Loida schneidet zu

Seit Tagen liegt der Stoff für das Kleid auf dem Stuhl neben Loidas Bett. Sie hat es aus der Sichtweite ihres Mannes gebracht:als sie ihm stolz den Stoff zeigte, hat er mit den Augen gerollt, und geseufzt und gesagt : „Meine Güte, das wird doch wieder nichts, so ein wildes Muster, wer läuft denn mit sowas rum?“
Loida hat geantwortet: „Ich! Du wirst schon sehen, das wird ein superschönes Kleid!“ und den Stoff genommen und in ihr kleines Zimmer getragen. Dieses Zimmer war das Zimmer ihres Ältesten gewesen, aber seitdem der mit seiner Freundin zusammengezogen ist, hat sie es zu ihrem ganz eigenen Reich gemacht.
Jetzt baut sie die Nähmaschine auf ihrem Schreibtisch auf, und breitet den Stoff auf dem Boden aus. Er glänzt und wirft weiche Falten in der hereinscheinenden Abendsonne. Behutsam legt sie die aus Papier zugeschnittenen Schnittmuster auf dem Stoff aus , vielleicht kann sie den Stoff sparsam einteilen. Dann bleibt womöglich noch etwas übrig, für ein Haarband oder eine kleine Tasche, das wäre schön.
Sie malt die Umrisse mit Kreide auf den Stoff.
Sie will sich Zeit lassen und Mühe geben, damit dieses Kleid wirklich perfekt wird und sie sich sehen lassen kann, mit ihrem Mann gemeinsam , wenn sie ausgehen und alle dieses wilde Muster an ihr bewundern. Mit dem dazupassenden Haarband und dann wird sie sich Ohrringe kaufen, und eine Halskette und sie wird wunderschön mit allem aussehen. Das weiss sie gerade im Moment ganz genau.
Sie wird jetzt alles so liegen lassen am Boden, morgen wird sie zuschneiden, denn sie lässt sich Zeit mit diesem Kleid, hat sie beschlossen. Sie wirft noch einen lächelnden Blick auf den Stoff und geht aus dem Zimmer.
Es ist Zeit zu warten.

Loida näht ein Kleid

Loida hat sich Stoff gekauft. Sie hat sich wieder verführen lassen, als sie in einem Blog von einem Buch las : „Kleider nähen leicht und easy“ oder so ähnlich. Und als sie die Fotos anschaute, von den Frauen, die diese Kleider trugen, hat sie so Lust bekommen, sich eines zu nähen. Sie möchte auch gerne so aussehen.

Loida hat früher viel genäht. Als die Tochter klein war, nähte sie stundenlang hübsche Kleidchen, für die Söhne war es etwas schwieriger, an Hemden mit Kragen und Hosen hat sie sich selten getraut, das ging oft daneben.
Wenn sie im Nährausch war, beglückte sie die gesamte Umgebung mit selbstgenähten , bunt gemusterten Pumphosen, die waren einfach zu nähen, der Stoff nicht teuer und alle Beschenkten freuten sich. Das war in den Achtziger Jahren, da war man noch hemmungslos-wenn etwas bunt schrill und schief war, war es gerade gut.

Einmal hat Loida sich selbst ein Kleid genäht. In A-Linie, es sollte aus fliessendem leichten Stoff sein, aus Jersey, aber Loida hatte von ihrer Mutter noch im Ohr: Jersey ist nur was für Näherinnen, die es können! Und du nähst sowieso immer mit der heissen Nadel!
Also kaufte Loida einen schweren roten Leinenstoff. Der war günstig und gut zu nähen. Loida begann sofort, dieses A-Linien Kleid zu zuschneiden. Zwischendrin rief die kleine Tochter , sie liess sie mit den Stoffetzen spielen, denn Loida war im Nährausch und hatte keine Zeit.
Manchmal fluchte sie, weil der Unterfaden an der Nähmaschine just in dem Moment zu Ende war, kurz bevor sie die Naht fertig hatte.
Sie fluchte auch, wenn sich der Unterfaden verknotete, weil Loida Gas gab auf dem Pedal mit der Nähmaschine. Dann schaute die kleine Tochter erschrocken hoch und stopfte sich den roten Stofffetzen in den Mund.
Loida war fertig in 2 Stunden. Allerdings fiel der Stoff nicht so, wie sie dachte dass er fallen würde. Er war sehr steif. Er stand ab. Loida schlüpfte in das Kleid, und merkte wie es spannte über dem Busen. Die A- Form spreizte sich über ihre Hüften, und kaschierte elegant den Bauch. Hübsch war das aber nicht, fand Loida.
Die Haustür ging auf. Loidas Mann kam heim. Er sah sieund lachte und fragte: Wollen wir Zelten gehen?
Seitdem hat Loida nicht mehr genäht. Kleidung zumindest. Taschen und Topflappen und so schon, aber keine Kleidung.
Und jetzt hat sie dieses Buch vor sich und diesen Stoff, und sie nimmt sich vor, sich Zeit zu lassen mit dem Nähen, und es in Ruhe zu machen. Morgen.
Morgen fängt sie damit an.