Loida – „Noch einmal sprechen….“

Es ist für Loida, als sei alles noch ganz nah.Dabei ist es einen ganzen Monat her, das die Mutter gestorben ist. Da ist immer noch dieses Gefühl, wie es war, dabei zu sein, sie, Loida, als letzter Mensch, der Mutters  Hand hielt.
Ein bisschen, denkt Loida, ist es wie eine Geburt, wer weiss, wo die Mutter hingegangen ist, als sie losgelassen hat.
Die letzten Wochen sind an Loida vorbeigerauscht. Die Beerdigung, der Bürokratenkram, das Haus auflösen,… Der Bruder hat geholfen, zum Glück, der ist Anwalt, der kennt sich aus mit sowas.
Einen Abend haben sie im Wohnzimmer gesessen, vor sich eine Schachtel mit Dias.
„Wer braucht denn sowas noch!“ hat der Bruder den Kopf geschüttelt, und wollte alle „komplett in die Tonne kloppen“.
Aber Loida hat sie rausgeholt und jedes einzeln angeschaut. Dias von Ausflügen an den See…. Loida, in einem gehäkelten Badeanzug , wie sie frierend im Wasser steht, die Mutter mit grosser Sonnenbrille und Sonnenhut daneben, lachend.
Loida und der Bruder auf einem Schlitten, der Bruder hält seine kleine Schwester fest, Loida trägt eine Bommelmütze. „Schau“, ruft sie, „diese MÜTZE! Die hab ich so geliebt.“
„Du und deine Bommelmütze!“ lacht der Bruder, “ du hast sie auch im Sommer getragen!“
Und so schauen sie die Bilder an und ein paar davon wird Loida mitnehmen.
„Bestimmt kann man die digitaliseren“, sagt der Bruder.

Und jetzt ist die Mutter schon über einen Monat tot.
Sie fehlt Loida. Auch wenn sie über die Jahre wenig Kontakt hatten, irgendwas fehlt in Loidas Leben. Manchmal muss Loida weinen, wenn sie an die Mutter denkt, und manchmal wünscht sie sich so sehr, das sie sie noch spüren kann, irgendwie. Sie horcht manchmal ganz nah in die Stille,vielleicht hört sie ein leises Summen, in dem die Stimme der Mutter ist.
Es gelingt ihr nicht. Über ihre Trauer mag sie nicht sprechen, eine Freundin hat letztens gesagt: „Jetzt muss mal genug sein mit der Trauerei, schliesslich war deine Mutter schon alt!“
Deshalb behält sie das für sich, dass es noch schmerzt und dass da was fehlt.

Heute fährt sie auf den Friedhof. Auch wenn sie dafür fast zwei Stunden im Auto sitzen wird, sie kann danach auf den Christkindlesmarkt gehen und eine Bratwurst essen, so wie früher, als sie klein war.

Den Friedhofsbesuch hat sie schnell hinter sich gebracht, da hat sie die Mutter auch nicht gefunden.
Und jetzt steht sie am Glühweinstand auf dem Christkindlsmarkt, pustet in ihren Punsch und schaut den Leuten zu, wie sie Bratwurst essen, sich fast am Crepe verschlucken, oder in ihren Glühwein blasen, so wie die Frau da drüben. Irgendwie kommt sie Loida bekannt vor.
Woher nur? Sie kennt in dieser Stadt doch niemanden mehr.

Die Frau dreht sich um. Natürlich, das ist die Krankenschwester, wie hiess sie doch gleich, irgendwas mit S…
Loida fasst sich ein Herz. „Entschuldigung…. Ich weiss nicht , ob Sie sich an mich erinnern, Sie waren mit mir dabei, als meine Mutter gestorben ist.Ich bin Loida L., meine Mutter war Frau B.“
„Natürlich, ich erinnere mich jetzt, entschuldigen Sie, aber ich begegne immer so vielen Menschen…Wie geht es Ihnen? Ist es schwer gewesen in der letzten Zeit für Sie?“
Da merkt Loida, wie sie fast Tränen in die Augen bekommt, so eine Frage mit so einer Wärme hat ihr noch niemand gestellt. Sie schluckt die Tränen runter.
„Ja. Es ist immer noch schwer. Sie fehlt mir. Ich suche sie und kann sie nicht finden, meine Mutter, es gibt Leute, die sagen, sie spüren ihre Verstorbenen noch, hören sie oder sehen sie, aber ich spüre nichts, ich bin nur so unendlich traurig…“, bricht es aus Loida heraus. Warum macht sie das? Sowas tut man nicht. Man erzählt keinem Wildfremden solche Sachen von sich!
Die andere Frau schaut Suska an. „Sprichst du mit andern über deine Mutter? Wie das alles so war?“
„Ach!“ ruft Loida,“ das kann doch keiner mehr hören , dass ich traurig bin!“
„Och,“macht die andere,“ Du sollst ja nicht drüber reden, dass du traurig bist, du sollst erzählen, wie deine Mutter war! Komm, wir gehen da rüber, und trinken einen Chailatte, kennst du das? Sehr lecker! Und du erzählst mir von deiner Mutter! Ich mag  Geschichten! Und dann erzähl ich dir von meiner Mutter! “
Jetzt fällt Loida auch der Name wieder ein, Suska heisst sie, und gerne geht sie mit Suska ins Cafe und probiert Chailatte , was auch immer das ist,…warum nicht…
Und dann haben sie da 2 Stunden gesessen, Loida und Suska, und über ihre Mütter geredet, von den Dingen, an die sie sich gerne erinnern und wie das war, als sie klein waren, und wie das dann war, als sie grösser waren und auch, das die Mütter fehlen, und obwohl schliesslich Loida und Suska „erwachsne, gstandene Weibsn“ sind, wie Suska sagt, wäre es trotzdem schön, wenn da eine Mutter noch wäre, die tröstet, oder wenigstens eine Freundin, bei der man weinen kann, und mit der man lachen kann, und über die Mutter reden kann, die schrecklich genervt hat, damals, aber jetzt schon ziemlich  fehlt.

„Noch einmal sprechen von der Wärme des Lebens“,
Woher kommt denn dieser Satz jetzt zu Loida geflogen? Egal, ein schöner Satz ist das, und als Loida dann heimfährt , mit Suskas Telefonnummer in der Tasche und Zimtgeschmack im Mund von diesem Chailatte, den sie getrunken haben, hat Loida das Gefühl, das sie auf ihren Schultern eine weiche leichte Wärme spürt.
So, als hätte da jemand seine Hand drauf gelegt.

 

Flida- im November

Flida mag den November gar nicht.Wenn es abends so früh dunkel wird, wenn die Bäume blätterlos ihre Äste in den Himmel recken, wenn sie aufsteht und im nebeldunkel zur Arbeit fährt, all das mag sie nicht.
Vor allem sind im November diese Totentage.
Allerheiligen, Allerseelen, der Totensonntag , der Volkstrauertag.
Manchmal , früher, hat sie diese Allerheiligen zelebriert. Sie hat geräuchert  in der Wohnung, sie hat Kerzen aufgestellt, für die Verstorbenen, sie sass allein vor ihrem Kerzenfeuer und schaute in den Garten. Einmal hatte sie das Gefühl , die kommen alle aus dem Gebüsch raus, alle an die sie so gedacht hatte. Da hat sie ihre Jalousien zugemacht, vor lauter Schreck. „Du guckst ja auch zu viele Gruselfilme!“ hatte das Teufelchen geflüstert.
Dieses Jahr hat sie sich was Besonderes vorgenommen: sie geht zu einem Verstorbenenfest mit einer Heilerin, in ihrem Esoterikladen, wo Flida manchmal  ihr Räucherwerk kauft. Da freut sie sich drauf, diese Heilerin sieht auf dem Foto sehr symphathisch aus, ein bisschen indianisch, Flida ist gespannt, was sie erwartet.
Als sie ankommt, sitzen bereits einige Frauen im Halbkreis um die Heilerin herum und plaudern mit gedämpften Stimmen.
Eine Frau fällt ihr besonders auf, sie ist gross und stattlich, ihre langen fast grauen Haare fallen locker auf ihren Rücken, und wenn sie lacht, sieht man ihre weissen Zähne. Und sie lacht gerade sehr laut und fröhlich, ihr Busen wogt dabei. Flida muss unwillkürlich mitlächeln.
Die Heilerin ist in warme Decken gehüllt, um den Kopf trägt sie eine Kapuze, ihre langen schwarzen Haare fallen von ihren Schultern. Wie alt sie wohl ist, denkt Flida.
Alterslos scheint sie ihr.
Die Heilerin schlägt dreimal auf ihre Klangschale. Es wird still.
Dann beginnt sie zu erzählen. Von ihrem Erlebnis, als sie tot war. Von den Seelen, denen sie seitdem begegnet, vom Tod, der nicht böse ist, der ihr keine Angst macht.
Flida gefällt das.
Eine Frau vor ihr nickt immer zustimmend und brummt, und sagt laut:Ja! wenn die Heilerin etwas gesagt hat, was ihr besonders gut gefällt. Und sie zappelt rum und sitzt immer so, das Flida keinen Blick auf die Heilerin werfen kann.Flida sieht immer den breiten Rücken der unruhigen Frau, egal wie sie sich setzt.Das irritiert Flida.

Die Heilerin sagt, dass sie in den Kliniken sehr vielen ruhelosen Seelen begegnet sei, die den Ausgang in die zeitlose Raumlosigkeit noch nicht gefunden haben. Ob jemand wüsste, woran das liegen könnte? Ob das am Morphium liege, das man den Sterbenden geben würde in der heutigen Zeit, weil sie sich dann nicht auf den Tod vorbereiten könnten, sondern gedämpft ihr Leben aushauchen,und dann nicht wissen, was mit ihnen passiert ist?

Da steht die grosse grauhharige Frau auf, und sagt laut und vernehmlich:
„Es liegt sicher nicht am Morphium, denn das sterbenden Schmerzpatienten Morpium gegeben wird, ist eine Gnade. Und wenn es ruhelose Seelen in grossen Ansammlungen in Krankenhäusern gibt, dann liegt das an der heutigen Gesellschaft, die es nicht mehr kann, den Weg zu weisen und Rituale zu machen, die das Weggehen erleichtern können. So. “

Die grosse Frau setzt sich wieder. Flida ist beeindruckt.

Da fragt die unruhige Frau , die vor Flida sitzt:“ Gibt es hier auch welche? Ruhelose Seelen? Bei mir zu Hause ist einer, der kommt immer wieder, ich glaub auch, ich weiss wer das ist. Wie kann ich denn dem den Weg weisen? Ich mochte den nie, das war ein ekliger Kerl und jetzt kommt der mich immer besuchen. “
Ui, denkt Fida, was ist das denn….
Die Heilerin sagt etwas, aber Flida hört nicht zu, sie schaut die grosse schöne Frau an, die leise in sich hineinlächelt.
Sie wirft Flida einen Blick zu, als spüre sie,das Flida schaut und zwinkert Flida zu.
Eine andere Frau erzählt, das sie ihren verstorbenen Vermieter auf dem Klo getroffen habe. Sie habe ihn gefragt, ob er nicht wüsste, das das Klo eine Privatsphäre sei, was ihm einfallen würde, ihr beim Pinkeln zu zugucken. Alle lachen.
„Gut gemacht“, sagt die Heilerin. „Jetzt wenden wir uns aber dem zu, weshalb wir hier sind.“
Und sie zündet Kerzen an und schlägt die Klangschale und spricht ein Gebet in einer Sprache, die Flida angenehm berührt und Flida versinkt in Gedanken, während sie ihre Kerze anschaut. Sie denkt an ihren Vater, wie er in seinem Paddelboot durch die raumlose Zeitlosigkeit gleitet, vor ihm sitzt die Mutter, an die Flida sich kaum erinnert und lächelt zu Flida hinüber. Flida sieht ihre Tante, die so einsam starb, lächelnd an einem Baum stehen und hört die Stimme der Heilerin:
Es ist nur noch Vergebung da und Verstehen. Es gibt keine Schuld . Es ist Frieden.

Flida fühlt sich wohl, warm und geborgen. Wie schön sind diese Bilder, denkt sie.
Die Klangschale holt Flida wieder in die Gegenwart zurück, der Abend ist vorbei. Beim Hinausgehen stösst sie gegen einen Yogafrosch, der auf einer Lotusblumenschale sitzt und verzückt lächelt.
Die grosse schöne Frau grinst Flida zu: „Noch ganz benommen von dem Hokuspokus hier? „fragt sie.“ Ich hoffe bloss, das mir heute im Nachtdienst die ganzen verlorenen Seelen nicht begegnen, denen ich den Weg weisen muss in der Klinik, ich hab genug mit den Lebenden zu tun!“
Flida lacht: „Und ich hoffe, das da keiner bei mir auf dem Klo sitzt, dem ich sagen muss, dass er da bitte nichts zu suchen hat!“

Sie lachen beide, heben die Hand zum Gruss und gehen. Eine nach rechts, die andere nach links.

 

Suska-Im Schwimmbad

Schwimmen tut ihr gut, hat Suska festgestellt.
Die ruhige Bewegung, die gedämpften Geräusche beim Eintauchen ins Wasser, das verschwommene Sehen , wenn der Kopf aus dem Wasser kommt.
Nur kurz, dann taucht sie ihn wieder unter. Sie kann denken beim Schwimmen und muss nicht zählen, wieviele Durchgänge mit welcher Anzahl sie bereits an diesem oder jenem Gerät im Fitnessstudio gemacht hat…
Beim Schwimmen tut sie einfach und lässt denken.
Es kostet am Anfang ein bisschen Überwindung , ins kalte Wasser einzutauchen, aber Suska ist ja diszipliniert, meistens, grinst sie in sich hinein, zumindest jetzt.
Und schon schwimmt ihr schwerer Körper im Wasser des Schwimmbades und fühlt sich ganz leicht an. Die Bahnen sind frei, heute ist nicht viel los. Am Rand eine Schwimmschule, die Kleinen machen ganz ernsthaft ihre Schwimmübungen, ohne Angst, die Mütter sitzen im Cafe und zerwarten die Zeit mit Kaffetrinken.
Das hat Suska früher auch gemacht, mit ihrer Freundin. Bero ist geschwommen, mit dem Sohn der Freundin und die beiden Frauen haben diese freie Stunde genossen. Das war schön, denkt Suska.
Ein älterer Schwimmer kreuzt ihre Bahn. Warum schwimmt der quer, ärgert sich  Suska, wenn ich jetzt schneller schwimme , ramme ich ihn.
Wenn sie untertaucht mit ihrer neuen Schwimmbrille mit den blauen Gläsern, dann sieht sie seinen Bauch über der Badehose und dass er seine Beine bewegt wie ein Hund. Aber sie sieht nur seinen Bauch und nicht seinen Kopf. Das macht ihn abstrakt, genauso wie die Frau, die vor ihr schwimmt, mit ihrem schwarzen Badeanzug , der so Rüschen am Po hat. Auch diese Frau ist etwas dick und strampelt genauso wie der Mann mit seinen Beinen. Wer weiss wie ich von unten aussehe, denkt Suska, immerhin schwimmen wir, und dümpeln mit unseren schweren Körpern nicht nur vor den Düsen, um unsere Muskeln durcharbeiten zu lassen. Ich schaffe heute 35 Minuten , nimmt sie sich vor.

Das blaue Glas der Schwimmbrille verfremdet die Umgebung noch mehr. Die Lichter gehen an, draussen ist es dunkler geworden, das Wasser wirft blaue Blasen.
Nicht an die Hautpartikel denken, die da rumschwimmen, huuuu!
Nein, nein, alles ist schön, alles ist glitzernd, es kommt auf die Sichtweise an.

Suska hatte mal einen Patienten, der sich nie wusch,  ein sehr alter Mann, mit langen wilden weissen Haaren, den sie dann überreden konnte, dass sie ihm wenigstens die Haare bürstet. Er sass am Küchentisch in seiner alten Hütte, und sagte: Wannst moanst, Madl, und als sie die Haare bürstete, stoben goldene Funkeln durch den Sonnenstrahl ,der durchs seit Jahren ungeputzte Fenster fiel.
Goldstaub, Madl, da schaugst! hat der alte Mann gesagt.
Suska muss lächlen. Er musste  dann später ins Heim und sie konnte ihn überreden, das er vorher duscht.
Da hat er gesagt: Dann geh ich wenigstens sauber zum Herrgott nüber.
Er war einen Tag im Heim und dann ist er gestorben. An oiden baam verpflanzt ma net, hat er zu Suska gesagt. I sterb glei, wann i do bin.
Warum erinnnert Suska sich an ihn?
Weil sie so oft Tod erlebt?So oft Sterben? Wie hält sie das aus, hat mal jemand gefragt. Weiss nicht, hat Suska geantworte, das ist eben so.
Der letzte Tod einer Patientin, das war schön. Diese Tochter. Die so ruhig da sass und gefasst war, und am Ende danke gesagt hat. Für alles. Das hört Suska nicht oft. Die Angehörigen sind entsetzt und geben der Pflege die Schuld, das die Eltern oder wer auch immer so leiden mussten. Passiert jedenfalls öfter.
Schluss, Suska schwimmt jetzt, eintauchen , auftauchen, atmen, eintauchen…..
So wie die Tochter, wie hiess sie, Loida L. ,so wäre Suska gerne. So zart und gelockt und feingliedrig, so eine hätte sie vielleicht auch nur gerne als Freundin. Aber das geht nicht. Das macht man nicht.
Warum nicht? Warum eigentlich nicht?
Eintauchen, auftauchen, atmen…..vielleicht sieht sie sie ja noch mal, diese Loida, dann kann sie ja was sagen.
Die 35 Minuten sind rum, ein bisschen noch an die Düsen, wenn sie da jetzt schnell hinschwimmt, kriegt sie einen Platz. Noch sind die Plätze an den Düsen frei.

Loida- mit einem Seufzer

Loida hastet die Treppen hinauf, Station 23 b haben sie ihr am Telefon gesagt, da liegt die Mutter in Zimmer 19. Einen Hirntumor habe sie, haben sie zu Loida  gesagt, und ob sie schnell kommen kann,  es gehe ihr sehr schlecht. Loida hat sich sofort ins Auto gesetzt und  ist die 150 Kilometer zur Mutter gefahren. Es hat alles so gut geklappt die letzten Wochen, der Pflegedienst kam regelmässig, die Mutter hatte sich daran gewöhnt und  auf manche Schwestern sogar richtig gefreut.
Dann wurde ihr öfter schwindlig und sie ist gestürzt, und gestern abend haben sie sie ins Krankenhaus gebracht.
Hirntumor, möglicherweise Metastasen, von einem Primärtumor, ob Loida da was wüsste? Nein, Loida wusste nichts, über Krankheiten hat die Mutter nie gesprochen, das ihr etwas wehtat, konnte sie gut verschweigen. Sie überlegten, ob sie bei der Mutter noch mit Chemotherapie anfangen sollen und Bestrahlungen, und ob die Mutter eine Patientenverfügung habe.
Da war Loida erleichtert, ja, das habe sie, sie habe sie selbst mit der Mutter bei ihrem langen letzten Besuch aufgesetzt, eine Kopie habe sie, die würde sie mitbringen. Und dann hat sich sofort ins Auto gesetzt und ist losgefahren. Sie hat Angst, was wird sie erwarten, wie wird es der Mutter gehen?
Das Krankenhaus ist gross und die Flure sind lang. Am Schwesternstützpunkt auf der Station sitzt eine  Krankenschwester, und diese blickt auf, als sie Loida sieht.

„Ich bin Loida L., die Tochter von Frau B. Kann ich in ihr Zimmer, wie geht es ihr?“
Die Schwester erhebt sich. „Ich bring Sie hin, sie ist leider seit gestern abend nicht mehr richtig wach geworden. Möchten Sie mit dem Doktor sprechen?Ich sag ihm Bescheid , dass Sie da sind.“
Und sie öffnet die Tür zum Zimmer, in dem die Mutter liegt.
Loida erschrickt, die Mutter sieht so winzig aus zwischen den weissen Kissen, die Sonne scheint ihr ins Gesicht, sie hat die Augen geschlossen,der Atem geht rasselnd.
„Ich mach die Jalousien runter“, sagt die Schwester, „die Sonne blendet Sie ja, Frau B.“
Und an Loida gewandt: “ Sie bekommt ausreichend Schmerzmittel von uns, und wenn wir spüren, dass sie unruhig wird, dann geben wir ihr etwas zum Angstlösen. Und wenn Sie Fragen haben, sprechen Sie mich bitte an. Ich betreue Ihre Mutter. Ich bin Schwester Suska. Und ich sag jetzt dem Arzt Bescheid.“

Loida setzt sich auf den Stuhl ,den die Schwester neben das Bett gestellt hat. Diese schmalen Hände, wie kleine Vögel flattern sie auf der Bettdecke. „Mutter, ich bin da, deine Tochter.“ Der Atem der Mutter wird etwas ruhiger, die Augenlider zittern kurz, aber öffnen tut sie die Augen nicht.
Loida nimmt die Hand und betrachtet die Mutter. Sie spürt irgendwie ,das es nicht mehr gut wird, was da im Körper der Mutter passiert, sie spürt irgendwie, das die Mutter sterben wird.
„Sie müssen dir keine Chemo mehr machen, Mutter, und keine Bestrahlungen,  du hast das nicht gewollt, oder? Wir haben darüber gesprochen, wie schön es wird, wenn du friedlich einschlafen kannst, und dass du gesagt hast: 86 Jahre sind genug Zeit fürs Leben, und du willst niemandem zur Last fallen, es reichte schon,dass der Pflegedienst zu dir heimkam, oder, Mutter?“ flüstert Loida.
Die Tür geht auf, der Arzt kommt herein.
Es ist eine Ärztin. Sie bittet Loida vor die Tür. „Haben Sie mit Ihrer Mutter gesprochen, wie sie es am Lebensende haben möchte?“ fragt die Ärztin. „Ja, “ sagt Loida, “ sie wollte keine künstliche Verlängerung, sie wollte friedlich einschlafen.“
„Gut,“ sagt die Ärztin,“der Zustand Ihrer Mutter hat sich in den letzten Stunden rapide verschlechtert, sie hat laut CT einen Tumor im Dickdarm, der nicht erkannt wurde, und Metastasen im Kopf, die den Schwindel verursacht haben. In den letzten Stunden hat sie noch eine Lungenentzündung dazu entwickelt, das steht einer Therapie des Tumors im Wege. Sie hat eine sehr geschwächte Konstituion.Sie wird hier wohl versterben. Es tut mir leid. “
„Ich hab das gewusst, als ich sie gesehen hab, dass sie sterben wird,“ denkt Loida und sagt: „Darf ich hier bleiben?“
„Selbstverständlich!“ sagt die Schwester , und schiebt Loida ins Zimmer zurück. „Solange Sie es wollen.“
Und jetzt sitzt Loida am Bett der Mutter und hört auf ihren rasselnden Atem und das die Schwester gesagt, das das normal sei am Lebensende, dass der Atem sich so schlimm anhört. Und dass sie der Mutter was geben, gegen die Luftnot. Morphium.
Das tropft jetzt langsam in den Schlauch in ihrem Arm und Loida spürt die kalten Hände der Mutter in ihrer Hand. Die Schwestern haben die Mutter eben noch mal frisch gemacht, die durchnässte Bettwäsche gewechselt, das Gesicht sanft abgewaschen.
Loida war berührt davon, mit welcher Behutsamkeit Schwester Suska das Gesicht gewaschen und trockengetupft hat.
Loida denkt an die Geschichten, die die Mutter erzählt hat und an ihre gemeinsamem letzten Wochen, in denen sie der Mutter wieder nahe gekommen ist.
„Das war gut, Mutter“, flüstert sie, „danke dafür“.
Die Tür öffnet sich und die Schwester kommt rein. Sie legt kurz die Hand auf Loidas Schulter. Das tut gut. Es ist so warm, es nimmt ein bisschen den Schmerz.
„Können Sie ein bisschen bleiben,“ fragt Loida.
Die Schwester nickt. „Ihr Atem ist ruhiger geworden,“ sagt sie.
Und es stimmt, das Rasseln hat aufgehört. Die Atemzüge haben längere Pausen. Die Spannung im Körper wird weniger.
Es ist so still im Raum, fast heilig, denkt Loida.
„Gehst du jetzt, Mutter?“ denkt sie. Und schaut auf Mutters Gesicht. Ganz in sich aufnehmen will sie diesen Moment.
Die Mutter macht einen tiefen Atmenzug, einen Seufzer, schliesst die Augen, und der Kopf sinkt auf die Seite. Stille. Nichts mehr.
Loida und die Schwester schauen sich an.
„Sie hat Frieden in sich gehabt!“ sagt Loida,  „das hab ich gespürt.“

„Ja,“ sagt die Schwester,  „weil Sie bei ihr waren. “
Und lächelt.

 

Anmerkung:
Da krieg ich selber ne Gänsehaut jetzt, wenn ich das lese. Es kann so in der Art passieren, das Sterben und das macht keine Angst. Und wir  haben November, da passt diese Geschichte gut rein. Ich schicke meinen Leserinnen und Lesern liebste Grüsse Katrin

Suska-gelbe Rosen und Menschen, die sie nicht vergisst

Der Frühdienst heute hat Suska ziemlich angestrengt, und  die Frage, warum sie Krankenschwester geworden ist, lässt sie weiter nachdenken.
Die Frage ist einfach zu beantworten , es geschah wirklich aus Menschenliebe und Enthusiasmus. Oder Idealismus. Was auch immer.
Und sie hat es nie bereut. Sie ist in ihrem Leben so vielen Menschen begegnet, und hat gelernt, das es in tiefster Verzweiflung immer wieder Licht gibt.
Da waren in dem Seniorenwohnstift, in dem sie ihr FSJ gemacht hat, zwei Ehepaare, die befreundet waren. Kurz hintereinander starben der eine Mann und die andere Frau. Dann haben sich die beiden Überbleibenden gefunden. Der 78 jährige Witwer holte die 86 jährige Witwe zum Essen ab, ins Konzert, ging mit ihr spazieren, und das hat Suska, damals 16 jährig, tief berührt. Diese späte Liebe.
Als sie dann in der Ausbildung war, hatte sie eine Patientin mit schlimmem Brusttumor, Suska hatte sowas nie vorher gesehen, und dachte, was das für Schmerzen sein müssen. Damals war man sparsam mit Schmerztherapie, das hat sich zum Glück geändert. Sie hatte sich damals viel um diese Frau gekümmert, eine Bäuerin aus dem Dithmarscher Land, nicht alt an Jahren, aber gearbeitet hatte sie, das sah man ihren Händen an. Ihr Mann kam sie oft besuchen, und wenn Suska Zeit hatte, haben sie sich unterhalten.
Auf ihrem Nachttisch standen gelbe Rosen. Gelbe satte gefüllte Rosen.
„Die haben wir im Garten“, sagte die Frau, und Suska und sie betrachteten die Rosen, die  im Lichtstrahl, der durch das Fenster fiel, besonders prächtig leuchteten.
„Meine Frau liebt diese Rosen, deshalb bringe ich ihr täglich neue“, hat der Mann erwidert.
„Die sind sehr sehr schön,“ sagte Suska, und sie erinnert sich , dass sie dann auch alle drei geschwiegen haben und die Rosen betrachteten, gemeinsam.
Dann hat Suska frei gehabt, und als sie nach 3 Tagen wieder kam, war die Frau nicht mehr in ihrem Zimmer. „Wo ist sie?“ hat Suska erschrocken gefragt. „Sie ist vorgestern gestorben“, hat die Stationsschwester gesagt, „war besser für sie. Sie hat sehr leiden müssen.“
Suska schwieg, sie war traurig.
„Ach ja, „, sagte die Stationsschwester, „gestern ist der Mann noch mal da gewesen. Der hat was für dich mitgebracht. Im Stationszimmer stehts.“
Im Stationszimmer stand, in einem Marmeladenglas, ein prächtiger Strauss dick gefüllter, schwerer praller gelber Rosen.
Für Suska, danke für die Zuwendung.

Suska: Pflegen und rebellieren, geht das?

„Warum bist du Krankenschwester geworden?“ fragt eine junge Kollegin Suska während der kurzen Pause. Heute ist ein ganz besonders heftiger Frühdienst, Suska betreut 18 Patienten mit einer noch nicht mal 18 jährigen, die ein freiwilliges soziales Jahr macht. Sie muss diesem jungen Mädchen Aufgaben übertragen, von denen sie nicht weiss, ob sie das überhaupt kann.Und weil Suska gewissenhaft ist, und Verantwortung übernimmt, kontrolliert sie immer wieder, ob alles geklappt hat, klar, denn eigentlich sollte eine FSJlerin ZUSÄTZLICH eingeteilt sein, und nicht die Arbeit tun, die eine ausgebildetete Kraft sonst tut. Das sind so Gedanken, die Suska denkt, während sie an ihrer Möhre knabbert. Eigentlich hat sie viel mehr Lust auf ein Salamibrötchen….
Die Frage ihrer Kollegin schreckt sie aus ihren Gedanken hoch.
„Ja, warum,…. mein Satz in der Bewerbung damals war: Ich möchte Krankenschwester werden, weil ich gerne anderen Menschen helfen möchte. Das hab ich dann im Bewerbungsgespräch dann denen auch hingepiepst und gehofft, sie nehmen mich.“
„Haben sie ja auch, Gott sei dank!“, lächelt die junge Kollegin. “ Und es ist toll, dass du noch dabei bist. Aus meinem Kurs, den ich vor 4 Jahren abgeschlossen habe, ist die Hälfte nicht mehr dabei! Viele von denen studieren, Medizin, die haben nur abgewartet, bis sie einen Studienplatz gekriegt haben, und einige machen was total anderes, weil es denen zu viel Belastung ist.“
„Versteh ich“,antwortet Suska, „aus meinem Kurs arbeiten auch nur noch ein paar  aktiv in der Pflege, einer hat nen Betriebsratsposten gekriegt, eine andere ist Pferdewirtin geworden, die nächste vertickt Putzlappen, und manch eine hat vermögend geheiratet. Ich nicht,“ Suska grinst, “ da wäre ich ja zu abhänging vom guten Willen des mir Angetrauten, weisst du, ich arbeite gerne! Und wenn ich dann lese, dass eine grosse Tageszeitung schreibt: Pflegerinnen sind zu nett für die Rebellion,dann kommt mir die Galle hoch!“
Es läutet. Herr S., Zimmer 18 , schon wieder.“Wasser!“ quäkt es durch die Sprechanlage. „Iiich brauch driiiingend Wasser!“
„Ich könnte jetzt rebellisch sitzen bleiben und ihn verdursten lassen, aber dem zeig ich jetzt , wie nett ich bin,“ sagt die Kollegin, „ich komm gleich, kleinen Moment! “
Suska bleibt noch sitzen und denkt, warum dieser Satz in der Zeitung sie so aufregt. Nett sein ist ein dämliches Wort, als erstes. Zweitens, Pflegerinnen : auch keine schöne Berufsbezeichung. Jeder Fabrikarbeiter nennt sich Fachkraft. Warum schreiben die nicht Pflegefachkraft? Oder Altenpflegefachkraft?
Rebellion, klar, sie erlebt das selber, das andere Kollegen sagen: Ach, Betriebsrat, ach Gewerkschaft, die bringen doch nur Unruhe rein, die wollen doch nur mein Geld …Und sie hat selber nicht unbedingt positive Erfahrungen gemacht mit dem Betriebsrat, als es um ihre Fortbildung ging. Unterstützung hat sie nicht bekommen, das fand sie schade.

Aber wie soll die Pflege denn rebellieren? Der Schichtdienst macht zu müde,um auf Rebellionsveranstaltungen zu gehen,  und streiken ist auf vielen Stationen nicht möglich. Ein Kind kann zwar nach Zeitplan geboren werden, trotzdem muss der Kreisssaal besetzt sein, es kommen auch spontan Geburten.
Es gibt Patienten, die Schmerzen haben, die ihre Therpapien brauchen, oder soll sie die Chemo, die für den Menschen lebensrettend scheint, verschieben? „Sorry, wir verschieben ihre Therapie, auf ein paar Wochen weniger Leben kommt es bei Ihnen ja nicht an, wir müssen jetzt rebellieren!“ ?
Geht doch nicht.
Und ein Mensch der stirbt, der braucht dann in dem Moment Beistand , da kann die Rebellierende Krankenschwester nicht sagen:
„Leider keine Zeit, sterben Sie bitte später!“
Was für eine Vorstellung.
Suska hat keine Lösung. Seit 30 Jahren gibt es den Pflegenotstand, seit 30 Jahren geht sie immer wieder auf die Strasse, schwenkt rote Fahnen, trägt T-Shirts mit der Aufschrift: Pflege helfen jetzt! und  sieht darin aus wie ne Nicht-vegane-Moppstonne, aber sie läuft mit, sie ruft laut Parolen , sie trägt Aufkleber: „Wir streiken in Solidarität arbeitend mit“, aber es hat noch nichts genutzt. Es wird gespart, und geredet, und dann schreiben die Zeitungen was von netten Pflegerinnen…..oh- wie wäre es, wenn die alle mal nicht nett wären? Wenn Reporters Mutter nicht geduscht wird und die Hose nicht gewechselt wird, schreibt er dann immer noch „freundlich“:
„Die Pflegerinnen machen endlich Rebellion, Mutter blieb 3 Tage in der Sch… liegen? “
Sicher nicht. Dann schreibt er:
„Menschenverachtendes Verhalten der rebllierenden Pflegekräfte.“
Garantiert.
Die nächsten Glocken. Zimmer 20 . Chemo ist durch, Patientin übergibt sich. Zimmer 21, Patient hat starke Schmerzen.Zimmer eins: „Mein Nachbar hat sich in mein Bett gelegt, bitte , er will da nicht raus!“
Suska grinst. Sie liebt ihre Arbeit. Aber nicht nur, weil sie nett ist.