Hilde – Traumschaum und Mut

In dem kleinen Cafe im Ort kennen sie Hilde jetzt schon und stellen ihr ungefragt ihren Cafe au lait hin, den sie immer trinkt, während sie das Internet nutzt. Vor dem Traum mit Lorenz kam sie einmal in der Woche hierher. Sie hat mit der Tochter geskypt, hat ihre Emails gelesen, und manchmal auch in den Sozialen Foren gestöbert. Nur geschaut, aber das ist ihr bald langweilig geworden. Dann hat sie ihren Milchkaffee getrunken, ein bisschen mit den Cafebesitzern geplaudert, und  ist wieder auf ihren Campingplatz zurück gefahren.
Sie hat ihre Einsamkeit genossen, hat ihre Spaziergänge gemacht, hat nachgedacht und Muscheln und Schwemmholz aufgesammelt.

Aber seit sie von Lorenz geträumt hat, ist nichts wie vorher. Der Gedanke an früher und was hätte sein können, bestimmt ihren Tag. Sie wird unruhig, überlegt, ob sie ihm schreiben soll, und dann setzt sie sich in ihr kleines Auto und fährt in den Ort.
Das macht sie seitdem jeden Tag.
Seit 3 Wochen.
Sie öffnet ihre Emails und beginnt , an Lorenz zu schreiben. Und dann löscht sie sie wieder. Sie findet sich albern, sie ist fast sechzig, wie kann sie denn noch solche Sehnsüchte haben. Und vor allem, was soll Lorenz denn denken, wenn er ihre Email liest!
Aber vielleicht ist es nicht verkehrt , wenn sie ihm sagt, dass sie an ihn denkt? Und wenn sie dann vielleicht eine Antwort bekommt, dass er gar nichts von ihr will und sie ihn in Ruhe lassen soll, dann weiss sie wenigstens Bescheid.
Sie erinnert sich, als sie 14 war, ist sie sehr verliebt gewesen in einen Jungen aus ihrer Klasse. Er war in einer coolen Clique, und Hilde hatte so Herzklopfen ,wenn sie ihn sah, und sie hätte so gerne gewusst, ob er vielleicht auch Herzklopffen hatte, wenn er sie ansah.
Und eines Tages hat sie sich ein Herz gefasst, und ist mit 20 Pfennig in die Telefonzelle gegangen und hat seine Nummer gewählt , die sie auswendig wusste.
Ein paar mal hatte sie nach dem Wählen den Hörer auf die Gabel fallen lassen und ihr Herz schlug bis zum Hals.
Aber dann hat sie es läuten lassen, und er ist tatsächlich an den Apparat gekommen , und sie hat ihm gesagt, das sie in ihn verliebt ist. Da hat er zuerst nichts gesagt, und dann als Hilde fast aufgelegt hätte vor Scham, hat er gesagt: Ich aber nicht in dich .
Und Hilde war fast erleichtert gewesen, weil sie jetzt Bescheid wusste und nicht mehr Hoffen musste, und hat gesagt: Okay. Und nach dem sie aufgelegt hatte, ist sie fast fröhlich nach Hause geradelt.
Sie hatte es ihm gesagt, das war wichtig gewesen, sie hat auch Jahre später noch diese vierzehnjährige Hilde bewundert, die sich etwas sagen getraut hat, um Gewissheit zu bekommen.

Und wenn sie Lorenz jetzt schreibt,dass sie an ihn denkt, überlegt sie, dann vergibt sie sich nichts. Vielleicht freut er sich auch, wenn er ihre Mail liest,vielleicht ist es auch schön für ihn, wenn er weiss, dass sie an ihn denkt.
Vielleicht.
Und dann, nach 3 Wochen,  hat Hilde eine kurze Mail an ihn geschrieben, dass sie von ihm geträumt hat, und viel an ihn denkt, und sich freuen täte, wenn sie von ihm hören würde, und hat die Email abgeschickt.
Erleichtert hat sie sich danach auf ihrem Stuhl im Cafe zurücklehnt, und als sie einen zweiten Cafe au lait bestellt hat, hat sich die Cafebesitzerin zu ihr  an den Tisch gesetzt, und sie haben ein bisschen geplaudert.
Hilde hat gemerkt, dass ihr Kopf wieder frei war für das was jetzt im Moment passiert.

Und das ist das, was zählt, im Jetzt ganz da Sein, denkt Hilde, als sie an dem Abend des Tages der abgeschickten Email ihren Spaziergang am Meer macht.
Und zuschaut, wie die Wellen aufschäumen und am Strand weit weit auslaufen.
Und dabei Muscheln im Sand zurücklassen.

Hilde- Träume

Hilde träumt in letzter Zeit viel.

Seit die Tochter wieder weg ist, träumt Hilde,wilde, traurige , manchmal beängstigende Träume.

Und wenn Hilde morgens aufwacht, spürt sie ihren Träumen hinterher und manchmal begleiten sie diese Gefühle, die sie im Traum hatte, den ganzen Tag.

Heute hat sie von Lorenz geträumt.
Sie hat von Lorenz geträumt, der nicht aussah wie Lorenz , aber sie wusste, dass es Lorenz war, und seitdem denkt sie die ganze Zeit an ihn.
Lorenz, den sie vor 35 Jahren kennengelernt hatte. In einer Turnhalle in Kopenhagen, wo sie, Hilde, mit Dauerzugticket und Rucksack hingereist war. Sie schlief in einem  Stockbett und als sie morgens aufwachte, sagte unter ihr jemand mit männlicher Stimme: Good morning.Das war Lorenz.
Und sehr schnell haben sie festgestellt, dass sie nicht englisch miteinander sprechen müssen, und sie sind gemeinsam durch Kopenhagen gelaufen.
Sie waren in Kristiania, sie waren im Lido, sie sind zusammen auf die Frelsers Kirke geklettert, sie  haben im Kino Caligula angeschaut, aber nicht bis zu Ende, der Film war ihnen zu blutrünstig,  und dann sind sie essen gegangen in einem russischen Lokal und haben Tee aus einem Samowar getrunken.
Lorenz hatte eine Freundin und Hilde hatte da schon den Herbert, aber sie haben sich Briefe geschrieben- lange Briefe und manchmal haben sie einander auch besucht.

Obwohl es Herbert gab, hatte Hilde keine Bedenken, sie mochte Lorenz, sie hatte ihn sehr, sehr gern.
Allerdings, wenn sie ihn besucht hatte, fühlte sie sich fremd und kam ihm nie so nahe wie in den Briefen, die sie sich schrieben.
Lorenz führte ein ganz anderes Leben als Hilde, er ging Bergsteigen, er reiste mit seinen Freunden durch die Welt.
Einmal, erinnert sich Hilde, ist Lorenz nach Santorin gefahren mit seinen Freunden, und hat Hilde eine Postkarte geschickt, von den Häusern mit den blauen Dächern.
Lange Zeit war diese Insel ein Sehnsuchtsort für Hilde.
Dann haben sie den Kontakt verloren.
Aber vor fünf Jahren haben sie sich wieder gefunden, über diese Internetseite Fatzebuk.

Und sie ist zu ihm in die GrosseStadt gefahren, weil sie sich sehen wollten.
Er hatte nicht viel Zeit,aber Hilde hat sich auf ihn gefreut.
Herbert hat sie das nicht gesagt, der hätte einen Aufstand gemacht.
Und als sie Lorenz dann sah, war es wie früher. Sie freute sich sehr , ihn zu sehen, aber sie fühlte sich klein in seiner Gegenwart. Dieser bunte Rock, den sie trug,  mit den aufgenähten Spiegeln und ihre derben Stiefel passten nicht zu dem Lokal, in das sie schliesslich gingen, und Lorenz mit seinem Anzug und seinen traurigen Augen, das war alles irgendwie nicht richtig. Nicht echt.
Und als er ihr dann sagte, das er damals so sehr in sie verliebt gewesen ist, da ist Hilde auch traurig geworden.
Warum hast du nichts gesagt? hat sie ihn gefragt, und Lorenz hat gesagt: Ich habe mich nicht getraut. Du schienst glücklich zu sein mit deinem Herbert.
Ich hatte Herzreissen wegen dir, hat Hilde gantwortet, aber dein Leben hat nicht zu meinem gepasst. Aber ich hätte es gerne gehabt,ein Leben mit dir,  hat sie noch hinzugefügt, und dann musste Lorenz weiter, und seitdem hat sie nichts mehr von ihm gehört.

Das ist fünf Jahre her- warum hat sie dann heute so intensiv von ihm geträumt?
So intensiv, dass sie denkt, dass sie ihm schreiben muss, auch wenn er nicht antworten wird?
Sie geht nachdenklich ihren Weg zum Strand hinunter. Wird sie ihm schreiben? Was hat sie zu verlieren? Sie kann ihm schreiben, dass sie an ihn denkt, dass sie sich manchmal die Zeit von damals zurück wünscht, und das sie dann vielleicht manches anders gemacht hätte.
Was, wenn es anders gekommen wäre? Wäre sie glücklich geworden? Hätte sie ihre Scheu gegenüber Lorenz verloren?
Hätte wollte wäre könnte, denkt Hilde, während sie gegen einen Stein tritt. Sand stiebt auf.
Es ist wie es ist! ermahnt sie sich.
Aber diese Sehnsucht lässt sich einfach nicht wegtreten…….