Loida – „Noch einmal sprechen….“

Es ist für Loida, als sei alles noch ganz nah.Dabei ist es einen ganzen Monat her, das die Mutter gestorben ist. Da ist immer noch dieses Gefühl, wie es war, dabei zu sein, sie, Loida, als letzter Mensch, der Mutters  Hand hielt.
Ein bisschen, denkt Loida, ist es wie eine Geburt, wer weiss, wo die Mutter hingegangen ist, als sie losgelassen hat.
Die letzten Wochen sind an Loida vorbeigerauscht. Die Beerdigung, der Bürokratenkram, das Haus auflösen,… Der Bruder hat geholfen, zum Glück, der ist Anwalt, der kennt sich aus mit sowas.
Einen Abend haben sie im Wohnzimmer gesessen, vor sich eine Schachtel mit Dias.
„Wer braucht denn sowas noch!“ hat der Bruder den Kopf geschüttelt, und wollte alle „komplett in die Tonne kloppen“.
Aber Loida hat sie rausgeholt und jedes einzeln angeschaut. Dias von Ausflügen an den See…. Loida, in einem gehäkelten Badeanzug , wie sie frierend im Wasser steht, die Mutter mit grosser Sonnenbrille und Sonnenhut daneben, lachend.
Loida und der Bruder auf einem Schlitten, der Bruder hält seine kleine Schwester fest, Loida trägt eine Bommelmütze. „Schau“, ruft sie, „diese MÜTZE! Die hab ich so geliebt.“
„Du und deine Bommelmütze!“ lacht der Bruder, “ du hast sie auch im Sommer getragen!“
Und so schauen sie die Bilder an und ein paar davon wird Loida mitnehmen.
„Bestimmt kann man die digitaliseren“, sagt der Bruder.

Und jetzt ist die Mutter schon über einen Monat tot.
Sie fehlt Loida. Auch wenn sie über die Jahre wenig Kontakt hatten, irgendwas fehlt in Loidas Leben. Manchmal muss Loida weinen, wenn sie an die Mutter denkt, und manchmal wünscht sie sich so sehr, das sie sie noch spüren kann, irgendwie. Sie horcht manchmal ganz nah in die Stille,vielleicht hört sie ein leises Summen, in dem die Stimme der Mutter ist.
Es gelingt ihr nicht. Über ihre Trauer mag sie nicht sprechen, eine Freundin hat letztens gesagt: „Jetzt muss mal genug sein mit der Trauerei, schliesslich war deine Mutter schon alt!“
Deshalb behält sie das für sich, dass es noch schmerzt und dass da was fehlt.

Heute fährt sie auf den Friedhof. Auch wenn sie dafür fast zwei Stunden im Auto sitzen wird, sie kann danach auf den Christkindlesmarkt gehen und eine Bratwurst essen, so wie früher, als sie klein war.

Den Friedhofsbesuch hat sie schnell hinter sich gebracht, da hat sie die Mutter auch nicht gefunden.
Und jetzt steht sie am Glühweinstand auf dem Christkindlsmarkt, pustet in ihren Punsch und schaut den Leuten zu, wie sie Bratwurst essen, sich fast am Crepe verschlucken, oder in ihren Glühwein blasen, so wie die Frau da drüben. Irgendwie kommt sie Loida bekannt vor.
Woher nur? Sie kennt in dieser Stadt doch niemanden mehr.

Die Frau dreht sich um. Natürlich, das ist die Krankenschwester, wie hiess sie doch gleich, irgendwas mit S…
Loida fasst sich ein Herz. „Entschuldigung…. Ich weiss nicht , ob Sie sich an mich erinnern, Sie waren mit mir dabei, als meine Mutter gestorben ist.Ich bin Loida L., meine Mutter war Frau B.“
„Natürlich, ich erinnere mich jetzt, entschuldigen Sie, aber ich begegne immer so vielen Menschen…Wie geht es Ihnen? Ist es schwer gewesen in der letzten Zeit für Sie?“
Da merkt Loida, wie sie fast Tränen in die Augen bekommt, so eine Frage mit so einer Wärme hat ihr noch niemand gestellt. Sie schluckt die Tränen runter.
„Ja. Es ist immer noch schwer. Sie fehlt mir. Ich suche sie und kann sie nicht finden, meine Mutter, es gibt Leute, die sagen, sie spüren ihre Verstorbenen noch, hören sie oder sehen sie, aber ich spüre nichts, ich bin nur so unendlich traurig…“, bricht es aus Loida heraus. Warum macht sie das? Sowas tut man nicht. Man erzählt keinem Wildfremden solche Sachen von sich!
Die andere Frau schaut Suska an. „Sprichst du mit andern über deine Mutter? Wie das alles so war?“
„Ach!“ ruft Loida,“ das kann doch keiner mehr hören , dass ich traurig bin!“
„Och,“macht die andere,“ Du sollst ja nicht drüber reden, dass du traurig bist, du sollst erzählen, wie deine Mutter war! Komm, wir gehen da rüber, und trinken einen Chailatte, kennst du das? Sehr lecker! Und du erzählst mir von deiner Mutter! Ich mag  Geschichten! Und dann erzähl ich dir von meiner Mutter! “
Jetzt fällt Loida auch der Name wieder ein, Suska heisst sie, und gerne geht sie mit Suska ins Cafe und probiert Chailatte , was auch immer das ist,…warum nicht…
Und dann haben sie da 2 Stunden gesessen, Loida und Suska, und über ihre Mütter geredet, von den Dingen, an die sie sich gerne erinnern und wie das war, als sie klein waren, und wie das dann war, als sie grösser waren und auch, das die Mütter fehlen, und obwohl schliesslich Loida und Suska „erwachsne, gstandene Weibsn“ sind, wie Suska sagt, wäre es trotzdem schön, wenn da eine Mutter noch wäre, die tröstet, oder wenigstens eine Freundin, bei der man weinen kann, und mit der man lachen kann, und über die Mutter reden kann, die schrecklich genervt hat, damals, aber jetzt schon ziemlich  fehlt.

„Noch einmal sprechen von der Wärme des Lebens“,
Woher kommt denn dieser Satz jetzt zu Loida geflogen? Egal, ein schöner Satz ist das, und als Loida dann heimfährt , mit Suskas Telefonnummer in der Tasche und Zimtgeschmack im Mund von diesem Chailatte, den sie getrunken haben, hat Loida das Gefühl, das sie auf ihren Schultern eine weiche leichte Wärme spürt.
So, als hätte da jemand seine Hand drauf gelegt.

 

Suska-Meditatives Tanzen

Das mit dem gemeinsamen Tanzen lässt Suska nicht los. Früher, als Sohn Bero noch klein war, hat sie in einer Müttergruppe in der Pfarrei Kreistänze gemacht, Meditative Tänze mit anderen Frauen. Das hat Suska so schön gefunden, dieses gemeinsam die selben Schritte tun, langsam, bedächtig. Irgendwann hat das aufgehört, vielleicht war es nicht mehr zeitgemäss, gemeinsam um eine schön gestaltete Mitte zu tanzen.

Jetzt hat sie im Pfarrbrief einen kleinen Aufruf gefunden: Meditativ Tanzen- wir machen weiter.Jeden vierten Dienstag im Monat hier im Pfarrheim. Saal Raphael. Beginn 19.00.

Heute ist der vierte Dienstag im November und Suska beschliesst hinzugehen.
Im Pfarrheim ist es dunkel, aus einem Raum dringt Licht. Die Tür ist offen, Frauenlachen dringt heraus. Zaghaft betritt Suska den Raum. Sieben Köpfe drehen sich nach ihr um. Hallo, willkommen, tanzt du mit uns mit? Suska nickt.
Eine Frau kommt auf sie zu. „Hier kannst du deine Schuhe aussziehen, schau, hier in der Kiste sind dicke Socken, die kannst du anziehen. “ Dicke selbstgestrickte Socken, wahrscheinlich vom letzten Kirchenbasar übrig gebleiben, denkt Suska.
„Ich bin Gerda, wir tanzen in dieser Gruppe seit 25 Jahren, es ist jeder neue willkommen. Es ist nicht schwer, hast du das schon mal gemacht?“
„Ja, “ sagt Suska, “ ich hab sogar selber Tänze geleitet.“
„Dann wirst du schnell zurecht kommen, aber ich zeig dir alles. Wie heisst du?“
Suska nennt ihren Namen und Gerda sagt zu den anderen Frauen: “ Das ist Suska, herzlich willkommen. Wir tanzen heute Herbsttänze, wir wollen Blätter sein, die im Wind tanzen, wir wollen an die Erde denken, die jetzt zur Ruhe kommt, wir wollen mit unserem Tanzen das Licht spüren, das bei diesem Wetter leider nicht immer zu sehen ist.“ Sie lächelt.

Die Frauen stellen sich auf, im Kreis. Um eine schöne Mitte, das sieht Suska erfreut. Eine Mitte mit einer brennenden Kerze auf einem herbstfarbenen Seidentuch, mit Blättern und Kastanien.
Die Musik beginnt. Sie tanzen. Vier Schritte nach rechts, vier in die Mitte, die Arme heben, vier Schritte rückwärts, die Arme senken, sich verneigen, weiter vier Schritte nach rechts,… Suska betrachtet die Frauen, die meisten waren wohl so alt wie Suska jetzt, als sie mit dieser Tanzgruppe begonnen haben, vor 25 Jahren,…
Der erste Tanz ist vorbei.
„Ilse, wenn du eine Pause brauchst, dann hörst du fei auf, gell, ich hab heute keine Lust dich zu reanimieren!“ hört Suska die Leiterin sagen. Alle lachen, und Ilse am lautesten. „Ich schnaufe vielleicht wie ne Lokomotive, aber Dampf macht voran!Ich bin die älteste hier, und Gerda hat immer Angst, das sie mir zuviel zumutet!“ sagt sie, an Suska gewandt. „Aber keine Sorge, ich bin fit!“
Das nächste Lied, wie schön, das kennt Suska, und die Schritte sind einfach.
Sie wiegt sich mit im Kreis und singt im Leisen den Text mit. „Mother earth , come carry me, your child i will always be…“
Sie hört die anderen Frauen singen. Sie blickt auf, sie singen tatsächlich. „The river ist flowing, flowing and growing…“
Und da singt Suska auch mit. „Sister moon, watch over me, your child i will always be…..“

Als sie nach 2 Stunden heimfährt, singt sie dieses Lied immer noch, und als die anderen Frauen Suska zum Abschied gefragt haben, ob sie wieder kommen wird, hat sie aus tiefstem Herzen ja sagen können.

Und eine schön gestaltete  Mitte, das macht sie zu Hause für sich jetzt auch.

 

 

 

 

Suska – Zumba und die Eleganz der Bewegung

Letzte Woche, als Suska Spätdienst hatte, war sie Vormittags in ihrem Damenfitnessstudio und kam zufällig genau rechtzeitig zur Zumbastunde bei Monika.Monika ist 50 , seit ewigen Zeiten Fitnesstrainerin, und weil Vormittag war, waren die Teilnehmerfrauen auch in einem bestimmten Alter.
Entweder Hausfrauen, die , bereits älter, genug Energie haben (dazu zählt für Suska Elan UND genug Geld!) für den jugendlichen Körper zu kämpfen, oder auch Schichtarbeiterinnen wie Suska und Rentnerinnen, die sich nicht mehr viel darum kümmern wollen, wie sie aussehen, die das einfach tun, weil es Spass macht.
Und diese Zumbastunde, die für Suska die erste war, hat ihr richtig gut getan.
Monika hat alle mit einbezogen, hat gelacht, und die Bewegungen waren einfach und das man sogar zu Tina Turners „Rollin on the river“ Zumba tanzen kann, fand Suska toll.

Heute nachmittag hat Suska wieder Zeit und es gibt Zumba:Tanz mit Janina.
Figurbedacht wie Suska ist, denn sie will die Hoffnung auf einen straffen Körper ja nicht aufgeben, hat sie erst Crosstraining gemacht, dann ein paar Geräte und nun fängt die Zumbastunde an.
Es ist 18.00.
Der Grossteil der Frauen, die mitmachen, kommt gerade von der Arbeit. Der Grossteil dieser Frauen ist ziemlich jung. Sie tragen bunte Sporthosen, enganliegende T-Shirts, und ihre Haare haben sie zu wippenden Pferdeschwänzen zusammen gebunden. Suska hat auch einen Pferdeschwanz, einen ziemlich energielosen allerdings.
Sie trägt keine engen Sporthosen mit grellgrün und leuchtendgelben Hemdchen, sie hat eine ausgeleierte graue Jogginghose an. Und , nun ja, ein pinkleuchtendes Tshirt,immerhin. Aber das schlappert.
Die Trainerin ist Mitte 20, maximal. Janina.
Die Musik geht los. Es wummert. Es lässt Suska rhythmisch mitzucken. Spanisch oder italienisch, mi amore! singt es aus den Boxen.
Suska sieht, wie die Frauen mit den Hüften schwingen, die Knie zappeln lassen, die Schultern zum Beben bringen. Als Suska das auch versucht, beben ihr nicht nur die Schultern. Sie fürchtet, sie fällt gleich vorne über.
Die Frauen springen, nach rechts- zwei drei- Knie angewinkelt, Hüftschwung, schalalala, hooop hooop! kreischt die Trainerin.
Yeahyeah! brüllen die Frauen zurück, und machen einen sehr eleganten Schwung nach links. Suska allerdings nach rechts, und dann spürt sie einen schwitzigen Arm an ihrer Schulter. Sorry, murmelt sie, und hüpft auch nach links, aber da waren die anderen alle schon wieder nach rechts gehüftschwungt, und diesmal wird Suska an der linken Seite angerempelt.
Sie geht einen Schritt nach hinten. Jetzt sieht sie die Trainerin gar nicht mehr, sie steht in der letzten Reihe und vor ihr bewegen sich alle synchron. Sieht schön aus, denkt Suska, und wischt sich mit dem Handtuch über das Gesicht. Woopwooop! kreischen alle und wirbeln um sich selbst herum. Baila morena!!! Woopwoop!

Suska muss lachen, irgendwie eine Schnapsidee, heute hier die Zeit zu verbringen. Sie tanzt  lieber zu Hause, sie hat doch  ein paar Lieblingsstücke, zu denen sie springen und den Kopf schütteln, und laut mitsingen kann, wenn die Nachbarn nicht da sind. Da guckt keiner, wie sie aussieht dabei, vor allem nicht sie selber, denn zu Hause hat sie nicht so einen grossen Spiegel, der ihr gnadenlos jede plumpe Bewegung vorführt, die sie macht.Zu Hause kann sie frei tanzen, barfuss, die Haare schütteln, und wahrscheinlich hat sie dann so viel Energie getankt, dass der Pferdeschwanz auch bei ihr lustig wippt.
Ach was, Pferdeschwanz- sie wird die grauen langen Haare frei schwingen lassen! Die werden um sie herum fliegen,wenn sie tanzt! Aber sowas von schwungvoll!
Woopwoop!

Suska-Im Schwimmbad

Schwimmen tut ihr gut, hat Suska festgestellt.
Die ruhige Bewegung, die gedämpften Geräusche beim Eintauchen ins Wasser, das verschwommene Sehen , wenn der Kopf aus dem Wasser kommt.
Nur kurz, dann taucht sie ihn wieder unter. Sie kann denken beim Schwimmen und muss nicht zählen, wieviele Durchgänge mit welcher Anzahl sie bereits an diesem oder jenem Gerät im Fitnessstudio gemacht hat…
Beim Schwimmen tut sie einfach und lässt denken.
Es kostet am Anfang ein bisschen Überwindung , ins kalte Wasser einzutauchen, aber Suska ist ja diszipliniert, meistens, grinst sie in sich hinein, zumindest jetzt.
Und schon schwimmt ihr schwerer Körper im Wasser des Schwimmbades und fühlt sich ganz leicht an. Die Bahnen sind frei, heute ist nicht viel los. Am Rand eine Schwimmschule, die Kleinen machen ganz ernsthaft ihre Schwimmübungen, ohne Angst, die Mütter sitzen im Cafe und zerwarten die Zeit mit Kaffetrinken.
Das hat Suska früher auch gemacht, mit ihrer Freundin. Bero ist geschwommen, mit dem Sohn der Freundin und die beiden Frauen haben diese freie Stunde genossen. Das war schön, denkt Suska.
Ein älterer Schwimmer kreuzt ihre Bahn. Warum schwimmt der quer, ärgert sich  Suska, wenn ich jetzt schneller schwimme , ramme ich ihn.
Wenn sie untertaucht mit ihrer neuen Schwimmbrille mit den blauen Gläsern, dann sieht sie seinen Bauch über der Badehose und dass er seine Beine bewegt wie ein Hund. Aber sie sieht nur seinen Bauch und nicht seinen Kopf. Das macht ihn abstrakt, genauso wie die Frau, die vor ihr schwimmt, mit ihrem schwarzen Badeanzug , der so Rüschen am Po hat. Auch diese Frau ist etwas dick und strampelt genauso wie der Mann mit seinen Beinen. Wer weiss wie ich von unten aussehe, denkt Suska, immerhin schwimmen wir, und dümpeln mit unseren schweren Körpern nicht nur vor den Düsen, um unsere Muskeln durcharbeiten zu lassen. Ich schaffe heute 35 Minuten , nimmt sie sich vor.

Das blaue Glas der Schwimmbrille verfremdet die Umgebung noch mehr. Die Lichter gehen an, draussen ist es dunkler geworden, das Wasser wirft blaue Blasen.
Nicht an die Hautpartikel denken, die da rumschwimmen, huuuu!
Nein, nein, alles ist schön, alles ist glitzernd, es kommt auf die Sichtweise an.

Suska hatte mal einen Patienten, der sich nie wusch,  ein sehr alter Mann, mit langen wilden weissen Haaren, den sie dann überreden konnte, dass sie ihm wenigstens die Haare bürstet. Er sass am Küchentisch in seiner alten Hütte, und sagte: Wannst moanst, Madl, und als sie die Haare bürstete, stoben goldene Funkeln durch den Sonnenstrahl ,der durchs seit Jahren ungeputzte Fenster fiel.
Goldstaub, Madl, da schaugst! hat der alte Mann gesagt.
Suska muss lächlen. Er musste  dann später ins Heim und sie konnte ihn überreden, das er vorher duscht.
Da hat er gesagt: Dann geh ich wenigstens sauber zum Herrgott nüber.
Er war einen Tag im Heim und dann ist er gestorben. An oiden baam verpflanzt ma net, hat er zu Suska gesagt. I sterb glei, wann i do bin.
Warum erinnnert Suska sich an ihn?
Weil sie so oft Tod erlebt?So oft Sterben? Wie hält sie das aus, hat mal jemand gefragt. Weiss nicht, hat Suska geantworte, das ist eben so.
Der letzte Tod einer Patientin, das war schön. Diese Tochter. Die so ruhig da sass und gefasst war, und am Ende danke gesagt hat. Für alles. Das hört Suska nicht oft. Die Angehörigen sind entsetzt und geben der Pflege die Schuld, das die Eltern oder wer auch immer so leiden mussten. Passiert jedenfalls öfter.
Schluss, Suska schwimmt jetzt, eintauchen , auftauchen, atmen, eintauchen…..
So wie die Tochter, wie hiess sie, Loida L. ,so wäre Suska gerne. So zart und gelockt und feingliedrig, so eine hätte sie vielleicht auch nur gerne als Freundin. Aber das geht nicht. Das macht man nicht.
Warum nicht? Warum eigentlich nicht?
Eintauchen, auftauchen, atmen…..vielleicht sieht sie sie ja noch mal, diese Loida, dann kann sie ja was sagen.
Die 35 Minuten sind rum, ein bisschen noch an die Düsen, wenn sie da jetzt schnell hinschwimmt, kriegt sie einen Platz. Noch sind die Plätze an den Düsen frei.

Suska-gelbe Rosen und Menschen, die sie nicht vergisst

Der Frühdienst heute hat Suska ziemlich angestrengt, und  die Frage, warum sie Krankenschwester geworden ist, lässt sie weiter nachdenken.
Die Frage ist einfach zu beantworten , es geschah wirklich aus Menschenliebe und Enthusiasmus. Oder Idealismus. Was auch immer.
Und sie hat es nie bereut. Sie ist in ihrem Leben so vielen Menschen begegnet, und hat gelernt, das es in tiefster Verzweiflung immer wieder Licht gibt.
Da waren in dem Seniorenwohnstift, in dem sie ihr FSJ gemacht hat, zwei Ehepaare, die befreundet waren. Kurz hintereinander starben der eine Mann und die andere Frau. Dann haben sich die beiden Überbleibenden gefunden. Der 78 jährige Witwer holte die 86 jährige Witwe zum Essen ab, ins Konzert, ging mit ihr spazieren, und das hat Suska, damals 16 jährig, tief berührt. Diese späte Liebe.
Als sie dann in der Ausbildung war, hatte sie eine Patientin mit schlimmem Brusttumor, Suska hatte sowas nie vorher gesehen, und dachte, was das für Schmerzen sein müssen. Damals war man sparsam mit Schmerztherapie, das hat sich zum Glück geändert. Sie hatte sich damals viel um diese Frau gekümmert, eine Bäuerin aus dem Dithmarscher Land, nicht alt an Jahren, aber gearbeitet hatte sie, das sah man ihren Händen an. Ihr Mann kam sie oft besuchen, und wenn Suska Zeit hatte, haben sie sich unterhalten.
Auf ihrem Nachttisch standen gelbe Rosen. Gelbe satte gefüllte Rosen.
„Die haben wir im Garten“, sagte die Frau, und Suska und sie betrachteten die Rosen, die  im Lichtstrahl, der durch das Fenster fiel, besonders prächtig leuchteten.
„Meine Frau liebt diese Rosen, deshalb bringe ich ihr täglich neue“, hat der Mann erwidert.
„Die sind sehr sehr schön,“ sagte Suska, und sie erinnert sich , dass sie dann auch alle drei geschwiegen haben und die Rosen betrachteten, gemeinsam.
Dann hat Suska frei gehabt, und als sie nach 3 Tagen wieder kam, war die Frau nicht mehr in ihrem Zimmer. „Wo ist sie?“ hat Suska erschrocken gefragt. „Sie ist vorgestern gestorben“, hat die Stationsschwester gesagt, „war besser für sie. Sie hat sehr leiden müssen.“
Suska schwieg, sie war traurig.
„Ach ja, „, sagte die Stationsschwester, „gestern ist der Mann noch mal da gewesen. Der hat was für dich mitgebracht. Im Stationszimmer stehts.“
Im Stationszimmer stand, in einem Marmeladenglas, ein prächtiger Strauss dick gefüllter, schwerer praller gelber Rosen.
Für Suska, danke für die Zuwendung.

Suska: Pflegen und rebellieren, geht das?

„Warum bist du Krankenschwester geworden?“ fragt eine junge Kollegin Suska während der kurzen Pause. Heute ist ein ganz besonders heftiger Frühdienst, Suska betreut 18 Patienten mit einer noch nicht mal 18 jährigen, die ein freiwilliges soziales Jahr macht. Sie muss diesem jungen Mädchen Aufgaben übertragen, von denen sie nicht weiss, ob sie das überhaupt kann.Und weil Suska gewissenhaft ist, und Verantwortung übernimmt, kontrolliert sie immer wieder, ob alles geklappt hat, klar, denn eigentlich sollte eine FSJlerin ZUSÄTZLICH eingeteilt sein, und nicht die Arbeit tun, die eine ausgebildetete Kraft sonst tut. Das sind so Gedanken, die Suska denkt, während sie an ihrer Möhre knabbert. Eigentlich hat sie viel mehr Lust auf ein Salamibrötchen….
Die Frage ihrer Kollegin schreckt sie aus ihren Gedanken hoch.
„Ja, warum,…. mein Satz in der Bewerbung damals war: Ich möchte Krankenschwester werden, weil ich gerne anderen Menschen helfen möchte. Das hab ich dann im Bewerbungsgespräch dann denen auch hingepiepst und gehofft, sie nehmen mich.“
„Haben sie ja auch, Gott sei dank!“, lächelt die junge Kollegin. “ Und es ist toll, dass du noch dabei bist. Aus meinem Kurs, den ich vor 4 Jahren abgeschlossen habe, ist die Hälfte nicht mehr dabei! Viele von denen studieren, Medizin, die haben nur abgewartet, bis sie einen Studienplatz gekriegt haben, und einige machen was total anderes, weil es denen zu viel Belastung ist.“
„Versteh ich“,antwortet Suska, „aus meinem Kurs arbeiten auch nur noch ein paar  aktiv in der Pflege, einer hat nen Betriebsratsposten gekriegt, eine andere ist Pferdewirtin geworden, die nächste vertickt Putzlappen, und manch eine hat vermögend geheiratet. Ich nicht,“ Suska grinst, “ da wäre ich ja zu abhänging vom guten Willen des mir Angetrauten, weisst du, ich arbeite gerne! Und wenn ich dann lese, dass eine grosse Tageszeitung schreibt: Pflegerinnen sind zu nett für die Rebellion,dann kommt mir die Galle hoch!“
Es läutet. Herr S., Zimmer 18 , schon wieder.“Wasser!“ quäkt es durch die Sprechanlage. „Iiich brauch driiiingend Wasser!“
„Ich könnte jetzt rebellisch sitzen bleiben und ihn verdursten lassen, aber dem zeig ich jetzt , wie nett ich bin,“ sagt die Kollegin, „ich komm gleich, kleinen Moment! “
Suska bleibt noch sitzen und denkt, warum dieser Satz in der Zeitung sie so aufregt. Nett sein ist ein dämliches Wort, als erstes. Zweitens, Pflegerinnen : auch keine schöne Berufsbezeichung. Jeder Fabrikarbeiter nennt sich Fachkraft. Warum schreiben die nicht Pflegefachkraft? Oder Altenpflegefachkraft?
Rebellion, klar, sie erlebt das selber, das andere Kollegen sagen: Ach, Betriebsrat, ach Gewerkschaft, die bringen doch nur Unruhe rein, die wollen doch nur mein Geld …Und sie hat selber nicht unbedingt positive Erfahrungen gemacht mit dem Betriebsrat, als es um ihre Fortbildung ging. Unterstützung hat sie nicht bekommen, das fand sie schade.

Aber wie soll die Pflege denn rebellieren? Der Schichtdienst macht zu müde,um auf Rebellionsveranstaltungen zu gehen,  und streiken ist auf vielen Stationen nicht möglich. Ein Kind kann zwar nach Zeitplan geboren werden, trotzdem muss der Kreisssaal besetzt sein, es kommen auch spontan Geburten.
Es gibt Patienten, die Schmerzen haben, die ihre Therpapien brauchen, oder soll sie die Chemo, die für den Menschen lebensrettend scheint, verschieben? „Sorry, wir verschieben ihre Therapie, auf ein paar Wochen weniger Leben kommt es bei Ihnen ja nicht an, wir müssen jetzt rebellieren!“ ?
Geht doch nicht.
Und ein Mensch der stirbt, der braucht dann in dem Moment Beistand , da kann die Rebellierende Krankenschwester nicht sagen:
„Leider keine Zeit, sterben Sie bitte später!“
Was für eine Vorstellung.
Suska hat keine Lösung. Seit 30 Jahren gibt es den Pflegenotstand, seit 30 Jahren geht sie immer wieder auf die Strasse, schwenkt rote Fahnen, trägt T-Shirts mit der Aufschrift: Pflege helfen jetzt! und  sieht darin aus wie ne Nicht-vegane-Moppstonne, aber sie läuft mit, sie ruft laut Parolen , sie trägt Aufkleber: „Wir streiken in Solidarität arbeitend mit“, aber es hat noch nichts genutzt. Es wird gespart, und geredet, und dann schreiben die Zeitungen was von netten Pflegerinnen…..oh- wie wäre es, wenn die alle mal nicht nett wären? Wenn Reporters Mutter nicht geduscht wird und die Hose nicht gewechselt wird, schreibt er dann immer noch „freundlich“:
„Die Pflegerinnen machen endlich Rebellion, Mutter blieb 3 Tage in der Sch… liegen? “
Sicher nicht. Dann schreibt er:
„Menschenverachtendes Verhalten der rebllierenden Pflegekräfte.“
Garantiert.
Die nächsten Glocken. Zimmer 20 . Chemo ist durch, Patientin übergibt sich. Zimmer 21, Patient hat starke Schmerzen.Zimmer eins: „Mein Nachbar hat sich in mein Bett gelegt, bitte , er will da nicht raus!“
Suska grinst. Sie liebt ihre Arbeit. Aber nicht nur, weil sie nett ist.

Suska- und das mit dem vegan-sein

Das mit dem Vegan-essen lässt Suska nicht mehr los. Obwohl sie dieser Ärztin beileibe nicht recht geben möchte, aber Gedanken macht sie sich schon. Über Tierhaltung und Konsum- ein bisschen was ändern kann sie ja. Eier beim Bauernhof kaufen, und Fleisch nur noch von einem Metzger, bei dem sie weiss, wo es herkommt. Und weil das teurer wird, gibt es halt weniger. Und eben mehr Gemüse. Vielleicht auch regionales, aus einer Biokiste, die sie sich liefern lassen kann.

Dann kommt Bero, der  Sohn , eines Tages aus der Schule  und erklärt, das er jetzt kein Fleisch mehr essen wird und auch keine anderen tierischen Produkte.
Vegan sei er jetzt.
Suska wird es ganz flau, was soll sie denn jetzt wirklich kochen?Ohne Sahne, ohne Käse, ohne Milch!
Ich koch schon selber, Mama, sagt er. Da ist Suska gespannt, ob das so klappt?
Es klappt, Bero kocht Gemüse, Linsen kommen jetzt ins Haus, und Getreide, von dem Suska noch nie gehört hat. Quinoa allerdings das schmeckt ihr nicht. Dann diese Körner ,die so aufweichen in Flüssigkeit, da schüttelt es Suska auch, dieser geschmacklose Matsch im Mund ist nichts für sie. Aber wenn es Bero schmeckt! Eines Tages sagt sie: Heute koch ich. Vegan! Lass dich überraschen!
Sie will vegane Pfannkuchen machen. Statt der Milch, hat sie sich überlegt, nimmt sie Mandelmilch. Und statt Butter in die Pfanne nimmt sie Margarine. Sie kauft Dinkelmehl, das soll auch sehr gesund sein und den weissen Zucker tauscht sie gegen Agavendicksaft. Das wird ihren gesundheitsbewussten Bero freuen!
Allerdings hat sie gelesen, das das mit den Mandeln auch nicht mehr so einwandfrei ist, Bienenvölker werden zum Befruchten der Mandelblüten hohem Stress ausgesetzt und müssen reisen, um alle Mandelbäume zu bestäuben, das ist auch Tierquälerei, findet Suska.
Aber nun gut, das macht sie jetzt trotzdem mit dieser Ersatzmilch.
Sie macht einen schönen geschmeidigen Teig mit der Mandelmilch und dem Dinkelmehl, zerlässt die Margarine in der Pfanne, der erste Pfannkuchen wird wie immer nichts, zu blass, zu dick, aber der zweite und  der dritte, die werden perfekt. Sie schichtet sie vorsichtig auf, Bero will zudem heute auch noch seine Freundin mitbringen, die sie noch nicht kennt, da muss es pefekt sein. Sie hat zur Feier des Tages eine wunderbare Marmelade gekauft, mit dem schönen Slogan: Glück aus Himbeeren, das passt zu dem heutigen Tag, denkt sie.
Alle Pfannkuchen sind  zum Wärmen im Ofen, der Tisch ist hübsch gedeckt, die Glückmarmelade auf dem Tisch.
Beros Freundin ist nett und offen, und Suska präsentiert stolz: Meine Veganen Pfannkuchen! Mandelmilch, Margarine, Agavendicksaft, Dinkelmehl! Na, was sagst du, Bero?
Und anstelle der Eier? fragt Bero.
Eier!
Suska wird es ganz heiss, meine Güte, das hat sie total übersehen! Eier sind vom Tier, selbt wenn es glückliche Hühner waren!
Fast kommen ihr die Tränen, aber Bero lacht laut, typisch Mama, essen wir halt heute vegane Pfannkuchen mit glücklichen Eiern und gücklicher Marmelade von glücklichen Himbeeren!
Und so gut haben die lange nicht mehr geschmeckt!

Suska- züngelnder Flammenzorn

Suska sitzt im Sprechzimmer der Betriebsärztin, alle paar Jahre muss der Arbeitnehmer eine Betriebsärztliche Untersuchung vornehmen lassen.
Also hat sich Suska heute dort Blut abnehmen lassen, Gewichtskontrolle, und jetzt Fragen von der Ärztin.

„Wie geht es Ihnen? Sind Sie immer noch auf der Intensivstation?“
„Nein, ich mach eine Fachweiterbildung.“
„Als was? In Ihrem Alter? Lohnt sich das denn? Sie gehen in 18 Jahre in Rente,
wahrscheinlich schon in 11, wenn ich Sie so angucke. Sie haben Übergewicht!“
„Ja, ich weiss, “ sagt Suska kleinlaut. „Das ist der Schichtdienst. Mich machen diese Nachtdienste immer so fertig.“
„Ja, das kenn ich , “ sagt die Betriebsärztin, „ich hab auch mal zwei Monate Schichtdienst gemacht, das war so anstrengend, aber Sie sollten das ja gewöhnt sein.
Ich geb Ihnen einen Tipp: Ernähren Sie sich vegan! Dann verlieren Sie Gewicht, Sie fühlen sich besser, der Schichtdienst ist besser zu schaffen, alles wird besser, glauben Sie mir! Hier haben Sie mal ein paar Broschüren, aus so Schlachthöfen, wie die Tiere leiden müssen, damit der Mensch sie essen kann,das wollen Sie nicht wirklich sehen! Sie können danach kein Fleisch mehr essen, wenn Sie das gesehen haben!
Also, ich hab mich , als ich mit Vegan anfing, dann so gut gefühlt und ich hab auch kein schlechtes Gewissen mehr wegen unschuldiger Tiere, die wegen mir sterben würden, tun sie ja nicht mehr wegen mir! Und meine Mutter, wissen Sie, die ist jetzt 89 und vor 4 Jahren wurde Demenz festgestellt, sie hat nicht mehr gesprochen und dann hab ich sie auch nur noch vegan essen lassen und Sie glauben es nicht! Sie redet wieder!“

Erst ist Suska sprachlos.
Dann spürt sie, wie ihre Kopfhaut kribbelt, das hat sie manchmal wenn sie zornig wird. Dann wachsen aus ihrem Kopf kleine züngelnde Zornflammen, die immer grösser werden. Sie spürt , wie die Flammen jetzt auch wachsen und zischeln. Sie steht vom Stuhl auf. Sie ist eine wogende Energiemasse, ihr Körper bebt und wogt wie die grossen Wellen im Meer, wenn sie anrollen, und  auf ihrem Kopf züngeln die Flammen.
Die Betriebsärztin wird ganz klein in ihrem Bürostuhl.
Suska wird immer grösser und gewaltiger. Als sie anfängt zu sprechen, prasseln die Worte wie Hagelkörner auf die kleine Betriebsärztin.
„So, meinen Sie… Ich bin übergewichtig und zu alt um mich fortzubilden. Vielleicht hätten Sie das auch tun sollen, sich fortbilden, als hier ihre täglichen 4 Stunden abzusitzen und die hart arbeitenden Krankenpflegekräfte zu beleidigen! Niemand ist jemals zu alt, um zu lernen! Wenn man etwas ändern will an seiner Situation, ist etwas zu lernen sehr hilfreich!
Sie sollten vielleicht mal motivieren üben , wenn jemand kommt und Ihnen seine Sorgen erzählt!
Und mein Übergewicht, das hat sicher Gründe, aber das hindert mich nicht, etwas dagegen zu tun! Sie haben nicht gefragt, was ich dagegen tue, Sie haben mich davon zu überzeugen versucht, das zu tun, was Sie toll finden, ich aber nicht! Ich liebe Wurst und Käse.
Und dass Ihre Mutter wieder reden gelernt hat, war wahrscheinlich aus reiner Not, ich bin mir sicher , sie hat gesagt: Ich möchte so gerne ein Wurstbrot!Gib mir Fleisch! Und Käsekuchen! Und ich hoffe, sie hat es bekommen, damit sie noch ein wenig Freude hat in ihrem Leben! “

Und Suska dreht sich um und schreitet zur Tür, die sich von allein öffnet, sie muss die Klinke gar nicht berühren, soviel ZornesEnergie hat sie, dass die Türen von allein aufspringen!
Die Flammen züngeln und zischeln auf ihrem Kopf, ihr Körper wogt und rollt, und sie hat ihren Kopf hoch erhoben und die Augen klar, und sie  weiss, das alles richtig ist, wie sie es tut.

(Diese Geschicht ist frei erfunden! Wie alle anderen meistens auch 😉 )

Suska-fahren lernen

Suskas Sohn Bero wird bald 18 Jahre alt sein. Und natürlich macht er Führerschein. Die Theorie hat er bereits, jetzt fehlen ihm noch Fahrstunden. Wenn sie gemeinsam Auto fahren, fragt er viel, und erklärt und kommentiert  Suskas Art zu fahren. Er fragt sie, warum sie die anderen Autofahrer beschimpfen muss andauernd.
Roadrage nennt er das.
Und er erklärt, wie hochtechnisch das Fahrschulauto ist. Es hat eine elektronische Handbremse und Regenscheibenwischer-Sensoren. Man stellt den Sitz elektronisch ein und kann die Rückspiegel einstellen anhand des Gewichtes des Fahrers, wenn man es einprogrammiert hat. (Was aber ist nach einer rasanten Gewichtszunahme, Weihnachten zum Beispiel?)
Auch eine Einparksignalhilfe hat es und Suska fragt sich , warum man auf so einem HighTech Auto fahren lernen muss.
Welcher Fahranfänger hat ein Auto, das diesen Komfort hat?
Und ist es sinnvoll, am Berg mit elektronischer Handbremse anfahren zu lernen, wenn man dann mit der ollen Rostlaube der Mutter fahren muss, wo die Handbremse gaaaanz sensibel losgelassen werden muss,  und bei der die Scheibenwischer quietschen und man gucken muss, wenn man einparkt, und nicht hört, wie hektisch das Warnsignal piept, und in einem Jammerlaut verstummt, wenn man gegen den Hintermann knallt. Bei Suska rummst es dann lediglich, wenn sie zuweit rückwärts gefahren ist und sie denkt dann: „Wenns rummst, nochn Meter!“

Ehrlich, ist diese Technik sinnvoll beim Autofahren lernen?
Aber wenn er dann fahren kann mit Suskas Auto, wird er das schon hinkriegen, es bleibt ihm nichts anderes übrig!

Dann wird er auch schimpfen, über das Auto, die anderen Autofahrer und die quietschenden Scheibenwischer.
Dann wird er garantiert auch roadragen!

 
(Für die die mich persönlich kennen: ich schreibe hier nicht über meinen Sohn! 🙂 )

Suska- eine Minute

„Ich wünschte, ich hätte deine Ruhe“, hat gestern eine Kollegin zu Suska gesagt, “ ich wünschte, ich hätte deine Geduld.“
„Warum meinst du, hast du das nicht?“ , fragte Suska.
„Ich kann das nicht, mich ans Bett setzen, und da sitzen und warten, dass er sich beruhigt. Ich denke oft, oh man, lass mir doch meine Ruhe! Ich hab noch soviel zu tun!Und Angst hab ich auch, weil ich oft nicht weiss, was ich tun soll“
„Ich weiss wie das ist,“ hat Suska  geantwortet, „ich kenn das von früher, wenn ich so unsicher war. Und  das eben, da Zeit zu haben und Geduld , da war das nötig- der hatte Todesangst!“
Und die hatte er wirklich, der alte Mann, der plötzlich keine Luft mehr richtig einatmen konnte, weil sein Lunge spastisch war, und weil er sowieso weiss, das er bald sterben muss. Da hat Suska ihm eine Inhalationsmaske gemacht, und hat sich an sein Bett gesetzt und gefragt, ob sie ihre Hand auf seinen Brustkorb legen darf, damit er dahin atmet wo ihre Hand ist.

„Aber Sie müssen fester drauf drücken, ich spüre sie gar nicht!“ hat der alte Mann gerufen und Suskas Hand auf sein Herz gedrückt. “ Da- spüren Sie, wie es klopft, es rast, sie müssen es einfangen!“
„Ja, “ hat Suska gesagt ,“ich werde aufpassen, dass es nicht davon springt, “  und ist am Bettrand sitzen geblieben und und hat mit dem Mann ruhig geprochen, während ihre Kollegin den Stationsarzt holen sollte.
Der aber, wie es oft ist, in der Frühbesprechung war.

Es ist ihr nichts anderes übrig geblieben, als zu warten, zu beruhigen, hinatmen zu lassen und sie erinnerte sich an das, was sie im Palliativkurs gelernt hatte.

Ruhig bleiben, Türen öffnen, freimachen bei dieser Atemangst.

Dem Patienten ging es allmählich besser. „Bitte , gehen Sie nicht weg“ hat er gebeten und Suska hat gelächelt, dass sie dableibt, natürlich bleibt sie da und sie lässt die Hand auf seinem Herzen, wenn er das will.
Er wurde ruhig. Der Arzt kam und ordnete die Medikamente an, die Suska auch hätte geben wollen.
„Was ist mit mir?“ eine klagende Männerstimme aus dem Nachbarbett. „Ich hab auch Schmerzen, wann reiben Sie meinen Rücken ein?“
„Kindergarten!“ dachte Suska, sagte aber:“Mach ich gleich. Ich hole nur noch was, da bin ich auch für Sie da!“
Als sie wenige Minuten später wieder ins Zimmer musste, weil die Infusomaten piepsten ,stand Suska zwischen den Patientenbetten und hat überlegt, was die Ursache für das Gepiepe war.
Da hat sie gespürt, wie von rechts und von links jeweils eine greise Männerhand nach ihren Händen greifen, gleichzeitig, und  beide kranken Männer sagten: „Bitte, gehen Sie nicht weg!“
Suska hat gelacht und gesagt:“Bin ich Mutter Theresia?“  und da lachten die Männer auch und der mit der Atemnnot sagte:“ Sie waren heut mein Lichtblick!“ da hat sich Suska gefreut.
Sie hat später zu ihrer Kollegin gesagt, dass es nicht nötig ist, stundenlang Gespräche zu führen mit den Patienten oder ewig am Bett zu sitzen, es reicht manchmal eine Minute ganze Hinwendung, in Körpersprache und Blicken,ein ehrliches warmes Lächeln,  um dem kranken Menschen zu zeigen: Ich nehme dich ernst, ich bin da.

Da hat ihre junge Kollegin gelächelt  und gesagt:“Das werde ich auf alle Fälle versuchen zu tun! „