Flida – Heiligabend

Es ist Heiligabend.
Flida ist alleine, es hat dieses Jahr nicht geklappt mit dem Familienheiligabend.
Ihre Söhne feiern mit ihren Freundinnen oder Freunden, und Flidas  Tochter ist zum Vater gefahren. Der feiert mit seiner Mutter, und die Tochter hat gesagt:Wer weiss ob die Oma nächstes  Weihnachten überhaupt noch erlebt, das verstehst du doch, Mama, oder? Und der LAT-Gefährte wird den Nachmittag mit seinen Kindern verbringen, die er dann später zu seiner Exfrau bringt, und er weiss echt nicht, ob er dann nach dem ganzen Zinnober überhaupt noch zu Flida will, hat er gesagt. Und Flida hat Verständnis, natürlich.
Ein bisschen traurig ist sie schon, sie fühlt sich ein wenig verlassen. Wie wichtig ist ihr denn der Heilige Abend, ist er nicht ein Abend wie jeder andere auch? Am 25. kommen doch alle, sie hat doch ein wunderbares Essen vorbereitet.
Sie spürt wie sich das Teufelchen auf ihrer Schulter räkelt.
Was, wenn das Teufelchen wieder sagt: Selber Schuld, Flida, hättest du dich durchgesetzt, dann wärest du nicht allein! Wenn du denen allen klipp und klar gesagt hättest, dass du Heilig Abend mit ihnen feiern willst, dann wärst du jetzt nicht traurig!
Das Teufelchen gähnt und reibt sich die Augen.
Du hast gar keinen Tannenbaum, Flida, sagt es.
Brauch ich auch nicht, sagt Flida.
Willst du denn jetzt ohne Tannenbaum allein hier hocken am Heiligen Abend? fragt das Teufelchen.
Flida denkt nach.
Nein,sagt sie, dann werde ich traurig .
Genau.  Also, was machen wir jetzt, Flida?
Wir fahren in die Stadt! sagt Flida.
Aber die Geschäfte sind zu! ruft das Teufelchen, shoppen ist jetzt nicht mehr!
Ich muss ja auch nicht shoppen,sagt Flida und wickelt ihren Schal fest um sich.
Es ist kalt draussen. Der Wind pfeift.
Sie geht ein paar Meter. Der Bus kommt, sie steigt ein. Der Busfahrer lächelt ihr freundlich zu.
Einige Leute sitzen im Bus, fast alle haben Geschenke dabei.
Flida nicht. Flida hat ein frierendes Teufelchen auf der Schulter.
Am Marktplatz steigt sie aus. Es hat begonnen, leise zu schneien.
Die Geschäfte sind beleuchtet, Flida geht durch die Fussgängerzone. Dort, wo bis vor wenigen Stunden Menschen gewuselt haben, ist alles leer. Ein gelbes Paketauto parkt an der Statue vom Stadtvater. Der Paketbote lehnt an seinem Auto und raucht. Geschafft, sagt er zu Filda, das war ein stressiges Weihnachtsgeschäft. Und das, wo ich gar nicht Weihnachten feier! Er lacht.
Flida lacht zurück und geht weiter. Aus einer Fussgängerpassage erklingt Musik. Sie bleibt stehen und lauscht. Sie schliesst ihre Augen. Die Musik ist schön, denkt sie und muss ein bisschen weinen.

Langsam geht sie in die Passage. Auf dem Boden sitzen zwei, mit ihren Gitarren, und spielen. Flida möchte dazu tanzen, sich leicht drehen  im Kreis, tanzen in den frischen Schnee. Sie spürt den Wind und riecht den Winter und die Weihnacht und hört , wie sie singen: Knockin`on heavens door.

Da hört sogar das Teufelchen mit dem Frieren auf und ist ganz still.

 

Für meine Schwester