Loida- Wenn die Mutter ins Erzählen kommt,

Wenn die Mutter ins Erzählen kommt, kann nichts sie aufhalten,scheint es Loida.
Es ist , als wären Schleusen geöffnet. Sie erzählt von der Zeit nach dem Krieg, als der Bruder als vermisst galt. Sie erzählt von den Soldaten, die die kleine Stadt besetzt haben, und sie erzählt von den Toten, die im Fluss trieben. Sie erzählt , das sie sich gewundert hat, als ihre Brüder sie zornig weggeholt haben, von den Soldaten, die sie aufgefordert hatten zu tanzen. „Sie sagten, ich soll da nie wieder hingehen, ich weiss bis heute nicht warum – die waren doch nett zu mir und gaben mir Zucker und Eier!“
Loida denkt, das die Brüder vielleicht gewusst hatten, was passieren hätte können und überlegt, ob  es vielleicht nicht doch passiert ist. Menschen vergessen sowas, weiss Loida. Sie verdrängen. Sie erinnnern sich oft nicht mehr an das allerschlimmste, das sei eine Gnade, weiss Loida.
Sie erfährt von der Mutter, wie der Bruder aus Gefangenschaft zurück kam, fast taub, still und schweigend, aber wie sie sich gefreut haben, dass er wieder da war und wie die Mutter geweint hat und der Vater. Ein Sohn ist zurück, wenigstens der eine, ein anderer ist im Krieg geblieben.
Dann wurden die Zeiten ein bisschen besser, und Ende der fünfziger Jahre ist Loidas Mutter in den Westen gegangen, obwohl sie wusste, das sie die Familie so schnell nicht wieder sehen würde.
Aber die Eltern hatten gesagt: Geh. Damit du es besser hast.
Dann lernte Loidas Mutter Loidas Vater kennen, 15 Jahre älter als sie, Gastwirt.
Sie wurde schwanger und musste bleiben, sie hat ihn heiraten müssen, denn eine ledige Frau, ohne Arbeit! Das ging nicht an, gar nicht! Dabei hätte sie so gerne genäht, sie hatte Ideen für Kleider im Kopf und hat sie gezeichnet und wollte , das sie sie nähen kann. Sie hat Stoffe gemalt und Muster und wollte eine Schneiderlehre beginnen, aber dann , ja, dann hat sie heiraten müssen. Und war fortan Wirtsfrau, mit einem kleinen Kind.
Und dann kam noch eins, und das war Loida, und „das hätts nicht gebraucht“ sagte die Mutter.
Das gibt Loida einen Stich. Sie war nicht gewünscht.
Sie hat das doch immer gespürt!
„Ja, was glaubst du denn, “ sagt die Mutter, “ wie das war! Jeden Tag in der Wirtschaft, Sonntags, wenn die feinen Herrschaften nach dem Kirchgang da rum hockten, jeden Sonntag, jeden Feiertag, es gab kein Weihnachten und kein Ostern und keine Ferien, ich hab mir die Hacken abgerannt, und als ich dachte, das es besser wird, weil der Bub schon gross war, und da bist du gekommen. Das hat wirklich gereicht, jetzt heul nicht , Loida! Jetzt ist es ja rum ums Eck, jetzt haben wir es gut, gell, Loida, jetzt bist du da! Ich bin froh, das du da bist!“
Aber es sticht in Loida, und sie denkt, eigentlich sollte ich dich jetzt hier allein lassen, mit deinem eingebundenen Handgelenk, sieh doch zu, wie du klar kommst.
Andererseits, ändert das was? Die Mutter hatte ein hartes Leben und das sie Loida nicht liebhaben konnte, oder ihr das nicht zeigen konnte-wer weiss, was das alles noch für Gründe hat, die die Mutter nicht erzählen kann.
Loida möchte verstehen, damit sie Ruhe hat vor dieser Traurigkeit aus ihrer Kindheit. Es geht ums Vergeben, ums Verstehen, das spürt sie jetzt, damit Frieden sein kann. In ihr, Loida.
Sie hat ihr Leben gut hingekriegt bis jetzt, sie hat ihren Kindern immer Liebe gegeben, jedenfalls hat sich keins beschwert.
Sie kann auch der Mutter sowas wie Liebe geben, denn Loida ist erwachsen, und Loida versucht zu verstehen.
Morgen wird sie die Mutter nach schönen Dingen fragen, denn die gab es auch, das weiss Loida.
Dann werden sie die guten alten Geschichten ausgraben.
Und eigentlich, denkt Loida, könnten wir morgen auch was richtig Schönes machen!
Und sie weiss auch schon, was.

Loida -die Mutter erzählt

Als Loida und die Mutter das Abendessen mit Wurst und Gürkchen und Butterbroten  in friedlicher Eintracht verspeist haben, wagt Loida eine Bitte zu äussern.
„Mutter,“ sagt sie, „ich werde ein paar Tage hierbleiben. Ich möchte die Zeit nutzen, das du mir erzählst wo ich herkomme und wie du aufgewachsen bist. “
„Hab ich das noch nie erzählt?“ fragt die Mutter. „Nein, “ sagt Loida, “ du hast immer nur Kleinigkeiten erzählt, ich möchte jetzt wissen, was früher war, da mit ich verstehe, warum manches so war, wie es war.“
„Ach, Loida,“ seufzt die Mutter, „das ist doch schon so lange her!“
„Eben“, sagt Loida, “ und deshalb möchte ich deine Geschichte hören! Damit wir sie nicht vergessen!“
„Nu, “ sagt die Mutter, “ dann hol mir mal`n Bier, wenn das unbedingt sein muss, dann versuch ich mal. Aber alles vertell ik di nu nich!“

Loida ist ein bisschen überrascht, das die Mutter so leicht dazu zu bringen ist,  zu sprechen. Sie holt ein Bier, schenkt ein, es gluckert und gurgelt im Glas, auch ein Geräusch, das sie an die Kindheit erinnert, wenn der Vater sich abends zur Ruhe setzte, dann ploppte der Kronkorken und es zischte im Glas, und irgendwie fühlte sich Loida geborgen.

Loidas Mutter erzählt: Meine Mutter E. wurde in Kogel geboren, auf der anderen Seite vom Plauer See, in Mecklenburg. Mein Vater R. wurde in Plau geboren.
Der hatte schon mal ne Familie gehabt.
Seine erste Frau hiess B….. Sie ist an der Grippe gestorben , die nach dem ersten Weltkrieg so ganz scharf gewütet hat in Deutschland und überall.
Und ein Jahr später ist der Sohn gestorben.Die Grabstätte war noch immer in Pxxx.
Opa ist da immer hingegangen.Der hiess ja auch S…..mit Nachnamen, und da lag so ein kleiner Stein,und da stand H…S….drauf.
Ja, H..,…wenn der damals nicht gesstorben wäre an er Grippe, der kleine, dann hätten wir 2 H… gehabt , mein ältester Bruder, den meine Mutter in die Ehe gebracht hat,heisst ja auch H…. Komisch….
Opa war Maurer, ja…aber ein guter (Stolz in der Stimme) Das kann ja nur sein, wenn man S….mit Nachnamen heisst, das man ein Guter ist.
Nee, ist schon so. Die haben ihn auch alle immer zum Arbeiten geholt, weil er so fleissig war.Ja, und dann 45, wurde er auch von den Russen geholt . Die haben ihn vernommen, denn er soll er was eingemauert haben.Dokumente.
Und einmal war er in Rostock zum Arbeiten, da musste er  mit so einem alten Mann Steine verlegen oder was, und die Nazis haben den Alten geprügelt, weil er so langsam war , und da hat mein Vater sich hingestellt, und gesagt, die sollen das lassen, und da haben die gebrüllt, er soll die Fresse halten, sonst kriegt er auch welche aufs Maul. Sonst schiessen die ihn tot.Als der wieder nach Hause kam, war er fertig. Weil er nichts machen konnte für den alten Mann.
Opa musste nicht in den Krieg, weil er zu alt war.Er hat ja den ersten Weltkrieg mitgemacht, aber dafür war er im Volkssturm(1945,) er war Volkssturm Erster, und da hat er und Arndt Püchsener, der hatte schon einen Arm verloren, im Krieg, mit dem ist er an der Eldebrücke gewesen.Die sollte gesprengt werden.Die Soldaten hatten da Sprengstoff gelegt, kurz vor Schluss, vor dem 3.Mai. Das hat Opa durch geschnitten, damit die Brücke nicht gesprengt wird. Leider steht da nicht sein Name , an der Brücke,aber da steht: Plauer Bürger haben das gemacht. Ja. Irgendwie war Opa doch ein Held. War er, ja…. Ja,und in der Gewerkschaft war er.Er hatte eine Urkunde, 25 Jahre Gewerkschaft, im Zimmer hing die, nachher war sie weg. Und da stand drauf:
Einer für alle, Alle für einen.
So ist der Spruch gewesen.Während der Nazi-Zeit konnte er in der Gewerkschaft bleiben, das hat keinen gekümmert.Das musste er nicht verstecken,
Obwohl Plau voll war von Nationalsozialisten. Aber die haben sich zurück gehalten .Die waren auch irgendwie stur, so eingebildet, wenn da so Weihnachtsfeiern waren, dann wurden die beschenkt, vom Frauenverein, wie hiess das- deutscher Frauenbund,…das hat mich geärgert. Dass die auch noch Geschenke kriegen.Ich war als Jungmädchen aktiv, natürlich war ich dabei, das ging gar nicht anders.Aber ich war ja auch erst 10 Jahre alt.Wir haben Sport gemacht, das hat sehr viel Spass gemacht.Wir haben gestrickt, Pulswärmer für die Soldaten,und Schals,in Pakete gepackt, an Weihnachten, abgeschickt an die Front, also sowas haben wir auch alles gemacht. Also,das glaub ich jedenfalls, das das für meine Eltern kein Problem war,das wir da so aktiv dabei waren.Wir waren ja alle aktiv,Meine Brüder, ich…, meine Schwestern. Wir  waren ja zu neunt. Die Jungens haben Musik gemacht. Die haben die Nachbarn verrückt gemacht , mit ihrem Trompetenspiel,…Wir waren ja alle klein, guck mal , ich war 14 fünfundvierzig, als die Russen kamen.Wir hatten alle  solche Angst, das die uns was tun. Man hörte ja so Geschichten. Da hat mein Vater sich was überlegt.
Eingemauert hat er uns.Wenn du so willst. Am Ende vom Hof, vom Garten war ja so eine kleine Mauer und dahinter floss die Elde.Er hat hinter dem Garten zwischen dem Schwienstall an der Stadtmauer einen Verschlag gemacht, alles zugestellt mit Holz,und da war Stroh drin, in dem Raum.Und dann hat er ein Loch geschlagen in die Mauer,das wir da durch konnten, und da wurde so ein Schrank vorgeschoben.Und die kleinsten Jungs waren mit einer alten Frau im Haus im Wohnzimmer, und die Russen haben immer gefragt: Wo Frau, Wo Frau? Die konnten sich das nicht erklären, dass wir nicht mehr da waren, und wo wir waren.Wir waren , glaub ich, über 20 Frauen drin.Die suchten alle Schutz bei meinem Vater.Wenn die Russen dahinter gekommen wären, ich glaub , die hätten meinen Vater auch erschossen.Wir haben das gemerkt, das die Russen da waren, wir waren so still, du hättest da wirklich die berühmte Nadel im Stroh fallen hören.So leise ist das gewesen. Und meine kleinen Brüder , die waren draussen.Mit dieser alten Frau.Der haben die Russen wohl nix getan. Die war wohl selbst für die Russen zu alt. Die sei schon faul und gammelig, haben die Russen gesagt.Furchtbar.Und nach ner Weile haben wir dann gemerkt, wie die Russen auf dem Hof waren und mit der Taschenlampe durch das Holz, weisst du, wenn da so Ritzen sind, wie die da durch geleuchtet haben.Und da kam dann der Schein da rein, aber die konnten das (uns)nicht sehen.Die sind denn wieder abgehauen.Aber weisst du, ich hab in meinem ganzen Leben noch nicht so gezittert und auch nie wieder solche Angst gehabt.Und denn war das ja Sommer, und es war so warm und die Schafe die blökten, und die Kühe haben Lärm gemacht und mussten gemolken werden, und die Schweine, und dieses Geblöke und so, das hör ich immer noch, das war schlimm.Ja, das war keine schöne Zeit, aber irgendwie haben wir die dann doch noch als schön empfunden.Aber wir haben ja trotz allem ne schöne Jugend gehabt, wir hatten ja einen grossen Hof, und das gute war ja, das wir ein eigenes Haus hatten.Wir haben da Höhlen gebaut, und wenn Gewitter war, dann hatten wir so eine Leiter hingelegt, Säcke rauf und da sind wir dann unter gekrochen.Wir waren immer zu dritt, oder nee, zu viert…nein, also ich war vielleicht immer manchmal bisschen böse mit den Gören, aber wenn man da erzieht , dann muss man manchmal bisschen streng sein.Aber das, denk ich, haben sie mir auch nicht so übel genommen.Die sind ja immer noch zu mir gekommen.“

„So, Loida, nu is Schluss!“ die Mutter wirkt erschöpft, es wühlt auch sie ziemlich auf, nicht nur Loida, die das alles gar nicht wusste. „Vielleicht reden wir morgen weiter! Hilfst du mir zum Bett?“
Und Loida hilft dieser zerbrechlichen Frau, die ihre Mutter ist, die Treppen hinauf und hilft ihr ins Bett und denkt, das sie, wenn sie das alles früher gewust hätte, was die Mutter durchgemacht hat, dass sie , Loida,  vielleicht alles anders verstanden hätte. Früher.
Aber es ist wie es ist.
So ist das.

Loida- Abendessen

Loida bleibt bei der Mutter, die sie mit ihrer geprellten Hand nicht allein lassen kann. Sie spürt, dass die Mutter erleichtert ist, das Loida bleibt.
Sie fragt nicht , wie lange Loida bleiben kann.
Loida weiss es auch  nicht, zu Hause wird sie nicht gebraucht, aber hier, da ist es nötig, dass sie sich kümmert.
Loida trägt ihre kleine Tasche in ihr altes Kinderzimmer.
Sie ist sehr lange nicht mehr hier in dem Zimmer gewesen. Wenn sie die Mutter besucht haben, oder auch den Vater, als er noch lebte, haben sie nie übernachtet.
Der Ehemann wollte abends immer gerne wieder zu Hause sein und Loida war es recht, auch wegen der Kinder. Die waren hier immer so unruhig, vielleicht haben sie auch die Spannungen gespürt.
Loida öffnet die Tür ihres alten Kinderzimmers.
Es riecht nach Kindheit.
Die Wand ist immer noch in einem dunkelroten Farbton gestrichen, das Bett steht rechts neben der Tür und auch die Polster, die aus dem Schlafbett ein „Sofa“ machen sollten, sind ordentlich aufgestellt. . Auf den Regalen an der Wand stehen die Bücher, die Loida früher gelesen hat, Hanni und Nanni, Tina und Tini,…Eine Freundschaft bewährt sich,… sie nimmt das Buch in die Hand, das war ihr Lieblingsbuch, sie dachte, das gäbe es schon längst nicht mehr.
Auf dem Stuhl vor dem Schreibtisch sitzt ein alter Bär, ach, Teddy, dich gibts auch noch, und Loida nimmt den Bären auf den Arm und dreht ihn auf den Bauch. Der Bär macht ein Geräusch wie ein Schaf. Mööööhhh…

Sie wird jetzt Abendessen machen, wie in der Kindheit. Da gab es Wurstbrote und Käsebrote mit Gürkchengarnitur, kein Gemüsegratin oder Quiche oder Tarte, wass sie immer für den Ehemann abends kocht, mit einem  gesunden Salat dazu.
Nein, in der Kindheit gab es Brote.
Brote mit Wurst und Käse.Wurst- Schinken, Jagdwurst, Zwiebelmett,….
Manchmal gekochte Eier dazu. Und dazu Fleischsalat. Tomaten gab es selten. Aber Gürkchen aus dem Glas.
Loida wird schauen, was die Mutter an Vorräten hat, und dann wird sie ein Kindheitsabendessen zubereiten, für die Mutter und sich.
Mit Servietten neben den Holzbrettern, wo sie das Besteck mit den Holzgriffen drauflegt, so wie Loida es von der  Mutter gelernt hat.