Hilde- Schritt für Schritt

Hilde geht es richtig gut, sie hat sich in ihrem kleinen Häuschen am Meer auf dem Campingplatz eingerichtet, ihre Tage haben einen festen Rhythmus.

Sie steht auf, wenn es hell wird, und macht ihren Rundgang über den Campingplatz, der jetzt verlassen ist.

Sie sammelt ein paar Pinienzapfen auf, und schaut nach dem Rechten in den Mobilheimen, ob die Fenster und die Türen geschlossen sind, zum Beispiel .
Dann kehrt sie zurück in ihre eigene kleine Bleibe und macht sich einen Milchkaffee. Den trinkt sie auf der kleinen Terasse und beobachtet dabei die kleinen Spatzen, die zu ihr hüpfen und hoffen, dass Hilde ihnen vielleicht ein bisschen Brotkrumen zuwirft.
Sie lauscht auf die Stille.
Sie erinnert sich an den Lärm in der Stadt, an die unermüdlichen Rasenmäher der Nachbarn- wann immer die Sonne schien, knatterten und lärmten diese Gartengeräte.
Das hat sie jetzt nicht. Sie kann die Stille hören, das macht sie glücklich.

Dann zieht sich Hilde an , je nach Wetter, selbst wenn es regnet macht sie das: Sie geht ans Meer.
Davon hat sie früher immer geträumt, am Meer entlang gehen. Ohne Hetze. Ohne auf jemandem zu hören, einfach ihrem eigenen Tempo folgen.
Schritt für Schritt.
Am Anfang hat sie verschiedene Wege ausprobiert, erst ging sie durch das Dorf, dann durch Strasse mit den jetzt geschlossenen Geschäften.
Es ist so still, weil keine Urlauber da sind.
Dann geht sie über den Holzweg , der durch die Dünen führt, ans Meer.
Am Anfang waren noch die Wellenreiter da, die Unverdrossenen, die in ihren Campingwagen auf den Parkplätzen stehen und den ganzen Tag im Wasser auf ihren Brettern sind. Abends hat sie sie manchmal lachen hören und ihre Musik hat sie in ihren Schlaf begleitet.
Aber mittlerweile sind auch die Surfer ausgeblieben. Es ist so wohltuend still, wenn Hilde geht. Und Hilde hat ihren festen Weg. Durch den Pinienwald, über den Holzweg durch die Dünen, an den verschlossenen Meerblickvillen vorbei , am Strand entlang. Erst links hinunter, durch den Sand, und später dann  zurück über die Anhöhe, durch den Ginster und die Brombeeren, das Meer von oben betrachtend zu ihrer linken Hand,  bis sie wieder im Dorf ist.
Nur sie,  Hilde, das Meer,die Wellen und der Wind.

Sie ist jetzt ganz für sich. Schritt für Schritt.
Sie hat ihren eigenen Rhythmus gefunden

Hilde- vom bleiben können

Natürlich ist es nicht immer leicht, alle Zelte hinter sich abzubrechen, so wie Hilde das macht, als sie am Meer bleibt. Und nicht mehr in ihre Ehe zurück geht und in  ihr altes Leben. Sicher sitzt Hilde auch manchmal da und denkt, ob es nicht anders besser gewesen wäre, wenn sie zurück gegangen wäre , wenn sie vielleicht nicht unbedingt weiter gemacht hätte, sondern etwas anderes aufgebaut hätte für sich. Aber sie fühlt , dass das nur eine halbe Form von Neubeginnen geworden wäre. Sie möchte ganz neu anfangen. Ein ganz neues Leben, denn das alte Leben ist zu bitter geworden.
Es wird nicht ohne Zweifel  bleiben, nicht ohne Traurigkeit, ob sie sich nicht vielleicht doch ein bisschen mehr Mühe hätte geben müssen, ein bisschen mehr Verständnis für Herbert aufbringen hätte können, den sie doch mal geliebt hat. Sie hat ihn irgendwie immer noch lieb, aber sie will jetzt endlich ganz bei sich sein.

Deshalb bleibt sie jetzt hier. Und als die Madame vom Campingplatz deutsch mit ihr spricht,  da durchströmt Hilde eine Welle von Erleichterung.
„Ich bin Herta!“, sagt die Madame vom Campingplatz,“ Herta aus Hamburg!“
„Ich bin Hilde, und ich würde gerne hier bleiben und wollte fragen, ob ich hier nicht was arbeiten kann und ein kleines Häuschen über den Winter mieten kann, so ein Winter am Meer, das wäre schön!“

„Nu, „macht Herta, “ wir brauchen in der Tat im Winter jemanden, der auf den Campingplatz aufpasst.Aber n büschen einsam is das schon hier!“
Ach, denkt Hilde, Einsamkeit macht mir nichts aus. Ich werde einfach viel denken, und wenig denken und nichts denken und den Wellen zugucken und wenn es windig und kalt wird, dann wickel ich mich in eine warme Decke. Ich muss mit niemandem reden und kann einfach in mich reinhören, und dann werde ich…..
“ Du kannst dann in das Häuschen hier am Eingang einziehen,“ unterbricht Herta ihre Gedanken, “ das ist praktischer, dann kannst du täglich den Pool kontrollieren und kriegst einfach mit, was hier passiert. Aber es passiert normalerweise nichts, und Hassan, das ist mein Mann, der kommt auch täglich vorbei, und wir wohnen ja nicht weit weg.“
„Kein Problem“, sagt Hilde, “ wenn es okay ist, ich mach das , das wäre perfekt.“

Und so kommt es, das Hilde den Winter in einem kleinen warmen Mobilhome auf einem Campingplatz an der französischen Atlantikküste verbringen darf. Sie hat sich ein kleines Auto gekauft, damit sie mobil genug ist, um hin und wieder unter Menschen zu kommen, aber eigentlich will sie sich entschleunigen. Das ist ein tolles Wort. Sich entschleunigen. Deshalb hat sie sich auch ein langsames kleines Auto gekauft. Sie macht sich noch keine Gedanken darüber, ob es sehr einsam werden könnte oder  was passieren kann, wenn die Gedanken sie einholen, sie lässt alles einfach auf sich zukommen.
Sie freut sich auf den Wechsel der Zeiten am Meer.

 

Hilde- was, wenn sie dageblieben wäre

Ich habe überlegt, wie es Hilde gehen würde, die ja, nachdem sie im Zoo so unmöglich von ihrer Familie behandelt wurde und daraufhin nach Frankreich ausgebüxt ist, wie es gewesen wäre, wenn Hilde nicht zurückgekommen wäre.
Hilde ist also auf dem Campingplatz in Frankreich, lauscht den Wellen, geht am Strand spazieren und kommt innerlich zur Ruhe.
Morgens geht sie in den kleinen Laden, tauscht ein Lächeln mit dem Ladenbesitzer oder seiner Frau, kauft sich ein Croissant und sitzt dann auf ihrem Campingstuhl vor dem kleinen Mobilehome, trinkt einen Kaffee und schaut den anderen Leuten beim Campingleben zu. Sie betrachtet ihre gesammelten Muscheln , die sie auf einem Handtuch ausgebreitet hat, sie wird später noch mehr Muscheln sammeln.
Aber vorher, beschliesst sie gerade, ruft sie zu Hause bei Herbert an.
Das gebietet ihr ihre Loyalität, er ist ihr Mann und soll wissen, wie es ihr geht. Ihre Tochter weiss , wo sie ist, das hat sie ihr gesagt, und Hilde weiss auch, das Herbert gut versorgt ist vom Pflegedienst, aber selber mit Herbert hat sie noch nicht gesprochen.
Hilde geht in die Telefonzelle an der Campinplatzrezeption und wählt ihre heimische Telefonnummer..
Es tutet, dann ein Klick und eine ausländisch klingende Stimme fragt: „Wärrr bittä?“
Wahrscheinlich die Pflegerin, denkt Hilde, und sagt:“Hallo, meinen Mann hätte ich gerne, Herbert!“
„Ah, gutt, Härrbaärrt, Momänt , bittä!“
„JA?“, tönt es grimmig aus dem Hörer.
„Herbert? Ich bins, Hilde, ich wollte dir nur sagen, mir geht es gut!“
„Wo bist du?“ brüllt es aus dem Hörer, „Was machst du? Hast du einen anderen ? Ich bin mir sicher, du hast einen anderen Mann! Sonst wärest du nicht weggegangen, du Schlampe! Du hast schon immer nach den anderen Männern geguckt! Gib es zu, du gehst fremd!“
“ Herbert,! “ sagt Hilde. „Hör auf sowas zu denken! Ich bin hier, um mal zu Ruhe zu kommen!“
„Aber du hast andere Männer!“
„Nein, Herbert, der einzige Kontakt mit einem Mann ist der , wenn mir der Bäcker morgens das Croissant gibt!“
„WUSSTE ICH ES DOCH!“ brüllt Herbert, “ du hast einen andern Mann!“
„Ach Herbert, “ seufzt Hilde,“ lassen wir das. Du weisst, das du dir was zurecht spinnst, und deine Eifersucht halte ich sowieso nicht mehr aus. Mach es gut!“
Und während sie auflegt, hört sie, wie am anderen Ende der Leitung der Herbert weiter wütet ud brüllt und seine Stimme immer ferner und leiser wird.

Sie muss nicht mehr nach Hause, denkt sie,  sie kann hier bleiben. Sie kann ihre Freundin bitten, ihre Papiere zu schicken. Sie kann nach Arbeit fragen, und sie kann fragen, ob sie da weiter wohnen bleiben kann in dem Campinghäuschen. Sie kann auch Croissants verkaufen. Sie kann Führungen in Kirchen machen, für die deutschen Urlauber, sie hat doch mal Kunstgeschichte studiert, 3 Semester, damals.
Sie kann auch fragen, ob sie auf dem Campingplatz arbeiten kann, putzen oder an der Rezeption.
Sie kann französisch lernen.
Sie muss französisch lernen, und das schafft sie auch.
Sie kann Animateurin werden dort, mit Kindern kann sie gut, sie kann die Kinder beaufsichtigen.
Hilde verlässt die Telefonzelle und marschiert zur Rezeption.
Die Madame, die den Campingplatz leitet, blickt von ihrer Zeitung auf. „Bonjour! Vous desirez?“
„ähm,…. “ macht Hilde und atmet tief durch, jetzt muss sie  es sagen, „ähm, alors, also, je cherche un job, je veux reste ici, la, dans le camping, et je veux travaille beaucoup, jàime travaille, ach, gott ist das schwer…..“
„Nä nä“, lacht da die Madame, „du musst dich nich so anstrengen , nä, du kannt ok Dütsch mit mir schnacken. Ik bin von Hamburch!“
Da muss Hilde lachen.

Was anderes zu beginnen ist gar nicht so schwer!

Vom Wandern….

Hilde , manch einer kennt sie, ist letztens wieder aufgetaucht. Und ich hab überlegt, wie es ihr wohl geht.

Ich glaube, sie hat sich gut eingerichtet in ihrem neuen Leben. Sie hat einen Tanzpartner gefunden (ehrlich, er ist wirklich nur ein Tanzpartner!) Jeden ersten Samstag im Monat treffen sie sich in der Tanzschule und der Tanzpartner schwingt Hilde durch die Luft und hinterher fühlt sich Hilde immer sehr wohl und glücklich.
Sie braucht das Tanzen auch, denn vorher geht sie immer zu Herbert in sein Pflegeheim und benötigt hinterher einen Ausgleich.

Dass der Herbert nämlich mit der Zeit immer knurriger und unfreundlicher zu Hilde geworden ist, das erzählt sie niemandem. Sie weiss insgeheim, was die Leute sagen würden: Es sei ja auch kein Wunder, wenn der Herbert so unzufrieden ist, schliesslich hat sie , Hilde, es sich schön gemacht ohne ihn, und eigentlich gehöre man ja zusammen , durch gute  und schlechte Zeiten,  und sie schiebt ihn einfach ab ins Heim, da brauche sie sich nicht wundern, wenn er so knurrig ist!

Deshalb schweigt Hilde und erträgt stumm Herberts böse Worte.

Aber nach ihren Besuchen macht sie dann immer was Schönes.
Entweder geht sie tanzen oder sie streift durch die Stadt, oder sie geht am Fluss entlang. Und letzten Sonntag, da hat sie den knurrigen Herbert bereits am Morgen besucht, und natürlich hat er sie angepflaumt, was sie schon so früh bei ihm wolle!
Da hat sie ihm ihre Bergstiefel unter die Nase gehalten und gesagt: „Ich geh wandern! In die Berge!“  „Pah!“ hat der Herbert gemacht, „du mit deiner Höhenangst!“
Und hat sich in seinem Rollstuhl zum Pfleger gedreht und diesem zugeraunt: „Depperte Weibsen!“ aber der Pfleger hat nicht reagiert, sondern hat Herberts Urinbeutel geleert und Hilde zugelächelt und ihr einen schönen Tag in den Bergen gewünscht.

Da ist Hilde losmarschiert, hat sich in das Auto zu ihrer Freundin gesetzt und sie sind gemeinsam losgefahren. In die Berge. Sie haben eine wunderschöne Wanderung gemacht, und es war nicht schlimm,dass so viele Leute dieselbe Idee hatten, und mit Kind und Kegel auf die Alm gegangen sind.
Nächstes Mal nimmt sie ihre Tochter und die Enkel mit, denn bei der Alm ist ein Spielplatz, und die Kinder, die erst schnaufend und jammernd den Berg hinaufgegangen sind, haben sich sofort auf die Schaukeln gestürtzt, und  vergessen, wie müde und langweilig und anstrengend diese Bergwanderung war. Das würden ihre Enkel wahrscheinlich genauso machen, denkt Hilde, klagen und jammern und stöhnen, und wenn sie die Schaukeln und das Klettergerüst sehen, dann ist alle Mühsal vergessen.

Sie kann  dann mit der Tochter einen Apfelstrudel essen, während die Kinder spielen, die Tochte braucht auch manchmal eine Alltagspause.
Aber jetzt wandert Hilde allein, was für eine wunderbare Wanderung!

Hilde tankt ihre Augen auf mit Grün und atmet ihre Nase und ihre Brust mit heller sauberer Luft voll. Sie spürt ihren Herzschlag beim Hinaufgehen und ihre Knie beim Hinabgehen.
Sie betrachtet Wurzeln und sammelt die Bilder in sich.

Und einmal muss sie ganz laut juchzen, aber es ist egal, wer was von ihr denkt, sie hat dreimal das Echo ihres Juchzers gehört. Da lachen sie, Hilde  und ihre Freundin, und juchzen und jauchzen gleich noch mehr.
„Oide depperte Weibsen, die mir san!Oide Jodelweibsen! “
Und sie jauchzjodeln, bis sie nicht mehr können.

Dann atmen sie die Stille.