Suska – Eine Blume

Leise fällt die Tür hinter Suska ins Schloss. Geschafft. Ein langer Arbeitstag geht zu Ende. Erst der Frühdienst in der Klinik und dann gleich danach der Nebenjob im Pflegedienst. Und trotzdem reicht das Geld kaum, um alles zu finanzieren, was sie sich in ihrer Bescheidenheit leisten möchte. Ein kleiner Urlaub, ein neuer Kühlschrank, die Reparatur des Autos.
Aber sie mag ihren Nebenjob, sie mag es, wenn sie am Nachmittag zu den Patienten nach Hause fährt, um deren Abendmedikamente einzugeben oder ihnen die Stützstrümpfe auszuziehen-das ist keine schwere Arbeit und es bleibt unterm Tun oft Zeit für kleine Gespräche.
Heute muss sie zu Frau F., das Schicksal dieser Frau berührt Suska.
Vor 10 Jahren fuhr sie im Nebel mit ihrem Auto in einen Graben, sie konnte unverletzt aus dem Wrack klettern und dann lief sie über die Strasse um Hilfe zu holen. Leider kam in diesem Moment ein Laster, der Frau F. erfasste.
Seitdem sitzt Frau F. im Rollstuhl und jeden Mittwoch kommt jemad vom  Pflegedienst, um Frau F. zu baden. Sie wird in einen Lifter gesetzt, der sie über die Badewanne schwenkt. Diese Badetage sind für Frau F. besondere Tage, weiss Suska, sie bezieht dann das Bett mit frischer Wäsche und manchmal, wenn Zeit ist, färbt sie Frau F. die Haare. Das wollte sie heute auch, das hatte sie sich vorgenommen, aber als sie  Frau F. aus dem Rollstuhl in den Lifter setzen wollte, hat es geklingelt. Zwei Männer standen vor der Tür, sie kämen vom Sanitätshaus, sie würden das elektrische Bett und den Lifter überprüfen wollen.
„Oh, tut mir leid“, hat Frau F. gesagt, „ich hatte vergessen, Bescheid zu geben, dass es heute etwas länger dauert, weil die Techniker kommen. Aber ich hab Kuchen besorgen lassen, wir können in der Zeit Kaffee trinken!“ , und sie hat Suska bittend angeschaut.
Dann wird es wieder so spät heute, denkt Suska müde, seit um halb fünf ist sie auf den Beinen und jetzt ist es wieder halb fünf. Bis Frau F. gebadet ist, wird es fast sieben Uhr sein. Aber ein Kaffee tut ihr sicher gut jetzt, und so geht sie in die Küche, holt den Kuchen aus dem Kühlschrank und kocht Kaffee.
Frau F. ist heute sehr munter, sie plaudert über das , was ihre Freundinnen ihr am Telefon alles so erzählen, „Diese Männergeschichten! Meine Freundin aus Heidelberg hat zur Zeit zwei Männer, und es ist nicht einfach, den einen nichts vom anderen wissen zu lassen!“
Suska lacht, “ Da hab ich dann  lieber keinen Mann!“ und nimmt einen Schluck Kaffee. „Die Haare färben wir dann nächste Woche, in Ordnung , Frau F.? Es wird sonst heute wieder so spät“.
Frau F. blickt enttäuscht, aber Suska möchte sich nicht erweichen lassen, sie ist wirklich sehr erschöpft heute.

Die Werkstattleute vom Sanitätshaus sind nach einer Dreiviertelstunde fertig, und Suska kann ihre Arbeit tun. Als Frau F. dann in ihrem Pflegebett liegt, der Fernseher eingeschaltet ist, und Suska den Abwasch gemacht hat, ist es bereits fast halb Acht.
Draussen ist es noch hell. Sie lässt die Tür leise ins Schloss fallen, und als sie in der Wohnanlage den Weg zu ihrem Auto einschlägt, kommt ihr der Hausmeister entgegen.
„Geht es Frau F. gut?“ fragt er. „Es ist erstaunlich, das sie das alles so gut meistert, aber das liegt sicher auch ganz viel an Ihrer Hilfe. Ich freu mich immer, wenn Sie kommen, Suska,“ sagt er. “ Ich hoffe, Frau F. ist noch lange so fit, dass sie zu Hause leben kann. Dann sehe ich Sie wenigsten ab und zu!“ grinst er. Suska schaut ihn ein bisschen genauer an, er hat ein sympathisches Gesicht. Braun gebrannt, weil er viel draussen ist, im Mund blitzen sehr weisse Zähne.
Zahnersatz, denkt Suska, und schämt sich gleich, das sie wieder auf so was achtet.
Nicht bewerten! ermahnt sie sich, er  ist doch bestimmt schon 60, da ist es besser, er hat Zahnersatz als braune Stummel!
Der Hausmeister stützt sich auf seinen Rechen. „Ich hab die verblühten Tulpen und Narzissen rausgezupft, jetzt ist wieder Platz für neues. Haben Sie gesehen, wie prachtvoll der Flieder blüht? Die Akeleyen haben auch schon Blüten, und die Pfingstrosen dahinten, was meinen Sie, was das für eine Kaskade an Rosa und Pink  wird, wenn die aufbrechen. Aber Sie sind müde. Ruhen Sie sich aus, Suska, ich mach hier noch ein bisschen weiter. “ Und er packt seinen Rechen, nickt Suska zu: „Bis nächsten Mittwoch?“
Suska hebt die Hand, „Ja“, sagt sie.

Als sie  zu ihrem Auto kommt, klemmt eine leuchtend gelbe Narzisse hinter ihrem Scheibenwischer.
Suska hat auf dem ganzen Heimweg lächeln müssen.

Disturbing the peace

Ein Thema ,das mich nicht loslässt, und über das ich auf Gezeitenwechsel gebloggt habe. Ich habe beim Anschauen des Filmes so vor mich hingedacht, das das Erkennen des Anderen, das sich mit ihm befassen, ein Teil von Frieden schaffen ist. Denn wenn ich ihn er-kenne, ihn verstehe, den Fremden, die Fremde, dann kann ich meine Angst vor ihm kleiner machen oder ganz auflösen. Und dann sind wir ein bisschen näher dran am Weltfrieden.
Ein kleines winziges Stückchen näher, das reicht vielleicht manchmal.

Eine gute Woche. Kat.

Liebe S., ich habe heute einen Film gesehen. Wenn du dich erinnern kannst,war meine SchönsteTochter 2015 in Ramallah, während ihres Studiums, und hatte dort Kontakt mit den Leuten von den combattants for peace, ich hatte darüber geblogt, hier und hier. Über die Combattants for peace wurde jetzt ein Dokumentarfilm gedreht, er heisst : Disturbing the […]

über disturbing the peace — Gezeitenwechsel

Hilde- Träume

Hilde träumt in letzter Zeit viel.

Seit die Tochter wieder weg ist, träumt Hilde,wilde, traurige , manchmal beängstigende Träume.

Und wenn Hilde morgens aufwacht, spürt sie ihren Träumen hinterher und manchmal begleiten sie diese Gefühle, die sie im Traum hatte, den ganzen Tag.

Heute hat sie von Lorenz geträumt.
Sie hat von Lorenz geträumt, der nicht aussah wie Lorenz , aber sie wusste, dass es Lorenz war, und seitdem denkt sie die ganze Zeit an ihn.
Lorenz, den sie vor 35 Jahren kennengelernt hatte. In einer Turnhalle in Kopenhagen, wo sie, Hilde, mit Dauerzugticket und Rucksack hingereist war. Sie schlief in einem  Stockbett und als sie morgens aufwachte, sagte unter ihr jemand mit männlicher Stimme: Good morning.Das war Lorenz.
Und sehr schnell haben sie festgestellt, dass sie nicht englisch miteinander sprechen müssen, und sie sind gemeinsam durch Kopenhagen gelaufen.
Sie waren in Kristiania, sie waren im Lido, sie sind zusammen auf die Frelsers Kirke geklettert, sie  haben im Kino Caligula angeschaut, aber nicht bis zu Ende, der Film war ihnen zu blutrünstig,  und dann sind sie essen gegangen in einem russischen Lokal und haben Tee aus einem Samowar getrunken.
Lorenz hatte eine Freundin und Hilde hatte da schon den Herbert, aber sie haben sich Briefe geschrieben- lange Briefe und manchmal haben sie einander auch besucht.

Obwohl es Herbert gab, hatte Hilde keine Bedenken, sie mochte Lorenz, sie hatte ihn sehr, sehr gern.
Allerdings, wenn sie ihn besucht hatte, fühlte sie sich fremd und kam ihm nie so nahe wie in den Briefen, die sie sich schrieben.
Lorenz führte ein ganz anderes Leben als Hilde, er ging Bergsteigen, er reiste mit seinen Freunden durch die Welt.
Einmal, erinnert sich Hilde, ist Lorenz nach Santorin gefahren mit seinen Freunden, und hat Hilde eine Postkarte geschickt, von den Häusern mit den blauen Dächern.
Lange Zeit war diese Insel ein Sehnsuchtsort für Hilde.
Dann haben sie den Kontakt verloren.
Aber vor fünf Jahren haben sie sich wieder gefunden, über diese Internetseite Fatzebuk.

Und sie ist zu ihm in die GrosseStadt gefahren, weil sie sich sehen wollten.
Er hatte nicht viel Zeit,aber Hilde hat sich auf ihn gefreut.
Herbert hat sie das nicht gesagt, der hätte einen Aufstand gemacht.
Und als sie Lorenz dann sah, war es wie früher. Sie freute sich sehr , ihn zu sehen, aber sie fühlte sich klein in seiner Gegenwart. Dieser bunte Rock, den sie trug,  mit den aufgenähten Spiegeln und ihre derben Stiefel passten nicht zu dem Lokal, in das sie schliesslich gingen, und Lorenz mit seinem Anzug und seinen traurigen Augen, das war alles irgendwie nicht richtig. Nicht echt.
Und als er ihr dann sagte, das er damals so sehr in sie verliebt gewesen ist, da ist Hilde auch traurig geworden.
Warum hast du nichts gesagt? hat sie ihn gefragt, und Lorenz hat gesagt: Ich habe mich nicht getraut. Du schienst glücklich zu sein mit deinem Herbert.
Ich hatte Herzreissen wegen dir, hat Hilde gantwortet, aber dein Leben hat nicht zu meinem gepasst. Aber ich hätte es gerne gehabt,ein Leben mit dir,  hat sie noch hinzugefügt, und dann musste Lorenz weiter, und seitdem hat sie nichts mehr von ihm gehört.

Das ist fünf Jahre her- warum hat sie dann heute so intensiv von ihm geträumt?
So intensiv, dass sie denkt, dass sie ihm schreiben muss, auch wenn er nicht antworten wird?
Sie geht nachdenklich ihren Weg zum Strand hinunter. Wird sie ihm schreiben? Was hat sie zu verlieren? Sie kann ihm schreiben, dass sie an ihn denkt, dass sie sich manchmal die Zeit von damals zurück wünscht, und das sie dann vielleicht manches anders gemacht hätte.
Was, wenn es anders gekommen wäre? Wäre sie glücklich geworden? Hätte sie ihre Scheu gegenüber Lorenz verloren?
Hätte wollte wäre könnte, denkt Hilde, während sie gegen einen Stein tritt. Sand stiebt auf.
Es ist wie es ist! ermahnt sie sich.
Aber diese Sehnsucht lässt sich einfach nicht wegtreten…….

 

 

 

 

 

 

Flida- ein besonderes Buch

Flida hat noch vierzig Seiten zu lesen in dem Buch. Vierzig Seiten übrig in einem Buch, das sie von Anfang an gefesselt und weit fort getragen hat mit seiner Sprache und seinen Wortwellen und seinen Bildern.
Als sie es gekauft hat, hat sie gezögert. Sie hatte einen Gutschein bekommen zu Weihnachten und Gutscheine sind für Flida einmalig-wenn sie sich davon etwas kauft, soll es besonders sein. Und sie wollte nicht irgendein Buch kaufen.
Sie liest zwar viel, aber oft liest sie die Bücher nicht zu Ende, weil sie gelangweilt ist. Dann schimpft das Teufelchen und sagt, sie gibt immer zuviel Geld aus für Zeug, was sie dann langweilt, und deshalb ist sie in die Stadtbücherei gegangen, hat sich Bücher ausgeliehen, aber da ist es dasselbe, sie findet Bücher , die sie lesen will, aber bis zum Schluss gefesselt ist sie dann nicht.

Nun hatte sie also diesen Gutschein und  ist im Buchladen gestanden und hat die Bücher angeschaut. Sie kauft Bücher nach Umschlagbild, genau wie Wein, wenn der ein schönes Etikett hat, kauft sie ihn. Und es gab viele Bücher mit hübschen Umschlägen , aber als sie den Klappentext gelesen hatte, wusste sie, sie würde diese Bücher nicht zu Ende lesen.

Dann ist ihr Blick auf ein Buch mit einem nicht sehr hübschen Umschlag gefallen und lesen kann sie erst mal nur den Namen des Autors. Daniel Kehlmann liest sie,der hat doch die Vermessung der Welt geschrieben, denkt sie, aber gelesen hat sie das Buch nicht.
Das war doch die Geschichte über die Forscher und Mathemathiker, glaubt sie, über diese Weltentdecker, das war für sie ein Männerbuch. Hat sie nicht gelesen.
Und dieses Buch hier?
Das mit der Fratze auf dem Umschlagbild, das sie an ein Bild von Hieronymus Bosch erinnert, wie heisst es?
Sie ist neugierig, und erst beim längerem Betrachten fällt ihr auf, das der Titel des Buches Tyll ist. So komisch geschrieben, dass sie es nicht gleich erkennt.
Es geht um Tyll Ulenspiegel, Till Eulenspiegel, den kennt sie, der stand in ihrer Heimatstadt auf dem Platz vor der Kirche und wenn man ihn am Finger oder am Fuss berührt hat, brachte das Glück. Sie kennt viele Geschichten vom Till Eulenspiegel, der war ein Held ihrer Kindheit, frech und rätselhaft, und er hat zwei Gräber, ein Kindergrab und ein Erwachsenengrab, weil er als Kind auch gestorben ist. Man hat ihn Kopfüber beerdigt, damit er nicht wieder rausklettern kann, meint sie sich zu erinnnern an die alten Geschichten.
Dann wird sie dieses Buch kaufen, vielleicht ist es ein Besonderes , hofft sie.
Es hat dann 4 Tage bei ihr auf dem Wohnzimmertisch gelegen, sie hat keine Zeit gehabt, mit dem Lesen zu beginnen. Aber am Wochenende hat sie sich hingesetzt und angefangen zu lesen.
Und sie ist gefangen von den Geschichten und der Sprache. Sie fühlt mit dem Kind Tyll , ist erschrocken über die Brutalität, mit der er aufwächst, sie wünscht ihm jemanden, der ihn lieb hat und sie  versucht hinter die Geschichten zu blicken, die der Autor vor ihrem Auge malt. Sie riecht die Armut und spürt fast den Hunger in der Zeit des Dreissigjährigen Krieges, in der die Geschichte stattfindet,  sie sieht Tyll auf dem Seil tanzen und sie hört die Trommel schlagen.
Sie hat im Internet nachgeschaut, wie die Zeit damals gewesen ist, ob es den Winterkönig gab, von dem im Buch die Rede ist, und als der Winterkönig im Buch stirbt, muss sie fast weinen, so berührt ist sie von der Sprache und der Melodie der Worte, die der Autor findet.
Sie kann gar nicht davon lassen, weiter zu lesen. Sie nimmt die Geschichte mit ins Bett und nachts träumt sie davon, wie es mit Tyll wohl weiter geht und wie man überlebt hat in diesem Deutschland, wo fast jeder Landstrich eine andere Sprache sprach und es nur eine Mahlzeit am Tag gab, die aus Mehl mit Wasser bestand und wie es ist, durch den Schnee zu stapfen ohne Schuhe. Und dass ein Vagabund , Seiltänzer und Liedersänger Geschichten gebracht hatte, die von der Mühsal ablenken konnten. Und welche Furcht es gab in den Menschen, vor der Dunkelheit, den Wölfen, den marodierenden Banden. Sie denkt über die Worte nach, die sie liest und in ihrem Kopf entstehen Bilder.

Und jetzt hat sie noch vierzig Seiten. Vierzig Seiten und die wird sie nun lesen, ganz in Ruhe. Draussen klopft der Regen ans Fenster und sie ist alleine zu Hause, und wenn sie fertig gelesen ist, dann wird sie dankbar sein, dass sie dieses Buch von diesem Gutschein gekauft hat.
Ein ganz besonderes Buch.

Tyll- Daniel Kehlmann,Rowohlt Verlag, ISBN 9783498035678

Danke an 70 Follower

möchte ich sagen. Ich freue mich , das mein kleiner feiner Blog gelesen wird, das merke ich an den Kommentaren immer wieder. Ich mag meinen Blog, ich mag meine Frauen, denen Geschichten passieren, die eigentlich so alltäglich sind, aber beim Schreiben merke ich immer, wie wichtig mir der Blick auf die kleinen unspektakulären Dinge ist.
Danke fürs Lesen, fürs Kommentieren, fürs Teilen,…
Katrin

Suska-Im Schwimmbad

Schwimmen tut ihr gut, hat Suska festgestellt.
Die ruhige Bewegung, die gedämpften Geräusche beim Eintauchen ins Wasser, das verschwommene Sehen , wenn der Kopf aus dem Wasser kommt.
Nur kurz, dann taucht sie ihn wieder unter. Sie kann denken beim Schwimmen und muss nicht zählen, wieviele Durchgänge mit welcher Anzahl sie bereits an diesem oder jenem Gerät im Fitnessstudio gemacht hat…
Beim Schwimmen tut sie einfach und lässt denken.
Es kostet am Anfang ein bisschen Überwindung , ins kalte Wasser einzutauchen, aber Suska ist ja diszipliniert, meistens, grinst sie in sich hinein, zumindest jetzt.
Und schon schwimmt ihr schwerer Körper im Wasser des Schwimmbades und fühlt sich ganz leicht an. Die Bahnen sind frei, heute ist nicht viel los. Am Rand eine Schwimmschule, die Kleinen machen ganz ernsthaft ihre Schwimmübungen, ohne Angst, die Mütter sitzen im Cafe und zerwarten die Zeit mit Kaffetrinken.
Das hat Suska früher auch gemacht, mit ihrer Freundin. Bero ist geschwommen, mit dem Sohn der Freundin und die beiden Frauen haben diese freie Stunde genossen. Das war schön, denkt Suska.
Ein älterer Schwimmer kreuzt ihre Bahn. Warum schwimmt der quer, ärgert sich  Suska, wenn ich jetzt schneller schwimme , ramme ich ihn.
Wenn sie untertaucht mit ihrer neuen Schwimmbrille mit den blauen Gläsern, dann sieht sie seinen Bauch über der Badehose und dass er seine Beine bewegt wie ein Hund. Aber sie sieht nur seinen Bauch und nicht seinen Kopf. Das macht ihn abstrakt, genauso wie die Frau, die vor ihr schwimmt, mit ihrem schwarzen Badeanzug , der so Rüschen am Po hat. Auch diese Frau ist etwas dick und strampelt genauso wie der Mann mit seinen Beinen. Wer weiss wie ich von unten aussehe, denkt Suska, immerhin schwimmen wir, und dümpeln mit unseren schweren Körpern nicht nur vor den Düsen, um unsere Muskeln durcharbeiten zu lassen. Ich schaffe heute 35 Minuten , nimmt sie sich vor.

Das blaue Glas der Schwimmbrille verfremdet die Umgebung noch mehr. Die Lichter gehen an, draussen ist es dunkler geworden, das Wasser wirft blaue Blasen.
Nicht an die Hautpartikel denken, die da rumschwimmen, huuuu!
Nein, nein, alles ist schön, alles ist glitzernd, es kommt auf die Sichtweise an.

Suska hatte mal einen Patienten, der sich nie wusch,  ein sehr alter Mann, mit langen wilden weissen Haaren, den sie dann überreden konnte, dass sie ihm wenigstens die Haare bürstet. Er sass am Küchentisch in seiner alten Hütte, und sagte: Wannst moanst, Madl, und als sie die Haare bürstete, stoben goldene Funkeln durch den Sonnenstrahl ,der durchs seit Jahren ungeputzte Fenster fiel.
Goldstaub, Madl, da schaugst! hat der alte Mann gesagt.
Suska muss lächlen. Er musste  dann später ins Heim und sie konnte ihn überreden, das er vorher duscht.
Da hat er gesagt: Dann geh ich wenigstens sauber zum Herrgott nüber.
Er war einen Tag im Heim und dann ist er gestorben. An oiden baam verpflanzt ma net, hat er zu Suska gesagt. I sterb glei, wann i do bin.
Warum erinnnert Suska sich an ihn?
Weil sie so oft Tod erlebt?So oft Sterben? Wie hält sie das aus, hat mal jemand gefragt. Weiss nicht, hat Suska geantworte, das ist eben so.
Der letzte Tod einer Patientin, das war schön. Diese Tochter. Die so ruhig da sass und gefasst war, und am Ende danke gesagt hat. Für alles. Das hört Suska nicht oft. Die Angehörigen sind entsetzt und geben der Pflege die Schuld, das die Eltern oder wer auch immer so leiden mussten. Passiert jedenfalls öfter.
Schluss, Suska schwimmt jetzt, eintauchen , auftauchen, atmen, eintauchen…..
So wie die Tochter, wie hiess sie, Loida L. ,so wäre Suska gerne. So zart und gelockt und feingliedrig, so eine hätte sie vielleicht auch nur gerne als Freundin. Aber das geht nicht. Das macht man nicht.
Warum nicht? Warum eigentlich nicht?
Eintauchen, auftauchen, atmen…..vielleicht sieht sie sie ja noch mal, diese Loida, dann kann sie ja was sagen.
Die 35 Minuten sind rum, ein bisschen noch an die Düsen, wenn sie da jetzt schnell hinschwimmt, kriegt sie einen Platz. Noch sind die Plätze an den Düsen frei.

Suska-gelbe Rosen und Menschen, die sie nicht vergisst

Der Frühdienst heute hat Suska ziemlich angestrengt, und  die Frage, warum sie Krankenschwester geworden ist, lässt sie weiter nachdenken.
Die Frage ist einfach zu beantworten , es geschah wirklich aus Menschenliebe und Enthusiasmus. Oder Idealismus. Was auch immer.
Und sie hat es nie bereut. Sie ist in ihrem Leben so vielen Menschen begegnet, und hat gelernt, das es in tiefster Verzweiflung immer wieder Licht gibt.
Da waren in dem Seniorenwohnstift, in dem sie ihr FSJ gemacht hat, zwei Ehepaare, die befreundet waren. Kurz hintereinander starben der eine Mann und die andere Frau. Dann haben sich die beiden Überbleibenden gefunden. Der 78 jährige Witwer holte die 86 jährige Witwe zum Essen ab, ins Konzert, ging mit ihr spazieren, und das hat Suska, damals 16 jährig, tief berührt. Diese späte Liebe.
Als sie dann in der Ausbildung war, hatte sie eine Patientin mit schlimmem Brusttumor, Suska hatte sowas nie vorher gesehen, und dachte, was das für Schmerzen sein müssen. Damals war man sparsam mit Schmerztherapie, das hat sich zum Glück geändert. Sie hatte sich damals viel um diese Frau gekümmert, eine Bäuerin aus dem Dithmarscher Land, nicht alt an Jahren, aber gearbeitet hatte sie, das sah man ihren Händen an. Ihr Mann kam sie oft besuchen, und wenn Suska Zeit hatte, haben sie sich unterhalten.
Auf ihrem Nachttisch standen gelbe Rosen. Gelbe satte gefüllte Rosen.
„Die haben wir im Garten“, sagte die Frau, und Suska und sie betrachteten die Rosen, die  im Lichtstrahl, der durch das Fenster fiel, besonders prächtig leuchteten.
„Meine Frau liebt diese Rosen, deshalb bringe ich ihr täglich neue“, hat der Mann erwidert.
„Die sind sehr sehr schön,“ sagte Suska, und sie erinnert sich , dass sie dann auch alle drei geschwiegen haben und die Rosen betrachteten, gemeinsam.
Dann hat Suska frei gehabt, und als sie nach 3 Tagen wieder kam, war die Frau nicht mehr in ihrem Zimmer. „Wo ist sie?“ hat Suska erschrocken gefragt. „Sie ist vorgestern gestorben“, hat die Stationsschwester gesagt, „war besser für sie. Sie hat sehr leiden müssen.“
Suska schwieg, sie war traurig.
„Ach ja, „, sagte die Stationsschwester, „gestern ist der Mann noch mal da gewesen. Der hat was für dich mitgebracht. Im Stationszimmer stehts.“
Im Stationszimmer stand, in einem Marmeladenglas, ein prächtiger Strauss dick gefüllter, schwerer praller gelber Rosen.
Für Suska, danke für die Zuwendung.

Flida fühlt sich erschöpft

Heute morgen ist Flida aufgewacht mit dem Gedanken: Das schaff ich heute nicht. Ich kann nicht arbeiten gehen. Mir tut alles weh…

Sie ist wirklich erschöpft. Seit Tagen schon. Sie hat wieder mal das Gefühl, sie kämpft an allen Fronten.Der Haushalt und dann noch die Bügelwäsche vom LAT-Gefährten, die er ihr immer brav mitbringt, du bügelst doch gerne, Flida, sagt er. Das stimmt , sie bügelt gerne, aber das heisst nicht, das sie alles für IHN bügeln muss, er kann seine Bürohemden auch in die Reinigung bringen, er verdient doch genug!

Dann in der Arbeit, die jungen Kolleginnen mit ihren Sorgen, Flida hört zu und trocknet Tränen, bringt Kuchen mit und räumt nach Büroschluss den Müll weg, den die jungen Frauen da lassen, weil sie ganz schnell zu ihrem Date müssen.
Die Sorgen ihrer Kinder, aber das, denkt Flida ganz schnell, das will ich auch so, ich will dass sie mir alles erzählen, was sie bedrückt!
Und die Telefonate  mit ihrem Exmann, der dann immer so traurig klingt, aber was geht Flida das an?
Dazu immer ihre Gedanken um Essen und dünner werden und zum Sport MÜSSEN, Joggen gehen MÜSSEN,weniger essen MÜSSEN,  Bewegung  machen müssen, Schritte und Kalorien zählen müssen, immer müssen….Damit sie nicht so dick aussieht.Und so alt wird.
Gestern schon hat sie sich schlapp gefühlt und müde, sie war ganz oft  kurz davor in Tränen auszubrechen. Sie hat fast geweint, als sie Nachrichten hörte. Sie spürte, wie die Tränen in ihre Augen schossen, als sie mit einer Freundin telefoniert hat, die von ihren Kindern sprach. Sie ging durch die Stadt und fühlte sich unglaublich kraftlos. Sie traf eine andere Freundin, die zu ihr sagte: So kenn ich dich gar nicht, du siehst so müde aus! Und auch da hätte sie am liebsten angefangen zu weinen.
Also hat sie heute morgen in der Arbeit angerufen und gesagt, sie bleibt 2 Tage zu Hause. Sie hat Frühstück gemacht für ihre Tochter, ihr ein Liebevolles „Auf Wiedersehen“ zugerufen, als diese zur Schule ging , und hat sich wieder aufs Sofa gelegt. Sie hat 2 Seiten in ihrem Buch gelesen und ist eingeschlafen.
Als sie wieder aufwachte, fühlte sie sich frisch und „erquickt“, dachte sie. „Ich bin erquickt. Vom Schlafe erquickt.“
„Du liest zuviele komische Bücher, wenn dir solche Worte einfallen“, hörte sie das Teufelchen auf ihrer Schultern wispern. „Und wenn du jetzt erquickt bist, kannst du ja arbeiten gehn! Die anderen schuften für dich, und du machst dir einen schönen Tag! Faule Flida!“
Flida zuckt mit den Schultern und hofft, das das Teufelchen vielleicht runterfällt. Aber es sitzt fest und sie spürt, dass es noch mehr Worte sagen will, die Flida nicht hören möchte.

„Halt einfach die Klappe, du dummes Teufelchen! Dieser ganze Mist, den du mir da erzählen willst immer! Von wegen Anstand und man macht nicht  blau und man ist immer fleissig und lässt sich nichts anmerken, man macht und funktioniert….ich hab genug davon!  Ich brauch eine Pause heute. Und morgen auch.
Ein Spaziergang tut jetzt gut. Ein langsamer. Schritt für Schritt.“

Draussen regnet es.
Die Blätter färben sich bunt.

 

Im Sommer am See

Es gibt perfekte Stunden.

Gestern bin ich mit dem grossen Boot auf dem kleinen Auto und der SchönstenTochter neben mir an den See gefahren, sozusagen an Orte ihrer Kindheit.
„Weisst du noch, da an dem Kiosk haben wir immer Eis geholt.“
Den Ort finden, an dem wir das Boot ins Wasser lassen können, sie wusste, wo es geht.
Der See ist spiegelglatt, still, heiss die Luft.
Das gleichmässige rhythmische Eintauchen der Paddel in die Wasseroberfläche. Wir gleiten am Ufer entlang. Stimmen der Badenden dringen zu uns, wir verstehen fast jedes Wort, hören das Lachen der Grossmutter, die versucht , angefeuert von ihrem Enkel, auf dem Surfboard zum Stehen zu kommen. Wir lauschen den Gesprächen der anderen Badenden, und ich reime mir das, was ich nicht verstehe, dazu.

Weisst du noch…Erinnerungen an Familiensonnenuntergänge, aufgeschnittene Fussohlen und Brotzeiten in der Abendsonne. Die SchönsteTochter und ihre Brüder, eingewickelt in Badehandtücher , sich an den Eltern wärmend,…lang ist es her, irgendwie.
Sie spricht von den jungen Leuten , die ein Projekt starten wollen und sie soll ihnen dabei helfen.
„Ja, was bist du denn dann, wenn du von den jungen Leuten sprichst?“ lache ich. „Ich bin nicht mehr ganz jung, “ grinst sie, “ ich hab Erfahrung!“

Picknick am Ufer: “ Davon nehmen wir aber nichts mehr mit heim!“ freut sie sich.

Und wir haben auf den Sonnenuntergang gewartet und wir hatten alle Zeit der Welt.

Und beim Heimfahren haben wir die Autobahn gemieden und sind mit dem grossen Boot auf dem Dach vom kleinen Auto irgendwo durch irgendwelche Dörfer gefahren, irgendwie werden wir heimkommen, wussten wir.

Suska- eine Minute

„Ich wünschte, ich hätte deine Ruhe“, hat gestern eine Kollegin zu Suska gesagt, “ ich wünschte, ich hätte deine Geduld.“
„Warum meinst du, hast du das nicht?“ , fragte Suska.
„Ich kann das nicht, mich ans Bett setzen, und da sitzen und warten, dass er sich beruhigt. Ich denke oft, oh man, lass mir doch meine Ruhe! Ich hab noch soviel zu tun!Und Angst hab ich auch, weil ich oft nicht weiss, was ich tun soll“
„Ich weiss wie das ist,“ hat Suska  geantwortet, „ich kenn das von früher, wenn ich so unsicher war. Und  das eben, da Zeit zu haben und Geduld , da war das nötig- der hatte Todesangst!“
Und die hatte er wirklich, der alte Mann, der plötzlich keine Luft mehr richtig einatmen konnte, weil sein Lunge spastisch war, und weil er sowieso weiss, das er bald sterben muss. Da hat Suska ihm eine Inhalationsmaske gemacht, und hat sich an sein Bett gesetzt und gefragt, ob sie ihre Hand auf seinen Brustkorb legen darf, damit er dahin atmet wo ihre Hand ist.

„Aber Sie müssen fester drauf drücken, ich spüre sie gar nicht!“ hat der alte Mann gerufen und Suskas Hand auf sein Herz gedrückt. “ Da- spüren Sie, wie es klopft, es rast, sie müssen es einfangen!“
„Ja, “ hat Suska gesagt ,“ich werde aufpassen, dass es nicht davon springt, “  und ist am Bettrand sitzen geblieben und und hat mit dem Mann ruhig geprochen, während ihre Kollegin den Stationsarzt holen sollte.
Der aber, wie es oft ist, in der Frühbesprechung war.

Es ist ihr nichts anderes übrig geblieben, als zu warten, zu beruhigen, hinatmen zu lassen und sie erinnerte sich an das, was sie im Palliativkurs gelernt hatte.

Ruhig bleiben, Türen öffnen, freimachen bei dieser Atemangst.

Dem Patienten ging es allmählich besser. „Bitte , gehen Sie nicht weg“ hat er gebeten und Suska hat gelächelt, dass sie dableibt, natürlich bleibt sie da und sie lässt die Hand auf seinem Herzen, wenn er das will.
Er wurde ruhig. Der Arzt kam und ordnete die Medikamente an, die Suska auch hätte geben wollen.
„Was ist mit mir?“ eine klagende Männerstimme aus dem Nachbarbett. „Ich hab auch Schmerzen, wann reiben Sie meinen Rücken ein?“
„Kindergarten!“ dachte Suska, sagte aber:“Mach ich gleich. Ich hole nur noch was, da bin ich auch für Sie da!“
Als sie wenige Minuten später wieder ins Zimmer musste, weil die Infusomaten piepsten ,stand Suska zwischen den Patientenbetten und hat überlegt, was die Ursache für das Gepiepe war.
Da hat sie gespürt, wie von rechts und von links jeweils eine greise Männerhand nach ihren Händen greifen, gleichzeitig, und  beide kranken Männer sagten: „Bitte, gehen Sie nicht weg!“
Suska hat gelacht und gesagt:“Bin ich Mutter Theresia?“  und da lachten die Männer auch und der mit der Atemnnot sagte:“ Sie waren heut mein Lichtblick!“ da hat sich Suska gefreut.
Sie hat später zu ihrer Kollegin gesagt, dass es nicht nötig ist, stundenlang Gespräche zu führen mit den Patienten oder ewig am Bett zu sitzen, es reicht manchmal eine Minute ganze Hinwendung, in Körpersprache und Blicken,ein ehrliches warmes Lächeln,  um dem kranken Menschen zu zeigen: Ich nehme dich ernst, ich bin da.

Da hat ihre junge Kollegin gelächelt  und gesagt:“Das werde ich auf alle Fälle versuchen zu tun! „