenladen kann sie sich welche kaufen, das ist sie sich eigentlich wert, denkt sie. Und Nudeln mit Tomatensosse klingt gut. Nächsten Mittwoch. Vielleicht sind die Pfingstrosen dann schon aufgeblüht.

Suska – Eine Blume

Leise fällt die Tür hinter Suska ins Schloss. Geschafft. Ein langer Arbeitstag geht zu Ende. Erst der Frühdienst in der Klinik und dann gleich danach der Nebenjob im Pflegedienst. Und trotzdem reicht das Geld kaum, um alles zu finanzieren, was sie sich in ihrer Bescheidenheit leisten möchte. Ein kleiner Urlaub, ein neuer Kühlschrank, die Reparatur des Autos.
Aber sie mag ihren Nebenjob, sie mag es, wenn sie am Nachmittag zu den Patienten nach Hause fährt, um deren Abendmedikamente einzugeben oder ihnen die Stützstrümpfe auszuziehen-das ist keine schwere Arbeit und es bleibt unterm Tun oft Zeit für kleine Gespräche.
Heute muss sie zu Frau F., das Schicksal dieser Frau berührt Suska.
Vor 10 Jahren fuhr sie im Nebel mit ihrem Auto in einen Graben, sie konnte unverletzt aus dem Wrack klettern und dann lief sie über die Strasse um Hilfe zu holen. Leider kam in diesem Moment ein Laster, der Frau F. erfasste.
Seitdem sitzt Frau F. im Rollstuhl und jeden Mittwoch kommt jemad vom  Pflegedienst, um Frau F. zu baden. Sie wird in einen Lifter gesetzt, der sie über die Badewanne schwenkt. Diese Badetage sind für Frau F. besondere Tage, weiss Suska, sie bezieht dann das Bett mit frischer Wäsche und manchmal, wenn Zeit ist, färbt sie Frau F. die Haare. Das wollte sie heute auch, das hatte sie sich vorgenommen, aber als sie  Frau F. aus dem Rollstuhl in den Lifter setzen wollte, hat es geklingelt. Zwei Männer standen vor der Tür, sie kämen vom Sanitätshaus, sie würden das elektrische Bett und den Lifter überprüfen wollen.
„Oh, tut mir leid“, hat Frau F. gesagt, „ich hatte vergessen, Bescheid zu geben, dass es heute etwas länger dauert, weil die Techniker kommen. Aber ich hab Kuchen besorgen lassen, wir können in der Zeit Kaffee trinken!“ , und sie hat Suska bittend angeschaut.
Dann wird es wieder so spät heute, denkt Suska müde, seit um halb fünf ist sie auf den Beinen und jetzt ist es wieder halb fünf. Bis Frau F. gebadet ist, wird es fast sieben Uhr sein. Aber ein Kaffee tut ihr sicher gut jetzt, und so geht sie in die Küche, holt den Kuchen aus dem Kühlschrank und kocht Kaffee.
Frau F. ist heute sehr munter, sie plaudert über das , was ihre Freundinnen ihr am Telefon alles so erzählen, „Diese Männergeschichten! Meine Freundin aus Heidelberg hat zur Zeit zwei Männer, und es ist nicht einfach, den einen nichts vom anderen wissen zu lassen!“
Suska lacht, “ Da hab ich dann  lieber keinen Mann!“ und nimmt einen Schluck Kaffee. „Die Haare färben wir dann nächste Woche, in Ordnung , Frau F.? Es wird sonst heute wieder so spät“.
Frau F. blickt enttäuscht, aber Suska möchte sich nicht erweichen lassen, sie ist wirklich sehr erschöpft heute.

Die Werkstattleute vom Sanitätshaus sind nach einer Dreiviertelstunde fertig, und Suska kann ihre Arbeit tun. Als Frau F. dann in ihrem Pflegebett liegt, der Fernseher eingeschaltet ist, und Suska den Abwasch gemacht hat, ist es bereits fast halb Acht.
Draussen ist es noch hell. Sie lässt die Tür leise ins Schloss fallen, und als sie in der Wohnanlage den Weg zu ihrem Auto einschlägt, kommt ihr der Hausmeister entgegen.
„Geht es Frau F. gut?“ fragt er. „Es ist erstaunlich, das sie das alles so gut meistert, aber das liegt sicher auch ganz viel an Ihrer Hilfe. Ich freu mich immer, wenn Sie kommen, Suska,“ sagt er. “ Ich hoffe, Frau F. ist noch lange so fit, dass sie zu Hause leben kann. Dann sehe ich Sie wenigsten ab und zu!“ grinst er. Suska schaut ihn ein bisschen genauer an, er hat ein sympathisches Gesicht. Braun gebrannt, weil er viel draussen ist, im Mund blitzen sehr weisse Zähne.
Zahnersatz, denkt Suska, und schämt sich gleich, das sie wieder auf so was achtet.
Nicht bewerten! ermahnt sie sich, er  ist doch bestimmt schon 60, da ist es besser, er hat Zahnersatz als braune Stummel!
Der Hausmeister stützt sich auf seinen Rechen. „Ich hab die verblühten Tulpen und Narzissen rausgezupft, jetzt ist wieder Platz für neues. Haben Sie gesehen, wie prachtvoll der Flieder blüht? Die Akeleyen haben auch schon Blüten, und die Pfingstrosen dahinten, was meinen Sie, was das für eine Kaskade an Rosa und Pink  wird, wenn die aufbrechen. Aber Sie sind müde. Ruhen Sie sich aus, Suska, ich mach hier noch ein bisschen weiter. “ Und er packt seinen Rechen, nickt Suska zu: „Bis nächsten Mittwoch?“
Suska hebt die Hand, „Ja“, sagt sie.

Als sie  zu ihrem Auto kommt, klemmt eine leuchtend gelbe Narzisse hinter ihrem Scheibenwischer.
Suska hat auf dem ganzen Heimweg lächeln müssen.

Flida- DoppelD

Der Kleiderschrank ist voll und eigentlich ist alles da, was Frau für den Frühling braucht, aber irgendwie hat Flida einfach nichts Gescheites anzuziehen.
„Gehen wir shoppen?“ fragt Flida ihr Spiegelbild, und bemerkt wie sich das Teufelchen auf ihrer Schulter räkelt.
„Nein!“ grunzt es, „dein Kleiderschrank ist voll!“
Flidas Spiegelbild lächelt Flida zu und nickt: „Na klar! Es gibt sehr schöne Mode diesen Frühling, alles voller Blumen, das gefällt mir!“
Das Teufelchen zischt: “ Du wolltest Sparen!“

Flida dreht sich vom Spiegel weg, klar wollte sie sparen, aber sie braucht doch neue Wäsche! Letztes Jahr hat sie sich in einem feinen Traditionshaus in der Innenstadt sündteure Unterwäsche gekauft. Sie war ein bisschen erschrocken, nachdem die Verkäuferin sie vermessen hatte und ihre BH-Grösse genannt hat.
Flida hat gedacht, das nur Pornosternchen solche E und D -Grössen haben, aber die Verkäuferin hat gesagt: „Das ist normal in Ihrem Alter, Frauen um die Fünfzig haben selten Körbchengrösse A, ab vierzig darf es auch ruhig etwas mehr sein! Ich such Ihnen was hübsches aus!“

Und Flida hat wirklich zwei sehr hübsche BHs bekommen, aber die liegen im Schrank, weil sie schont sie. Sie weiss ja nicht, wann sie die mal wirklich braucht. Manchmal holt sie die raus, und befühlt den feinen Stoff und bewundert die zarte Stickerei und die Form und an besonderen Tagen trägt sie die auch.
Aber sie braucht was für Alltags wieder. Und deshalb geht sie jetzt los, da kann das Teufelchen stöhnen und jammern und versuchen sie zu bremsen, egal ist ihr das jetzt.

Im Kaufhaus in der Wäscheabteilung drängeln sich Menschen um die Ständer,alles hängt voll, und Flida hasst das, wenn sich die Bügel verhaken ineinander, und sie die Grösse nicht erkennen kann. Aber noch ist sie zuversichtlich. Sie streift durch die Ständer, es gibt sehr schöne BHs, und manche sind , naja, ein bisschen zu viel, findet Flida. Lila und schwarz ist nicht so ganz ihr Geschmack. „Warum nicht, “ feixt das Teufelchen, “ da könntest du dir  vielleicht mal einen Typen aufreissen!“
„Pfft,“ macht Flida, „brauch ich nicht!“
Sie entdeckt einen Ständer mit rosageblümten Bhs, manche sind gepolstert und manche sind schlicht, aber alle mit Bügel. Bügel kneift, weiss Flida.
Bügel macht manchmal Schmerzen an den Rippen.
„Ohne Bügel hängts aber!“ ruft das Teufelchen.
Flida beginnt, die Plastikbügel, auf denen die BHs hängen, zu entwirren, sie sucht auf den Zetteln nach der Grösse. Ohne Brille erkennt sie kaum was. Eine Verkäuferin sucht sie vergeblich. Und ausserdem, so wie sie erkennt, ist bei diesem Modell grösser als 85 C sowieso nicht dabei.
Sie braucht 90 E oder 95 D, hat die Dessousdame damals gesagt.
Sie geht zum nächsten Ständer. Himmelblau mit Sternchen. Aber wieder ist Flidas Grösse nicht darunter.
Bei den Roten mit der Schwarzen Schleife wird sie nicht fündig, und bei den grünen mit den hübsch gestickten Blüten ist Flidas Grösse auch nicht dabei. Sie wird ein wenig mutlos.
Soll sie doch auf die hellbraunen zugreifen, oder die schlicht schwarzen? Diese Zelte, die da hängen, ob da ihre Grösse dabei ist? Ach, leider! Also leider, weil Flida diese Riesenballons furchtbar findet. Sie schämt sich ein bisschen, das sie so was benötigt! Aber was soll sie machen. Sie kann sich in 85 D reinquetschen und immer zippeln, weil alles rausrutscht und am Abend hat sie dann rote Striemen am Rücken, weil alles so eng und quetschig war, und der Rücken schmerzt, weil sie den ganzen Tag versucht hat, das Rausfallen aus den Körbchen aufzuhalten.
Da kauft sie sich lieber Fleischfarbene Zelte, für Alltags, die sind nicht teuer, da kann sie sich gleich zwei Stück leisten.
Beim Anprobieren in der engen Unkleide wird Flida ganz heiss, erstens weil es sowieso so warm ist, zweitens weil sie erschrickt über ihr Spiegelbild.
Geht gar nicht, denkt sie, dieser Busen! Dieser Bauch! Dieses unbarmherzige Licht!
Schnell zu gefriemelt am Rücken dieses hautfarbene Ungetüm, Tshirt drüber, ob es wenigstens ne halbwegs annehmbare Figur macht, und dann nichts wie raus, und bezahlen.
„Schuhe gehn immer!“ hört sie das Teufelchen flüstern, „du könntest dir Schuhe kaufen, da hast du wenigstens eine normale Grösse!“
Da muss Flida lachen, „hautfarbene vielleicht?“ und dann marschiert sie in die Schuhabteilung, und da ist sie schnell fündig geworden.
Perlenbestickte bunte Sandalen, und ein Paar Gummistiefel, so richtig schöne bunte Gummistiefel, grün mit lila Krokodilen, die seien der letzte Schrei, hat sie eine Verkäuferin sagen hören.
Na dann! Dann kann sie wenigstens im Regen tanzen!

 

Schreibetüden

2018_16_2_zweiWortspende-Reizwörter, diesmal mach ich wieder mit.
Christiane hat die drei Wörter gespendet, Ludwig Zeidler hat illustriert.

Notenblatt-schwanger-trainieren.

Hu! Mal sehen, welche Geschichte sich jetzt aus meiner Feder/Tastatur schleicht!

1. Suska legt ihr Lehrbuch zur Seite, Advance Care planning, ein Notenblatt zu lesen wäre für sie womöglich leichter zu verstehen, seufzt sie.
2. Das Thema ist ihr durchaus wichtig:Patientenverfügungen ermöglichen mit allen Eventualitäten bei einer schwerwiegenden Erkrankung in verschiedenen Lebens-und Erkrankungsphasen die Gestaltung der möglichen Behandlungsentscheidungen,  sehr schwere Kost, denkt sie, ich brauch jetzt mal Pause.

3. Prüfungsrelevant oder nicht,dieses Thema,  Schluss jetzt, draussen scheint die Sonne und die Schokolade hat sie auch verspeist, das gibt wieder Sodbrennen, sie sollte spazieren gehen.
4. Sie steht auf,schaut an sich herunter und erschrickt über ihren dicken Bauch, da nützt ein blosser Spaziergang auch nicht mehr viel.
8.Sie sieht aus als wäre sie schwanger, sie sollte echt aufhören, beim Lernen diese Unmengen an Schokolade zu vertilgen!
6. Sie könnte trainieren gehen, sie hat doch noch irgendwo einen Gutschein für so ein Training mit Strom, wo man so abnehmen kann ohne was zu tun grossartig, wäre das jetzt was?
7.Ihre Kollegin war begeistert, als sie davon erzählte, da steht man auf so einem Gerät und wird mit Stromstössen gefoltert und dann nimmt man ab, kinderleicht!
8.Ach nein, so ein Quatsch, denkt Suska, ein Runde mit dem Fahrrad durch den Sonnenschein, da kann ich wenigstens durchatmen, denkt sie.
9. Und sie schwingt sich auf den Sattel, tritt in die Pedale ,lässt die Haare im Wind wehen, ohne Helm , sträflich sträflich denkt sie und erinnert sich an die gestürzten Unfallopfer mit Schädelhirntrauma auf ihrer alten Intensivstation.
10. Aber egal,  jetzt muss sie sich einfach mal ordentlich das Hirn durchblasen lassen und sie saust voller Energie die Strasse entlang.

Flida- Frühlingserwachen

Jetzt ist es schon wieder fast drei Wochen her, das Flida tanzen war. Und sich, nebenbei, vom LAT-Gefährten getrennt hat. Es geht ihr immer noch gut damit, und sie ist froh, das sie diesen Schritt geschafft hat.

Natürlich hat der LAT ständig angerufen und am Sonntag nach dem Tanzen hat er sie ausgeschimpft und gebrüllt am Telefon, was ihr eigentlich einfällt, ihn da so sitzen zu lassen in MannisMummelbude, was sie glaubt, was seine Kumpels von ihm denken, das er , der LAT, nicht in der Lage sei, seine Frau zur Raison zu bringen (er sagte Resonk!), und was ihr , Flida , eigentlich einfällt , so abzudampfen, mit diesem wackelnden Hinterteil, sie würde schon sehen, was sie davon hat, fehlen würde er ihr, sie solle bloss mal daran denken, wer die ganzen Lampen in ihrer Wohnung angebohrt hat, und wer sich um die Reparatur von ihrem Auto gekümmert hat, das sei er gewesen und sie würde sich noch umgucken!
Das Teufelchen auf Flidas Schulter hat sich vor Schreck in Flidas Haaren vergraben und geflüstert: Leg auf, Flida, sonst weinst du wieder!

Flida hat aufgelegt. Drei Tage später hat der LAT wieder angerufen und war ganz lieb, und hat gesagt, das Flida dieFrau ist, die er immer wollte, und was er besser machen könne, er würde es tun, weil doch Flida ihm fehlt und wer bügelt jetzt seine Hemden und sie hätten es doch schön gehabt und er würde auch mit ihr tanzen gehen, wenn sie es will, was soll er denn bloss tun?

„Mich nie wieder anrufen, das kannst du tun!“ hat Flida gesagt und aufgelegt.
Ein bisschen hat sie geschwankt, ob sie ihm nicht doch noch mal eine Chance geben soll, sie ist schliesslich nicht mehr die Jüngste, sie findet so schnell wieder auch keinen Mann….

Brauchst du denn einen Mann?hat ihre Tochter gefragt, als sie an einem Abend beieinander sassen.

Flida hatte gekocht, es gibtSpaghetti mit angebratenen Knoblauch und Pepperoni und Petersilie und dazu trinken sie Weisswein und sie sitzen auf der Terasse und es ist ein bisschen wie im Sommer.

Flida ist nachdenklich, ein Mann ist schon praktisch, hat sie geantwortet. Er kümmert sich um die Spülmaschine, wenn sie kaputt ist, er kann die Klospülung reparieren und wenn was an meinem Auto kaputt ist, kann er das auch heil machen.

Mama! hat die Tochter gesagt, und entrüstet ihre Gabel zur Seite gelegt, dafür, für sowas, gibt es Werkstätten! Oder das Studentenhilfswerk, deshalb brauchst du keinen Mann!

Da hat Flida gelacht, und gesagt: Aber für in den Arm nehmen, und zu hören, das ich toll bin, dafür ist ein Mann auch fein!
Das hat der LAT nie gemacht, hat die Tochter gesagt und sich eine Gabel Spaghetti in den Mund geschoben. Der hat dir gesagt ,das du dick bist und deine Haare blöd aussehen und dass du abnehmen musst,aber er hat nie gesagt, wie toll du bist!

Am Anfang schon! antwortet Flida, am Anfang fand er mich zauberhaft.

Am Anfang! schnaubt die Tochter. Bis er hatte, was er wollte! Neenee, Mama, der Typ ist jetzt Vergangenheit! Basta!
Und die Tochter ergreift die Flasche Weisswein und schenkt sich und Flida ein:
Weisst du, Mama, ich finde dich toll. Du hast nach der Scheidung dir ein neues eigenes Leben aufgebaut. Du hast eine Arbeit, einen Beruf, der dir Freude macht.Du verdienst dein Geld zum Leben selber. Du hast dir allein ein Auto gekauft, als du genug Geld hattest. Du schaffst es, das deine Kinder tolle Menschen sind und dass wir immer zu dir kommen können, wenn wir traurig sind. Du  bringst die Leute zum Lachen, die mit dir zusammen sind. Du hast immer Zeit für andere, wenn die dich brauchen. Und Mama, du bist die schönste Mama, die ich mir vorstellen kann. Ich hätte dir das schon viel früher sagen müssen, aber besser jetzt als nie! sagt die Tochter, und hebt ihr Weissweinglas und stösst mit Flida an.

Draussen vor der Terrasse spriesst das Gras,der Löwenzahn leuchtet überbordend gelb in der Wiese und die Vögel beginnen ihr abendliches Konzert. Aus dem Ort ertönen Kirchenglocken und das Gezwitscher der Vögel hebt ein abendliches Konzert an.
Flida spürt , wie sich das kritische Teufelchen an ihr Ohr schmiegt und flüstert : Deine Tochter hat recht, du bist die schönste und mutigste Flida, die ich kenne!
Und Flida nickt in ihr Weissweinglas und murmelt:
Stimmt. Ich bin die Schönste und mutigste  Flida , die es gibt!

Suska- Heilige haben auch mal schlechte Laune

Nach dem Frühdienst aufs Sofa, denkt Suska. Draussen regnet es, es ist also perfektes Wetter zum rumgammeln nach Feierabend. Sie hat ein gutes Buch zum Lesen, aber kaum hat sie die ersten Sätze gelesen, schon schlummert sie ein.
Leise dringen die Geräusche der über ihr wohnenden Nachbarn an ihr Ohr, streifen leicht ihr Bewusstsein, ihre Gedanken sind verselbstständigt, aber nichts ist mehr wichtig gerade, nichts , wirklich gar nichts…..
Nicht diese traurigen Schicksale ihrer Patienten, nicht die Probleme ihre Arbeitskollegen, nicht der Pflegenotstand und nicht ihr mickriges Gehalt….
Und auch nicht dieses nicht endenwollende Klingeln ihres Telefons….

Seufzend richtet sich Suska auf, der Rücken schmerzt, sie sollte sich ein neues Sofa gönnen, endlich, dieses hier ist zu hart, einfach zu hart….
Das Telefon klingelt immer noch. Ungewöhnlich, dieses dringende Gebimmel, man kann doch Textmessage heutzutage, dann stört man mich nicht, denkt sie brummig.
Hallo, krächzt sie in den Hörer, wer nervt mich hier so penetrant?
Oh, hört sie eine ferne Stimme, ich wollte dich nicht stören, ich hoffe, ich hab dich nicht geweckt? Hier ist Loida!

Loida! Klar, Loida, wie gehts dir,ja, ich habe geschlafen, ich bin einfach zu müde….
Oh, macht Loida wieder, und Suska denkt, jetzt lass mal dieses überraschte OH! andauernd, und erschrickt selber über ihre Gedanken, Loida kann nichts dafür, dass sie so gereizt ist.
Sie holt tief Luft, und sagt: Ist es okay, Loida, wenn ich dich in einer Viertelstunde zurückrufe? Ich muss wach werden!

Und klar, natürlich ist das okay für Loida, dieser guten Seele , denkt Suska, und dann reckt sie sich und beugt sich nach vorne, dieses blöde Kreuzweh und diese schlechte Laune nach dem Mittagsschlaf!
Sie schüttet sich kaltes Wasser ins Gesicht und schaut sich grimmig im Spiegel an.
Na, mal wieder schlechte Laune wegen nichts?
Das Spiegelbild schaut grimmig zurück: Immer nett und lieb geht auch nicht! Schlechte Laune darf auch mal sein! Heilige Suska, heute nicht annähernd heilig!

Meinst du, Spiegelbild? Und Suska zieht ihre Mundwinkel nach oben, das hilft meistens bei schlechter Laune und macht die Stimme freundlicher , ob sie das nun wirklich so meint oder nicht.
Und dann, nachdem sie sich einen Kaffee gekocht hat, und sich wieder ein bisschen freundlicher fühlt, wählt sie Loidas Telefonnummer. Während es klingelt , hofft sie, das Loida keine traurige Geschichte hat, die sie mit ihr teilen möchte, ich hab genug Geschichten immer um mich rum, denkt Suska, und dann meldet sich Loida und fragt Suska:
Meine FerneTochter heiratet in 3 Wochen! Und eigentlich, also, ich wollte dich fragen, ob du zur Hochzeit kommen magst? Sie möchte ein Freundinnenfest feiern, nur Frauen, und da du meine Freundin bist, also ich finde jedenfalls, dass du meine Freundin bist, weil ich dich so mag, da dachte ich, ob du kommen magst?

Suska schwirrt gerade alles, Freundinnenfest, Frauenhochzeit,-
Und der Bräutigam, fragt sie,wo ist der denn?

Da lacht Loida am anderen Ende der Leitung, der einzige Mann, der damit ein Problem hat, weil er als Mann nicht dabei sein darf, das ist mein Ehemann,der Bräutigam ist nämlich eine Bräutigammin, meine Tochter heiratet ihre Freundin!

Jetzt ist es Suska, die OH! macht.
OH!
HO! Ja, klar, sagt sie, so ein Frauenfest, das gefällt mir, na klar gerne komm ich! Ich mach es möglich!
Und dann , als sie aufgelegt haben, stellt sich Suska ein wundervolles Fest vor, nur Frauen, vielleicht in weissen Kleidern, die Blätter im Haar haben, so Heiliginnenmässig, und barfuss ums Feuer tanzen, mit Ästen drin rumstochern und ihre weissen Kleider mit Erde beflecken, und dann gar nicht mehr heiliginnen-artig aussehen sondern erdverbunden und wild,…..das wäre fein!
Und dann schilt sie sich, weil sie so esoterisch- göttinnenhafte Vorstellungen hat, aber auch wenn es anders und ganz modern wird, dieses Fest, sie freut sich sehr, das Loida sie eingeladen hat.

Loida-Ehepläne

Ostern hat der Besuch der Kinder nicht geklappt, aber jetzt, zwei Wochen später , wollen sie ihre Eltern besuchen.
Am Mittwoch hat Loida mit den Kindern telefoniert, wann sie kommen und wann sie vom Bahnhof abgeholt werden wollen. Die Tochter hat gesagt: „Ich bringe noch jemanden mit!“ Und Loida hat geantwortet: „Wie schön,da freu ich mich“, und sich vorgestellt, wie der junge Mann sein wird, den die Tochter mitbringt.

Aber als sie dann aus dem Zug aussteigen, der MusikantenSohn und die FerneTochter, ist es kein junger Mann, den sie dabei hat, sondern eine junge Frau.
„Auch schön“, denkt Loida. Sie begrüsst die junge Frau, die Silla heisst, wie Loida erfährt. Loida umarmt die Tochter und den MusikantenSohn, und ist nur ein bisschen irritiert, als die Tochter mit Silla Hand in Hand die Treppen zum Auto hinauf geht.
Das machen die Mädchen heute vielleicht so, denkt Loida.
Sie haben ein lustiges, fröhliches gemeinsames Frühstück.
Der Ehemann redet mit Silla über Politik, Silla kennt sich da sehr gut mit aus, schliesslich studiert sie das, wie sie sagt, und Loida beobachtet ihre Tochter, die Silla immer so verträumt ansieht.
Später holt der MusikantenSohn seine Gitarre und dann singen sie, alle drei, mit wunderschönen klaren Stimmen und Loida ist ganz glücklich und friedlich zu Mute.
Draussen blühen die letzten Tulpen, die Akeleien zeigen kleine Knospen, und Loida fühlt innendrin eine sanfte Wärme.
Bis der MusikantenSohn die Gitarre weglegt und sagt: „Ich glaube, meine Lieblinsschwester möchte Euch was sagen!“
Die Tochter wirkt nervös, und Loida denkt, was kommt jetzt? Ist sie schwanger? Das wäre aber nicht schlimm, das wäre doch schön!
Die Tochter holt tief Luft und sagt: „Silla und ich kennen uns jetzt zwei Jahre.“
Okay, denkt Loida,und nickt, ihr studiert ja auch zusammen.
„Und es ist so“, sagt die Tochter, „es ist so,… „und blickt hilfesuchend zu Silla.
„Es ist so, das wir in 4 Wochen heiraten werden,eure Tochter und ich“, übernimmt Silla den Satz und legt ihren Arm um die Schultern von Loidas Tochter .
„Heiraten, ihr?“ fragt Loida und spürt eine heisse Welle in sich aufsteigen. „Ihr kennt euch seit zwei Jahren?“
Der Ehemann poltert los: „Heiraten? Zwei Frauen? Spinnt ihr? Ich zahle keinen Pfennig für die Hochzeit, was sollen denn die Leute hier im Ort sagen, es reicht, das der MusikantenSohn so verrückt ist, ich dachte, wenigstens du bleibst vernünftig.“
Und er steht wütend auf und sagt:“Ich geh ne Runde , das muss ich verkraften“ und verlässt türknallend die Wohnung.
Loida sitzt da und weiss nicht was sie denken soll.
„Jedes dritte Kind hat homosexuelle Neigungen, da gibt es ne Statistik, und bei uns bestätigt sich das!“ hört sie den MusikantenSohn sagen.
Loida blickt ins Gesicht der Tochter. „Ich bin ein bisschen verwirrt,“ sagt sie. „Aber ich glaube, ich bin nicht verwirrt, weil ihr heiraten wollt, sondern weil du mir nie was gesagt hast! “
Da kommt die Tochter zu Loida und sagt: „Ich hab nicht gewusst, wie ihr reagieren werdet, ich hatte Angst davor!“
„Hat sich ja auch bestätigt!“ sagt der MusikantenSohn , „der Papa ergreift wie immer türeknallend die Flucht, wenns Probleme gibt!“
Loida schüttelt den Kopf,“ Naja, es ist ja auch nicht einfach. Weiss der grosse Bruder es denn schon?“
Da schnaubt der Musikantensohn, “ was denkst du denn, der würde wahrscheinlich gar nicht mehr mit uns sprechen wollen, weil er uns sowieso alle für durchgeknallt hält, der Spiesser!“

Da muss Loida ein bisschen schmunzeln, der MusikantenSohn hat recht. Der GrosseBruder ist sehr darauf bedacht, dass sein Leben in geraden Bahnen läuft, alles nach Plan, Abitur, Studium, angestellt sein in Papas Firma, nette Freundin, Doppelhaushälfte, Gartenzwerge im Vorgarten, Loida schmunzelt leicht.
Da klappt die Haustür und der Ehemann kommt zurück, ein bisschen ausser Atem schnauft er: “ So, ihr drei, ein bisschen eher hättet ihr uns schon informieren können, finde ich, wo krieg ich denn jetzt so schnell einen Schwiegervaterhochzeitsanzug her? Übrigens zahlt der Brautvater, für den ich mich irgendwie halten,  die Feier, das ist so üblich, aber ich denke, viele Leute kommen sowieso nicht“ sagt er und lacht schallend. „Entschuldigung, das konnt ich mir jetzt nicht verkneifen, ich hab mir auf dem Spaziergang die Gesichter meiner Kollegen und unserer Nachbarn vorgestellt!“

Und dann haben sie lange gesprochen, wie die Hochzeit ablaufen soll, und ob die Tochter wenigstens ein schönes Kleid kaufen geht mit Loida , „ja, aber nicht in weiss!“ und ob sie später Kinder  haben wollen, denn Enkelkinder, das wäre doch schön, und Silla hat von ihrer Familie erzählt und wie die reagiert haben und das es doch an der Zeit ist, das endlich gesellschaftlich zu akzeptieren , das Liebe und Sexualität geschlechtsunabhängig stattfinden kann.
Loida stimmt dem zu, eigentlich, aber als Silla und die Tochter sich immer wieder in den Arm nehmen und küssen, und zärtlich zueinander sind, wie eben Frischverliebte sind, muss Loida weggucken.
Sie braucht noch ein bisschen, sich daran zu gewöhnen.
Aber sie hat ja schliesslich auch noch vier Wochen Zeit.