Suska-Im Schwimmbad

Schwimmen tut ihr gut, hat Suska festgestellt.
Die ruhige Bewegung, die gedämpften Geräusche beim Eintauchen ins Wasser, das verschwommene Sehen , wenn der Kopf aus dem Wasser kommt.
Nur kurz, dann taucht sie ihn wieder unter. Sie kann denken beim Schwimmen und muss nicht zählen, wieviele Durchgänge mit welcher Anzahl sie bereits an diesem oder jenem Gerät im Fitnessstudio gemacht hat…
Beim Schwimmen tut sie einfach und lässt denken.
Es kostet am Anfang ein bisschen Überwindung , ins kalte Wasser einzutauchen, aber Suska ist ja diszipliniert, meistens, grinst sie in sich hinein, zumindest jetzt.
Und schon schwimmt ihr schwerer Körper im Wasser des Schwimmbades und fühlt sich ganz leicht an. Die Bahnen sind frei, heute ist nicht viel los. Am Rand eine Schwimmschule, die Kleinen machen ganz ernsthaft ihre Schwimmübungen, ohne Angst, die Mütter sitzen im Cafe und zerwarten die Zeit mit Kaffetrinken.
Das hat Suska früher auch gemacht, mit ihrer Freundin. Bero ist geschwommen, mit dem Sohn der Freundin und die beiden Frauen haben diese freie Stunde genossen. Das war schön, denkt Suska.
Ein älterer Schwimmer kreuzt ihre Bahn. Warum schwimmt der quer, ärgert sich  Suska, wenn ich jetzt schneller schwimme , ramme ich ihn.
Wenn sie untertaucht mit ihrer neuen Schwimmbrille mit den blauen Gläsern, dann sieht sie seinen Bauch über der Badehose und dass er seine Beine bewegt wie ein Hund. Aber sie sieht nur seinen Bauch und nicht seinen Kopf. Das macht ihn abstrakt, genauso wie die Frau, die vor ihr schwimmt, mit ihrem schwarzen Badeanzug , der so Rüschen am Po hat. Auch diese Frau ist etwas dick und strampelt genauso wie der Mann mit seinen Beinen. Wer weiss wie ich von unten aussehe, denkt Suska, immerhin schwimmen wir, und dümpeln mit unseren schweren Körpern nicht nur vor den Düsen, um unsere Muskeln durcharbeiten zu lassen. Ich schaffe heute 35 Minuten , nimmt sie sich vor.

Das blaue Glas der Schwimmbrille verfremdet die Umgebung noch mehr. Die Lichter gehen an, draussen ist es dunkler geworden, das Wasser wirft blaue Blasen.
Nicht an die Hautpartikel denken, die da rumschwimmen, huuuu!
Nein, nein, alles ist schön, alles ist glitzernd, es kommt auf die Sichtweise an.

Suska hatte mal einen Patienten, der sich nie wusch,  ein sehr alter Mann, mit langen wilden weissen Haaren, den sie dann überreden konnte, dass sie ihm wenigstens die Haare bürstet. Er sass am Küchentisch in seiner alten Hütte, und sagte: Wannst moanst, Madl, und als sie die Haare bürstete, stoben goldene Funkeln durch den Sonnenstrahl ,der durchs seit Jahren ungeputzte Fenster fiel.
Goldstaub, Madl, da schaugst! hat der alte Mann gesagt.
Suska muss lächlen. Er musste  dann später ins Heim und sie konnte ihn überreden, das er vorher duscht.
Da hat er gesagt: Dann geh ich wenigstens sauber zum Herrgott nüber.
Er war einen Tag im Heim und dann ist er gestorben. An oiden baam verpflanzt ma net, hat er zu Suska gesagt. I sterb glei, wann i do bin.
Warum erinnnert Suska sich an ihn?
Weil sie so oft Tod erlebt?So oft Sterben? Wie hält sie das aus, hat mal jemand gefragt. Weiss nicht, hat Suska geantworte, das ist eben so.
Der letzte Tod einer Patientin, das war schön. Diese Tochter. Die so ruhig da sass und gefasst war, und am Ende danke gesagt hat. Für alles. Das hört Suska nicht oft. Die Angehörigen sind entsetzt und geben der Pflege die Schuld, das die Eltern oder wer auch immer so leiden mussten. Passiert jedenfalls öfter.
Schluss, Suska schwimmt jetzt, eintauchen , auftauchen, atmen, eintauchen…..
So wie die Tochter, wie hiess sie, Loida L. ,so wäre Suska gerne. So zart und gelockt und feingliedrig, so eine hätte sie vielleicht auch nur gerne als Freundin. Aber das geht nicht. Das macht man nicht.
Warum nicht? Warum eigentlich nicht?
Eintauchen, auftauchen, atmen…..vielleicht sieht sie sie ja noch mal, diese Loida, dann kann sie ja was sagen.
Die 35 Minuten sind rum, ein bisschen noch an die Düsen, wenn sie da jetzt schnell hinschwimmt, kriegt sie einen Platz. Noch sind die Plätze an den Düsen frei.

Loida- mit einem Seufzer

Loida hastet die Treppen hinauf, Station 23 b haben sie ihr am Telefon gesagt, da liegt die Mutter in Zimmer 19. Einen Hirntumor habe sie, haben sie zu Loida  gesagt, und ob sie schnell kommen kann,  es gehe ihr sehr schlecht. Loida hat sich sofort ins Auto gesetzt und  ist die 150 Kilometer zur Mutter gefahren. Es hat alles so gut geklappt die letzten Wochen, der Pflegedienst kam regelmässig, die Mutter hatte sich daran gewöhnt und  auf manche Schwestern sogar richtig gefreut.
Dann wurde ihr öfter schwindlig und sie ist gestürzt, und gestern abend haben sie sie ins Krankenhaus gebracht.
Hirntumor, möglicherweise Metastasen, von einem Primärtumor, ob Loida da was wüsste? Nein, Loida wusste nichts, über Krankheiten hat die Mutter nie gesprochen, das ihr etwas wehtat, konnte sie gut verschweigen. Sie überlegten, ob sie bei der Mutter noch mit Chemotherapie anfangen sollen und Bestrahlungen, und ob die Mutter eine Patientenverfügung habe.
Da war Loida erleichtert, ja, das habe sie, sie habe sie selbst mit der Mutter bei ihrem langen letzten Besuch aufgesetzt, eine Kopie habe sie, die würde sie mitbringen. Und dann hat sich sofort ins Auto gesetzt und ist losgefahren. Sie hat Angst, was wird sie erwarten, wie wird es der Mutter gehen?
Das Krankenhaus ist gross und die Flure sind lang. Am Schwesternstützpunkt auf der Station sitzt eine  Krankenschwester, und diese blickt auf, als sie Loida sieht.

„Ich bin Loida L., die Tochter von Frau B. Kann ich in ihr Zimmer, wie geht es ihr?“
Die Schwester erhebt sich. „Ich bring Sie hin, sie ist leider seit gestern abend nicht mehr richtig wach geworden. Möchten Sie mit dem Doktor sprechen?Ich sag ihm Bescheid , dass Sie da sind.“
Und sie öffnet die Tür zum Zimmer, in dem die Mutter liegt.
Loida erschrickt, die Mutter sieht so winzig aus zwischen den weissen Kissen, die Sonne scheint ihr ins Gesicht, sie hat die Augen geschlossen,der Atem geht rasselnd.
„Ich mach die Jalousien runter“, sagt die Schwester, „die Sonne blendet Sie ja, Frau B.“
Und an Loida gewandt: “ Sie bekommt ausreichend Schmerzmittel von uns, und wenn wir spüren, dass sie unruhig wird, dann geben wir ihr etwas zum Angstlösen. Und wenn Sie Fragen haben, sprechen Sie mich bitte an. Ich betreue Ihre Mutter. Ich bin Schwester Suska. Und ich sag jetzt dem Arzt Bescheid.“

Loida setzt sich auf den Stuhl ,den die Schwester neben das Bett gestellt hat. Diese schmalen Hände, wie kleine Vögel flattern sie auf der Bettdecke. „Mutter, ich bin da, deine Tochter.“ Der Atem der Mutter wird etwas ruhiger, die Augenlider zittern kurz, aber öffnen tut sie die Augen nicht.
Loida nimmt die Hand und betrachtet die Mutter. Sie spürt irgendwie ,das es nicht mehr gut wird, was da im Körper der Mutter passiert, sie spürt irgendwie, das die Mutter sterben wird.
„Sie müssen dir keine Chemo mehr machen, Mutter, und keine Bestrahlungen,  du hast das nicht gewollt, oder? Wir haben darüber gesprochen, wie schön es wird, wenn du friedlich einschlafen kannst, und dass du gesagt hast: 86 Jahre sind genug Zeit fürs Leben, und du willst niemandem zur Last fallen, es reichte schon,dass der Pflegedienst zu dir heimkam, oder, Mutter?“ flüstert Loida.
Die Tür geht auf, der Arzt kommt herein.
Es ist eine Ärztin. Sie bittet Loida vor die Tür. „Haben Sie mit Ihrer Mutter gesprochen, wie sie es am Lebensende haben möchte?“ fragt die Ärztin. „Ja, “ sagt Loida, “ sie wollte keine künstliche Verlängerung, sie wollte friedlich einschlafen.“
„Gut,“ sagt die Ärztin,“der Zustand Ihrer Mutter hat sich in den letzten Stunden rapide verschlechtert, sie hat laut CT einen Tumor im Dickdarm, der nicht erkannt wurde, und Metastasen im Kopf, die den Schwindel verursacht haben. In den letzten Stunden hat sie noch eine Lungenentzündung dazu entwickelt, das steht einer Therapie des Tumors im Wege. Sie hat eine sehr geschwächte Konstituion.Sie wird hier wohl versterben. Es tut mir leid. “
„Ich hab das gewusst, als ich sie gesehen hab, dass sie sterben wird,“ denkt Loida und sagt: „Darf ich hier bleiben?“
„Selbstverständlich!“ sagt die Schwester , und schiebt Loida ins Zimmer zurück. „Solange Sie es wollen.“
Und jetzt sitzt Loida am Bett der Mutter und hört auf ihren rasselnden Atem und das die Schwester gesagt, das das normal sei am Lebensende, dass der Atem sich so schlimm anhört. Und dass sie der Mutter was geben, gegen die Luftnot. Morphium.
Das tropft jetzt langsam in den Schlauch in ihrem Arm und Loida spürt die kalten Hände der Mutter in ihrer Hand. Die Schwestern haben die Mutter eben noch mal frisch gemacht, die durchnässte Bettwäsche gewechselt, das Gesicht sanft abgewaschen.
Loida war berührt davon, mit welcher Behutsamkeit Schwester Suska das Gesicht gewaschen und trockengetupft hat.
Loida denkt an die Geschichten, die die Mutter erzählt hat und an ihre gemeinsamem letzten Wochen, in denen sie der Mutter wieder nahe gekommen ist.
„Das war gut, Mutter“, flüstert sie, „danke dafür“.
Die Tür öffnet sich und die Schwester kommt rein. Sie legt kurz die Hand auf Loidas Schulter. Das tut gut. Es ist so warm, es nimmt ein bisschen den Schmerz.
„Können Sie ein bisschen bleiben,“ fragt Loida.
Die Schwester nickt. „Ihr Atem ist ruhiger geworden,“ sagt sie.
Und es stimmt, das Rasseln hat aufgehört. Die Atemzüge haben längere Pausen. Die Spannung im Körper wird weniger.
Es ist so still im Raum, fast heilig, denkt Loida.
„Gehst du jetzt, Mutter?“ denkt sie. Und schaut auf Mutters Gesicht. Ganz in sich aufnehmen will sie diesen Moment.
Die Mutter macht einen tiefen Atmenzug, einen Seufzer, schliesst die Augen, und der Kopf sinkt auf die Seite. Stille. Nichts mehr.
Loida und die Schwester schauen sich an.
„Sie hat Frieden in sich gehabt!“ sagt Loida,  „das hab ich gespürt.“

„Ja,“ sagt die Schwester,  „weil Sie bei ihr waren. “
Und lächelt.

 

Anmerkung:
Da krieg ich selber ne Gänsehaut jetzt, wenn ich das lese. Es kann so in der Art passieren, das Sterben und das macht keine Angst. Und wir  haben November, da passt diese Geschichte gut rein. Ich schicke meinen Leserinnen und Lesern liebste Grüsse Katrin