Flida- so ist das mit dem Fortschritt

Auf Flidas Dorf gab es mal einen Metzger, der hat aber vor 4 Jahren das Weite gesucht, vielleicht hat er Schweinehälften unterschlagen hat, oder Geld…. Jedenfalls standen die Kunden eines Tages vor verschlossener Tür.
Es gab dann nur noch einen kleinen Laden, der aber auch wirklich alles hat, von Toastbrot über Biojoghurt bis zu Wolle und Feinrippunterhosen. Flida kauft da manchmal ein, die tippen dort an der Kasse jedes Produkt mit der Hand ein und haben für jeden Kunden ein freundliches Wort. Und  es gibt wirklich alles dort, sogar Kartoffeln und Gemüse aus der Gegend, das ist sehr köstlich. Es wäre schade, wenn es den Laden nicht mehr gäbe, denkt Flida oft.Obwohl sie da selten hingeht, sie kauft im nächstgrösseren Ort im Supermarkt ein, klar, sie hat ein Auto.
Aber viele alte Leute, die auf dem Dorf wohnen, sind auf den Laden angewiesen.
Und jetzt hat ein neuer Metzger im Ort aufgemacht. Flida ist gespannt, was er so zu bieten hat.
Als sie das erste mal dort hinging, natürlich, hatte er Mittags geschlossen….
Aber heute probiert sie es aus, sie möchte auch Fleisch vorbestellen für Weihnachten.
Sie stellt sich in der Schlange an, 3 ältere Frauen stehen vor Flida.Die vor ihr ist ziemlich schwerhörig, nein , sie brauche kein Sauerkraut und ob sie von den Regensburgern was haben könnte…Das seien normale, sagt die Verkäuferin, nein, nicht alle, antwortet die Kundin. Ui, denkt Flida, gleich bin ich dran, hoffentlich.
Dann soll die Kundin vor Flida bezahlen. Sie erhält einen Zettel in die Hand , und als sie den Geldbeutel rauszieht, sagt die Verkäuferin: „Sie müssen da an den Automaten gehen und den Kassenzettel einscannen. Dann geben Sie ihr Geld da in den Schlitz.“
„Und meine Wurscht?“
„Die bekommen Sie dann.“
Langsam geht die Kundin zum Automaten und steht ratlos davor. „Was heisst scannen“, fragt sie.
„Ja, dann tuns halt den Zetterl davor halten! „sagt die Verkäuferin, „ich helf Ihnen.“
Die Kundin wirkt verwirrt, und Flida fragt sich, ob die wiederkommt?Und ob ich das auch kapiere, überhaupt, wenn ich meinen Schinken gekauft habe? Und hygienischer ist das sicherlich, weil die Verkäuferinnnen kein Geld mehr in die Hand nehmen, aber ist das kundenfreundlich? Und was, wenn der Automat versagt? Wenn Strom ausfällt? Flida hat gerade ein Buch gelesen, wo der Strom ausfällt in ganz Europa und nichts mehr geht,keine Tankstellen, keine Klospülung und auch keine Geldautomaten. Die Leute können nichts mehr kaufen. Weil sie kein Geld mehr abheben können. Gruselige Vorstellung.
Als Flida dann ihre Bestellung aufgegeben hat, sagt die Verkäuferin: „Das ist schon praktisch, Sie können Ihre ganzes Kleingeld da reinwerfen, der zählt das dann.“
„Und es ist nicht mehr so ein Gefummel mit den Cent Münzen, “ denkt Flida, die sie ohne Brille eigentlich nicht mehr unterscheiden kann. Und die sie auf Grund ihrer altersbedingten vermeintlichen feinmotorischen Störung auch nicht mehr aus der Geldbörse rauspicken kann, die sind zu winzig einfach, diese Centstücke.
Na gut, dann kippt sie eben ihr Kleingeld in die runde Schale am Automaten, der rappelt und klimpert und sagt: “ 2 cent zu wenig. “
„Dann müssen` S halt doch an Schein neidoa“, sagt die Verkäuferin,“ aber Sie kriegen das Geld in grossen Stücken wieder zurück.“ Und sie ginst. „So mach ich das auch immer, wenn der Geldbeutel zu schwer ist.“
Ein Lob auf die Technik! denkt Flida beim Heimgehen und dann fällt ihr ein, dass sie ganz vergessen hat, den Weihnachtsbraten vorzubestellen.

Wenn ich ein Buch lese….

und in diesem Buch kommt jemand vor, den ich kennengelernt habe, flüchtig nur, aber ich hab ihn kennengelernt, dann ist das merkwürdig. Ich hab mit ihm gesprochen, und ich hab Geschichten über ihn gehört, weil meine SchönsteTochter in ihrer Zeit , während sie in Jerusalem war, bei ihm gelebt hat. Da ist es jetzt ein bisschen eigenartig gewesen, über ihn zu lesen, es war berührend.

Ich kann keine Buchbesprechungen machen,dazu kenn ich mich zu wenig aus, aber über dieses Buch möchte ich berichten.

Sweet Occupation von Lizzie Doron, dtvpremium, ISBN :9783423261500

Lizzie Doron hat ein Jahr lang Gespräche mit Männern geführt, die den Combattants for peace angehören. Ich hab über diese Gruppe, die aus israelischen und palästinensischen Menschen besteht, mal berichtet, im Gezeitenwechselblog,, nachdem ich letztes Jahr meine Tochter in Ramallah besucht habe.

Ich habe auch einen Abend mit diesen „Friedenskämpfern“ damals verbringen dürfen, ich eher schweigend,  weil beeindruckt von ihrer Lebensfreude und ihrem Miteinander.

Gut, in diesem Buch also spricht die Autorin mit diesen Männern, die die Combattants gegründet haben. Ihre eigenen Erfahrungen vom Krieg und den Kämpfen lässt sie mit einfliessen. Sie spricht von ihren Vorbehalten und ihren Ressentiments gegenüber den Menschen , die sie treffen wird, und während dieses Jahres der Gespräche klärt sich auch ihre eigene Geschichte.
Ich merke , ich bin nicht gut im Berichten, eine bessere Besprechung gibt es hier.

Mir liegt die Geschichte des Lebens in Palästina-Israel am Herzen.
Ich hab durch die Reise dorthin wieder einma l(ich bin ein West-Kind, dessen Grosse Restfamilie in der DDR gelebt hat) gespürt, wie furchtbar es ist, in seiner Freiheit eingeschränkt zu sein. Kontrolliert zu werden, wenn man irgendwohin möchte, möglicherweise nicht dorthin gelassen zu werden, wo man hin will, Ausgangsperren, Zeitbeschränkungen, willkürliche Strassenkontrollen, Soldaten am Strassenrand mit Waffen . Sie machen Angst und zornig.
Und doch haben es die Menschen dort nicht verlernt zu lachen und zu leben. Sie behüten ihre Tradition und öffnen sich für Neues.Und deshalb, als mir die SchönsteTochter dieses Buch zum Lesen gab, dachte ich, ich stelle es Euch vor.

Nun, da uns die Worte fehlen, ist die Zeit für eine Umarmung gekommen.

Sweet Occupation, S.141

Flida- Das Teufelchen ignorieren

Flida hat Zeit gehabt in den 3 Tagen, in denen sie zu Hause gebleiben ist. Zeit zum denken und zum überdenken. Sie hat ein Buch gefunden, dass sie früher mal gelesen hat, da ging es um „den inneren Kritiker“ und den „inneren Antreiber“. Flida kennt die beiden, sie sitzen als Teufelchen auf ihrer Schulter. Das erkennt sie jetzt. Sie hat in dem Buch geblättert und findet auf einer Seite, die sie sich vor viele Jahren schon angestrichen hat, den einen Satz, den sie fast schon  vergessen hat:
Sperren Sie Ihren Kritiker und Inneren Antreiber in eine Kiste und machen Sie diese fest zu.
Das macht Flida jetzt, sie holt eine Schachtel aus dem Keller, polstert sie mit weichen Tüchern aus, und holt das schreiende tobende Teufelchen von ihrer Schulter. Es kratzt und beisst und heult und kreischt, aber Flida ist unerbittlich. „Da kommst du jetzt rein, vielleicht hol ich dich mal wieder raus, wenn du dich gut benimmst, aber sicher bin ich mir da jetzt nicht. “ Und sie stopft das Teufelchen in die Kiste und macht den Deckel fest zu. Die Kiste wackelt, weil das Teufelchen sehr tobt, und Flida hört es kratzen und schaben, aber das will sie ignorieren, beschliesst sie.
Am nächsten Morgen , im Büro, wird sie fröhlich empfangen. „Endlich bist du wieder da!“
Das hört Flida natürlich gerne, aber als sie gefragt wird, ob sie den Stapel Briefe von der Kollegin abarbeiten kann, sagt Flida :
Nein.
Der Chef kommt und fragt, ob Flida am Wochenende arbeiten kann.
Flida sagt: Nein.
Alle schauen erstaunt.
Und gegen Feierabend, als die jungen Kolleginnen aufbrechen wollen, sagt Flida:
“ Räumt bitte euer Zeug noch weg, ich muss heute pünktlich gehen!“
Da gucken die Kolleginnen und sagen: “ Aber wir haben ein Date!“
Flida sagt: „Ich auch!“
„Aber du hast doch den LAT-Gefährten!(LivingApartTogetherGefährte)“
„Ja, “ sagt Flida, “ mit dem hab ich ein Date. Ich bringe dem seine ungebügelte Wäsche zurück und dann , wer weiss, was ich dann mache, aber Zeit , euer Zeug aufzuräumen, hab ich nicht!“
Und Flida ist stolz, dass sie das sagen konnte, denn jetzt denkt sie endlich mal an sich. Und das Teufelchen hat sie ja heute zu Hause gelassen.

Suska- Jammer net! Wehr di endlich!

Suska hat schon lange überlegt, ob sie in die Gewerkschaft eintreten soll, aber der Beitrag war ihr immer zu teuer.
Das, was sie da monatlich zahlen würde, bekäme sie bei den Tariferhöhungen nie wieder zurück.
Sie kommt zwar aus einer Gewerkschaftsfamilie, und es war ein Grundsatz ihres Vaters und auch ihres Grossvaters, als Arbeiter der Gewerkschaft angehören zu müssen „Weil man nur so  was erreichen kann!“ aber seitdem die ÖTV, die für Suska und den Pflegeberuf zuständig war, sich in Verdi umgewandelt hatte, hat Suska das Interesse verloren.
Verdi schien ihr ein Riesenmoloch zu sein, zuviele Berufe darin vertreten und irgendwie , naja, hatte sie keine Lust, dieser Gewerkschaft anzugehören. Und ausserdem, sie war fast regelmässig auf Demos gewesen, gegen den Pflegenotstand, den es seit 30 Jahren in Deutschland gibt, für bessere Tarifverträge in der Pflege, für eine Besserstellung der Pflegeberufe in der Gesellschaft, und hat es was genützt?
Die Zuschläge für Feiertage und Nachtdienst wurden gekürzt, für bessere Bezahlung war kein Geld da.
Und wenn sie die Zuschläge für Schicht – und Wochenendarbeit in der Pflege mit denen der freien Wirtschaft vergleicht, fühlt sich ziemlich veräppelt.
Irgendwann wurde sie es müde, dafür auf die Strasse zu gehen, streiken durften Krankenschwestern eh nicht, wer soll denn die Patienten versorgen, und wenn sie sich auf Station so umsah, war das alles auch sinnlos.

Bereits als sie in den 80 Jahren ihre Ausbildung gemacht hat, hatte ein Grossteil der Pflegeschüler Abitur und dann war ja klar, was die nach der Ausbildung gemacht haben. Die gingen studieren. Und so ist es heute noch. Die guten Pflegekräfte machen ihre Ausbildung, und merken dann, wie undankbar die  Bezahlung ist, wie sozial unverträglich der Schichtdienst, und dann machen sie halt was anderes.

Das findet Suska schade. Der Beruf macht ihr Spass. Sie liebt den Umgang mit Menschen,sie findet die Medizin spannend und sie findet, das sie, menschlich gesehen, viel zurückbekommt an Anerkennung und Wertschätzung.
Aber davon wird man halt nicht reich.
Jetzt sind Wahlen, und eine Umwandlung ihrer kommunalen Klinik , in der sie arbeitet,  in eine Uni-Klinik steht an und somit andere Tarifverträge, weil Land und Kommune verschiedene Tarifabschlüsse haben und wenn das stimmt, was sich erzählt wird, ist die  UniBezahlung wesentlich schlechter als das, was die Angestellten jetzt haben.

Es gäbe unter anderem weniger Urlaubstage und weniger Grundgehalt, und das ärgert Suska.
Kann man denn mit den Angestellten alles machen? Ist der hart arbeitende Mensch nichts mehr wert?
In  Berlin haben sie es geschafft, an der Charite, erzählt eine Kollegin,weil die alle gewerkschaftlich organisiert waren, konnten die streiken.
„Und wie sieht es bei uns aus? Können wir das auch?“fragt sich Suska. Vielleicht sollte sie in die Gewerkschaft eintreten, einfach nur um zu zeigen, dass sie unterstützt? Weil sie eine bessere Zukunft will für die Pflege.
Und weil sie die Jammerei satt hat, dieses : Ach, das bringt doch eh nichts, die wirtschaften doch alle in die eigenen Tasche, es gibt doch eh keine Leute, jammer jammer…..und ja ach so, „was machen die für blöde Aktionen, das interessiert doch niemanden, wenn sich  Krankenschwestern in einen See stellen mit Plakaten:Uns steht das Wasser bis zum Hals,“ auch wenn es da gerade knöcheltief ist….
Aber Suska findet das toll. Die tun was! Die machen Aktionen mit Phantasie!
Die jammern nicht nur!

Suska lacht innerlich: Jammer net, Verdi !!!
Ihr neuer Schlachtruf! Sie geht morgen zum Personalrat und unterschreibt ihre Gewerkschaftsmitgliedschaft. Ist immerhin steuerlich absetzbar.

Und wenn viele dabei sind, wird sich was ändern. Sagte schon der  Grossvater.

 

Das Beitragsbild hab ich hier geliehen…

Hilde- was, wenn sie dageblieben wäre

Ich habe überlegt, wie es Hilde gehen würde, die ja, nachdem sie im Zoo so unmöglich von ihrer Familie behandelt wurde und daraufhin nach Frankreich ausgebüxt ist, wie es gewesen wäre, wenn Hilde nicht zurückgekommen wäre.
Hilde ist also auf dem Campingplatz in Frankreich, lauscht den Wellen, geht am Strand spazieren und kommt innerlich zur Ruhe.
Morgens geht sie in den kleinen Laden, tauscht ein Lächeln mit dem Ladenbesitzer oder seiner Frau, kauft sich ein Croissant und sitzt dann auf ihrem Campingstuhl vor dem kleinen Mobilehome, trinkt einen Kaffee und schaut den anderen Leuten beim Campingleben zu. Sie betrachtet ihre gesammelten Muscheln , die sie auf einem Handtuch ausgebreitet hat, sie wird später noch mehr Muscheln sammeln.
Aber vorher, beschliesst sie gerade, ruft sie zu Hause bei Herbert an.
Das gebietet ihr ihre Loyalität, er ist ihr Mann und soll wissen, wie es ihr geht. Ihre Tochter weiss , wo sie ist, das hat sie ihr gesagt, und Hilde weiss auch, das Herbert gut versorgt ist vom Pflegedienst, aber selber mit Herbert hat sie noch nicht gesprochen.
Hilde geht in die Telefonzelle an der Campinplatzrezeption und wählt ihre heimische Telefonnummer..
Es tutet, dann ein Klick und eine ausländisch klingende Stimme fragt: „Wärrr bittä?“
Wahrscheinlich die Pflegerin, denkt Hilde, und sagt:“Hallo, meinen Mann hätte ich gerne, Herbert!“
„Ah, gutt, Härrbaärrt, Momänt , bittä!“
„JA?“, tönt es grimmig aus dem Hörer.
„Herbert? Ich bins, Hilde, ich wollte dir nur sagen, mir geht es gut!“
„Wo bist du?“ brüllt es aus dem Hörer, „Was machst du? Hast du einen anderen ? Ich bin mir sicher, du hast einen anderen Mann! Sonst wärest du nicht weggegangen, du Schlampe! Du hast schon immer nach den anderen Männern geguckt! Gib es zu, du gehst fremd!“
“ Herbert,! “ sagt Hilde. „Hör auf sowas zu denken! Ich bin hier, um mal zu Ruhe zu kommen!“
„Aber du hast andere Männer!“
„Nein, Herbert, der einzige Kontakt mit einem Mann ist der , wenn mir der Bäcker morgens das Croissant gibt!“
„WUSSTE ICH ES DOCH!“ brüllt Herbert, “ du hast einen andern Mann!“
„Ach Herbert, “ seufzt Hilde,“ lassen wir das. Du weisst, das du dir was zurecht spinnst, und deine Eifersucht halte ich sowieso nicht mehr aus. Mach es gut!“
Und während sie auflegt, hört sie, wie am anderen Ende der Leitung der Herbert weiter wütet ud brüllt und seine Stimme immer ferner und leiser wird.

Sie muss nicht mehr nach Hause, denkt sie,  sie kann hier bleiben. Sie kann ihre Freundin bitten, ihre Papiere zu schicken. Sie kann nach Arbeit fragen, und sie kann fragen, ob sie da weiter wohnen bleiben kann in dem Campinghäuschen. Sie kann auch Croissants verkaufen. Sie kann Führungen in Kirchen machen, für die deutschen Urlauber, sie hat doch mal Kunstgeschichte studiert, 3 Semester, damals.
Sie kann auch fragen, ob sie auf dem Campingplatz arbeiten kann, putzen oder an der Rezeption.
Sie kann französisch lernen.
Sie muss französisch lernen, und das schafft sie auch.
Sie kann Animateurin werden dort, mit Kindern kann sie gut, sie kann die Kinder beaufsichtigen.
Hilde verlässt die Telefonzelle und marschiert zur Rezeption.
Die Madame, die den Campingplatz leitet, blickt von ihrer Zeitung auf. „Bonjour! Vous desirez?“
„ähm,…. “ macht Hilde und atmet tief durch, jetzt muss sie  es sagen, „ähm, alors, also, je cherche un job, je veux reste ici, la, dans le camping, et je veux travaille beaucoup, jàime travaille, ach, gott ist das schwer…..“
„Nä nä“, lacht da die Madame, „du musst dich nich so anstrengen , nä, du kannt ok Dütsch mit mir schnacken. Ik bin von Hamburch!“
Da muss Hilde lachen.

Was anderes zu beginnen ist gar nicht so schwer!

Nachtrag zu „Mein Gewissen schmerzt noch immer….“

Also, ich schaffe es nicht. Ich schaffe es nicht, diesem Blog das von mir erwählte Konzept: Frauengeschichten – ich lasse meine vier Damen zu Wort kommen und sonst nichts, einzuhalten- ich hab selber manchmal viel zu erzählen.
Und das kann ich dann nicht in diese Geschichten verpacken, das passt dann nicht.
Also gibt es jetzt auch die Rubrik: Katrin schreibt und das passt dann auch wieder ins Konzept.

Ich habe eben einen Beitrag rebloggt, und da möchte ich gerne was dazufügen:

Ich habe überlegt, warum es so oft die Männer sind, die Anerkennung bekommen, weil sie jemanden retten oder weil sie Gutes tun.

Juck Plotz antwortete darauf:

Danke für´s Lesen.
Dass wir mehr über Männer als Frauen wissen, ist, denke ich, auch der Tatsache geschuldet, dass Frauen in dieser Zeit eben noch nicht den Status hatten, wie die Männer. Dass Frauen während des Krieges und auch danach sehr viel geleistet haben, steht ausser Frage. Du hast absolut Recht, es ist beschämend, dass wir so wenig darüber wissen. Ich kann mir nur ansatzweise vorstellen, wie schwer es für solche engagierten Menschen war, gegen die Masse zu agieren. Und noch mehr beschämend finde ich, wie wenig wir uns heute trauen, alleine nur den Mund aufzumachen
Grüße
Jörg

Mir fiel dazu ein Erlebnis ein, das ich während der Zeit meines Pflegedienstes in M. hatte. Ich betreute eine mittlerweile sehr alte Dame mit Demenz. Im Pflegedienst gehe ich zu den Leuten in ihre Wohnung, und einmal ging sie mit mir auch aus ihrem Schlafzimmer in ihre Wohn- und Esszimmer.
Es lagen auf den Bänken und Stühlen viele Zeitungsartikel und Auszeichnungen, für ihre geleisteten Dienste in der NS-Zeit. Ich wusste nicht viel damit anzufangen, denn es wurde aus den Artikeln nicht klar, WAS sie getan hatte.
Ich fragte sie: „Was haben Sie gemacht, dass Sie so geehrt werden?“
Sie sah mich mit grossen Augen an.
„Ich war im Widerstand!“ sagte sie, mit einer ganz besonderen Stimme.
Nach und nach kam raus, dass sie mit ihrem Mann Bilder aus dem Land geschafft hatte von verbotenen und verfolgten Künstlern, und als ihr Mann dann fliehen musste oder eingezogen wurde, ich weiss nichts genaues mehr, jedenfalls, war sie dann alleine und sie hat weiter Bilder und Zeichnungen ausser Landes geschafft.
Ich glaub, nach Skandinavien.
Ich war beeindruckt, vor allem weil sie so bescheiden war, während sie das erzählte.

Und dann weiss ich noch eine andere Geschichte,die ganz stark von der Schuld geprägt ist, NICHTS getan haben können.
Ebenfalls eine alte demente Patientin, diesmal in A. , die ich auf ihre gezeichneten Bilder in der Wohnung ansprach.
Sie sagte:
„Das war die Strasse mit der Synagoge. “
Und ihre Stimme wandelte sich, sie sprach wie eine 14 jährige und erzählte von ihrer Freundin, die Jüdin war und immer in diese Synagoge ging, und eines Abends war Lärm auf der Strasse und als sie, die „Patientin“ rausging, sah sie, wie ihre Freundin und deren Familie auf eine Transportwagen gestossen wurden, während der Vater der „Patientin“, der Gauleiter war, ihnen befahl , darauf zu steigen. „Und ich konnte nichts tun!“ hat sie geweint.
Sie hat sehr geweint, und ich hab mich gefragt, ob es nötig war, ihr diese Fragen zustellen und   alte tiefe Wunden aufzureissen.
Und deshalb erzähle ich diese Geschichten, es gab Menschen, die konnten was dagegen tun, und andere waren hilflos.
Danke, juckPlotz, für deinen Beitrag über Irena Sendler.