Loida -die Mutter erzählt

Als Loida und die Mutter das Abendessen mit Wurst und Gürkchen und Butterbroten  in friedlicher Eintracht verspeist haben, wagt Loida eine Bitte zu äussern.
„Mutter,“ sagt sie, „ich werde ein paar Tage hierbleiben. Ich möchte die Zeit nutzen, das du mir erzählst wo ich herkomme und wie du aufgewachsen bist. “
„Hab ich das noch nie erzählt?“ fragt die Mutter. „Nein, “ sagt Loida, “ du hast immer nur Kleinigkeiten erzählt, ich möchte jetzt wissen, was früher war, da mit ich verstehe, warum manches so war, wie es war.“
„Ach, Loida,“ seufzt die Mutter, „das ist doch schon so lange her!“
„Eben“, sagt Loida, “ und deshalb möchte ich deine Geschichte hören! Damit wir sie nicht vergessen!“
„Nu, “ sagt die Mutter, “ dann hol mir mal`n Bier, wenn das unbedingt sein muss, dann versuch ich mal. Aber alles vertell ik di nu nich!“

Loida ist ein bisschen überrascht, das die Mutter so leicht dazu zu bringen ist,  zu sprechen. Sie holt ein Bier, schenkt ein, es gluckert und gurgelt im Glas, auch ein Geräusch, das sie an die Kindheit erinnert, wenn der Vater sich abends zur Ruhe setzte, dann ploppte der Kronkorken und es zischte im Glas, und irgendwie fühlte sich Loida geborgen.

Loidas Mutter erzählt: Meine Mutter E. wurde in Kogel geboren, auf der anderen Seite vom Plauer See, in Mecklenburg. Mein Vater R. wurde in Plau geboren.
Der hatte schon mal ne Familie gehabt.
Seine erste Frau hiess B….. Sie ist an der Grippe gestorben , die nach dem ersten Weltkrieg so ganz scharf gewütet hat in Deutschland und überall.
Und ein Jahr später ist der Sohn gestorben.Die Grabstätte war noch immer in Pxxx.
Opa ist da immer hingegangen.Der hiess ja auch S…..mit Nachnamen, und da lag so ein kleiner Stein,und da stand H…S….drauf.
Ja, H..,…wenn der damals nicht gesstorben wäre an er Grippe, der kleine, dann hätten wir 2 H… gehabt , mein ältester Bruder, den meine Mutter in die Ehe gebracht hat,heisst ja auch H…. Komisch….
Opa war Maurer, ja…aber ein guter (Stolz in der Stimme) Das kann ja nur sein, wenn man S….mit Nachnamen heisst, das man ein Guter ist.
Nee, ist schon so. Die haben ihn auch alle immer zum Arbeiten geholt, weil er so fleissig war.Ja, und dann 45, wurde er auch von den Russen geholt . Die haben ihn vernommen, denn er soll er was eingemauert haben.Dokumente.
Und einmal war er in Rostock zum Arbeiten, da musste er  mit so einem alten Mann Steine verlegen oder was, und die Nazis haben den Alten geprügelt, weil er so langsam war , und da hat mein Vater sich hingestellt, und gesagt, die sollen das lassen, und da haben die gebrüllt, er soll die Fresse halten, sonst kriegt er auch welche aufs Maul. Sonst schiessen die ihn tot.Als der wieder nach Hause kam, war er fertig. Weil er nichts machen konnte für den alten Mann.
Opa musste nicht in den Krieg, weil er zu alt war.Er hat ja den ersten Weltkrieg mitgemacht, aber dafür war er im Volkssturm(1945,) er war Volkssturm Erster, und da hat er und Arndt Püchsener, der hatte schon einen Arm verloren, im Krieg, mit dem ist er an der Eldebrücke gewesen.Die sollte gesprengt werden.Die Soldaten hatten da Sprengstoff gelegt, kurz vor Schluss, vor dem 3.Mai. Das hat Opa durch geschnitten, damit die Brücke nicht gesprengt wird. Leider steht da nicht sein Name , an der Brücke,aber da steht: Plauer Bürger haben das gemacht. Ja. Irgendwie war Opa doch ein Held. War er, ja…. Ja,und in der Gewerkschaft war er.Er hatte eine Urkunde, 25 Jahre Gewerkschaft, im Zimmer hing die, nachher war sie weg. Und da stand drauf:
Einer für alle, Alle für einen.
So ist der Spruch gewesen.Während der Nazi-Zeit konnte er in der Gewerkschaft bleiben, das hat keinen gekümmert.Das musste er nicht verstecken,
Obwohl Plau voll war von Nationalsozialisten. Aber die haben sich zurück gehalten .Die waren auch irgendwie stur, so eingebildet, wenn da so Weihnachtsfeiern waren, dann wurden die beschenkt, vom Frauenverein, wie hiess das- deutscher Frauenbund,…das hat mich geärgert. Dass die auch noch Geschenke kriegen.Ich war als Jungmädchen aktiv, natürlich war ich dabei, das ging gar nicht anders.Aber ich war ja auch erst 10 Jahre alt.Wir haben Sport gemacht, das hat sehr viel Spass gemacht.Wir haben gestrickt, Pulswärmer für die Soldaten,und Schals,in Pakete gepackt, an Weihnachten, abgeschickt an die Front, also sowas haben wir auch alles gemacht. Also,das glaub ich jedenfalls, das das für meine Eltern kein Problem war,das wir da so aktiv dabei waren.Wir waren ja alle aktiv,Meine Brüder, ich…, meine Schwestern. Wir  waren ja zu neunt. Die Jungens haben Musik gemacht. Die haben die Nachbarn verrückt gemacht , mit ihrem Trompetenspiel,…Wir waren ja alle klein, guck mal , ich war 14 fünfundvierzig, als die Russen kamen.Wir hatten alle  solche Angst, das die uns was tun. Man hörte ja so Geschichten. Da hat mein Vater sich was überlegt.
Eingemauert hat er uns.Wenn du so willst. Am Ende vom Hof, vom Garten war ja so eine kleine Mauer und dahinter floss die Elde.Er hat hinter dem Garten zwischen dem Schwienstall an der Stadtmauer einen Verschlag gemacht, alles zugestellt mit Holz,und da war Stroh drin, in dem Raum.Und dann hat er ein Loch geschlagen in die Mauer,das wir da durch konnten, und da wurde so ein Schrank vorgeschoben.Und die kleinsten Jungs waren mit einer alten Frau im Haus im Wohnzimmer, und die Russen haben immer gefragt: Wo Frau, Wo Frau? Die konnten sich das nicht erklären, dass wir nicht mehr da waren, und wo wir waren.Wir waren , glaub ich, über 20 Frauen drin.Die suchten alle Schutz bei meinem Vater.Wenn die Russen dahinter gekommen wären, ich glaub , die hätten meinen Vater auch erschossen.Wir haben das gemerkt, das die Russen da waren, wir waren so still, du hättest da wirklich die berühmte Nadel im Stroh fallen hören.So leise ist das gewesen. Und meine kleinen Brüder , die waren draussen.Mit dieser alten Frau.Der haben die Russen wohl nix getan. Die war wohl selbst für die Russen zu alt. Die sei schon faul und gammelig, haben die Russen gesagt.Furchtbar.Und nach ner Weile haben wir dann gemerkt, wie die Russen auf dem Hof waren und mit der Taschenlampe durch das Holz, weisst du, wenn da so Ritzen sind, wie die da durch geleuchtet haben.Und da kam dann der Schein da rein, aber die konnten das (uns)nicht sehen.Die sind denn wieder abgehauen.Aber weisst du, ich hab in meinem ganzen Leben noch nicht so gezittert und auch nie wieder solche Angst gehabt.Und denn war das ja Sommer, und es war so warm und die Schafe die blökten, und die Kühe haben Lärm gemacht und mussten gemolken werden, und die Schweine, und dieses Geblöke und so, das hör ich immer noch, das war schlimm.Ja, das war keine schöne Zeit, aber irgendwie haben wir die dann doch noch als schön empfunden.Aber wir haben ja trotz allem ne schöne Jugend gehabt, wir hatten ja einen grossen Hof, und das gute war ja, das wir ein eigenes Haus hatten.Wir haben da Höhlen gebaut, und wenn Gewitter war, dann hatten wir so eine Leiter hingelegt, Säcke rauf und da sind wir dann unter gekrochen.Wir waren immer zu dritt, oder nee, zu viert…nein, also ich war vielleicht immer manchmal bisschen böse mit den Gören, aber wenn man da erzieht , dann muss man manchmal bisschen streng sein.Aber das, denk ich, haben sie mir auch nicht so übel genommen.Die sind ja immer noch zu mir gekommen.“

„So, Loida, nu is Schluss!“ die Mutter wirkt erschöpft, es wühlt auch sie ziemlich auf, nicht nur Loida, die das alles gar nicht wusste. „Vielleicht reden wir morgen weiter! Hilfst du mir zum Bett?“
Und Loida hilft dieser zerbrechlichen Frau, die ihre Mutter ist, die Treppen hinauf und hilft ihr ins Bett und denkt, das sie, wenn sie das alles früher gewust hätte, was die Mutter durchgemacht hat, dass sie , Loida,  vielleicht alles anders verstanden hätte. Früher.
Aber es ist wie es ist.
So ist das.

Nachtrag zu „Mein Gewissen schmerzt noch immer….“

Also, ich schaffe es nicht. Ich schaffe es nicht, diesem Blog das von mir erwählte Konzept: Frauengeschichten – ich lasse meine vier Damen zu Wort kommen und sonst nichts, einzuhalten- ich hab selber manchmal viel zu erzählen.
Und das kann ich dann nicht in diese Geschichten verpacken, das passt dann nicht.
Also gibt es jetzt auch die Rubrik: Katrin schreibt und das passt dann auch wieder ins Konzept.

Ich habe eben einen Beitrag rebloggt, und da möchte ich gerne was dazufügen:

Ich habe überlegt, warum es so oft die Männer sind, die Anerkennung bekommen, weil sie jemanden retten oder weil sie Gutes tun.

Juck Plotz antwortete darauf:

Danke für´s Lesen.
Dass wir mehr über Männer als Frauen wissen, ist, denke ich, auch der Tatsache geschuldet, dass Frauen in dieser Zeit eben noch nicht den Status hatten, wie die Männer. Dass Frauen während des Krieges und auch danach sehr viel geleistet haben, steht ausser Frage. Du hast absolut Recht, es ist beschämend, dass wir so wenig darüber wissen. Ich kann mir nur ansatzweise vorstellen, wie schwer es für solche engagierten Menschen war, gegen die Masse zu agieren. Und noch mehr beschämend finde ich, wie wenig wir uns heute trauen, alleine nur den Mund aufzumachen
Grüße
Jörg

Mir fiel dazu ein Erlebnis ein, das ich während der Zeit meines Pflegedienstes in M. hatte. Ich betreute eine mittlerweile sehr alte Dame mit Demenz. Im Pflegedienst gehe ich zu den Leuten in ihre Wohnung, und einmal ging sie mit mir auch aus ihrem Schlafzimmer in ihre Wohn- und Esszimmer.
Es lagen auf den Bänken und Stühlen viele Zeitungsartikel und Auszeichnungen, für ihre geleisteten Dienste in der NS-Zeit. Ich wusste nicht viel damit anzufangen, denn es wurde aus den Artikeln nicht klar, WAS sie getan hatte.
Ich fragte sie: „Was haben Sie gemacht, dass Sie so geehrt werden?“
Sie sah mich mit grossen Augen an.
„Ich war im Widerstand!“ sagte sie, mit einer ganz besonderen Stimme.
Nach und nach kam raus, dass sie mit ihrem Mann Bilder aus dem Land geschafft hatte von verbotenen und verfolgten Künstlern, und als ihr Mann dann fliehen musste oder eingezogen wurde, ich weiss nichts genaues mehr, jedenfalls, war sie dann alleine und sie hat weiter Bilder und Zeichnungen ausser Landes geschafft.
Ich glaub, nach Skandinavien.
Ich war beeindruckt, vor allem weil sie so bescheiden war, während sie das erzählte.

Und dann weiss ich noch eine andere Geschichte,die ganz stark von der Schuld geprägt ist, NICHTS getan haben können.
Ebenfalls eine alte demente Patientin, diesmal in A. , die ich auf ihre gezeichneten Bilder in der Wohnung ansprach.
Sie sagte:
„Das war die Strasse mit der Synagoge. “
Und ihre Stimme wandelte sich, sie sprach wie eine 14 jährige und erzählte von ihrer Freundin, die Jüdin war und immer in diese Synagoge ging, und eines Abends war Lärm auf der Strasse und als sie, die „Patientin“ rausging, sah sie, wie ihre Freundin und deren Familie auf eine Transportwagen gestossen wurden, während der Vater der „Patientin“, der Gauleiter war, ihnen befahl , darauf zu steigen. „Und ich konnte nichts tun!“ hat sie geweint.
Sie hat sehr geweint, und ich hab mich gefragt, ob es nötig war, ihr diese Fragen zustellen und   alte tiefe Wunden aufzureissen.
Und deshalb erzähle ich diese Geschichten, es gab Menschen, die konnten was dagegen tun, und andere waren hilflos.
Danke, juckPlotz, für deinen Beitrag über Irena Sendler.