Suska: Pflegen und rebellieren, geht das?

„Warum bist du Krankenschwester geworden?“ fragt eine junge Kollegin Suska während der kurzen Pause. Heute ist ein ganz besonders heftiger Frühdienst, Suska betreut 18 Patienten mit einer noch nicht mal 18 jährigen, die ein freiwilliges soziales Jahr macht. Sie muss diesem jungen Mädchen Aufgaben übertragen, von denen sie nicht weiss, ob sie das überhaupt kann.Und weil Suska gewissenhaft ist, und Verantwortung übernimmt, kontrolliert sie immer wieder, ob alles geklappt hat, klar, denn eigentlich sollte eine FSJlerin ZUSÄTZLICH eingeteilt sein, und nicht die Arbeit tun, die eine ausgebildetete Kraft sonst tut. Das sind so Gedanken, die Suska denkt, während sie an ihrer Möhre knabbert. Eigentlich hat sie viel mehr Lust auf ein Salamibrötchen….
Die Frage ihrer Kollegin schreckt sie aus ihren Gedanken hoch.
„Ja, warum,…. mein Satz in der Bewerbung damals war: Ich möchte Krankenschwester werden, weil ich gerne anderen Menschen helfen möchte. Das hab ich dann im Bewerbungsgespräch dann denen auch hingepiepst und gehofft, sie nehmen mich.“
„Haben sie ja auch, Gott sei dank!“, lächelt die junge Kollegin. “ Und es ist toll, dass du noch dabei bist. Aus meinem Kurs, den ich vor 4 Jahren abgeschlossen habe, ist die Hälfte nicht mehr dabei! Viele von denen studieren, Medizin, die haben nur abgewartet, bis sie einen Studienplatz gekriegt haben, und einige machen was total anderes, weil es denen zu viel Belastung ist.“
„Versteh ich“,antwortet Suska, „aus meinem Kurs arbeiten auch nur noch ein paar  aktiv in der Pflege, einer hat nen Betriebsratsposten gekriegt, eine andere ist Pferdewirtin geworden, die nächste vertickt Putzlappen, und manch eine hat vermögend geheiratet. Ich nicht,“ Suska grinst, “ da wäre ich ja zu abhänging vom guten Willen des mir Angetrauten, weisst du, ich arbeite gerne! Und wenn ich dann lese, dass eine grosse Tageszeitung schreibt: Pflegerinnen sind zu nett für die Rebellion,dann kommt mir die Galle hoch!“
Es läutet. Herr S., Zimmer 18 , schon wieder.“Wasser!“ quäkt es durch die Sprechanlage. „Iiich brauch driiiingend Wasser!“
„Ich könnte jetzt rebellisch sitzen bleiben und ihn verdursten lassen, aber dem zeig ich jetzt , wie nett ich bin,“ sagt die Kollegin, „ich komm gleich, kleinen Moment! “
Suska bleibt noch sitzen und denkt, warum dieser Satz in der Zeitung sie so aufregt. Nett sein ist ein dämliches Wort, als erstes. Zweitens, Pflegerinnen : auch keine schöne Berufsbezeichung. Jeder Fabrikarbeiter nennt sich Fachkraft. Warum schreiben die nicht Pflegefachkraft? Oder Altenpflegefachkraft?
Rebellion, klar, sie erlebt das selber, das andere Kollegen sagen: Ach, Betriebsrat, ach Gewerkschaft, die bringen doch nur Unruhe rein, die wollen doch nur mein Geld …Und sie hat selber nicht unbedingt positive Erfahrungen gemacht mit dem Betriebsrat, als es um ihre Fortbildung ging. Unterstützung hat sie nicht bekommen, das fand sie schade.

Aber wie soll die Pflege denn rebellieren? Der Schichtdienst macht zu müde,um auf Rebellionsveranstaltungen zu gehen,  und streiken ist auf vielen Stationen nicht möglich. Ein Kind kann zwar nach Zeitplan geboren werden, trotzdem muss der Kreisssaal besetzt sein, es kommen auch spontan Geburten.
Es gibt Patienten, die Schmerzen haben, die ihre Therpapien brauchen, oder soll sie die Chemo, die für den Menschen lebensrettend scheint, verschieben? „Sorry, wir verschieben ihre Therapie, auf ein paar Wochen weniger Leben kommt es bei Ihnen ja nicht an, wir müssen jetzt rebellieren!“ ?
Geht doch nicht.
Und ein Mensch der stirbt, der braucht dann in dem Moment Beistand , da kann die Rebellierende Krankenschwester nicht sagen:
„Leider keine Zeit, sterben Sie bitte später!“
Was für eine Vorstellung.
Suska hat keine Lösung. Seit 30 Jahren gibt es den Pflegenotstand, seit 30 Jahren geht sie immer wieder auf die Strasse, schwenkt rote Fahnen, trägt T-Shirts mit der Aufschrift: Pflege helfen jetzt! und  sieht darin aus wie ne Nicht-vegane-Moppstonne, aber sie läuft mit, sie ruft laut Parolen , sie trägt Aufkleber: „Wir streiken in Solidarität arbeitend mit“, aber es hat noch nichts genutzt. Es wird gespart, und geredet, und dann schreiben die Zeitungen was von netten Pflegerinnen…..oh- wie wäre es, wenn die alle mal nicht nett wären? Wenn Reporters Mutter nicht geduscht wird und die Hose nicht gewechselt wird, schreibt er dann immer noch „freundlich“:
„Die Pflegerinnen machen endlich Rebellion, Mutter blieb 3 Tage in der Sch… liegen? “
Sicher nicht. Dann schreibt er:
„Menschenverachtendes Verhalten der rebllierenden Pflegekräfte.“
Garantiert.
Die nächsten Glocken. Zimmer 20 . Chemo ist durch, Patientin übergibt sich. Zimmer 21, Patient hat starke Schmerzen.Zimmer eins: „Mein Nachbar hat sich in mein Bett gelegt, bitte , er will da nicht raus!“
Suska grinst. Sie liebt ihre Arbeit. Aber nicht nur, weil sie nett ist.

Suska- Jammer net! Wehr di endlich!

Suska hat schon lange überlegt, ob sie in die Gewerkschaft eintreten soll, aber der Beitrag war ihr immer zu teuer.
Das, was sie da monatlich zahlen würde, bekäme sie bei den Tariferhöhungen nie wieder zurück.
Sie kommt zwar aus einer Gewerkschaftsfamilie, und es war ein Grundsatz ihres Vaters und auch ihres Grossvaters, als Arbeiter der Gewerkschaft angehören zu müssen „Weil man nur so  was erreichen kann!“ aber seitdem die ÖTV, die für Suska und den Pflegeberuf zuständig war, sich in Verdi umgewandelt hatte, hat Suska das Interesse verloren.
Verdi schien ihr ein Riesenmoloch zu sein, zuviele Berufe darin vertreten und irgendwie , naja, hatte sie keine Lust, dieser Gewerkschaft anzugehören. Und ausserdem, sie war fast regelmässig auf Demos gewesen, gegen den Pflegenotstand, den es seit 30 Jahren in Deutschland gibt, für bessere Tarifverträge in der Pflege, für eine Besserstellung der Pflegeberufe in der Gesellschaft, und hat es was genützt?
Die Zuschläge für Feiertage und Nachtdienst wurden gekürzt, für bessere Bezahlung war kein Geld da.
Und wenn sie die Zuschläge für Schicht – und Wochenendarbeit in der Pflege mit denen der freien Wirtschaft vergleicht, fühlt sich ziemlich veräppelt.
Irgendwann wurde sie es müde, dafür auf die Strasse zu gehen, streiken durften Krankenschwestern eh nicht, wer soll denn die Patienten versorgen, und wenn sie sich auf Station so umsah, war das alles auch sinnlos.

Bereits als sie in den 80 Jahren ihre Ausbildung gemacht hat, hatte ein Grossteil der Pflegeschüler Abitur und dann war ja klar, was die nach der Ausbildung gemacht haben. Die gingen studieren. Und so ist es heute noch. Die guten Pflegekräfte machen ihre Ausbildung, und merken dann, wie undankbar die  Bezahlung ist, wie sozial unverträglich der Schichtdienst, und dann machen sie halt was anderes.

Das findet Suska schade. Der Beruf macht ihr Spass. Sie liebt den Umgang mit Menschen,sie findet die Medizin spannend und sie findet, das sie, menschlich gesehen, viel zurückbekommt an Anerkennung und Wertschätzung.
Aber davon wird man halt nicht reich.
Jetzt sind Wahlen, und eine Umwandlung ihrer kommunalen Klinik , in der sie arbeitet,  in eine Uni-Klinik steht an und somit andere Tarifverträge, weil Land und Kommune verschiedene Tarifabschlüsse haben und wenn das stimmt, was sich erzählt wird, ist die  UniBezahlung wesentlich schlechter als das, was die Angestellten jetzt haben.

Es gäbe unter anderem weniger Urlaubstage und weniger Grundgehalt, und das ärgert Suska.
Kann man denn mit den Angestellten alles machen? Ist der hart arbeitende Mensch nichts mehr wert?
In  Berlin haben sie es geschafft, an der Charite, erzählt eine Kollegin,weil die alle gewerkschaftlich organisiert waren, konnten die streiken.
„Und wie sieht es bei uns aus? Können wir das auch?“fragt sich Suska. Vielleicht sollte sie in die Gewerkschaft eintreten, einfach nur um zu zeigen, dass sie unterstützt? Weil sie eine bessere Zukunft will für die Pflege.
Und weil sie die Jammerei satt hat, dieses : Ach, das bringt doch eh nichts, die wirtschaften doch alle in die eigenen Tasche, es gibt doch eh keine Leute, jammer jammer…..und ja ach so, „was machen die für blöde Aktionen, das interessiert doch niemanden, wenn sich  Krankenschwestern in einen See stellen mit Plakaten:Uns steht das Wasser bis zum Hals,“ auch wenn es da gerade knöcheltief ist….
Aber Suska findet das toll. Die tun was! Die machen Aktionen mit Phantasie!
Die jammern nicht nur!

Suska lacht innerlich: Jammer net, Verdi !!!
Ihr neuer Schlachtruf! Sie geht morgen zum Personalrat und unterschreibt ihre Gewerkschaftsmitgliedschaft. Ist immerhin steuerlich absetzbar.

Und wenn viele dabei sind, wird sich was ändern. Sagte schon der  Grossvater.

 

Das Beitragsbild hab ich hier geliehen…