Loida: Rosen und freie Radikale

Sich selbst was Gutes tun, das möchte Loida heute.
Dem ganzen Wintergrau entfliehen, entspannt auf einer Liege legen, und sich pflegen lassen. Loida hat einen Termin bei der Kosmetikerin, das macht sie sehr selten, nur im Notfall. Seit drei Wochen hat sie diese Notfallgedanken. „Ich muss mir was Gutes tun“, und für heute hat sie einen Termin bekommen.
Ein kleines Studio, alles in weiss , ein Buddha mit Kerze im Eingangsbereich, Orchideen im Flur, an der Wand ein Bild mit einer stilisierten Lotusblüte.
Loida fühlt sich gleich entspannt. Sie darf sich auf eine weisse weiche Liege legen.
Die Kosmetikerin ist eine Frau in ihrem Alter, ein bisschen korpulent, mit einem weissen Kittel und gepflegten Händen. Loida fühlt sich wohl. Die Kosmetikerin beginnt, mit einem  freuchten warmen Tuch Loidas Gesicht zu waschen, fragt sie ein bisschen nach Loidas Pflegegewohnheiten aus und Loida antwortet, das sie normal nicht viel tut mit ihrer Haut, ein wenig Gesichtscreme für den Tag und eine gehaltvollere Nachtcreme vom Drogeriemarkt, das reicht.
„Das merkt man!“ sagt die Kosmetikerin, „tun Sie ihrer Haut zuliebe sich öfter mal was Gutes, eine Ampulle pro Woche, das wäre sicher nötig. Ich tu Ihnen jetzt mal die Behandlung drauf und dann sehen wir,was Sie dann zu Hause machen können!“
Achso, denkt Loida, muss ich mir das dann kaufen hier? Reden kann sie nicht, sie hat das warme Tuch auf ihrem Gesicht und jetzt fängt die Kosmetikerin an, ihr eine feuchte schwere Creme aufzutragen.
„Wissen Sie, ich liebe meinen Beruf!“ , sagt diese, “ allerdings, was ich mir immer anhören muss von den Leuten, diese Geschichten! Ich komme immer ganz voller Storys zu Hause an, was die Leute alle für Sorgen haben! Und dann komm ich nach Hause und dann ist da mein Mann, und der will sein Essen haben und dann koch ich, und dann trinkt er seinen Schnaps, und dann kann er nicht mehr Auto fahren, aber manchmal möchte ich ja schon raus mit ihm auch, und mal ein bisschen bummeln, aber er trinkt ja immer seinen Schnaps. Aber zum Glück…“ , sie wischt resolut die Creme wieder von Loidas Gesicht, „Zum Glück hat er jetzt einen Nebenjob!“
Sie beginnt, mit einer spitzigen Nadel an Loidas Stirn rum zu drücken, das tut etwas weh. Aber Loida ist still,das gehört wohl dazu.
„Nebenjob, aha, „murmelt Loida, bevor sie tief Luft holt, es tut ziemlich weh.
„Ja, Nebenjob!“ fährt die Kosmetikerin fort, und piekt drauf los, “ er muss jetzt am Wochenende Nachtschicht machen, an der Tankstelle am Ortausgang, die kennen Sie bestimmt! Und jetzt ist er Freitag abends und Samstag Nacht aufgeräumt! Da hab ich die Wohnung für mich!Sturmfrei!“ lacht sie und und zupft an Loidas Kinn und Oberlippe mit einer Pinzette die überflüssigen Härchen raus.
„Das nächste mal machen wir Sugaring, das müssen Sie dann vorher sagen! Dann geht das gründlicher weg, die Borsten!“ kommt es von oben an Loidas Kopf.
Sie massiert Loidas Gesicht mit einem duftenden Öl. „Rosenöl!“ erklärt sie, “ das ist gut für alte Haut, das macht sie rosiger! Granatapfel ist auch drin, das fängt die freien Radikalen ein!“
Freie Radikale und sturmfrei. Ist der Mann erst aus dem Haus, sieht die Welt viel schöner aus…
Männerfreie Wohnungen mit freien Radikalen. Freiheit für die Granatäpfel. Stoppt den Missbrauch der Rosen, kein Rosenöl auf alte Haut, denkt Loida, und wann erzählen die Kunden ihr die Geschichten, die sie mit nach Hause nimmt, Loida ist jedenfalls überhaupt nicht zu Wort gekommen.
Wollte sie auch nicht.
Sie wollte nichts erzählen, sie wollte sich nur was Gutes tun.
Und jetzt liegt Loida da, und denkt an den Mann mit dem Nebenjob, der Schnaps trinkt und dessen Frau froh ist, wenn er weg ist, und Loida das auch manchmal denkt, das sie froh ist, wenn ihr Mann auf Dienstreise ist, und ob das schlimm ist, so zu denken.
Loida ist ja dann aber nicht die einzige zum Glück, die so denkt, das geht Loida durch den Kopf, während sie auf der weichen Liege liegt.
Der Duft des Rosenöls zaubert ein Bild vor ihre Augen:schwellende überfliessende Rosenblüten an üppigen Sträuchern, und tanzende ältere Frauen mit Falten im Gesicht , Haaren auf der Oberlippe und Rosenblüten zwischen den Brüsten und in den grauen Haaren, die tanzen und lachen, und  Loida in ihre Mitte nehmen.
Sie träumt. Sie schwebt.
Bis die Kosmetikerin wieder den Raum betritt, da wird Loida wieder wach. Ein warmer feuchter Lappen landet in ihrem Gesicht, die Maske wird abgeschrubbt. Noch eine feine Rosencreme drauf aufs Gesicht, „Die kriegen Sie dann zum günstigen Preis bei mir an der Kasse“, hört Loida, und dann darf sie aufstehen.
Natürlich kauft sie sich an der Kasse die Rosenpflegecreme und noch eine Monatspackung Granatapfelampullen, für die freien Radikalen, klar, sie tut das ja für sich. Und dazu bekommt sie noch ein paar Pröbchen, und den Auftrag, das sie das nächste mal dann ein Sugaring mitbuchen soll, was auch immer das sein soll, und dann geht Loida heim.
Und im Bus fällt ihr ein: Sie hat Strumfrei heute, der Gatte ist auf Dienstreise, wie schön….

Disturbing the peace

Ein Thema ,das mich nicht loslässt, und über das ich auf Gezeitenwechsel gebloggt habe. Ich habe beim Anschauen des Filmes so vor mich hingedacht, das das Erkennen des Anderen, das sich mit ihm befassen, ein Teil von Frieden schaffen ist. Denn wenn ich ihn er-kenne, ihn verstehe, den Fremden, die Fremde, dann kann ich meine Angst vor ihm kleiner machen oder ganz auflösen. Und dann sind wir ein bisschen näher dran am Weltfrieden.
Ein kleines winziges Stückchen näher, das reicht vielleicht manchmal.

Eine gute Woche. Kat.

Liebe S., ich habe heute einen Film gesehen. Wenn du dich erinnern kannst,war meine SchönsteTochter 2015 in Ramallah, während ihres Studiums, und hatte dort Kontakt mit den Leuten von den combattants for peace, ich hatte darüber geblogt, hier und hier. Über die Combattants for peace wurde jetzt ein Dokumentarfilm gedreht, er heisst : Disturbing the […]

über disturbing the peace — Gezeitenwechsel

Flida – Heiligabend

Es ist Heiligabend.
Flida ist alleine, es hat dieses Jahr nicht geklappt mit dem Familienheiligabend.
Ihre Söhne feiern mit ihren Freundinnen oder Freunden, und Flidas  Tochter ist zum Vater gefahren. Der feiert mit seiner Mutter, und die Tochter hat gesagt:Wer weiss ob die Oma nächstes  Weihnachten überhaupt noch erlebt, das verstehst du doch, Mama, oder? Und der LAT-Gefährte wird den Nachmittag mit seinen Kindern verbringen, die er dann später zu seiner Exfrau bringt, und er weiss echt nicht, ob er dann nach dem ganzen Zinnober überhaupt noch zu Flida will, hat er gesagt. Und Flida hat Verständnis, natürlich.
Ein bisschen traurig ist sie schon, sie fühlt sich ein wenig verlassen. Wie wichtig ist ihr denn der Heilige Abend, ist er nicht ein Abend wie jeder andere auch? Am 25. kommen doch alle, sie hat doch ein wunderbares Essen vorbereitet.
Sie spürt wie sich das Teufelchen auf ihrer Schulter räkelt.
Was, wenn das Teufelchen wieder sagt: Selber Schuld, Flida, hättest du dich durchgesetzt, dann wärest du nicht allein! Wenn du denen allen klipp und klar gesagt hättest, dass du Heilig Abend mit ihnen feiern willst, dann wärst du jetzt nicht traurig!
Das Teufelchen gähnt und reibt sich die Augen.
Du hast gar keinen Tannenbaum, Flida, sagt es.
Brauch ich auch nicht, sagt Flida.
Willst du denn jetzt ohne Tannenbaum allein hier hocken am Heiligen Abend? fragt das Teufelchen.
Flida denkt nach.
Nein,sagt sie, dann werde ich traurig .
Genau.  Also, was machen wir jetzt, Flida?
Wir fahren in die Stadt! sagt Flida.
Aber die Geschäfte sind zu! ruft das Teufelchen, shoppen ist jetzt nicht mehr!
Ich muss ja auch nicht shoppen,sagt Flida und wickelt ihren Schal fest um sich.
Es ist kalt draussen. Der Wind pfeift.
Sie geht ein paar Meter. Der Bus kommt, sie steigt ein. Der Busfahrer lächelt ihr freundlich zu.
Einige Leute sitzen im Bus, fast alle haben Geschenke dabei.
Flida nicht. Flida hat ein frierendes Teufelchen auf der Schulter.
Am Marktplatz steigt sie aus. Es hat begonnen, leise zu schneien.
Die Geschäfte sind beleuchtet, Flida geht durch die Fussgängerzone. Dort, wo bis vor wenigen Stunden Menschen gewuselt haben, ist alles leer. Ein gelbes Paketauto parkt an der Statue vom Stadtvater. Der Paketbote lehnt an seinem Auto und raucht. Geschafft, sagt er zu Filda, das war ein stressiges Weihnachtsgeschäft. Und das, wo ich gar nicht Weihnachten feier! Er lacht.
Flida lacht zurück und geht weiter. Aus einer Fussgängerpassage erklingt Musik. Sie bleibt stehen und lauscht. Sie schliesst ihre Augen. Die Musik ist schön, denkt sie und muss ein bisschen weinen.

Langsam geht sie in die Passage. Auf dem Boden sitzen zwei, mit ihren Gitarren, und spielen. Flida möchte dazu tanzen, sich leicht drehen  im Kreis, tanzen in den frischen Schnee. Sie spürt den Wind und riecht den Winter und die Weihnacht und hört , wie sie singen: Knockin`on heavens door.

Da hört sogar das Teufelchen mit dem Frieren auf und ist ganz still.

 

Für meine Schwester

Hilde- Schritt für Schritt

Hilde geht es richtig gut, sie hat sich in ihrem kleinen Häuschen am Meer auf dem Campingplatz eingerichtet, ihre Tage haben einen festen Rhythmus.

Sie steht auf, wenn es hell wird, und macht ihren Rundgang über den Campingplatz, der jetzt verlassen ist.

Sie sammelt ein paar Pinienzapfen auf, und schaut nach dem Rechten in den Mobilheimen, ob die Fenster und die Türen geschlossen sind, zum Beispiel .
Dann kehrt sie zurück in ihre eigene kleine Bleibe und macht sich einen Milchkaffee. Den trinkt sie auf der kleinen Terasse und beobachtet dabei die kleinen Spatzen, die zu ihr hüpfen und hoffen, dass Hilde ihnen vielleicht ein bisschen Brotkrumen zuwirft.
Sie lauscht auf die Stille.
Sie erinnert sich an den Lärm in der Stadt, an die unermüdlichen Rasenmäher der Nachbarn- wann immer die Sonne schien, knatterten und lärmten diese Gartengeräte.
Das hat sie jetzt nicht. Sie kann die Stille hören, das macht sie glücklich.

Dann zieht sich Hilde an , je nach Wetter, selbst wenn es regnet macht sie das: Sie geht ans Meer.
Davon hat sie früher immer geträumt, am Meer entlang gehen. Ohne Hetze. Ohne auf jemandem zu hören, einfach ihrem eigenen Tempo folgen.
Schritt für Schritt.
Am Anfang hat sie verschiedene Wege ausprobiert, erst ging sie durch das Dorf, dann durch Strasse mit den jetzt geschlossenen Geschäften.
Es ist so still, weil keine Urlauber da sind.
Dann geht sie über den Holzweg , der durch die Dünen führt, ans Meer.
Am Anfang waren noch die Wellenreiter da, die Unverdrossenen, die in ihren Campingwagen auf den Parkplätzen stehen und den ganzen Tag im Wasser auf ihren Brettern sind. Abends hat sie sie manchmal lachen hören und ihre Musik hat sie in ihren Schlaf begleitet.
Aber mittlerweile sind auch die Surfer ausgeblieben. Es ist so wohltuend still, wenn Hilde geht. Und Hilde hat ihren festen Weg. Durch den Pinienwald, über den Holzweg durch die Dünen, an den verschlossenen Meerblickvillen vorbei , am Strand entlang. Erst links hinunter, durch den Sand, und später dann  zurück über die Anhöhe, durch den Ginster und die Brombeeren, das Meer von oben betrachtend zu ihrer linken Hand,  bis sie wieder im Dorf ist.
Nur sie,  Hilde, das Meer,die Wellen und der Wind.

Sie ist jetzt ganz für sich. Schritt für Schritt.
Sie hat ihren eigenen Rhythmus gefunden

Flida-es schimmelt

Sie riecht es wieder, es riecht nach vergammelter Zitrusfrucht. Flida ärgert sich und schmeisst als erstes ihre Orangen weg.

Man kauft auch keine Orangen im September, hört sie das Teufelchen flüstern.

Ja, mag sein, antwortet Flida, aber es riecht immer noch so! Und kalt ist es auch hier und die Heizung geht immer noch nicht!
Es ist ja auch September erst! Und ausserdem : mir ist nicht kalt! ruft das Teufelchen, aber Flida will es ignorieren, und macht sich auf die Suche nach dem Schimmelgeruch.

Naklar, in der Ecke, neben dem Schrank, sieht sie ihn wieder wachsen, diese grauen Stellen, die sie hasst, dabei hat sie bereits alle Möbel von der Wand weggeschoben.
Damit Platz ist für die Luftzirkulation. Letztes Jahr hat sie der Vermieterin geschrieben ,dass in 2 verschiedenen Zimmern der Schimmel war, den sie aber mit Chlor weggeputzt hat und dass sie zwar die Heizungen voll aufdreht, dass die Räume aber nicht richtig warm werden .
Und jetzt ist Ende September und die Heizkörper werden gar nicht überhaupt nicht warm.
Sie ruft die Vermieterin an und sagt, dass die Heizung nicht warm wird. Es kommen tolle Tipps, Flida denkt, ob sie denn für  bekloppt gehalten wird?
Sie müsse halt die Heizkörper aufdrehen, immer, und ausserdem solle sie sie entlüften. Dann müsse die Heizung warm werden.
Okay, entlüften kann sie,das macht sie jedes Jahr, aber es ist  keine Luft in den Heizkörpern. Es wird trotzdem nicht warm.
Sie ruft die Vermieterin wieder an. Oh, sagt diese, Flida solle doch bitte auch aufpassen wegen dem Schimmel, es habe noch nie geschimmelt in der Wohnung, sie solle gescheit lüften und IMMER heizen, dann gäbe es auch keinen Schimmel, die anderen Eigentümer in dem Haus hätten auch keinen Schimmel, und wenn sie, Flida, wieder wegen der Fenster anfinge, die seien einwandfrei! Zwar schon 30 Jahre alt, aber aus Holz und das seien Superfenster! Und dass die  innendrin beschlagen würden, das sei die hohe Qualität der Fenster! Das sei normal!
Auch bereits im September, fragt Flida, wenn es noch gar nicht eiskalt ist draussen?

Das kommt, weil Sie Wäsche drinnen trocknen! schimpft die Vermieterin.
Ich trockne keine Wäsche drinnen, verteidigt sich Flida, und dann  fängt auch noch das Teufelchen an zu schimpfen:Warum rechtfertigst du dich? Das geht die doch gar nichts an!
Flida ist sauer, und man hört es ihrer Stimme an und sie sagt zu der Vermieterin: Wenn es morgen immer noch so eiskalt ist, ruf ich die Heizungsfirma an! Die sollen gucken, woran das liegt!
Das zahlen Sie dann aber selber! kreischt die Vermieterin, und Flida merkt, das sie fast weinen muss.
Wieso hat sie immer so ein Pech, in der letzten Wohnung war es das genaugleiche, Schimmel an der Wand bis hoch hinauf und im Winter beschlugen die Scheiben und es zog und wenn es sehr kalt war, gefror das Beschlagene innendrin an der Scheibe.
Auch das waren „pfenninggute“ Holzfenster und es habe an Flidas Heiz-und Lüftungstechnik gelegen,  das es so war.
Es war im Kinderzimmer und damit es warm wurde, hat Flida die Scheiben mit Wolldecken zu gehängt. Da kam der Vermieter und hat Flida gebeten, das doch bitte wegzutun ,wie sähe das aus von aussen,wenn die Scheiben mit Wolldecken verhängt seien. Wie im Slum!
Flida ist dann zum Glück ausgezogen und diese Wohnung , in der sie jetzt lebt, liebt sie, und deshalb möchte sie auch bleiben.

Aber manchmal, denkt sie, wäre es schön, wenn sie Wohnungseigentum hätte, und ein bisschen Geld übrig, dann könnte sie richtig isolieren von draussen, gute Fenster einbauen und wenn dann Geld übrig bliebe, würde sie das breigebraune Bad renovieren. Und einen Holzofen einbauen!Wenn sie Eigentümerin wäre. Das wäre toll.
Träum weiter! feixt das Teufelchen.
Ja, denkt Flida, aber immerhin kann ich Heizung entlüften, und morgen kommt der Heizungsmann und dann ist es warm!
Es kam der Heizungsmann am nächsten Tag und stellte fest, das der Heizungszufluss in Flidas Wohnung abgedreht war. Sabotage? Oder Nachlässigkeit des Heizungablesers im Sommer? Oder vielleicht Flidas Teufelchen, dem es IMMER zu warm ist?

Egal, jetzt ist es kuscheligwarm in Flidas Refugium. Und Vermieter haben keinen Zutritt!

Hilde- vom bleiben können

Natürlich ist es nicht immer leicht, alle Zelte hinter sich abzubrechen, so wie Hilde das macht, als sie am Meer bleibt. Und nicht mehr in ihre Ehe zurück geht und in  ihr altes Leben. Sicher sitzt Hilde auch manchmal da und denkt, ob es nicht anders besser gewesen wäre, wenn sie zurück gegangen wäre , wenn sie vielleicht nicht unbedingt weiter gemacht hätte, sondern etwas anderes aufgebaut hätte für sich. Aber sie fühlt , dass das nur eine halbe Form von Neubeginnen geworden wäre. Sie möchte ganz neu anfangen. Ein ganz neues Leben, denn das alte Leben ist zu bitter geworden.
Es wird nicht ohne Zweifel  bleiben, nicht ohne Traurigkeit, ob sie sich nicht vielleicht doch ein bisschen mehr Mühe hätte geben müssen, ein bisschen mehr Verständnis für Herbert aufbringen hätte können, den sie doch mal geliebt hat. Sie hat ihn irgendwie immer noch lieb, aber sie will jetzt endlich ganz bei sich sein.

Deshalb bleibt sie jetzt hier. Und als die Madame vom Campingplatz deutsch mit ihr spricht,  da durchströmt Hilde eine Welle von Erleichterung.
„Ich bin Herta!“, sagt die Madame vom Campingplatz,“ Herta aus Hamburg!“
„Ich bin Hilde, und ich würde gerne hier bleiben und wollte fragen, ob ich hier nicht was arbeiten kann und ein kleines Häuschen über den Winter mieten kann, so ein Winter am Meer, das wäre schön!“

„Nu, „macht Herta, “ wir brauchen in der Tat im Winter jemanden, der auf den Campingplatz aufpasst.Aber n büschen einsam is das schon hier!“
Ach, denkt Hilde, Einsamkeit macht mir nichts aus. Ich werde einfach viel denken, und wenig denken und nichts denken und den Wellen zugucken und wenn es windig und kalt wird, dann wickel ich mich in eine warme Decke. Ich muss mit niemandem reden und kann einfach in mich reinhören, und dann werde ich…..
“ Du kannst dann in das Häuschen hier am Eingang einziehen,“ unterbricht Herta ihre Gedanken, “ das ist praktischer, dann kannst du täglich den Pool kontrollieren und kriegst einfach mit, was hier passiert. Aber es passiert normalerweise nichts, und Hassan, das ist mein Mann, der kommt auch täglich vorbei, und wir wohnen ja nicht weit weg.“
„Kein Problem“, sagt Hilde, “ wenn es okay ist, ich mach das , das wäre perfekt.“

Und so kommt es, das Hilde den Winter in einem kleinen warmen Mobilhome auf einem Campingplatz an der französischen Atlantikküste verbringen darf. Sie hat sich ein kleines Auto gekauft, damit sie mobil genug ist, um hin und wieder unter Menschen zu kommen, aber eigentlich will sie sich entschleunigen. Das ist ein tolles Wort. Sich entschleunigen. Deshalb hat sie sich auch ein langsames kleines Auto gekauft. Sie macht sich noch keine Gedanken darüber, ob es sehr einsam werden könnte oder  was passieren kann, wenn die Gedanken sie einholen, sie lässt alles einfach auf sich zukommen.
Sie freut sich auf den Wechsel der Zeiten am Meer.

 

Hilde- was, wenn sie dageblieben wäre

Ich habe überlegt, wie es Hilde gehen würde, die ja, nachdem sie im Zoo so unmöglich von ihrer Familie behandelt wurde und daraufhin nach Frankreich ausgebüxt ist, wie es gewesen wäre, wenn Hilde nicht zurückgekommen wäre.
Hilde ist also auf dem Campingplatz in Frankreich, lauscht den Wellen, geht am Strand spazieren und kommt innerlich zur Ruhe.
Morgens geht sie in den kleinen Laden, tauscht ein Lächeln mit dem Ladenbesitzer oder seiner Frau, kauft sich ein Croissant und sitzt dann auf ihrem Campingstuhl vor dem kleinen Mobilehome, trinkt einen Kaffee und schaut den anderen Leuten beim Campingleben zu. Sie betrachtet ihre gesammelten Muscheln , die sie auf einem Handtuch ausgebreitet hat, sie wird später noch mehr Muscheln sammeln.
Aber vorher, beschliesst sie gerade, ruft sie zu Hause bei Herbert an.
Das gebietet ihr ihre Loyalität, er ist ihr Mann und soll wissen, wie es ihr geht. Ihre Tochter weiss , wo sie ist, das hat sie ihr gesagt, und Hilde weiss auch, das Herbert gut versorgt ist vom Pflegedienst, aber selber mit Herbert hat sie noch nicht gesprochen.
Hilde geht in die Telefonzelle an der Campinplatzrezeption und wählt ihre heimische Telefonnummer..
Es tutet, dann ein Klick und eine ausländisch klingende Stimme fragt: „Wärrr bittä?“
Wahrscheinlich die Pflegerin, denkt Hilde, und sagt:“Hallo, meinen Mann hätte ich gerne, Herbert!“
„Ah, gutt, Härrbaärrt, Momänt , bittä!“
„JA?“, tönt es grimmig aus dem Hörer.
„Herbert? Ich bins, Hilde, ich wollte dir nur sagen, mir geht es gut!“
„Wo bist du?“ brüllt es aus dem Hörer, „Was machst du? Hast du einen anderen ? Ich bin mir sicher, du hast einen anderen Mann! Sonst wärest du nicht weggegangen, du Schlampe! Du hast schon immer nach den anderen Männern geguckt! Gib es zu, du gehst fremd!“
“ Herbert,! “ sagt Hilde. „Hör auf sowas zu denken! Ich bin hier, um mal zu Ruhe zu kommen!“
„Aber du hast andere Männer!“
„Nein, Herbert, der einzige Kontakt mit einem Mann ist der , wenn mir der Bäcker morgens das Croissant gibt!“
„WUSSTE ICH ES DOCH!“ brüllt Herbert, “ du hast einen andern Mann!“
„Ach Herbert, “ seufzt Hilde,“ lassen wir das. Du weisst, das du dir was zurecht spinnst, und deine Eifersucht halte ich sowieso nicht mehr aus. Mach es gut!“
Und während sie auflegt, hört sie, wie am anderen Ende der Leitung der Herbert weiter wütet ud brüllt und seine Stimme immer ferner und leiser wird.

Sie muss nicht mehr nach Hause, denkt sie,  sie kann hier bleiben. Sie kann ihre Freundin bitten, ihre Papiere zu schicken. Sie kann nach Arbeit fragen, und sie kann fragen, ob sie da weiter wohnen bleiben kann in dem Campinghäuschen. Sie kann auch Croissants verkaufen. Sie kann Führungen in Kirchen machen, für die deutschen Urlauber, sie hat doch mal Kunstgeschichte studiert, 3 Semester, damals.
Sie kann auch fragen, ob sie auf dem Campingplatz arbeiten kann, putzen oder an der Rezeption.
Sie kann französisch lernen.
Sie muss französisch lernen, und das schafft sie auch.
Sie kann Animateurin werden dort, mit Kindern kann sie gut, sie kann die Kinder beaufsichtigen.
Hilde verlässt die Telefonzelle und marschiert zur Rezeption.
Die Madame, die den Campingplatz leitet, blickt von ihrer Zeitung auf. „Bonjour! Vous desirez?“
„ähm,…. “ macht Hilde und atmet tief durch, jetzt muss sie  es sagen, „ähm, alors, also, je cherche un job, je veux reste ici, la, dans le camping, et je veux travaille beaucoup, jàime travaille, ach, gott ist das schwer…..“
„Nä nä“, lacht da die Madame, „du musst dich nich so anstrengen , nä, du kannt ok Dütsch mit mir schnacken. Ik bin von Hamburch!“
Da muss Hilde lachen.

Was anderes zu beginnen ist gar nicht so schwer!

Suska fährt zum See

Natürlich hat Suska es nicht geschafft, am nächsten Tag zum See zu fahren.
Heute ist Mittwoch und sie muss es heute tun, denn ab Morgen wird das Wetter schlechter. Sie könnte Radfahren. 18 km einfach. Sie weiss aber, dass es anstrengend ist, und ihr morgen die Knochen alle wehtun werden. Sie muss ja auch nicht immer überlegen, ob das im Kalorienverbrauchsbereich liegt, was sie tut, sie darf auch einfach mal faul sein.

Sie fährt mit dem Roller. Da ist sie auch an der frischen Luft.
Sie packt eine kleine Tasche mit ihrem Badezeug und setzt ihren Helm auf.

Zum Glück springt der Roller gleich an und sie muss nicht vor den Augen der Nachbarn auf diesem Pedalanlasser rumspringen, der dann auch nicht funktioniert. Das ist ihr immer sehr  peinlich, aber heute klappt alles einwandfrei.
Sie rattert los. Die Luft ist warm und die Sonne scheint, es ist früh am Morgen, da ist der Tag noch so frisch und neu.
Die Strasse führt durch den Wald und sie riecht den würzigen Duft der Nadelbäume.

Sie rollert durch Bauerndörfer und betrachtet während ihrer langsamen Fahrt die Gärten. Eine alte Frau besieht sich gebückt ihre Gemüsepflanzen-als sie Suskas Roller hört, richtet sie sich auf. Suska winkt. Die Frau winkt zurück und lächelt. Suska lächelt auch.

Sie freut sich. Einfach ein schöner Tag, denkt sie.

Im nächsten Ort steht ein verlassenenes kleines altes Häuschen. Suska denkt immer, wie es wohl wäre, dieses Häuschen zu besitzen und zu bewohnen . Im Garten an der Strasse verwildern die Stauden, die jemand vor Jahren dort angepflanzt hat, Phlox, Bauernrosen, Sonnenblumen wachsen da. Als Suska früher mit ihrem Mann hier vorbeikam, hat sie oft gesagt: „Dieses Häuschen würde ich gerne bewohnen.“ Er hat dann immer geantwortet: “ Weisst du, was du da alles renovieren musst? Am besten wäre es, den alten Kasten abzureissen! Und was neues hinzubauen!“

Aber für Suska erzählen alte Häuser Geschichten. Sie stellt sich vor, welche Leute dort gelebt haben könnten, wer den Garten angelegt hat und wer in diesem Haus gelacht oder geweint hat. Sie stellt sich vor, wie es wäre, wenn Mauern erzählen könnten.

Sie fährt an einer Gedenktafel vorbei: Hier fand die letzte Schlacht im 30jährigen Krieg statt, und sie denkt: Nicht nur Freude, auch Leid.

Ein Motorradfahrer kommt ihr entgegen und hebt die Hand zum Gruss. Hach, Suska freut sich wieder und grüsst zurück.“Der denkt, du bist ein grosses Motorrad, du kleiner schwarzer Roller,und ich ne heisse Mieze! “ grinst sie in sich hinein.

Noch diese Anhöhe hinauf und dann wird sie ihn sehen, den Weiher. Sie lacht, er heisst zwar See, aber er ist ein Weiher. Sie kann ihn durchschwimmen, das wird sie heute auch tun.Wie klar und kühl das Wasser sein wird!

Sie freut sich heute einfach, und sonst nichts.

 

Roya schreibt

Als Roya am Mittwochabend heimkommt, ist es still in der Wohnung. Ihre Zwillinge sind unterwegs. „Ach ja“, denkt sie sich, „Lilly ist beim Sport und Lucy in ihrer Friedensgruppe“.

So hat sie Zeit , zu schreiben.

Roya hat sich vorhin ein Tagebuch gekauft. Sie hat beschlossen, dass sie einmal in der Woche für sich schreiben will. Sie will diesen Online-Austausch mit Unbekannten nicht mehr, sie hat sich von diesen Portalen abgemeldet und ihre Profile gelöscht.

Sie will jetzt Zeit für sich und die Gedanken, die sie hat, mit sich selbst teilen. Und mit niemandem sonst.
Sie macht sich eine Tasse Tee, und betrachtet das Buch, das sie jetzt vollschreiben wird. Es hat einen glänzenden roten Einband, es wirkt kostbar, und sie wird ihre kostbaren Gedanken hineinschreiben.

Als sie das Buch aufschlägt, wirkt es sehr jungfräulich, so rein und unbeschrieben. Klar, das ist es auch, ein unbeschriebenes Blatt, das ändert sie jetzt.

Wie soll sie beginnnen? Liebes Tagebuch? Oder einfach nur:Hallo? Oder gar nichts.
Ja , gar nichts. Sie beginnt:

Heute habe ich mir dieses Buch gekauft, es soll meine Gedanken sammeln, meine Ideen und meine Träume.

Liebes Tagebuch, die Frage ist, was Träume sind.
Ein Mann an meiner Seite, ein Eigenheim, oder die Welt retten, oder die Wale oder Frieden in NahOst.

Zufriedenheit oder auch einfach Zeit haben für mich selber oder nur ein bisschen mehr Geld in der Tasche. Eine Gesichtsmaske zur rechten Zeit, oder ein Yogawochenende.

Vielleicht möchte ich auch einfach nicht alt werden, ich möchte manchmal, das die Zeit stehen bleibt. Ich möchte meiner Töchter wieder knuddeln dürfen, so wie damals, als sie noch klein und schmiegsam waren. Und damals hab ich davon geträumt, das sie bitte endlich grösser werden, damit mir Zeit für mich bleibt. Und jetzt hab ich sie, diese Zeit, und fühle mich auch nicht gut damit. Ich habe Angst davor, dass sie aus dem Haus gehen und ich alt und schrumplig hier hocken bleibe.

Wenn ich sie anschaue, mit ihren schlanken glatten Körpern, ihrer Zuversicht, und ihrer Unbekümmertheit, dann bin ich neidisch auf sie. Darauf, dass sie das haben, diese Unbekümmertheit.Dann schäme ich mich. Dafür, das ich so denke, dafür, das ich dem hinterher trauere, was ich auch hatte, aber was mir damals nicht bewusst war.

Herrje, Lilly hat sich ein Rückentattoo machen lassen zu ihrem 18., das meine ich mit Unbekümmerheit.Sie wälzt sich auf Openairkonzerten im Schlamm, und es macht ihr nichts aus, das sie dreckig wird und sie nicht genug schläft.

Lucy will die Welt retten und bewirbt sich für ein Friedenscamp in Israel. Sie ist fest davon überzeugt, das sie etwas tun kann, damit der Frieden Einzug hält.
Liebes Tagebuch(ich werde dich jetzt doch so ansprechen), ich werde mir ein bisschen davon abgucken, ich war doch auch so! Ich hab auch geträumt und gewünscht und gemacht, wo ist das abgeblieben? Ich mach mich auf die Suche nach meiner Zuversicht.

Gute Nacht. Roya