Loida – „Noch einmal sprechen….“

Es ist für Loida, als sei alles noch ganz nah.Dabei ist es einen ganzen Monat her, das die Mutter gestorben ist. Da ist immer noch dieses Gefühl, wie es war, dabei zu sein, sie, Loida, als letzter Mensch, der Mutters  Hand hielt.
Ein bisschen, denkt Loida, ist es wie eine Geburt, wer weiss, wo die Mutter hingegangen ist, als sie losgelassen hat.
Die letzten Wochen sind an Loida vorbeigerauscht. Die Beerdigung, der Bürokratenkram, das Haus auflösen,… Der Bruder hat geholfen, zum Glück, der ist Anwalt, der kennt sich aus mit sowas.
Einen Abend haben sie im Wohnzimmer gesessen, vor sich eine Schachtel mit Dias.
„Wer braucht denn sowas noch!“ hat der Bruder den Kopf geschüttelt, und wollte alle „komplett in die Tonne kloppen“.
Aber Loida hat sie rausgeholt und jedes einzeln angeschaut. Dias von Ausflügen an den See…. Loida, in einem gehäkelten Badeanzug , wie sie frierend im Wasser steht, die Mutter mit grosser Sonnenbrille und Sonnenhut daneben, lachend.
Loida und der Bruder auf einem Schlitten, der Bruder hält seine kleine Schwester fest, Loida trägt eine Bommelmütze. „Schau“, ruft sie, „diese MÜTZE! Die hab ich so geliebt.“
„Du und deine Bommelmütze!“ lacht der Bruder, “ du hast sie auch im Sommer getragen!“
Und so schauen sie die Bilder an und ein paar davon wird Loida mitnehmen.
„Bestimmt kann man die digitaliseren“, sagt der Bruder.

Und jetzt ist die Mutter schon über einen Monat tot.
Sie fehlt Loida. Auch wenn sie über die Jahre wenig Kontakt hatten, irgendwas fehlt in Loidas Leben. Manchmal muss Loida weinen, wenn sie an die Mutter denkt, und manchmal wünscht sie sich so sehr, das sie sie noch spüren kann, irgendwie. Sie horcht manchmal ganz nah in die Stille,vielleicht hört sie ein leises Summen, in dem die Stimme der Mutter ist.
Es gelingt ihr nicht. Über ihre Trauer mag sie nicht sprechen, eine Freundin hat letztens gesagt: „Jetzt muss mal genug sein mit der Trauerei, schliesslich war deine Mutter schon alt!“
Deshalb behält sie das für sich, dass es noch schmerzt und dass da was fehlt.

Heute fährt sie auf den Friedhof. Auch wenn sie dafür fast zwei Stunden im Auto sitzen wird, sie kann danach auf den Christkindlesmarkt gehen und eine Bratwurst essen, so wie früher, als sie klein war.

Den Friedhofsbesuch hat sie schnell hinter sich gebracht, da hat sie die Mutter auch nicht gefunden.
Und jetzt steht sie am Glühweinstand auf dem Christkindlsmarkt, pustet in ihren Punsch und schaut den Leuten zu, wie sie Bratwurst essen, sich fast am Crepe verschlucken, oder in ihren Glühwein blasen, so wie die Frau da drüben. Irgendwie kommt sie Loida bekannt vor.
Woher nur? Sie kennt in dieser Stadt doch niemanden mehr.

Die Frau dreht sich um. Natürlich, das ist die Krankenschwester, wie hiess sie doch gleich, irgendwas mit S…
Loida fasst sich ein Herz. „Entschuldigung…. Ich weiss nicht , ob Sie sich an mich erinnern, Sie waren mit mir dabei, als meine Mutter gestorben ist.Ich bin Loida L., meine Mutter war Frau B.“
„Natürlich, ich erinnere mich jetzt, entschuldigen Sie, aber ich begegne immer so vielen Menschen…Wie geht es Ihnen? Ist es schwer gewesen in der letzten Zeit für Sie?“
Da merkt Loida, wie sie fast Tränen in die Augen bekommt, so eine Frage mit so einer Wärme hat ihr noch niemand gestellt. Sie schluckt die Tränen runter.
„Ja. Es ist immer noch schwer. Sie fehlt mir. Ich suche sie und kann sie nicht finden, meine Mutter, es gibt Leute, die sagen, sie spüren ihre Verstorbenen noch, hören sie oder sehen sie, aber ich spüre nichts, ich bin nur so unendlich traurig…“, bricht es aus Loida heraus. Warum macht sie das? Sowas tut man nicht. Man erzählt keinem Wildfremden solche Sachen von sich!
Die andere Frau schaut Suska an. „Sprichst du mit andern über deine Mutter? Wie das alles so war?“
„Ach!“ ruft Loida,“ das kann doch keiner mehr hören , dass ich traurig bin!“
„Och,“macht die andere,“ Du sollst ja nicht drüber reden, dass du traurig bist, du sollst erzählen, wie deine Mutter war! Komm, wir gehen da rüber, und trinken einen Chailatte, kennst du das? Sehr lecker! Und du erzählst mir von deiner Mutter! Ich mag  Geschichten! Und dann erzähl ich dir von meiner Mutter! “
Jetzt fällt Loida auch der Name wieder ein, Suska heisst sie, und gerne geht sie mit Suska ins Cafe und probiert Chailatte , was auch immer das ist,…warum nicht…
Und dann haben sie da 2 Stunden gesessen, Loida und Suska, und über ihre Mütter geredet, von den Dingen, an die sie sich gerne erinnern und wie das war, als sie klein waren, und wie das dann war, als sie grösser waren und auch, das die Mütter fehlen, und obwohl schliesslich Loida und Suska „erwachsne, gstandene Weibsn“ sind, wie Suska sagt, wäre es trotzdem schön, wenn da eine Mutter noch wäre, die tröstet, oder wenigstens eine Freundin, bei der man weinen kann, und mit der man lachen kann, und über die Mutter reden kann, die schrecklich genervt hat, damals, aber jetzt schon ziemlich  fehlt.

„Noch einmal sprechen von der Wärme des Lebens“,
Woher kommt denn dieser Satz jetzt zu Loida geflogen? Egal, ein schöner Satz ist das, und als Loida dann heimfährt , mit Suskas Telefonnummer in der Tasche und Zimtgeschmack im Mund von diesem Chailatte, den sie getrunken haben, hat Loida das Gefühl, das sie auf ihren Schultern eine weiche leichte Wärme spürt.
So, als hätte da jemand seine Hand drauf gelegt.