Hilde- was, wenn sie dageblieben wäre

Ich habe überlegt, wie es Hilde gehen würde, die ja, nachdem sie im Zoo so unmöglich von ihrer Familie behandelt wurde und daraufhin nach Frankreich ausgebüxt ist, wie es gewesen wäre, wenn Hilde nicht zurückgekommen wäre.
Hilde ist also auf dem Campingplatz in Frankreich, lauscht den Wellen, geht am Strand spazieren und kommt innerlich zur Ruhe.
Morgens geht sie in den kleinen Laden, tauscht ein Lächeln mit dem Ladenbesitzer oder seiner Frau, kauft sich ein Croissant und sitzt dann auf ihrem Campingstuhl vor dem kleinen Mobilehome, trinkt einen Kaffee und schaut den anderen Leuten beim Campingleben zu. Sie betrachtet ihre gesammelten Muscheln , die sie auf einem Handtuch ausgebreitet hat, sie wird später noch mehr Muscheln sammeln.
Aber vorher, beschliesst sie gerade, ruft sie zu Hause bei Herbert an.
Das gebietet ihr ihre Loyalität, er ist ihr Mann und soll wissen, wie es ihr geht. Ihre Tochter weiss , wo sie ist, das hat sie ihr gesagt, und Hilde weiss auch, das Herbert gut versorgt ist vom Pflegedienst, aber selber mit Herbert hat sie noch nicht gesprochen.
Hilde geht in die Telefonzelle an der Campinplatzrezeption und wählt ihre heimische Telefonnummer..
Es tutet, dann ein Klick und eine ausländisch klingende Stimme fragt: „Wärrr bittä?“
Wahrscheinlich die Pflegerin, denkt Hilde, und sagt:“Hallo, meinen Mann hätte ich gerne, Herbert!“
„Ah, gutt, Härrbaärrt, Momänt , bittä!“
„JA?“, tönt es grimmig aus dem Hörer.
„Herbert? Ich bins, Hilde, ich wollte dir nur sagen, mir geht es gut!“
„Wo bist du?“ brüllt es aus dem Hörer, „Was machst du? Hast du einen anderen ? Ich bin mir sicher, du hast einen anderen Mann! Sonst wärest du nicht weggegangen, du Schlampe! Du hast schon immer nach den anderen Männern geguckt! Gib es zu, du gehst fremd!“
“ Herbert,! “ sagt Hilde. „Hör auf sowas zu denken! Ich bin hier, um mal zu Ruhe zu kommen!“
„Aber du hast andere Männer!“
„Nein, Herbert, der einzige Kontakt mit einem Mann ist der , wenn mir der Bäcker morgens das Croissant gibt!“
„WUSSTE ICH ES DOCH!“ brüllt Herbert, “ du hast einen andern Mann!“
„Ach Herbert, “ seufzt Hilde,“ lassen wir das. Du weisst, das du dir was zurecht spinnst, und deine Eifersucht halte ich sowieso nicht mehr aus. Mach es gut!“
Und während sie auflegt, hört sie, wie am anderen Ende der Leitung der Herbert weiter wütet ud brüllt und seine Stimme immer ferner und leiser wird.

Sie muss nicht mehr nach Hause, denkt sie,  sie kann hier bleiben. Sie kann ihre Freundin bitten, ihre Papiere zu schicken. Sie kann nach Arbeit fragen, und sie kann fragen, ob sie da weiter wohnen bleiben kann in dem Campinghäuschen. Sie kann auch Croissants verkaufen. Sie kann Führungen in Kirchen machen, für die deutschen Urlauber, sie hat doch mal Kunstgeschichte studiert, 3 Semester, damals.
Sie kann auch fragen, ob sie auf dem Campingplatz arbeiten kann, putzen oder an der Rezeption.
Sie kann französisch lernen.
Sie muss französisch lernen, und das schafft sie auch.
Sie kann Animateurin werden dort, mit Kindern kann sie gut, sie kann die Kinder beaufsichtigen.
Hilde verlässt die Telefonzelle und marschiert zur Rezeption.
Die Madame, die den Campingplatz leitet, blickt von ihrer Zeitung auf. „Bonjour! Vous desirez?“
„ähm,…. “ macht Hilde und atmet tief durch, jetzt muss sie  es sagen, „ähm, alors, also, je cherche un job, je veux reste ici, la, dans le camping, et je veux travaille beaucoup, jàime travaille, ach, gott ist das schwer…..“
„Nä nä“, lacht da die Madame, „du musst dich nich so anstrengen , nä, du kannt ok Dütsch mit mir schnacken. Ik bin von Hamburch!“
Da muss Hilde lachen.

Was anderes zu beginnen ist gar nicht so schwer!

Im Sommer am See

Es gibt perfekte Stunden.

Gestern bin ich mit dem grossen Boot auf dem kleinen Auto und der SchönstenTochter neben mir an den See gefahren, sozusagen an Orte ihrer Kindheit.
„Weisst du noch, da an dem Kiosk haben wir immer Eis geholt.“
Den Ort finden, an dem wir das Boot ins Wasser lassen können, sie wusste, wo es geht.
Der See ist spiegelglatt, still, heiss die Luft.
Das gleichmässige rhythmische Eintauchen der Paddel in die Wasseroberfläche. Wir gleiten am Ufer entlang. Stimmen der Badenden dringen zu uns, wir verstehen fast jedes Wort, hören das Lachen der Grossmutter, die versucht , angefeuert von ihrem Enkel, auf dem Surfboard zum Stehen zu kommen. Wir lauschen den Gesprächen der anderen Badenden, und ich reime mir das, was ich nicht verstehe, dazu.

Weisst du noch…Erinnerungen an Familiensonnenuntergänge, aufgeschnittene Fussohlen und Brotzeiten in der Abendsonne. Die SchönsteTochter und ihre Brüder, eingewickelt in Badehandtücher , sich an den Eltern wärmend,…lang ist es her, irgendwie.
Sie spricht von den jungen Leuten , die ein Projekt starten wollen und sie soll ihnen dabei helfen.
„Ja, was bist du denn dann, wenn du von den jungen Leuten sprichst?“ lache ich. „Ich bin nicht mehr ganz jung, “ grinst sie, “ ich hab Erfahrung!“

Picknick am Ufer: “ Davon nehmen wir aber nichts mehr mit heim!“ freut sie sich.

Und wir haben auf den Sonnenuntergang gewartet und wir hatten alle Zeit der Welt.

Und beim Heimfahren haben wir die Autobahn gemieden und sind mit dem grossen Boot auf dem Dach vom kleinen Auto irgendwo durch irgendwelche Dörfer gefahren, irgendwie werden wir heimkommen, wussten wir.

Suska fährt zum See

Natürlich hat Suska es nicht geschafft, am nächsten Tag zum See zu fahren.
Heute ist Mittwoch und sie muss es heute tun, denn ab Morgen wird das Wetter schlechter. Sie könnte Radfahren. 18 km einfach. Sie weiss aber, dass es anstrengend ist, und ihr morgen die Knochen alle wehtun werden. Sie muss ja auch nicht immer überlegen, ob das im Kalorienverbrauchsbereich liegt, was sie tut, sie darf auch einfach mal faul sein.

Sie fährt mit dem Roller. Da ist sie auch an der frischen Luft.
Sie packt eine kleine Tasche mit ihrem Badezeug und setzt ihren Helm auf.

Zum Glück springt der Roller gleich an und sie muss nicht vor den Augen der Nachbarn auf diesem Pedalanlasser rumspringen, der dann auch nicht funktioniert. Das ist ihr immer sehr  peinlich, aber heute klappt alles einwandfrei.
Sie rattert los. Die Luft ist warm und die Sonne scheint, es ist früh am Morgen, da ist der Tag noch so frisch und neu.
Die Strasse führt durch den Wald und sie riecht den würzigen Duft der Nadelbäume.

Sie rollert durch Bauerndörfer und betrachtet während ihrer langsamen Fahrt die Gärten. Eine alte Frau besieht sich gebückt ihre Gemüsepflanzen-als sie Suskas Roller hört, richtet sie sich auf. Suska winkt. Die Frau winkt zurück und lächelt. Suska lächelt auch.

Sie freut sich. Einfach ein schöner Tag, denkt sie.

Im nächsten Ort steht ein verlassenenes kleines altes Häuschen. Suska denkt immer, wie es wohl wäre, dieses Häuschen zu besitzen und zu bewohnen . Im Garten an der Strasse verwildern die Stauden, die jemand vor Jahren dort angepflanzt hat, Phlox, Bauernrosen, Sonnenblumen wachsen da. Als Suska früher mit ihrem Mann hier vorbeikam, hat sie oft gesagt: „Dieses Häuschen würde ich gerne bewohnen.“ Er hat dann immer geantwortet: “ Weisst du, was du da alles renovieren musst? Am besten wäre es, den alten Kasten abzureissen! Und was neues hinzubauen!“

Aber für Suska erzählen alte Häuser Geschichten. Sie stellt sich vor, welche Leute dort gelebt haben könnten, wer den Garten angelegt hat und wer in diesem Haus gelacht oder geweint hat. Sie stellt sich vor, wie es wäre, wenn Mauern erzählen könnten.

Sie fährt an einer Gedenktafel vorbei: Hier fand die letzte Schlacht im 30jährigen Krieg statt, und sie denkt: Nicht nur Freude, auch Leid.

Ein Motorradfahrer kommt ihr entgegen und hebt die Hand zum Gruss. Hach, Suska freut sich wieder und grüsst zurück.“Der denkt, du bist ein grosses Motorrad, du kleiner schwarzer Roller,und ich ne heisse Mieze! “ grinst sie in sich hinein.

Noch diese Anhöhe hinauf und dann wird sie ihn sehen, den Weiher. Sie lacht, er heisst zwar See, aber er ist ein Weiher. Sie kann ihn durchschwimmen, das wird sie heute auch tun.Wie klar und kühl das Wasser sein wird!

Sie freut sich heute einfach, und sonst nichts.