Loida- Der Sohn

Der BlondeSohn ist wieder da. Der, der die Welt bereist und nie irgendwo zu Hause zu sein scheint. Der, von dem Loida manchmal nur erfährt, wo er sich aufhält, wenn sie die Facewebseite aufmacht und sieht, was er gepostet hat. Oder an welchen Veranstaltungen er teilnehmen wird. Dann freut sie sich zwar, aber manchmal denkt sie, wenn er ihr kurze Nachrichten bloss schreiben würde, das wäre schön.
Aber letzte Woche  hat er sie angerufen und gesagt, das er jetzt ein bisschen in der Heimat bliebe, er habe eine WG gefunden, lauter Musiker, und er würde sie, Loida, gerne in vier Wochen auf ein Konzert mitnehmen. Allerdings wäre das Konzert in B., dieser Metropole 78 km von Loidas beschaulichem Städtchen A entfernt, und er würde dann von C, wo er wohnt, zu ihr nach A kommen und dann könnten sie gemeinsam von A nach B fahren…
Klar, sagt Loida, wir könnten unterwegs was essen gehen, wenn du magst….Ich freu mich.

Als sie ihn am Bahnhof am Konzerttag abholt, regnet es. Es ist grau und dunkel, und viel Verkehr und Loida erkennt die Strassenschilder nicht, sie sieht verflixt schlecht heute.
Es gibt auch kein Restaurant auf dem Weg , und an der Autobahn essen wollen sie nicht. So fahren sie hin und kehren ein Stück wieder um und fahren zurück, weil Loida die Ausfahrten verpasst und die Schilder nicht liest und weil sie so viel reden miteinander im Auto wie ewig nicht mehr. Über das Leben an sich, über Menschen, über Träume und die Liebe.
Sie brauchen doppelt so lang wie die Fahrt normalerweise dauert, aber das macht nichts, sagt der BlondeSohn, wir haben so viel Zeit, und zur Not ess ich dann mein Knäckebrot.
Und als sie in dem Industriegebiet ankommen, in dem das Konzert stattfinden soll, haben sie tatsächlich noch alle Zeit der Welt.

„Wir suchen jetzt ein Restaurant!“ sagt Loida, und stapft los, durch den Regen und die Dunkelheit der beginnenden Nacht.
Ein unbeleuchtetes Schild einer Brauerei, darunter : „Sportlerheim, Gaststätte, warme Küche….“
„Da gibt es bestimmt Pommes für dich!“ sagt Loida.

Das Sportlerheim hat geschlossen. Montag Ruhetag, klar,  wie denn auch nicht! denkt Loida.Obwohl die beleuchteten Weihnachtsbäume im Wind schwanken und sie dachte, es wäre geöffnet.
Sie gehen weiter. Baustellen, Kräne, der Wind pfeift, eine unwirtliche Gegend. In der Ferne am Ende der Strasse ein Schild: „Zum Maibaum-Pub. Wirtschaft“.
„Dahin gehen wir!“ sagt der Sohn.
Durchs  Fenster der Wirtschaft sehen sie in eine Küche, zwei Frauen in weissen Kitteln schwenken Töpfe, aber wo ist der Eingang? Es ist dunkel, der Wind bläst ordentlich, sie gehen ums Haus herum. Ein beleuchteter Biergarten, grelle Lichter, ein Schild über einer Tür: „Do gehts nei!“
Sie treten ein. Innen ist es hell, voller Menschen mit lachenden Stimmen, Geschirr klappert, die Wände sind mit Plastiktannenzweigen geschmückt, rote Kugeln, silberne Sterne, goldene Rehe stehen auf den Tischen…Loida ist keine Freundin vom Kitsch, aber jetzt gilt es, dem Sohn etwas zu essen zu besorgen.
Die Kellnerin begrüsst sie freundlich und der Sohn  fragt, ob sie was mitnehmen können?
Klar,aber wollen sie nicht hier essen? Es gehe ratzi-fatzi , sagt die Kellnerin, und lacht.
Aber gut,sie sagt Bescheid, dass es schnell gehen soll in der Küche.
Sie setzen sich hin, an einen Tisch, an dem ein Mädchen sitzt und eine Suppe löffelt und ein Mann,der lange dünne Haare hat, vor seinem Weissbier sitzt und lebhafte Selbstgespräche führt. Der ist Loida suspekt, der ist sicher nicht viel älter als sie, aber er sieht komisch aus.
„Stammtisch des Gartenvereins Zum  lustigen Kohlrabi“, liest der Sohn auf dem Aufsteller am Tisch, hoffentlich kommen die jetzt nicht und wollen Bier trinken.
Es gibt kroatische Spezialitäten und sie beobachten, wie durch die Durchreiche Platten voller Fleisch und Pommes geschoben werden und wie das Mädchen, welches die Suppe isst, aufspringt und die Platten zu den Tischen trägt.
Loida nimmt ihre Brille ab. Jetzt weiss sie, warum sie so schlecht gesehen hat auf der Autofahrt. Ihre Brille ist total verschmiert. Sie nimmt den Zipfel ihres Pullovers und reibt und haucht auf die Gläser und wischt, aber es verschmiert nur noch mehr.
Da fliegt ein eingepacktes Brillenputztuch vor ihre Nase.
„Damit gehts besser,“ brummt der Mann mit den dünnen Haaren. Loida muss lächeln und der Mann kommt ihr gar nicht mehr so suspekt vor. Und sie sieht tatsächlich besser jetzt durch ihre Brille. Und findet sogar die Plastiktannenzweige gar nicht mehr so hässlich.
Als dann das Essen kommt, und sie mit dem Aluteller in einer Tüte losgehen wollen und dann bemerken, dass sie gar kein Besteck haben und die Kellnerin ihnen  eine Gabel schenkt und sie durch den Wind laufen und feststellen, dass es ein Blödsinn war, nicht in der Wirtschaft zu essen, sondern sich einen Platz suchen zu müssen, wo der Wind nicht so weht und als sie den Platz dann finden, nämlich eine Bank vor dem Sportlerheim, neben den wackelnden Weihnachtsbäumen, und der Sohn sich freut über die Menge an Spätzle und Salat, da fühlt sich Loida froh.
Und sie denkt etwas und weiss wieder nicht , wo er herkommt, dieser Gedanke, denn sie denkt, während sie ihren grossen lachenden warmherzigen Sohn anschaut:
„Es ist nicht wichtig, wieviel Stunden oder Minuten an Zeit ich mit jemandem verbringe. Wichtig ist, wie ich diese Zeit wahrnehme. Wichtig ist, welche Qualität sie hat, diese Zeit.“

Die Gabel haben sie übrigens auf dem Tisch des Sportlerheims abgelegt. „So als Gabelrecyclingkreislauf“ , hat der Sohn gesagt.
Und Loida hat sehr froh gelacht.

Suska-fahren lernen

Suskas Sohn Bero wird bald 18 Jahre alt sein. Und natürlich macht er Führerschein. Die Theorie hat er bereits, jetzt fehlen ihm noch Fahrstunden. Wenn sie gemeinsam Auto fahren, fragt er viel, und erklärt und kommentiert  Suskas Art zu fahren. Er fragt sie, warum sie die anderen Autofahrer beschimpfen muss andauernd.
Roadrage nennt er das.
Und er erklärt, wie hochtechnisch das Fahrschulauto ist. Es hat eine elektronische Handbremse und Regenscheibenwischer-Sensoren. Man stellt den Sitz elektronisch ein und kann die Rückspiegel einstellen anhand des Gewichtes des Fahrers, wenn man es einprogrammiert hat. (Was aber ist nach einer rasanten Gewichtszunahme, Weihnachten zum Beispiel?)
Auch eine Einparksignalhilfe hat es und Suska fragt sich , warum man auf so einem HighTech Auto fahren lernen muss.
Welcher Fahranfänger hat ein Auto, das diesen Komfort hat?
Und ist es sinnvoll, am Berg mit elektronischer Handbremse anfahren zu lernen, wenn man dann mit der ollen Rostlaube der Mutter fahren muss, wo die Handbremse gaaaanz sensibel losgelassen werden muss,  und bei der die Scheibenwischer quietschen und man gucken muss, wenn man einparkt, und nicht hört, wie hektisch das Warnsignal piept, und in einem Jammerlaut verstummt, wenn man gegen den Hintermann knallt. Bei Suska rummst es dann lediglich, wenn sie zuweit rückwärts gefahren ist und sie denkt dann: „Wenns rummst, nochn Meter!“

Ehrlich, ist diese Technik sinnvoll beim Autofahren lernen?
Aber wenn er dann fahren kann mit Suskas Auto, wird er das schon hinkriegen, es bleibt ihm nichts anderes übrig!

Dann wird er auch schimpfen, über das Auto, die anderen Autofahrer und die quietschenden Scheibenwischer.
Dann wird er garantiert auch roadragen!

 
(Für die die mich persönlich kennen: ich schreibe hier nicht über meinen Sohn! 🙂 )

Loida- gestrickt und losgenäht

Am nächsten Morgen sitzt Loida bei der Mutter am Tisch und sagt: „Ich möchte, dass wir zusammen ein Dirndl nähen. Ich hätte gerne eins, und ich hätte gerne eines von Dir genäht.“
Die Mutter macht grosse Augen:“Was? Weisst du, wie lang ich schon nicht mehr genäht habe? “
„Das verlernt man nicht, “ sagt Loida energisch.“Wir fahren in die Stadt zum Nähladen, dann kaufen wir Stoff und dann nähen wir zusammen. Deine Nähmaschine steht immer noch in meinem alten Kinderzimmer, also ! Auf gehts!“
„Aber meine Hand…“ wirft die Mutter ein.
„Egal, das ist die Linke, und nähen tun wir mit rechts!“ widerspricht Loida fröhlich und schiebt die Mutter zur Haustür.
Als sie 3 Stunden später zurückkommen, sind sie vollgepackt mit Schnittmustern und Stoffen und Nähseide und Knöpfen, mit neuen Stecknadeln und einer scharfen Schere.
Sie räumen den grossen Tisch frei, und beginnen alles auszubreiten und die Mutter erklärt Loida, wie sie den Stoff falten muss, und wie eine Schürze gefältet und genäht wird.
Loida erinnert sich, dass das erste,was sie in der Schule nähen musste, eine Schürze war. Hauswirtschaft, hiess das Fach. Die Jungens hatten Werken.
Und ihr fällt ein, dass die Mutter diese Schürze abends nahm und Loidas Nähte sauber aufgetrennt und wieder gerade zusammen genäht hat, weil Loida einfach keine Lust zum Nähen hatte. Und dann hat Loida auf die Schürze eine 2 minus bekommen und die Mutter hat auf die Lehrerin geschimpft, dass die wohl gar keine Ahnung vom Nähen hatte.
Als Loida das der Mutter erzählt, fängt diese sehr an zu lachen.
„Die hatte wirklich keine Ahnung, diese Frau Pangel! Ich weiss das noch!“
Und ganz vergnügt schneiden sie zu, und stecken zusammen, und Loida erzählt der Mutter von dem Wunderknäuel, das sie bekommen hat, weil sie auch stricken lernen musste in“Hauswirtschaft“, und die Mutter erzählt , wie sie Wolle abends aufgerollt hat und zwischendrin Bonbons reinsteckte, damit das Stricken, wenn Loida fleissig stricken würde, sozusagen versüsst wurde.
Und Loida erzählt, wie sie die Bonbons aus dem Knäuel rausgefriemelt hat, weil sie einfach nicht stricken wollte.Aber die Bonbons wollte sie schon.
Und wie die Mutter dann sagte, Loida solle das Knäuel mit den Stricknadeln nachts unter ihr Kopfkissen legen, vielleicht würden Heinzelmännchen kommen und etwas weiterstricken.
Und am nächsten Morgen war der Schal, den sie für die Schule stricken musste, tatsächlich etwas länger geworden, mit ganz geraden Kanten.
Trotzdem gab es auch dafür keine Eins.
Aber Loida glaubte lange an Heinzelmännchen.

„Tja,“macht die Mutter nur,“ so ist das mit Müttern und Heinzelmännchen“. Loida versteht das kaum, weil die Mutter den Mund voller Stecknadeln hat.
„Du hast erzählt , das sich die Tante mal an Stecknadeln verschluckt hat!“
„Ui!“ da fliegen die Nadeln auf den Tisch.“Ja!Und!“ trumpft die Mutter auf, „sie hat sich auch mal mit der Nähmaschine durch die Finger genäht, ha! Das gab ein Geschrei! Also, pass auf, das du den Fuss vom Pedal nimmst, wenn du den Stoff runter legst, unter die Nadel!“

Und los rattert die Nähmaschine über den glatten Seidenstoff, der die Schürze werden wird, und wenn man draussen stehen würde, würde man sie lachen hören und reden, ganz fröhlich, Loida und ihre Mutter.

Ein geringelter Tag

Ich habe etwas wiedergefunden. Ein Buch.
Ein Buch,(so heisst das Buch) in dem eine Geschichte steht, die der JüngstLiebsteSohn vor 8 Jahren in der Grundschule geschrieben hat. Dank einer sehr engagierten Klassenlehrerin durften die Kinder an einer Schreibwerkstatt teilnehmen.
Diese Geschichte darf ich hier,  mit seiner Genehmigung, lesbar machen.

                                                Ein geringelter Tag

„Heute“, sagte Petra entschlossen an einem bewölkten Tag. „Heute finde ich meinen Traummann. “
Sie war gerade auf dem Weg zur U-Bahn , weil sie in den Englischen Garten in München gehen und und dort ihren Traummann finden wollte. Sie stieg ein. Die U-Bahn fuhr los und hielt nach einiger Zeit wieder.Sie war angekommen. Sie ging raus, lief die Treppe hoch und guckte besorgt zum Himmel, denn dort kamen jetzt auch noch Gewitterwolken.“Oje oje“, stöhnte sie ärgerlich,“hoffentlich ziehen die Wolken vorbei!“ doch gleichdarauf fing es zu regnen an.Es war ein heftiger Regen, und der kalte Wind blies Petra direkt ins Gesicht, so dass es ihr andauernd eiskalt den Rücken runterlief. Nach einiger Zeit wollte sie nicht mehr und dachte sich beim Zurückgehen: „Tja, dann wird es heute wohl nichts damit, den Traummann zu finden, oder?“
Sie ging dir Treppe hinunter zur U-Bahn und stempelte ihre Karte am Automaten.Dabei sah sie, wie die U-Bahn einfuhr. Sie lief hastig hin und stieg ein.Kaum, dass die U-Bahn losgefahren war, hielt sie auch schon wieder in einem Tunnel. Und der Schaffner sagte: „Die U-Bahn hat ein defektes Gleis, leider müssen wir mit einer halben Stunde Verspätung rechnen, ich bitte um Entschuldigung.“ Petra langweilte sich. Da sah sie einen Mann, der rot-orange geringelte Socken und einen rot-orange geringelten Hut aufhatte. Ausserdem trug er orange-gepunktete Schuhe. Petra sah an sich herunter und bemerkte, dass sie blau-grün geringelte Hosen und eine blau-grün geringelte Jacke trug. „Was für ein Zufall,“, dachte sie. Der Mann schaute zu ihr herüber und sah, wie sie angezogen war.Er ging auf sie zu und sprach sie an: „Du bist ja genauso geringelt angezogen wie ich. Da kann man ja Kopfweh kriegen.“ Sie lächelte verlegen und sagte, während sie ihm ins Gesicht blickte: „Und du hast eine schöne Augenfarbe. Die passt gut zu deinem Hut.“
„Die Augenfarbe habe ich von meiner Mutter und den Hut von meinem Grossvater geerbt.“
Die U-Bahn fuhr weiter , stoppte aber sogleich wieder, und dann ging plötzlich das Licht aus.Als dann auch noch ein betrunkener Mann laut gröhlend umfiel und krachend auf eine Bank plumpste, guckten die Leute sehr verängstigt.Besonders Petra. Der geringelte Mann legte sein Hand um ihre Schulter und sprach:“ Hab keine Angst, ich bin ja bei dir.“
“ So ein Depp,“ dachte Petra,, “ sehe ich etwa so ängstlich aus?“ Die U-Bahn fuhr wieder weiter.Kurz darauf hielt sie am nächsten Bahnsteig.“Ich muss jetzt hier raus,“ sagten beide gleichzeitig.In diesem Moment guckten sie sich verwundert an.Petra lachte, und der geringelte Mann sprach, ebenfalls lachend:“Ich glaub, wir brauchen einen Kaffee.“ „Hoffentlich wird das nicht der letzte Kaffee mit ihm sein,“dachte sie,“ denn ich würde zu gerne wissen, ob er noch mehr geringelte Klamotten in seinem Schrank versteckt hat.“
Sie gingen los. Es regnete immer noch.Der Mann mit dem geringelten Hut klappte seinen geringelten Regenschirm aus und sprach:“ Wie heisst du eigentlich?“ „Petra,“ antwortete sie, und fragte zurück:“Und du?“ „Ich heisse Archibald, aber alle nennen mich Aro.“
„Gut, Aro, in welches Cafe gehen wir denn?“ „Ins Cappucino Resenco, dort sind die Kaffeetassen auch geringelt.“ Also gingen sie ins Cafe und plauderten eine Weile. Dabei verging die Zeit wie im Flug. Sie verabredeten sich für den nächsten Tag, und Petra ging glücklich nach Hause. Auf dem Rückweg dachte sie:“ Vielleicht….“ Sie seufzte tief. “ Vielleicht wird das ja was mit dem Kerl, vielleicht hab ich meinen Traummann gefunden.“

Danke, J.!

Loida räumt auf

Es nervt sie seit Monaten- dieses Chaos im Keller. Ständig trägt man was runter, was man nicht mehr brauchen kann, stopft es in irgendeine Ecke vom längst überfüllten Keller, aber es findet sich erstaunlicherweise  immer noch ein Plätzchen, wo man eine Kiste oder eine Tüte oder eine winzigkleine Schachtel reinstopfen kann.

Jetzt hat Loida beschlossen, klar Schiff zu machen. Entrümpeln, wegwerfen,… die Kinder sind erwachsen, die haben bestimmt auch ganz viel Zeug hier noch rumliegen, was sie entweder selber aufbewahren sollten oder Loida schmeisst es weg.

„Man könnte einen Flohmarkt machen!“, hat der Gatte gesagt. „Blödsinn, “ sagt Loida,
,, das willst du seit Jahren, und haben wir es einmal geschafft?“

„Früher war ich ständig auf dem Flohmarkt, “ sagt der Gatte, “ und ich hab da echt gut verdient mit dem ganzen Krempel aus dem Geschäft von Manni,  du weisst schon, ich hab dem seine alten Bücher aus dem Laden verkauft, das ging echt gut!“
„Ich weiss, “ seufzt Loida, “ aber da warst du 20 und seitdem hast du nicht einmal mehr einen Flohmarkt besucht!
Wir entrümpeln jetzt und der Kram verschwindet!“

Am Samstag stehen sie also im Keller, der Gatte und Loida.
Ein bisschen graust es ihr. Was wird sie alles finden?
Zuerst rücken sie den alten Kartons zu Leibe. Verpackungen von Fernsehapparaten, Tastaturen, Radios, einem Barttrimmer,…. „man braucht die Schachtel, wenn man das Teil eventuell umtauschen muss“ war der Gedanke…. ab ins Altpapier jetzt damit.
Vergilbte Legokartons,  weg damit. Gibt es die Legosteine dazu überhaupt noch?
Der Gatte findet einen Umzugkarton voller alter Anzüge. „Da pass ich bald wieder rein, die sind massgeschneidert!“
„Willst du schon wieder ne Diät machen, die nicht klappt?  Und dieser räudige Wollmantel?“, fragt Loida entsetzt, “ der müffelt!“
„Ja, aber der war schweineteuer, den kann ich anziehen, wenn ich auf eine Beerdigung muss!“
„Davon gibt es mit zunehmendem Alter sicher immer mehr, “ sagt Loida, „hoffen wir, das es nicht unserer eigene sein wird! Da stopf ich dich dann aber nicht rein, Gatte, wenn du in den Sarg musst, in diesen vermuffelten Mantel!“
Der Gatte schaut grimmig, und verstaut die Kiste wieder in der hinteren Ecke.
Loida öffnet einen Karton: Erinnerungen von Loida,1985 steht da drauf.
Handgeschriebene Briefe von ihrer Freundin A. aus K., sie haben sich bestimmt 2 mal in der Woche  Post zugeschickt, damals. Sie wohnten 200 km auseinander, und kannten sich eigentlich kaum, aber geschrieben haben sie sich über Jahre.Bis Loida geheiratet hat, da hat das dann aufgehört.
Loida entdeckt ein altes Sammeltagebuch, Klassenfahrt nach Berlin. Liedertexte, sie hat Gedichte da reingeschrieben, vom Elend der Welt.
Und daneben klebt Klopapier vom Flughafen Tegel. Steht drauf: Flughafen Tegel. Das ist ja schon fast antikes Klopapier, grinst Loida, vielleicht mache ich mal ne Ausstellung mit Kuriositäten aus meiner Jugend. Die Kiste nimmt nicht viel Platz weg, die kann sie aufheben.
Ein Foto fällt raus.
Ein junger Mann lehnt lässig am Stuhl, mit leichtem Flaumschnauzer und erwachsen hochgezognener Augenbraue lächelt er in die Kamera des Fotografen. Brauner Ringelpullover mit Hemdkragen. Die erste Liebe, ach, wie es dem wohl geht, fragt sich Loida. Ein Zettel fällt raus. „Ich liebe dich, mein Schnäuzelchen, ich vermisse dich, bis nachher!“
Wie sie das gehasst hat, diese Anrede! Aber sie hat nichts gesagt, sie war damals 18, sie dachte, das gehört so. Sei kriegt heute noch eine Gänsehaut vor Scham oder was das für ein komisches Gefühl ist, Schnäuzelchen, mein Schnäuzelchen!
Eigentlich ist sie wütend.
„SCHAAAHAAATZ!!“ tönt aus dem anderem Kramkeller, „kannst du mir mal helfen? Soll ich diese Bildbände auf den Flohmarkt tun?“

„NEIN!“ brüllt Loida. „Vergiss Flohmarkt, alles ins Sozialkaufhaus, und im übrigen: Ich heisse LOIDA! Hörst du? Loida! es hat sich ausgeschatzt und ausgeschnäuzelt, ich bin Loida!“

Und energisch stopft sie die uralten Liebesbezeugungen in die Altpapiertüte.

 

Das Beitragsbild entstammt dem Garten einer Bekannten, die diese Figuren selber herstellt. Sie gefallen mir so gut! Danke, E.!