Flida- einhornbunt und federleicht

Flida hat es getan: Sie hat sich die Haare abschneiden und drei Farben reinfärben lassen ins grau: Rosa, lila, grün. Sie fühlt sich gut, und als sie den Frisiersalon verlässt , schaut sie den Leuten ins Gesicht und erhofft eine Reaktion.

Aber niemand schaut sie an , jeder ist so in sein eigenes Tun vertieft, dass kein Mensch die bunte Flida eines Blickes würdigt.
Egal, denkt sie sich, es ist ja für MICH!

Vieleicht noch ein cooles Outfit zur neuen Frisur?
DocMartens Schuhe mit Blümchen drauf und ein Wallekleid? Schliesslich ist mit 54 Jahren und 80 Kilo bei einer Grösse von 165 die Zeit der knapp sitzenden Hotpants abgelaufen, da kann sie noch so viel auf dem Laufband schwitzen in der Sommerhitze. In den 2 Jahren,  die sie regelmäßig ins Fitnesstudio geht,,hat sie noch nicht ein Grämmchen weniger auf die Waage gebracht.
Sie hat immer noch die Zeilen vor sich, die die RehaÄrztin vor zwei Jahren in den Entlassungsbrief schrieb: Die adipöse Patientin hat sie sie genannt, und Flida spürt immer noch den Stich , den diese Worte in ihr verursacht haben.
Seitdem quält sie sich aufs Laufband und unter die Kraftgeräte, aber wie gesagt, gebracht hat es nichts, zumindest auf der Waage nicht. Aber im ganzen fühlt sie sich wohler, sie findet sich straffer und dünner , obwohl auch der Taillenumfang gleich geblieben ist und der LAT-Gefährte sagt: „Alles subjektiv, das mit der Optik.“Wo er natürlich recht hat.

Aber der Traum von den die weiblichen Formen betonenden Glitzeroutfits ist noch nicht ausgeträumt.

Sie steht vor einem Kleidungsgeschäft. Okay, heute lässt sie es krachen, sie gönnt sich was. Auf einem Kleiderständer hängen blumiggemusterte Teile, die gefallen ihr. Sie sucht nach der passenden Grösse: 44, besser 46.
Ausverkauft, schade.  Das kleine Teufelchen flüstert in ihr Ohr: Tja, so ist das, das kennst du ja! Alles ist immer zu klein für dich!
Ach, halt die Klappe, schilt sie das flüsternde Teufelchen, ich zeig dir jetzt mal , das mir mittlerweile auch Grösse 42 passt! Und sie nimmt die letzte Bluse in 42 vom Ständer, geht in die Umkleide und: Es passt!
Sie jubelt innerlich und streckt dem Teufelchen die Zunge raus.

Die kauf ich, ist auch noch runtergesetzt und einen Carmenausschnitt hatte ich auch noch nie, das wird soooo sexy. Mein Dekolletee ist ja auf Grund meiner Fülle auch noch straff, ha!
Sie marschiert zur Kasse. Die sehr dünne Verkäuferin streicht über den Stoff und sagt:“Das ist der Renner gerade bei uns , eine sehr schöne Bluse, zu einem Rock oder einer Jeanshose perfekt!“
Flida lacht und sagt:“ Und es passt mir sogar in Grösse 42!“
Da sieht sie das Teufelchen auf der Schulter der Verkäuferin feixen und hört die Verkäuferin sagen:“ Naja, die fallen auch sehr gross aus!“
Nun fällt ihr fast das Lachen aus dem Gesicht , aber sie sagt: „Passen Sie auf, das das dusselige Teufelchen da nicht von ihrer knochigen Schulter rutscht, der kann ruhig da bleiben  und nein, ich brauche keine Tüte, und ich wünsche Ihnen einen wunderbaren Tag!“
Und während die Verkäuferin auf ihre Schulter guckt, und vom Teufelchen in die Nase gebissen wird und laut kreischt, verlässt Flida federleicht und einhornbunt den Laden.

 

Flida- Zeitlos schön sein

Irgendwas macht einen Höllenlärm und Flida schreckt hoch. Ach, es ist nur der Wecker, was für ein dämliches Geräusch hat sie da bloss eingestellt. Ihr Gesicht ist trocken und irgendetwas bröselt auf das Kopfkissen. Herrje, sie hat heute Nacht vergessen, sich die Gesichtsmaske ihrer Schlaflosigkeit wieder abzuwaschen.
Kein Wunder, dass sie von grünen Schleimmonstern geträumt hat. Sie schlurft ins Bad, und rubbelt sich die Haut mit eiskaltem Wasser von den “ harmonisierenden Kräuterunterstützten Anti-Aging-Stoffen “ frei.
Und-hat es was genützt? Nein, sie ist genauso schlupflidrig und nachtfaltig wie jeden Morgen. Am Haaransatz machen sich die überfärbten grauen Haare bemerkbar. Flida schlurft in die Küche und überlegt, ob sie heute einen Friseurtermin ausmachen soll. Ihr „Living-apart-together-Gefährte“, also,der derzeitige Lebensgefährte, der aber in seinem eigenen Haushalt wohnt, legt Wert darauf, das man Flida ihr zunehmendes Alter nicht ansieht.Und während der Kaffee röchelt und schnaufend durch die Kaffeemaschine blubbert, verspürt Flida eine kleine Wutattacke in sich aufsteigen. Er will nicht, dass man IHR ihr Alter ansieht! Und seines? Darf man sehen oder was? Dass der Bauch grösser wird, und die Brustmuskeln schlaffer, und der Haarkranz immer lichter, das ist okay, oder wie?
Und sie muss alle vier Wochen zum Friseur, die Haare nachfärben, die dadurch immer struppiger werden  und , weil sie immer weisser wird unten drunter, die Haarfarbe auch nicht mehr so gut deckt und deshalb leuchtet sie zunehmend orange auf ihrem Kopf.
Sie wollte niemals so aussehen. So bemüht grau abdeckend, so bemüht „natürlich“ aussehend.
Nur was ist die Alternative? Weiss werden lassen. Hm… Warum nicht? Weiss und dann Regenbogenfarbene Strähnen rein. Grün und blau und rosa… Vermutlich wird sie die Friseurin  überzeugen müssen, die ist für Experimente nicht wirklich offen. Vielleicht hat sie aber Glück, wenn sie da spontan hingeht, dass die andere Friseurin da ist, die mit dem wilden Irokesenschnitt. Die macht das bestimmt…..
Und ihre Tochter? Was wird die sagen, wenn die Mutter so bunt daher kommt? Und der Mann des Herzens? Ach, denkt Flida, der kann mich als allererstes mal, wenn es ihm nicht passt, pfft….wichtig ist, das ich mich wieder angucken mag.
Dieser Gedanke beschwingt sie. Pfeif auf die Angstmachenden Zukunftsgedanken, denkt sie, und wenn es nur noch 10 Jahre sind, die ich hab, diese 10 Jahre mache ich mir bunt! Und wenn ich es ganz wild tue, schnall ich mir noch ein Einhornhorn auf die Stirn und dann sehen wir mal, wer zuerst auf dem Regenbogen tanzt!

Und Flida springt ins Bad und schaut in den Spiegel, reckt die Faust und sagt: Yes! I can!