Loida- Der Sohn

Der BlondeSohn ist wieder da. Der, der die Welt bereist und nie irgendwo zu Hause zu sein scheint. Der, von dem Loida manchmal nur erfährt, wo er sich aufhält, wenn sie die Facewebseite aufmacht und sieht, was er gepostet hat. Oder an welchen Veranstaltungen er teilnehmen wird. Dann freut sie sich zwar, aber manchmal denkt sie, wenn er ihr kurze Nachrichten bloss schreiben würde, das wäre schön.
Aber letzte Woche  hat er sie angerufen und gesagt, das er jetzt ein bisschen in der Heimat bliebe, er habe eine WG gefunden, lauter Musiker, und er würde sie, Loida, gerne in vier Wochen auf ein Konzert mitnehmen. Allerdings wäre das Konzert in B., dieser Metropole 78 km von Loidas beschaulichem Städtchen A entfernt, und er würde dann von C, wo er wohnt, zu ihr nach A kommen und dann könnten sie gemeinsam von A nach B fahren…
Klar, sagt Loida, wir könnten unterwegs was essen gehen, wenn du magst….Ich freu mich.

Als sie ihn am Bahnhof am Konzerttag abholt, regnet es. Es ist grau und dunkel, und viel Verkehr und Loida erkennt die Strassenschilder nicht, sie sieht verflixt schlecht heute.
Es gibt auch kein Restaurant auf dem Weg , und an der Autobahn essen wollen sie nicht. So fahren sie hin und kehren ein Stück wieder um und fahren zurück, weil Loida die Ausfahrten verpasst und die Schilder nicht liest und weil sie so viel reden miteinander im Auto wie ewig nicht mehr. Über das Leben an sich, über Menschen, über Träume und die Liebe.
Sie brauchen doppelt so lang wie die Fahrt normalerweise dauert, aber das macht nichts, sagt der BlondeSohn, wir haben so viel Zeit, und zur Not ess ich dann mein Knäckebrot.
Und als sie in dem Industriegebiet ankommen, in dem das Konzert stattfinden soll, haben sie tatsächlich noch alle Zeit der Welt.

„Wir suchen jetzt ein Restaurant!“ sagt Loida, und stapft los, durch den Regen und die Dunkelheit der beginnenden Nacht.
Ein unbeleuchtetes Schild einer Brauerei, darunter : „Sportlerheim, Gaststätte, warme Küche….“
„Da gibt es bestimmt Pommes für dich!“ sagt Loida.

Das Sportlerheim hat geschlossen. Montag Ruhetag, klar,  wie denn auch nicht! denkt Loida.Obwohl die beleuchteten Weihnachtsbäume im Wind schwanken und sie dachte, es wäre geöffnet.
Sie gehen weiter. Baustellen, Kräne, der Wind pfeift, eine unwirtliche Gegend. In der Ferne am Ende der Strasse ein Schild: „Zum Maibaum-Pub. Wirtschaft“.
„Dahin gehen wir!“ sagt der Sohn.
Durchs  Fenster der Wirtschaft sehen sie in eine Küche, zwei Frauen in weissen Kitteln schwenken Töpfe, aber wo ist der Eingang? Es ist dunkel, der Wind bläst ordentlich, sie gehen ums Haus herum. Ein beleuchteter Biergarten, grelle Lichter, ein Schild über einer Tür: „Do gehts nei!“
Sie treten ein. Innen ist es hell, voller Menschen mit lachenden Stimmen, Geschirr klappert, die Wände sind mit Plastiktannenzweigen geschmückt, rote Kugeln, silberne Sterne, goldene Rehe stehen auf den Tischen…Loida ist keine Freundin vom Kitsch, aber jetzt gilt es, dem Sohn etwas zu essen zu besorgen.
Die Kellnerin begrüsst sie freundlich und der Sohn  fragt, ob sie was mitnehmen können?
Klar,aber wollen sie nicht hier essen? Es gehe ratzi-fatzi , sagt die Kellnerin, und lacht.
Aber gut,sie sagt Bescheid, dass es schnell gehen soll in der Küche.
Sie setzen sich hin, an einen Tisch, an dem ein Mädchen sitzt und eine Suppe löffelt und ein Mann,der lange dünne Haare hat, vor seinem Weissbier sitzt und lebhafte Selbstgespräche führt. Der ist Loida suspekt, der ist sicher nicht viel älter als sie, aber er sieht komisch aus.
„Stammtisch des Gartenvereins Zum  lustigen Kohlrabi“, liest der Sohn auf dem Aufsteller am Tisch, hoffentlich kommen die jetzt nicht und wollen Bier trinken.
Es gibt kroatische Spezialitäten und sie beobachten, wie durch die Durchreiche Platten voller Fleisch und Pommes geschoben werden und wie das Mädchen, welches die Suppe isst, aufspringt und die Platten zu den Tischen trägt.
Loida nimmt ihre Brille ab. Jetzt weiss sie, warum sie so schlecht gesehen hat auf der Autofahrt. Ihre Brille ist total verschmiert. Sie nimmt den Zipfel ihres Pullovers und reibt und haucht auf die Gläser und wischt, aber es verschmiert nur noch mehr.
Da fliegt ein eingepacktes Brillenputztuch vor ihre Nase.
„Damit gehts besser,“ brummt der Mann mit den dünnen Haaren. Loida muss lächeln und der Mann kommt ihr gar nicht mehr so suspekt vor. Und sie sieht tatsächlich besser jetzt durch ihre Brille. Und findet sogar die Plastiktannenzweige gar nicht mehr so hässlich.
Als dann das Essen kommt, und sie mit dem Aluteller in einer Tüte losgehen wollen und dann bemerken, dass sie gar kein Besteck haben und die Kellnerin ihnen  eine Gabel schenkt und sie durch den Wind laufen und feststellen, dass es ein Blödsinn war, nicht in der Wirtschaft zu essen, sondern sich einen Platz suchen zu müssen, wo der Wind nicht so weht und als sie den Platz dann finden, nämlich eine Bank vor dem Sportlerheim, neben den wackelnden Weihnachtsbäumen, und der Sohn sich freut über die Menge an Spätzle und Salat, da fühlt sich Loida froh.
Und sie denkt etwas und weiss wieder nicht , wo er herkommt, dieser Gedanke, denn sie denkt, während sie ihren grossen lachenden warmherzigen Sohn anschaut:
„Es ist nicht wichtig, wieviel Stunden oder Minuten an Zeit ich mit jemandem verbringe. Wichtig ist, wie ich diese Zeit wahrnehme. Wichtig ist, welche Qualität sie hat, diese Zeit.“

Die Gabel haben sie übrigens auf dem Tisch des Sportlerheims abgelegt. „So als Gabelrecyclingkreislauf“ , hat der Sohn gesagt.
Und Loida hat sehr froh gelacht.

Loida – „Noch einmal sprechen….“

Es ist für Loida, als sei alles noch ganz nah.Dabei ist es einen ganzen Monat her, das die Mutter gestorben ist. Da ist immer noch dieses Gefühl, wie es war, dabei zu sein, sie, Loida, als letzter Mensch, der Mutters  Hand hielt.
Ein bisschen, denkt Loida, ist es wie eine Geburt, wer weiss, wo die Mutter hingegangen ist, als sie losgelassen hat.
Die letzten Wochen sind an Loida vorbeigerauscht. Die Beerdigung, der Bürokratenkram, das Haus auflösen,… Der Bruder hat geholfen, zum Glück, der ist Anwalt, der kennt sich aus mit sowas.
Einen Abend haben sie im Wohnzimmer gesessen, vor sich eine Schachtel mit Dias.
„Wer braucht denn sowas noch!“ hat der Bruder den Kopf geschüttelt, und wollte alle „komplett in die Tonne kloppen“.
Aber Loida hat sie rausgeholt und jedes einzeln angeschaut. Dias von Ausflügen an den See…. Loida, in einem gehäkelten Badeanzug , wie sie frierend im Wasser steht, die Mutter mit grosser Sonnenbrille und Sonnenhut daneben, lachend.
Loida und der Bruder auf einem Schlitten, der Bruder hält seine kleine Schwester fest, Loida trägt eine Bommelmütze. „Schau“, ruft sie, „diese MÜTZE! Die hab ich so geliebt.“
„Du und deine Bommelmütze!“ lacht der Bruder, “ du hast sie auch im Sommer getragen!“
Und so schauen sie die Bilder an und ein paar davon wird Loida mitnehmen.
„Bestimmt kann man die digitaliseren“, sagt der Bruder.

Und jetzt ist die Mutter schon über einen Monat tot.
Sie fehlt Loida. Auch wenn sie über die Jahre wenig Kontakt hatten, irgendwas fehlt in Loidas Leben. Manchmal muss Loida weinen, wenn sie an die Mutter denkt, und manchmal wünscht sie sich so sehr, das sie sie noch spüren kann, irgendwie. Sie horcht manchmal ganz nah in die Stille,vielleicht hört sie ein leises Summen, in dem die Stimme der Mutter ist.
Es gelingt ihr nicht. Über ihre Trauer mag sie nicht sprechen, eine Freundin hat letztens gesagt: „Jetzt muss mal genug sein mit der Trauerei, schliesslich war deine Mutter schon alt!“
Deshalb behält sie das für sich, dass es noch schmerzt und dass da was fehlt.

Heute fährt sie auf den Friedhof. Auch wenn sie dafür fast zwei Stunden im Auto sitzen wird, sie kann danach auf den Christkindlesmarkt gehen und eine Bratwurst essen, so wie früher, als sie klein war.

Den Friedhofsbesuch hat sie schnell hinter sich gebracht, da hat sie die Mutter auch nicht gefunden.
Und jetzt steht sie am Glühweinstand auf dem Christkindlsmarkt, pustet in ihren Punsch und schaut den Leuten zu, wie sie Bratwurst essen, sich fast am Crepe verschlucken, oder in ihren Glühwein blasen, so wie die Frau da drüben. Irgendwie kommt sie Loida bekannt vor.
Woher nur? Sie kennt in dieser Stadt doch niemanden mehr.

Die Frau dreht sich um. Natürlich, das ist die Krankenschwester, wie hiess sie doch gleich, irgendwas mit S…
Loida fasst sich ein Herz. „Entschuldigung…. Ich weiss nicht , ob Sie sich an mich erinnern, Sie waren mit mir dabei, als meine Mutter gestorben ist.Ich bin Loida L., meine Mutter war Frau B.“
„Natürlich, ich erinnere mich jetzt, entschuldigen Sie, aber ich begegne immer so vielen Menschen…Wie geht es Ihnen? Ist es schwer gewesen in der letzten Zeit für Sie?“
Da merkt Loida, wie sie fast Tränen in die Augen bekommt, so eine Frage mit so einer Wärme hat ihr noch niemand gestellt. Sie schluckt die Tränen runter.
„Ja. Es ist immer noch schwer. Sie fehlt mir. Ich suche sie und kann sie nicht finden, meine Mutter, es gibt Leute, die sagen, sie spüren ihre Verstorbenen noch, hören sie oder sehen sie, aber ich spüre nichts, ich bin nur so unendlich traurig…“, bricht es aus Loida heraus. Warum macht sie das? Sowas tut man nicht. Man erzählt keinem Wildfremden solche Sachen von sich!
Die andere Frau schaut Suska an. „Sprichst du mit andern über deine Mutter? Wie das alles so war?“
„Ach!“ ruft Loida,“ das kann doch keiner mehr hören , dass ich traurig bin!“
„Och,“macht die andere,“ Du sollst ja nicht drüber reden, dass du traurig bist, du sollst erzählen, wie deine Mutter war! Komm, wir gehen da rüber, und trinken einen Chailatte, kennst du das? Sehr lecker! Und du erzählst mir von deiner Mutter! Ich mag  Geschichten! Und dann erzähl ich dir von meiner Mutter! “
Jetzt fällt Loida auch der Name wieder ein, Suska heisst sie, und gerne geht sie mit Suska ins Cafe und probiert Chailatte , was auch immer das ist,…warum nicht…
Und dann haben sie da 2 Stunden gesessen, Loida und Suska, und über ihre Mütter geredet, von den Dingen, an die sie sich gerne erinnern und wie das war, als sie klein waren, und wie das dann war, als sie grösser waren und auch, das die Mütter fehlen, und obwohl schliesslich Loida und Suska „erwachsne, gstandene Weibsn“ sind, wie Suska sagt, wäre es trotzdem schön, wenn da eine Mutter noch wäre, die tröstet, oder wenigstens eine Freundin, bei der man weinen kann, und mit der man lachen kann, und über die Mutter reden kann, die schrecklich genervt hat, damals, aber jetzt schon ziemlich  fehlt.

„Noch einmal sprechen von der Wärme des Lebens“,
Woher kommt denn dieser Satz jetzt zu Loida geflogen? Egal, ein schöner Satz ist das, und als Loida dann heimfährt , mit Suskas Telefonnummer in der Tasche und Zimtgeschmack im Mund von diesem Chailatte, den sie getrunken haben, hat Loida das Gefühl, das sie auf ihren Schultern eine weiche leichte Wärme spürt.
So, als hätte da jemand seine Hand drauf gelegt.

 

Loida- mit einem Seufzer

Loida hastet die Treppen hinauf, Station 23 b haben sie ihr am Telefon gesagt, da liegt die Mutter in Zimmer 19. Einen Hirntumor habe sie, haben sie zu Loida  gesagt, und ob sie schnell kommen kann,  es gehe ihr sehr schlecht. Loida hat sich sofort ins Auto gesetzt und  ist die 150 Kilometer zur Mutter gefahren. Es hat alles so gut geklappt die letzten Wochen, der Pflegedienst kam regelmässig, die Mutter hatte sich daran gewöhnt und  auf manche Schwestern sogar richtig gefreut.
Dann wurde ihr öfter schwindlig und sie ist gestürzt, und gestern abend haben sie sie ins Krankenhaus gebracht.
Hirntumor, möglicherweise Metastasen, von einem Primärtumor, ob Loida da was wüsste? Nein, Loida wusste nichts, über Krankheiten hat die Mutter nie gesprochen, das ihr etwas wehtat, konnte sie gut verschweigen. Sie überlegten, ob sie bei der Mutter noch mit Chemotherapie anfangen sollen und Bestrahlungen, und ob die Mutter eine Patientenverfügung habe.
Da war Loida erleichtert, ja, das habe sie, sie habe sie selbst mit der Mutter bei ihrem langen letzten Besuch aufgesetzt, eine Kopie habe sie, die würde sie mitbringen. Und dann hat sich sofort ins Auto gesetzt und ist losgefahren. Sie hat Angst, was wird sie erwarten, wie wird es der Mutter gehen?
Das Krankenhaus ist gross und die Flure sind lang. Am Schwesternstützpunkt auf der Station sitzt eine  Krankenschwester, und diese blickt auf, als sie Loida sieht.

„Ich bin Loida L., die Tochter von Frau B. Kann ich in ihr Zimmer, wie geht es ihr?“
Die Schwester erhebt sich. „Ich bring Sie hin, sie ist leider seit gestern abend nicht mehr richtig wach geworden. Möchten Sie mit dem Doktor sprechen?Ich sag ihm Bescheid , dass Sie da sind.“
Und sie öffnet die Tür zum Zimmer, in dem die Mutter liegt.
Loida erschrickt, die Mutter sieht so winzig aus zwischen den weissen Kissen, die Sonne scheint ihr ins Gesicht, sie hat die Augen geschlossen,der Atem geht rasselnd.
„Ich mach die Jalousien runter“, sagt die Schwester, „die Sonne blendet Sie ja, Frau B.“
Und an Loida gewandt: “ Sie bekommt ausreichend Schmerzmittel von uns, und wenn wir spüren, dass sie unruhig wird, dann geben wir ihr etwas zum Angstlösen. Und wenn Sie Fragen haben, sprechen Sie mich bitte an. Ich betreue Ihre Mutter. Ich bin Schwester Suska. Und ich sag jetzt dem Arzt Bescheid.“

Loida setzt sich auf den Stuhl ,den die Schwester neben das Bett gestellt hat. Diese schmalen Hände, wie kleine Vögel flattern sie auf der Bettdecke. „Mutter, ich bin da, deine Tochter.“ Der Atem der Mutter wird etwas ruhiger, die Augenlider zittern kurz, aber öffnen tut sie die Augen nicht.
Loida nimmt die Hand und betrachtet die Mutter. Sie spürt irgendwie ,das es nicht mehr gut wird, was da im Körper der Mutter passiert, sie spürt irgendwie, das die Mutter sterben wird.
„Sie müssen dir keine Chemo mehr machen, Mutter, und keine Bestrahlungen,  du hast das nicht gewollt, oder? Wir haben darüber gesprochen, wie schön es wird, wenn du friedlich einschlafen kannst, und dass du gesagt hast: 86 Jahre sind genug Zeit fürs Leben, und du willst niemandem zur Last fallen, es reichte schon,dass der Pflegedienst zu dir heimkam, oder, Mutter?“ flüstert Loida.
Die Tür geht auf, der Arzt kommt herein.
Es ist eine Ärztin. Sie bittet Loida vor die Tür. „Haben Sie mit Ihrer Mutter gesprochen, wie sie es am Lebensende haben möchte?“ fragt die Ärztin. „Ja, “ sagt Loida, “ sie wollte keine künstliche Verlängerung, sie wollte friedlich einschlafen.“
„Gut,“ sagt die Ärztin,“der Zustand Ihrer Mutter hat sich in den letzten Stunden rapide verschlechtert, sie hat laut CT einen Tumor im Dickdarm, der nicht erkannt wurde, und Metastasen im Kopf, die den Schwindel verursacht haben. In den letzten Stunden hat sie noch eine Lungenentzündung dazu entwickelt, das steht einer Therapie des Tumors im Wege. Sie hat eine sehr geschwächte Konstituion.Sie wird hier wohl versterben. Es tut mir leid. “
„Ich hab das gewusst, als ich sie gesehen hab, dass sie sterben wird,“ denkt Loida und sagt: „Darf ich hier bleiben?“
„Selbstverständlich!“ sagt die Schwester , und schiebt Loida ins Zimmer zurück. „Solange Sie es wollen.“
Und jetzt sitzt Loida am Bett der Mutter und hört auf ihren rasselnden Atem und das die Schwester gesagt, das das normal sei am Lebensende, dass der Atem sich so schlimm anhört. Und dass sie der Mutter was geben, gegen die Luftnot. Morphium.
Das tropft jetzt langsam in den Schlauch in ihrem Arm und Loida spürt die kalten Hände der Mutter in ihrer Hand. Die Schwestern haben die Mutter eben noch mal frisch gemacht, die durchnässte Bettwäsche gewechselt, das Gesicht sanft abgewaschen.
Loida war berührt davon, mit welcher Behutsamkeit Schwester Suska das Gesicht gewaschen und trockengetupft hat.
Loida denkt an die Geschichten, die die Mutter erzählt hat und an ihre gemeinsamem letzten Wochen, in denen sie der Mutter wieder nahe gekommen ist.
„Das war gut, Mutter“, flüstert sie, „danke dafür“.
Die Tür öffnet sich und die Schwester kommt rein. Sie legt kurz die Hand auf Loidas Schulter. Das tut gut. Es ist so warm, es nimmt ein bisschen den Schmerz.
„Können Sie ein bisschen bleiben,“ fragt Loida.
Die Schwester nickt. „Ihr Atem ist ruhiger geworden,“ sagt sie.
Und es stimmt, das Rasseln hat aufgehört. Die Atemzüge haben längere Pausen. Die Spannung im Körper wird weniger.
Es ist so still im Raum, fast heilig, denkt Loida.
„Gehst du jetzt, Mutter?“ denkt sie. Und schaut auf Mutters Gesicht. Ganz in sich aufnehmen will sie diesen Moment.
Die Mutter macht einen tiefen Atmenzug, einen Seufzer, schliesst die Augen, und der Kopf sinkt auf die Seite. Stille. Nichts mehr.
Loida und die Schwester schauen sich an.
„Sie hat Frieden in sich gehabt!“ sagt Loida,  „das hab ich gespürt.“

„Ja,“ sagt die Schwester,  „weil Sie bei ihr waren. “
Und lächelt.

 

Anmerkung:
Da krieg ich selber ne Gänsehaut jetzt, wenn ich das lese. Es kann so in der Art passieren, das Sterben und das macht keine Angst. Und wir  haben November, da passt diese Geschichte gut rein. Ich schicke meinen Leserinnen und Lesern liebste Grüsse Katrin

Loida- Mutter wird vornehm

Loida ist noch ein paar Tage bei der Mutter geblieben.
Ein paar Tage, das ging, aber dann hat Loida gemerkt, das es sie sehr anstrengt, wieder in der Rolle der Tochter zu sein.
Die Mutter hat eine fordernde Art gegenüber Loida, und obwohl sie viel lachen konnten, und Loida durch die Geschichte der Mutter endlich verstehen konnte, warum alles so ist und war, reicht es Loida und sie muss sich eine Lösung überlegen, wie die Mutter weiter versorgt ist.
„Das Dirndl ist schön geworden, ich freue mich da sehr drüber“, sagt Loida am Morgen, „es gibt am Wochenende eine gute Gelegenheit, dass ich es anziehe!“
„Ja?“, fragt die Mutter, “ wieder ein runder Geburtstag?“
„Die Sabine wird 50″, sagt Loida,“es gibt ein Gartenfest.“
„Dann werde ich hier wieder alleine sein,“ sagt die Mutter. Loida meint, einen leisen Vorwurf in der Stimme zu hören. „Wie soll ich das denn machen mit meiner Hand?Alles?“
„Wir organisieren jemand, der kommt und dir hilft!“
„Nein, “ sagt die Mutter entschieden,“ mir kommt niemand Fremdes ins Haus!“
„Ich kann nicht bleiben, „antwortet Loida, “ ich hab gestern Kontakt mit einem Pflegedienst aufgenommen, die würden einmal am Tag kommen und sehen,was sie für dich machen können. Essen und Einkaufen und Saubermachen, und wenn dann mal wieder sowas ist, dass du stürzt, dann hätten wir gleich jemanden , der sich kümmert!“
Die Mutter schaut böse, hinter ihrem Rücken hat Loida das gemacht, das ärgert sie sehr, das spürt Loida. Wieder diese Heimlichkeiten, das denkt die Mutter.
Loida aber weiss, dass es richtig war, sich erst mal zu erkundigen, wie das überhaupt gehen würde, bevor sie mit der Mutter alles diskutiert, Loida möchte schliesslich wieder nach Hause.
Sie sind dann beide in das Büro vom Pflegedienst gefahren, haben mit der Leitung gesprochen, Loidas Mutter hat gesagt, das sie das eigentlich gar nicht will, aber na gut, ihrer Tochter zuliebe macht sie das, und die Pflegedienstleiterin hat wissend  gelächelt.
Jetzt ist Loida seit zwei Wochen zu Hause, sie telefonieren oft und die Mutter hat gefragt, wie das Gartenfest gewesen ist.
Früher hat sie sich nie dafür interessiert, was Loida so macht. Loida freut sich darüber. Und heute hat die Mutter erzählt, das sie den Pflegedienst gar nicht mehr braucht, aber eben weil die so nett sind und Loida zu liebe…..
„Weisst du, “ sagt die Mutter, “ die kommen immer nur und reden mit mir ne halbe Stunde.  Ich hab ne Geselllschafterin jetzt, wie früher die Von und Zu`s auf dem Dorf. Mit dem Unterschied, das jetzt ich die Gesellschafterin habe, und meine Grossmutter die Gesellschafterin war!“ Sie lacht, sehr fröhlich klingt sie.
„Ich komm mir jetzt mal so richtig vornehm vor! “

 

Loida- gestrickt und losgenäht

Am nächsten Morgen sitzt Loida bei der Mutter am Tisch und sagt: „Ich möchte, dass wir zusammen ein Dirndl nähen. Ich hätte gerne eins, und ich hätte gerne eines von Dir genäht.“
Die Mutter macht grosse Augen:“Was? Weisst du, wie lang ich schon nicht mehr genäht habe? “
„Das verlernt man nicht, “ sagt Loida energisch.“Wir fahren in die Stadt zum Nähladen, dann kaufen wir Stoff und dann nähen wir zusammen. Deine Nähmaschine steht immer noch in meinem alten Kinderzimmer, also ! Auf gehts!“
„Aber meine Hand…“ wirft die Mutter ein.
„Egal, das ist die Linke, und nähen tun wir mit rechts!“ widerspricht Loida fröhlich und schiebt die Mutter zur Haustür.
Als sie 3 Stunden später zurückkommen, sind sie vollgepackt mit Schnittmustern und Stoffen und Nähseide und Knöpfen, mit neuen Stecknadeln und einer scharfen Schere.
Sie räumen den grossen Tisch frei, und beginnen alles auszubreiten und die Mutter erklärt Loida, wie sie den Stoff falten muss, und wie eine Schürze gefältet und genäht wird.
Loida erinnert sich, dass das erste,was sie in der Schule nähen musste, eine Schürze war. Hauswirtschaft, hiess das Fach. Die Jungens hatten Werken.
Und ihr fällt ein, dass die Mutter diese Schürze abends nahm und Loidas Nähte sauber aufgetrennt und wieder gerade zusammen genäht hat, weil Loida einfach keine Lust zum Nähen hatte. Und dann hat Loida auf die Schürze eine 2 minus bekommen und die Mutter hat auf die Lehrerin geschimpft, dass die wohl gar keine Ahnung vom Nähen hatte.
Als Loida das der Mutter erzählt, fängt diese sehr an zu lachen.
„Die hatte wirklich keine Ahnung, diese Frau Pangel! Ich weiss das noch!“
Und ganz vergnügt schneiden sie zu, und stecken zusammen, und Loida erzählt der Mutter von dem Wunderknäuel, das sie bekommen hat, weil sie auch stricken lernen musste in“Hauswirtschaft“, und die Mutter erzählt , wie sie Wolle abends aufgerollt hat und zwischendrin Bonbons reinsteckte, damit das Stricken, wenn Loida fleissig stricken würde, sozusagen versüsst wurde.
Und Loida erzählt, wie sie die Bonbons aus dem Knäuel rausgefriemelt hat, weil sie einfach nicht stricken wollte.Aber die Bonbons wollte sie schon.
Und wie die Mutter dann sagte, Loida solle das Knäuel mit den Stricknadeln nachts unter ihr Kopfkissen legen, vielleicht würden Heinzelmännchen kommen und etwas weiterstricken.
Und am nächsten Morgen war der Schal, den sie für die Schule stricken musste, tatsächlich etwas länger geworden, mit ganz geraden Kanten.
Trotzdem gab es auch dafür keine Eins.
Aber Loida glaubte lange an Heinzelmännchen.

„Tja,“macht die Mutter nur,“ so ist das mit Müttern und Heinzelmännchen“. Loida versteht das kaum, weil die Mutter den Mund voller Stecknadeln hat.
„Du hast erzählt , das sich die Tante mal an Stecknadeln verschluckt hat!“
„Ui!“ da fliegen die Nadeln auf den Tisch.“Ja!Und!“ trumpft die Mutter auf, „sie hat sich auch mal mit der Nähmaschine durch die Finger genäht, ha! Das gab ein Geschrei! Also, pass auf, das du den Fuss vom Pedal nimmst, wenn du den Stoff runter legst, unter die Nadel!“

Und los rattert die Nähmaschine über den glatten Seidenstoff, der die Schürze werden wird, und wenn man draussen stehen würde, würde man sie lachen hören und reden, ganz fröhlich, Loida und ihre Mutter.

Loida- Wenn die Mutter ins Erzählen kommt,

Wenn die Mutter ins Erzählen kommt, kann nichts sie aufhalten,scheint es Loida.
Es ist , als wären Schleusen geöffnet. Sie erzählt von der Zeit nach dem Krieg, als der Bruder als vermisst galt. Sie erzählt von den Soldaten, die die kleine Stadt besetzt haben, und sie erzählt von den Toten, die im Fluss trieben. Sie erzählt , das sie sich gewundert hat, als ihre Brüder sie zornig weggeholt haben, von den Soldaten, die sie aufgefordert hatten zu tanzen. „Sie sagten, ich soll da nie wieder hingehen, ich weiss bis heute nicht warum – die waren doch nett zu mir und gaben mir Zucker und Eier!“
Loida denkt, das die Brüder vielleicht gewusst hatten, was passieren hätte können und überlegt, ob  es vielleicht nicht doch passiert ist. Menschen vergessen sowas, weiss Loida. Sie verdrängen. Sie erinnnern sich oft nicht mehr an das allerschlimmste, das sei eine Gnade, weiss Loida.
Sie erfährt von der Mutter, wie der Bruder aus Gefangenschaft zurück kam, fast taub, still und schweigend, aber wie sie sich gefreut haben, dass er wieder da war und wie die Mutter geweint hat und der Vater. Ein Sohn ist zurück, wenigstens der eine, ein anderer ist im Krieg geblieben.
Dann wurden die Zeiten ein bisschen besser, und Ende der fünfziger Jahre ist Loidas Mutter in den Westen gegangen, obwohl sie wusste, das sie die Familie so schnell nicht wieder sehen würde.
Aber die Eltern hatten gesagt: Geh. Damit du es besser hast.
Dann lernte Loidas Mutter Loidas Vater kennen, 15 Jahre älter als sie, Gastwirt.
Sie wurde schwanger und musste bleiben, sie hat ihn heiraten müssen, denn eine ledige Frau, ohne Arbeit! Das ging nicht an, gar nicht! Dabei hätte sie so gerne genäht, sie hatte Ideen für Kleider im Kopf und hat sie gezeichnet und wollte , das sie sie nähen kann. Sie hat Stoffe gemalt und Muster und wollte eine Schneiderlehre beginnen, aber dann , ja, dann hat sie heiraten müssen. Und war fortan Wirtsfrau, mit einem kleinen Kind.
Und dann kam noch eins, und das war Loida, und „das hätts nicht gebraucht“ sagte die Mutter.
Das gibt Loida einen Stich. Sie war nicht gewünscht.
Sie hat das doch immer gespürt!
„Ja, was glaubst du denn, “ sagt die Mutter, “ wie das war! Jeden Tag in der Wirtschaft, Sonntags, wenn die feinen Herrschaften nach dem Kirchgang da rum hockten, jeden Sonntag, jeden Feiertag, es gab kein Weihnachten und kein Ostern und keine Ferien, ich hab mir die Hacken abgerannt, und als ich dachte, das es besser wird, weil der Bub schon gross war, und da bist du gekommen. Das hat wirklich gereicht, jetzt heul nicht , Loida! Jetzt ist es ja rum ums Eck, jetzt haben wir es gut, gell, Loida, jetzt bist du da! Ich bin froh, das du da bist!“
Aber es sticht in Loida, und sie denkt, eigentlich sollte ich dich jetzt hier allein lassen, mit deinem eingebundenen Handgelenk, sieh doch zu, wie du klar kommst.
Andererseits, ändert das was? Die Mutter hatte ein hartes Leben und das sie Loida nicht liebhaben konnte, oder ihr das nicht zeigen konnte-wer weiss, was das alles noch für Gründe hat, die die Mutter nicht erzählen kann.
Loida möchte verstehen, damit sie Ruhe hat vor dieser Traurigkeit aus ihrer Kindheit. Es geht ums Vergeben, ums Verstehen, das spürt sie jetzt, damit Frieden sein kann. In ihr, Loida.
Sie hat ihr Leben gut hingekriegt bis jetzt, sie hat ihren Kindern immer Liebe gegeben, jedenfalls hat sich keins beschwert.
Sie kann auch der Mutter sowas wie Liebe geben, denn Loida ist erwachsen, und Loida versucht zu verstehen.
Morgen wird sie die Mutter nach schönen Dingen fragen, denn die gab es auch, das weiss Loida.
Dann werden sie die guten alten Geschichten ausgraben.
Und eigentlich, denkt Loida, könnten wir morgen auch was richtig Schönes machen!
Und sie weiss auch schon, was.

Loida -die Mutter erzählt

Als Loida und die Mutter das Abendessen mit Wurst und Gürkchen und Butterbroten  in friedlicher Eintracht verspeist haben, wagt Loida eine Bitte zu äussern.
„Mutter,“ sagt sie, „ich werde ein paar Tage hierbleiben. Ich möchte die Zeit nutzen, das du mir erzählst wo ich herkomme und wie du aufgewachsen bist. “
„Hab ich das noch nie erzählt?“ fragt die Mutter. „Nein, “ sagt Loida, “ du hast immer nur Kleinigkeiten erzählt, ich möchte jetzt wissen, was früher war, da mit ich verstehe, warum manches so war, wie es war.“
„Ach, Loida,“ seufzt die Mutter, „das ist doch schon so lange her!“
„Eben“, sagt Loida, “ und deshalb möchte ich deine Geschichte hören! Damit wir sie nicht vergessen!“
„Nu, “ sagt die Mutter, “ dann hol mir mal`n Bier, wenn das unbedingt sein muss, dann versuch ich mal. Aber alles vertell ik di nu nich!“

Loida ist ein bisschen überrascht, das die Mutter so leicht dazu zu bringen ist,  zu sprechen. Sie holt ein Bier, schenkt ein, es gluckert und gurgelt im Glas, auch ein Geräusch, das sie an die Kindheit erinnert, wenn der Vater sich abends zur Ruhe setzte, dann ploppte der Kronkorken und es zischte im Glas, und irgendwie fühlte sich Loida geborgen.

Loidas Mutter erzählt: Meine Mutter E. wurde in Kogel geboren, auf der anderen Seite vom Plauer See, in Mecklenburg. Mein Vater R. wurde in Plau geboren.
Der hatte schon mal ne Familie gehabt.
Seine erste Frau hiess B….. Sie ist an der Grippe gestorben , die nach dem ersten Weltkrieg so ganz scharf gewütet hat in Deutschland und überall.
Und ein Jahr später ist der Sohn gestorben.Die Grabstätte war noch immer in Pxxx.
Opa ist da immer hingegangen.Der hiess ja auch S…..mit Nachnamen, und da lag so ein kleiner Stein,und da stand H…S….drauf.
Ja, H..,…wenn der damals nicht gesstorben wäre an er Grippe, der kleine, dann hätten wir 2 H… gehabt , mein ältester Bruder, den meine Mutter in die Ehe gebracht hat,heisst ja auch H…. Komisch….
Opa war Maurer, ja…aber ein guter (Stolz in der Stimme) Das kann ja nur sein, wenn man S….mit Nachnamen heisst, das man ein Guter ist.
Nee, ist schon so. Die haben ihn auch alle immer zum Arbeiten geholt, weil er so fleissig war.Ja, und dann 45, wurde er auch von den Russen geholt . Die haben ihn vernommen, denn er soll er was eingemauert haben.Dokumente.
Und einmal war er in Rostock zum Arbeiten, da musste er  mit so einem alten Mann Steine verlegen oder was, und die Nazis haben den Alten geprügelt, weil er so langsam war , und da hat mein Vater sich hingestellt, und gesagt, die sollen das lassen, und da haben die gebrüllt, er soll die Fresse halten, sonst kriegt er auch welche aufs Maul. Sonst schiessen die ihn tot.Als der wieder nach Hause kam, war er fertig. Weil er nichts machen konnte für den alten Mann.
Opa musste nicht in den Krieg, weil er zu alt war.Er hat ja den ersten Weltkrieg mitgemacht, aber dafür war er im Volkssturm(1945,) er war Volkssturm Erster, und da hat er und Arndt Püchsener, der hatte schon einen Arm verloren, im Krieg, mit dem ist er an der Eldebrücke gewesen.Die sollte gesprengt werden.Die Soldaten hatten da Sprengstoff gelegt, kurz vor Schluss, vor dem 3.Mai. Das hat Opa durch geschnitten, damit die Brücke nicht gesprengt wird. Leider steht da nicht sein Name , an der Brücke,aber da steht: Plauer Bürger haben das gemacht. Ja. Irgendwie war Opa doch ein Held. War er, ja…. Ja,und in der Gewerkschaft war er.Er hatte eine Urkunde, 25 Jahre Gewerkschaft, im Zimmer hing die, nachher war sie weg. Und da stand drauf:
Einer für alle, Alle für einen.
So ist der Spruch gewesen.Während der Nazi-Zeit konnte er in der Gewerkschaft bleiben, das hat keinen gekümmert.Das musste er nicht verstecken,
Obwohl Plau voll war von Nationalsozialisten. Aber die haben sich zurück gehalten .Die waren auch irgendwie stur, so eingebildet, wenn da so Weihnachtsfeiern waren, dann wurden die beschenkt, vom Frauenverein, wie hiess das- deutscher Frauenbund,…das hat mich geärgert. Dass die auch noch Geschenke kriegen.Ich war als Jungmädchen aktiv, natürlich war ich dabei, das ging gar nicht anders.Aber ich war ja auch erst 10 Jahre alt.Wir haben Sport gemacht, das hat sehr viel Spass gemacht.Wir haben gestrickt, Pulswärmer für die Soldaten,und Schals,in Pakete gepackt, an Weihnachten, abgeschickt an die Front, also sowas haben wir auch alles gemacht. Also,das glaub ich jedenfalls, das das für meine Eltern kein Problem war,das wir da so aktiv dabei waren.Wir waren ja alle aktiv,Meine Brüder, ich…, meine Schwestern. Wir  waren ja zu neunt. Die Jungens haben Musik gemacht. Die haben die Nachbarn verrückt gemacht , mit ihrem Trompetenspiel,…Wir waren ja alle klein, guck mal , ich war 14 fünfundvierzig, als die Russen kamen.Wir hatten alle  solche Angst, das die uns was tun. Man hörte ja so Geschichten. Da hat mein Vater sich was überlegt.
Eingemauert hat er uns.Wenn du so willst. Am Ende vom Hof, vom Garten war ja so eine kleine Mauer und dahinter floss die Elde.Er hat hinter dem Garten zwischen dem Schwienstall an der Stadtmauer einen Verschlag gemacht, alles zugestellt mit Holz,und da war Stroh drin, in dem Raum.Und dann hat er ein Loch geschlagen in die Mauer,das wir da durch konnten, und da wurde so ein Schrank vorgeschoben.Und die kleinsten Jungs waren mit einer alten Frau im Haus im Wohnzimmer, und die Russen haben immer gefragt: Wo Frau, Wo Frau? Die konnten sich das nicht erklären, dass wir nicht mehr da waren, und wo wir waren.Wir waren , glaub ich, über 20 Frauen drin.Die suchten alle Schutz bei meinem Vater.Wenn die Russen dahinter gekommen wären, ich glaub , die hätten meinen Vater auch erschossen.Wir haben das gemerkt, das die Russen da waren, wir waren so still, du hättest da wirklich die berühmte Nadel im Stroh fallen hören.So leise ist das gewesen. Und meine kleinen Brüder , die waren draussen.Mit dieser alten Frau.Der haben die Russen wohl nix getan. Die war wohl selbst für die Russen zu alt. Die sei schon faul und gammelig, haben die Russen gesagt.Furchtbar.Und nach ner Weile haben wir dann gemerkt, wie die Russen auf dem Hof waren und mit der Taschenlampe durch das Holz, weisst du, wenn da so Ritzen sind, wie die da durch geleuchtet haben.Und da kam dann der Schein da rein, aber die konnten das (uns)nicht sehen.Die sind denn wieder abgehauen.Aber weisst du, ich hab in meinem ganzen Leben noch nicht so gezittert und auch nie wieder solche Angst gehabt.Und denn war das ja Sommer, und es war so warm und die Schafe die blökten, und die Kühe haben Lärm gemacht und mussten gemolken werden, und die Schweine, und dieses Geblöke und so, das hör ich immer noch, das war schlimm.Ja, das war keine schöne Zeit, aber irgendwie haben wir die dann doch noch als schön empfunden.Aber wir haben ja trotz allem ne schöne Jugend gehabt, wir hatten ja einen grossen Hof, und das gute war ja, das wir ein eigenes Haus hatten.Wir haben da Höhlen gebaut, und wenn Gewitter war, dann hatten wir so eine Leiter hingelegt, Säcke rauf und da sind wir dann unter gekrochen.Wir waren immer zu dritt, oder nee, zu viert…nein, also ich war vielleicht immer manchmal bisschen böse mit den Gören, aber wenn man da erzieht , dann muss man manchmal bisschen streng sein.Aber das, denk ich, haben sie mir auch nicht so übel genommen.Die sind ja immer noch zu mir gekommen.“

„So, Loida, nu is Schluss!“ die Mutter wirkt erschöpft, es wühlt auch sie ziemlich auf, nicht nur Loida, die das alles gar nicht wusste. „Vielleicht reden wir morgen weiter! Hilfst du mir zum Bett?“
Und Loida hilft dieser zerbrechlichen Frau, die ihre Mutter ist, die Treppen hinauf und hilft ihr ins Bett und denkt, das sie, wenn sie das alles früher gewust hätte, was die Mutter durchgemacht hat, dass sie , Loida,  vielleicht alles anders verstanden hätte. Früher.
Aber es ist wie es ist.
So ist das.

Loida- Abendessen

Loida bleibt bei der Mutter, die sie mit ihrer geprellten Hand nicht allein lassen kann. Sie spürt, dass die Mutter erleichtert ist, das Loida bleibt.
Sie fragt nicht , wie lange Loida bleiben kann.
Loida weiss es auch  nicht, zu Hause wird sie nicht gebraucht, aber hier, da ist es nötig, dass sie sich kümmert.
Loida trägt ihre kleine Tasche in ihr altes Kinderzimmer.
Sie ist sehr lange nicht mehr hier in dem Zimmer gewesen. Wenn sie die Mutter besucht haben, oder auch den Vater, als er noch lebte, haben sie nie übernachtet.
Der Ehemann wollte abends immer gerne wieder zu Hause sein und Loida war es recht, auch wegen der Kinder. Die waren hier immer so unruhig, vielleicht haben sie auch die Spannungen gespürt.
Loida öffnet die Tür ihres alten Kinderzimmers.
Es riecht nach Kindheit.
Die Wand ist immer noch in einem dunkelroten Farbton gestrichen, das Bett steht rechts neben der Tür und auch die Polster, die aus dem Schlafbett ein „Sofa“ machen sollten, sind ordentlich aufgestellt. . Auf den Regalen an der Wand stehen die Bücher, die Loida früher gelesen hat, Hanni und Nanni, Tina und Tini,…Eine Freundschaft bewährt sich,… sie nimmt das Buch in die Hand, das war ihr Lieblingsbuch, sie dachte, das gäbe es schon längst nicht mehr.
Auf dem Stuhl vor dem Schreibtisch sitzt ein alter Bär, ach, Teddy, dich gibts auch noch, und Loida nimmt den Bären auf den Arm und dreht ihn auf den Bauch. Der Bär macht ein Geräusch wie ein Schaf. Mööööhhh…

Sie wird jetzt Abendessen machen, wie in der Kindheit. Da gab es Wurstbrote und Käsebrote mit Gürkchengarnitur, kein Gemüsegratin oder Quiche oder Tarte, wass sie immer für den Ehemann abends kocht, mit einem  gesunden Salat dazu.
Nein, in der Kindheit gab es Brote.
Brote mit Wurst und Käse.Wurst- Schinken, Jagdwurst, Zwiebelmett,….
Manchmal gekochte Eier dazu. Und dazu Fleischsalat. Tomaten gab es selten. Aber Gürkchen aus dem Glas.
Loida wird schauen, was die Mutter an Vorräten hat, und dann wird sie ein Kindheitsabendessen zubereiten, für die Mutter und sich.
Mit Servietten neben den Holzbrettern, wo sie das Besteck mit den Holzgriffen drauflegt, so wie Loida es von der  Mutter gelernt hat.

Loida- Die Mutter

Es ist Sonntag. Loida sitzt gemütlich bei einer Tasse Tee und überlegt, wie sie den Sonntag für sich schön gestalten kann.
Der Ehemann ist unterwegs mit seinem Rennrad, er hat den Sport für sich entdeckt seit ein paar Wochen.
Loida vermutet eine kleinen Lebenskrise hinter dieser Obsession, jeden Tag joggen zu gehen, und am Wochenende mit dem Rennrad in hautenger Montur über die Strassen zu rasen. Hübsch sieht er nicht aus damit, findet sie, aber das kann ja noch werden, denkt sie grinsend.
Auf der anderen Seite findet Loida es gut, dass er beschäftigt ist, dann hat sie ihre Ruhe.

Das Telefon läutet. Es ist ihre Mutter.
Loida hat das letzte Mal länger mit ihr telefoniert, als sie ihr erzählt hat , das sie ein Kleid näht. Da hat die Mutter so reagiert, wie sie das tut, seit Loida denken kann. So, als würde Loida nicht in der Lage sein, irgendetwas richtig zu machen.

Die Mutter klingt verzweifelt, sie sagt, sie sei gestürzt, und der Notarzt sei da gewesen und ob sie, Loida, nicht kommen kann. Loida ist erschrocken, natürlich kann sie kommen. In zwei Stunden wäre sie da, sagt Loida, „Soll ich was mitbringen?“ fragt sie noch, und dann fährt sie los, sie ist sehr in Sorge um die Mutter.
Schliesslich ist die Mutter fast 85 Jahre alt. Sie wirkt zwar immer, wenn sie mit Loida telefoniert, munter und geordnet, aber 85 Jahre, das ist alt, findet Loida, da braucht sie vielleicht jetzt Unterstützung von Loida, auch wenn Loida immer dachte, das sie das umgehen kann.
Sie haben nie das Verhältnis gehabt, das sich Loida gewünscht hat. In der Kindheit ist die Mutter streng gewesen zu Loida.Es gab Regeln und Ordnung. Umarmungen gab es ganz selten, und wenn, dann waren die Arme der Mutter hart und steif. Wenn Loida die Mutter umarmen wollte, dann spürte sie eine Sperre, so, als sei der Mutter die Umarmung unangenehm. Loida hat nie einen Kosenamen von der Mutter gehört, und wenn es liebevolle Momente gab, hat Loida diese gehütet in ihrem Herzen wie einen kostbaren Schatz.
Loida hat als Kind die Freundinnen beneidet, deren Mütter liebevoll und fröhlich waren.

Einmal hatte sie das Glück, als sie nach einem Streit mit der Mutter zu einer Freundin geflüchtet war, weinend, sodass die Mutter der Freundin Loida in den Arm nahm, ihr einen Tee hinstellte und sie erzählen liess. Von der Lieblosigkeit in Loidas Elternhaus, von Loidas Verzweiflung, und von Loidas Traurigkeit.
„Vielleicht,“, sagte die Mutter der Freundin, als Loida geendet hatte,“ vielleicht könnnen deine Eltern nicht anders sein, weil sie es selbst nicht gut hatten, kannst du dir das vielleicht vorstellen? Kann dich das vielleicht ein bisschen trösten?“
Diesen Satz hat Loida sehr bewahrt, und viel darüber nachgedacht. Später, als sie erwachsen war und mit ihrer Mutter über diese für Loida schlimmen Situationen in ihrer Kindheit sprechen wollte, hat die Mutter gelacht und gesagt: „Na, so schlimm wird das schon nicht gewesen sein, aus dir ist schliesslich was geworden!“
Aber das ist jetzt egal, denkt Loida, während sie von der Autobahn runter fährt, die Mutter hat sie jetzt um Hilfe gebeten. Das hat sie noch nie getan und deshalb fährt Loida jetzt zu ihr ohne Groll.
Es sind noch 10 Minuten. Loida fährt durch den Ort ihrer Kindheit, rechts neben ihr die alte Schule, ach ja, die Schulzeit, das ist auch so ein Thema und da ist der Friedhof, auf dem der Vater seit 20 Jahren ist, Loida seufzt laut.
Schluss mit den Sentimentalitäten, sie fährt in die Strasse ein, in der ihr Elternhaus steht, parkt und springt aus dem Auto. Sie klingelt und schliesst die Tür auf. „Mutter, ich bins!“ ruft sie. Aus dem Wohnzimmer hört sie Stimmen, die Mutter liegt auf dem Sofa, die rechte Hand ist eingebunden und neben ihr steht eine andere ältere Frau. „Loida!“ ruft die Mutter, “ das ist meine liebe Loida, meine Tochter!“sagt sie zu der Frau gewandt, „meine liebe liebe Loida!“

Und Loida wird es ganz warm ums Herz.

Loida räumt auf

Es nervt sie seit Monaten- dieses Chaos im Keller. Ständig trägt man was runter, was man nicht mehr brauchen kann, stopft es in irgendeine Ecke vom längst überfüllten Keller, aber es findet sich erstaunlicherweise  immer noch ein Plätzchen, wo man eine Kiste oder eine Tüte oder eine winzigkleine Schachtel reinstopfen kann.

Jetzt hat Loida beschlossen, klar Schiff zu machen. Entrümpeln, wegwerfen,… die Kinder sind erwachsen, die haben bestimmt auch ganz viel Zeug hier noch rumliegen, was sie entweder selber aufbewahren sollten oder Loida schmeisst es weg.

„Man könnte einen Flohmarkt machen!“, hat der Gatte gesagt. „Blödsinn, “ sagt Loida,
,, das willst du seit Jahren, und haben wir es einmal geschafft?“

„Früher war ich ständig auf dem Flohmarkt, “ sagt der Gatte, “ und ich hab da echt gut verdient mit dem ganzen Krempel aus dem Geschäft von Manni,  du weisst schon, ich hab dem seine alten Bücher aus dem Laden verkauft, das ging echt gut!“
„Ich weiss, “ seufzt Loida, “ aber da warst du 20 und seitdem hast du nicht einmal mehr einen Flohmarkt besucht!
Wir entrümpeln jetzt und der Kram verschwindet!“

Am Samstag stehen sie also im Keller, der Gatte und Loida.
Ein bisschen graust es ihr. Was wird sie alles finden?
Zuerst rücken sie den alten Kartons zu Leibe. Verpackungen von Fernsehapparaten, Tastaturen, Radios, einem Barttrimmer,…. „man braucht die Schachtel, wenn man das Teil eventuell umtauschen muss“ war der Gedanke…. ab ins Altpapier jetzt damit.
Vergilbte Legokartons,  weg damit. Gibt es die Legosteine dazu überhaupt noch?
Der Gatte findet einen Umzugkarton voller alter Anzüge. „Da pass ich bald wieder rein, die sind massgeschneidert!“
„Willst du schon wieder ne Diät machen, die nicht klappt?  Und dieser räudige Wollmantel?“, fragt Loida entsetzt, “ der müffelt!“
„Ja, aber der war schweineteuer, den kann ich anziehen, wenn ich auf eine Beerdigung muss!“
„Davon gibt es mit zunehmendem Alter sicher immer mehr, “ sagt Loida, „hoffen wir, das es nicht unserer eigene sein wird! Da stopf ich dich dann aber nicht rein, Gatte, wenn du in den Sarg musst, in diesen vermuffelten Mantel!“
Der Gatte schaut grimmig, und verstaut die Kiste wieder in der hinteren Ecke.
Loida öffnet einen Karton: Erinnerungen von Loida,1985 steht da drauf.
Handgeschriebene Briefe von ihrer Freundin A. aus K., sie haben sich bestimmt 2 mal in der Woche  Post zugeschickt, damals. Sie wohnten 200 km auseinander, und kannten sich eigentlich kaum, aber geschrieben haben sie sich über Jahre.Bis Loida geheiratet hat, da hat das dann aufgehört.
Loida entdeckt ein altes Sammeltagebuch, Klassenfahrt nach Berlin. Liedertexte, sie hat Gedichte da reingeschrieben, vom Elend der Welt.
Und daneben klebt Klopapier vom Flughafen Tegel. Steht drauf: Flughafen Tegel. Das ist ja schon fast antikes Klopapier, grinst Loida, vielleicht mache ich mal ne Ausstellung mit Kuriositäten aus meiner Jugend. Die Kiste nimmt nicht viel Platz weg, die kann sie aufheben.
Ein Foto fällt raus.
Ein junger Mann lehnt lässig am Stuhl, mit leichtem Flaumschnauzer und erwachsen hochgezognener Augenbraue lächelt er in die Kamera des Fotografen. Brauner Ringelpullover mit Hemdkragen. Die erste Liebe, ach, wie es dem wohl geht, fragt sich Loida. Ein Zettel fällt raus. „Ich liebe dich, mein Schnäuzelchen, ich vermisse dich, bis nachher!“
Wie sie das gehasst hat, diese Anrede! Aber sie hat nichts gesagt, sie war damals 18, sie dachte, das gehört so. Sei kriegt heute noch eine Gänsehaut vor Scham oder was das für ein komisches Gefühl ist, Schnäuzelchen, mein Schnäuzelchen!
Eigentlich ist sie wütend.
„SCHAAAHAAATZ!!“ tönt aus dem anderem Kramkeller, „kannst du mir mal helfen? Soll ich diese Bildbände auf den Flohmarkt tun?“

„NEIN!“ brüllt Loida. „Vergiss Flohmarkt, alles ins Sozialkaufhaus, und im übrigen: Ich heisse LOIDA! Hörst du? Loida! es hat sich ausgeschatzt und ausgeschnäuzelt, ich bin Loida!“

Und energisch stopft sie die uralten Liebesbezeugungen in die Altpapiertüte.

 

Das Beitragsbild entstammt dem Garten einer Bekannten, die diese Figuren selber herstellt. Sie gefallen mir so gut! Danke, E.!