Flida- Frühlingserwachen

Jetzt ist es schon wieder fast drei Wochen her, das Flida tanzen war. Und sich, nebenbei, vom LAT-Gefährten getrennt hat. Es geht ihr immer noch gut damit, und sie ist froh, das sie diesen Schritt geschafft hat.

Natürlich hat der LAT ständig angerufen und am Sonntag nach dem Tanzen hat er sie ausgeschimpft und gebrüllt am Telefon, was ihr eigentlich einfällt, ihn da so sitzen zu lassen in MannisMummelbude, was sie glaubt, was seine Kumpels von ihm denken, das er , der LAT, nicht in der Lage sei, seine Frau zur Raison zu bringen (er sagte Resonk!), und was ihr , Flida , eigentlich einfällt , so abzudampfen, mit diesem wackelnden Hinterteil, sie würde schon sehen, was sie davon hat, fehlen würde er ihr, sie solle bloss mal daran denken, wer die ganzen Lampen in ihrer Wohnung angebohrt hat, und wer sich um die Reparatur von ihrem Auto gekümmert hat, das sei er gewesen und sie würde sich noch umgucken!
Das Teufelchen auf Flidas Schulter hat sich vor Schreck in Flidas Haaren vergraben und geflüstert: Leg auf, Flida, sonst weinst du wieder!

Flida hat aufgelegt. Drei Tage später hat der LAT wieder angerufen und war ganz lieb, und hat gesagt, das Flida dieFrau ist, die er immer wollte, und was er besser machen könne, er würde es tun, weil doch Flida ihm fehlt und wer bügelt jetzt seine Hemden und sie hätten es doch schön gehabt und er würde auch mit ihr tanzen gehen, wenn sie es will, was soll er denn bloss tun?

„Mich nie wieder anrufen, das kannst du tun!“ hat Flida gesagt und aufgelegt.
Ein bisschen hat sie geschwankt, ob sie ihm nicht doch noch mal eine Chance geben soll, sie ist schliesslich nicht mehr die Jüngste, sie findet so schnell wieder auch keinen Mann….

Brauchst du denn einen Mann?hat ihre Tochter gefragt, als sie an einem Abend beieinander sassen.

Flida hatte gekocht, es gibtSpaghetti mit angebratenen Knoblauch und Pepperoni und Petersilie und dazu trinken sie Weisswein und sie sitzen auf der Terasse und es ist ein bisschen wie im Sommer.

Flida ist nachdenklich, ein Mann ist schon praktisch, hat sie geantwortet. Er kümmert sich um die Spülmaschine, wenn sie kaputt ist, er kann die Klospülung reparieren und wenn was an meinem Auto kaputt ist, kann er das auch heil machen.

Mama! hat die Tochter gesagt, und entrüstet ihre Gabel zur Seite gelegt, dafür, für sowas, gibt es Werkstätten! Oder das Studentenhilfswerk, deshalb brauchst du keinen Mann!

Da hat Flida gelacht, und gesagt: Aber für in den Arm nehmen, und zu hören, das ich toll bin, dafür ist ein Mann auch fein!
Das hat der LAT nie gemacht, hat die Tochter gesagt und sich eine Gabel Spaghetti in den Mund geschoben. Der hat dir gesagt ,das du dick bist und deine Haare blöd aussehen und dass du abnehmen musst,aber er hat nie gesagt, wie toll du bist!

Am Anfang schon! antwortet Flida, am Anfang fand er mich zauberhaft.

Am Anfang! schnaubt die Tochter. Bis er hatte, was er wollte! Neenee, Mama, der Typ ist jetzt Vergangenheit! Basta!
Und die Tochter ergreift die Flasche Weisswein und schenkt sich und Flida ein:
Weisst du, Mama, ich finde dich toll. Du hast nach der Scheidung dir ein neues eigenes Leben aufgebaut. Du hast eine Arbeit, einen Beruf, der dir Freude macht.Du verdienst dein Geld zum Leben selber. Du hast dir allein ein Auto gekauft, als du genug Geld hattest. Du schaffst es, das deine Kinder tolle Menschen sind und dass wir immer zu dir kommen können, wenn wir traurig sind. Du  bringst die Leute zum Lachen, die mit dir zusammen sind. Du hast immer Zeit für andere, wenn die dich brauchen. Und Mama, du bist die schönste Mama, die ich mir vorstellen kann. Ich hätte dir das schon viel früher sagen müssen, aber besser jetzt als nie! sagt die Tochter, und hebt ihr Weissweinglas und stösst mit Flida an.

Draussen vor der Terrasse spriesst das Gras,der Löwenzahn leuchtet überbordend gelb in der Wiese und die Vögel beginnen ihr abendliches Konzert. Aus dem Ort ertönen Kirchenglocken und das Gezwitscher der Vögel hebt ein abendliches Konzert an.
Flida spürt , wie sich das kritische Teufelchen an ihr Ohr schmiegt und flüstert : Deine Tochter hat recht, du bist die schönste und mutigste Flida, die ich kenne!
Und Flida nickt in ihr Weissweinglas und murmelt:
Stimmt. Ich bin die Schönste und mutigste  Flida , die es gibt!

Flida-Ausromantisiert

Und abends , vor dem Spiegel , als sie ihre hübschen neuen Haare betrachtet, die so hell leuchten im Licht und als sie die neue Wimperntusche aufträgt und den glitzernden Lilafarbenen Lidschatten, denn heute Abend geht der LAT-Gefährte mit ihr aus , da hört sie die Stimme vom LAT-Gefährten hinter sich:
„Schöne Frau, was haben Sie heute vor? Sie sehen zauberhaft aus! Ich würde Sie gerne auf ein Glas Sekt einladen! Und dann mit Ihnen im Mondschein tanzen!“

Da klopft Flidas Herz vor Freude.
Und sie dreht sich schwungvoll um und lacht dem LAT-Gefährten ins Gesicht: „Mondscheinromantik klingt wunderbar!“

Da klingelt es an der Tür und der romantische LAT-Gefährte verschwindet wie ein Dschinn in Flidas Parfümflasche.

„Nanu,“ denkt sie, und öffnet die Tür und da steht der LAT-Gefährte, sowie sie ihn kennt, in ausgebeulten Jeans und schwarzem Pullover, der Autoschlüssel klimpert in seiner Hand und er fragt: „Fertig? Gut siehst du aus! Coole Schuhe!“
Flida hat ihre neuen Samtstiefeletten an, Brokatrot mit goldenen Blumen drauf und ziemlich hoch, sie weiss nicht wie weit sie damit laufen kann, aber zum Tanzen sind die perfekt, das hat sie im Wohnzimmer schon ausprobiert. Dazu trägt sie ein rotes Kleid mit Glitzer drauf,schliesslich wollen sie ja schön ausgehen.
Sie klettert in das hohe Auto vom LAT-Gefährten und fragt: „Wo gehen wir denn heute hin?“
„In Mannis Mummelbude, die Eckkneipe, wo ich mich Mittwochs immer mit meinen Kumpels treffe. Gibt Fussballübertragung, 2. Liga, vielleicht steigt der  2. FC Hollerflicks endlich auf, die spielen gegen den ErstligaClub Wannstatt, das wird da übertragen!“
„Oh!“ macht Flida, „ich dachte wir gehen tanzen!“
„Wie kommst du denn da drauf!“ fragt der LAT-Gefährte , „ich tanze nicht!“
Das Teufelchen zwickt Flida in die Schulter. „Hättest du dir denken können, du mit deiner Romantik!“

Enttäuscht sitzt Flida auf dem Beifahrersitz, die Häuser ziehen an ihr vorbei und sie denkt: „Mannis Mummelbude!Was soll ich da!“

Und später sitzt sie auf dem Barhocker, presst ihre Beine zusammen, weil das Kleid auf einmal so kurz ist, und ihr der Rücken weh tut, sie kann nicht gut auf Barhockern sitzen und der LAT-Gefährte hat sein fünftes Bier vor sich, alkoholfrei hofft sie, und gröhlt mit seinen Kumpels, und sie findet diese Männer so hässlich, mit ihren dicken Bierbäuchen und den braunen Zähnen, und deren Rücksichtslosigkeit, und als der Karlfriedrich, LAT-Gefährtes bester Freund, Flida an den Hintern fasst und sagt: „Was ein Knackarsch, Flida!“da reicht es ihr.
Sie rutscht vom Barhocker runter und zischt: „Du wirst nie wieder einen Blick auf meinen Knackarsch werfen  geschweige denn ihn anfassen, sonst lang ich dir eine! “
Und an den LAT-Gefährten gewandt: “ Das Gleiche gilt für dich! Lebt wohl oder auch nicht!“ und sie dreht sich schwungvoll um und stakst zur Tür.
Diese verdammten Schuhe! Sie will einen erstklassigen Abgang hinlegen, aber das wird schwierig, die Schuhe ist sie einfach nicht gewöhnt.
Doch das Teufelchen zieht an Flidas rechtem Ohr, sodass sie nicht so sehr nach links kippen kann, sondern ziemlich gerade aus der Tür stolziert.

Draussen regnet es und Flida ist auf einmal so müde. Sie merkt, wie sie anfangen könnte zu weinen, aber das möchte sie nicht. Sie möchte stolz sein und nach Hause gehen und den LAT-Gefährten nie wieder sehen !

Auf der anderen Strassenseite ist ein Lokal, das sieht hübsch aus, die Leute, die sie durch die Fenster sieht, lachen und reden miteinander. Sowas würde sie auch gerne tun, da sitzen, ein Glas Wein trinken und sich mit jemandem unterhalten.
„Dann mach das doch!“ flüstert das Teufelchen, „du bist doch extra so hübsch heute!“
„Soll ich wirklich?“ fragt Flida. „Ja, “ macht das Teufelchen und wischt mit seinen behaarten klitzekleinen Fingerchen Flida einen Wassertropfen von der Nase. Vielleicht was es auch eine Träne.
Flida strafft ihre Schultern, und sie schafft es jetzt tatsächlich, ziemlich elegant und ohne zu stolpern über die Strasse zu gehen. Sie öffnet die Tür vom Lokal.
Warme weiche Luft schlägt ihr entgegen, ein paar Leute drehen sich um und lächeln Flida zu.
Ganz hinten in der Ecke sitzt eine Frau , sie hat ein Glas Rotwein vor sich und liest in einem Buch. Ihre langen grauen  Haare fallen weich über ihre Schultern.
Flida hat sie irgendwo schon mal gesehen.
„Darf ich mich zu Ihnen setzen?“ fragt Flida, und die Frau lacht Flida an.
„Natürlich!“ sagt sie und rutscht ein wenig zur Seite.
Und Flida lässt sich in einen weichen Sessel fallen, egal ob das Kleid zu kurz ist, jetzt sitzt sie wenigstens bequem und bestellt sich auch ein schönes Glas Rotwein.
Und sie ist gespannt, was der Abend noch so bringen wird.

 

Flida- Romantik

Flida hat sich verliebt. Verknallt, verliebt, ihr Herz hüpft und sie träumt.

Ein neuer Kollege arbeitet jetzt im Büro, bestimmt zehn Jahre jünger als Flida, und er ist verheiratet . Flida kennt auch seine Frau, aber sie hat gemerkt, dass ihr Herz klopft, als er sie letzte Woche begrüsst hat. Und er hat mit ihr geredet, so freundlich und wertschätzend , und gestern hat er sie angelacht und begrüsst,und ihre Kolleginnen haben zurück gelacht, und gesagt: „Der ist ja so süss!“ aber Flida hat nichts gesagt, und ganz still gewusst, das er sie gemeint hat mit seinem Lachen.
Das Teufelchen auf der Schulter hat geknurrt und gesagt: „Bild dir bloss mal nicht zu viel ein! Was soll der denn von dir wollen?“
Aber Flida will ja gar nicht , das der was von ihr will.

Sie will bloss ein bisschen träumen.

Der LivingApartTogether-Gefährte, ach, dem droht keine Gefahr.
Nur dass Flida sich vorstellt, wie das sein könnte, wenn der HübscheMann, denn hübsch ist er, findet Flida, mit seinen grauen Haaren und seinen leicht schräg stehenden braunen Augen, wenn also der HübscheMann Flida zum Kaffetrinken einladen würde. Dann würden sie sich unterhalten, über wichtige Dinge im Leben, über Musik zum Beispiel, Flida mag Musik, und mit dem LAT-Gefährten redet es sich nicht gut über Musik, der hat bloss seinen Fussball im Kopf.
Vielleicht würde der HübscheMann Flida auch fragen, ob sie mit ihm mal ins Theater gehen würde. Vielleicht lebt er ja in Scheidung, und Flida weiss das nicht. Dann könnte sie gerne mit ihm ins Theater gehen.
Er hätte Stil und würde sich Mühe geben für Flida, weil auch er frisch in Flida verliebt ist. Er würde sagen: „Dein Alter, ach Flida, was spielt denn das für eine Rolle? Du bist die Frau, die ich schon immer gewollt habe!“
Und alleine schon bei diesem Gedanken strafft sich Flida in der Körperhaltung, sie geht gerade, und ihr Gang wird beschwingter und federnd, und sie hört das Teufelchen schimpfen:“ Was wackelst du so mit deinem Hintern, Flida, das sieht albern aus in deinem Alter!“
Da dreht sich Flida einmal um sich selbst, und lacht ganz laut. „Vielleicht ist es albern, sich mit 56 zu verlieben, und zu wissen, das es nie wahr werden wird, aber was ist das Leben ohne Träume?“

Und abends , vor dem Spiegel , als sie ihre hübschen neuen Haare betrachtet, die so hell leuchten im Licht und als sie die neue Wimperntusche aufträgt und den glitzernden Lilafarbenen Lidschatten, denn heute Abend geht der LAT-Gefährte mit ihr aus , da hört sie die Stimme vom LAT-Gefährten hinter sich:
„Schöne Frau, was haben Sie heute vor? Sie sehen zauberhaft aus! Ich würde Sie gerne auf ein Glas Sekt einladen! Und dann mit Ihnen im Mondschein tanzen!“

Da klopft Flidas Herz vor Freude.
Und sie dreht sich schwungvoll um und lacht dem LAT-Gefährten ins Gesicht: „Mondscheinromantik klingt wunderbar!“

Hilde- was, wenn sie dageblieben wäre

Ich habe überlegt, wie es Hilde gehen würde, die ja, nachdem sie im Zoo so unmöglich von ihrer Familie behandelt wurde und daraufhin nach Frankreich ausgebüxt ist, wie es gewesen wäre, wenn Hilde nicht zurückgekommen wäre.
Hilde ist also auf dem Campingplatz in Frankreich, lauscht den Wellen, geht am Strand spazieren und kommt innerlich zur Ruhe.
Morgens geht sie in den kleinen Laden, tauscht ein Lächeln mit dem Ladenbesitzer oder seiner Frau, kauft sich ein Croissant und sitzt dann auf ihrem Campingstuhl vor dem kleinen Mobilehome, trinkt einen Kaffee und schaut den anderen Leuten beim Campingleben zu. Sie betrachtet ihre gesammelten Muscheln , die sie auf einem Handtuch ausgebreitet hat, sie wird später noch mehr Muscheln sammeln.
Aber vorher, beschliesst sie gerade, ruft sie zu Hause bei Herbert an.
Das gebietet ihr ihre Loyalität, er ist ihr Mann und soll wissen, wie es ihr geht. Ihre Tochter weiss , wo sie ist, das hat sie ihr gesagt, und Hilde weiss auch, das Herbert gut versorgt ist vom Pflegedienst, aber selber mit Herbert hat sie noch nicht gesprochen.
Hilde geht in die Telefonzelle an der Campinplatzrezeption und wählt ihre heimische Telefonnummer..
Es tutet, dann ein Klick und eine ausländisch klingende Stimme fragt: „Wärrr bittä?“
Wahrscheinlich die Pflegerin, denkt Hilde, und sagt:“Hallo, meinen Mann hätte ich gerne, Herbert!“
„Ah, gutt, Härrbaärrt, Momänt , bittä!“
„JA?“, tönt es grimmig aus dem Hörer.
„Herbert? Ich bins, Hilde, ich wollte dir nur sagen, mir geht es gut!“
„Wo bist du?“ brüllt es aus dem Hörer, „Was machst du? Hast du einen anderen ? Ich bin mir sicher, du hast einen anderen Mann! Sonst wärest du nicht weggegangen, du Schlampe! Du hast schon immer nach den anderen Männern geguckt! Gib es zu, du gehst fremd!“
“ Herbert,! “ sagt Hilde. „Hör auf sowas zu denken! Ich bin hier, um mal zu Ruhe zu kommen!“
„Aber du hast andere Männer!“
„Nein, Herbert, der einzige Kontakt mit einem Mann ist der , wenn mir der Bäcker morgens das Croissant gibt!“
„WUSSTE ICH ES DOCH!“ brüllt Herbert, “ du hast einen andern Mann!“
„Ach Herbert, “ seufzt Hilde,“ lassen wir das. Du weisst, das du dir was zurecht spinnst, und deine Eifersucht halte ich sowieso nicht mehr aus. Mach es gut!“
Und während sie auflegt, hört sie, wie am anderen Ende der Leitung der Herbert weiter wütet ud brüllt und seine Stimme immer ferner und leiser wird.

Sie muss nicht mehr nach Hause, denkt sie,  sie kann hier bleiben. Sie kann ihre Freundin bitten, ihre Papiere zu schicken. Sie kann nach Arbeit fragen, und sie kann fragen, ob sie da weiter wohnen bleiben kann in dem Campinghäuschen. Sie kann auch Croissants verkaufen. Sie kann Führungen in Kirchen machen, für die deutschen Urlauber, sie hat doch mal Kunstgeschichte studiert, 3 Semester, damals.
Sie kann auch fragen, ob sie auf dem Campingplatz arbeiten kann, putzen oder an der Rezeption.
Sie kann französisch lernen.
Sie muss französisch lernen, und das schafft sie auch.
Sie kann Animateurin werden dort, mit Kindern kann sie gut, sie kann die Kinder beaufsichtigen.
Hilde verlässt die Telefonzelle und marschiert zur Rezeption.
Die Madame, die den Campingplatz leitet, blickt von ihrer Zeitung auf. „Bonjour! Vous desirez?“
„ähm,…. “ macht Hilde und atmet tief durch, jetzt muss sie  es sagen, „ähm, alors, also, je cherche un job, je veux reste ici, la, dans le camping, et je veux travaille beaucoup, jàime travaille, ach, gott ist das schwer…..“
„Nä nä“, lacht da die Madame, „du musst dich nich so anstrengen , nä, du kannt ok Dütsch mit mir schnacken. Ik bin von Hamburch!“
Da muss Hilde lachen.

Was anderes zu beginnen ist gar nicht so schwer!

Loida räumt auf

Es nervt sie seit Monaten- dieses Chaos im Keller. Ständig trägt man was runter, was man nicht mehr brauchen kann, stopft es in irgendeine Ecke vom längst überfüllten Keller, aber es findet sich erstaunlicherweise  immer noch ein Plätzchen, wo man eine Kiste oder eine Tüte oder eine winzigkleine Schachtel reinstopfen kann.

Jetzt hat Loida beschlossen, klar Schiff zu machen. Entrümpeln, wegwerfen,… die Kinder sind erwachsen, die haben bestimmt auch ganz viel Zeug hier noch rumliegen, was sie entweder selber aufbewahren sollten oder Loida schmeisst es weg.

„Man könnte einen Flohmarkt machen!“, hat der Gatte gesagt. „Blödsinn, “ sagt Loida,
,, das willst du seit Jahren, und haben wir es einmal geschafft?“

„Früher war ich ständig auf dem Flohmarkt, “ sagt der Gatte, “ und ich hab da echt gut verdient mit dem ganzen Krempel aus dem Geschäft von Manni,  du weisst schon, ich hab dem seine alten Bücher aus dem Laden verkauft, das ging echt gut!“
„Ich weiss, “ seufzt Loida, “ aber da warst du 20 und seitdem hast du nicht einmal mehr einen Flohmarkt besucht!
Wir entrümpeln jetzt und der Kram verschwindet!“

Am Samstag stehen sie also im Keller, der Gatte und Loida.
Ein bisschen graust es ihr. Was wird sie alles finden?
Zuerst rücken sie den alten Kartons zu Leibe. Verpackungen von Fernsehapparaten, Tastaturen, Radios, einem Barttrimmer,…. „man braucht die Schachtel, wenn man das Teil eventuell umtauschen muss“ war der Gedanke…. ab ins Altpapier jetzt damit.
Vergilbte Legokartons,  weg damit. Gibt es die Legosteine dazu überhaupt noch?
Der Gatte findet einen Umzugkarton voller alter Anzüge. „Da pass ich bald wieder rein, die sind massgeschneidert!“
„Willst du schon wieder ne Diät machen, die nicht klappt?  Und dieser räudige Wollmantel?“, fragt Loida entsetzt, “ der müffelt!“
„Ja, aber der war schweineteuer, den kann ich anziehen, wenn ich auf eine Beerdigung muss!“
„Davon gibt es mit zunehmendem Alter sicher immer mehr, “ sagt Loida, „hoffen wir, das es nicht unserer eigene sein wird! Da stopf ich dich dann aber nicht rein, Gatte, wenn du in den Sarg musst, in diesen vermuffelten Mantel!“
Der Gatte schaut grimmig, und verstaut die Kiste wieder in der hinteren Ecke.
Loida öffnet einen Karton: Erinnerungen von Loida,1985 steht da drauf.
Handgeschriebene Briefe von ihrer Freundin A. aus K., sie haben sich bestimmt 2 mal in der Woche  Post zugeschickt, damals. Sie wohnten 200 km auseinander, und kannten sich eigentlich kaum, aber geschrieben haben sie sich über Jahre.Bis Loida geheiratet hat, da hat das dann aufgehört.
Loida entdeckt ein altes Sammeltagebuch, Klassenfahrt nach Berlin. Liedertexte, sie hat Gedichte da reingeschrieben, vom Elend der Welt.
Und daneben klebt Klopapier vom Flughafen Tegel. Steht drauf: Flughafen Tegel. Das ist ja schon fast antikes Klopapier, grinst Loida, vielleicht mache ich mal ne Ausstellung mit Kuriositäten aus meiner Jugend. Die Kiste nimmt nicht viel Platz weg, die kann sie aufheben.
Ein Foto fällt raus.
Ein junger Mann lehnt lässig am Stuhl, mit leichtem Flaumschnauzer und erwachsen hochgezognener Augenbraue lächelt er in die Kamera des Fotografen. Brauner Ringelpullover mit Hemdkragen. Die erste Liebe, ach, wie es dem wohl geht, fragt sich Loida. Ein Zettel fällt raus. „Ich liebe dich, mein Schnäuzelchen, ich vermisse dich, bis nachher!“
Wie sie das gehasst hat, diese Anrede! Aber sie hat nichts gesagt, sie war damals 18, sie dachte, das gehört so. Sei kriegt heute noch eine Gänsehaut vor Scham oder was das für ein komisches Gefühl ist, Schnäuzelchen, mein Schnäuzelchen!
Eigentlich ist sie wütend.
„SCHAAAHAAATZ!!“ tönt aus dem anderem Kramkeller, „kannst du mir mal helfen? Soll ich diese Bildbände auf den Flohmarkt tun?“

„NEIN!“ brüllt Loida. „Vergiss Flohmarkt, alles ins Sozialkaufhaus, und im übrigen: Ich heisse LOIDA! Hörst du? Loida! es hat sich ausgeschatzt und ausgeschnäuzelt, ich bin Loida!“

Und energisch stopft sie die uralten Liebesbezeugungen in die Altpapiertüte.

 

Das Beitragsbild entstammt dem Garten einer Bekannten, die diese Figuren selber herstellt. Sie gefallen mir so gut! Danke, E.!

Roya- von der Suche nach Liebe

Roya sitzt wieder vor ihrem Laptop und hat die Online Partner Börse aufgerufen, in der sie seit etwa 5 Monaten auf Anraten einer Freundin ein Profil erstellt hat.

„Das ist ne tolle Börse, echt!“ hat die Freundin gesagt, „da hab ich meinen Partner kennengelernt und die Freundin meiner Schwester im Norden hat ihren da getroffen und die sind mittlerweile verheiratet!Und jetzt kriegen sie ein Baby!“
Naja, denkt Roya, ein Baby will ich nicht, aber jemand, der mal nett zu mir ist und der mir sagt, dass ich schön bin, oder wenigstens hübsch, und der mal mit mir zum Essen geht, oder so…. Sie träumt in ihren Bildschirm hinein.

Ihre 18 jährigen Zwillinge hat sie alleine gross gezogen, es war schwierig, und ohne die Hilfe ihrer Mutter oder ihrer Freundinnen hätte sie für ihren Lebensunterhalt kaum sorgen können. Der Vater der Kinder hat immer Zicken gemacht mit Unterhaltszahlungen, er war arbeitslos oder depressiv und den Unterhalt einfordern übers Jugendamt, das wollte sie irgendwie nicht.
Und so hat sie sich dann eben abgekämpft, für ihre Kinder. Jetzt ist es leichter. Die anstrengenden Jahre scheinen vorbei zu sein, sie hat jetzt , neben Arbeit, Haushalt, Kindern, dem kranken alten Vater, wieder ein bisschen mehr Zeit für sich. Zeit , die sie manchmal vor dem Laptop verbringt, sich die Bilder der Männer in dem Online-Portal anschaut.
Manche sind ganz attraktiv, findet sie.Denen schreibt sie auch. Manchmal kommen eindeutige Angebote zurück, darauf hat sie aber wirlich keine Lust, und manchmal entwickelt sich auch ein angenehmer Austausch. Mehrmals hat sie sich auch getroffen mit ihnen, unverbindlich, das war ihr wichtig, keine schnelle Nummer in der Dunkelheit! Gebracht hat es ihr nichts, nur ein schales Gefühl bleib zurück. So verletzte Typen, so hilflose, traurige Gestalten oft.

Aber hat sie wirklich Lust, wieder einen von diesen Heinis zu treffen, die entweder nur „das eine“ wollen oder sie zutexten, wie schlimm sich ihre Exfrau verhalten hat, und wie sehr sich danach sehnen, eine wirkliche Partnerin zu haben, die zu ihnen steht, ihnen den Rücken stärkt…“und ihre Socken zusammenlegt und ihre Hemden bügelt, pah!“

Roya schaltet den Laptop aus, sollen doch diese verwundeten Männerherzen sich wen anders suchen-sie steht dafür nicht zur Verfügung.