Suska – der Kongress tanzt…

…“Das ist doch so ein alter Film“, denkt Suska, als sie auf den Kongress nach Berlin fährt. Pflegekongress, sie wird sich viele Vorträge anhören und vielleicht hat sie auch Zeit, sich Berlin anzuschauen.

Vor Jahren ist sie mal da gewesen, als sie jung war, da gab es noch die Mauer. Und Hausbesetzer und „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“, und der Wunsch, das Leben irgendwie anders hinkriegen. Dieses Buch, sie erinnert sich, und dann der Film und David Bowies „Heroes“ und die Vorstellung, wie cool es sein müsste, in dieser Stadt zu leben, weg zu sein aus der Provinz, aus dem Alltag, aus der Zukunftslosigkeit. Mittlerweile weiss sie natürlich, das der Film und das Buch irgendwelche romantischen Saiten bei ihr angeschlagen hatten, denen sie zum Glück nicht nachgegangen ist.

Sie wurde von einer Freundin daran erinnert, wie sie, als sie 20 waren, im Rahmen der Ausbildung eine  Drogenberatungsstelle aufsuchen musste und ein völlig fertiger Typ von seinem Drogenentzug erzählt hat. „Weisst du noch, wie der gerochen hat?“ hat ihre Freundin gefragt, und Suska hat sich erinnert.

Jetzt steht sie am Hauptbahnhof in Berlin und ist beeindruckt, wie gross der ist! Sie wird sich bestimmt verlaufen! Sie nimmt ihren Koffer und zieht ihn zielstrebig Richtung U-Bahn. Sie hat 3 Linien zur Auswahl, in denen sie fahren kann, und die nächste kommt in einer Minute. Sie steigt ein, es ist nicht voll.
An der Nächsten Haltestelle steigt ein junger Mann ein, er stellt sich in den Gang und beginnt laut und deutlich zu sprechen. Er heisse Jeromino, sei zur Zeit obdachlos, und ob jemand 10 Cent, etwas zu  essen oder bloss ein freundliches Lächeln für ihn habe. Das würde ihn sehr freuen. Suska ist erschrocken: er ist so alt wie ihr Sohn Bero.

Sie weiss nicht, ob sie ihm was geben soll, es ist ihr unangenehm, das er sie so konfrontiert mit seiner Situation.
Aber sie weiss ja auch, wie solche Menschen leben, in der Klinik sind immer wieder Obdachlose, die in die Notaufnahme kommen. Aber der hier ist so jung. Sie hat nichts zur Hand, was sie ihm geben kann,der Geldbeutel ist tief in ihrer Tasche versteckt. Sie sieht, wie der Mann auf dem Nebensitz Jeromino einen Müsliriegel hinstreckt, der Junge scheint sich zu freuen und bedankt sich . Er lächelt auch Suska an und dann hält die Bahn und er steigt aus.

Der Mann neben ihr bemerkt Suskas Blick und sagt: „Das passiert hier öfter, ich hab immer was zu essen in der Tasche. “

„Das mach ich auch“, denkt Suska, „solange ich hier bin. Dann komm ich mir nicht mehr so hilflos vor. Was ist ein Schokoriegel, der fünfzig Cent kostet,gegen Hunger und Kälte? Vielleicht ein Tropfen auf den heissen Stein, vielleicht auch eine Mahlzeit, denn mir geht es gut und ich hab das Glück, das ich damals keine krummen , romantischen Wege gegangen bin.“

Suska lächelt dem Mann zu, und dann ist sie an ihrer Haltestelle angekommen.
Berlin riecht anders , denkt sie, als sie aussteigt und atmet tief ein.