Loida- die Mülltaucher

Bald werden die Blumen welk sein und Loida wird  sie entsorgen müssen, schade.
Sie mag zwar keine Nelken und Chrysanthemen, aber als am Neujahrstag alle Kinder zu Besuch kamen,hatte der MusikantenSohn eine Kiste dabei, voller Obst, Joghurt und Keksen, und obendrauf lagen 3 prächtige Blumensträusse.  Loida hat verwundert in diese Kiste geschaut und gedacht: Warum bringt der mir diese Fertigjoghurts mit? Und dieses ganze Obst und Gemüse und vor allem:Warum BLUMEN?
„Hab ich für dich containert!“ hat der Sohn gelacht.
„Für mich ge…was?“
„Containert. Ich hab Blumen für dich containert. Und das Obst und das Gemüse, das tun wir in eine Saftpresse, ihr hab doch so ein Hightechding, da können wir wunderbar Gemüsesaft draus machen!“
„Containern nennt man das, wenn Leute nach Ladenschluss aus den Müllcontainern der Supermärkte das weggeworfene Gemüse und so rausholen!“hat die KlugeTochter erklärt und  ihren Bruder angegrinst.
„Ja, und mein kleiner Bruder hat das auch nötig , sowas zu tun! Als bekäme er nicht genug Unterstützung vom Vater für seinen hochgeistigen Lebenswandel! „brummt der grosse Bruder, der in seinem massgeschneiderten Anzug vornehm auf dem Stuhl sitzt und in sein Smartbook schaut.
„Nicht nur der kleine Bruder, auch die kleine Schwester macht das!“ sagt die KlugeTochter von Loida und fährt fort: „Wir leben in einer solchen Überflussgesellschaft, du kannst dir nicht vorstellen,was alles weggeworfen wird, nur weil das Verfallsdatum bald kommt!“
„Ich hab beim letzten containern sogar Kaminbriketts gefunden, und ich wundere mich immer noch, ob Briketts ein Verfallsdatum haben. Die könnten die Menschen, die im Winter draussen leben, vielleicht ein bisschen wärmen,“ sagt der MusikantenSohn.
„Ist es denn nicht gefährlich“, fragt Loida, „kann man Euch denn dabei erwischen? Werdet ihr dann angezeigt, wenn man Euch erwischt?“
„Wir machen nichts kaputt,“ erwidert der MusikantenSohn, “ es gibt Geschäfte, die haben offene Container, da müssen wir nur über den Zaun klettern, und angeblich haben die Gerichte anderes zu tun, denn Mülltauchen ist kein Diebstahl, und drum….“
„Tss, “ macht der MassAnzugSohn, “ ich kann das gleich mal suchmaschinen, dann sag ich dir, welches Strafmass dir blüht!“
„Ach, Spiesser,“ sagt die Tochter,“ du freust dich doch auch, wenn ich dir ne Tafel Schokolade schenke, oder würdest du nein sagen, nur weil sie aus dem Container kommt? Ich hab letzen Monat hundert Tafeln Schokolade rausgeholt, krass, die hab ich dann in der Uni verteilt!“
„Ich esse keine Schokolade, Schwesterchen!“ hört Loida, als sie nachdenklich in die Küche geht.
Sie holt die Sachen aus der Kiste. Die Bananen sind ein wenig braun, aber man sie essen. Zwei Mangos, ein bisschen angeschlagen, aber für einen Saft bestimmt gut zu gebrauchen. Kartoffeln. Sellerie. Und dann dieser Joghurt. Sie würde den niemals kaufen, der enthält bestimmt viel Zucker , aber probieren kann sie den ja nachher mal. Und Blumen! Wann hat sie zuletzt Blumen bekommen?
Nelken, Chrysanthemen, Rosen und Schleierkraut.
Muss man das wegschmeissen? Kannman das nicht anders verwenden?
Sicher, es gibt  die Tafeln, das weiss sie, sie hat vor Weihnachten eingekauft für die Tafel in ihrem Ort. Da standen im Supermarkt zwei Damen mit einer Liste, womit sie, wenn sie es einkauft und spendet, den Bedürftigen helfen könnte. Aber Loida hat in einer Reportage auch gesehen, das manchmal ein Geschäft gemacht wird mit den Gütern, die die Supermärkte spenden, wenn sie das nicht mehr verkaufen können. Das stimmt sie nachdenklich. Und um bei der Tafel „einkaufen “ zu können, braucht man einen Bezugsschein und als Student hat man den nicht, und ausserdem wollen die ja wohl Lebensmittel retten,was eine ganz andere Gedankenidee ist….
„Die Ding san doch no pfenningguat!“ hört sie ihren Grossvater sagen.
Ich bin Teil dieser Überflussgesellschaft, denkt sie.

Sie beginnt die Blumen zuzuschneiden, und in Vasen zu arrangieren, da kommt ihr Mann in die Küche.
„Nelken!“ ruft er, „Die Blume der Arbeiterbewegung! Hoch die Internationale Solidarität!“skandiert er mit gereckter Faust.
Loida hört die Kinder lachen im Wohnzimmer, „Papa!“ rufen sie,“ was ist mit dir los?“
„Ich möchte der Mama einen Antrag machen, “ sagt der Ehemann, zupft eine Nelke aus dem Strauss, steckt sie sich an den Hemdenkragen, beugt das Knie und fragt: „Würden gnädige Frau mich bitte begleiten? Ich möchte Sie zum ContainerDinner einladen! Als Nachspeise gibt es wunderbar fluffigen, nicht mehr ganz frischen, aber noch pfenningguaten Fertigjoghurt!“ und galant küsst er Loida die Hand.