Suska – Pfingstrosen

Als Suska heimkommt an diesem anstrengenden Tag, hört sie Stimmengewirr aus der Küche und Lachen. Bero hat Besuch, sie feiern ihre fast bestandenen Abiturprüfungen, denkt sie.
Die Narzisse fest in der Hand geht sie in die Küche. Bero rollt Pizzateig aus, die Freundin rührt in der Tomatensosse und die Küche ist voller Schüsseln mit Oliven und Gemüse.
„Hallo, Mama,“ sagt Bero, „Wir machen Pizza, magst du dann auch ein Stück? Oh, eine Narzisse,… selbst gepflückt oder von einem Verehrer?“ fragt er und zwinkert mit dem rechten Auge. Das kann er gut, findet Suska, das macht ihn schelmisch.
„Natürlich ein Verehrer!“ zwinkert sie zurück, , „ich hab es nicht nötig, mir selber Blumen zu pflücken!“
Sie setzt sich noch kurz an den Tisch, erfährt von Beros Freunden, wie das Matheabitur gelaufen ist, dass wohl jemand die Originale geklaut hat, und sie die Ersatzprüfungen schreiben mussten, und dann zieht sich zurück. Sie ist wirklich sehr müde. Die Narzisse hat sie in ein Wasserglas gestellt und mit in ihr Zimmer genommen.
Dort liegt sie jetzt auf dem Bett und denkt an den Gärtner.
Ob sie das nächste mal auch ein bisschen was von sich erzählen soll? Ob sie ihn fragen soll, wie er das macht, das die Pfingstrosen so üppig blühen? Ob sie sich an seine blitzend-weissen grossen Zähne gewöhnen kann? Er ist ein bisschen kleiner als sie, was er wohl anhat, wenn er nicht arbeitet? Wie sieht er ohne grüne Latzhose aus? Ist ein Gärtner reich? Hat sie nicht einen reichen Mann verdient, der ihr diese Geldsorgen mal abnimmt? Und mit ihr in Urlaub fährt? Kann sie sich den Gärtner auf einem Kreuzfahrtschiff vorstellen, in der Luxussuite, mit ihr Champagner trinkend, und dann  zippelt er womöglich andauernd an dem üppigen Blumenstrauss herum, den der Kapitän des Luxusliners für Suska in die Suite gestellt hat?
Doch dann wird der Gärtner seekrank und während er sich über die Reling beugt, um sich zu erleichtern, verschwindet sein Zahnersatz in den Tiefen des Ozeans….

Am nächsten Morgen hat Suska Frühdienst und während sie ihren Kittel anzieht, denkt sie darüber nach, was sie nächste Woche, wenn sie den Gärtner wieder treffen wird, mit ihm beredet und  dann wird sie auch genau hinschauen, ob er wirklich viel kleiner ist als sie und ob das nicht doch funktionieren könnte mit einem Treffen ausserhalb der Arbeit.

Am Nachmittag steht Suska im Supermarkt, die Schlange an der Kasse ist lang. Vor ihr steht eine Frau mit grünen Gummistiefeln, auf denen lila Krokodile leuchten, und packt Unmengen Tomaten auf das Laufband. „Ich koche Tomatensosse ein, “ sagt sie zu Suska, und „Hei! Du! Wie gehts? Hast du dich gefreut gestern?“
Es ist Flida, die Frau, mit der sie vor einiger Zeit tanzen war, das war ein so schöner Abend gewesen, erinnert sich Suska.
„Hallo , Flida“, sagt sie, „wie schön dich zu sehen. Worüber soll ich mich gefreut haben?“
„Über die Narzisse am Scheibenwischer natürlich, “ lacht Flida, “ ich hab dein Auto gestern bei mir vor der Anlage parken sehen, und der Gärtner war dabei, alles, was nicht mehr in diese Jahreszeit passt, rauszurupfen und so hab ich die Blume gepflückt, und dir ans Auto geklemmt. Vielleicht hat sie bei dir ein bisschen mehr Überlebens-Chancen, hab ich mir so gedacht!“
Suska ist ziemlich verdattert, da macht sie sich solche Gedanken, ob der Gärtner ihr Avancen macht und ist hin und her gerissen, ob ihr das gefällt, und dann kommt der Blumengruss von einer verrückten Flida mit grünen Krokodilgummistiefeln.
Suska überlegt, ob sie lachen soll oder ob sie enttäuscht ist, aber dann lacht sie, und sagt: „Ich dachte, das sei der Gärtner gewesen! Der hat so nett mit mir geplaudert, ich dachte der will mich anmachen, weil er mich so toll findet und mich verehrt!“ und sie lacht und lacht.
Flida grinst: „Der würde eine Blume vielleicht an einen Porsche stecken,wenn er wüsste, das das Auto einem knackigen Typen gehört! Aber nett ist er,das stimmt. Und trotzdem- Suska! Wenn ein Mann dir eine Blume ans Auto stecken will, weil er dich verehrt, sollte er das Auto mit einem ganzen Bukett schmücken! Das bist du mindestens Wert! Nicht nur eine einsame abgezupfte Narzisse!“
Und Flida packt ihre Tomaten in einen Korb und sagt: „Ich muss los! Und wenn du wieder in der Gegend bist, wo die Blume an deinem Scheibenwischer gesteckt hat, dann klingel doch bei mir! Ich koch uns dann Nudeln mit Tomatensosse!“
Und sie dreht sich schwungvoll um und stapft in ihren grün-lila Gummstiefeln davon. Dabei  schwenkt sie den Tomatenkorb wie ein Trophäe.
„Bis bald!“ ruft sie noch und ist verschwunden.
Suska muss immer noch lachen.
Warum eigentlich nicht ein Bukett voller Blumen. Rosen mit Freesien, oder einen prächtigen Strauss Pfingstrosen, genau.
Da drüben in dem Blumenladen kann sie sich welche kaufen, das ist sie sich eigentlich wert, denkt sie. Und Nudeln mit Tomatensosse klingt gut. Nächsten Mittwoch. Vielleicht sind die Pfingstrosen dann schon aufgeblüht.

Flida- Frühlingserwachen

Jetzt ist es schon wieder fast drei Wochen her, das Flida tanzen war. Und sich, nebenbei, vom LAT-Gefährten getrennt hat. Es geht ihr immer noch gut damit, und sie ist froh, das sie diesen Schritt geschafft hat.

Natürlich hat der LAT ständig angerufen und am Sonntag nach dem Tanzen hat er sie ausgeschimpft und gebrüllt am Telefon, was ihr eigentlich einfällt, ihn da so sitzen zu lassen in MannisMummelbude, was sie glaubt, was seine Kumpels von ihm denken, das er , der LAT, nicht in der Lage sei, seine Frau zur Raison zu bringen (er sagte Resonk!), und was ihr , Flida , eigentlich einfällt , so abzudampfen, mit diesem wackelnden Hinterteil, sie würde schon sehen, was sie davon hat, fehlen würde er ihr, sie solle bloss mal daran denken, wer die ganzen Lampen in ihrer Wohnung angebohrt hat, und wer sich um die Reparatur von ihrem Auto gekümmert hat, das sei er gewesen und sie würde sich noch umgucken!
Das Teufelchen auf Flidas Schulter hat sich vor Schreck in Flidas Haaren vergraben und geflüstert: Leg auf, Flida, sonst weinst du wieder!

Flida hat aufgelegt. Drei Tage später hat der LAT wieder angerufen und war ganz lieb, und hat gesagt, das Flida dieFrau ist, die er immer wollte, und was er besser machen könne, er würde es tun, weil doch Flida ihm fehlt und wer bügelt jetzt seine Hemden und sie hätten es doch schön gehabt und er würde auch mit ihr tanzen gehen, wenn sie es will, was soll er denn bloss tun?

„Mich nie wieder anrufen, das kannst du tun!“ hat Flida gesagt und aufgelegt.
Ein bisschen hat sie geschwankt, ob sie ihm nicht doch noch mal eine Chance geben soll, sie ist schliesslich nicht mehr die Jüngste, sie findet so schnell wieder auch keinen Mann….

Brauchst du denn einen Mann?hat ihre Tochter gefragt, als sie an einem Abend beieinander sassen.

Flida hatte gekocht, es gibtSpaghetti mit angebratenen Knoblauch und Pepperoni und Petersilie und dazu trinken sie Weisswein und sie sitzen auf der Terasse und es ist ein bisschen wie im Sommer.

Flida ist nachdenklich, ein Mann ist schon praktisch, hat sie geantwortet. Er kümmert sich um die Spülmaschine, wenn sie kaputt ist, er kann die Klospülung reparieren und wenn was an meinem Auto kaputt ist, kann er das auch heil machen.

Mama! hat die Tochter gesagt, und entrüstet ihre Gabel zur Seite gelegt, dafür, für sowas, gibt es Werkstätten! Oder das Studentenhilfswerk, deshalb brauchst du keinen Mann!

Da hat Flida gelacht, und gesagt: Aber für in den Arm nehmen, und zu hören, das ich toll bin, dafür ist ein Mann auch fein!
Das hat der LAT nie gemacht, hat die Tochter gesagt und sich eine Gabel Spaghetti in den Mund geschoben. Der hat dir gesagt ,das du dick bist und deine Haare blöd aussehen und dass du abnehmen musst,aber er hat nie gesagt, wie toll du bist!

Am Anfang schon! antwortet Flida, am Anfang fand er mich zauberhaft.

Am Anfang! schnaubt die Tochter. Bis er hatte, was er wollte! Neenee, Mama, der Typ ist jetzt Vergangenheit! Basta!
Und die Tochter ergreift die Flasche Weisswein und schenkt sich und Flida ein:
Weisst du, Mama, ich finde dich toll. Du hast nach der Scheidung dir ein neues eigenes Leben aufgebaut. Du hast eine Arbeit, einen Beruf, der dir Freude macht.Du verdienst dein Geld zum Leben selber. Du hast dir allein ein Auto gekauft, als du genug Geld hattest. Du schaffst es, das deine Kinder tolle Menschen sind und dass wir immer zu dir kommen können, wenn wir traurig sind. Du  bringst die Leute zum Lachen, die mit dir zusammen sind. Du hast immer Zeit für andere, wenn die dich brauchen. Und Mama, du bist die schönste Mama, die ich mir vorstellen kann. Ich hätte dir das schon viel früher sagen müssen, aber besser jetzt als nie! sagt die Tochter, und hebt ihr Weissweinglas und stösst mit Flida an.

Draussen vor der Terrasse spriesst das Gras,der Löwenzahn leuchtet überbordend gelb in der Wiese und die Vögel beginnen ihr abendliches Konzert. Aus dem Ort ertönen Kirchenglocken und das Gezwitscher der Vögel hebt ein abendliches Konzert an.
Flida spürt , wie sich das kritische Teufelchen an ihr Ohr schmiegt und flüstert : Deine Tochter hat recht, du bist die schönste und mutigste Flida, die ich kenne!
Und Flida nickt in ihr Weissweinglas und murmelt:
Stimmt. Ich bin die Schönste und mutigste  Flida , die es gibt!

Loida-Ehepläne

Ostern hat der Besuch der Kinder nicht geklappt, aber jetzt, zwei Wochen später , wollen sie ihre Eltern besuchen.
Am Mittwoch hat Loida mit den Kindern telefoniert, wann sie kommen und wann sie vom Bahnhof abgeholt werden wollen. Die Tochter hat gesagt: „Ich bringe noch jemanden mit!“ Und Loida hat geantwortet: „Wie schön,da freu ich mich“, und sich vorgestellt, wie der junge Mann sein wird, den die Tochter mitbringt.

Aber als sie dann aus dem Zug aussteigen, der MusikantenSohn und die FerneTochter, ist es kein junger Mann, den sie dabei hat, sondern eine junge Frau.
„Auch schön“, denkt Loida. Sie begrüsst die junge Frau, die Silla heisst, wie Loida erfährt. Loida umarmt die Tochter und den MusikantenSohn, und ist nur ein bisschen irritiert, als die Tochter mit Silla Hand in Hand die Treppen zum Auto hinauf geht.
Das machen die Mädchen heute vielleicht so, denkt Loida.
Sie haben ein lustiges, fröhliches gemeinsames Frühstück.
Der Ehemann redet mit Silla über Politik, Silla kennt sich da sehr gut mit aus, schliesslich studiert sie das, wie sie sagt, und Loida beobachtet ihre Tochter, die Silla immer so verträumt ansieht.
Später holt der MusikantenSohn seine Gitarre und dann singen sie, alle drei, mit wunderschönen klaren Stimmen und Loida ist ganz glücklich und friedlich zu Mute.
Draussen blühen die letzten Tulpen, die Akeleien zeigen kleine Knospen, und Loida fühlt innendrin eine sanfte Wärme.
Bis der MusikantenSohn die Gitarre weglegt und sagt: „Ich glaube, meine Lieblinsschwester möchte Euch was sagen!“
Die Tochter wirkt nervös, und Loida denkt, was kommt jetzt? Ist sie schwanger? Das wäre aber nicht schlimm, das wäre doch schön!
Die Tochter holt tief Luft und sagt: „Silla und ich kennen uns jetzt zwei Jahre.“
Okay, denkt Loida,und nickt, ihr studiert ja auch zusammen.
„Und es ist so“, sagt die Tochter, „es ist so,… „und blickt hilfesuchend zu Silla.
„Es ist so, das wir in 4 Wochen heiraten werden,eure Tochter und ich“, übernimmt Silla den Satz und legt ihren Arm um die Schultern von Loidas Tochter .
„Heiraten, ihr?“ fragt Loida und spürt eine heisse Welle in sich aufsteigen. „Ihr kennt euch seit zwei Jahren?“
Der Ehemann poltert los: „Heiraten? Zwei Frauen? Spinnt ihr? Ich zahle keinen Pfennig für die Hochzeit, was sollen denn die Leute hier im Ort sagen, es reicht, das der MusikantenSohn so verrückt ist, ich dachte, wenigstens du bleibst vernünftig.“
Und er steht wütend auf und sagt:“Ich geh ne Runde , das muss ich verkraften“ und verlässt türknallend die Wohnung.
Loida sitzt da und weiss nicht was sie denken soll.
„Jedes dritte Kind hat homosexuelle Neigungen, da gibt es ne Statistik, und bei uns bestätigt sich das!“ hört sie den MusikantenSohn sagen.
Loida blickt ins Gesicht der Tochter. „Ich bin ein bisschen verwirrt,“ sagt sie. „Aber ich glaube, ich bin nicht verwirrt, weil ihr heiraten wollt, sondern weil du mir nie was gesagt hast! “
Da kommt die Tochter zu Loida und sagt: „Ich hab nicht gewusst, wie ihr reagieren werdet, ich hatte Angst davor!“
„Hat sich ja auch bestätigt!“ sagt der MusikantenSohn , „der Papa ergreift wie immer türeknallend die Flucht, wenns Probleme gibt!“
Loida schüttelt den Kopf,“ Naja, es ist ja auch nicht einfach. Weiss der grosse Bruder es denn schon?“
Da schnaubt der Musikantensohn, “ was denkst du denn, der würde wahrscheinlich gar nicht mehr mit uns sprechen wollen, weil er uns sowieso alle für durchgeknallt hält, der Spiesser!“

Da muss Loida ein bisschen schmunzeln, der MusikantenSohn hat recht. Der GrosseBruder ist sehr darauf bedacht, dass sein Leben in geraden Bahnen läuft, alles nach Plan, Abitur, Studium, angestellt sein in Papas Firma, nette Freundin, Doppelhaushälfte, Gartenzwerge im Vorgarten, Loida schmunzelt leicht.
Da klappt die Haustür und der Ehemann kommt zurück, ein bisschen ausser Atem schnauft er: “ So, ihr drei, ein bisschen eher hättet ihr uns schon informieren können, finde ich, wo krieg ich denn jetzt so schnell einen Schwiegervaterhochzeitsanzug her? Übrigens zahlt der Brautvater, für den ich mich irgendwie halten,  die Feier, das ist so üblich, aber ich denke, viele Leute kommen sowieso nicht“ sagt er und lacht schallend. „Entschuldigung, das konnt ich mir jetzt nicht verkneifen, ich hab mir auf dem Spaziergang die Gesichter meiner Kollegen und unserer Nachbarn vorgestellt!“

Und dann haben sie lange gesprochen, wie die Hochzeit ablaufen soll, und ob die Tochter wenigstens ein schönes Kleid kaufen geht mit Loida , „ja, aber nicht in weiss!“ und ob sie später Kinder  haben wollen, denn Enkelkinder, das wäre doch schön, und Silla hat von ihrer Familie erzählt und wie die reagiert haben und das es doch an der Zeit ist, das endlich gesellschaftlich zu akzeptieren , das Liebe und Sexualität geschlechtsunabhängig stattfinden kann.
Loida stimmt dem zu, eigentlich, aber als Silla und die Tochter sich immer wieder in den Arm nehmen und küssen, und zärtlich zueinander sind, wie eben Frischverliebte sind, muss Loida weggucken.
Sie braucht noch ein bisschen, sich daran zu gewöhnen.
Aber sie hat ja schliesslich auch noch vier Wochen Zeit.

Suska-TranceDance

Müde streift Suska ihre Schuhe von den Füssen.
Dieser Geruch in der KrankenhausUmkleide ist kaum zu ertragen, und die Schicht, die hinter ihr liegt, hat sowieso sehr viel  von ihr gefordert.

Ein kurzer Moment, eine Frage, wie es heute geht, ein Blick in das Gesicht der Patientin und die Antwort: „Nicht so gut“ haben es geschafft , dass Suska sich wieder Zeit nahm , zuzuhören und eine Geschichte zu hören, bei der sie dachte: „Was Menschen alles aushalten können!“ Solche Geschichten hört sie öfter, und manchmal fällt es ihr schwer, diese Erzählungen aus dem Kopf zu kriegen.
Aber heute wird sie in den Club gehen, nachher, am Abend, dann wird sie tanzen. Einmal im Monat heisst es dort TranceDance, das ist für Suska genau das richtige. Da kann sie sich buchstäblich alles von der Seele schütteln.

Und später dann, als sie sich zurecht gemacht hat,kommt Bero, der Sohn,  nach Hause mit seiner Freundin.
„Wow!“ sagt diese, „du siehst toll aus, Suska, woher hast du dieses Kleid? Es steht dir fantastisch.! “
Das freut Suska, und dann nimmt sie den nächsten Bus in die Stadt.
Vor dem TranceDance wird sie in das kleine Bistro nebenan gehen, eine Kleinigkeit essen und in ihrem neuen Buch lesen.
Und jetzt sitzt sie auf dem gemütlichen Sofa in der hintersten Ecke, vor sich ein Glas Rotwein und ist gefesselt von dem Roman, den sie liest.
„Darf ich mich zu Ihnen setzen?“ hört Suska, und als sie aufblickt, sieht sie eine kleine runde Frau in einem roten Kleid mit erstaunlichen Schuhen an den Füssen, und diese blickt Suska so fröhlich an, das Suska lachen muss und „Natürlich!“ antwortet und ein bisschen zur Seite rutscht, damit die Frau sich setzen kann.
„Ich bin Flida und ich habe gerade meinen Freund verlassen und es geht mir gut damit!“ hört Suska und denkt:“Keine Geschichten jetzt!“
Aber die Frau schweigt und nimmt einen genüsslichen Schluck Rotwein aus dem Glas, das der Kellner gerade bringt.

„Du hast fantastische Schuhe an!“ hört sich Suska sagen. Dabei wollte sie doch ihre Ruhe haben! Warum beginnt sie jetzt ein Gespräch mit dieser Frau, die auch noch irgendwie einen Tick hat, weil sie sich ständig mit der linken Hand an die rechte Schulter fasst?

„Nicht wahr, die sind toll! Waren ein Schnäppchen! Und eigentlich wollte ich heute tanzen gehen, aber dann bin ich mit meinem LAT, nee- ehemaligen LAT in einer Fussballkneipe gelandet, dann hat mir sein Freund an den Hintern gefasst und daraufhin habe ich diese Fussballkneipe und den Gefährten verlassen. Und jetzt bin ich hier!“
Vergnügt schaut sich Flida um.
“ Es ist nett hier, sehr sympathische Leute, die hier sitzen!“

Darauf hat Suska bisher gar nicht geachtet, sie wollte nur in Ruhe lesen.

„Was ist ein LAT?“ fragt sie. Und Flida erklärt, dass er ihr Freund war und nicht mit ihr zusammen wohnen wollte, weil er ja irgendwie noch an seiner Frau hing und den Kindern, die ja schon erwachsen sind, das ersparen wollte, sich an eine Freundin gewöhnen zu müssen und dass er dachte, dass sie, Flida , ihm immer zur Verfügung stehen müssen- aber heute sei Schluss damit…..

Flida webt einen Wortteppich und Suska muss andauernd auf diesen Mund schauen, der redet und lacht und erzählt und gar nicht traurig ist irgendwie, und das rote Kleid, das Flida trägt, glänzt und schimmert und dann der rote Wein in dem Glas,…

Suska wird fast schwindelig.

„Tja,..“ hört Suska jetzt wieder, „und nun sitze ich hier in meinen tollen Brokatschuhen und eigentlich wollte ich damit tanzen gehen heute….“

„Das sind die Schuhe einer Reine-Soleil!“ hört sich Suska sagen. „Einer Sonnenkönigin! Magst du nachher mit rüber in den Club, TranceDance, magst du?“
„Reine-Soleil, TranceDance! Das klingt alles vielversprechend!“ antwortet Flida, und als Suska dann aufsteht und sagen will „Dann gehen wir!“, sieht sie, wie Flida den Mund aufklappt und sagt:
„Wow! Du bist wunderschön! Dieses Kleid! Es fliesst wie Nebel an dir hinunter! Wenn ich die Reine-Soleil bin wegen der Schuhe, dann bist du die Nebelkönigin! Mit deinen wehenden Haaren und diesem Silbernen Kleid!“

So hat sich Suska noch nie gesehen , weder als schön noch als Königin und sie wirft ihre langen silbernen Haare in den Nacken und lacht.
Sie lacht so laut und so fröhlich, das das silberne Kleid wie Wellen an ihr wogt und als dann Flida aufsteht und sich neben Suska stellt und  trotz der hohen roten Schuhe einen ganzen Kopf kleiner ist als Suska, da müssen alle Leute in dem Bistro ihre Köpfe zu ihnen drehen und deren augen öffnen sich, weil beide Frauen so schön sind, so kraftvoll und so lebensfroh.

Die Nebelfrau und die Sonnenkönigin.

Und die gehen beide tanzen.

 

 

 

 

 

Flida- first shade of grey

Flida betrachtet sich im Spiegel. Dieser graue Haaransatz ist jetzt soweit rausgewachsen, dass sie, wenn sie die anderen gefärbten roten,pinken und gelben Haare zurückhält,  sieht , wie sie aussehen könnte, wenn sie alles grau werden lässt. Und sie denkt: „Gar nicht mal so schlecht! Vielleicht, liebe Flida, ist es an der Zeit, dazu zustehen ,dass du graue Haare hast!“

Natürlich,im Moment ist es schick,  grau zu sein. Junge Frauen färben sich absichtlich die Haare silbern. Letzte Woche hat sie im Supermarkt einer Frau ihren Einkaufswagen überlassen, die ebenfalls so silbergraue Haare hatte, ein sehr schönes Grau und Flida hat gedacht, ich weiss nicht, ob sie schon so alt ist oder nicht.
Aber Flida fand es sehr hübsch , wie diese Frau aussah.

Und seitdem hat sie hin und her überlegt, ob sie das machen kann. Sie hat dem LAT-Gefährten gesagt, dass sie sich ab jetzt nicht mehr die Haare rot färbt. „Das wird immer dann so orange oder so knallrot,  das sieht unecht aus!“

„Nee nee!“ hat der LAT gesagt, „Frauen mit grauen Haaren sehen aus wie Omas! Ich geh doch nicht mit ner Oma ins Bett!“

„Dann lässt du es eben bleiben!“ hat Flida geschnaubt und angefangen, zu suchmaschinen. Graue Haare, färben, hübsch waren ihre Suchwörter. Es kamen viele Seiten, mit Haar-Entfärbemitteln, mit Tipps, wie man graue Haare rauswachsen lassen kann, wie man schöne graue Haare bekommt, die nicht gelbstichig sind, ganz viel hat Flida  erfahren über graue Haare.

Das Teufelchen sass derweil auf ihrer Schulter und zischte: „Wieder so ne blöde Idee von dir, Flida, sei doch mal froh mit dem was du hast! Wenn deine Haare lang sind, schneidest du sie ab, wenn sie blond sind,machst du sie rot, wenn sie rot sind, kaufst du dir komische Farben und dann sind sie lila, oder blau oder pink! Und dann lässt du deinen Ansatz wachsen und wenn du in den Spiegel guckst, drehst du den Kopf so, das du denkst, och, ein Ansatz ist gar nicht so schlimm, aber wenn du dich zufällig im Schaufenster siehst, erschrickst du, weil da so ein krasser Kontrast ist zu deinen ausgezuzelten rot-orangen Haaren!“

„Ja!“ antwortet Flida,“ und deshalb überlege ich, da ich nun mal graue Haare habe, wie alle in meiner Familie, dann kann ich doch dazu stehen ! Ich bin  54! Ich möchte natürlich aussehen und nicht immer darauf schauen, wann man wieder was sieht und dass ich wieder zum Friseur muss, ich möchte so sein wie ich bin!“

„Na gut!“ seufzt das Teufelchen, “ aber weich müssen sie bleiben, und deine Locken musst du behalten, damit ich mich da so schön reinkuscheln kann! Denn sonst!“ droht das Teufelchen, „werde ich dich verlassen!“

„Wäre manchmal auch nicht schlecht,“ denkt Flida, und am nächsten Morgen ist sie kurz entschlossen in den nächsten besten Friseursalon gegangen.

In einen anderen als sonst, denn ihre Friseurin, der sie vor 8 Wochen gesagt hat, das sie das Grau rauswachsen lassen will, hat geseufzt, und gesagt: „Meinen Sie? Ob das gut ist?“ und hat sich ihre gefärbten rotschwarzen Haare gerauft, so das Flida den weissen Ansatz sehen konnte. Es sah ungepflegt aus. Deshalb wechselt sie. Und betritt den Friseursalon in dem anderen Stadtteil, der so eine einladende Fensterdekoration hat.
„Wenn du Pech hast, machen die dir da drin deine Haare ganz kaputt!“ flüstert das Teufelchen, aber das ist Flida gerade egal, die Friseurin ist nett, sie haben sofort Zeit, sie wird beraten, sie wird bestätigt in ihrem Mut, zum Grau zu stehen, ihre Haare werden entfärbt, es stinkt nicht, sie bekommt Kaffee und die Augenbrauen werden auch noch gezupft, „Graue Haare brauchen ein gepflegtes Gesicht!“ sagt die Friseurin, und dann kommt Tönung drauf und Pflege  und dann ist Flida fertig. „Wow!“ macht die Friseurin, “ Sie sehen total viel jünger aus! Das hätte ich nicht gedacht!“

„Das ist mein Gesicht!“ denkt Flida, als sie ihre neue Farbe im Spiegel betrachtet. „Das bin ja ich!“ Und sie fühlt sich toll, und denkt, „das macht mich echt nicht älter! “
Und ihr fällt das Wort Lebensweisheit ein, und diese Göttinenbilder, die sie so mag, von diesen Weisen Frauen, die am Feuer sitzen, oder an einer Quelle, und sie fühlt sich jetzt ganz richtig an als Flida , weil jetzt nichts falsch ist mehr an ihr, sondern alles echt.

Als sie zur Belohnung in ein Cafe geht, um ein überbackenes Toast zu essen und einen Kaffee zu trinken, fällt ihr eine Frau auf, die mit ihrer Freundin am Nebentisch sitzt und ihre langen grauen Haare schwungvoll nach hinten wirft und dabei so herzlich laut lacht.

„Das kann ich auch bald“, denkt Flida, „meine Mähne so nach hinten werfen, denn jetzt kann sie wachsen, jetzt muss ich da nichts mehr alle vier Wochen nachbessern lassen!“

Dass der LAT-Gefährte am Abend zu Flida sagt: „Meine Güte! Wie siehst du aus? Sag deiner Tochter, sie kann dich jetzt zur Oma machen!“ , das ist Flida egal.

Wichtig ist, wie sie sich fühlt, und sie fühlt sich gerade so richtig perfekt!

Nachwort meinerseits: Es haben meistens Frauen sehr positiv darauf reagiert, das Flida ihre Haare grau gemacht hat. Ich denke, irgendwann ist der Zeitpunkt gekommen,  dass die Zeit nicht halt gemacht hat vor Veränderungen, und das wir dazu stehen können und uns eigentlich nicht mehr künstlich verhübschen müssen. Das betonen was schön ist, aber nichts anders machen als es ist. Da kann ich meine Augenbrauen färben und zupfen lassen, ich kann meine Augen mit Wimperntusche betonen, ich kann mir auch eine SilberTönung in die Haare tun, aber ECHT muss es aussehen. Und leider finde ich, sehen gefärbte Haare in rot oder blond bei grauem Haar unecht aus. Oft…. Oder? Zumindest wenn es nicht der Friseut gemacht hat… Obwohl, meine Chefin, die hat so eine pfiffigen Haarschnitt und die Haare sind rot gefärbt, da passt das….

Hmm….. Was meint ihr?

Kat.

Beitragsbild: Celtic Goddess The Calleach, Dan Goodfellow

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Suska- Alltagswichtigkeiten

Es ist voll in der Umkleide vom Frauenfitnesstudio. „Montag“, seufzt eine Frau, „da kommen alle, weil sie am Wochenende gesündigt haben,das müssen sie dann wieder wett machen mit Sport.“

„Ich nicht,“ denkt Suska, “ ich hab heute einfach Zeit dafür gehabt, zu sporteln!“
Sie  schlüpft aus  ihren Turnschuhen und sucht wie jedes mal nach dem Armbändchen, mit dem sie sich neuerdings anmelden und den Schrank verschliessen oder öffnen kann.  Das Bändchen ist schwarz und sie sucht es andauernd, das ärgert sie, so eine Zeitverschwendung immer, dieses Suchen. Sie mag schwarz überhaupt nicht und sie ist sich sicher, wenn das Armbändchen neongelb wäre, sie würde es immer gleich finden. Am besten es würde auch noch Geräusche machen.

Während sie in ihren Sachen wühlt, hört sie unwillkürlich einem Gespräch zweier Damen hinter der Abdeckung zu:
„Ich kann Mittwoch nicht zur Wirbelsäulengymnastik kommen,da kommt der Techniker!“
„AH! An Techniker hast am Mittwoch! Wega wos?“

„Wegen dem Kühlschrank, der ist 18 Jahre alt, ich kriege einen neuen, den haben die Jungen gekauft!“

„Und da brauchst an Techniker? Kenna des die Junga net mocha, dir den Kühlschrank aufstella?“

„Der steht schon!  Da ist nur was noch zum Richten an der Tür. Der alte war so laut, der hat immer ein Geräusch gemacht, wenn ich in der Küche war! Und mit dem Abtauen, da ist immer Eis dran geblieben!“

„Ja, des geht fei net, wenn der so laut ist!“

Suska muss schauen, wer da so laut redet. Die eine Dame kennt sie von der  Yogastunde, im Moment hat diese einen dicken Lockenwickler im Pony und cremt ausgiebig ihre Beine ein. Die andere Dame, die mit dem neuen Kühlschrank, ist  etwas älter, und Suska sieht sie immer, wenn sie  Mittwochs kommt, da ist Wirbelsäulengymnastik, und danach ist dann immer Kaffekränzchen im Foyer des Studios.

Die ältere Dame sagt jetzt:“ Und ausserdem hab ich soviel Strom nachzahlen müssen, fünfzig Euro! “
„Ja, Herrschaft! „ruft die Lockenwicklerfrau aus,  „wega dem kracherten  Kühlschrank? Weil der sich nicht abtauen lässt? Den würde ich mal gscheit reparieren lassen! Da sollen doch deine Buben mal schauen, ob man den net repariera ko! Des geht doch nett, das der soviel Strom braucha tuet!“

„Ja, im Jahr fünfzig Euro, “ antwortet die Ältere, “ aber deswegen krieg ich ja einen neuen Kühlschrank! “

„Ach, deswegen gibts an neian Kühlschrank? Aber den oiden , den kann man doch repariera!“

„Nein,“ sagt die Ältere vehement, “ der hat ausgedient! Genauso wie ich bald! “ und sie packt ihre Sachen in die Tasche und sagt: „Servus!“ und geht hinaus.

Die Lockenwicklerfrau bleibt verwirrt zurück. „Ich muss amol mei  Mo froga, ob wir aa sovui Strom zahla,“ hört Suska sie murmeln, “ vielleicht muss ich mir dann aa an  neia Kühlschrank zulegn!“

Ui, denkt Suska, wegen sowas….. und findet endlich ihr schwarzes Armband unter ihrem Strassenschuh, und jetzt kann sie  ihren Schrank aufsperren und dann nichts wie weg hier!

Und sie hofft, das der Techniker, wenn der am Mittwoch zu der alten Frau kommt, ein netter ist, der mit ihr Kaffee trinkt und sie zum Lachen bringt, und ihr das Gefühl gibt, das sie noch längst  nicht ausgedient hat!

Loida- Der Sohn

Der BlondeSohn ist wieder da. Der, der die Welt bereist und nie irgendwo zu Hause zu sein scheint. Der, von dem Loida manchmal nur erfährt, wo er sich aufhält, wenn sie die Facewebseite aufmacht und sieht, was er gepostet hat. Oder an welchen Veranstaltungen er teilnehmen wird. Dann freut sie sich zwar, aber manchmal denkt sie, wenn er ihr kurze Nachrichten bloss schreiben würde, das wäre schön.
Aber letzte Woche  hat er sie angerufen und gesagt, das er jetzt ein bisschen in der Heimat bliebe, er habe eine WG gefunden, lauter Musiker, und er würde sie, Loida, gerne in vier Wochen auf ein Konzert mitnehmen. Allerdings wäre das Konzert in B., dieser Metropole 78 km von Loidas beschaulichem Städtchen A entfernt, und er würde dann von C, wo er wohnt, zu ihr nach A kommen und dann könnten sie gemeinsam von A nach B fahren…
Klar, sagt Loida, wir könnten unterwegs was essen gehen, wenn du magst….Ich freu mich.

Als sie ihn am Bahnhof am Konzerttag abholt, regnet es. Es ist grau und dunkel, und viel Verkehr und Loida erkennt die Strassenschilder nicht, sie sieht verflixt schlecht heute.
Es gibt auch kein Restaurant auf dem Weg , und an der Autobahn essen wollen sie nicht. So fahren sie hin und kehren ein Stück wieder um und fahren zurück, weil Loida die Ausfahrten verpasst und die Schilder nicht liest und weil sie so viel reden miteinander im Auto wie ewig nicht mehr. Über das Leben an sich, über Menschen, über Träume und die Liebe.
Sie brauchen doppelt so lang wie die Fahrt normalerweise dauert, aber das macht nichts, sagt der BlondeSohn, wir haben so viel Zeit, und zur Not ess ich dann mein Knäckebrot.
Und als sie in dem Industriegebiet ankommen, in dem das Konzert stattfinden soll, haben sie tatsächlich noch alle Zeit der Welt.

„Wir suchen jetzt ein Restaurant!“ sagt Loida, und stapft los, durch den Regen und die Dunkelheit der beginnenden Nacht.
Ein unbeleuchtetes Schild einer Brauerei, darunter : „Sportlerheim, Gaststätte, warme Küche….“
„Da gibt es bestimmt Pommes für dich!“ sagt Loida.

Das Sportlerheim hat geschlossen. Montag Ruhetag, klar,  wie denn auch nicht! denkt Loida.Obwohl die beleuchteten Weihnachtsbäume im Wind schwanken und sie dachte, es wäre geöffnet.
Sie gehen weiter. Baustellen, Kräne, der Wind pfeift, eine unwirtliche Gegend. In der Ferne am Ende der Strasse ein Schild: „Zum Maibaum-Pub. Wirtschaft“.
„Dahin gehen wir!“ sagt der Sohn.
Durchs  Fenster der Wirtschaft sehen sie in eine Küche, zwei Frauen in weissen Kitteln schwenken Töpfe, aber wo ist der Eingang? Es ist dunkel, der Wind bläst ordentlich, sie gehen ums Haus herum. Ein beleuchteter Biergarten, grelle Lichter, ein Schild über einer Tür: „Do gehts nei!“
Sie treten ein. Innen ist es hell, voller Menschen mit lachenden Stimmen, Geschirr klappert, die Wände sind mit Plastiktannenzweigen geschmückt, rote Kugeln, silberne Sterne, goldene Rehe stehen auf den Tischen…Loida ist keine Freundin vom Kitsch, aber jetzt gilt es, dem Sohn etwas zu essen zu besorgen.
Die Kellnerin begrüsst sie freundlich und der Sohn  fragt, ob sie was mitnehmen können?
Klar,aber wollen sie nicht hier essen? Es gehe ratzi-fatzi , sagt die Kellnerin, und lacht.
Aber gut,sie sagt Bescheid, dass es schnell gehen soll in der Küche.
Sie setzen sich hin, an einen Tisch, an dem ein Mädchen sitzt und eine Suppe löffelt und ein Mann,der lange dünne Haare hat, vor seinem Weissbier sitzt und lebhafte Selbstgespräche führt. Der ist Loida suspekt, der ist sicher nicht viel älter als sie, aber er sieht komisch aus.
„Stammtisch des Gartenvereins Zum  lustigen Kohlrabi“, liest der Sohn auf dem Aufsteller am Tisch, hoffentlich kommen die jetzt nicht und wollen Bier trinken.
Es gibt kroatische Spezialitäten und sie beobachten, wie durch die Durchreiche Platten voller Fleisch und Pommes geschoben werden und wie das Mädchen, welches die Suppe isst, aufspringt und die Platten zu den Tischen trägt.
Loida nimmt ihre Brille ab. Jetzt weiss sie, warum sie so schlecht gesehen hat auf der Autofahrt. Ihre Brille ist total verschmiert. Sie nimmt den Zipfel ihres Pullovers und reibt und haucht auf die Gläser und wischt, aber es verschmiert nur noch mehr.
Da fliegt ein eingepacktes Brillenputztuch vor ihre Nase.
„Damit gehts besser,“ brummt der Mann mit den dünnen Haaren. Loida muss lächeln und der Mann kommt ihr gar nicht mehr so suspekt vor. Und sie sieht tatsächlich besser jetzt durch ihre Brille. Und findet sogar die Plastiktannenzweige gar nicht mehr so hässlich.
Als dann das Essen kommt, und sie mit dem Aluteller in einer Tüte losgehen wollen und dann bemerken, dass sie gar kein Besteck haben und die Kellnerin ihnen  eine Gabel schenkt und sie durch den Wind laufen und feststellen, dass es ein Blödsinn war, nicht in der Wirtschaft zu essen, sondern sich einen Platz suchen zu müssen, wo der Wind nicht so weht und als sie den Platz dann finden, nämlich eine Bank vor dem Sportlerheim, neben den wackelnden Weihnachtsbäumen, und der Sohn sich freut über die Menge an Spätzle und Salat, da fühlt sich Loida froh.
Und sie denkt etwas und weiss wieder nicht , wo er herkommt, dieser Gedanke, denn sie denkt, während sie ihren grossen lachenden warmherzigen Sohn anschaut:
„Es ist nicht wichtig, wieviel Stunden oder Minuten an Zeit ich mit jemandem verbringe. Wichtig ist, wie ich diese Zeit wahrnehme. Wichtig ist, welche Qualität sie hat, diese Zeit.“

Die Gabel haben sie übrigens auf dem Tisch des Sportlerheims abgelegt. „So als Gabelrecyclingkreislauf“ , hat der Sohn gesagt.
Und Loida hat sehr froh gelacht.

Suska-Meditatives Tanzen

Das mit dem gemeinsamen Tanzen lässt Suska nicht los. Früher, als Sohn Bero noch klein war, hat sie in einer Müttergruppe in der Pfarrei Kreistänze gemacht, Meditative Tänze mit anderen Frauen. Das hat Suska so schön gefunden, dieses gemeinsam die selben Schritte tun, langsam, bedächtig. Irgendwann hat das aufgehört, vielleicht war es nicht mehr zeitgemäss, gemeinsam um eine schön gestaltete Mitte zu tanzen.

Jetzt hat sie im Pfarrbrief einen kleinen Aufruf gefunden: Meditativ Tanzen- wir machen weiter.Jeden vierten Dienstag im Monat hier im Pfarrheim. Saal Raphael. Beginn 19.00.

Heute ist der vierte Dienstag im November und Suska beschliesst hinzugehen.
Im Pfarrheim ist es dunkel, aus einem Raum dringt Licht. Die Tür ist offen, Frauenlachen dringt heraus. Zaghaft betritt Suska den Raum. Sieben Köpfe drehen sich nach ihr um. Hallo, willkommen, tanzt du mit uns mit? Suska nickt.
Eine Frau kommt auf sie zu. „Hier kannst du deine Schuhe aussziehen, schau, hier in der Kiste sind dicke Socken, die kannst du anziehen. “ Dicke selbstgestrickte Socken, wahrscheinlich vom letzten Kirchenbasar übrig gebleiben, denkt Suska.
„Ich bin Gerda, wir tanzen in dieser Gruppe seit 25 Jahren, es ist jeder neue willkommen. Es ist nicht schwer, hast du das schon mal gemacht?“
„Ja, “ sagt Suska, “ ich hab sogar selber Tänze geleitet.“
„Dann wirst du schnell zurecht kommen, aber ich zeig dir alles. Wie heisst du?“
Suska nennt ihren Namen und Gerda sagt zu den anderen Frauen: “ Das ist Suska, herzlich willkommen. Wir tanzen heute Herbsttänze, wir wollen Blätter sein, die im Wind tanzen, wir wollen an die Erde denken, die jetzt zur Ruhe kommt, wir wollen mit unserem Tanzen das Licht spüren, das bei diesem Wetter leider nicht immer zu sehen ist.“ Sie lächelt.

Die Frauen stellen sich auf, im Kreis. Um eine schöne Mitte, das sieht Suska erfreut. Eine Mitte mit einer brennenden Kerze auf einem herbstfarbenen Seidentuch, mit Blättern und Kastanien.
Die Musik beginnt. Sie tanzen. Vier Schritte nach rechts, vier in die Mitte, die Arme heben, vier Schritte rückwärts, die Arme senken, sich verneigen, weiter vier Schritte nach rechts,… Suska betrachtet die Frauen, die meisten waren wohl so alt wie Suska jetzt, als sie mit dieser Tanzgruppe begonnen haben, vor 25 Jahren,…
Der erste Tanz ist vorbei.
„Ilse, wenn du eine Pause brauchst, dann hörst du fei auf, gell, ich hab heute keine Lust dich zu reanimieren!“ hört Suska die Leiterin sagen. Alle lachen, und Ilse am lautesten. „Ich schnaufe vielleicht wie ne Lokomotive, aber Dampf macht voran!Ich bin die älteste hier, und Gerda hat immer Angst, das sie mir zuviel zumutet!“ sagt sie, an Suska gewandt. „Aber keine Sorge, ich bin fit!“
Das nächste Lied, wie schön, das kennt Suska, und die Schritte sind einfach.
Sie wiegt sich mit im Kreis und singt im Leisen den Text mit. „Mother earth , come carry me, your child i will always be…“
Sie hört die anderen Frauen singen. Sie blickt auf, sie singen tatsächlich. „The river ist flowing, flowing and growing…“
Und da singt Suska auch mit. „Sister moon, watch over me, your child i will always be…..“

Als sie nach 2 Stunden heimfährt, singt sie dieses Lied immer noch, und als die anderen Frauen Suska zum Abschied gefragt haben, ob sie wieder kommen wird, hat sie aus tiefstem Herzen ja sagen können.

Und eine schön gestaltete  Mitte, das macht sie zu Hause für sich jetzt auch.

 

 

 

 

Suska – Zumba und die Eleganz der Bewegung

Letzte Woche, als Suska Spätdienst hatte, war sie Vormittags in ihrem Damenfitnessstudio und kam zufällig genau rechtzeitig zur Zumbastunde bei Monika.Monika ist 50 , seit ewigen Zeiten Fitnesstrainerin, und weil Vormittag war, waren die Teilnehmerfrauen auch in einem bestimmten Alter.
Entweder Hausfrauen, die , bereits älter, genug Energie haben (dazu zählt für Suska Elan UND genug Geld!) für den jugendlichen Körper zu kämpfen, oder auch Schichtarbeiterinnen wie Suska und Rentnerinnen, die sich nicht mehr viel darum kümmern wollen, wie sie aussehen, die das einfach tun, weil es Spass macht.
Und diese Zumbastunde, die für Suska die erste war, hat ihr richtig gut getan.
Monika hat alle mit einbezogen, hat gelacht, und die Bewegungen waren einfach und das man sogar zu Tina Turners „Rollin on the river“ Zumba tanzen kann, fand Suska toll.

Heute nachmittag hat Suska wieder Zeit und es gibt Zumba:Tanz mit Janina.
Figurbedacht wie Suska ist, denn sie will die Hoffnung auf einen straffen Körper ja nicht aufgeben, hat sie erst Crosstraining gemacht, dann ein paar Geräte und nun fängt die Zumbastunde an.
Es ist 18.00.
Der Grossteil der Frauen, die mitmachen, kommt gerade von der Arbeit. Der Grossteil dieser Frauen ist ziemlich jung. Sie tragen bunte Sporthosen, enganliegende T-Shirts, und ihre Haare haben sie zu wippenden Pferdeschwänzen zusammen gebunden. Suska hat auch einen Pferdeschwanz, einen ziemlich energielosen allerdings.
Sie trägt keine engen Sporthosen mit grellgrün und leuchtendgelben Hemdchen, sie hat eine ausgeleierte graue Jogginghose an. Und , nun ja, ein pinkleuchtendes Tshirt,immerhin. Aber das schlappert.
Die Trainerin ist Mitte 20, maximal. Janina.
Die Musik geht los. Es wummert. Es lässt Suska rhythmisch mitzucken. Spanisch oder italienisch, mi amore! singt es aus den Boxen.
Suska sieht, wie die Frauen mit den Hüften schwingen, die Knie zappeln lassen, die Schultern zum Beben bringen. Als Suska das auch versucht, beben ihr nicht nur die Schultern. Sie fürchtet, sie fällt gleich vorne über.
Die Frauen springen, nach rechts- zwei drei- Knie angewinkelt, Hüftschwung, schalalala, hooop hooop! kreischt die Trainerin.
Yeahyeah! brüllen die Frauen zurück, und machen einen sehr eleganten Schwung nach links. Suska allerdings nach rechts, und dann spürt sie einen schwitzigen Arm an ihrer Schulter. Sorry, murmelt sie, und hüpft auch nach links, aber da waren die anderen alle schon wieder nach rechts gehüftschwungt, und diesmal wird Suska an der linken Seite angerempelt.
Sie geht einen Schritt nach hinten. Jetzt sieht sie die Trainerin gar nicht mehr, sie steht in der letzten Reihe und vor ihr bewegen sich alle synchron. Sieht schön aus, denkt Suska, und wischt sich mit dem Handtuch über das Gesicht. Woopwooop! kreischen alle und wirbeln um sich selbst herum. Baila morena!!! Woopwoop!

Suska muss lachen, irgendwie eine Schnapsidee, heute hier die Zeit zu verbringen. Sie tanzt  lieber zu Hause, sie hat doch  ein paar Lieblingsstücke, zu denen sie springen und den Kopf schütteln, und laut mitsingen kann, wenn die Nachbarn nicht da sind. Da guckt keiner, wie sie aussieht dabei, vor allem nicht sie selber, denn zu Hause hat sie nicht so einen grossen Spiegel, der ihr gnadenlos jede plumpe Bewegung vorführt, die sie macht.Zu Hause kann sie frei tanzen, barfuss, die Haare schütteln, und wahrscheinlich hat sie dann so viel Energie getankt, dass der Pferdeschwanz auch bei ihr lustig wippt.
Ach was, Pferdeschwanz- sie wird die grauen langen Haare frei schwingen lassen! Die werden um sie herum fliegen,wenn sie tanzt! Aber sowas von schwungvoll!
Woopwoop!

Flida- Heimwerkern

Heute abend hat der LAT-Gefährte (Living apart together-Gefährte) Flida zum Essen eingeladen. Flida freut sich, sie hat viel zu erzählen. Allerdings- ihr Erlebnis an Allerseelen wird sie schön für sich behalten, sowas mag er nicht, wenn sie so einen Hokus Pokus macht.
Aber sie hat anderes zu erzählen, sie war nämlich fleissig diese Woche, sie hat ihr Wohnzimmer umgeräumt und umgebaut.
Und so sitzen sie also gemütlich beim Griechen, “ ein absoluter Geheimtipp!“ hat der LAT-Gefährte verkündet, aber wenn Flida sich so umschaut, ein Geheimtipp ist das nicht,findet sie, es ist rappelvoll.
Vor ihnen türmen sich köstliche Kleinigkeiten, Pita mit Knoblauch, gegrillter Schafskäse, Oliven, Auberginen mit Käse gefüllt,… Flida weiss gar nicht wo sie  zuerst hinlangen soll.
„Nun erzähl mal, Flidalein, wie ist es dir gegangen in dieser Woche?“ fragt der LAT, und beisst in sein Fladenbrot.
„Ich hab mir eine Bohrmaschine gekauft, „sagt Flida , “ in einem Baufachmarkt!“
„Was willst du denn für Löcher bohren?“ fragt der LAT überrascht.
„Ach, nicht bohren!“ sagt Flida, „schrauben. Ich hab mir so eine Schraubendingsmaschine gekauft.“
„Du meinst einen Akkuschrauber, “ berichtigt der LAT.
„Genau, “ sagt Flida, und nimmt einen Schluck vom köstlichen griechischen Weisswein.
„Ich bin zu dem Oberbaumarktfuzzi gegangen, in so einer blauen Latzhose hat der  gesteckt und hab gesagt, ich will eine Schraubmaschine. Der wollte mir eine für 24,99 andrehen, hab ich gesagt, nix da, ich will eine richtige. Ach, Schätzchen, hat der gesagt, für Ihre Zwecke reicht doch die hier.Sie wissen nicht,was ich schrauben will, hab ich gesagt und ihm was erzählt von Leerlaufdrehzahl und regelbarem Drehmoment und Akkuleistung und das ich kein Zahnkranzbohrfutter will sondern ein Schnellspannbohrfutter und da hat der dann aber ganz anders mit mir gesprochen. “
Die Oliven schmecken köstlich und Flida feixt. „Ich hab jetzt ne Superschraubmaschine, ich hab sogar Rabatt gekriegt, scheinbar war er ziemlich beeindruckt!“
„Und was willst du schrauben?“ fragt der LAT.
„Regale,“ sagt Flida. „ich hab Regale gebaut. Bzw. zusammengebaut.Und mein Wohnzimmer umgeräumt. Und dann, stell dir vor! War der Hammer kaputt. Stiel und Kopf lagen einzeln im Werkzeugkasten. Hab ich den Hammer genommen, den Stiel draufgesteckt und hab von der Seite mit nem Gummihammer auf das Stielende draufgekloppt. Dann ist der Stiel in das Kopfloch gerutscht. Ich hab dann noch einen Nagel reingehauen, damit sich das Holz spreizt, und der Kopf da nicht mehr rauskommt. Weisst du, wie ich meine?“
Der LAT hat aufgehört zu essen. „Woher weisst du das alles?“
„Geheimnis!“ sagt Flida, „die Regale stehen, und Bilder hängen, ich hab mir dafür sogar die tollen Nägel gekauft, mit den goldenen Köpfen, die verbiegen sich nicht, wenn ich sie wieder aus der Wand hole, du weisst wie gerne ich umdekoriere! Das sind Nägel, die kannst du nach nem Erdbeben-Abriss noch bei Ebay versteigern, sozusagen RecommerceNägel!“
Flida freut sich, weil der LAT so überrascht guckt.
Dass das Teufelchen auf ihrer Schulter nicht still sein kann und sagt: „Die Bilder hängen nur gerade , weil du sie DIREKT an die Mauerkante genagelt hast! Das erzählst du ihm nicht, was, Flida?“ Aber dieses Gewisper ist Flida gerade richtig schön egal, sie sagt, als auch noch der LAT anfängt zu fragen, ob sie denn richtig gehämmert, habe, so mit Schwung von unten nach oben leicht schräg im Winkel von ca 35 Grad, sie würde sich beim Hämmern doch immer dauernd auf die Finger klopfen, was nicht stimmt!  Da sagt Flida ganz laut: „FÜR MICH PASST DAS! “ und beisst mit Genuss in ihre Moussaka.