Hilde- Träume

Hilde träumt in letzter Zeit viel.

Seit die Tochter wieder weg ist, träumt Hilde,wilde, traurige , manchmal beängstigende Träume.

Und wenn Hilde morgens aufwacht, spürt sie ihren Träumen hinterher und manchmal begleiten sie diese Gefühle, die sie im Traum hatte, den ganzen Tag.

Heute hat sie von Lorenz geträumt.
Sie hat von Lorenz geträumt, der nicht aussah wie Lorenz , aber sie wusste, dass es Lorenz war, und seitdem denkt sie die ganze Zeit an ihn.
Lorenz, den sie vor 35 Jahren kennengelernt hatte. In einer Turnhalle in Kopenhagen, wo sie, Hilde, mit Dauerzugticket und Rucksack hingereist war. Sie schlief in einem  Stockbett und als sie morgens aufwachte, sagte unter ihr jemand mit männlicher Stimme: Good morning.Das war Lorenz.
Und sehr schnell haben sie festgestellt, dass sie nicht englisch miteinander sprechen müssen, und sie sind gemeinsam durch Kopenhagen gelaufen.
Sie waren in Kristiania, sie waren im Lido, sie sind zusammen auf die Frelsers Kirke geklettert, sie  haben im Kino Caligula angeschaut, aber nicht bis zu Ende, der Film war ihnen zu blutrünstig,  und dann sind sie essen gegangen in einem russischen Lokal und haben Tee aus einem Samowar getrunken.
Lorenz hatte eine Freundin und Hilde hatte da schon den Herbert, aber sie haben sich Briefe geschrieben- lange Briefe und manchmal haben sie einander auch besucht.

Obwohl es Herbert gab, hatte Hilde keine Bedenken, sie mochte Lorenz, sie hatte ihn sehr, sehr gern.
Allerdings, wenn sie ihn besucht hatte, fühlte sie sich fremd und kam ihm nie so nahe wie in den Briefen, die sie sich schrieben.
Lorenz führte ein ganz anderes Leben als Hilde, er ging Bergsteigen, er reiste mit seinen Freunden durch die Welt.
Einmal, erinnert sich Hilde, ist Lorenz nach Santorin gefahren mit seinen Freunden, und hat Hilde eine Postkarte geschickt, von den Häusern mit den blauen Dächern.
Lange Zeit war diese Insel ein Sehnsuchtsort für Hilde.
Dann haben sie den Kontakt verloren.
Aber vor fünf Jahren haben sie sich wieder gefunden, über diese Internetseite Fatzebuk.

Und sie ist zu ihm in die GrosseStadt gefahren, weil sie sich sehen wollten.
Er hatte nicht viel Zeit,aber Hilde hat sich auf ihn gefreut.
Herbert hat sie das nicht gesagt, der hätte einen Aufstand gemacht.
Und als sie Lorenz dann sah, war es wie früher. Sie freute sich sehr , ihn zu sehen, aber sie fühlte sich klein in seiner Gegenwart. Dieser bunte Rock, den sie trug,  mit den aufgenähten Spiegeln und ihre derben Stiefel passten nicht zu dem Lokal, in das sie schliesslich gingen, und Lorenz mit seinem Anzug und seinen traurigen Augen, das war alles irgendwie nicht richtig. Nicht echt.
Und als er ihr dann sagte, das er damals so sehr in sie verliebt gewesen ist, da ist Hilde auch traurig geworden.
Warum hast du nichts gesagt? hat sie ihn gefragt, und Lorenz hat gesagt: Ich habe mich nicht getraut. Du schienst glücklich zu sein mit deinem Herbert.
Ich hatte Herzreissen wegen dir, hat Hilde gantwortet, aber dein Leben hat nicht zu meinem gepasst. Aber ich hätte es gerne gehabt,ein Leben mit dir,  hat sie noch hinzugefügt, und dann musste Lorenz weiter, und seitdem hat sie nichts mehr von ihm gehört.

Das ist fünf Jahre her- warum hat sie dann heute so intensiv von ihm geträumt?
So intensiv, dass sie denkt, dass sie ihm schreiben muss, auch wenn er nicht antworten wird?
Sie geht nachdenklich ihren Weg zum Strand hinunter. Wird sie ihm schreiben? Was hat sie zu verlieren? Sie kann ihm schreiben, dass sie an ihn denkt, dass sie sich manchmal die Zeit von damals zurück wünscht, und das sie dann vielleicht manches anders gemacht hätte.
Was, wenn es anders gekommen wäre? Wäre sie glücklich geworden? Hätte sie ihre Scheu gegenüber Lorenz verloren?
Hätte wollte wäre könnte, denkt Hilde, während sie gegen einen Stein tritt. Sand stiebt auf.
Es ist wie es ist! ermahnt sie sich.
Aber diese Sehnsucht lässt sich einfach nicht wegtreten…….

 

 

 

 

 

 

Flida- ein besonderes Buch

Flida hat noch vierzig Seiten zu lesen in dem Buch. Vierzig Seiten übrig in einem Buch, das sie von Anfang an gefesselt und weit fort getragen hat mit seiner Sprache und seinen Wortwellen und seinen Bildern.
Als sie es gekauft hat, hat sie gezögert. Sie hatte einen Gutschein bekommen zu Weihnachten und Gutscheine sind für Flida einmalig-wenn sie sich davon etwas kauft, soll es besonders sein. Und sie wollte nicht irgendein Buch kaufen.
Sie liest zwar viel, aber oft liest sie die Bücher nicht zu Ende, weil sie gelangweilt ist. Dann schimpft das Teufelchen und sagt, sie gibt immer zuviel Geld aus für Zeug, was sie dann langweilt, und deshalb ist sie in die Stadtbücherei gegangen, hat sich Bücher ausgeliehen, aber da ist es dasselbe, sie findet Bücher , die sie lesen will, aber bis zum Schluss gefesselt ist sie dann nicht.

Nun hatte sie also diesen Gutschein und  ist im Buchladen gestanden und hat die Bücher angeschaut. Sie kauft Bücher nach Umschlagbild, genau wie Wein, wenn der ein schönes Etikett hat, kauft sie ihn. Und es gab viele Bücher mit hübschen Umschlägen , aber als sie den Klappentext gelesen hatte, wusste sie, sie würde diese Bücher nicht zu Ende lesen.

Dann ist ihr Blick auf ein Buch mit einem nicht sehr hübschen Umschlag gefallen und lesen kann sie erst mal nur den Namen des Autors. Daniel Kehlmann liest sie,der hat doch die Vermessung der Welt geschrieben, denkt sie, aber gelesen hat sie das Buch nicht.
Das war doch die Geschichte über die Forscher und Mathemathiker, glaubt sie, über diese Weltentdecker, das war für sie ein Männerbuch. Hat sie nicht gelesen.
Und dieses Buch hier?
Das mit der Fratze auf dem Umschlagbild, das sie an ein Bild von Hieronymus Bosch erinnert, wie heisst es?
Sie ist neugierig, und erst beim längerem Betrachten fällt ihr auf, das der Titel des Buches Tyll ist. So komisch geschrieben, dass sie es nicht gleich erkennt.
Es geht um Tyll Ulenspiegel, Till Eulenspiegel, den kennt sie, der stand in ihrer Heimatstadt auf dem Platz vor der Kirche und wenn man ihn am Finger oder am Fuss berührt hat, brachte das Glück. Sie kennt viele Geschichten vom Till Eulenspiegel, der war ein Held ihrer Kindheit, frech und rätselhaft, und er hat zwei Gräber, ein Kindergrab und ein Erwachsenengrab, weil er als Kind auch gestorben ist. Man hat ihn Kopfüber beerdigt, damit er nicht wieder rausklettern kann, meint sie sich zu erinnnern an die alten Geschichten.
Dann wird sie dieses Buch kaufen, vielleicht ist es ein Besonderes , hofft sie.
Es hat dann 4 Tage bei ihr auf dem Wohnzimmertisch gelegen, sie hat keine Zeit gehabt, mit dem Lesen zu beginnen. Aber am Wochenende hat sie sich hingesetzt und angefangen zu lesen.
Und sie ist gefangen von den Geschichten und der Sprache. Sie fühlt mit dem Kind Tyll , ist erschrocken über die Brutalität, mit der er aufwächst, sie wünscht ihm jemanden, der ihn lieb hat und sie  versucht hinter die Geschichten zu blicken, die der Autor vor ihrem Auge malt. Sie riecht die Armut und spürt fast den Hunger in der Zeit des Dreissigjährigen Krieges, in der die Geschichte stattfindet,  sie sieht Tyll auf dem Seil tanzen und sie hört die Trommel schlagen.
Sie hat im Internet nachgeschaut, wie die Zeit damals gewesen ist, ob es den Winterkönig gab, von dem im Buch die Rede ist, und als der Winterkönig im Buch stirbt, muss sie fast weinen, so berührt ist sie von der Sprache und der Melodie der Worte, die der Autor findet.
Sie kann gar nicht davon lassen, weiter zu lesen. Sie nimmt die Geschichte mit ins Bett und nachts träumt sie davon, wie es mit Tyll wohl weiter geht und wie man überlebt hat in diesem Deutschland, wo fast jeder Landstrich eine andere Sprache sprach und es nur eine Mahlzeit am Tag gab, die aus Mehl mit Wasser bestand und wie es ist, durch den Schnee zu stapfen ohne Schuhe. Und dass ein Vagabund , Seiltänzer und Liedersänger Geschichten gebracht hatte, die von der Mühsal ablenken konnten. Und welche Furcht es gab in den Menschen, vor der Dunkelheit, den Wölfen, den marodierenden Banden. Sie denkt über die Worte nach, die sie liest und in ihrem Kopf entstehen Bilder.

Und jetzt hat sie noch vierzig Seiten. Vierzig Seiten und die wird sie nun lesen, ganz in Ruhe. Draussen klopft der Regen ans Fenster und sie ist alleine zu Hause, und wenn sie fertig gelesen ist, dann wird sie dankbar sein, dass sie dieses Buch von diesem Gutschein gekauft hat.
Ein ganz besonderes Buch.

Tyll- Daniel Kehlmann,Rowohlt Verlag, ISBN 9783498035678

Loida- gestrickt und losgenäht

Am nächsten Morgen sitzt Loida bei der Mutter am Tisch und sagt: „Ich möchte, dass wir zusammen ein Dirndl nähen. Ich hätte gerne eins, und ich hätte gerne eines von Dir genäht.“
Die Mutter macht grosse Augen:“Was? Weisst du, wie lang ich schon nicht mehr genäht habe? “
„Das verlernt man nicht, “ sagt Loida energisch.“Wir fahren in die Stadt zum Nähladen, dann kaufen wir Stoff und dann nähen wir zusammen. Deine Nähmaschine steht immer noch in meinem alten Kinderzimmer, also ! Auf gehts!“
„Aber meine Hand…“ wirft die Mutter ein.
„Egal, das ist die Linke, und nähen tun wir mit rechts!“ widerspricht Loida fröhlich und schiebt die Mutter zur Haustür.
Als sie 3 Stunden später zurückkommen, sind sie vollgepackt mit Schnittmustern und Stoffen und Nähseide und Knöpfen, mit neuen Stecknadeln und einer scharfen Schere.
Sie räumen den grossen Tisch frei, und beginnen alles auszubreiten und die Mutter erklärt Loida, wie sie den Stoff falten muss, und wie eine Schürze gefältet und genäht wird.
Loida erinnert sich, dass das erste,was sie in der Schule nähen musste, eine Schürze war. Hauswirtschaft, hiess das Fach. Die Jungens hatten Werken.
Und ihr fällt ein, dass die Mutter diese Schürze abends nahm und Loidas Nähte sauber aufgetrennt und wieder gerade zusammen genäht hat, weil Loida einfach keine Lust zum Nähen hatte. Und dann hat Loida auf die Schürze eine 2 minus bekommen und die Mutter hat auf die Lehrerin geschimpft, dass die wohl gar keine Ahnung vom Nähen hatte.
Als Loida das der Mutter erzählt, fängt diese sehr an zu lachen.
„Die hatte wirklich keine Ahnung, diese Frau Pangel! Ich weiss das noch!“
Und ganz vergnügt schneiden sie zu, und stecken zusammen, und Loida erzählt der Mutter von dem Wunderknäuel, das sie bekommen hat, weil sie auch stricken lernen musste in“Hauswirtschaft“, und die Mutter erzählt , wie sie Wolle abends aufgerollt hat und zwischendrin Bonbons reinsteckte, damit das Stricken, wenn Loida fleissig stricken würde, sozusagen versüsst wurde.
Und Loida erzählt, wie sie die Bonbons aus dem Knäuel rausgefriemelt hat, weil sie einfach nicht stricken wollte.Aber die Bonbons wollte sie schon.
Und wie die Mutter dann sagte, Loida solle das Knäuel mit den Stricknadeln nachts unter ihr Kopfkissen legen, vielleicht würden Heinzelmännchen kommen und etwas weiterstricken.
Und am nächsten Morgen war der Schal, den sie für die Schule stricken musste, tatsächlich etwas länger geworden, mit ganz geraden Kanten.
Trotzdem gab es auch dafür keine Eins.
Aber Loida glaubte lange an Heinzelmännchen.

„Tja,“macht die Mutter nur,“ so ist das mit Müttern und Heinzelmännchen“. Loida versteht das kaum, weil die Mutter den Mund voller Stecknadeln hat.
„Du hast erzählt , das sich die Tante mal an Stecknadeln verschluckt hat!“
„Ui!“ da fliegen die Nadeln auf den Tisch.“Ja!Und!“ trumpft die Mutter auf, „sie hat sich auch mal mit der Nähmaschine durch die Finger genäht, ha! Das gab ein Geschrei! Also, pass auf, das du den Fuss vom Pedal nimmst, wenn du den Stoff runter legst, unter die Nadel!“

Und los rattert die Nähmaschine über den glatten Seidenstoff, der die Schürze werden wird, und wenn man draussen stehen würde, würde man sie lachen hören und reden, ganz fröhlich, Loida und ihre Mutter.

Loida- Wenn die Mutter ins Erzählen kommt,

Wenn die Mutter ins Erzählen kommt, kann nichts sie aufhalten,scheint es Loida.
Es ist , als wären Schleusen geöffnet. Sie erzählt von der Zeit nach dem Krieg, als der Bruder als vermisst galt. Sie erzählt von den Soldaten, die die kleine Stadt besetzt haben, und sie erzählt von den Toten, die im Fluss trieben. Sie erzählt , das sie sich gewundert hat, als ihre Brüder sie zornig weggeholt haben, von den Soldaten, die sie aufgefordert hatten zu tanzen. „Sie sagten, ich soll da nie wieder hingehen, ich weiss bis heute nicht warum – die waren doch nett zu mir und gaben mir Zucker und Eier!“
Loida denkt, das die Brüder vielleicht gewusst hatten, was passieren hätte können und überlegt, ob  es vielleicht nicht doch passiert ist. Menschen vergessen sowas, weiss Loida. Sie verdrängen. Sie erinnnern sich oft nicht mehr an das allerschlimmste, das sei eine Gnade, weiss Loida.
Sie erfährt von der Mutter, wie der Bruder aus Gefangenschaft zurück kam, fast taub, still und schweigend, aber wie sie sich gefreut haben, dass er wieder da war und wie die Mutter geweint hat und der Vater. Ein Sohn ist zurück, wenigstens der eine, ein anderer ist im Krieg geblieben.
Dann wurden die Zeiten ein bisschen besser, und Ende der fünfziger Jahre ist Loidas Mutter in den Westen gegangen, obwohl sie wusste, das sie die Familie so schnell nicht wieder sehen würde.
Aber die Eltern hatten gesagt: Geh. Damit du es besser hast.
Dann lernte Loidas Mutter Loidas Vater kennen, 15 Jahre älter als sie, Gastwirt.
Sie wurde schwanger und musste bleiben, sie hat ihn heiraten müssen, denn eine ledige Frau, ohne Arbeit! Das ging nicht an, gar nicht! Dabei hätte sie so gerne genäht, sie hatte Ideen für Kleider im Kopf und hat sie gezeichnet und wollte , das sie sie nähen kann. Sie hat Stoffe gemalt und Muster und wollte eine Schneiderlehre beginnen, aber dann , ja, dann hat sie heiraten müssen. Und war fortan Wirtsfrau, mit einem kleinen Kind.
Und dann kam noch eins, und das war Loida, und „das hätts nicht gebraucht“ sagte die Mutter.
Das gibt Loida einen Stich. Sie war nicht gewünscht.
Sie hat das doch immer gespürt!
„Ja, was glaubst du denn, “ sagt die Mutter, “ wie das war! Jeden Tag in der Wirtschaft, Sonntags, wenn die feinen Herrschaften nach dem Kirchgang da rum hockten, jeden Sonntag, jeden Feiertag, es gab kein Weihnachten und kein Ostern und keine Ferien, ich hab mir die Hacken abgerannt, und als ich dachte, das es besser wird, weil der Bub schon gross war, und da bist du gekommen. Das hat wirklich gereicht, jetzt heul nicht , Loida! Jetzt ist es ja rum ums Eck, jetzt haben wir es gut, gell, Loida, jetzt bist du da! Ich bin froh, das du da bist!“
Aber es sticht in Loida, und sie denkt, eigentlich sollte ich dich jetzt hier allein lassen, mit deinem eingebundenen Handgelenk, sieh doch zu, wie du klar kommst.
Andererseits, ändert das was? Die Mutter hatte ein hartes Leben und das sie Loida nicht liebhaben konnte, oder ihr das nicht zeigen konnte-wer weiss, was das alles noch für Gründe hat, die die Mutter nicht erzählen kann.
Loida möchte verstehen, damit sie Ruhe hat vor dieser Traurigkeit aus ihrer Kindheit. Es geht ums Vergeben, ums Verstehen, das spürt sie jetzt, damit Frieden sein kann. In ihr, Loida.
Sie hat ihr Leben gut hingekriegt bis jetzt, sie hat ihren Kindern immer Liebe gegeben, jedenfalls hat sich keins beschwert.
Sie kann auch der Mutter sowas wie Liebe geben, denn Loida ist erwachsen, und Loida versucht zu verstehen.
Morgen wird sie die Mutter nach schönen Dingen fragen, denn die gab es auch, das weiss Loida.
Dann werden sie die guten alten Geschichten ausgraben.
Und eigentlich, denkt Loida, könnten wir morgen auch was richtig Schönes machen!
Und sie weiss auch schon, was.

Loida -die Mutter erzählt

Als Loida und die Mutter das Abendessen mit Wurst und Gürkchen und Butterbroten  in friedlicher Eintracht verspeist haben, wagt Loida eine Bitte zu äussern.
„Mutter,“ sagt sie, „ich werde ein paar Tage hierbleiben. Ich möchte die Zeit nutzen, das du mir erzählst wo ich herkomme und wie du aufgewachsen bist. “
„Hab ich das noch nie erzählt?“ fragt die Mutter. „Nein, “ sagt Loida, “ du hast immer nur Kleinigkeiten erzählt, ich möchte jetzt wissen, was früher war, da mit ich verstehe, warum manches so war, wie es war.“
„Ach, Loida,“ seufzt die Mutter, „das ist doch schon so lange her!“
„Eben“, sagt Loida, “ und deshalb möchte ich deine Geschichte hören! Damit wir sie nicht vergessen!“
„Nu, “ sagt die Mutter, “ dann hol mir mal`n Bier, wenn das unbedingt sein muss, dann versuch ich mal. Aber alles vertell ik di nu nich!“

Loida ist ein bisschen überrascht, das die Mutter so leicht dazu zu bringen ist,  zu sprechen. Sie holt ein Bier, schenkt ein, es gluckert und gurgelt im Glas, auch ein Geräusch, das sie an die Kindheit erinnert, wenn der Vater sich abends zur Ruhe setzte, dann ploppte der Kronkorken und es zischte im Glas, und irgendwie fühlte sich Loida geborgen.

Loidas Mutter erzählt: Meine Mutter E. wurde in Kogel geboren, auf der anderen Seite vom Plauer See, in Mecklenburg. Mein Vater R. wurde in Plau geboren.
Der hatte schon mal ne Familie gehabt.
Seine erste Frau hiess B….. Sie ist an der Grippe gestorben , die nach dem ersten Weltkrieg so ganz scharf gewütet hat in Deutschland und überall.
Und ein Jahr später ist der Sohn gestorben.Die Grabstätte war noch immer in Pxxx.
Opa ist da immer hingegangen.Der hiess ja auch S…..mit Nachnamen, und da lag so ein kleiner Stein,und da stand H…S….drauf.
Ja, H..,…wenn der damals nicht gesstorben wäre an er Grippe, der kleine, dann hätten wir 2 H… gehabt , mein ältester Bruder, den meine Mutter in die Ehe gebracht hat,heisst ja auch H…. Komisch….
Opa war Maurer, ja…aber ein guter (Stolz in der Stimme) Das kann ja nur sein, wenn man S….mit Nachnamen heisst, das man ein Guter ist.
Nee, ist schon so. Die haben ihn auch alle immer zum Arbeiten geholt, weil er so fleissig war.Ja, und dann 45, wurde er auch von den Russen geholt . Die haben ihn vernommen, denn er soll er was eingemauert haben.Dokumente.
Und einmal war er in Rostock zum Arbeiten, da musste er  mit so einem alten Mann Steine verlegen oder was, und die Nazis haben den Alten geprügelt, weil er so langsam war , und da hat mein Vater sich hingestellt, und gesagt, die sollen das lassen, und da haben die gebrüllt, er soll die Fresse halten, sonst kriegt er auch welche aufs Maul. Sonst schiessen die ihn tot.Als der wieder nach Hause kam, war er fertig. Weil er nichts machen konnte für den alten Mann.
Opa musste nicht in den Krieg, weil er zu alt war.Er hat ja den ersten Weltkrieg mitgemacht, aber dafür war er im Volkssturm(1945,) er war Volkssturm Erster, und da hat er und Arndt Püchsener, der hatte schon einen Arm verloren, im Krieg, mit dem ist er an der Eldebrücke gewesen.Die sollte gesprengt werden.Die Soldaten hatten da Sprengstoff gelegt, kurz vor Schluss, vor dem 3.Mai. Das hat Opa durch geschnitten, damit die Brücke nicht gesprengt wird. Leider steht da nicht sein Name , an der Brücke,aber da steht: Plauer Bürger haben das gemacht. Ja. Irgendwie war Opa doch ein Held. War er, ja…. Ja,und in der Gewerkschaft war er.Er hatte eine Urkunde, 25 Jahre Gewerkschaft, im Zimmer hing die, nachher war sie weg. Und da stand drauf:
Einer für alle, Alle für einen.
So ist der Spruch gewesen.Während der Nazi-Zeit konnte er in der Gewerkschaft bleiben, das hat keinen gekümmert.Das musste er nicht verstecken,
Obwohl Plau voll war von Nationalsozialisten. Aber die haben sich zurück gehalten .Die waren auch irgendwie stur, so eingebildet, wenn da so Weihnachtsfeiern waren, dann wurden die beschenkt, vom Frauenverein, wie hiess das- deutscher Frauenbund,…das hat mich geärgert. Dass die auch noch Geschenke kriegen.Ich war als Jungmädchen aktiv, natürlich war ich dabei, das ging gar nicht anders.Aber ich war ja auch erst 10 Jahre alt.Wir haben Sport gemacht, das hat sehr viel Spass gemacht.Wir haben gestrickt, Pulswärmer für die Soldaten,und Schals,in Pakete gepackt, an Weihnachten, abgeschickt an die Front, also sowas haben wir auch alles gemacht. Also,das glaub ich jedenfalls, das das für meine Eltern kein Problem war,das wir da so aktiv dabei waren.Wir waren ja alle aktiv,Meine Brüder, ich…, meine Schwestern. Wir  waren ja zu neunt. Die Jungens haben Musik gemacht. Die haben die Nachbarn verrückt gemacht , mit ihrem Trompetenspiel,…Wir waren ja alle klein, guck mal , ich war 14 fünfundvierzig, als die Russen kamen.Wir hatten alle  solche Angst, das die uns was tun. Man hörte ja so Geschichten. Da hat mein Vater sich was überlegt.
Eingemauert hat er uns.Wenn du so willst. Am Ende vom Hof, vom Garten war ja so eine kleine Mauer und dahinter floss die Elde.Er hat hinter dem Garten zwischen dem Schwienstall an der Stadtmauer einen Verschlag gemacht, alles zugestellt mit Holz,und da war Stroh drin, in dem Raum.Und dann hat er ein Loch geschlagen in die Mauer,das wir da durch konnten, und da wurde so ein Schrank vorgeschoben.Und die kleinsten Jungs waren mit einer alten Frau im Haus im Wohnzimmer, und die Russen haben immer gefragt: Wo Frau, Wo Frau? Die konnten sich das nicht erklären, dass wir nicht mehr da waren, und wo wir waren.Wir waren , glaub ich, über 20 Frauen drin.Die suchten alle Schutz bei meinem Vater.Wenn die Russen dahinter gekommen wären, ich glaub , die hätten meinen Vater auch erschossen.Wir haben das gemerkt, das die Russen da waren, wir waren so still, du hättest da wirklich die berühmte Nadel im Stroh fallen hören.So leise ist das gewesen. Und meine kleinen Brüder , die waren draussen.Mit dieser alten Frau.Der haben die Russen wohl nix getan. Die war wohl selbst für die Russen zu alt. Die sei schon faul und gammelig, haben die Russen gesagt.Furchtbar.Und nach ner Weile haben wir dann gemerkt, wie die Russen auf dem Hof waren und mit der Taschenlampe durch das Holz, weisst du, wenn da so Ritzen sind, wie die da durch geleuchtet haben.Und da kam dann der Schein da rein, aber die konnten das (uns)nicht sehen.Die sind denn wieder abgehauen.Aber weisst du, ich hab in meinem ganzen Leben noch nicht so gezittert und auch nie wieder solche Angst gehabt.Und denn war das ja Sommer, und es war so warm und die Schafe die blökten, und die Kühe haben Lärm gemacht und mussten gemolken werden, und die Schweine, und dieses Geblöke und so, das hör ich immer noch, das war schlimm.Ja, das war keine schöne Zeit, aber irgendwie haben wir die dann doch noch als schön empfunden.Aber wir haben ja trotz allem ne schöne Jugend gehabt, wir hatten ja einen grossen Hof, und das gute war ja, das wir ein eigenes Haus hatten.Wir haben da Höhlen gebaut, und wenn Gewitter war, dann hatten wir so eine Leiter hingelegt, Säcke rauf und da sind wir dann unter gekrochen.Wir waren immer zu dritt, oder nee, zu viert…nein, also ich war vielleicht immer manchmal bisschen böse mit den Gören, aber wenn man da erzieht , dann muss man manchmal bisschen streng sein.Aber das, denk ich, haben sie mir auch nicht so übel genommen.Die sind ja immer noch zu mir gekommen.“

„So, Loida, nu is Schluss!“ die Mutter wirkt erschöpft, es wühlt auch sie ziemlich auf, nicht nur Loida, die das alles gar nicht wusste. „Vielleicht reden wir morgen weiter! Hilfst du mir zum Bett?“
Und Loida hilft dieser zerbrechlichen Frau, die ihre Mutter ist, die Treppen hinauf und hilft ihr ins Bett und denkt, das sie, wenn sie das alles früher gewust hätte, was die Mutter durchgemacht hat, dass sie , Loida,  vielleicht alles anders verstanden hätte. Früher.
Aber es ist wie es ist.
So ist das.