Flida-Ausromantisiert

Und abends , vor dem Spiegel , als sie ihre hübschen neuen Haare betrachtet, die so hell leuchten im Licht und als sie die neue Wimperntusche aufträgt und den glitzernden Lilafarbenen Lidschatten, denn heute Abend geht der LAT-Gefährte mit ihr aus , da hört sie die Stimme vom LAT-Gefährten hinter sich:
„Schöne Frau, was haben Sie heute vor? Sie sehen zauberhaft aus! Ich würde Sie gerne auf ein Glas Sekt einladen! Und dann mit Ihnen im Mondschein tanzen!“

Da klopft Flidas Herz vor Freude.
Und sie dreht sich schwungvoll um und lacht dem LAT-Gefährten ins Gesicht: „Mondscheinromantik klingt wunderbar!“

Da klingelt es an der Tür und der romantische LAT-Gefährte verschwindet wie ein Dschinn in Flidas Parfümflasche.

„Nanu,“ denkt sie, und öffnet die Tür und da steht der LAT-Gefährte, sowie sie ihn kennt, in ausgebeulten Jeans und schwarzem Pullover, der Autoschlüssel klimpert in seiner Hand und er fragt: „Fertig? Gut siehst du aus! Coole Schuhe!“
Flida hat ihre neuen Samtstiefeletten an, Brokatrot mit goldenen Blumen drauf und ziemlich hoch, sie weiss nicht wie weit sie damit laufen kann, aber zum Tanzen sind die perfekt, das hat sie im Wohnzimmer schon ausprobiert. Dazu trägt sie ein rotes Kleid mit Glitzer drauf,schliesslich wollen sie ja schön ausgehen.
Sie klettert in das hohe Auto vom LAT-Gefährten und fragt: „Wo gehen wir denn heute hin?“
„In Mannis Mummelbude, die Eckkneipe, wo ich mich Mittwochs immer mit meinen Kumpels treffe. Gibt Fussballübertragung, 2. Liga, vielleicht steigt der  2. FC Hollerflicks endlich auf, die spielen gegen den ErstligaClub Wannstatt, das wird da übertragen!“
„Oh!“ macht Flida, „ich dachte wir gehen tanzen!“
„Wie kommst du denn da drauf!“ fragt der LAT-Gefährte , „ich tanze nicht!“
Das Teufelchen zwickt Flida in die Schulter. „Hättest du dir denken können, du mit deiner Romantik!“

Enttäuscht sitzt Flida auf dem Beifahrersitz, die Häuser ziehen an ihr vorbei und sie denkt: „Mannis Mummelbude!Was soll ich da!“

Und später sitzt sie auf dem Barhocker, presst ihre Beine zusammen, weil das Kleid auf einmal so kurz ist, und ihr der Rücken weh tut, sie kann nicht gut auf Barhockern sitzen und der LAT-Gefährte hat sein fünftes Bier vor sich, alkoholfrei hofft sie, und gröhlt mit seinen Kumpels, und sie findet diese Männer so hässlich, mit ihren dicken Bierbäuchen und den braunen Zähnen, und deren Rücksichtslosigkeit, und als der Karlfriedrich, LAT-Gefährtes bester Freund, Flida an den Hintern fasst und sagt: „Was ein Knackarsch, Flida!“da reicht es ihr.
Sie rutscht vom Barhocker runter und zischt: „Du wirst nie wieder einen Blick auf meinen Knackarsch werfen  geschweige denn ihn anfassen, sonst lang ich dir eine! “
Und an den LAT-Gefährten gewandt: “ Das Gleiche gilt für dich! Lebt wohl oder auch nicht!“ und sie dreht sich schwungvoll um und stakst zur Tür.
Diese verdammten Schuhe! Sie will einen erstklassigen Abgang hinlegen, aber das wird schwierig, die Schuhe ist sie einfach nicht gewöhnt.
Doch das Teufelchen zieht an Flidas rechtem Ohr, sodass sie nicht so sehr nach links kippen kann, sondern ziemlich gerade aus der Tür stolziert.

Draussen regnet es und Flida ist auf einmal so müde. Sie merkt, wie sie anfangen könnte zu weinen, aber das möchte sie nicht. Sie möchte stolz sein und nach Hause gehen und den LAT-Gefährten nie wieder sehen !

Auf der anderen Strassenseite ist ein Lokal, das sieht hübsch aus, die Leute, die sie durch die Fenster sieht, lachen und reden miteinander. Sowas würde sie auch gerne tun, da sitzen, ein Glas Wein trinken und sich mit jemandem unterhalten.
„Dann mach das doch!“ flüstert das Teufelchen, „du bist doch extra so hübsch heute!“
„Soll ich wirklich?“ fragt Flida. „Ja, “ macht das Teufelchen und wischt mit seinen behaarten klitzekleinen Fingerchen Flida einen Wassertropfen von der Nase. Vielleicht was es auch eine Träne.
Flida strafft ihre Schultern, und sie schafft es jetzt tatsächlich, ziemlich elegant und ohne zu stolpern über die Strasse zu gehen. Sie öffnet die Tür vom Lokal.
Warme weiche Luft schlägt ihr entgegen, ein paar Leute drehen sich um und lächeln Flida zu.
Ganz hinten in der Ecke sitzt eine Frau , sie hat ein Glas Rotwein vor sich und liest in einem Buch. Ihre langen grauen  Haare fallen weich über ihre Schultern.
Flida hat sie irgendwo schon mal gesehen.
„Darf ich mich zu Ihnen setzen?“ fragt Flida, und die Frau lacht Flida an.
„Natürlich!“ sagt sie und rutscht ein wenig zur Seite.
Und Flida lässt sich in einen weichen Sessel fallen, egal ob das Kleid zu kurz ist, jetzt sitzt sie wenigstens bequem und bestellt sich auch ein schönes Glas Rotwein.
Und sie ist gespannt, was der Abend noch so bringen wird.

 

Flida- Romantik

Flida hat sich verliebt. Verknallt, verliebt, ihr Herz hüpft und sie träumt.

Ein neuer Kollege arbeitet jetzt im Büro, bestimmt zehn Jahre jünger als Flida, und er ist verheiratet . Flida kennt auch seine Frau, aber sie hat gemerkt, dass ihr Herz klopft, als er sie letzte Woche begrüsst hat. Und er hat mit ihr geredet, so freundlich und wertschätzend , und gestern hat er sie angelacht und begrüsst,und ihre Kolleginnen haben zurück gelacht, und gesagt: „Der ist ja so süss!“ aber Flida hat nichts gesagt, und ganz still gewusst, das er sie gemeint hat mit seinem Lachen.
Das Teufelchen auf der Schulter hat geknurrt und gesagt: „Bild dir bloss mal nicht zu viel ein! Was soll der denn von dir wollen?“
Aber Flida will ja gar nicht , das der was von ihr will.

Sie will bloss ein bisschen träumen.

Der LivingApartTogether-Gefährte, ach, dem droht keine Gefahr.
Nur dass Flida sich vorstellt, wie das sein könnte, wenn der HübscheMann, denn hübsch ist er, findet Flida, mit seinen grauen Haaren und seinen leicht schräg stehenden braunen Augen, wenn also der HübscheMann Flida zum Kaffetrinken einladen würde. Dann würden sie sich unterhalten, über wichtige Dinge im Leben, über Musik zum Beispiel, Flida mag Musik, und mit dem LAT-Gefährten redet es sich nicht gut über Musik, der hat bloss seinen Fussball im Kopf.
Vielleicht würde der HübscheMann Flida auch fragen, ob sie mit ihm mal ins Theater gehen würde. Vielleicht lebt er ja in Scheidung, und Flida weiss das nicht. Dann könnte sie gerne mit ihm ins Theater gehen.
Er hätte Stil und würde sich Mühe geben für Flida, weil auch er frisch in Flida verliebt ist. Er würde sagen: „Dein Alter, ach Flida, was spielt denn das für eine Rolle? Du bist die Frau, die ich schon immer gewollt habe!“
Und alleine schon bei diesem Gedanken strafft sich Flida in der Körperhaltung, sie geht gerade, und ihr Gang wird beschwingter und federnd, und sie hört das Teufelchen schimpfen:“ Was wackelst du so mit deinem Hintern, Flida, das sieht albern aus in deinem Alter!“
Da dreht sich Flida einmal um sich selbst, und lacht ganz laut. „Vielleicht ist es albern, sich mit 56 zu verlieben, und zu wissen, das es nie wahr werden wird, aber was ist das Leben ohne Träume?“

Und abends , vor dem Spiegel , als sie ihre hübschen neuen Haare betrachtet, die so hell leuchten im Licht und als sie die neue Wimperntusche aufträgt und den glitzernden Lilafarbenen Lidschatten, denn heute Abend geht der LAT-Gefährte mit ihr aus , da hört sie die Stimme vom LAT-Gefährten hinter sich:
„Schöne Frau, was haben Sie heute vor? Sie sehen zauberhaft aus! Ich würde Sie gerne auf ein Glas Sekt einladen! Und dann mit Ihnen im Mondschein tanzen!“

Da klopft Flidas Herz vor Freude.
Und sie dreht sich schwungvoll um und lacht dem LAT-Gefährten ins Gesicht: „Mondscheinromantik klingt wunderbar!“

Loida- vom Leben in allen Farben

Es war Suska am Telefon.
Natürlich- welch ein Glück, sie hatte Zeit, sie würde gleich zum Friedhof kommen und dann haben Loida und sie sich am Grab von Loidas Mutter getroffen und  gemeinsam die Hornveilchen eingegraben.
Und dann sind sie in ein Cafe gegangen und haben geredet.

Suska ist sehr klug, hat Loida gedacht, so weise. Sie weiss soviel. Sie wirkt so sicher in allem was sie denkt!
Sie haben über sich gesprochen und über Loidas Familie und was Loida so macht und  über Suskas Arbeit als Krankenschwester und wie das ist, wenn jemand stirbt. Und wo der dann hingeht und was dann passiert. Und Loida hat gemerkt, das das für Suska ein ganz wichtiges Thema ist und das sie sich viele Gedanken macht über den Tod und auch schon so viel erlebt hat damit.
Und dass sie trotzdem nicht traurig ist, und sagt:“ Ich liebe jeden Tag. Manchmal hab ich Angst, das es schnell vorbei ist, mein Leben,  und ich habe dann damit nicht gerechnet, dass ich plötzlich tot bin und wahrscheinlich bin ich dann überrascht, aber im Ganzen macht mir Tod keine Angst. Ich glaube ganz fest daran, das wir nicht verschwinden. Wir werden weiter da sein! Ich zeig dir was! “

Und sie hat ihr grosses Tablet aus ihrer riesigen Handtasche geholt, „Ich mag lieber dieses Riesending, als so ein kleines Handy. Auf dem Tablet ist mehr Platz, und…“ sie hat sich zu Loida rübergebeugt: „ich brauch keine Brille!“ und dann hat sie dieses laute wilde Lachen gelacht, so dass sich im Cafe ein paar Leute umgedreht haben.

Suska wischt auf dem Display rum und murmelt und dann findet sie , was sie sucht:(ein Beitrag aus Ullis Cafe Weltenall).
Es ist ein Bild. Ein Boot auf grünem Wasser, vielleicht ein Schilfboot, darin sitzen vier schwarze Figuren, die Figuren an Heck und Bug haben eine stolze erwartungsfrohe Haltung, die beiden Figuren in der Mitte des Bootes wirken ruhig, abwartend, still.
„Ein Ahnenboot“, sagt Suska.
„So stelle ich mir das vor, wenn man stirbt. Wir werden dann geholt. Wir gleiten dann übers Wasser , übers grüne stille, tiefe Wasser. Es ist still und in uns ist nur Frieden.  Am anderen Ufer warten die auf uns, die schon gegangen sind. “

„Ein Ahnenboot. Ein Ahninnenboot vielleicht sogar,“antwortet Loida, „dieses Boot auf dem Bild schwebt, es ist ganz leicht. Ich hab auch mal gelesen, das der Tod seit noch nicht allzulanger Zeit männlich ist. Früher war es die Todin, die gekommen ist, und den Sterbenden in ihre warmen weichen Arme genommen hat. Die heilige Notburga zum Beispiel, das war so eine, die ist gekommen um zu holen, und man hatte wohl weniger Angst, wenn man von einer Frau aus dem Leben begleitet wurde als von einem klapprigen zauseligen männlichen Gevatter Tod!“
„Der womöglich noch eklig aus dem Mund roch, huhhh!“ schüttelt sich Suska.

Sie schaut noch einmal liebevoll auf das Bild von dem Ahninnenboot, klappt das Tablet zu und sagt:
„Jetzt trinken wir einen Aperol Sprizz! Und wenn du magst, du kannst bei mir schlafen!“
„Das könnte ich, ja,“ denkt Loida, „warum nicht“, und dann kommt der Aperol mit Sekt und leuchtet so warm orange im Glas, und die Apfelsine , die am Glas klemmt mitsamt der Physalis machen in Loida Lust auf Sommer.

Die beiden Frauen heben ihre Gläser und stossen an.
„Auf das Leben!“ lacht Suska.
Und wirft ihre weissen langen Haare über die Schulter.
„Auf das Leben!“

Loida- worauf wartest du

Loida wird heute auf den Friedhof fahren.
Es ist jetzt nicht ganz ein halbes Jahr her, dass die Mutter gestorben ist und es ist immer noch so, als sei es gestern gewesen. Es ist immer noch so gegenwärtig, dieser Moment, diese Stille und die Zeit des  Abschieds.

Ihr Alltag ist weitergegangen, ihr Leben hat nicht wirklich stopp gemacht, nur manchmal, wenn sie kurz anhält in ihrer Geschäftigkeit, dann ist da so ein wehes Gefühl in ihrem Herzen. Aber es ist weniger geworden, das findet sie beruhigend.
Heute scheint die Sonne und sie hat Zeit, in die Heimatstadt zu fahren. Vorher wird sie ein paar Stiefmütterchen kaufen, Hornveilchen, diese kleine winzigen Stiefmütterchen, Viola Tricolor, die Mutter hat diese Blumen sehr geliebt, und sobald es Frühling wurde, hat sie alle Töpfe auf der Terasse mit diesen Blumen bepflanzt.
„Die pflanz ich dir in deinen kleinen Garten nachher , Mutter, „murmelt Loida, als sie in ihre warme Jacke schlüpft. Sie kramt in den Taschen, diese Jacke hatte sie zuletzt im Dezember an, vielleicht findet sie ja ein altes Taschentuch, das muss sie dann wegschmeissen. Bestimmt findet sie ein altes Taschentuch, soviel wie sie geheult hat, als sie diese Jacke das letzte Mal anhatte, da ist sie auch auf dem Friedhof gewesen.
Aber sie findet kein Taschentuch. Sie findet einen zerknüllten Zettel mit einer Nummer. Suska steht da drauf. Suska…..ja, Suska! Das war ihre Begegnung auf dem Weihnachtsmarkt, sie hätte sie doch schon längst anrufen können, warum hat sie denn nicht….

Sie wählt aufgeregt die Nummer von ihrem Handy, jetzt kann sie sie anrufen und sagen,dass sie in die Stadt kommt, und vielleicht hat Suska Zeit, das wäre schön! Auf einen Chailatte, oh bitte, Suska soll Zeit haben!

Es ist nur die Mailbox, die sie hört, und die sagt: „Leider leider , keiner da, aber sprich, ich rufe zurück!“

„Hier ist Loda, ich weiss nicht, ob du dich erinnerst, wir haben auf dem Weihnachtsmarkt Chailatte getrunken und du warst damals bei meiner Mutter dabei und ich fahre heute auf den Friedhof und vielleicht hast du dann Zeit später, ich würde dich so gerne wieder sehen! “

Loida streicht  über ihr Handydisplay, „Früher hat man aufgelegt,heute streicht man jemanden weg, ts,…“ denkt sie, aber sie freut sich, das eine Mailbox ranging und vielleicht hat sie Glück, und Suska ruft zurück und hat Zeit heute.

Und jetzt wird sie losfahren.
Im Gartengeschäft ersteht sie eine ganze Stiege violetter Hornveilchen,sie kauft eine kleine Schaufel dazu und ein Säckchen Erde und einen hübschen Blumentopf, und murmelt: „Jetzt mach ich dein Gärtchen schön , Mutter!“ und am Ausgang zu den Kassen findet sie einen Tisch mit wunderschönen Orchideen in zarten Farben , die in wirklich sehr hübschen Übertöpfen stecken und sie denkt: „Ich kaufe zwei. Eines für mich und eines für Suska! Wenn ich Suska treffe, dann schenk ich ihr das!“

Denn irgendwie ist sie sich sicher, dass Suska zurückrufen wird heute.

Im Auto macht sie ganz laut Musik an, ZAZ liebt sie zur Zeit, T`attends quoi, worauf wartest du, Loida singt  mit, voller Freude auf den heutigen Tag.

Und als sie in der Heimatstadt ankommt, der Wegweiser zeigt nach rechts,  Richtung Friedhof, da summt neben ihr das HandyTelefon.

Suska – der Kongress tanzt…

…“Das ist doch so ein alter Film“, denkt Suska, als sie auf den Kongress nach Berlin fährt. Pflegekongress, sie wird sich viele Vorträge anhören und vielleicht hat sie auch Zeit, sich Berlin anzuschauen.

Vor Jahren ist sie mal da gewesen, als sie jung war, da gab es noch die Mauer. Und Hausbesetzer und „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“, und der Wunsch, das Leben irgendwie anders hinkriegen. Dieses Buch, sie erinnert sich, und dann der Film und David Bowies „Heroes“ und die Vorstellung, wie cool es sein müsste, in dieser Stadt zu leben, weg zu sein aus der Provinz, aus dem Alltag, aus der Zukunftslosigkeit. Mittlerweile weiss sie natürlich, das der Film und das Buch irgendwelche romantischen Saiten bei ihr angeschlagen hatten, denen sie zum Glück nicht nachgegangen ist.

Sie wurde von einer Freundin daran erinnert, wie sie, als sie 20 waren, im Rahmen der Ausbildung eine  Drogenberatungsstelle aufsuchen musste und ein völlig fertiger Typ von seinem Drogenentzug erzählt hat. „Weisst du noch, wie der gerochen hat?“ hat ihre Freundin gefragt, und Suska hat sich erinnert.

Jetzt steht sie am Hauptbahnhof in Berlin und ist beeindruckt, wie gross der ist! Sie wird sich bestimmt verlaufen! Sie nimmt ihren Koffer und zieht ihn zielstrebig Richtung U-Bahn. Sie hat 3 Linien zur Auswahl, in denen sie fahren kann, und die nächste kommt in einer Minute. Sie steigt ein, es ist nicht voll.
An der Nächsten Haltestelle steigt ein junger Mann ein, er stellt sich in den Gang und beginnt laut und deutlich zu sprechen. Er heisse Jeromino, sei zur Zeit obdachlos, und ob jemand 10 Cent, etwas zu  essen oder bloss ein freundliches Lächeln für ihn habe. Das würde ihn sehr freuen. Suska ist erschrocken: er ist so alt wie ihr Sohn Bero.

Sie weiss nicht, ob sie ihm was geben soll, es ist ihr unangenehm, das er sie so konfrontiert mit seiner Situation.
Aber sie weiss ja auch, wie solche Menschen leben, in der Klinik sind immer wieder Obdachlose, die in die Notaufnahme kommen. Aber der hier ist so jung. Sie hat nichts zur Hand, was sie ihm geben kann,der Geldbeutel ist tief in ihrer Tasche versteckt. Sie sieht, wie der Mann auf dem Nebensitz Jeromino einen Müsliriegel hinstreckt, der Junge scheint sich zu freuen und bedankt sich . Er lächelt auch Suska an und dann hält die Bahn und er steigt aus.

Der Mann neben ihr bemerkt Suskas Blick und sagt: „Das passiert hier öfter, ich hab immer was zu essen in der Tasche. “

„Das mach ich auch“, denkt Suska, „solange ich hier bin. Dann komm ich mir nicht mehr so hilflos vor. Was ist ein Schokoriegel, der fünfzig Cent kostet,gegen Hunger und Kälte? Vielleicht ein Tropfen auf den heissen Stein, vielleicht auch eine Mahlzeit, denn mir geht es gut und ich hab das Glück, das ich damals keine krummen , romantischen Wege gegangen bin.“

Suska lächelt dem Mann zu, und dann ist sie an ihrer Haltestelle angekommen.
Berlin riecht anders , denkt sie, als sie aussteigt und atmet tief ein.

Disturbing the peace

Ein Thema ,das mich nicht loslässt, und über das ich auf Gezeitenwechsel gebloggt habe. Ich habe beim Anschauen des Filmes so vor mich hingedacht, das das Erkennen des Anderen, das sich mit ihm befassen, ein Teil von Frieden schaffen ist. Denn wenn ich ihn er-kenne, ihn verstehe, den Fremden, die Fremde, dann kann ich meine Angst vor ihm kleiner machen oder ganz auflösen. Und dann sind wir ein bisschen näher dran am Weltfrieden.
Ein kleines winziges Stückchen näher, das reicht vielleicht manchmal.

Eine gute Woche. Kat.

Liebe S., ich habe heute einen Film gesehen. Wenn du dich erinnern kannst,war meine SchönsteTochter 2015 in Ramallah, während ihres Studiums, und hatte dort Kontakt mit den Leuten von den combattants for peace, ich hatte darüber geblogt, hier und hier. Über die Combattants for peace wurde jetzt ein Dokumentarfilm gedreht, er heisst : Disturbing the […]

über disturbing the peace — Gezeitenwechsel

Hilde – Traumschaum und Mut

In dem kleinen Cafe im Ort kennen sie Hilde jetzt schon und stellen ihr ungefragt ihren Cafe au lait hin, den sie immer trinkt, während sie das Internet nutzt. Vor dem Traum mit Lorenz kam sie einmal in der Woche hierher. Sie hat mit der Tochter geskypt, hat ihre Emails gelesen, und manchmal auch in den Sozialen Foren gestöbert. Nur geschaut, aber das ist ihr bald langweilig geworden. Dann hat sie ihren Milchkaffee getrunken, ein bisschen mit den Cafebesitzern geplaudert, und  ist wieder auf ihren Campingplatz zurück gefahren.
Sie hat ihre Einsamkeit genossen, hat ihre Spaziergänge gemacht, hat nachgedacht und Muscheln und Schwemmholz aufgesammelt.

Aber seit sie von Lorenz geträumt hat, ist nichts wie vorher. Der Gedanke an früher und was hätte sein können, bestimmt ihren Tag. Sie wird unruhig, überlegt, ob sie ihm schreiben soll, und dann setzt sie sich in ihr kleines Auto und fährt in den Ort.
Das macht sie seitdem jeden Tag.
Seit 3 Wochen.
Sie öffnet ihre Emails und beginnt , an Lorenz zu schreiben. Und dann löscht sie sie wieder. Sie findet sich albern, sie ist fast sechzig, wie kann sie denn noch solche Sehnsüchte haben. Und vor allem, was soll Lorenz denn denken, wenn er ihre Email liest!
Aber vielleicht ist es nicht verkehrt , wenn sie ihm sagt, dass sie an ihn denkt? Und wenn sie dann vielleicht eine Antwort bekommt, dass er gar nichts von ihr will und sie ihn in Ruhe lassen soll, dann weiss sie wenigstens Bescheid.
Sie erinnert sich, als sie 14 war, ist sie sehr verliebt gewesen in einen Jungen aus ihrer Klasse. Er war in einer coolen Clique, und Hilde hatte so Herzklopfen ,wenn sie ihn sah, und sie hätte so gerne gewusst, ob er vielleicht auch Herzklopffen hatte, wenn er sie ansah.
Und eines Tages hat sie sich ein Herz gefasst, und ist mit 20 Pfennig in die Telefonzelle gegangen und hat seine Nummer gewählt , die sie auswendig wusste.
Ein paar mal hatte sie nach dem Wählen den Hörer auf die Gabel fallen lassen und ihr Herz schlug bis zum Hals.
Aber dann hat sie es läuten lassen, und er ist tatsächlich an den Apparat gekommen , und sie hat ihm gesagt, das sie in ihn verliebt ist. Da hat er zuerst nichts gesagt, und dann als Hilde fast aufgelegt hätte vor Scham, hat er gesagt: Ich aber nicht in dich .
Und Hilde war fast erleichtert gewesen, weil sie jetzt Bescheid wusste und nicht mehr Hoffen musste, und hat gesagt: Okay. Und nach dem sie aufgelegt hatte, ist sie fast fröhlich nach Hause geradelt.
Sie hatte es ihm gesagt, das war wichtig gewesen, sie hat auch Jahre später noch diese vierzehnjährige Hilde bewundert, die sich etwas sagen getraut hat, um Gewissheit zu bekommen.

Und wenn sie Lorenz jetzt schreibt,dass sie an ihn denkt, überlegt sie, dann vergibt sie sich nichts. Vielleicht freut er sich auch, wenn er ihre Mail liest,vielleicht ist es auch schön für ihn, wenn er weiss, dass sie an ihn denkt.
Vielleicht.
Und dann, nach 3 Wochen,  hat Hilde eine kurze Mail an ihn geschrieben, dass sie von ihm geträumt hat, und viel an ihn denkt, und sich freuen täte, wenn sie von ihm hören würde, und hat die Email abgeschickt.
Erleichtert hat sie sich danach auf ihrem Stuhl im Cafe zurücklehnt, und als sie einen zweiten Cafe au lait bestellt hat, hat sich die Cafebesitzerin zu ihr  an den Tisch gesetzt, und sie haben ein bisschen geplaudert.
Hilde hat gemerkt, dass ihr Kopf wieder frei war für das was jetzt im Moment passiert.

Und das ist das, was zählt, im Jetzt ganz da Sein, denkt Hilde, als sie an dem Abend des Tages der abgeschickten Email ihren Spaziergang am Meer macht.
Und zuschaut, wie die Wellen aufschäumen und am Strand weit weit auslaufen.
Und dabei Muscheln im Sand zurücklassen.

Hilde- Träume

Hilde träumt in letzter Zeit viel.

Seit die Tochter wieder weg ist, träumt Hilde,wilde, traurige , manchmal beängstigende Träume.

Und wenn Hilde morgens aufwacht, spürt sie ihren Träumen hinterher und manchmal begleiten sie diese Gefühle, die sie im Traum hatte, den ganzen Tag.

Heute hat sie von Lorenz geträumt.
Sie hat von Lorenz geträumt, der nicht aussah wie Lorenz , aber sie wusste, dass es Lorenz war, und seitdem denkt sie die ganze Zeit an ihn.
Lorenz, den sie vor 35 Jahren kennengelernt hatte. In einer Turnhalle in Kopenhagen, wo sie, Hilde, mit Dauerzugticket und Rucksack hingereist war. Sie schlief in einem  Stockbett und als sie morgens aufwachte, sagte unter ihr jemand mit männlicher Stimme: Good morning.Das war Lorenz.
Und sehr schnell haben sie festgestellt, dass sie nicht englisch miteinander sprechen müssen, und sie sind gemeinsam durch Kopenhagen gelaufen.
Sie waren in Kristiania, sie waren im Lido, sie sind zusammen auf die Frelsers Kirke geklettert, sie  haben im Kino Caligula angeschaut, aber nicht bis zu Ende, der Film war ihnen zu blutrünstig,  und dann sind sie essen gegangen in einem russischen Lokal und haben Tee aus einem Samowar getrunken.
Lorenz hatte eine Freundin und Hilde hatte da schon den Herbert, aber sie haben sich Briefe geschrieben- lange Briefe und manchmal haben sie einander auch besucht.

Obwohl es Herbert gab, hatte Hilde keine Bedenken, sie mochte Lorenz, sie hatte ihn sehr, sehr gern.
Allerdings, wenn sie ihn besucht hatte, fühlte sie sich fremd und kam ihm nie so nahe wie in den Briefen, die sie sich schrieben.
Lorenz führte ein ganz anderes Leben als Hilde, er ging Bergsteigen, er reiste mit seinen Freunden durch die Welt.
Einmal, erinnert sich Hilde, ist Lorenz nach Santorin gefahren mit seinen Freunden, und hat Hilde eine Postkarte geschickt, von den Häusern mit den blauen Dächern.
Lange Zeit war diese Insel ein Sehnsuchtsort für Hilde.
Dann haben sie den Kontakt verloren.
Aber vor fünf Jahren haben sie sich wieder gefunden, über diese Internetseite Fatzebuk.

Und sie ist zu ihm in die GrosseStadt gefahren, weil sie sich sehen wollten.
Er hatte nicht viel Zeit,aber Hilde hat sich auf ihn gefreut.
Herbert hat sie das nicht gesagt, der hätte einen Aufstand gemacht.
Und als sie Lorenz dann sah, war es wie früher. Sie freute sich sehr , ihn zu sehen, aber sie fühlte sich klein in seiner Gegenwart. Dieser bunte Rock, den sie trug,  mit den aufgenähten Spiegeln und ihre derben Stiefel passten nicht zu dem Lokal, in das sie schliesslich gingen, und Lorenz mit seinem Anzug und seinen traurigen Augen, das war alles irgendwie nicht richtig. Nicht echt.
Und als er ihr dann sagte, das er damals so sehr in sie verliebt gewesen ist, da ist Hilde auch traurig geworden.
Warum hast du nichts gesagt? hat sie ihn gefragt, und Lorenz hat gesagt: Ich habe mich nicht getraut. Du schienst glücklich zu sein mit deinem Herbert.
Ich hatte Herzreissen wegen dir, hat Hilde gantwortet, aber dein Leben hat nicht zu meinem gepasst. Aber ich hätte es gerne gehabt,ein Leben mit dir,  hat sie noch hinzugefügt, und dann musste Lorenz weiter, und seitdem hat sie nichts mehr von ihm gehört.

Das ist fünf Jahre her- warum hat sie dann heute so intensiv von ihm geträumt?
So intensiv, dass sie denkt, dass sie ihm schreiben muss, auch wenn er nicht antworten wird?
Sie geht nachdenklich ihren Weg zum Strand hinunter. Wird sie ihm schreiben? Was hat sie zu verlieren? Sie kann ihm schreiben, dass sie an ihn denkt, dass sie sich manchmal die Zeit von damals zurück wünscht, und das sie dann vielleicht manches anders gemacht hätte.
Was, wenn es anders gekommen wäre? Wäre sie glücklich geworden? Hätte sie ihre Scheu gegenüber Lorenz verloren?
Hätte wollte wäre könnte, denkt Hilde, während sie gegen einen Stein tritt. Sand stiebt auf.
Es ist wie es ist! ermahnt sie sich.
Aber diese Sehnsucht lässt sich einfach nicht wegtreten…….