Suska – Pfingstrosen

Als Suska heimkommt an diesem anstrengenden Tag, hört sie Stimmengewirr aus der Küche und Lachen. Bero hat Besuch, sie feiern ihre fast bestandenen Abiturprüfungen, denkt sie.
Die Narzisse fest in der Hand geht sie in die Küche. Bero rollt Pizzateig aus, die Freundin rührt in der Tomatensosse und die Küche ist voller Schüsseln mit Oliven und Gemüse.
„Hallo, Mama,“ sagt Bero, „Wir machen Pizza, magst du dann auch ein Stück? Oh, eine Narzisse,… selbst gepflückt oder von einem Verehrer?“ fragt er und zwinkert mit dem rechten Auge. Das kann er gut, findet Suska, das macht ihn schelmisch.
„Natürlich ein Verehrer!“ zwinkert sie zurück, , „ich hab es nicht nötig, mir selber Blumen zu pflücken!“
Sie setzt sich noch kurz an den Tisch, erfährt von Beros Freunden, wie das Matheabitur gelaufen ist, dass wohl jemand die Originale geklaut hat, und sie die Ersatzprüfungen schreiben mussten, und dann zieht sich zurück. Sie ist wirklich sehr müde. Die Narzisse hat sie in ein Wasserglas gestellt und mit in ihr Zimmer genommen.
Dort liegt sie jetzt auf dem Bett und denkt an den Gärtner.
Ob sie das nächste mal auch ein bisschen was von sich erzählen soll? Ob sie ihn fragen soll, wie er das macht, das die Pfingstrosen so üppig blühen? Ob sie sich an seine blitzend-weissen grossen Zähne gewöhnen kann? Er ist ein bisschen kleiner als sie, was er wohl anhat, wenn er nicht arbeitet? Wie sieht er ohne grüne Latzhose aus? Ist ein Gärtner reich? Hat sie nicht einen reichen Mann verdient, der ihr diese Geldsorgen mal abnimmt? Und mit ihr in Urlaub fährt? Kann sie sich den Gärtner auf einem Kreuzfahrtschiff vorstellen, in der Luxussuite, mit ihr Champagner trinkend, und dann  zippelt er womöglich andauernd an dem üppigen Blumenstrauss herum, den der Kapitän des Luxusliners für Suska in die Suite gestellt hat?
Doch dann wird der Gärtner seekrank und während er sich über die Reling beugt, um sich zu erleichtern, verschwindet sein Zahnersatz in den Tiefen des Ozeans….

Am nächsten Morgen hat Suska Frühdienst und während sie ihren Kittel anzieht, denkt sie darüber nach, was sie nächste Woche, wenn sie den Gärtner wieder treffen wird, mit ihm beredet und  dann wird sie auch genau hinschauen, ob er wirklich viel kleiner ist als sie und ob das nicht doch funktionieren könnte mit einem Treffen ausserhalb der Arbeit.

Am Nachmittag steht Suska im Supermarkt, die Schlange an der Kasse ist lang. Vor ihr steht eine Frau mit grünen Gummistiefeln, auf denen lila Krokodile leuchten, und packt Unmengen Tomaten auf das Laufband. „Ich koche Tomatensosse ein, “ sagt sie zu Suska, und „Hei! Du! Wie gehts? Hast du dich gefreut gestern?“
Es ist Flida, die Frau, mit der sie vor einiger Zeit tanzen war, das war ein so schöner Abend gewesen, erinnert sich Suska.
„Hallo , Flida“, sagt sie, „wie schön dich zu sehen. Worüber soll ich mich gefreut haben?“
„Über die Narzisse am Scheibenwischer natürlich, “ lacht Flida, “ ich hab dein Auto gestern bei mir vor der Anlage parken sehen, und der Gärtner war dabei, alles, was nicht mehr in diese Jahreszeit passt, rauszurupfen und so hab ich die Blume gepflückt, und dir ans Auto geklemmt. Vielleicht hat sie bei dir ein bisschen mehr Überlebens-Chancen, hab ich mir so gedacht!“
Suska ist ziemlich verdattert, da macht sie sich solche Gedanken, ob der Gärtner ihr Avancen macht und ist hin und her gerissen, ob ihr das gefällt, und dann kommt der Blumengruss von einer verrückten Flida mit grünen Krokodilgummistiefeln.
Suska überlegt, ob sie lachen soll oder ob sie enttäuscht ist, aber dann lacht sie, und sagt: „Ich dachte, das sei der Gärtner gewesen! Der hat so nett mit mir geplaudert, ich dachte der will mich anmachen, weil er mich so toll findet und mich verehrt!“ und sie lacht und lacht.
Flida grinst: „Der würde eine Blume vielleicht an einen Porsche stecken,wenn er wüsste, das das Auto einem knackigen Typen gehört! Aber nett ist er,das stimmt. Und trotzdem- Suska! Wenn ein Mann dir eine Blume ans Auto stecken will, weil er dich verehrt, sollte er das Auto mit einem ganzen Bukett schmücken! Das bist du mindestens Wert! Nicht nur eine einsame abgezupfte Narzisse!“
Und Flida packt ihre Tomaten in einen Korb und sagt: „Ich muss los! Und wenn du wieder in der Gegend bist, wo die Blume an deinem Scheibenwischer gesteckt hat, dann klingel doch bei mir! Ich koch uns dann Nudeln mit Tomatensosse!“
Und sie dreht sich schwungvoll um und stapft in ihren grün-lila Gummstiefeln davon. Dabei  schwenkt sie den Tomatenkorb wie ein Trophäe.
„Bis bald!“ ruft sie noch und ist verschwunden.
Suska muss immer noch lachen.
Warum eigentlich nicht ein Bukett voller Blumen. Rosen mit Freesien, oder einen prächtigen Strauss Pfingstrosen, genau.
Da drüben in dem Blumenladen kann sie sich welche kaufen, das ist sie sich eigentlich wert, denkt sie. Und Nudeln mit Tomatensosse klingt gut. Nächsten Mittwoch. Vielleicht sind die Pfingstrosen dann schon aufgeblüht.

Suska – Eine Blume

Leise fällt die Tür hinter Suska ins Schloss. Geschafft. Ein langer Arbeitstag geht zu Ende. Erst der Frühdienst in der Klinik und dann gleich danach der Nebenjob im Pflegedienst. Und trotzdem reicht das Geld kaum, um alles zu finanzieren, was sie sich in ihrer Bescheidenheit leisten möchte. Ein kleiner Urlaub, ein neuer Kühlschrank, die Reparatur des Autos.
Aber sie mag ihren Nebenjob, sie mag es, wenn sie am Nachmittag zu den Patienten nach Hause fährt, um deren Abendmedikamente einzugeben oder ihnen die Stützstrümpfe auszuziehen-das ist keine schwere Arbeit und es bleibt unterm Tun oft Zeit für kleine Gespräche.
Heute muss sie zu Frau F., das Schicksal dieser Frau berührt Suska.
Vor 10 Jahren fuhr sie im Nebel mit ihrem Auto in einen Graben, sie konnte unverletzt aus dem Wrack klettern und dann lief sie über die Strasse um Hilfe zu holen. Leider kam in diesem Moment ein Laster, der Frau F. erfasste.
Seitdem sitzt Frau F. im Rollstuhl und jeden Mittwoch kommt jemad vom  Pflegedienst, um Frau F. zu baden. Sie wird in einen Lifter gesetzt, der sie über die Badewanne schwenkt. Diese Badetage sind für Frau F. besondere Tage, weiss Suska, sie bezieht dann das Bett mit frischer Wäsche und manchmal, wenn Zeit ist, färbt sie Frau F. die Haare. Das wollte sie heute auch, das hatte sie sich vorgenommen, aber als sie  Frau F. aus dem Rollstuhl in den Lifter setzen wollte, hat es geklingelt. Zwei Männer standen vor der Tür, sie kämen vom Sanitätshaus, sie würden das elektrische Bett und den Lifter überprüfen wollen.
„Oh, tut mir leid“, hat Frau F. gesagt, „ich hatte vergessen, Bescheid zu geben, dass es heute etwas länger dauert, weil die Techniker kommen. Aber ich hab Kuchen besorgen lassen, wir können in der Zeit Kaffee trinken!“ , und sie hat Suska bittend angeschaut.
Dann wird es wieder so spät heute, denkt Suska müde, seit um halb fünf ist sie auf den Beinen und jetzt ist es wieder halb fünf. Bis Frau F. gebadet ist, wird es fast sieben Uhr sein. Aber ein Kaffee tut ihr sicher gut jetzt, und so geht sie in die Küche, holt den Kuchen aus dem Kühlschrank und kocht Kaffee.
Frau F. ist heute sehr munter, sie plaudert über das , was ihre Freundinnen ihr am Telefon alles so erzählen, „Diese Männergeschichten! Meine Freundin aus Heidelberg hat zur Zeit zwei Männer, und es ist nicht einfach, den einen nichts vom anderen wissen zu lassen!“
Suska lacht, “ Da hab ich dann  lieber keinen Mann!“ und nimmt einen Schluck Kaffee. „Die Haare färben wir dann nächste Woche, in Ordnung , Frau F.? Es wird sonst heute wieder so spät“.
Frau F. blickt enttäuscht, aber Suska möchte sich nicht erweichen lassen, sie ist wirklich sehr erschöpft heute.

Die Werkstattleute vom Sanitätshaus sind nach einer Dreiviertelstunde fertig, und Suska kann ihre Arbeit tun. Als Frau F. dann in ihrem Pflegebett liegt, der Fernseher eingeschaltet ist, und Suska den Abwasch gemacht hat, ist es bereits fast halb Acht.
Draussen ist es noch hell. Sie lässt die Tür leise ins Schloss fallen, und als sie in der Wohnanlage den Weg zu ihrem Auto einschlägt, kommt ihr der Hausmeister entgegen.
„Geht es Frau F. gut?“ fragt er. „Es ist erstaunlich, das sie das alles so gut meistert, aber das liegt sicher auch ganz viel an Ihrer Hilfe. Ich freu mich immer, wenn Sie kommen, Suska,“ sagt er. “ Ich hoffe, Frau F. ist noch lange so fit, dass sie zu Hause leben kann. Dann sehe ich Sie wenigsten ab und zu!“ grinst er. Suska schaut ihn ein bisschen genauer an, er hat ein sympathisches Gesicht. Braun gebrannt, weil er viel draussen ist, im Mund blitzen sehr weisse Zähne.
Zahnersatz, denkt Suska, und schämt sich gleich, das sie wieder auf so was achtet.
Nicht bewerten! ermahnt sie sich, er  ist doch bestimmt schon 60, da ist es besser, er hat Zahnersatz als braune Stummel!
Der Hausmeister stützt sich auf seinen Rechen. „Ich hab die verblühten Tulpen und Narzissen rausgezupft, jetzt ist wieder Platz für neues. Haben Sie gesehen, wie prachtvoll der Flieder blüht? Die Akeleyen haben auch schon Blüten, und die Pfingstrosen dahinten, was meinen Sie, was das für eine Kaskade an Rosa und Pink  wird, wenn die aufbrechen. Aber Sie sind müde. Ruhen Sie sich aus, Suska, ich mach hier noch ein bisschen weiter. “ Und er packt seinen Rechen, nickt Suska zu: „Bis nächsten Mittwoch?“
Suska hebt die Hand, „Ja“, sagt sie.

Als sie  zu ihrem Auto kommt, klemmt eine leuchtend gelbe Narzisse hinter ihrem Scheibenwischer.
Suska hat auf dem ganzen Heimweg lächeln müssen.

Schreibetüden

2018_16_2_zweiWortspende-Reizwörter, diesmal mach ich wieder mit.
Christiane hat die drei Wörter gespendet, Ludwig Zeidler hat illustriert.

Notenblatt-schwanger-trainieren.

Hu! Mal sehen, welche Geschichte sich jetzt aus meiner Feder/Tastatur schleicht!

1. Suska legt ihr Lehrbuch zur Seite, Advance Care planning, ein Notenblatt zu lesen wäre für sie womöglich leichter zu verstehen, seufzt sie.
2. Das Thema ist ihr durchaus wichtig:Patientenverfügungen ermöglichen mit allen Eventualitäten bei einer schwerwiegenden Erkrankung in verschiedenen Lebens-und Erkrankungsphasen die Gestaltung der möglichen Behandlungsentscheidungen,  sehr schwere Kost, denkt sie, ich brauch jetzt mal Pause.

3. Prüfungsrelevant oder nicht,dieses Thema,  Schluss jetzt, draussen scheint die Sonne und die Schokolade hat sie auch verspeist, das gibt wieder Sodbrennen, sie sollte spazieren gehen.
4. Sie steht auf,schaut an sich herunter und erschrickt über ihren dicken Bauch, da nützt ein blosser Spaziergang auch nicht mehr viel.
8.Sie sieht aus als wäre sie schwanger, sie sollte echt aufhören, beim Lernen diese Unmengen an Schokolade zu vertilgen!
6. Sie könnte trainieren gehen, sie hat doch noch irgendwo einen Gutschein für so ein Training mit Strom, wo man so abnehmen kann ohne was zu tun grossartig, wäre das jetzt was?
7.Ihre Kollegin war begeistert, als sie davon erzählte, da steht man auf so einem Gerät und wird mit Stromstössen gefoltert und dann nimmt man ab, kinderleicht!
8.Ach nein, so ein Quatsch, denkt Suska, ein Runde mit dem Fahrrad durch den Sonnenschein, da kann ich wenigstens durchatmen, denkt sie.
9. Und sie schwingt sich auf den Sattel, tritt in die Pedale ,lässt die Haare im Wind wehen, ohne Helm , sträflich sträflich denkt sie und erinnert sich an die gestürzten Unfallopfer mit Schädelhirntrauma auf ihrer alten Intensivstation.
10. Aber egal,  jetzt muss sie sich einfach mal ordentlich das Hirn durchblasen lassen und sie saust voller Energie die Strasse entlang.

Suska- Heilige haben auch mal schlechte Laune

Nach dem Frühdienst aufs Sofa, denkt Suska. Draussen regnet es, es ist also perfektes Wetter zum rumgammeln nach Feierabend. Sie hat ein gutes Buch zum Lesen, aber kaum hat sie die ersten Sätze gelesen, schon schlummert sie ein.
Leise dringen die Geräusche der über ihr wohnenden Nachbarn an ihr Ohr, streifen leicht ihr Bewusstsein, ihre Gedanken sind verselbstständigt, aber nichts ist mehr wichtig gerade, nichts , wirklich gar nichts…..
Nicht diese traurigen Schicksale ihrer Patienten, nicht die Probleme ihre Arbeitskollegen, nicht der Pflegenotstand und nicht ihr mickriges Gehalt….
Und auch nicht dieses nicht endenwollende Klingeln ihres Telefons….

Seufzend richtet sich Suska auf, der Rücken schmerzt, sie sollte sich ein neues Sofa gönnen, endlich, dieses hier ist zu hart, einfach zu hart….
Das Telefon klingelt immer noch. Ungewöhnlich, dieses dringende Gebimmel, man kann doch Textmessage heutzutage, dann stört man mich nicht, denkt sie brummig.
Hallo, krächzt sie in den Hörer, wer nervt mich hier so penetrant?
Oh, hört sie eine ferne Stimme, ich wollte dich nicht stören, ich hoffe, ich hab dich nicht geweckt? Hier ist Loida!

Loida! Klar, Loida, wie gehts dir,ja, ich habe geschlafen, ich bin einfach zu müde….
Oh, macht Loida wieder, und Suska denkt, jetzt lass mal dieses überraschte OH! andauernd, und erschrickt selber über ihre Gedanken, Loida kann nichts dafür, dass sie so gereizt ist.
Sie holt tief Luft, und sagt: Ist es okay, Loida, wenn ich dich in einer Viertelstunde zurückrufe? Ich muss wach werden!

Und klar, natürlich ist das okay für Loida, dieser guten Seele , denkt Suska, und dann reckt sie sich und beugt sich nach vorne, dieses blöde Kreuzweh und diese schlechte Laune nach dem Mittagsschlaf!
Sie schüttet sich kaltes Wasser ins Gesicht und schaut sich grimmig im Spiegel an.
Na, mal wieder schlechte Laune wegen nichts?
Das Spiegelbild schaut grimmig zurück: Immer nett und lieb geht auch nicht! Schlechte Laune darf auch mal sein! Heilige Suska, heute nicht annähernd heilig!

Meinst du, Spiegelbild? Und Suska zieht ihre Mundwinkel nach oben, das hilft meistens bei schlechter Laune und macht die Stimme freundlicher , ob sie das nun wirklich so meint oder nicht.
Und dann, nachdem sie sich einen Kaffee gekocht hat, und sich wieder ein bisschen freundlicher fühlt, wählt sie Loidas Telefonnummer. Während es klingelt , hofft sie, das Loida keine traurige Geschichte hat, die sie mit ihr teilen möchte, ich hab genug Geschichten immer um mich rum, denkt Suska, und dann meldet sich Loida und fragt Suska:
Meine FerneTochter heiratet in 3 Wochen! Und eigentlich, also, ich wollte dich fragen, ob du zur Hochzeit kommen magst? Sie möchte ein Freundinnenfest feiern, nur Frauen, und da du meine Freundin bist, also ich finde jedenfalls, dass du meine Freundin bist, weil ich dich so mag, da dachte ich, ob du kommen magst?

Suska schwirrt gerade alles, Freundinnenfest, Frauenhochzeit,-
Und der Bräutigam, fragt sie,wo ist der denn?

Da lacht Loida am anderen Ende der Leitung, der einzige Mann, der damit ein Problem hat, weil er als Mann nicht dabei sein darf, das ist mein Ehemann,der Bräutigam ist nämlich eine Bräutigammin, meine Tochter heiratet ihre Freundin!

Jetzt ist es Suska, die OH! macht.
OH!
HO! Ja, klar, sagt sie, so ein Frauenfest, das gefällt mir, na klar gerne komm ich! Ich mach es möglich!
Und dann , als sie aufgelegt haben, stellt sich Suska ein wundervolles Fest vor, nur Frauen, vielleicht in weissen Kleidern, die Blätter im Haar haben, so Heiliginnenmässig, und barfuss ums Feuer tanzen, mit Ästen drin rumstochern und ihre weissen Kleider mit Erde beflecken, und dann gar nicht mehr heiliginnen-artig aussehen sondern erdverbunden und wild,…..das wäre fein!
Und dann schilt sie sich, weil sie so esoterisch- göttinnenhafte Vorstellungen hat, aber auch wenn es anders und ganz modern wird, dieses Fest, sie freut sich sehr, das Loida sie eingeladen hat.

Suska-TranceDance

Müde streift Suska ihre Schuhe von den Füssen.
Dieser Geruch in der KrankenhausUmkleide ist kaum zu ertragen, und die Schicht, die hinter ihr liegt, hat sowieso sehr viel  von ihr gefordert.

Ein kurzer Moment, eine Frage, wie es heute geht, ein Blick in das Gesicht der Patientin und die Antwort: „Nicht so gut“ haben es geschafft , dass Suska sich wieder Zeit nahm , zuzuhören und eine Geschichte zu hören, bei der sie dachte: „Was Menschen alles aushalten können!“ Solche Geschichten hört sie öfter, und manchmal fällt es ihr schwer, diese Erzählungen aus dem Kopf zu kriegen.
Aber heute wird sie in den Club gehen, nachher, am Abend, dann wird sie tanzen. Einmal im Monat heisst es dort TranceDance, das ist für Suska genau das richtige. Da kann sie sich buchstäblich alles von der Seele schütteln.

Und später dann, als sie sich zurecht gemacht hat,kommt Bero, der Sohn,  nach Hause mit seiner Freundin.
„Wow!“ sagt diese, „du siehst toll aus, Suska, woher hast du dieses Kleid? Es steht dir fantastisch.! “
Das freut Suska, und dann nimmt sie den nächsten Bus in die Stadt.
Vor dem TranceDance wird sie in das kleine Bistro nebenan gehen, eine Kleinigkeit essen und in ihrem neuen Buch lesen.
Und jetzt sitzt sie auf dem gemütlichen Sofa in der hintersten Ecke, vor sich ein Glas Rotwein und ist gefesselt von dem Roman, den sie liest.
„Darf ich mich zu Ihnen setzen?“ hört Suska, und als sie aufblickt, sieht sie eine kleine runde Frau in einem roten Kleid mit erstaunlichen Schuhen an den Füssen, und diese blickt Suska so fröhlich an, das Suska lachen muss und „Natürlich!“ antwortet und ein bisschen zur Seite rutscht, damit die Frau sich setzen kann.
„Ich bin Flida und ich habe gerade meinen Freund verlassen und es geht mir gut damit!“ hört Suska und denkt:“Keine Geschichten jetzt!“
Aber die Frau schweigt und nimmt einen genüsslichen Schluck Rotwein aus dem Glas, das der Kellner gerade bringt.

„Du hast fantastische Schuhe an!“ hört sich Suska sagen. Dabei wollte sie doch ihre Ruhe haben! Warum beginnt sie jetzt ein Gespräch mit dieser Frau, die auch noch irgendwie einen Tick hat, weil sie sich ständig mit der linken Hand an die rechte Schulter fasst?

„Nicht wahr, die sind toll! Waren ein Schnäppchen! Und eigentlich wollte ich heute tanzen gehen, aber dann bin ich mit meinem LAT, nee- ehemaligen LAT in einer Fussballkneipe gelandet, dann hat mir sein Freund an den Hintern gefasst und daraufhin habe ich diese Fussballkneipe und den Gefährten verlassen. Und jetzt bin ich hier!“
Vergnügt schaut sich Flida um.
“ Es ist nett hier, sehr sympathische Leute, die hier sitzen!“

Darauf hat Suska bisher gar nicht geachtet, sie wollte nur in Ruhe lesen.

„Was ist ein LAT?“ fragt sie. Und Flida erklärt, dass er ihr Freund war und nicht mit ihr zusammen wohnen wollte, weil er ja irgendwie noch an seiner Frau hing und den Kindern, die ja schon erwachsen sind, das ersparen wollte, sich an eine Freundin gewöhnen zu müssen und dass er dachte, dass sie, Flida , ihm immer zur Verfügung stehen müssen- aber heute sei Schluss damit…..

Flida webt einen Wortteppich und Suska muss andauernd auf diesen Mund schauen, der redet und lacht und erzählt und gar nicht traurig ist irgendwie, und das rote Kleid, das Flida trägt, glänzt und schimmert und dann der rote Wein in dem Glas,…

Suska wird fast schwindelig.

„Tja,..“ hört Suska jetzt wieder, „und nun sitze ich hier in meinen tollen Brokatschuhen und eigentlich wollte ich damit tanzen gehen heute….“

„Das sind die Schuhe einer Reine-Soleil!“ hört sich Suska sagen. „Einer Sonnenkönigin! Magst du nachher mit rüber in den Club, TranceDance, magst du?“
„Reine-Soleil, TranceDance! Das klingt alles vielversprechend!“ antwortet Flida, und als Suska dann aufsteht und sagen will „Dann gehen wir!“, sieht sie, wie Flida den Mund aufklappt und sagt:
„Wow! Du bist wunderschön! Dieses Kleid! Es fliesst wie Nebel an dir hinunter! Wenn ich die Reine-Soleil bin wegen der Schuhe, dann bist du die Nebelkönigin! Mit deinen wehenden Haaren und diesem Silbernen Kleid!“

So hat sich Suska noch nie gesehen , weder als schön noch als Königin und sie wirft ihre langen silbernen Haare in den Nacken und lacht.
Sie lacht so laut und so fröhlich, das das silberne Kleid wie Wellen an ihr wogt und als dann Flida aufsteht und sich neben Suska stellt und  trotz der hohen roten Schuhe einen ganzen Kopf kleiner ist als Suska, da müssen alle Leute in dem Bistro ihre Köpfe zu ihnen drehen und deren augen öffnen sich, weil beide Frauen so schön sind, so kraftvoll und so lebensfroh.

Die Nebelfrau und die Sonnenkönigin.

Und die gehen beide tanzen.

 

 

 

 

 

Loida- vom Leben in allen Farben

Es war Suska am Telefon.
Natürlich- welch ein Glück, sie hatte Zeit, sie würde gleich zum Friedhof kommen und dann haben Loida und sie sich am Grab von Loidas Mutter getroffen und  gemeinsam die Hornveilchen eingegraben.
Und dann sind sie in ein Cafe gegangen und haben geredet.

Suska ist sehr klug, hat Loida gedacht, so weise. Sie weiss soviel. Sie wirkt so sicher in allem was sie denkt!
Sie haben über sich gesprochen und über Loidas Familie und was Loida so macht und  über Suskas Arbeit als Krankenschwester und wie das ist, wenn jemand stirbt. Und wo der dann hingeht und was dann passiert. Und Loida hat gemerkt, das das für Suska ein ganz wichtiges Thema ist und das sie sich viele Gedanken macht über den Tod und auch schon so viel erlebt hat damit.
Und dass sie trotzdem nicht traurig ist, und sagt:“ Ich liebe jeden Tag. Manchmal hab ich Angst, das es schnell vorbei ist, mein Leben,  und ich habe dann damit nicht gerechnet, dass ich plötzlich tot bin und wahrscheinlich bin ich dann überrascht, aber im Ganzen macht mir Tod keine Angst. Ich glaube ganz fest daran, das wir nicht verschwinden. Wir werden weiter da sein! Ich zeig dir was! “

Und sie hat ihr grosses Tablet aus ihrer riesigen Handtasche geholt, „Ich mag lieber dieses Riesending, als so ein kleines Handy. Auf dem Tablet ist mehr Platz, und…“ sie hat sich zu Loida rübergebeugt: „ich brauch keine Brille!“ und dann hat sie dieses laute wilde Lachen gelacht, so dass sich im Cafe ein paar Leute umgedreht haben.

Suska wischt auf dem Display rum und murmelt und dann findet sie , was sie sucht:(ein Beitrag aus Ullis Cafe Weltenall).
Es ist ein Bild. Ein Boot auf grünem Wasser, vielleicht ein Schilfboot, darin sitzen vier schwarze Figuren, die Figuren an Heck und Bug haben eine stolze erwartungsfrohe Haltung, die beiden Figuren in der Mitte des Bootes wirken ruhig, abwartend, still.
„Ein Ahnenboot“, sagt Suska.
„So stelle ich mir das vor, wenn man stirbt. Wir werden dann geholt. Wir gleiten dann übers Wasser , übers grüne stille, tiefe Wasser. Es ist still und in uns ist nur Frieden.  Am anderen Ufer warten die auf uns, die schon gegangen sind. “

„Ein Ahnenboot. Ein Ahninnenboot vielleicht sogar,“antwortet Loida, „dieses Boot auf dem Bild schwebt, es ist ganz leicht. Ich hab auch mal gelesen, das der Tod seit noch nicht allzulanger Zeit männlich ist. Früher war es die Todin, die gekommen ist, und den Sterbenden in ihre warmen weichen Arme genommen hat. Die heilige Notburga zum Beispiel, das war so eine, die ist gekommen um zu holen, und man hatte wohl weniger Angst, wenn man von einer Frau aus dem Leben begleitet wurde als von einem klapprigen zauseligen männlichen Gevatter Tod!“
„Der womöglich noch eklig aus dem Mund roch, huhhh!“ schüttelt sich Suska.

Sie schaut noch einmal liebevoll auf das Bild von dem Ahninnenboot, klappt das Tablet zu und sagt:
„Jetzt trinken wir einen Aperol Sprizz! Und wenn du magst, du kannst bei mir schlafen!“
„Das könnte ich, ja,“ denkt Loida, „warum nicht“, und dann kommt der Aperol mit Sekt und leuchtet so warm orange im Glas, und die Apfelsine , die am Glas klemmt mitsamt der Physalis machen in Loida Lust auf Sommer.

Die beiden Frauen heben ihre Gläser und stossen an.
„Auf das Leben!“ lacht Suska.
Und wirft ihre weissen langen Haare über die Schulter.
„Auf das Leben!“

Suska – der Kongress tanzt…

…“Das ist doch so ein alter Film“, denkt Suska, als sie auf den Kongress nach Berlin fährt. Pflegekongress, sie wird sich viele Vorträge anhören und vielleicht hat sie auch Zeit, sich Berlin anzuschauen.

Vor Jahren ist sie mal da gewesen, als sie jung war, da gab es noch die Mauer. Und Hausbesetzer und „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“, und der Wunsch, das Leben irgendwie anders hinkriegen. Dieses Buch, sie erinnert sich, und dann der Film und David Bowies „Heroes“ und die Vorstellung, wie cool es sein müsste, in dieser Stadt zu leben, weg zu sein aus der Provinz, aus dem Alltag, aus der Zukunftslosigkeit. Mittlerweile weiss sie natürlich, das der Film und das Buch irgendwelche romantischen Saiten bei ihr angeschlagen hatten, denen sie zum Glück nicht nachgegangen ist.

Sie wurde von einer Freundin daran erinnert, wie sie, als sie 20 waren, im Rahmen der Ausbildung eine  Drogenberatungsstelle aufsuchen musste und ein völlig fertiger Typ von seinem Drogenentzug erzählt hat. „Weisst du noch, wie der gerochen hat?“ hat ihre Freundin gefragt, und Suska hat sich erinnert.

Jetzt steht sie am Hauptbahnhof in Berlin und ist beeindruckt, wie gross der ist! Sie wird sich bestimmt verlaufen! Sie nimmt ihren Koffer und zieht ihn zielstrebig Richtung U-Bahn. Sie hat 3 Linien zur Auswahl, in denen sie fahren kann, und die nächste kommt in einer Minute. Sie steigt ein, es ist nicht voll.
An der Nächsten Haltestelle steigt ein junger Mann ein, er stellt sich in den Gang und beginnt laut und deutlich zu sprechen. Er heisse Jeromino, sei zur Zeit obdachlos, und ob jemand 10 Cent, etwas zu  essen oder bloss ein freundliches Lächeln für ihn habe. Das würde ihn sehr freuen. Suska ist erschrocken: er ist so alt wie ihr Sohn Bero.

Sie weiss nicht, ob sie ihm was geben soll, es ist ihr unangenehm, das er sie so konfrontiert mit seiner Situation.
Aber sie weiss ja auch, wie solche Menschen leben, in der Klinik sind immer wieder Obdachlose, die in die Notaufnahme kommen. Aber der hier ist so jung. Sie hat nichts zur Hand, was sie ihm geben kann,der Geldbeutel ist tief in ihrer Tasche versteckt. Sie sieht, wie der Mann auf dem Nebensitz Jeromino einen Müsliriegel hinstreckt, der Junge scheint sich zu freuen und bedankt sich . Er lächelt auch Suska an und dann hält die Bahn und er steigt aus.

Der Mann neben ihr bemerkt Suskas Blick und sagt: „Das passiert hier öfter, ich hab immer was zu essen in der Tasche. “

„Das mach ich auch“, denkt Suska, „solange ich hier bin. Dann komm ich mir nicht mehr so hilflos vor. Was ist ein Schokoriegel, der fünfzig Cent kostet,gegen Hunger und Kälte? Vielleicht ein Tropfen auf den heissen Stein, vielleicht auch eine Mahlzeit, denn mir geht es gut und ich hab das Glück, das ich damals keine krummen , romantischen Wege gegangen bin.“

Suska lächelt dem Mann zu, und dann ist sie an ihrer Haltestelle angekommen.
Berlin riecht anders , denkt sie, als sie aussteigt und atmet tief ein.

Suska- Alltagswichtigkeiten

Es ist voll in der Umkleide vom Frauenfitnesstudio. „Montag“, seufzt eine Frau, „da kommen alle, weil sie am Wochenende gesündigt haben,das müssen sie dann wieder wett machen mit Sport.“

„Ich nicht,“ denkt Suska, “ ich hab heute einfach Zeit dafür gehabt, zu sporteln!“
Sie  schlüpft aus  ihren Turnschuhen und sucht wie jedes mal nach dem Armbändchen, mit dem sie sich neuerdings anmelden und den Schrank verschliessen oder öffnen kann.  Das Bändchen ist schwarz und sie sucht es andauernd, das ärgert sie, so eine Zeitverschwendung immer, dieses Suchen. Sie mag schwarz überhaupt nicht und sie ist sich sicher, wenn das Armbändchen neongelb wäre, sie würde es immer gleich finden. Am besten es würde auch noch Geräusche machen.

Während sie in ihren Sachen wühlt, hört sie unwillkürlich einem Gespräch zweier Damen hinter der Abdeckung zu:
„Ich kann Mittwoch nicht zur Wirbelsäulengymnastik kommen,da kommt der Techniker!“
„AH! An Techniker hast am Mittwoch! Wega wos?“

„Wegen dem Kühlschrank, der ist 18 Jahre alt, ich kriege einen neuen, den haben die Jungen gekauft!“

„Und da brauchst an Techniker? Kenna des die Junga net mocha, dir den Kühlschrank aufstella?“

„Der steht schon!  Da ist nur was noch zum Richten an der Tür. Der alte war so laut, der hat immer ein Geräusch gemacht, wenn ich in der Küche war! Und mit dem Abtauen, da ist immer Eis dran geblieben!“

„Ja, des geht fei net, wenn der so laut ist!“

Suska muss schauen, wer da so laut redet. Die eine Dame kennt sie von der  Yogastunde, im Moment hat diese einen dicken Lockenwickler im Pony und cremt ausgiebig ihre Beine ein. Die andere Dame, die mit dem neuen Kühlschrank, ist  etwas älter, und Suska sieht sie immer, wenn sie  Mittwochs kommt, da ist Wirbelsäulengymnastik, und danach ist dann immer Kaffekränzchen im Foyer des Studios.

Die ältere Dame sagt jetzt:“ Und ausserdem hab ich soviel Strom nachzahlen müssen, fünfzig Euro! “
„Ja, Herrschaft! „ruft die Lockenwicklerfrau aus,  „wega dem kracherten  Kühlschrank? Weil der sich nicht abtauen lässt? Den würde ich mal gscheit reparieren lassen! Da sollen doch deine Buben mal schauen, ob man den net repariera ko! Des geht doch nett, das der soviel Strom braucha tuet!“

„Ja, im Jahr fünfzig Euro, “ antwortet die Ältere, “ aber deswegen krieg ich ja einen neuen Kühlschrank! “

„Ach, deswegen gibts an neian Kühlschrank? Aber den oiden , den kann man doch repariera!“

„Nein,“ sagt die Ältere vehement, “ der hat ausgedient! Genauso wie ich bald! “ und sie packt ihre Sachen in die Tasche und sagt: „Servus!“ und geht hinaus.

Die Lockenwicklerfrau bleibt verwirrt zurück. „Ich muss amol mei  Mo froga, ob wir aa sovui Strom zahla,“ hört Suska sie murmeln, “ vielleicht muss ich mir dann aa an  neia Kühlschrank zulegn!“

Ui, denkt Suska, wegen sowas….. und findet endlich ihr schwarzes Armband unter ihrem Strassenschuh, und jetzt kann sie  ihren Schrank aufsperren und dann nichts wie weg hier!

Und sie hofft, das der Techniker, wenn der am Mittwoch zu der alten Frau kommt, ein netter ist, der mit ihr Kaffee trinkt und sie zum Lachen bringt, und ihr das Gefühl gibt, das sie noch längst  nicht ausgedient hat!

Suska- AllTag im Hirn

Christianes SchreibeinladungsWortetüden haben mich die ganze Woche beschäftigt, ich konnte zuerst damit überhaupt nichts anfangen, aber gereizt haben mich diese 3 Worte ziemlich:

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Die Illustrationen zu diesem Thema von Ludwig Zeidler fand ich sehr schön, und so hab ich mich heute daran gesetzt und habe in 10 Sätzen diese 3 Worte verbraten, und bitte sehr: das ist daraus geworden.

Suska hat Schule diese Woche, Fachweiterbildung zur OnkologieSuperSchwester, und die letzten Tage lernte sie alles über Hirntumoren, bei Kindern und Erwachsenen und mittlerweile glaubt sie fast, sie hat selbst schon einen Tumor.
Jetzt liegt sie beim Einschlafen im Bett ,die Gedanken schwirren in ihrem Kopf umher und das Wort Astrozytom fliegt vor ihrem inneren Auge auf und blinkt und wirbelt und sie denkt: Astrozytom, Weltall, ein böser böser Hirntumor und sie überlegt, was sie da heute drüber gelernt hat.
Manchmal kann man sie operieren, die Hirntumoren,  und dann muss man bestrahlen und  Chemotherapie kann man auch geben, wie hiess die doch gleich, die haben so klangvolle Namen, Oxaliplatin, Cisplatin, diesmal was aus Platin ,Liebling, ein alter Werbespruch aus den Achtziger Jahren, 5FU heisst eine Therapie, warum nicht auch frb121102, oder 3456Flusidoxin, herrjemine, sie will da jetzt gar nicht drüber nachdenken.

Suska merkt, wie ihre Gedanken sich verselbstständigen, wie immer kurz vor dem Einschlafen.

Wenn man das Astrozytom bestrahlt, kann man das vielleicht mit ultravioletten Strahlen machen.

Sie stellt sich vor, wie die  Patienten lila aufleuchten während der Therapie ,  und der Tumor fliegt durch das Hirnall und zerstiebt und ist eine leuchtende funkelnde lilafarbene Supernova.
Und der Supernovaüberrest, der löst sich dann in den nächsten Tagen ebenfalls auf und wenn sie das tatsächlich erfindet, diese Therapie, dann kriegt sie bestimmt einen Nobelpreis.

Suska wälzt sich auf die andere Seite, warum lernt sie das bloss alles und hoffentlich kann sie sich das überhaupt alles merken, im Oktober sind Prüfungen.

Vielleicht hätte sie was anderes lernen sollen- Floristin vielleicht, bunte Blumen binden oder so….

Weiche Decke, bunte Blumen und lilafarbene Strahlen, Suska schläft ein.

 

Suska: Vom Versprechen vergeblicher Vorsätze

Gemütlich ist es bei Suska auf dem Sofa, sie liebt diese grauen Tage. Weihnachten ist vorüber, Heligabend war sie für sich, und am 1. Feiertag war Bero da mit seiner Freundin.
Suska hat einen veganen Nussbraten gemacht, der allen geschmeckt hat und am 2. Weihnachtstag hat sie ihre Schwester besucht. Viel Familie, viel Trubel, jetzt ist Ruhe eingekehrt. Morgen ist Sylvester, sie hat Frühdienst, aber das stört sie nicht, sie feiert nicht gerne Sylvester. Sie wird früh schlafen gehen.
Nun sitzt sie auf ihrem Sofa,  hat die Lichterkette an Ficus Zimmerpflanze angemacht,der ihr in den letzten Jahren als Weihnachtsbaumersatz dient,  auf dem Tisch brennt das Teelicht , das sie von Beros Freundin bekommen hat und vor ihr steht eine Tasse dampfender Frauentee, ein Geschenk ihrer Schwester. Und ein Schokoladenweihnachtsmann, denn bei einem Mann aus Schokolade hat Suska keine Bedenken.
Auf dem Tisch liegt die Ausbeute aus dem heutigen Briefkasten. Rechnungen von Versicherungen für das nächste Jahr, zu zahlen im Januar. Eine Einladung von der Gemeinde zum Neujahrsempfang beim Bürgermeister. Für Bero. Weil er jetzt 18 ist. Was für eine Ehre, denkt Suska, ob sie wohl mitkommen dürfte? Auch wenn sie nicht persönlich eingeladen ist?
Einige Kataloge und Prospekte.
Ein Modekatalog, bunte schöne Bilder mit Kleidung, von der Suska manchmal träumt, wenn sie Geld hätte, und sich alles als Ensemble kaufen könnte, ob sie dann auch so schön bunt und wild aussehen würde wie diese Frauen in dem Katalog. Ob ihr Ringelstrumpfhosen, wallende gestreifte Oberteile und geblümte Röcke oder Pluderhosen stehen würden-wie sie darin wohl aussähe? Ach, denkt Suska, da hab ich doch seit Jahren nichts bestellt.
Der Prospekt eines Kaffeeversandhandels. Tschulibo Katalog, Januar 2018. Suska liebt es, darin zu blättern und sie muss es sich verkneifen, keine Wünsche wach werden zu lassen und überflüssiges Zeug zu bestellen.
Was möchte sie denn gerne haben, wenn sie wollte, dürfte und das bräuchte? Ein Trampolin mit Haltegriff, aha, und dazu diese schwarze ausgestellte Jazzpantshose. Ausgestellte Hosen lassen grösser wirken, weiss Suska, sie strecken und machen schlanker, optisch zumindest.
„Frische Farben, neue Kraft“ ist der Titel der nächsten Seite. Was ist an hellblau mit schwarz denn frisch, fragt sich Suska, als sie die Farbauswahl betrachtet.
„Entspannt ins Neue Jahr“, nächste Seite. Mit Yogarad. Braucht man das? fragt sich Suska, ein Yogarad zur Unterstützung der Yogaübungen, bis 85 Kilo Körpergewicht geeignet, ist das ein Witz? Suska wiegt 90 Kilo, sie ist also zu schwer für das Ding, aber wenn jemand 85 Kilo maximal wiegt, ist der doch in der Regel schlank und kann Yoga ohne so ein schaumstoffgepolstertes Rad machen?
Schwimmanzug,bis Grösse 48, sehr gut, ein  Antirutsch-Fitness-Handtuch,“Klebt das dann am Körper beim Abtrocknen?“ fragt sich Suska.
Einen Pilatesring gibt es auch und der Wunsch :“Gesundes Neues Jahr mit Faszienmassageball“.
Auch so ein neumodernes Zeug, dieses Faszien-Entkleben mit Kunstoffkugeln, die aussehen wie eine Avocado und in die Suska mal aus Versehen reingeschnitten hat, als sie einen gesunden Salat machen wollte, nur weil sie die Brille nicht aufhatte. Faszien-Berollen tut weh.
Und warum verkaufen Lebensmittelketten und Eventkataloge zum Jahreswechsel immer Sportgeräte und Kleidung  und Material dazu? Heute beim SupermarktDiscounter Adlid gab es auch Sportkleidung und einen Hometrainer und das grossgeschriebene Versprechen: „Fit ins neue Jahr! Ab 3. Januar in allen Filialen und online“.
Aber wer dann erst anfängt, seine an Sylvester gefassten Vorsätze umzusetzen, der ist noch lange nicht fit! denkt Suska.
Sie nimmt einen Schluck Tee, der schmeckt nach Rosen, fein,  und sie denkt:
„Vorsätze, hm, nee, diesmal nicht!“

Und dann beisst sie sehr herzhaft dem WeihnachtsschokoladenMann den Kopf ab.