Roya schreibt

Als Roya am Mittwochabend heimkommt, ist es still in der Wohnung. Ihre Zwillinge sind unterwegs. „Ach ja“, denkt sie sich, „Lilly ist beim Sport und Lucy in ihrer Friedensgruppe“.

So hat sie Zeit , zu schreiben.

Roya hat sich vorhin ein Tagebuch gekauft. Sie hat beschlossen, dass sie einmal in der Woche für sich schreiben will. Sie will diesen Online-Austausch mit Unbekannten nicht mehr, sie hat sich von diesen Portalen abgemeldet und ihre Profile gelöscht.

Sie will jetzt Zeit für sich und die Gedanken, die sie hat, mit sich selbst teilen. Und mit niemandem sonst.
Sie macht sich eine Tasse Tee, und betrachtet das Buch, das sie jetzt vollschreiben wird. Es hat einen glänzenden roten Einband, es wirkt kostbar, und sie wird ihre kostbaren Gedanken hineinschreiben.

Als sie das Buch aufschlägt, wirkt es sehr jungfräulich, so rein und unbeschrieben. Klar, das ist es auch, ein unbeschriebenes Blatt, das ändert sie jetzt.

Wie soll sie beginnnen? Liebes Tagebuch? Oder einfach nur:Hallo? Oder gar nichts.
Ja , gar nichts. Sie beginnt:

Heute habe ich mir dieses Buch gekauft, es soll meine Gedanken sammeln, meine Ideen und meine Träume.

Liebes Tagebuch, die Frage ist, was Träume sind.
Ein Mann an meiner Seite, ein Eigenheim, oder die Welt retten, oder die Wale oder Frieden in NahOst.

Zufriedenheit oder auch einfach Zeit haben für mich selber oder nur ein bisschen mehr Geld in der Tasche. Eine Gesichtsmaske zur rechten Zeit, oder ein Yogawochenende.

Vielleicht möchte ich auch einfach nicht alt werden, ich möchte manchmal, das die Zeit stehen bleibt. Ich möchte meiner Töchter wieder knuddeln dürfen, so wie damals, als sie noch klein und schmiegsam waren. Und damals hab ich davon geträumt, das sie bitte endlich grösser werden, damit mir Zeit für mich bleibt. Und jetzt hab ich sie, diese Zeit, und fühle mich auch nicht gut damit. Ich habe Angst davor, dass sie aus dem Haus gehen und ich alt und schrumplig hier hocken bleibe.

Wenn ich sie anschaue, mit ihren schlanken glatten Körpern, ihrer Zuversicht, und ihrer Unbekümmertheit, dann bin ich neidisch auf sie. Darauf, dass sie das haben, diese Unbekümmertheit.Dann schäme ich mich. Dafür, das ich so denke, dafür, das ich dem hinterher trauere, was ich auch hatte, aber was mir damals nicht bewusst war.

Herrje, Lilly hat sich ein Rückentattoo machen lassen zu ihrem 18., das meine ich mit Unbekümmerheit.Sie wälzt sich auf Openairkonzerten im Schlamm, und es macht ihr nichts aus, das sie dreckig wird und sie nicht genug schläft.

Lucy will die Welt retten und bewirbt sich für ein Friedenscamp in Israel. Sie ist fest davon überzeugt, das sie etwas tun kann, damit der Frieden Einzug hält.
Liebes Tagebuch(ich werde dich jetzt doch so ansprechen), ich werde mir ein bisschen davon abgucken, ich war doch auch so! Ich hab auch geträumt und gewünscht und gemacht, wo ist das abgeblieben? Ich mach mich auf die Suche nach meiner Zuversicht.

Gute Nacht. Roya

Roya- von der Suche nach Liebe

Roya sitzt wieder vor ihrem Laptop und hat die Online Partner Börse aufgerufen, in der sie seit etwa 5 Monaten auf Anraten einer Freundin ein Profil erstellt hat.

„Das ist ne tolle Börse, echt!“ hat die Freundin gesagt, „da hab ich meinen Partner kennengelernt und die Freundin meiner Schwester im Norden hat ihren da getroffen und die sind mittlerweile verheiratet!Und jetzt kriegen sie ein Baby!“
Naja, denkt Roya, ein Baby will ich nicht, aber jemand, der mal nett zu mir ist und der mir sagt, dass ich schön bin, oder wenigstens hübsch, und der mal mit mir zum Essen geht, oder so…. Sie träumt in ihren Bildschirm hinein.

Ihre 18 jährigen Zwillinge hat sie alleine gross gezogen, es war schwierig, und ohne die Hilfe ihrer Mutter oder ihrer Freundinnen hätte sie für ihren Lebensunterhalt kaum sorgen können. Der Vater der Kinder hat immer Zicken gemacht mit Unterhaltszahlungen, er war arbeitslos oder depressiv und den Unterhalt einfordern übers Jugendamt, das wollte sie irgendwie nicht.
Und so hat sie sich dann eben abgekämpft, für ihre Kinder. Jetzt ist es leichter. Die anstrengenden Jahre scheinen vorbei zu sein, sie hat jetzt , neben Arbeit, Haushalt, Kindern, dem kranken alten Vater, wieder ein bisschen mehr Zeit für sich. Zeit , die sie manchmal vor dem Laptop verbringt, sich die Bilder der Männer in dem Online-Portal anschaut.
Manche sind ganz attraktiv, findet sie.Denen schreibt sie auch. Manchmal kommen eindeutige Angebote zurück, darauf hat sie aber wirlich keine Lust, und manchmal entwickelt sich auch ein angenehmer Austausch. Mehrmals hat sie sich auch getroffen mit ihnen, unverbindlich, das war ihr wichtig, keine schnelle Nummer in der Dunkelheit! Gebracht hat es ihr nichts, nur ein schales Gefühl bleib zurück. So verletzte Typen, so hilflose, traurige Gestalten oft.

Aber hat sie wirklich Lust, wieder einen von diesen Heinis zu treffen, die entweder nur „das eine“ wollen oder sie zutexten, wie schlimm sich ihre Exfrau verhalten hat, und wie sehr sich danach sehnen, eine wirkliche Partnerin zu haben, die zu ihnen steht, ihnen den Rücken stärkt…“und ihre Socken zusammenlegt und ihre Hemden bügelt, pah!“

Roya schaltet den Laptop aus, sollen doch diese verwundeten Männerherzen sich wen anders suchen-sie steht dafür nicht zur Verfügung.