Flida- im November

Flida mag den November gar nicht.Wenn es abends so früh dunkel wird, wenn die Bäume blätterlos ihre Äste in den Himmel recken, wenn sie aufsteht und im nebeldunkel zur Arbeit fährt, all das mag sie nicht.
Vor allem sind im November diese Totentage.
Allerheiligen, Allerseelen, der Totensonntag , der Volkstrauertag.
Manchmal , früher, hat sie diese Allerheiligen zelebriert. Sie hat geräuchert  in der Wohnung, sie hat Kerzen aufgestellt, für die Verstorbenen, sie sass allein vor ihrem Kerzenfeuer und schaute in den Garten. Einmal hatte sie das Gefühl , die kommen alle aus dem Gebüsch raus, alle an die sie so gedacht hatte. Da hat sie ihre Jalousien zugemacht, vor lauter Schreck. „Du guckst ja auch zu viele Gruselfilme!“ hatte das Teufelchen geflüstert.
Dieses Jahr hat sie sich was Besonderes vorgenommen: sie geht zu einem Verstorbenenfest mit einer Heilerin, in ihrem Esoterikladen, wo Flida manchmal  ihr Räucherwerk kauft. Da freut sie sich drauf, diese Heilerin sieht auf dem Foto sehr symphathisch aus, ein bisschen indianisch, Flida ist gespannt, was sie erwartet.
Als sie ankommt, sitzen bereits einige Frauen im Halbkreis um die Heilerin herum und plaudern mit gedämpften Stimmen.
Eine Frau fällt ihr besonders auf, sie ist gross und stattlich, ihre langen fast grauen Haare fallen locker auf ihren Rücken, und wenn sie lacht, sieht man ihre weissen Zähne. Und sie lacht gerade sehr laut und fröhlich, ihr Busen wogt dabei. Flida muss unwillkürlich mitlächeln.
Die Heilerin ist in warme Decken gehüllt, um den Kopf trägt sie eine Kapuze, ihre langen schwarzen Haare fallen von ihren Schultern. Wie alt sie wohl ist, denkt Flida.
Alterslos scheint sie ihr.
Die Heilerin schlägt dreimal auf ihre Klangschale. Es wird still.
Dann beginnt sie zu erzählen. Von ihrem Erlebnis, als sie tot war. Von den Seelen, denen sie seitdem begegnet, vom Tod, der nicht böse ist, der ihr keine Angst macht.
Flida gefällt das.
Eine Frau vor ihr nickt immer zustimmend und brummt, und sagt laut:Ja! wenn die Heilerin etwas gesagt hat, was ihr besonders gut gefällt. Und sie zappelt rum und sitzt immer so, das Flida keinen Blick auf die Heilerin werfen kann.Flida sieht immer den breiten Rücken der unruhigen Frau, egal wie sie sich setzt.Das irritiert Flida.

Die Heilerin sagt, dass sie in den Kliniken sehr vielen ruhelosen Seelen begegnet sei, die den Ausgang in die zeitlose Raumlosigkeit noch nicht gefunden haben. Ob jemand wüsste, woran das liegen könnte? Ob das am Morphium liege, das man den Sterbenden geben würde in der heutigen Zeit, weil sie sich dann nicht auf den Tod vorbereiten könnten, sondern gedämpft ihr Leben aushauchen,und dann nicht wissen, was mit ihnen passiert ist?

Da steht die grosse grauhharige Frau auf, und sagt laut und vernehmlich:
„Es liegt sicher nicht am Morphium, denn das sterbenden Schmerzpatienten Morpium gegeben wird, ist eine Gnade. Und wenn es ruhelose Seelen in grossen Ansammlungen in Krankenhäusern gibt, dann liegt das an der heutigen Gesellschaft, die es nicht mehr kann, den Weg zu weisen und Rituale zu machen, die das Weggehen erleichtern können. So. “

Die grosse Frau setzt sich wieder. Flida ist beeindruckt.

Da fragt die unruhige Frau , die vor Flida sitzt:“ Gibt es hier auch welche? Ruhelose Seelen? Bei mir zu Hause ist einer, der kommt immer wieder, ich glaub auch, ich weiss wer das ist. Wie kann ich denn dem den Weg weisen? Ich mochte den nie, das war ein ekliger Kerl und jetzt kommt der mich immer besuchen. “
Ui, denkt Fida, was ist das denn….
Die Heilerin sagt etwas, aber Flida hört nicht zu, sie schaut die grosse schöne Frau an, die leise in sich hineinlächelt.
Sie wirft Flida einen Blick zu, als spüre sie,das Flida schaut und zwinkert Flida zu.
Eine andere Frau erzählt, das sie ihren verstorbenen Vermieter auf dem Klo getroffen habe. Sie habe ihn gefragt, ob er nicht wüsste, das das Klo eine Privatsphäre sei, was ihm einfallen würde, ihr beim Pinkeln zu zugucken. Alle lachen.
„Gut gemacht“, sagt die Heilerin. „Jetzt wenden wir uns aber dem zu, weshalb wir hier sind.“
Und sie zündet Kerzen an und schlägt die Klangschale und spricht ein Gebet in einer Sprache, die Flida angenehm berührt und Flida versinkt in Gedanken, während sie ihre Kerze anschaut. Sie denkt an ihren Vater, wie er in seinem Paddelboot durch die raumlose Zeitlosigkeit gleitet, vor ihm sitzt die Mutter, an die Flida sich kaum erinnert und lächelt zu Flida hinüber. Flida sieht ihre Tante, die so einsam starb, lächelnd an einem Baum stehen und hört die Stimme der Heilerin:
Es ist nur noch Vergebung da und Verstehen. Es gibt keine Schuld . Es ist Frieden.

Flida fühlt sich wohl, warm und geborgen. Wie schön sind diese Bilder, denkt sie.
Die Klangschale holt Flida wieder in die Gegenwart zurück, der Abend ist vorbei. Beim Hinausgehen stösst sie gegen einen Yogafrosch, der auf einer Lotusblumenschale sitzt und verzückt lächelt.
Die grosse schöne Frau grinst Flida zu: „Noch ganz benommen von dem Hokuspokus hier? „fragt sie.“ Ich hoffe bloss, das mir heute im Nachtdienst die ganzen verlorenen Seelen nicht begegnen, denen ich den Weg weisen muss in der Klinik, ich hab genug mit den Lebenden zu tun!“
Flida lacht: „Und ich hoffe, das da keiner bei mir auf dem Klo sitzt, dem ich sagen muss, dass er da bitte nichts zu suchen hat!“

Sie lachen beide, heben die Hand zum Gruss und gehen. Eine nach rechts, die andere nach links.

 

Hilde- Schritt für Schritt

Hilde geht es richtig gut, sie hat sich in ihrem kleinen Häuschen am Meer auf dem Campingplatz eingerichtet, ihre Tage haben einen festen Rhythmus.

Sie steht auf, wenn es hell wird, und macht ihren Rundgang über den Campingplatz, der jetzt verlassen ist.

Sie sammelt ein paar Pinienzapfen auf, und schaut nach dem Rechten in den Mobilheimen, ob die Fenster und die Türen geschlossen sind, zum Beispiel .
Dann kehrt sie zurück in ihre eigene kleine Bleibe und macht sich einen Milchkaffee. Den trinkt sie auf der kleinen Terasse und beobachtet dabei die kleinen Spatzen, die zu ihr hüpfen und hoffen, dass Hilde ihnen vielleicht ein bisschen Brotkrumen zuwirft.
Sie lauscht auf die Stille.
Sie erinnert sich an den Lärm in der Stadt, an die unermüdlichen Rasenmäher der Nachbarn- wann immer die Sonne schien, knatterten und lärmten diese Gartengeräte.
Das hat sie jetzt nicht. Sie kann die Stille hören, das macht sie glücklich.

Dann zieht sich Hilde an , je nach Wetter, selbst wenn es regnet macht sie das: Sie geht ans Meer.
Davon hat sie früher immer geträumt, am Meer entlang gehen. Ohne Hetze. Ohne auf jemandem zu hören, einfach ihrem eigenen Tempo folgen.
Schritt für Schritt.
Am Anfang hat sie verschiedene Wege ausprobiert, erst ging sie durch das Dorf, dann durch Strasse mit den jetzt geschlossenen Geschäften.
Es ist so still, weil keine Urlauber da sind.
Dann geht sie über den Holzweg , der durch die Dünen führt, ans Meer.
Am Anfang waren noch die Wellenreiter da, die Unverdrossenen, die in ihren Campingwagen auf den Parkplätzen stehen und den ganzen Tag im Wasser auf ihren Brettern sind. Abends hat sie sie manchmal lachen hören und ihre Musik hat sie in ihren Schlaf begleitet.
Aber mittlerweile sind auch die Surfer ausgeblieben. Es ist so wohltuend still, wenn Hilde geht. Und Hilde hat ihren festen Weg. Durch den Pinienwald, über den Holzweg durch die Dünen, an den verschlossenen Meerblickvillen vorbei , am Strand entlang. Erst links hinunter, durch den Sand, und später dann  zurück über die Anhöhe, durch den Ginster und die Brombeeren, das Meer von oben betrachtend zu ihrer linken Hand,  bis sie wieder im Dorf ist.
Nur sie,  Hilde, das Meer,die Wellen und der Wind.

Sie ist jetzt ganz für sich. Schritt für Schritt.
Sie hat ihren eigenen Rhythmus gefunden

Flida- Achtsamkeit und Pippi Langstrumpfs Zöpfe

Flida übt Achtsamkeit. Und Selbstwertschätzung. Es gibt ein Onlineprogramm: Selbstwahrnehmung. Jeden Tag eine Übung zur Achtsamkeit. Sie hat sich das als APP auf ihr Handy geholt, gelobt sei die Technik, und will jetzt jeden Tag eine Übung machen. Begonnen hat sie mit:Eine Rosine riechen, sehen, schmecken. Leider ist die ihr runter gefallen und kullerte unter das verstaubten Sofa.
Egal.
Manchmal blinkt das Handy und schreibt ihr Botschaften: Gehe ruhig! Atme tief! Mache kleine Schritte! Das gefällt Flida irgendwie.
Am zweiten Tag war die Aufgabe: Langsam gehen. Das war schön, sie ist im Regen durch den Wald gelaufen, nein, eher gegangen,  und hat versucht zu spüren, und zu hören und zu riechen. Schön war es, weil sie keine Kalorien abbauen und keine Kilometer schaffen musste, sie ging einfach nur.
Am dritten Tag sollte sie achtsam Zähne putzen, das hat sie sein lassen, sie ist vielmehr zum Friseur gegangen, sich achtsam verschönern lassen wollte sie. Wimpern färben, Augenbrauen in Form bringen. Beim Wimpern färben müssen die Augen geschlossen bleiben, das ist ne gute Übung, denkt Flida, 15 Minuten mit geschlossenen Augen in einer unbequemen Stellung mit überstrecktem Kopf-was werde ich fühlen?

Sie hört auf die Geräusche im Salon, auf die Stimmen der Friseurinnen, auf die Gespräche der Kundinnen. „Bitte, sind Sie sicher, das er mir die Haare waschen kann?“
„Aber natürlich, das ist unser Lehrling, der kann das !“ hört Flida die Friseurin sagen. Sie hat vorher eine Stimme gehört, eine tiefe, die nicht akzentfrei deutsch sprach, das wird der Lehrling sein. „Dann sagen Sie ihm bitte, er soll nicht so fest aufdrücken, ich habe eine sehr empfindliche Kopfhaut, und wie lange dauert die Kur, die er mir da rein tun soll?“
„1o Minuten“, antwortet die Friseurin. „Hach, das ist aber,… das ist lang, haben Sie nicht, sowas was drin bleiben kann….“
Herrje, denkt Flida, eben hat sie sich noch gefreut, das sie so schnell dran kommt, jetzt mosert sie , das ihr  das zu lang dauert.Schnepfe…
Achtsamkeit! Sie muss da ja nicht hinhören.
Sie lauscht auf die Geräusche ferner vom Salon, die Strasse, jemand lacht, ein Fön wird angeworfen… die Türglocke geht … Schwupps, ist sie wieder da. Augen bleiben zu, sonst brennt es .

„Guten Tag, können Sie Zöpfe flechten?“
„Ah, also, ich nicht, aber ich frag mal.Fatma! Kannst du Zöpfe flechten?“
Huch, denkt Flida, eine Friseurin die nicht Zöpfe flechten kann?Aber Fatma kann.
„Ist für meine Kleine hier, Schnellentschluss, sie will 2 Zöpfe. Sie will die Mama überraschen.“
Flida hört, wie das Kind auf den Stuhl gesetzt wird und  der Papa fragt: „Was willst du denn für Zöpfe? Wie Anna?“ (Ah, denkt Flida, das ist ne Comicfigur! ) „Oder wie die andere, die Elisa? Oder wie Pippi Langstrumpf?“
Flida ist gespannt!
„Wie…, wie Pippi!“ hört sie.

Und Flida hofft sehr, dass  ihre Wimpern fertig gefärbt sind,wenn die Zöpfe geflochten sind,  damit sie diese Pippi-Langstrumpf-Zöpfe sehen kann!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Flida fühlt sich erschöpft

Heute morgen ist Flida aufgewacht mit dem Gedanken: Das schaff ich heute nicht. Ich kann nicht arbeiten gehen. Mir tut alles weh…

Sie ist wirklich erschöpft. Seit Tagen schon. Sie hat wieder mal das Gefühl, sie kämpft an allen Fronten.Der Haushalt und dann noch die Bügelwäsche vom LAT-Gefährten, die er ihr immer brav mitbringt, du bügelst doch gerne, Flida, sagt er. Das stimmt , sie bügelt gerne, aber das heisst nicht, das sie alles für IHN bügeln muss, er kann seine Bürohemden auch in die Reinigung bringen, er verdient doch genug!

Dann in der Arbeit, die jungen Kolleginnen mit ihren Sorgen, Flida hört zu und trocknet Tränen, bringt Kuchen mit und räumt nach Büroschluss den Müll weg, den die jungen Frauen da lassen, weil sie ganz schnell zu ihrem Date müssen.
Die Sorgen ihrer Kinder, aber das, denkt Flida ganz schnell, das will ich auch so, ich will dass sie mir alles erzählen, was sie bedrückt!
Und die Telefonate  mit ihrem Exmann, der dann immer so traurig klingt, aber was geht Flida das an?
Dazu immer ihre Gedanken um Essen und dünner werden und zum Sport MÜSSEN, Joggen gehen MÜSSEN,weniger essen MÜSSEN,  Bewegung  machen müssen, Schritte und Kalorien zählen müssen, immer müssen….Damit sie nicht so dick aussieht.Und so alt wird.
Gestern schon hat sie sich schlapp gefühlt und müde, sie war ganz oft  kurz davor in Tränen auszubrechen. Sie hat fast geweint, als sie Nachrichten hörte. Sie spürte, wie die Tränen in ihre Augen schossen, als sie mit einer Freundin telefoniert hat, die von ihren Kindern sprach. Sie ging durch die Stadt und fühlte sich unglaublich kraftlos. Sie traf eine andere Freundin, die zu ihr sagte: So kenn ich dich gar nicht, du siehst so müde aus! Und auch da hätte sie am liebsten angefangen zu weinen.
Also hat sie heute morgen in der Arbeit angerufen und gesagt, sie bleibt 2 Tage zu Hause. Sie hat Frühstück gemacht für ihre Tochter, ihr ein Liebevolles „Auf Wiedersehen“ zugerufen, als diese zur Schule ging , und hat sich wieder aufs Sofa gelegt. Sie hat 2 Seiten in ihrem Buch gelesen und ist eingeschlafen.
Als sie wieder aufwachte, fühlte sie sich frisch und „erquickt“, dachte sie. „Ich bin erquickt. Vom Schlafe erquickt.“
„Du liest zuviele komische Bücher, wenn dir solche Worte einfallen“, hörte sie das Teufelchen auf ihrer Schultern wispern. „Und wenn du jetzt erquickt bist, kannst du ja arbeiten gehn! Die anderen schuften für dich, und du machst dir einen schönen Tag! Faule Flida!“
Flida zuckt mit den Schultern und hofft, das das Teufelchen vielleicht runterfällt. Aber es sitzt fest und sie spürt, dass es noch mehr Worte sagen will, die Flida nicht hören möchte.

„Halt einfach die Klappe, du dummes Teufelchen! Dieser ganze Mist, den du mir da erzählen willst immer! Von wegen Anstand und man macht nicht  blau und man ist immer fleissig und lässt sich nichts anmerken, man macht und funktioniert….ich hab genug davon!  Ich brauch eine Pause heute. Und morgen auch.
Ein Spaziergang tut jetzt gut. Ein langsamer. Schritt für Schritt.“

Draussen regnet es.
Die Blätter färben sich bunt.

 

Flida- modisch unterwegs

Flida kann es echt nicht lassen – sie ist  wieder in die Stadt gefahren , in ein grosses Kaufhaus. Sie hat dort letzte Woche beim „Trockenshoppen“ mit dem LAT-Gefährten eine Jacke gesehen. Die hat ihr so gut gefallen! Sie ist von diesem Spanischen Modelabel, die immer so bunte Sachen herstellen, Flida liebt diese Mode! Ein Kleid besitzt sie von denen, das war im Schlussverkauf runtergesetzt, sonst könnte sie es sich niemals leisten.

Diese warme Winterjacke, die ihr so gut gefällt, kostet ebenfalls ein Heidengeld, aber sie kann ja wenigstens mal anprobieren. Am Ständer hängen viele Grössen, wenn Flida Glück hat, ist ihre grosse Grösse auch dabei. Sie weiss aber, das Spanierinnen zartgliedrig sind und diese Modefirma auch eher für elfenhafte Damen näht, aber sie kann es versuchen. Grösse 44, okay. Sie zieht die Jacke an. Ohweh, sie spannt in den Schultern. Okay, dann Grösse 46, das  muss passen! Das MUSS passen!
Die Schultern zwicken nicht,aber die Jacke lässt sich nicht schliessen. Zu gross der Busen. Mann, schimpft Flida innerlich, spinnen die denn? Grösse 46 und passt  mir nicht! „Oder du wirst immer fetter!“ hört sie das fiese Teufelchen auf ihrer Schulter feixen. „Hast ja auch wieder dein Sportprogramm schleifen lassen! Und abends gegessen, vor der Glotze , weil der LAT-Gefährte nicht da war, oder? Der bremst dich ja sonst immer, aber von alleine schaffst du es nicht, weniger zu essen!“
„Diese Jacke ist sowieso zu teuer!“ sagt Flida.
„Aber wenn du schlanker wärest, würdest du da toll drin aussehen!“ flüstert das Teufekchen, „die Farbe steht dir gut!“
„Da pfeif ich drauf!“ sagt Flida, “ ich guck jetzt second hand, da finde ich vielleicht was!“  Da bricht das Teufelchen in fieses Gelächter aus:“ Da hast du doch noch nie was gefunden! Die Sachen waren dir doch auch immer zu klein! Das einzige was dir da gepasst hat, waren OMAKLAMOTTEN!HAHAHA! OmaFlida die Dicke!“
Flida schüttelt sich , sodas das Teufelchen von ihrer Schulter fällt. Und marschiert aus dem grossen Kaufhaus raus.
Das Teufelchen hat Mühe  , mit zukommen, denn Flida ist schnell. Besonders wenn sie wütend ist, kann sie schnell laufen.
Sie denkt dran, wie sie ihrer Freundin letztens gesagt hat, das sie, Flida, bei ihrem BMI von 29 als Übergewichtig gilt. Und ihre Freundin, anstatt dass sie sagen würde: Echt? das sieht man aber nicht, sagt diese: Dann nimm halt endlich ab!

Flida rauscht in den Second-hand-Laden hinein.
“ Hallo! „sagt sie,“ ich suche eine neue Jacke!“
„Wir haben unsere neue Herbstkollektion gerade eingeräumt, “ sagt die Verkäuferin, „da ist bestimmt was dabei!“
Und Flida nimmt sich Zeit. Sie schaut, sie probiert an, manches passt, manches nicht, sie sucht und kombiniert und findet einen Schal und eine Jacke und Kleider von einem Modelabel für starke Frauen, in denen sie aber fast ertrinkt, so weit wallen die , aber am Retroständer findet sie eine Jacke, die endlich richtig passt und fast schöner ist als die teure aus dem grossen Kaufhaus.
„Hässliche Knöpfe!“ hört sie das Teufelchen flüstern. Hat es sie also wieder eingeholt,dieses Mistvieh. „Kann man ändern!“ flüstert Flida zurück und marschiert mit ihrem Stapel Kleidung an die Kasse.
„Ach, was Sie sich da für tolle Farben ausgesucht haben!“ ruft die Verkäuferin, “ wie schön das alles zusammen passt!“
Flida bezahlt, einen Bruchteil von dem was die teure Jacke gekostet hätte, und als sie rausgeht, nimmt sie eines der Bunten Tücher, die sie gekauft hat und stopft es dem Teufelchen in sein vorlautes Mundwerk.
„Wir gehen jetzt Knöpfe kaufen, und du hälst dabei schön die Klappe!“
„Grmpf….“ macht das Teufelchen, aber weil das Tuch so schön weich ist, kuschelt es sich hinein und fängt bald an zu schnarchen, während Flida mit den neuen bunten Knöpfen für die neue Jacke in ihrer Tasche klimpert.

Vom Wandern….

Hilde , manch einer kennt sie, ist letztens wieder aufgetaucht. Und ich hab überlegt, wie es ihr wohl geht.

Ich glaube, sie hat sich gut eingerichtet in ihrem neuen Leben. Sie hat einen Tanzpartner gefunden (ehrlich, er ist wirklich nur ein Tanzpartner!) Jeden ersten Samstag im Monat treffen sie sich in der Tanzschule und der Tanzpartner schwingt Hilde durch die Luft und hinterher fühlt sich Hilde immer sehr wohl und glücklich.
Sie braucht das Tanzen auch, denn vorher geht sie immer zu Herbert in sein Pflegeheim und benötigt hinterher einen Ausgleich.

Dass der Herbert nämlich mit der Zeit immer knurriger und unfreundlicher zu Hilde geworden ist, das erzählt sie niemandem. Sie weiss insgeheim, was die Leute sagen würden: Es sei ja auch kein Wunder, wenn der Herbert so unzufrieden ist, schliesslich hat sie , Hilde, es sich schön gemacht ohne ihn, und eigentlich gehöre man ja zusammen , durch gute  und schlechte Zeiten,  und sie schiebt ihn einfach ab ins Heim, da brauche sie sich nicht wundern, wenn er so knurrig ist!

Deshalb schweigt Hilde und erträgt stumm Herberts böse Worte.

Aber nach ihren Besuchen macht sie dann immer was Schönes.
Entweder geht sie tanzen oder sie streift durch die Stadt, oder sie geht am Fluss entlang. Und letzten Sonntag, da hat sie den knurrigen Herbert bereits am Morgen besucht, und natürlich hat er sie angepflaumt, was sie schon so früh bei ihm wolle!
Da hat sie ihm ihre Bergstiefel unter die Nase gehalten und gesagt: „Ich geh wandern! In die Berge!“  „Pah!“ hat der Herbert gemacht, „du mit deiner Höhenangst!“
Und hat sich in seinem Rollstuhl zum Pfleger gedreht und diesem zugeraunt: „Depperte Weibsen!“ aber der Pfleger hat nicht reagiert, sondern hat Herberts Urinbeutel geleert und Hilde zugelächelt und ihr einen schönen Tag in den Bergen gewünscht.

Da ist Hilde losmarschiert, hat sich in das Auto zu ihrer Freundin gesetzt und sie sind gemeinsam losgefahren. In die Berge. Sie haben eine wunderschöne Wanderung gemacht, und es war nicht schlimm,dass so viele Leute dieselbe Idee hatten, und mit Kind und Kegel auf die Alm gegangen sind.
Nächstes Mal nimmt sie ihre Tochter und die Enkel mit, denn bei der Alm ist ein Spielplatz, und die Kinder, die erst schnaufend und jammernd den Berg hinaufgegangen sind, haben sich sofort auf die Schaukeln gestürtzt, und  vergessen, wie müde und langweilig und anstrengend diese Bergwanderung war. Das würden ihre Enkel wahrscheinlich genauso machen, denkt Hilde, klagen und jammern und stöhnen, und wenn sie die Schaukeln und das Klettergerüst sehen, dann ist alle Mühsal vergessen.

Sie kann  dann mit der Tochter einen Apfelstrudel essen, während die Kinder spielen, die Tochte braucht auch manchmal eine Alltagspause.
Aber jetzt wandert Hilde allein, was für eine wunderbare Wanderung!

Hilde tankt ihre Augen auf mit Grün und atmet ihre Nase und ihre Brust mit heller sauberer Luft voll. Sie spürt ihren Herzschlag beim Hinaufgehen und ihre Knie beim Hinabgehen.
Sie betrachtet Wurzeln und sammelt die Bilder in sich.

Und einmal muss sie ganz laut juchzen, aber es ist egal, wer was von ihr denkt, sie hat dreimal das Echo ihres Juchzers gehört. Da lachen sie, Hilde  und ihre Freundin, und juchzen und jauchzen gleich noch mehr.
„Oide depperte Weibsen, die mir san!Oide Jodelweibsen! “
Und sie jauchzjodeln, bis sie nicht mehr können.

Dann atmen sie die Stille.

Flida- einhornbunt und federleicht

Flida hat es getan: Sie hat sich die Haare abschneiden und drei Farben reinfärben lassen ins grau: Rosa, lila, grün. Sie fühlt sich gut, und als sie den Frisiersalon verlässt , schaut sie den Leuten ins Gesicht und erhofft eine Reaktion.

Aber niemand schaut sie an , jeder ist so in sein eigenes Tun vertieft, dass kein Mensch die bunte Flida eines Blickes würdigt.
Egal, denkt sie sich, es ist ja für MICH!

Vieleicht noch ein cooles Outfit zur neuen Frisur?
DocMartens Schuhe mit Blümchen drauf und ein Wallekleid? Schliesslich ist mit 54 Jahren und 80 Kilo bei einer Grösse von 165 die Zeit der knapp sitzenden Hotpants abgelaufen, da kann sie noch so viel auf dem Laufband schwitzen in der Sommerhitze. In den 2 Jahren,  die sie regelmäßig ins Fitnesstudio geht,,hat sie noch nicht ein Grämmchen weniger auf die Waage gebracht.
Sie hat immer noch die Zeilen vor sich, die die RehaÄrztin vor zwei Jahren in den Entlassungsbrief schrieb: Die adipöse Patientin hat sie sie genannt, und Flida spürt immer noch den Stich , den diese Worte in ihr verursacht haben.
Seitdem quält sie sich aufs Laufband und unter die Kraftgeräte, aber wie gesagt, gebracht hat es nichts, zumindest auf der Waage nicht. Aber im ganzen fühlt sie sich wohler, sie findet sich straffer und dünner , obwohl auch der Taillenumfang gleich geblieben ist und der LAT-Gefährte sagt: „Alles subjektiv, das mit der Optik.“Wo er natürlich recht hat.

Aber der Traum von den die weiblichen Formen betonenden Glitzeroutfits ist noch nicht ausgeträumt.

Sie steht vor einem Kleidungsgeschäft. Okay, heute lässt sie es krachen, sie gönnt sich was. Auf einem Kleiderständer hängen blumiggemusterte Teile, die gefallen ihr. Sie sucht nach der passenden Grösse: 44, besser 46.
Ausverkauft, schade.  Das kleine Teufelchen flüstert in ihr Ohr: Tja, so ist das, das kennst du ja! Alles ist immer zu klein für dich!
Ach, halt die Klappe, schilt sie das flüsternde Teufelchen, ich zeig dir jetzt mal , das mir mittlerweile auch Grösse 42 passt! Und sie nimmt die letzte Bluse in 42 vom Ständer, geht in die Umkleide und: Es passt!
Sie jubelt innerlich und streckt dem Teufelchen die Zunge raus.

Die kauf ich, ist auch noch runtergesetzt und einen Carmenausschnitt hatte ich auch noch nie, das wird soooo sexy. Mein Dekolletee ist ja auf Grund meiner Fülle auch noch straff, ha!
Sie marschiert zur Kasse. Die sehr dünne Verkäuferin streicht über den Stoff und sagt:“Das ist der Renner gerade bei uns , eine sehr schöne Bluse, zu einem Rock oder einer Jeanshose perfekt!“
Flida lacht und sagt:“ Und es passt mir sogar in Grösse 42!“
Da sieht sie das Teufelchen auf der Schulter der Verkäuferin feixen und hört die Verkäuferin sagen:“ Naja, die fallen auch sehr gross aus!“
Nun fällt ihr fast das Lachen aus dem Gesicht , aber sie sagt: „Passen Sie auf, das das dusselige Teufelchen da nicht von ihrer knochigen Schulter rutscht, der kann ruhig da bleiben  und nein, ich brauche keine Tüte, und ich wünsche Ihnen einen wunderbaren Tag!“
Und während die Verkäuferin auf ihre Schulter guckt, und vom Teufelchen in die Nase gebissen wird und laut kreischt, verlässt Flida federleicht und einhornbunt den Laden.

 

Flida- oder Nachts kommen schlimme Gedanken

Flida ist 54. Flida hat ihre Kinder erfolgreich durch die Kindheit und Jugend gebracht, Flida hat eine Ehe hinter sich, hat sich freigeschaufelt, und eigentlich geht es Flida jetzt seit einigen Jahren wieder gut. Hübsche Mietwohnung, mit schönem Garten, sichere berufliche Anstellung, ausreichend Einkommen, ein Mann an ihrer Seite, mit dem das Leben manchmal zwar anstrengend ,aber auch liebevoll und schön ist.
In letzter Zeit bemerkt Flida im Spiegel, das sie sich verändert. Gut, sie schaut sich im Spiegel auch eher ohne Brille an, weil, wenn sie sich schminkt(nach den neuesten Erkenntnissen mit hellen Farben, das öffnet die Augen), wenn sie sich schminkt, geht das nur ohne Brille. Und dann blickt sie flüchtig in den Spiegel, und denkt, ihr Vater schaut sie an. Das findet Flida schrecklich, sie liebte ihren Vater,aber aussehen wie er möchte sie nicht.
Und nachts schreckt Flida oft hoch, weil dann die Gedanken kommen. Diese verflixten Gedanken, das mehr als zwei Drittel ihres Lebens vorbei sind. Diese Gedanken, was ist, wenn sie aus dieser Mietwohnung ausziehen muss, weil sie sich die nicht mehr leisten kann, wenn die Jüngste Tochter aus dem Haus ist, und dann muss sie in eine andere Wohnung einziehen  und dann braucht sie 2 Jahre, um sich einzugewöhnen, und dann kommt der Vermieter und meldet Eigenbedarf an….. Flida schwitzt. Verflixtes Gedankenkarussel…. sie hat schliesslich noch 25 Jahre mindestens, wo sie fit sein kann,….Aber, flüstert das Teufelchen, was sind 25 Jahre? So alt ist dein mittlerer Sohn, das ist nicht viel!
Flida wird wütend. Klar, das sind Angstmach-Gedanken und es ist nicht schön,sich auszurechnen, das 20 Jahre nicht viel Zeit sind, und das womöglich nichts gespart sein wird und ein eigenes Häuschen ein Traum bleiben wird, den sie sich niemals erfüllen kann, und sie der Willkür der Vermieter ausgesetzt sein kann, und und und….

Flida muss dieses Karussel unterbrechen, dieses AngstmachGedanken-Denken.
Eine Gesichtsmaske , beschliesst sie, eine Tasse Tee, und den Mond angucken.
Der hatte schon immer einen beruhigenden Einfluss auf sie.

Suska- nach dem Nachtdienst

Suska ist müde. Vier Nachtdienste hat sie hinter sich, davor hat sie 6 Wechselschichten am Tag gearbeitet, auf dieser Station, auf der sie wegen ihrer Fachweiterbildung zur Onkologischen Fachkraft einen vierwöchigen Einsatz absolvieren muss. Suska fragt sich manchmal, warum sie das macht, sich 2 Jahre weiterbilden. Lief doch, der Job auf der Intensivstation. Okay, es war psychisch sehr belastend, diese hochtechnisierte Medizin, wo man Menschen am Leben hielt, von denen sie, Suska, wusste, das es eigentlich zu spät war zum gut weiterleben.
Deshalb hat sie sich gefreut, als ihr Chef sie fragte, ob sie diese Weiterbildung machen möchte, über 2 Jahre, mit Prüfungen, Facharbeitschreiben, wechselnden Einsätzen, 4 Monate Schulbank drücken insgesamt. Und dann würde sie in einer Onkologischen Ambulanz arbeiten. Das wäre nur tagsüber. Deshalb hat sie “ ja“ gesagt.

Anfang des Jahres war der erste Theoretische Block, und sie kam sich ein bisschen komisch vor, so als Älteste, unter diesen ganzen jungen Kollegen. Die Prüfung dann , naja, die lief so lala, beim Lernen des Stoffes nämlich dachte Suska die ganze Zeit: Herrje, den Scheixx  mach ich doch seit 25 Jahren! Das muss ich doch nicht in der Theorie lernen!
Aber leider wurde das in der Theorie abgefragt, und so konnte Suska nicht benennen, wo die Persönlichen Tabuzonen eines Menschen nach Flkrx sind, und deshalb hat sie die Prüfung mit „gerade eben“ geschafft.
Es ist aber auch bekloppt, sowas in der Theorie zu lernen, wenn man sein Leben lang damit gearbeitet hat! Ihr hat noch kein Patient auf die Finger gehauen, wenn sie ihn berühren musste, sie weiss instinktiv, was passt und was nicht.
Sie kommt sich auch jetzt, auf der Arbeit komisch vor, wo sie eigentlich was lernen soll, aber wegen Personalnotstand  voll eingesetzt wird.  Und weil sie sich nicht so gut auskennt mit den Arbeitsabläufen und den Örtlichkeiten, macht sie die Hilfsarbeiten. Das was Praktikanten und Pflegehelfer dort tun.
Sie denkt, sie ist doch keine Hilfskraft, und sagt das auch und es wird versprochen, das sich das nächste Woche ändert, und man ihr zeigt, wie man die Chemotherapien anhängt und den Patienten berät. Aber in der nächsten Woche war wieder jemand krank und so blieb keine Zeit für Erklärungen.
Naja, jetzt hat sie es geschafft, nach diesem Nachtdienst hat sie 5 Tage frei und dann geht es auf die nächste Station. HämatoOnkologie, sie ist gespannt, ob es läuft. Die Stationsleitung hat ihr versichert, das sie zusätzlich eingeteilt wird, damit sie was lernt.

Aber jetzt geht sie erst mal heim. Vielleicht erwischt sie ihren Sohn Bero noch, bevor er in die Schule geht. Sie hat ihn jetzt fast eine Woche nur zwischen Tür und Angel gesehen. Und hoffentlich taucht der FastExmann nicht auf und macht wieder Ärger, weil sie sich so wenig kümmert um Bero. Dabei ist Bero wahrscheinlich froh, wenn er seine Ruhe hat.

Sie lächelt, als sie an ihren Sohn denkt, an sein hübsches gleichmässiges Gesicht, seinen beginnenden Bartwuchs und seine hohe gerade Gestalt. Und an seinen Wortwitz und an sein Lachen und an die Liebe in seinem Blick, wenn er es geschafft hat, sie wieder ein bisschen zu veräppeln.

Suska beeilt sich.