Flida- im November

Flida mag den November gar nicht.Wenn es abends so früh dunkel wird, wenn die Bäume blätterlos ihre Äste in den Himmel recken, wenn sie aufsteht und im nebeldunkel zur Arbeit fährt, all das mag sie nicht.
Vor allem sind im November diese Totentage.
Allerheiligen, Allerseelen, der Totensonntag , der Volkstrauertag.
Manchmal , früher, hat sie diese Allerheiligen zelebriert. Sie hat geräuchert  in der Wohnung, sie hat Kerzen aufgestellt, für die Verstorbenen, sie sass allein vor ihrem Kerzenfeuer und schaute in den Garten. Einmal hatte sie das Gefühl , die kommen alle aus dem Gebüsch raus, alle an die sie so gedacht hatte. Da hat sie ihre Jalousien zugemacht, vor lauter Schreck. „Du guckst ja auch zu viele Gruselfilme!“ hatte das Teufelchen geflüstert.
Dieses Jahr hat sie sich was Besonderes vorgenommen: sie geht zu einem Verstorbenenfest mit einer Heilerin, in ihrem Esoterikladen, wo Flida manchmal  ihr Räucherwerk kauft. Da freut sie sich drauf, diese Heilerin sieht auf dem Foto sehr symphathisch aus, ein bisschen indianisch, Flida ist gespannt, was sie erwartet.
Als sie ankommt, sitzen bereits einige Frauen im Halbkreis um die Heilerin herum und plaudern mit gedämpften Stimmen.
Eine Frau fällt ihr besonders auf, sie ist gross und stattlich, ihre langen fast grauen Haare fallen locker auf ihren Rücken, und wenn sie lacht, sieht man ihre weissen Zähne. Und sie lacht gerade sehr laut und fröhlich, ihr Busen wogt dabei. Flida muss unwillkürlich mitlächeln.
Die Heilerin ist in warme Decken gehüllt, um den Kopf trägt sie eine Kapuze, ihre langen schwarzen Haare fallen von ihren Schultern. Wie alt sie wohl ist, denkt Flida.
Alterslos scheint sie ihr.
Die Heilerin schlägt dreimal auf ihre Klangschale. Es wird still.
Dann beginnt sie zu erzählen. Von ihrem Erlebnis, als sie tot war. Von den Seelen, denen sie seitdem begegnet, vom Tod, der nicht böse ist, der ihr keine Angst macht.
Flida gefällt das.
Eine Frau vor ihr nickt immer zustimmend und brummt, und sagt laut:Ja! wenn die Heilerin etwas gesagt hat, was ihr besonders gut gefällt. Und sie zappelt rum und sitzt immer so, das Flida keinen Blick auf die Heilerin werfen kann.Flida sieht immer den breiten Rücken der unruhigen Frau, egal wie sie sich setzt.Das irritiert Flida.

Die Heilerin sagt, dass sie in den Kliniken sehr vielen ruhelosen Seelen begegnet sei, die den Ausgang in die zeitlose Raumlosigkeit noch nicht gefunden haben. Ob jemand wüsste, woran das liegen könnte? Ob das am Morphium liege, das man den Sterbenden geben würde in der heutigen Zeit, weil sie sich dann nicht auf den Tod vorbereiten könnten, sondern gedämpft ihr Leben aushauchen,und dann nicht wissen, was mit ihnen passiert ist?

Da steht die grosse grauhharige Frau auf, und sagt laut und vernehmlich:
„Es liegt sicher nicht am Morphium, denn das sterbenden Schmerzpatienten Morpium gegeben wird, ist eine Gnade. Und wenn es ruhelose Seelen in grossen Ansammlungen in Krankenhäusern gibt, dann liegt das an der heutigen Gesellschaft, die es nicht mehr kann, den Weg zu weisen und Rituale zu machen, die das Weggehen erleichtern können. So. “

Die grosse Frau setzt sich wieder. Flida ist beeindruckt.

Da fragt die unruhige Frau , die vor Flida sitzt:“ Gibt es hier auch welche? Ruhelose Seelen? Bei mir zu Hause ist einer, der kommt immer wieder, ich glaub auch, ich weiss wer das ist. Wie kann ich denn dem den Weg weisen? Ich mochte den nie, das war ein ekliger Kerl und jetzt kommt der mich immer besuchen. “
Ui, denkt Fida, was ist das denn….
Die Heilerin sagt etwas, aber Flida hört nicht zu, sie schaut die grosse schöne Frau an, die leise in sich hineinlächelt.
Sie wirft Flida einen Blick zu, als spüre sie,das Flida schaut und zwinkert Flida zu.
Eine andere Frau erzählt, das sie ihren verstorbenen Vermieter auf dem Klo getroffen habe. Sie habe ihn gefragt, ob er nicht wüsste, das das Klo eine Privatsphäre sei, was ihm einfallen würde, ihr beim Pinkeln zu zugucken. Alle lachen.
„Gut gemacht“, sagt die Heilerin. „Jetzt wenden wir uns aber dem zu, weshalb wir hier sind.“
Und sie zündet Kerzen an und schlägt die Klangschale und spricht ein Gebet in einer Sprache, die Flida angenehm berührt und Flida versinkt in Gedanken, während sie ihre Kerze anschaut. Sie denkt an ihren Vater, wie er in seinem Paddelboot durch die raumlose Zeitlosigkeit gleitet, vor ihm sitzt die Mutter, an die Flida sich kaum erinnert und lächelt zu Flida hinüber. Flida sieht ihre Tante, die so einsam starb, lächelnd an einem Baum stehen und hört die Stimme der Heilerin:
Es ist nur noch Vergebung da und Verstehen. Es gibt keine Schuld . Es ist Frieden.

Flida fühlt sich wohl, warm und geborgen. Wie schön sind diese Bilder, denkt sie.
Die Klangschale holt Flida wieder in die Gegenwart zurück, der Abend ist vorbei. Beim Hinausgehen stösst sie gegen einen Yogafrosch, der auf einer Lotusblumenschale sitzt und verzückt lächelt.
Die grosse schöne Frau grinst Flida zu: „Noch ganz benommen von dem Hokuspokus hier? „fragt sie.“ Ich hoffe bloss, das mir heute im Nachtdienst die ganzen verlorenen Seelen nicht begegnen, denen ich den Weg weisen muss in der Klinik, ich hab genug mit den Lebenden zu tun!“
Flida lacht: „Und ich hoffe, das da keiner bei mir auf dem Klo sitzt, dem ich sagen muss, dass er da bitte nichts zu suchen hat!“

Sie lachen beide, heben die Hand zum Gruss und gehen. Eine nach rechts, die andere nach links.